9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

November 2014

Zur Not kaufst du eine Flasche Champagner

29.11.2014. Die NZZ erzählt, wie sich Italien aus der Erinnerung an die Resistenza Inspiration holt. Spiegel Online und AP beschreiben dagegen, wie Deutschland und Japan ihre Geschichte lieber ein bisschen revidieren. Die Gurlitt-Sammlung dürfte "zig Millionen" wert sein, schätzt Provenienzforscher Willi Korte in der FAZ nach Veröffentlichung der Werklisten. Slate erklärt, warum sich Wladimir Putin am liebsten mit orthodoxen Juden umgibt. Die Welt kämpft mit David Foster Wallace gegen politisch korrekte Sprache. Ebenfalls in der Welt wirft Jorge Volpi einen Blick in der Abgrund der mexikanischen Korruption. Nach dem Referendum in Katalonien droht Cava-Boykott, fürchtet Slate.fr.

Ganz besonders gelungene Geschichte

28.11.2014. Verantwortung ist ein Grund für die Übergabe des Gurlitt-Erbes. Angst ist ein anderer, meint die Jüdische Allgemeine. Hermann Parzinger wendet sich in der FAZ gegen Jutta Limbachs Vorschlag, dass sich Museen von den Nazis als "entartet" verfemte Kunstwerke zurückgeben. Auf Google Plus erklärt Jeff Jarvis, warum seine Polemik gegen die deutsche "Technopanik" in Zeit online und nicht in der FAZ erschien. Maßgebliche Europapolitiker, die für eine Zerschlagung von Suchmaschinen kämpfen, sind auch maßgebliche Juristen in maßgeblichen Kanzleien maßgeblicher Lobbyorganisationen, hat Zeit online herausgefunden.

Mit dem Blutdruck eines Bomberpiloten

27.11.2014. In Zeit online polemisiert Jeff Jarvis gegen die deutsche "Technopanik". Die Welt beschreibt, wie die Linkspartei ihr Geschichtsbild zementiert, während Sonja Margolina in der NZZ zeigt, wie Wladimir Putins eurasische Ideologie funktioniert. Bei den Krautreportern erzählt Richard Gutjahr, wie zwei Bloggerinnen die CSU-Politikerin Christine Haderthauer zu Fall brachten. Das Schicksal der Gurlitt-Sammlung bewegt die Feuilletons nach wie vor.

Samtener Kulturkrieg

26.11.2014. In der NZZ versucht Bahman Nirumand die Trauerumzüge für den iranischen Popsänger Morteza Pashaei politisch zu deuten. BHL versichert den Ukrainern, dass Frankreich keine Hubschrauberträger an Russland liefern wird. Warum wurde bei Günther Jauch eigentlich nie über den Abschuss des Flugs MH 17 gesprochen, fragt Jan Fleischhauer in Spiegel Online. Das Europäische Parlament kann Google gar nicht zerschlagen, stellt Thomas Knüwer in seinem Blog richtig. Den Schweizer Gurlitt-Erben geht's nur um Geld, klagt Gurlitts Anwalt Hannes Hartung in der Welt.

Bevorzugung eigener Dienste

25.11.2014. Im Tages-Anzeiger erklärt der Direktor des Kunstmuseums Bern Christoph Schäublin, warum Deutschland alle finanzielle Risiken übernimmt, während sein Museum das Gurlitt-Erbe erhält. Jedenfalls war Erben nie so bequem, meint der Standard dazu. Das EU-Parlament will Google zerschlagen, aber zum Glück für Google wird der Beschluss nicht bindend sein, meldet das Handelsblatt. Die taz diskutiert die Frage, ob eine Kirchensteuer den Islam in Deutschland integrieren würde.

Es kommt dieses Inter

24.11.2014. In der taz glauben Gabriele Goettle und Ute Scheub parallel und unbeirrt an den Verfall des Kapitalismus. A propos: Heise.de fragt, ob die EU wirklich Google zerschlagen will. Quartz.com misst die Dialektik der Frauenabteile in der Metro von Delhi aus. Sascha Lobo und Christopher Lauer glauben in der FAZ am Sonntag: der größte Fehler der Piraten war ihre Kritik am Urheberrecht. Und Boingboing zieht Bilanz nach zwölf Jahren Creative Commons.

Geh das Risiko ein und nimm ihn mit in die Berge

22.11.2014. Nach der Entscheidung des Berner Kunstmuseums das Erbe Cornelius Gurlitts anzutreten, sind sich die Zeitungen uneins: Ist der Fall damit elegant gelöst? Oder geht das Schlamassel jetzt von vorne los? Laut Financial Times will das Europäische Parlament Google entflechten. In der taz klagt Muhammad Idrees Ahmad, dass selbst so renommierte Journalisten wie Seymour Hersh der Assadschen Propaganda aufsitzen. Der russische Geheimdienst-Oberst Igor Girkin erzählt einer russischen Zeitung, wie er den Krieg im Donbass vom Zaun brach.

Die Archive der Diktatur

21.11.2014. Dem britischen Geheimdienst gehören Tochterfirmen der Vodafone, und sie haben fleißig gelauscht, berichten SZ, NDR und WDR. Die Politologin Ulrike Guérot beklagt in Carta den Zustand der EU, und schuld ist Deutschland. Amy Knight fragt im NYRBlog, warum der Westen Russland nicht mit seiner Verantwortung für den Abschuss der MH 17 konfrontiert. In der SZ freut sich Norman Manea über den Wahlsieg des Klaus Johannis in Rumänien. Und wer bei den New York Times entlassen wird, bekommt keinen Klaps auf die Schulter.

Im Ödland einer gequälten Zivilisation

20.11.2014. Der Terror der IS-Milizen treibt den libanesischen Journalisten Hisham Melhem in der Zeit zur Verzweiflung, in der NZZ sucht der Soziologe Hans-Peter Müller nach den Motiven. The Humanist stellt jedenfalls fest: Der islamistische Terrorismus ist auch statistisch gesehen zur Zeit die schlmmste Gewalt-Ideologie. In der FAZ konzediert Springer-Lobbyist Christoph Kesse, dass Googles Snippets dem Konzern Millionen bringen. Im Standard sucht Wladimir Kaminer nach Gründen für die Apathie der russischen Öffentlichkeit.

Sofern das auch für dich ok ist

19.11.2014. In der FAZ will Juri Andruchowytsch die Europäer wachrütteln. Die SZ fragt: Wen vergisst Helmut Schmidt, wenn er Russland "unseren Nachbarn" nennt? "Well Shit", ruft Techcrunch zur Nachricht, dass die NSA-Reform in den USA vorerst scheitert. In Rue89 erzählt der Politologe Asiem El Difraoui wie Dschihad zu Pop wurde - deutsche Islamisten spielten dabei eine wesentliche Rolle. Die Welt empfiehlt, aus Gender-Gründen in Popsongs künftig statt des "Babys" die "Lebensabschnittsgefährt_In" anzusingen.

Wir als durchblickerische Bürger

18.11.2014. In Deutschland startet im Netz der Propagandasender RT Deutsch, der mit russischem Staatsgeld vorgibt, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Krautreporter und Deutschlandfunk informieren. Frankreich ist schockiert, dass Franzosen an den jüngsten Snuff Videos der IS-Miliz beteiligt sind. Der Journalist David Thompson sieht sie in Libération als das wichtigste Rekrutierugsinstrument der Terroristen. In der Welt verteidigt Monika Grütters ihre Filmförderpolitik. Der Abschlussbericht zum Thema Pädophilie bei den Grünen schmeckt Jan Feddersen in der taz bitter. In der NZZ erklärt der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej, warum Putin den Hitler-Stalin-Pakt so gut findet.

Putin kommt! Putin kommt!

17.11.2014. In der Wiener Zeitung beschreibt Maria Lipman die russische Ideologie, während Slate.fr die Ideologie des "Islamischen Staats" analysiert. Die FR erzählt, wie das Deutsche Reich einst den Dschihad anstachelte. Noch ein Referendum? Die schottische Frage ist noch nicht erledigt, meint die Welt. Und Bloomberg präsentiert die Grafik des Tages: Die Aktie von Apple ist inzwischen mehr wert als der ganze russische Aktienindex.

Kontoführung, Sozialkosten, Fürsorge

15.11.2014. In der taz erklärt Elena Poniatowska Mexiko zu einem gescheiterten Staat, will die Hoffnung auf die Jugend jedoch nicht aufgeben. In der FAZ berichtet Güner Yasemin Balci vom lukrativen Grenzschmuggel mit dem Islamischen Staat. Auf Slate wünschte sich Anne Applebaum ein bisschen mehr Angriffslust von den Deutschen. Die NZZ erklärt, wo Dummheit profitabel wird. Und laut Turi2 mehren sich die Anzeichen für ein Ende des ungeliebten Schnüffel-Gadgets Google Glass.

Geschwind ins Irrwitzige

14.11.2014. Amazon und Hachette haben ihren Krieg beigelegt, nicht alle sind damit zufrieden. Die Welt fragt: Wo sind eigentlich die SED-Milliarden? Der Tagesspiegel glaubt, dass jetzt in Berlin ein Museum der Moderne gebaut wird - Gelder wurden jedenfalls bereitgestellt. Die NRW-Warhols sind versteigert und sanieren die Spielbank des Landes. Peter Mathews teilt im Perlentaucher Katajun Amirpurs Ansichten über das Recht, den Koran zu zitieren, ganz und gar nicht.

Zahnmedizinisch ist Technikskepsis unangebracht

13.11.2014. Die Öffentlichkeit hat zwar für Heideggers Manuskripte bezahlt - aber die Erben entscheiden, was veröffentlicht werden darf, bis er siebzig Jahre tot ist, hat die Zeit herausgefunden. Amazon nimmt uns den Namen "Buch" weg, klagt das Blog Mobylives, nachdem Amazon den Domain-Namen .book ersteigert hat. Die russische Menschenrechtsgruppe Memorial ist bedroht, berichten FAZ und Libération. Die Zeit diskutiert den Abschlussbericht zum Thema Pädophilie bei den Grünen. Die taz analysiert die russische Medienpolitik im besonders anfälligen Deutschland.

Schweinkram gegen Saumagen

12.11.2014. Die taz erzählt, wie in Bulgarien eine neuerliche Maueröffnung vereitelt wurde. Und das ist Kunst, meint der Tagesspiegel. Wo blieb zum Mauerfall die Stimme der Bürgerrechtler, fragt die Welt. Die Boston Review begibt sich in den rauen Wind des Katholizismus, der nach wie vor durch Irland weht. In der NZZ weist Katajun Amirpur nach, dass man auch mit dem Koran gegen den "Islamischen Staat" argumentieren kann. Und bei Carta plädiert Sonja Vukovic für die Freigabe harter Drogen.

Die Wurst aber hatte bislang Erfolg

11.11.2014. Wladimir Putin verteidigt seit neuestem den Hitler-Stalin-Pakt und bricht damit ein altes Tabu. Warum erscheint ihm die Annäherung an Nazi-Deutschland heute so opportun, fragt Timothy Snyder im NYRBlog. Die taz debattiert über Sterbehilfe. Zygmunt Bauman vermisst im Eutopiamagazine das Alternativen-Angebot der Vorwendezeit. Enrique Krauze fragt in El Pais, ob Mexikos Demokratie die Zeit der Morde überstehen wird.

Der Kriegszustand ist das Lebenselixier

10.11.2014. In der Basler Zeitung schildert Michail Schischkin den Alptraum des Wladimir Putin und seine Selbsttherapie. El Pais ist sauer auf Katalonien. Die FAZ erklärt, warum der chinesische Begriff des Rechtsstaats einer des kleinen Schmerzes ist. Gebt die Ukraine nicht auf, ruft die Welt. Und, ach ja, der BND braucht mehr Geld!

Wir sollten hinter der Mauer verschimmeln

08.11.2014. 25 Jahre Mauerfall. Ein paar sind heute noch sauer auf die DDR. Ines Geipel zum Beispiel, die im Standard erklärt, warum sie sich mit Pittiplatsch und Schnatterinchen bis heute nicht versöhnt hat. Die SZ ist sauer auf Wolf Biermann. Monika Maron weigert sich in der Welt, Zeitzeugin zu sein. Im Freitag erklärt der Philosoph Peter Engelmann, warum  Derridas Dekonstruktion allen Dissidenten nützen kann. In der taz baut Brendan Simms eine neues Europa mit Zutaten aus Deutschland, Irland und Großbritannien.

Diese Schablone

07.11.2014. Im NYRBlog schreibt Alma Guillermoprieto über das anhaltende Entsetzen in Mexiko nach dem Mord an 43 Studenten. Der britische Geheimdienst GCHQ ist traurig über die nachlassende Kooperationsbereitschaft von Internetfirmen, meldet zeit.de. Im Tages-Anzeiger erklärt Thomas Hürlimann, warum er sich so vor der EU ekelt. Abdelwhab Meddeb ist gestorben. Le Monde beschreibt seine unkomfortable Position zwischen den Stühlen. Wir verlinken auf seine Radiosendung und ein altes Interview in der Zeit.

Wo das Jammern aufhört

06.11.2014. In der Welt hofft Laura Poitras auf eine Alternative zu Google. Auch der Springer Verlag hofft auf eine Alternative zu Google, kooperiert aber vorerst wieder mit der Suchmaschine, um die schönen Klicks nicht zu verlieren, berichtet heise.de. Achille Mbembe benutzt das Wort "Neger" in seiner "Kritik der schwarzen Vernunft" zwar mit polemischer Absicht, aber dem Freitag ist trotzdem unbehaglich. Das Netz ist wie stets an vielem Schuld, heute etwa am Niedergang des Völkerrechts und der Verrohung der Sprache.

Das ist Grieg

05.11.2014. In der Welt spricht der ehemalige Staatsanwalt Gerhard Wiese über den historischen Auschwitz-Prozess als Zäsur. Die FAZ erzählt, wie Google Daten von Islamkritikern an Islamisten liefert. Laut Poynter gründet die ehemalige Chefredakteurin der New York Times Jill Abramson ein Start up nur für Longreads - und die Autoren bekommen 100.000 Dollar Vorschuss. Und Telepolis fragt, warum der Mord an Theo van Gogh in der Linken bis heute kein Nachdenken auslöst.

Wessen Wahrheit ist wahr?

04.11.2014. New Republic erklärt, wie und warum das deutsche Fernsehen amerikanische Stars traumatisiert. In der FR denkt Brendan Simms ebenfalls über ein deutsches Problem nach und findet die britische Lösung. Huffpo.fr deckt Verbindungen zwischen dem iranischen Regime und der extremen Rechten in Frankreich auf. In der taz schreibt der ukrainische Journalist Juri Durkot über die Wahlfarce in den ukrainischen Separatistengebieten.

Dieses fucking Datum

03.11.2014. Auch zehn Jahre danach laborieren die Niederlande noch am Trauma des Mords an Theo van Gogh, konstatiert die taz. Mashable illustriert die Wahlposse in den ukrainischen Separatistengebieten mit einer beeindruckenden Bilderstrecke. Im Blog Monday Note erklärt Frédéric Filloux, warum er nicht an ein Itunes für Zeitungsinhalte glaubt. Die SZ kritisiert die Einstellung von Mare Nostrum.

Themen, über die man besser nicht redet

01.11.2014. In der huffpo.fr erinnert Benjamin Stora an das blutige Allerheiligen in Algerien vor sechzig Jahren. Gedenken an Theo van Gogh, der vor zehn Jahren ermordet wurde? Fehlanzeige, zumindest in den Niederlanden, schreibt die Welt. Ebendort erklärt Dacia Maraini ihr Hoffen und Bangen in bezug auf Matteo Renzi. In der taz spricht Scholastique Mukasonga über Genozid und Versöhnung in Ruanda. Und die NZZ findet die spanische Google-Steuer ziemlich fatal.