9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Oktober, 2016

Nicht ein einziges Mal zitiert

31.10.2016. Im Guardian erklärt Nick Cohen, warum Theresa May nach Lüge Nummer 1 aus dem Lügen nicht mehr herauskommt. In der NZZ schildert der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub das Glück der Stadt San Francisco. Im Tagesspiegel will Wolfgang Thierse nicht auf ein Einheitsdenkmal verzichten. Und die FAZ will keinen lieben Luther.

Ansonsten igelt man sich ein

29.10.2016. Auf ZeitOnline trifft Judith Butler eine klare Unterscheidung: Eine öffentliche Versammlung, die keine Diskussionen zulässt, ist ein Mob. In der Berliner Zeitung beschreibt Wilhelm Heitmeyer, wie Populisten Frust in Potenzgefühle umwandeln. In der NZZ weiß der Psychologe Allan Guggenbühl, wie wieder Dynamik in die Gesellschaft kommt: Werft die Jungvögel aus dem Nest! Politico enthüllt, dass Facebook seinen Werbekunden erlaubt, Häuser nur für Weiße anzubieten. Der Guardian berichtet von einem Gerichtsentscheid, nach dem Uber seine Fahrer einstellen muss.

Und sogar Buchstaben

28.10.2016. Wir brauchen Leistungsschutzrecht! Denn die europäischen Verleger sorgen für Demokratie, behauptet in der Bild ein österreichischer Verleger kurz nachdem ein österreichischer Verleger die Népszabadság in die Tonne trat. Fünfzig müssen gehen: Die Berliner Zeitung wird ein bisschen abgewickelt, berichtet die taz. Pussy Riot bringt ein Video gegen Donald Trump, und Nadeschda Tolokonnikowa attackiert in The Daily Beast zugleich Julian Assange. Die NZZ erklärt, was Predictive Coding ist.

Eine Taschenbuchausgabe von Candide genügt

27.10.2016. Und das Leistungschutzrecht ist doch eine Linksteuer, schreibt Christoph Kappes in seinem Blog. Identitätspolitik führt zur Diskriminierung von Minderheiten innerhalb von Minderheiten, erklärt  Timothy Garton Ash in der Presse. Laut Wiener Zeitung war es womöglich der Ringier Verlag, der die  Népszabadság eigentlich hat fallen lassen. In der Zeit spricht Burda-Vorstand Philipp Welte (nicht) über die prächtigen Renditen im Print: Allen voran betätigt sich Prinzessin Lillifee  als vierte Macht.

Wenn Benimm gefragt ist

26.10.2016. Die FAZ liefert heute einen doppelten Butler: Sie verteidigt Judith Butlers Gender-Theorie und die von Butler inspirierte Carolin Emcke als Knigges in Zeiten der Hate Speech. Butler selbst erklärt im FAZ.Net, warum sie lieber "gegen Hillary" opponiert. Der Blogger Michael Seemann fürchtet unterdessen, dass "wir" aus der globalisierten Elite mit schuld sind am Rechtspopulismus. Kenan Malik plädiert in seinem Blog für offene Grenzen. Und turi2 meldet: Das Ende von Népszabadság ist besiegelt.

Nur eine technische Lösung

25.10.2016. Für Flüchtlinge hat die Boston Review einen nützlichen Tipp: Man kann europäische Staatsbürgerschaften auch einfach kaufen. Rue89 problematisiert die Kulturpolitik von Google.  In der taz erklärt der Autor Haneef Shareef, warum uns in die Lage in Belutschistan etwas angeht. Die Meinungsmacht der öffentlich-rechtlichen Sender ist laut einer Studie angeblich groß, so dwdl.de. Die Gebühren steigen auch, so die FAZ. Und laut Buzzfeed ist der Einfluss der deutschen Sprache größer, als wir wollten.

Neue Wasser in den Brunnen der Erkenntnis

24.10.2016. In ihrer Friedenspreisrede erklärte Carolin Emcke, was sie mit Kopftuchträgerinnen gemein hat.  Die FAZ applaudiert, die Welt nicht. Die Zeitungen trommeln weiter für das europäische Leistungsschutzrecht, mit dem Günther Oettinger sie absichern will. Buzzfeed bringt ein Psychogramm Julian Assanges. Im Guardian beharrt Howard Jacobson darauf, dass Antisemitismus  nicht losgelöst von der Frage betrachtet werden kann, wie wir über Israel reden.

Die Grenzen des Sagbaren

22.10.2016. Im Tagesspiegel erklärt Carolin Emcke, warum sie lieber politisch korrekt als moralisch infantil ist. FAZ und NZZ zeichnen ein trostloses Bild der ungarischen Medienlandschaft. Der Tagesspiegel berichtet von Rassismus bei der Polizei, die NZZ von Rassismus gegen Asiaten in Frankreich. Reichlich blauäugig findet die taz die Hoffnung, dass der Wildwuchs der Überwachung durch das neue BND-Gesetz eingedämmt würde.

Nicht in meinem Namen

21.10.2016. Statt Menschenrechten vertritt die Bundesregierung in Afrika jetzt biometrische Lesegeräte, klagt die taz. Wenn Ceta an den Wallonen scheitert, können sich die flämischen Nationalisten das selbst zuschreiben, meint Politico. In der Basler Zeitung nimmt Nick Cohen den Narzissmus der Labour-Wähler aufs Korn. Die Welt erklärt Bildungsministerin Wanka, was smart learning ist.

Faschismus-Kolonialismus-Kapitalismus?

20.10.2016. Wenn es zwischen Russland und den USA kracht, dann in Syrien, meint Dmitri Trenin in der Welt. Warum sollte Putin auch Kompromisse machen, wenn wir selbst nicht an die universalen Menschenrechte glauben, fragt sich die Zeit. Statt Werten haben wir nur noch eine zur Geldwirtschaft entdifferenzierte Vernunft zu bieten, sekundiert in der NZZ Adolf Muschg. In der New York Times beklagt Chimamanda Ngozi Adichie den Zustand Nigerias. In der Zeit erklärt die Bürgerrechtlerin Michelle Alexander, warum Schwarze in den USA so selten wählen.

Oh, Sie lesen einen Bestseller?

19.10.2016. Ferdinand von Schirachs Fernsehspiel "Terror" erregt die Gemüter, wie kein Krieg im Nahen Osten es je könnte. Und dann war es auch noch Erziehung zum Rechtsmissbrauch, schimpft die SZ. EU-Digitalkommissar Günther Oettinger verteidigt seine geplante Urheberrechtsreform: Die Verleger wüssten schon, was nötig sei. Der BND könnte uns ab Freitag ganz legal massenhaft abhören, warnt Netzpolitik. Demnächst bestimmt Facebook die Debatte, fürchtet die SZ. Im Guardian denkt Kwame Anthony Appiah über Rasse und Identität nach.

Keine Zeile und keine Sekunde

18.10.2016. Die SZ berichtet über die traurige Reise einer Népszabadság-Delegation nach Wien. Leider sind die sexistischen Bemerkungen des nigerianischen Präsidenten Muhammadu Buhari in Gegenwart Angela Merkels eher charakteristisch für das Land, schreibt die nigerianische Anwältin Sede Alonge im Guardian. This is Colossal verliebt sich in den Vorderfuß eines Gemeinen Furchenschwimmers - oder genauer in ein Bild davon. Die FAZ skizziert zu Beginn der Buchmesse die Lage am Markt.

Um Gottes willen, es wurde geschlampt

17.10.2016. In der New York Review of Books kritisiert die syrische Dichterin Rasha Omran die mangelnde Solidarität arabischer Intellektueller.  Nicht nur die Labour Partei, auch die Tories wurden von ihrem extremen Flügel gekapert, beobachtet der Guardian mit Blick auf die "Hard Brexiteers". Zum Thema "Hate Speech" stellt Constanze Kurz in der FAZ fest, dass die großen Internetplattformen schon jetzt von deutschen Behörden durchaus belämmert werden.

Absolute moralische Pflicht

15.10.2016. "Berlin 1945; Grozny 2000; Aleppo 2016":  Die New York Times bringt ein von einer Drohne aufgenommenes Video der komplett zerstörten syrischen Stadt. In The Intercept erklärt Glenn Greenwald, warum die Medien gefälligst schlucken sollen, was geleakt wird. Die taz macht sich Gedanken über gemeinnützigen Journalismus. Ebenfalls in der taz definiert Deborah Feldman einen "Schnittpunkt liberaler Politik": "Die Rechte von Frauen sind unantastbar - bis die Religion von Minderheiten ins Spiel kommt."

Alle wollen weg von hier

14.10.2016. Hans Christoph Buch erzählt in der Welt, wie seltsam es ist, bei einem diplomatischen Frühstück in Nigeria Frühstückseier zu knacken.  Nein, die weiße Arbeiterklasse ist nicht für Trump verantwortlich, ruft Sarah Smarsh im Guardian. Die Schließung der ungarischen Zeitung Népszabadság ist ein Putsch, sagt György Dalos in der Welt. Die NZZ leuchtet die komplizierten ukrainisch-polnischen Beziehungen aus.

Mindestmaß an geistiger Schöpfung

13.10.2016. Putin mordet zwar in Syrien, aber jede Reaktion des Westens könne nur zu Krieg führen, meint Jonathan Steele im Guardian. Bei Carta erklärt der Politologe Klaus Vater, warum die westliche Kultur nicht einfach "christlich-jüdisch" ist. Das Landgericht Stuttgart gibt den Reiss-Engelhorn-Museen recht, die Abbildungen ihrer gemeinfreien Werke im Netz verhindern wollen, so irights.info. Die Zeit findet in den Briefen Martin Heideggers neue Belege für seinen Antisemitismus. 

Wenn man den Sprachwandel nur anglotzt

12.10.2016. Der Guardian wirft nach dem Brexit die Frage auf: Werden Nordiren zugleich EU-Bürger und EU-Ausländer sein können? Bei Huffpo.fr schreibt der Historiker Jean-Louis Margolin  über die Eifersucht der "linken Linken" auf die Dschihadisten. In der NZZ sucht Hernando de Soto eine Erklärung für die Ungerechtigkeit der Globalisierung. Was machen ARD und ZDF, die heute kaum mehr von den 49-Jährigen geguckt werden, wenn sie in zwanzig Jahren nicht mal mehr von den 69-Jährigen geguckt werden?, fragt Medienwissenschaftler Hermann Rotermund bei Carta. Und: ein neuer Stand bei der VG Wort.

Perfektes Machtsystem

11.10.2016. Die Schließung der Népszabadság, der wichtigsten kritischen Stimme in Ungarn, ist ein finsterer Meilenstein für die dahinsiechende ungarische Demokratie, schreibt András Hont in HVG.  Wir bringen eine ungarische Presseschau zum Thema. Widerstand ist machbar, beteuern Karolina und Chris Niedenthal, die in der taz über die Proteste gegen das polnische Abtreibungsgesetz sprechen. Nach wie vor ist die Honorierung freier Journalisten in Deutschland ein Hohn. Carta wundert sich nicht, dass die Medien darüber schweigen.

Die muslimischen Martin Luthers

10.10.2016.  "Die Mächte der Aufklärung haben verloren, die des Glaubens auf ganzer Linie gesiegt", klagt heute Benjamin Korn im Tagesspiegel, der einen faszinierenden Blick auf Religionskritik im Italien des 19. Jahrhunderts wirft. In Deutschland wird unterdessen gestritten, welches Islamverständnis "liberal" ist. Außerdem: Britannien will seine Grenzen nach Irland verlegen, meldet der Guardian heute in seinem Aufmacher. In Bosnien brauen sich neue Spannungen zusammen, warnt die taz. Und die beste ungarische Zeitung, Népszabadság, wird geschleift.

Wo schon das Fahrrad ein Tabu ist

08.10.2016. Nach dem Brexit werden die Tories zu einer Art Regierungs-UKIP: Unternehmen sollen ausländische Mitarbeiter melden, Experten, die nicht Briten sind, werden angeblich nicht mehr konsultiert. Das Brexit-Fieber wird "heiß, irrational und hässlich", schreibt der Guardian. Thomas Schmid zieht in seinem Blog eine Lehre aus dem Erfolg der polnischen Proteste gegen das Abtreibungsverbot. Die SZ erzählt die Geschichte der Pakistanerin Qandeel Baloch , die von ihrem Bruder ermordet wurde, weil sie ein Star sein wollte.

Guernica, zum Beispiel

07.10.2016. Die Proteste haben das totale Abtreibungsverbot in Polen verhindert. Die Pis-Partei ist eingeknickt. Im Guardian staunt die Aktivistin Krystyna Kacpura über die breite Mobilisierung gegen das geplante Gesetz. In The Daily Beast erinnert Anna Nemzowa an Anna Politkowskaja, die vor zehn Jahren ermordet wurde - die Hintermänner sind nach wie vor nicht gefasst. Das Schweigen der Weltöffentlichkeit zu Aleppo ist auch nichts anderes als das Schweigen der Weltöffentlichkeit zum Holocaust, meint Nitzan Horowitz in Ha'aretz.

Utopischer Kampf um Revision der Geschichte

06.10.2016. "Die Verwundeten liegen auf dem Boden mit ihren offenen Wunden, und wir waten durch das Blut." Die taz hat per Skype und WhatsApp Zeugenberichte aus Aleppo gesammelt.  Sollen Schachspielerinnen aus der ganzen Welt Kopftücher aufsetzen, um in Teheran zur Weltmeisterschaft anzutreten?, fragt die SZ.  Sollte das polnische Parlament nach den Protesten gegen das Abtreibungsverbot eine Kehrtwende machen?, fragt der Guardian.  Und: Wagenknecht ist nicht die Petry der Linkspartei, beteuert Lafontaine laut taz.

Statt sich ums Weltgeschehen zu kümmern

05.10.2016. Fast schlimmer als die Enthemmung der Dresdner Demonstranten ist das Umfeld, das sie gewähren lässt, meint Thomas Schmid in der Welt. Politico.eu porträtiert einen der wenigen offen homosexuellen Politiker Polens, Robert Biedroń, der zur Hoffnung der Opposition werden könnte. Die FR schlägt eine Reduzierung der Öffentlich-Rechtlichen und einen Fonds für neue Medienprojekte vor. Die NZZ sorgt sich um die Kulturdenkmäler aus vorislamischer Zeit in Tunesien.

Identitätszirkus

04.10.2016. In Polen demonstrierten Hunderttausende Frauen gegen das Abtreibungsverbot - Vice und Standard berichten. Politico.eu porträtiert einen nordirischen Aktivisten, der fürchtet, dass die Versöhnungsarbeit der EU mit dem Brexit stoppt. Linkspartei und AfD haben doch eine Menge gemein, staunt die taz. In der SZ schildert Teju Cole sein atheistisches Erweckungserlebnis. Die SZ kritisiert das Jugendangebot der Öffentlich-Rechtlichen, das nur dazu diene, im übrigen Programm mit dem "Traumschiff" zu segeln.

Ein unmögliches Zurück

01.10.2016. In der NZZ erinnert Peter Sloterdijk an die Dschihadisten der Reformation. David Grossman schreibt in mehreren Zeitungen über Shimon Peres. Die taz wünscht sich selbstkritische Journalisten-Foren auch für Europa. Im Guardian plädiert Timothy Garton Ash trotz Trump und Brexit für Ausgewogenheit in den Medien. Die FAZ warnt: Internet schadet der Demokratie. Die SZ rekonstruiert die Nacht der Hysterie in München. Die NZZ weiß, warum die AfD ihre angegriffenen Politiker jetzt in Salzgitter erfasst.