9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Februar 2020

Ein paar Blatt Geheimes

24.02.2020. Der Rechtsextremismus bedient sich der linken Identitätspolitik, um seinen Rassismus neu zu verkleiden, warnt Kenan Malik im Observer. Der Rechtsextremismus hätte sich nicht ausgebreitet, wenn man nicht über die Silvesternacht von Köln diskutiert hätte, meint die Extremismus-Forscherin Natascha Strobl in der FR. In der SZ fragt sich Georg Mascolo, warum nur Julian Assange und nicht er wegen der Veröffentlichung von Dokumenten ins Gefängnis gesteckt werden soll. Die taz sammelt Stimmen aus Idlib, wo Baschar al Assad und Wladimir Putin die Zivilbevölkerung beschießen.

Kalkulierte Auslöschung einer Zivilbevölkerung

22.02.2020. In Deutschland wird weiter über das Attentat von Hanau diskutiert. Ja, der Täter war krank, aber er agierte nicht im luftleeren Raum, ist man sich einig. Drei Experten fordern in der Zeit, dass in Deutschland Verfassungstexte geändert werden - etwa um den Begriff der "Rasse" zu tilgen. Deniz Yücel stellt in der Welt sehr konkrete Fragen: Was ist mit dem Verfassungsschutz? Britische Medien zitierten unveröffentlichte Passagen aus einem ARD-Interview mit dem BBC-Urgestein David Dimbleby, der kräftig auf Boris Johnson schimpft. Der New Statesman geißelt unsere eisige Gleichgültigkeit gegenüber Putins Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Alle, die nicht deutsch aussehen

21.02.2020. Einen Tag nach dem Attentat von Hanau: In der taz fragt Stefan Reinecke, warum dieses Land mit Rechtsterrorismus so schlecht umgehen kann. In der Zeit warnt Özlem Topçu davor, die psychischen Probleme des Täters überzubetonen. Für FAZ-Redakteur Jasper von Altenbockum ist das Internet an allem schuld. Außerdem: In La Règle du Jeu würdigt Bernard-Henri Lévy den großen Journalisten Jean Daniel, der im Alter von 99 Jahren gestorben ist.

Ideologische Selbstblockade

20.02.2020. Rechtsextremistischer Terror ist kein Terror von Einzeltätern, sagt die Journalistin Karolin Schwarz im Gespräch mit Netzpolitik, auf das wir wegen des Attentats von Hanau nochmal verweisen. In der FR zerlegt der Politikwissenschaftler Aram Ziai die Ansichten der AfD zum deutschen Kolonialismus. In der FAZ antwortet Thomas Thiel auf seine Kritiker - und bleibt bei seiner Kritik an Yasemin Shooman. Die Erhöhung der Rundfunkgebühren kommt, aber die Gebühren sind nicht das Problem der Sender, meinen taz und FR

Das emanzipatorische Potenzial

19.02.2020. Es mag ja paradox klingen, aber es waren die Ossis, die in Thüringen dafür sorgten, dass die AfD nicht noch stärker wird, und Wessis die das Bündnis mit der AfD suchten, schreibt der Historiker Ned Richardson-Little bei geschichtedergegenwart.ch. Bei Netzpolitik.org erklärt die Journalistin Karolin Schwarz, warum man bei rechtsextremen Attentätern nicht mehr von Einzeltätern sprechen kann. Im Tagesspiegel warnt Sophie Richardson von Human Rights Watch vor der Zusammenarbeit mit chinesischen Kulturinstituten.

Innerorthodoxe Gräben

18.02.2020. Die unglaubliche Affäre Benjamin Griveaux markiert für La Règle du Jeu den endgültigen Kollaps der Intimität, die für die Demokratie unerlässlich sei. In Deutschland wird weiter über Thüringen gestritten. Die FAZ stellt den "Antifaschismus" der Linkspartei in Frage. In der Welt verteidigt der FDP-Politiker Marco Buschmann die Hufeisentheorie. Der Recherchedienst bellingcat.com bringt Beweise, dass der Tschetschene Zelimkhan Khangoshvili in Berlin vom russischen Geheimdienst umgebracht wurde.

Mehr Menschenzuträgliches

17.02.2020. Boris Johnson plant, die BBC teilweise abzuwickeln, berichtet unter anderem die FAZ. Die Öffentlichkeit erscheint derzeit vor allem deshalb so polarisiert, weil nur die Ränder sich vehement äußern, meint der Volkswirtschaftler David Stadelmann in der Welt. Die FAZ berichtet über die Gleichschaltung der polnischen Kulturpolitik. Die taz und andere berichten über die Festnahme einer Gruppe von Rechtsextremisten, die Terrororattentate plante.

Alle diese "Wirs" sind gefährlich

15.02.2020. Zur allgemeinen Gleichgültigkeit werden im syrischen Idlib Abertausende mit Fassbomben in die Flucht getrieben. "Und Europa, der selbsternannte Hüter der Menschenrechte, leistet einen weiteren moralischen Offenbarungseid", schreibt Rainer Hermann bei der Deutschen Welle. In der NZZ beschreibt der Dichter und Journalist Ramy al-Asheq das Leben in einer unterdrückten Kultur. In der Welt spricht die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur über Antisemitismus in "Zeiten absoluter Opferkonkurrenz".

Geltungskonflikte

14.02.2020. Viel historische Reflexion heute: Felix Philipp Ingold sucht in der SZ nach den Wurzeln der heutigen russischen Politik im Panslawismus. In der FAZ fragt Andreas Kilb nach Thüringen: Wo liegt heute die eigentliche Parallele zur Weimarer Zeit? Außerdem: In Horizont fragt Ulrike Simon, was die Nachrichtenagentur Tass eigentlich in der Berliner Zeitung macht?

Unterstellte Privatautonomie

13.02.2020. Thüringen hat den Kommentatoren deutscher Leitmedien nun endgültig klargemacht, dass das Abendland untergeht. Zeit für Widerstand, ruft Claus Leggewie in der SZ. Mely Kiyak fragt sich in Zeit online, ob für sie noch ein Bleiben in Deutschland sei. In der NZZ erinnert die  Kulturwissenschaftlerin Zsuzsa Breier daran, dass die AfD auch eine Erbin der SED ist. Unterdessen machen VerlegerInnen klar: Wer mehr als drei Wörter aus den ihnen gehörenden Überschriften zitiert, soll zahlen.

Was soll der Schwergewichtsboxer dann tun?

12.02.2020. In Thüringen, mitten in Deutschland, ist die Mitte eingestürzt. Und überall (vor allem aber am einen Ende des Hufeisens) wird jetzt die so genannte "Hufeisentheorie" verabschiedet, bei Spiegel online von Margarete Stokowski, in der SZ von Gustav Seibt. Bei libmod.de erzählt der Historiker Jan Claas Behrends, wie die Geschichte in Russland schon sehr bald nach der Wende wieder von der Politik einkassiert wurde. Die NZZ ruft Juden, die gehen wollen, zu: "Bleibt hier, packt nicht die Koffer!"

Neue Aufgaben

11.02.2020. In der FR spricht der israelische Autor Nadav Eyal über die Wähler der Rechtspopulisten und ihre Gründe, frustriert zu sein. In Zeit online fordert Andreas Rödder einen konservativen Neustart der CDU. In der Berliner Zeitung wurden die Chefredakteure gefeuert, berichten SZ und Welt. Und die NZZ fragt: Ist ein Pelzverbot rassistisch?

Autoritäre Kuratierung

10.02.2020. Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, erklärt in der SZ, dass ihn Besucher immer häufiger mit geschichtsrevisionistischen Positionen konfrontieren. In der NZZ verteidigt Jan-Werner Müller den Liberalismus, der "kein exklusives Luxusgut für die Starken der Gesellschaft" sei. Facebook-Kritiker Roger McNamee fordert bei heise.de ein Verbot von Algorithmen, die in sozialen Netzen Emotionen verstärken. "Terre des Femmes" warnt laut emma.de, dass auch in Deutschland lebende Mädchen Genitalverstümmelungen erleiden.

Bei den Lesern mehr Interesse wecken

08.02.2020. ZeitOnline und FAZ vermessen die Abgründe, die mit dem Beben von Thüringen aufgerissen sind. Die SZ beobachtet, wie sich in China die Menschen gegen die Tyrannei der Bürokraten erheben. In der taz beklagt der Psychiater Daniel Hell die narzisstische Beschämungskultur, die immer nur den anderen angreift. Die NZZ kommt hinter das Geheimnis, warum Accra aus der Luft einem Sternenhimmel gleicht und nicht wie Amsterdam einem Spinnennetz.

Eine ganz materiale Gefahr

07.02.2020. Tag 1 nach dem Erfurter Super-GAU. Die taz fragt, wie abgekartet das Spiel zwischen AfD einerseits und CDU und FDP andererseits war, und glaubt: ziemlich. Auf Länderebene fangen die Tabubrüche meist an, warnen die Demokratieforscher Daniel Ziblatt und Michael Koss auf Zeit Online. Ebenfalls in Zeit online rufen Jana Hensel und Georg Seeßlen das Zeitalter der "demokratischen Linken" aus. Bei buchreport.de stellt der Medienforscher Frederik Weinert fest: Das Smartphone hat bei Kindern längst das Buch ersetzt. Aber andererseits: Die schreiben da rein.

Nicht ganz bei Trost

06.02.2020. Wir haben "ein bisschen Weimar", ächzt ein völlig entgeisterter Gerhart Baum im Interview mit Zeit online, nachdem sich sein Thüringer Parteigenosse Thomas Kemmerich von der AfD ins Amt des Minsterpräsidenten bugsieren ließ. In der Zeit fordert Khola Maryam Hübsch von der Ahmadiyya-Sekte eine Verschärfung des Blasphemie-Paragrafen, wogegen sich Ex-Muslim Ali Utlu wehrt. Meedia berichtet, dass der Berliner-Zeitung-Verleger Holger Friedrich den Autor Hubertus Knabe verklagt.

Nur noch in Miniaturgröße

05.02.2020. Vor der deutschen Umsetzung des europäischen Leistungsschutzrechts regt sich Unmut bei den Betroffenen, berichtet Heise online. In der SZ kritisiert Andrian Lobe Apple dafür, nicht mit dem FBI zu kooperieren. Der Blogger Christian Jakubetz fragt sich, wie die Zeitungen ihren Auflagenverlust bewältigen wollen. Die SZ lobt das Beispiel des Folkwang-Museums, das freien Eintritt gewährt und damit Riesenerfolg hat.

In Verbindung mit Büroklammern

04.02.2020. Der große Essayist George Steiner ist gestorben. Wir zitieren aus ersten Nachrufen der New York Times und in Le Monde. In der Welt erzählt der Schriftsteller Christian Y. Schmidt, warum er und seine Frau vorerst in China bleiben - trotz Coronavirus und bei aller Vorsicht. In der NZZ erzählt die Kulturwissenschafterin Kateryna Botanova, wie in der Ukraine die Geschichte lebendig wurde. Aktualisiert: Yad Vashem hat sich von der Gedenkveranstaltung zur Auschwitz-Befeiung distanziert.

Bis zum Ende Zar

03.02.2020. Cui bono, fragt der ehemalige Diplomat Rudolf G. Adam in der NZZ: Wer profitiert vom Brexit? "Finanzdienstleister profitieren vom Brexit. Ihr Hauptgeschäft liegt ohnehin jenseits von Europa." Und Sinn Fein profitiert, ergänzt politico.eu. Die Salonkolumnisten erklären, was "Ökomodernismus" ist. In der FAZ schreibt Viktor Jerofejew über Wladimir Putins Verfassungsänderung. Und bei der Deutschen Welle gibt's nach wie vor Ärger.

Tigersprung in die rosarote Zukunft

01.02.2020. Die neue Karte der EU muss ab heute ohne die größte der britischen Inseln auskommen. Ian McEwan packt im Guardian seine Zelte und begibt sich auf den Rückweg, damit Britannien in 15 Jahren dort ankommt, wo es bis gestern war. Britische und deutsche Medien leisten bittere Manöverkritik. Die SZ legt ein Wort für Plastik ein.