9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar, 2017

Der Moment des Reichstagsbrandes

17.01.2017. Donald Trumps Interview mit Bild und Times scheint vor allem dazu geeignet, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ein verzücktes Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, meint der Guardian. In der Welt hält Timothy Snyder an einem Vergleich von Trump und Hitler fest. Als ein Präsident der Überwachung hat Barack Obama leider Vorarbeit für Trump geleistet, fürchtet Zeit online.  Die Meldung, dass Correctiv.org bei Facebook Fake News überprüft, stößt in den Zeitungen durchaus auf Skepsis.

Die Stelle, auf der das Lindenblatt lag

16.01.2017. Donald Trump mäßigt sich nicht. In einem Bild-Interview erklärt er die Nato für obsolet. BMW soll 35 Prozent Einfuhrzoll bezahlen und die EU ist ihm egal. Das gemeinnützige Rechercheteam Correctiv.org soll für Facebook Fakenews checken, berichtet Spiegel online. Der Tagesspiegel fürchtet immer reaktionärere Spielarten des Christentums, auch in Europa. In der FAZ warnt Medienrechtler Rolf Schwartmann angesichts dieses Pöbels im Netz vor einem ungezügelten Volkswillen.

Keine Bibel sollte bereitgestellt werden

14.01.2017. Amerikanische und europäische Medien versuchen zu verstehen, was Donald Trump eigentlich treibt? Es ist das Unternehmertum, meint Dieter Thomä in der NZZ. Trump-Biografen bestätigen das laut Politico: Er sei unfähig, sich selbst anders denn als CEO seiner Firma zu sehen. Mark Greif von n+1 rät in der taz dazu auszuflippen. Und der demokratische Politiker John Lewis erklärt in NBC als erster Senats-Abgeordneter, dass er die Legitimität Trumps nicht anerkennt. Politico.eu verweist auf nordirische Brexit-Risiken. Die FAZ staunt über das rot-rot-grüne Programm für Berlin.

Was der Mann da auf der Bühne sagt

13.01.2017. Eines wird Trump nicht erzeugen: Solidarität unter Journalisten, meint der russische Autor Alexej Kowalew in Medium.com. Die taz möchte doch wieder über eine Kulturflatrate diskutieren, 14,70 Euro im Monat müssten es schon sein. Imame der Ditib haben für die Türkei Mitglieder der Gülen-Sekte benannt, aber sonst ist die Ditib selbstverständlich unabhängig, berichten mehrere Medien. Die taz begibt sich in die Parallelwelt der Kirchengerichte, die Ehen annullieren, damit man bei der Caritas arbeiten darf.

Unter Druck gesetzt, besiegt und im Stich gelassen

12.01.2017. Chaos und Düsternis begleiten diesen Jahresbeginn. Die amerikanischen Medien versuchen, der Posse um die unbelegten Vorwürfe gegen Donald Trump und dessen grand-guignolesker-Pressekonferenz Herr zu werden. Die Briten brillieren unterdessen laut FAZ mit der Idee einer "Ausländersteuer" für in Britannien arbeitende EU-Bürger. Tagesspiegel und Zeit fragen, warum die deutsche Öffentlichkeit nach dem Berliner Attentat so wenig überzeugende Gesten der Trauer fanden.

Damals schon frappierend

11.01.2017. In der huffpo.fr insistiert der Historiker Pascal Ory zwei Jahre nach der großen Demo in Paris: Der "Geist des 11. Januar" existiert. Das türkische Präsidialsystem, wie Erdogan es haben will,  kennt keine Gewaltenteilung, schreibt Bülent Mumay in der FAZ.  Die NZZ wünscht sich Roboter fürs Allzumenschliche. Die New York Times erklärt, warum die "Ethnopopulisten" um Trump Wladimir Putin so mögen.

Intuitive Benutzerführung

10.01.2017. Der Soziologe und Kulturkritiker Zygmunt Bauman ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Der Standard erinnert an seine "Dialektik der Ordnung". Sigmar Gabriel fordert eine "demokratische Kulturoffensive" gegen den Islamismus - aber die Religion scheint nicht in seinen Kulturbegriff zu gehören, wundert sich die FAZ.  In der SZ erklärt die Autorin Deepti Kapoor, warum Gewalt gegen Frauen gerade in Ländern wie Indien so grassiert. Die Welt fürchtet: Die Deutschen sind immer noch unfähig zu trauern.

Wie ein Katzenbaby

09.01.2017. In der SZ erklärt Asli Erdogan, warum sie nach Entlassung aus der Untersuchungshaft eigentlich nur noch eines will: raus aus der Türkei. Im Guardian schildert Tim Wu die Fragmentierung der Öffentlichkeit durch das Internet.  Die SZ beschreibt die Gleichschaltung der ungarischen Medien. In der NZZ sagt der Grazer Philosophieprofessor Peter Strasser eine ungewisse Zukunft voraus. Schuld ist dieses Internet.

Die Lage ist unübersichtlich

07.01.2017. Putin persönlich hat die Manipulation des US-Wahlkampfs angeordnet, stellen die Geheimdienste fest. Am Wahlausgang hat das aber nichts geändert, versichert Donald Trump. Mit Brexit und Trump ist die Russische Revolution nach 100 Jahren an ihr Ende gekommen, meint Boris Groys in der SZ. Die taz attestiert der Debatte um den Silvestereinsatz der Kölner Polizei totalitäre Züge. Und Arno Widmann referiert in der FR beklommen Timothy Snyders "zwanzig Lektionen aus einem furchtbaren 20. Jahrhundert" aus Lettre International.

Dabei bin ich noch nicht mal ein Mädchen

06.01.2017. Der Niedergang der sozialen Bewegungen ist der Grund für den Aufstieg des Rechtspopulismus, meint Kenan Malik im Observer. Libération beobachtet die rasante Verbreitung der Hatespeech-Neologismen "Journalope" und "Merdia" in den sozialen Medien.  Wer Begriffe wie "Sonderbehandlung" und "Selektion" benutzt, um die Polizeikontrollen in Köln zu beschreiben, bagatellisiert, was er angeblich bekämpfen will, meint die Jüdische Allgemeine. FAZ.Net schildert, wie der deutsche Ableger von Breitbart versucht, Fake News zu verbreiten.

In feinem grauen Leinen

05.01.2017. Alle haben eine Meinung zu Köln. Aber wie wär's, wenn man erstmal recherchierte, was überhaupt vorgefallen ist?, fragt Christoph Kappes im Freitag. Apple schaltet die New York Times-App in China ab. Kann es daran liegen, dass die Zeitung zu den Milliardensubventionen recherchiert hat, von denen der Konzern in China profitiert? Bei dpa lässt ARD-Vorsitzende Karola Wille offen, ob sie die Erhöhung der Renten in ihrem Laden begrenzen kann. Der Tagesspiegel erzählt das Drama um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig in fünf Akten. In der SZ zerreißt Jeremy Adler die kritische Ausgabe von "Mein Kampf".

Nicht einfach rhetorisch

04.01.2017. Alle diskutieren über den Silvestereinsatz der Kölner Polizei: Ist "Racial Profiling" in Deutschland ein Problem? Die dänische Parlamentarierin Ida Auken malt sich in ihrem Blog eine goldene, von Algorithmen gesteuerte Zukunft aus, die FAZ ist entsetzt. Slate.fr beschreibt, wie schwer es überlebende Opfer von Attentaten haben, ihr Trauma zu bewältigen.

Rücksicht auf politische Befindlichkeiten

03.01.2017. Luther war Antisemit, und er begründete seinen Antisemitismus nicht nur theologisch, meint der Theologe Thomas Kaufmann in der FR. 142 Brandanschläge auf Flüchtlingsheime zählt die taz im Jahr 2016. Die Zeit macht Vorschläge für eine neue Migrationspolitik. Das unabhängige Verlagswesen in Hongkong ist tot, erklärt der Verleger Bao Pu in Spon. Wladimir Putin verdankt seine weltpolitischen Erfolge auch seinen Verharmlosern im Westen, meint die Welt.

Was unter Klasse verstanden wird

02.01.2017. In der FAZ erinnert Bülent Mumay daran, wie zwiespältig sich die türkische Regierung zum "Islamischen Staat" verhalten hat. In Berlin sind religiöse Autoritäten nach dem Scheitern des "House of One" zur traurigen Erkenntnis gekommen, dass der Dialog der Religionen nicht funktioniert. Das Nervendste an Trump war, dass er Medien zu Quoten verhalf, so dass inhaltliche Berichterstattung unterblieb, stellt Nicholas Kristof in der New York Times fest. In der taz fordern zwei Redakteure von Kater Demos eine öffentlich-rechtliche Finanzierung neuer Medien.