9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai, 2016

So trivial wie triftig

31.05.2016. Alexander Gaulands Spruch über Jérôme Boateng ist weder Zufall noch Lapsus, sondern Kalkül - und es ist erfolgreich, meint die SZ.  Missglückt scheint der Welt der von Volker Schlöndorff inszenierte Tanz deutsch-französischer Jugendlicher über den Gräbern von Verdun. Deutschland hat allenfalls eine bruchstückhafte Netzöffentlichkeit, die noch dazu schrumpft, meint Neunetz.  Der Silicon-Valley-Investor Michael Lazerow versteht nicht, warum Peter Thiel mit Atombomben auf Spatzen schießt.

Eine Art Menschmodul

30.05.2016. Keine gute Diagnose stellt Roberto Saviano laut Guardian dem Finanzplatz London - er sei das Einfallstor kriminellen Kapitals, das dann in Finanzparadiese verschwindet. Zeit online porträtiert den Philosophen Nick Bostrom, der darüber nachdenkt, wie die Menschheit die KI an die Leine nehmen kann. Tausende Kunstwerke höchster Qualität sind der Öffentlichkeit entzogen, weil Oligarchen sie in Freihäfen lagern, berichtet die New York Times

Kampf der Geister

28.05.2016. Wie ist dem Populismus Einhalt zu gebieten? Mit Bildung, meint Robert Menasse in der taz. Mit Streit, meint Marco Buschmann auf Zeit Online. Mit Elite, meint Richard Herziger in der Welt. Der Tagesspiegel listet die verheerenden Fehlentscheidungen bei der Sanierung der Berliner Staatsoper auf. Der Islamwissenschaftler Frank Griffel erklärt in der SZ, weshalb der Islam ohne Reformation und Aufklärung auskam. Was wird aus den privaten Internetprovidern, wenn es in Berlin flächendeckendes WLAN gibt, fragt die FAZ.

Eine Dosis Transparenz

27.05.2016. Der hollywoodreife Showdown zwischen Milliardär Peter Thiel und Gawker geht mit einem offenen Brief des Gawker-Chefs Nick Denton weiter: Entweder du triffst dich mit mir zum Duell, oder... Feministinnen wenden sich in huffpo.fr gegen ein portugiesisches Gesetz, das Leihmutterschaft - und also die Ausbeutung armer Frauen - erlaubt. In Uebermedien nimmt Stefan Niggemeier die Argumente der Verleger für ein Leistungsschutzrecht auseinander. Und die NZZ sucht den Liberalismus in Deutschland - vergeblich.

Schnittmengen

26.05.2016. Der maßgeblich staatlich finanzierte Katholikentag lässt sich in Leipig von Bundespräsident Gauck und dem Papst eröffnen. Online kritisiert die taz immerhin diese "Subventionierung eines mächtigen Religionszirkels". Bundeskulturministerin Monika Grütters erklärt unterdessen in der Zeit, warum sie das Kreuz im Kanzleramt für weltanschaulich neutral hält. Die amerikanische Medien diskutieren erregt über den Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel, der sich an Gawker rächte, indem er Klagen gegen das Internetmagazin finanzierte. Transparency.org stellt eine Studie über Korruption im Journalismus vor. Und in der Welt erzählt Thomas Weber, wie Hitler vom Linken zum Rechten wurde.

Im transhistorischen Äon

25.05.2016. Zum Katholikentag ist die taz heute fromm. Auch für einen "glaubensbasierten" islamischen Feminismus macht sie sich stark. Telepolis staunt nochmal über das finanzielle Talent der katholischen Kirche, die nur 2,1 Millionen Euro zum Katholikentag hinzubezahlt, während die Öffentliche Hand 4,5 Millionen beisteuert. In der FAZ  fragen Ivan Krastev und Oliver Jens Schmitt, warum die Osteuropäer so anders ticken als die Westeuropäer. Bei Lithub.com wenden sich 600 Schriftsteller gegen Donald Trump. Die NZZ  begibt sich bei Facebook in die Virtuelle Realität.

Seine Brille lässt an Malcolm X denken

24.05.2016. Aufatmen über Österreich - aber nur halb erleichtert: 86 Prozent der Arbeiter haben für die FPÖ gestimmt, schreibt die taz. Marlene Streeruwitz denkt in der Presse über eine "Freie Republik Wien" nach. Politico.eu besucht die Grenzen der Ukraine zur EU. Die taz geht mit Frauen, die Männer waren, auf Damentoiletten in North Carolina. Und die Musicweek annonciert einen großen Deal zwischen der GEMA und Google - wenn auch nicht Youtube.

Verzagt gegen zukunftsoptimistisch

23.05.2016. "Österreich ist nun ein zerrissenes Land", schreibt Zeit online - und zwar gleichgültig, wie die Wahlen letztlich ausgehen. Die FAS bringt gleichzeitig eine Generalattacke auf die Kanzlerin und ein braves Interview mit ihr. Im Tagesspiegel beklagt der Historiker Jörg Baberowski mit Blick auf Silvester auf Köln, dass der Staat immer häufiger auf sein Gewaltmonopol verzichte. Poynter.org bringt ein internes Papier über die Zukunft der New York Times, in dem die Zeitung nur mehr als Nebenprodukt erscheint.

Den Algorithmus massieren

21.05.2016. Litauen diskutiert erregt über ein Buch, das die Kollaboration von Bürgern des Landes beim Holocaust thematisiert, berichtet die NZZ. In der FAZ wirbt der muslimische Theologe Abdel-Hakim Ourghi für Islam-Unterricht an den Schulen. Nicht die Tendenz der "Trending Topics" ist für Facebook peinlich, sondern, dass das Unternehmen seine Redakteure versteckt, meint die New York Times. Politico.eu kritisiert das geschönte Geschichtsbild vieler Engländer.

Milliarden halbintelligenter Frankensteins

20.05.2016. Katholische Priester in Leipzig sind einsame Rufer in der Wüste, schreibt eine mitfühlende FAZ. Aber sie bekommen vom Staat einen Kirchentag finanziert, ergänzt der Humanistische Pressedienst. Die taz schildert die schwierige Lage von Bloggern und Journalisten in Bangladesch. Wer sich im Iran gegen die Todesstrafe einsetzt, wird nicht gleich hingerichtet, sondern bekommt nur zehn Jahre Haft, hat die iranische Freuenrechtlierin Narges Mohammadi herausgefunden. Horizont schildert den Kampf der Berliner Zeitungen gegen die Krise. Und keiner schlägt Nigeria im Scrabble.

Populäre Leidenschaften

19.05.2016. In der Zeit ruft Seyran Ates zur Gründung liberaler Moscheen in Deutschland auf. Die FAZ besucht eine Ausstellung mit holocaustleugnenden Karikaturen im neuerdings wieder so beliebten Iran. Was mit Donald Trump auf den Schultern des Volks heranreitet, ist der Faschismus, und den haben wir der Französischen Revolution zu verdanken, meint Robert Kagan in der Washington Post. Slate.fr freut sich, dass der Papst multikulti ist. Und in der Zeit wünscht BR-Intendant Ulrich Wilhelm den Politikern ein besseres Gehalt, so eins wie seines.

Zur Preisverleihung gab es Blechbläser

18.05.2016. Kann islamisch sein, was der Koran verbietet? In Cicero und im Kölner Stadtanzeiger wird über Alice Schwarzers Buch "Der Schock" diskutiert. In Kreuzberg lässt sich's bequem protestieren: Neue Wohnungen soll es nicht mehr geben, und der Wert der eigenen steigt ganz nebenbei, meint der Hauptstadtbrief. Ein bekannter Fernsehmoderator kann seinen eigenen Namen nicht mehr hören. Und sein Schmähgedicht auf einen türkischen Politiker darf er auch nicht mehr aufsagen, berichten Medienblogs. Der Konservatismus britischer Muslime ist nicht traditionell, sondern ganz neu, meint Kenan Malik im Observer

Schnurgerade Linie im Sand

17.05.2016. In La Croix plädiert Papst Franziskus für einen säkularen Staat. In der SZ will Friedrich Wilhelm Graf auf den Begriff der Werte lieber verzichten. Zeit online erinnert an das Sykes-Picot-Abkommen und seine Folgen. Die NZZ fragt, wie sich Wutjournalisten von Wutbürgern unterscheiden. Laut politico will die New York Times sich retten, indem sie den Medien der übrigen Welt Konkurrenz macht. In amerikanischen Internetmedien wird unterdessen weiterhin intensiv über Facebook diskutiert. In der taz schlägt Marlene Streeruwitz eine Fusion von SPÖ und ÖVP vor.

Jeden Späti liebt man anders

14.05.2016. BuzzFeed meldet, dass Alan Rusbridger erfolgreich aus dem Vorstand des Guardian-Eigners Scott Trust gedrängt wurde. Rusbridger selbst sieht den Journalismus gerade einem digitalen Orkan der Stärke 12 ausgesetzt. Slate.fr bemerkt erschrocken, dass nur noch Uber neue Jobs in der Banlieue schafft. In der taz betont Martin Caparrós, dass wir nicht den Hunger aus der Welt geschafft haben, sondern die schockierenden Bilder. Die NZZ ergründet den Schweizer Mythos Gotthard. FAZ und Welt fragen, ob Nero vielleicht doch nicht nur die Leier zupfte, während Rom brannte.

Grausamkeit stößt nicht per se ab

13.05.2016. Der Guardian weist nach, dass Facebook stärker in die "Trending Topics" eingreift als bisher bekannt - um den Algorithmus der Wirklichkeit anzupassen. "Lügt Facebook?", fragt Vice. Facebook verteidigt sich. Die geplante Rehabilitierung von Opfern des Paragrafen 175 reicht nicht aus - es braucht eine Entschuldigung der Politik und eine breite Aufarbeitung des Unrechts, schreibt Jan Feddersen in Spiegel online. Welt und Tagesspiegel analysieren die Lage im Deutschen Historischen Museum. Vor fünfzig Jahren begann die Kulturrevolution in China. In der taz versucht sich Gerd Koenen ihre Anziehungskraft auf die 68er zu erklären.

Religion ist lediglich ein Mantel

12.05.2016. Die taz greift nach dem Erscheinen von Alice Schwarzers Buch über die Ereignisse von Köln nochmal den Streit zwischen den Feministinnen auf - will sich aber nicht entscheiden. In der Washington Post möchte Richard Cohen Barack Obamas außenpolitische Passivität nicht als Doktrin anerkennen. In politico.eu wendet sich Flemming Rose gegen dänische Projekte, religiöse Hassreden zu verbieten. Der Humanistische Pressedienst staunt über die DFG, die sich die Wissenschaftlichkeit von Theologie beweisen lassen will, wenn auch von Theologen. "Für Jubel ist es noch zu früh", warnt Netzpolitik nach der Ankündigung der Großen Koalition, die Störerhaftung fallen zu lassen.

Tatsächlich Menschen

11.05.2016. Die Debatte um die angeblich manipulierten "Trending Topics" bei Facebook wird peinlich für Mark Zuckerberg - nun schickt ein Senatsausschuss einen Brief mit Fragen an das Unternehmen, berichtet Gizmodo. In der FR erklärt Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, wie die säkularen Autokraten in muslimischen Ländern den Islamismus erst produzierten. Die NZZ fragt: Wem gehören die Urheberrechte an einem Roboter, der Scarlett Johansson imitiert?

Sinnkrise der Gegenwart

10.05.2016. Amerikanische Medien diskutieren erregt über Facebook. Durch die Mobilnutzung gewinnt das soziale Netzwerk eine immer größere Macht über Medien, weist recode.net nach. Gizmodo zeigt zugleich, dass Redakteure bei Facebook bestimmte missliebige "Trending Topics" künstlich niederhalten. Und der Blogger Mathew Ingram beklagt bei Fortune, dass sich die Macht bei Facebook mit Intransparenz paart. In der NZZ denkt Thomas Hürlimann über das Kreuz als literarischen Topos nach. Der Economist findet Antisemitismus in Britannien längst nicht so schlimm wie in Frankreich.

Es wird wohl ein sehr dickes Buch

09.05.2016. Die FAZ streitet über den Islam in Deutschland: Die einen sehen an den Schulen einen deutschen Islam entstehen, die anderen eher einen türkischen. Politico.eu trifft  den Präsidenten der Region Katalonien, Carles Puigdemont , der frohgemut auf einen Bruch mit Spanien zusteuert. London hat einen Bürgermeister pakistanischer Herkunft. Und was ist mit Paris?, fragt Libération. Die taz gedenkt Ulrike Meinhofs, und in der FAS äußert sich Christian Ströbele unzufrieden über eine aktuelle Biografie.

Extrem starke Autorenmarke

07.05.2016. In der SZ veröffentlicht der Whistleblower hinter den "Panama Papers" ein Manifest, das auch die Medien kritisiert. Im Boersenblatt.net erklärt Bastei-Lübbe-Vorstand Klaus Kluge, warum er für den neuen Ken Follett gern 44 Euro hätte, auch wenn er über Buchpreise nicht diskutieren will. Warum setzen sich die Kämpferinnen für das Recht aufs Kopftuch nicht auch für das Recht ein, das Kopftuch nicht zu tragen, fragt Güner Yasemin Balci in der taz. Huffpo.fr erklärt, warum eigentlich heute des Kriegsendes gedacht werden müsste.

Coca-Cola versus Abwasser

06.05.2016. Im Guardian bescheibt Elif Shafak die Türkei auf dem Weg in ein autokratisches Präsidialregime. Nach dem Triumph Donald Trumps als republikanischer Präsidentschaftskandidat fühlt sich die amerikanische Presse beschämt. Können denn Gender Studies unwissenschaftlich sein, wenn sie an deutschen Unviersitäten gelehrt werden?, fragt die Soziologin Katja Sabisch in der taz. Kenan Malik sucht in der New York Times die Usache für den Antisemitismus in der britischen Linken. Najem Wali besucht für die SZ Idomeni.

Trainingsmodule für Algorithmen

04.05.2016. Die Attentate verschärfen die Konflikte zwischen Wallonen und Flamen in Belgien wieder, meint politico.eu. Was ist nur mit den Sozialdemokraten los, fragt die Zeit. Facebook stellt Journalisten allenfalls ein, um sie überflüssig zu machen, meint Gizmodo. Die Rechercheure von correctiv.org erklären, warum sie Klage gegen den Bundesrechnungshof einreichen. Götz Aly fragt in der Berliner Zeitung, warum Deutschland nicht des deutschen Feldzugs gegen die Sowjetunion gedenkt.Ganz Deutschland lacht über Jan Böhmermanns Ai Weiwei-Performance. Und Julia Franck protestiert in der Zeit gegen Verleger, die ihre Einnahmen haben wollen.

Wer zu salutieren zögert

03.05.2016. Sind die Medien glaubwürdig? Gefragt hat der Bayerische Rundfunk, der sich seine Glaubwürdigkeit dann auch gleich attestiert. Andere lesen die Ergebnisse der BR-Umfrage ganz anders - etwa Telepolis. Und Wolfgang Streeck beklagt heute in der FAZ in einer wilden Attacke auf Angela Merkel die "Unzahl von Sprech-, Denk- und Frageverboten" in Medien und Politik. Die taz bringt heute eine zweisprachige deutsch-türkische Ausgabe zur Lage der Medien in der Türkei. Der Tagesspiegel untersucht das kulturpolitische Programm der AfD. Die NZZ sucht nach dem Wesen des Populismus.

Gestohlen, gekauft, gerettet

02.05.2016. Neue enthüllte TTIP-Geheimdeals lassen die SZ um den Rechtsstaat fürchten. Was bleibt fürs Humboldt-Forum, wenn auch alle anderen Institutionen schon die Kulturen thematisieren?, fragt der Tagesspiegel, und antwortet auch. Die FAZ erklärt, wie konservative türkische Imame junge Muslime in die Arme der Salafisten treiben. Im Guardian fragt Nick Cohen, ob die Labour-Partei den Antisemitismus in ihren Reihen überhaupt noch los werden kann. Im New York Magazine versucht sich Andrew Sullivan mit Platon einen Reim auf Trump zu machen. In der Welt fürchtet Andrzej Wajda einen neuen Faschismus in Europa.