9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juli 2014

Rudelverhalten und Grenzüberschreitungen

31.07.2014. Was die Isis tut, hat mit dem "wahren Islam" durchaus etwas zu tun, schreibt Hamed-Abdel Samad in der Zeit. Christopher Clark arbeitet nur den Revisionisten in die Hände und soll die Kriegsschuldfrage bitte nicht antasten, meint Heinrich August Winkler in der Zeit. Auch Wladimir Putin will Tor knacken und hat laut Gawker sehr gute Gründe dafür. Der neue Antisemitismus ist nicht neu, meint Detlev Claussen im Freitag. Vor hundert Jahren wurde Jean Jaurès ermordet. Und Louis de Funès wurde geboren.

Das endlose Kreisen des Mahlsteins

30.07.2014. Wann gibt es Demonstrationen gegen den Tod Zehntausender Syrer, fragt BHL in Le Point. David Grossman erkennt in der New York Times im Nahost-Schlammassel Keime der Hoffnung. Der Guardian erzählt von einem Interview mit einem ukrainischen Separatistenführer, das fast schief gegangen wäre. Irights.info fragt nochmal: Welche Folgen hat das "Recht auf Vergessen" für die Informationsfreiheit?

Alles, was weich und putzig ist

29.07.2014. In der NZZ spricht Gilles Kepel über die paradoxen Folgen der sozialen Ausgrenzung in Frankreich. In der FAZ erinnert Stefan Chwin an den Warschauer Aufstand. In der taz spricht Wole Soyinka über Boko Haram. Slate.fr möchte nicht 18 Euro für drei gegrillte Gemüse bezahlen! Scheitert das "Game of Thrones" an seinem Erfolg? Und haben Europäer auch in Amerika ein Recht auf Vergessen?

Fünf Euro je Student

28.07.2014. In der FR erinnert Jürgen Osterhammel daran, dass Hunderttausende von Soldaten aus den Kolonien im Ersten Weltkrieg kämpften. Spanien besteuert jetzt Hyperlinks, berichtet Heise.de. Europa ist nicht die Schweiz, ruft Adam Michnik In Le Monde. Überall wird weiter über Israel und die Hamas und den neuen Antisemitismus gestritten.

Membrane des Austauschs

26.07.2014. In der Welt zieht Thomas Karlauf Zwischenbilanz nach den Debatten um den Ersten Weltkrieg, der unverhofft wieder in den Horizont der Deutschen geriet. In der NZZ ergründet Georg Kohler die Paradoxie von Grenzen am Beispiel der Röstikluft. Der Streit um Amazon und Hachette spitzt sich mit konträren Petitionen von Autoren zu. Netzpolitik erzählt, wie BND und Bundeswehr soziale Netze ausforschen wollen.

Tendenzen in unseren Körpern

25.07.2014. Europäische Datenschützer fordern, das Recht auf Vergessen auf die ganze Welt auszudehnen. Netzwertig fürchtet darum weltweite Desinformation. Tablet startet eine fünfteilige Serie über den neuen Antisemitismus in Frankreich. Die FR erinnert an das "Interregnum der Intrigen"", das vor genau hundert Jahren in die Katastrophe führte. Die SZ staunt: In Amerika muss man nicht verdächtig sein, um als verdächtig zu gelten. Die FAZ ist empört über die Medienkritik Christian Wulffs.

Hier drinnen herrscht der Biedermeier

24.07.2014. Arno Widmann ruft in der Berliner Zeitung zur Demo gegen die neuen Antisemiten auf. Wolfgang Benz wiegelt im Kölner Stadtanzeiger ab. Zeruya Shalev sieht in der Zeit nur eine Chance für den Frieden, wenn die Palästinenser die Präsenz der Israelis anerkennen. Timothy Snyder schreibt in der NZZ zum Abschuss der MH17. Netzpolitik schildert den Kampf der Briten gegen Internetfilter. Stefan Niggemeier fahndet nach Selbstkritik beim Spiegel, findet aber keine. Die taz fordert eine Offenlegung der Google-Algorithmen.

Stichwort Bananensoftware

23.07.2014. Die LRB und die huffpo.fr bringen interessante Hintergründe zur Ukraine und zur russischen Propaganda. Auch Götz Aly setzt nun keine Hoffnung mehr in Putin. Irights.info findet nicht, dass die Bundesregierung dazu da ist, Anwälten Arbeit zu beschaffen. Cicero und Telegraph prangern die antisemitischen Demos der letzten Tage an.

Schichtnougat, Joghurt und tiefgefrorene Lachsfilets

22.07.2014. Die Russen verlassen Russland, klagt Swetlana Alexijewitsch in Le Monde. In der FAZ warnt Wladimir Sorokin Schwangere vor dem Verzehr rohen Fleisches. Und in der New Republic beschwört Adam Michnik den Heiligen Georg für ein realistisches Szenario. Wie soll sich der Einzelne gegen seine Überwachung wehren, fragt Arno Widmann in der FR. Schließlich: Wie schön klickten einst die anologen ABs.

Das Tier hatte Tollwut

21.07.2014. Der Nahostkonflikt ist sehr wohl asymmetrisch, meint La Règle du Jeu - die eine Seite führt Krieg gegen einen militärischen Gegner, die andere gegen die Juden. In Paris kommt es so oder so zu Gewalt, egal ob man Demos gegen Israel verbietet oder nicht. Antisemitische Parolen auch in Deutschland. Christian Wulff geißelt im Spiegel die hiesige Jagdgesellschaft. Russland ist gar nicht so groß, findet die LRB. Und kann es sein, dass die Isis die Kaaba zuerstören will?

So gehen die Deutschen

19.07.2014. Im Tagesspiegel erklärt Justizminister Heiko Maas, den deutschen Mordparagrafen endlich von der Handschrift Roland Freislers befreien zu wollen. Der Harvardprof Jonathan Zittrain versteht immer noch nicht, warum der EuGH Google entscheiden lassen möchte, was wir lesen dürfen. In Frankreich kann man der Amazon-Flatrate wenigstens eine gute Seite abgewinnen, meldet Rue 89. Im Guardian besteht Edward Snowden darauf, dass es keinen Unterschied gibt zwischen on- und offline. In der taz fühlt sich Klaus Theweleit schamlos betrogen: von der ARD, dem DFB und der Nationalelf.

Vorbereitung des Übergangs

18.07.2014. Die Vorstellung, dass Amazon eine Buchflatrate einführt, ist selbst Blogs wie Techcrunch ein bisschen unheimlich. Einzige Lösung, so das Blog: Dienste wie Patreon, die eine direkte Künstler-Verehrer-Beziehung instituieren. Auch die deutschen Zeitungen berichten. Der Guardian hat ein siebenstündiges Interview mit Edward Snowden geführt und stellt zunächst einen Ausschnitt online: Er stellt klar, das er nicht von russischem Geld lebt. In Duisburg wird Panik zensiert. Und Wachstum in Frankreich: Die Regionen werden immer größer.

Wenn es heute Abend noch mal Alarm gibt

17.07.2014. Amazon ist heute überall. Nachdem gestern Gerüchte aufkamen, dass Amazon Simon & Schuster kaufen will, heißt es heute bei Techcrunch, dass Amazon eine Bücherflatrate für 9,99 Dollar im Monat anbieten will. Autoren schreiben weiter zum neuen Nahostkonflikt: in der Jüdischen Allgemeinen führt Sarah Stricker ein Tagebuch zwischen Fußball-WM und Raketenbeschuss in Tel Aviv. Außerdem: Open Access. Erster Weltkrieg. Und der wahre Grund für den Erfolg der Fußball-WM bei den Amerikanern.

Die schwäbische Version der Naturkatastrophe

16.07.2014. In der FAZ spricht Boris Pahor über die italienischen KZs im Zweiten Weltkrieg und das italienische Desinteresse an diesem Thema. Branchenblogs spekulieren, dass sich Amazon demnächst den Verlag Simon & Schuster kauft - um damit auch Zugang zu den physischen Buchläden zu bekommen. In Le Monde erklären die "Intermittents du Spectacle", warum sie das ganze französische Volk repräsentieren.

Medialer Schützengraben

15.07.2014. In La Règle du Jeu erklärt Bernard-Henri Lévy, warum er den Begriff der "Gewaltspirale" mit Blick auf Israel ablehnt. The Intercept stellt neue Überwachungs- und Manipulationstechniken des GCHQ vor, zum Beispiel: "Miniature Hero- Echtzeit-Skype-Überwachung". Mit Berufung auf das "Recht auf Vergessen" werden inzwischen vor allem Texte über Rechtsextremismus und Scientology aus dem Google-Index entfernt, klagt die taz. Der Perlentaucher staunt über Slavoj Zizeks Plagiate. Und was wird aus Sex?

Der letzte Moment relativer Unschuld

14.07.2014. Im Guardian äußert sich Edward Snowden entsetzt über ein neues britisches Überwachungsgesetz, das allenfalls in Zeiten totalen Kriegs zu rechtfertigen wäre. Die taz fordert rechtliche Schritte gegen die Internationalisierung von Überwachung. Stefan Niggemeier staunt immer noch über die frechen Manipulationen des ZDF. Wie kommt es, dass der Westen einer Ideologie unterliegt, die ihm unterlegen ist, fragt Henryk Broder in der Welt. Und Tor!

Das Nichtwissen des Präsidenten

12.07.2014. Herlinde Koelbl beschreibt in der Welt, wie Soldaten das Tötenkönnen lernen. Der Tagesspiegel verliert sich im Gestrüpp der öffentlich-rechtlichen Mediatheken. In der Jüdischen Allgemeine erklärt Michel Wieviorka den Erfolg des Front national mit der unguten Liaison von Macht und Medien. Slate.com fragt die amerikanische Geheimdienste, wem ihre Arbeit eigentlich nützen soll. Die NZZ stellt mit Blick auf Amazon fest: Der Dienst am Kunden hilft noch lange nicht dem Menschen. Die SZ berichtet von einem neuen Raubkunstfall in Bayern.

Dieses lähmende Wort Frieden

11.07.2014. In der FAZ sucht Etgar Keret nach einem Kompromiss im Nahostkonflikt. In der New Republic stellt Leon Krauze mit Blick auf die WM einen merkwürdigen Stimmungswandel bei sich fest. Im Guardian protestiert Google-Manager David Drummond  gegen das "Recht auf Vergessen". Nicht ein amerikanischer Geheimdienstmann, sondern Hunderte sollten ausgewiesen werden, findet Zeit online. Verschiedene Repräsentanten deutscher Medien fordern politische Maßnahmen gegen Google.

Mittelalterliche Ordnungsmuster

10.07.2014. In einem wütenden Text reagiert der israelische Autor Nir Baram in der FAZ auf den Mord an einem palästinensischen Jungen und spricht Israel jede moralische Überlegenheit ab. Zugleich meint der  Politikwissenschaftler Yagil Levy in der taz, dass Israel mit der Hamas wird verhandeln müssen. Ein neuer Faschismus regt sich nicht in der Ukraine, sondern eher in der EU, meint Richard Herzinger in einem Essay für die Internationale Politik. In der NZZ untersucht der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze den Kalifat-Anspruch der irakischen Terrortruppe Isis. In Welt und SZ wird weiter über die Burka diskutiert.

Ein Häuptling, sozusagen

09.07.2014. In der taz erklärt der venezolanische Soziologe Edgardo Lander, warum auch eine Demokratisierung des Landes vom Umgang mit dem Öl abhängt.  In der FAZ rät David Grossman dringlich, noch einmal den Weg des Friedens suchen. Glenn Greenwald berichtet, dass die NSA prominente muslimische Bürger der USA ausspionierte. Die Zahlen der Zeitungen sind gesunken, werden aber sehr unterschiedlich interpretiert. Und die besten Tweets zum unglaublichen Spiel von gestern Abend.

Kindliche Torheit in politicis

08.07.2014. In der FAZ schreibt Jürgen Habermas zum Tod seines Jugendfreunds Hans-Ulrich Wehler, der die Kultur ohne apokalyptisches Händeringen (so die SZ) bettete, wohin sie gehört: ins Soziale. In der New Republic ist man alles in allem froh, dass die USA in den Ersten Weltkrieg eingriffen (sonst müsste man ja die Geschichte umschreiben!) Soziologe Wolfgang Sofsky findet es naiv, dass die Deutschen nicht ständig mit CIA-Spionen in Bundestagsausschüssen rechnen. Und wann ist eigentlich diese öde WM zu Ende?

Best-Of halbherziger Empörungsversuche

07.07.2014. Warum reagieren unsere Repräsentanten so lau auf die immer neuen NSA-Enthüllungen, fragt Netzpolitik. Laut Techcrunch fordert Larry Page eine Liberalisierung des Datenschutzes bei Gesundheitsdaten. Datenschutz ist toll, aber nach neuesten EU-Vorstellungen wird er dazu führen, dass jedes kleine Unternehmen einen Datenschutzbeauftragen bestellen muss, warnt die Presse. Bei Spiegel Online schimpft Sibylle Berg über die Israel-Fixierung der Linken. Auch in Deutschland hat Google inzwischen Suchergebnisse gestrichen, meldet Spiegel Online.

Schlimmster Vertrauensbruch

05.07.2014. Der NSA-Untersuchungsausschuss tagt jetzt aus freundschaftlicher Verbundenheit mit den USA in a-Moll, berichtet die SZ. In der taz warnt ein Ostukrainer total objektiv vor einem Genozid an seinen Landsleuten. Stefan Weidner findet in der SZ endlich die theologische Grundlage für eine Versöhnung von Islam und Demokratie. Google versagt. Und Frankreich gratuliert uns aufs Charmanteste zum Sieg im Viertelfinale.

Betörend paradox

04.07.2014. Die Aussagen der NSA-Whistleblower vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags könnten die Politiker verdattert haben: Sie rufen die Bundesregierung zum Handeln auf.  Alle berichten. Google hat erste Suchergebnisse wegen des "Rechts auf Vergessen" gelöscht. Der Guardian ist betroffen und erzählt, warum keine Guardian-Seiten über den Schiedsrichter Dougie McDonald mehr gefunden werden. Der Kleinkrieg in Israel ist im Augenblick wahrlich eine Nebensache, meint Tom Segev in der Berliner Zeitung. Stefan Niggemeier wirft der VG Media vor, die Politik zu belügen.

Diesen rattengroßen Zauberapparate

03.07.2014. In der Zeit sagt Hamed Abdel-Samad: Es ist nicht so einfach, zwischen richtigem und falschem Islam zu unterscheiden.  Mashable fragt: Wurde die Facebook-Studie zur Manipulation seiner Nutzer vom Militär bezahlt? Sascha Lobo erklärt die komplizierten, aber wenig performativen Theorien, denen Überwachung folgt. Österreichische Zeitungen möchten auch News-Aggregatoren beim Leistungsschutzrecht kein Schlupfloch lassen.

Elefantöses Nationalgerät

02.07.2014. Netzpolitik ist anderer Meinung als die Zeitungen und findet nicht, dass die Lohndrückerei bei Zeitungsboten der Pressefreiheit dient. In Deutschland wird ein Propublica gegründet. Es heißt Correctiv. Überall - von Deutschland bis Amerika - wird über die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zum französischen Burka-Verbot diskutiert. Die Empörung über die Experimente, die Facebook mit seinen Nutzern anstellt, ist nach wie vor groß.

Der Gorilla X im Zoo Y

01.07.2014. Im Tagesspiegel fordert Roberto Saviano eine Legalisierung von Drogen, um der Mafia die Einnahmen abzuschneiden. In Politico  klagt Joseph Sitglitz über die immer weiter aufreißende Ungleichheit in den USA. In der FAZ erklärt Ian Buruma, warum er den europäischen Traum nicht träumt. Die Washington Post präsentiert neue Snowden-Dokumente. In der Welt artikuliert der Dokumentarfilmer Errol Morris seinen ganzen Horror über Donald Rumsfeld. Und wir betten eine Dokumentation über Aaron Swartz ein.