9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dezember, 2016

Mit allergrößter Liebenswürdigkeit

31.12.2016. Die Welt meint zum Abschluss des Jahres: So schlimm war 2016 gar nicht. In der NYRB bangt Masha Gessen erst richtig für 2017: Denn weder Trump noch Putin haben einen Begriff von Zukunft. In der NYTimes erinnert James Risen daran, dass es Barack Obama war, der die Verfolgung von Journalisten und Whistleblower eröffnete. In der Berliner Zeitung betont Peter Glaser: Digitale Kontrolle löst nicht unsere sozialen Probleme. In der taz erinnert der Soziologe Armin Nassehi an die Kölner Silvesternacht und ruft die Linke auf, die negativen Folgen von Migration nicht zu verschweigen. Die SZ lernt, zu alledem ganz tanzstundenhaft zu lächeln.

Prozess der Auflösung

30.12.2016. Im Guardian fürchtet der wegen des Anschlags in Berlin falsch verdächtigte Naveed Baloch um seine Familie in Belutschistan. Kein Verbot halbautomatischer Sturmgewehre in Europa - die Waffenlobby hat gesiegt, klagt in der FAZ Roman Grafe. Die taz fordert eine europäische Plattform für Gesundheits-Apps. Die NZZ untersucht das toxische Erbe des Front National.

Hoffnung ist schädlich

29.12.2016. Lasst alle Hoffnung fahren, ruft der Miklos Haraszti in der Washington Post den Amerikanern unter Donald Trump zu. Als Ungar hat er Erfahrung. Keine Steuern auf Links! Die Europaparlametarierin Julia Reda warnt vor dem vergifteten Erbe des EU-Digitalkommissars Günther Oettinger. In der Welt sucht Asiem El Difraoui das Bündnis mit liberalen Kräften im arabischen Raum. Und der Schuldige am Aufstieg des Rechtspopulismus ist gefunden: Es ist die Sozialdemokratie, die ein Bündnis mit dem Neoliberalismus einging, meint Sighard Neckel in der taz.

Wir sind im Grunde genau so wie diese Roboter

28.12.2016. Im Tages-Anzeiger analysiert Anne Applebaum die Ideologie des Rechtspopulismus und kommt zu einer düsteren Prognose für Europa. Das "Postfaktische" wurde nicht erst jetzt erfunden, denn es gab keine selige Zeit von verantwortungsvollen Medien und Politikern, meint die Presse. taz und golem.de diskutieren über Videoüberwachung. Correctiv.org startet eine Serie über die Medien der "neuen Rechten".  Und der kulturpolitische Coup der Teheran-Ausstellung, mit der Schönwetter in der Iran-Politik geschaffen werden sollte, ist laut Tagesspiegel schmählich gescheitert.

Eine hohle Abschiedsgeste

27.12.2016. Tablet wundert sich, dass ausgerechnet Neuseeland eine Resolution gegen die die Siedlungspolitik Israels einbrachte: Es hat mit seinem Settlement Act vor 153 Jahren zuhause jede Zweistaatenlösung verhindert. Die SZ findet sowohl den Zorn Netanjahus als auch die amerikanische Enthaltung bei der UN-Resolution heuchlerisch, die Welt kritisiert Frank-Walter Steinmeiers Eintreten für die Resolution. Der Guardian staunt über die Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum: So was hat Britannien noch nie hingekriegt. Die NZZ ist traurig: Die Apps sind der Tod des Flaneurs.

Genaues Hinschauen

24.12.2016. Es sind doch ganz einfache Fragen, die jetzt zu stellen sind, schreibt Eva Quistorp im Perlentaucher. Zum Beispiel haben die Opfer des Berliner Massakers ein Recht zu erfahren, warum der Breitscheidplatz nicht besser geschützt war. In Zeit online diagnostiziert Kersten Augustin eine eigenartige Fühllosigkeit an sich. Viel mehr Angst hat er von den "rechten Profiteuren der Terrorangst".  Die FAZ hat einen Trost: Noch mehr Tote als die Religionen haben die Ersatzreligionen produziert.  Trotz allem: Frohe und geruhsame Feiertage wünscht auch das Perlentaucher-Team!

Ohne Verdacht auf ein Verbrechen

23.12.2016. Die Debatte über den Berliner Anschlag intensiviert sich. Wo die einen mit Überraschung ihre eigene emotionale Taubheit wahrnehmen, nehmen andere, wie Timothy Garton Ash im Guardian, den Anschlag in die Reihe Madrid, London, Paris, Nizza auf. Auch über die Sicherheitsbehörden muss diskutiert werden, meint die FAZ, und die Welt fordert entschiedene Worte der Politik gegen den Terror.  Außerdem: Die SZ erklärt, warum allüberall jetzt nicht mehr Demokratie, sondern mehr Republik gefordert ist. Und der Guardian reist auf den Todesstern der Überwachungsgesetze.

Zeichen der Neutralität

22.12.2016. Die taz bringt eine Seite für Aslı Erdoğan, die die Brutalität der türkischen Gleichschaltung noch brutaler zu spüren bekommt als die meisten ihrer Kollegen. Die SZ erzählt, wie sich Wladimir Putin im Lauf der Jahre seinen Hacker- Und "Kompromat"-Apparat aufgebaut hat.  In der FAZ versucht Udo Di Fabio, das Verhältnis von Staat und Religion neu zu kalibrieren. In Atlantic erklärt Barack Obama im Gespräch mit Ta-Nehisi Coates, warum er die Idee der Reparationen für die historischen Leiden der Schwarzen ablehnt.

Ein vages "wohl"

21.12.2016. Einen Tag nach dem Blutbad an der Gedächtniskirche versuchen die Medien ohne Faktengrundlage zu diskutieren: Zurückgewiesen werden auftrumpfende Rechtspopulisten wie Nigel Farage und die AfD, die Angela Merkels Flüchtlingspolitik verantwortlich machen. Gerne beweihräuchern sich die Medien aber schon mal selbst und loben sich für ihre Zurückhaltung. Nur Stefan Niggemeier fragt sich, wie zurückhaltend es war, ohne Faktengrundlage einen Verdächtigen zu küren. Und die Öffentlich-Rechtlichen begeben sich in Handschellen...

Aus der Balance

20.12.2016. Der Morgen steht im Zeichen des Berliner Attentats: Wir verlinken auf die wichtigsten Liveblogs. Zugleich wurde in den USA Donald Trump durch das Wahlmännerkollegium endgültig bestätigt: Die New York Times findet, dass dieses System abgeschafft werden sollte - Hillary Clinton hat bei den Bürgern eine Mehrheit von 2,8 Millionen Stimmen. Die Schande von Aleppo ist unsere Schande, schreibt Bernard-Henri Lévy in La Règle du Jeu. Und der Berliner Kultursenator Klaus Lederer kündigt in der SZ eine kleine kulturpolitische Revolution an: die Gehälter von Intendanten sollen offengelegt werden.

Etwas, gegen das man sein kann

19.12.2016. Das Problem mit Facebook, sagt Lawrence Lessig in Libération, ist, dass es eine private Organisation ist. Nick Cohen fragt im Observer, warum sich die Brexit-Sieger aufführen, als wären sie die Verlierer. Der Westen ist mit schuld an den Zuständen in der Türkei, sagt Can Dündar im Tages-Anzeiger. Nicht der Westen, Dschingis Khan erfand die Religionsfreiheit, schreibt Arno Widmann in der FR. Masha Gessen warnt in der New York Times vor den falschen Debatten über Trump.

Wie Berlin das wünscht.

17.12.2016. Die Untätigkeit des Westens hat es Russland erlaubt in Syrien wie in Tschetschenien vorzugehen und gibt dem Iran Zugang zum Mittelmeer, analysiert die taz. Besteht durch Trump Gefahr für die amerikanische Demokratie?, fragen zwei Harvard-Politologen in der New York Tiimes. Ihre Antwort ist deutlich. Die Washington Post stellt eine App gegen Trump vor.  Das Verbot der "geschäftsmäßigen" Sterbehilfe hat das Sterben schwerer gemacht, sagt die Sterbebegleiterin Christiane zur Nieden in der taz. Die FAZ ist mit dem Gesetz zufrieden.

Mediengattungsübergreifendes Angebot

16.12.2016. Heinrich August Winkler erinnert die SPD im Vorwärts an ein paar Grundsätze der Russlandpolitik. Die von der EU gefeierten "Migrationspartnerschaften" mit afrikanischen Ländern laufen in Wahrheit auf eine Erpressung hinaus, hat die taz recherchiert. Facebook will mit Faktencheckern und den Nutzern zusammenarbeiten, um Fake News zu bekämpfen, meldet turi2. Die Achse Moskau-Teheran-Damaskus wird das Gemetzel in Syrien fortsetzen, und der Westen wird weiter tatenlos zusehen, schreibt Richard Herzinger in der Welt.

Bitte mit den Händen winken

15.12.2016. Zeit online gibt der Bundesregierung ein paar Tipps gegen russische Hackerangriffe. Vor allem: Bitte reagieren Sie nicht auf Phishing-Mails! Die New York Times fragt sich, was in dem ganzen Tohuwabohu eigentlich aus der Demokratischen Partei geworden ist. Günter Wallraff liest fürs Kiwi-Blog Benjamin von Stuckrad-Barres Buch über Alkohol und Nikotin. Bülent Mumay erklärt in der FAZ, warum die Türken nicht gegen das Erdogan-Regime aufbegehren.

Die neue Normalität

14.12.2016. Aleppo wird zurückerobert. Und "die Täter müssen sich vor nichts fürchten", konstatieren die Kommentatoren - die Zivilbevölkerung wird einfach allein gelassen.  Nedžad Avdić, der den Genozid in Srebrenica überlebte, schildert es im Guardian als Verrat "an den Überlebenden und Opfern aller Genozide". Die New York Times resümiert die russischen Eingriffe in den amerikanischen Wahlkampf. Ta-Nehisi Coates schreibt im Atlantic nochmal einen langen Artikel über "seinen" schwarzen Präsidenten Obama, der ihm vielleicht nicht ganz schwarz genug war.

Diesseits der rechtsgewirkten Abschottung

13.12.2016. Der Tagesspiegel deckt ein europäisches Überwachungssystem auf, bei dem die Lobbyisten gewinnen und die Bürger verlieren. In der FAZ weist Roberto Saviano auf einen interessanten Aspekt des italienischen "Nein" hin: Anders als beim Brexit waren es die Jungen, die sich verweigerten.  Deutschland ist das nächste Ziel russischer Desinformation, warnt Anne Applebaum in der Washington Post. Und Zeit online fürchtet, dass Facebook gar kein Mittel gegen Fake News finden kann.

Schleier oder sonstige alte Zöpfe

12.12.2016. Die SZ erklärt, warum Lehrerinnen Kopftuch tragen dürfen und Richterinnen nicht.  Ebenfalls in der SZ hält Elisabeth Badinter an einem Feminismus im Namen universaler Ideale fest.  Laut Politico und New Yorker könnte Rex Tillerson, ein Exxon-Manager und Putin-Freund, Trumps Außenminister werden.  Zeit, NZZ und Carta diskutieren weiter über die Frage ob Fake News und Micro-Targeting auf Facebook die amerikanischen Wahlen beeinflussten.

Fakten hin, Fakten her

10.12.2016. 'Postfaktisch' ist zurecht Wort des Jahres, meinen die Kommentatoren, nur über die Nützlichkeit des Begriffs sind sie uneins. Postfaktisch, das sind die anderen, weiß Zeit Online. Fakten sind ohnehin überschätzt, findet Karl-Heinz Ott in der NZZ. In der FAZ erklärt Bernd Hüppauf, warum es in den USA keine Intellektuellen gibt. Joseph Vogl und Ethel Matala de Mazza versuchen sich in der taz an einer analytischen Bestimmung des Populismus. Und die SZ besteht auch im Zeitalter von Big Data auf die Autonomie des Einzelnen.

Verlinkte Zugänglichmachung rechtswidrig

09.12.2016. Dämmert es den Intellektuellen nicht, verdämmern diese selbst, warnt der Tages-Anzeiger. In der taz erklärt Richard David Precht, warum es unmoralisch ist, Fleisch zu essen. In Berlin ist die Mauer gefallen - die NZZ staunt jetzt über die Münchner Mauer. Der Perlentaucher muss sich künftig sehr genau informieren, bevor er einen Link setzt, sagt Netzpolitik. Bei nichts schlummert die Friedensbewegung sanfter als bei den brutalen Attacken auf die Zivilbevölkerung von Aleppo, staunt die taz.

Zunächst unübersichtlich

08.12.2016. Der Fotograf Daniel Berehulak dokumentiert in einer beeindruckenden Online-Reportage für die New York Times  das mörderische Treiben des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte. Es gibt doch einen Kampf der Kulturen, meint Andreas Reckwitz in der Zeit, aber er tobt nicht zwischen Islam und Westen.  In der SZ meditiert Jürgen Osterhammel über Aufstieg und Fall von Imperien.  Der Tagesspiegel berichtet über türkische "Konsulatslehrer", die an 150 Berliner Schulen ein Erdogan-kompatibles Türkei-Bild verbreiten.

Absolut überrascht von dieser Wirksamkeit

07.12.2016. "Das Bedürfnis nach Bevormundung stellt sich wieder ein", schreibt Herta Müller in der Welt und versucht eine Archäologie des Ressentiments in osteuropäischen Ländern. Geert Mak denkt im Tages-Anzeiger über die Sehnsucht nach dem großen Kladderadatsch nach. Demokratie ist nicht "Leitkultur", erklärt der Philosoph Martin Seel in der FR. Netzpolitik erzählt, warum Studenten demnächst wieder mehr am Fotokopierer stehen werden: Elsevier will sich seine 40-prozentige Umsatzrendite nicht vermiesen lassen.  Und Wolfgang Michal erinnert in seinem Blog an die eigentliche Digitalcharta - die von Tim Berners-Lee.

Gleiche Melodie, anderer Text

06.12.2016. Viel diskutiert wird über die Frage, ob Donald Trump sein Wahlergebnis mithilfe spezialisierter Agenturen erzielt hat, die die Facebook-Nutzer so lange manipulierten, bis sie gar nicht mehr anders konnten. Thomas Schmid in der Welt und Arno Widmann in der Berliner Zeitung sind konträrer Meinung über die Bedeutung von Matteo Renzis Niederlage. In der taz meint Arno Frank: Auch linke Identitätspolitik ist Identitätspolitik. In den Inrocks findet David Thompson: Die Formel, Terrorismus habe "nichts mit dem Islam" zu tun, hat nichts mit Analyse zu tun.

Woran man sich nicht gewöhnt, ist die Kälte

05.12.2016. Nur ein kurzes Aufatmen in Europa: In Österreich siegt die Vernunft, in Italien aber Beppe Grillo. In Polen baut die Regierung derweil das Demonstrationsrecht ab, berichtet die taz. Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan schickt in der SZ einen Brief aus ihrem türkischen Gefängnis. Die FAZ fürchtet um die Kultur und ihre Institutionen in Vorpommern.

Österreich ist nicht Amerika

03.12.2016. The Intercept hat acht Firmen gefragt, ob sie bereit seien, an der Erstellung eines amerikanischen  Registers der Muslime mitzuwirken - nur Twitter hat abgelehnt.  Chimamanda Ngozi Adichie warnt Medien im New Yorker vor falscher Ausgewogenheit. "Es gibt keine digitalen Grundrechte", heißt es in einer Stellungnahme von AlgorithmWatch zur EU-Digitalcharta. Der NDR hat zwar einen Fehlbetrag von 103 Millionen Euro, so dwdl.de, aber Geld genug ist ja da.

Sagenumwobene Augenhöhe

02.12.2016. Die Debatte über die geplante EU-Digitalcharta geht weiter. Besonders der Artikel über das Urheberrecht wirkt, als sei er von Zeitungs-Lobbyisten persönlich geschrieben, was wohl auch der Fall ist, meint Michael Seemann bei detektor.fm.  Die amerikanische Feministin Susan Bordo erzählt in der Zeit, wie die Republikaner eine neue Hillary Clinton erfanden. Der Schriftsteller Carmine Abate schildert in der NZZ, mit welcher Intensität Italien sich über das kommende Referendum zerstreitet.  Anne Applebaum fürchtet in der Washington Post einen immer radikaleren Brexit.

Die neue Chronologie

01.12.2016. Im EU-Parlament soll demnächst über eine "Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union" abgestimmt werden, die vor allem den Interessen von "Rechteinhabern" dienen soll, fürchtet die EU-Parlamentarierin Julia Reda in ihrem Blog. Die Zeit brüstet sich damit, dass Martin Schulz diese Charta zusammen mit Frank Schirrmacher und Giovanni Di Lorenzo erfunden hat. In den Feuilletons wird viel über Mark Lillas Kritik am linken Identitätsdiskurs diskutiert. In der NZZ zeigt Felix Philipp Ingold, wie Russland nicht mehr nur die Aktualität, sondern jetzt auch wieder die Geschichte fälscht.