9punkt - Die Debattenrundschau

Das Unsagbare

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.11.2016. Die Franzosen werden nicht Marine Le Pen wählen. Sie würden sich niemals erlauben, Briten und Amerikaner nachzuäffen, beteuert politico.eu. Buzzfeed beleuchtet das Mediennetzwerk der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung in Italien.  Arge Verstimmung in der FAZ: Die Deutsche Nationalbibliothek hindert sie, Bücher haptisch zu rezipieren - schuld ist mal wieder George Soros. Der Manufacturing Belt wurde nicht durch die Globalisierung zum Rust Belt, legt der Stadtplaner Reinhart Wustlich in der FR dar. Je jünger die Leute, desto weniger glauben sie an Demokratie, hat die New York Times herausgefunden.

Europa

Es gibt einen einfachen Grund, warum die Franzosen Marine Le Pen am Ende nicht wählen werden, schreiben Jacques Lafitte und Denis MacShane in politico.eu: "Franzosen machen die Dinge gern anders als andere. Und mehr als andere hassen sie es, wenn man ihnen erzählt, dass sie andere Leute kopieren werden, besonders, wenn diese Leute 'Angelsachsen' sind."

Nicht mal mehr große Worte hat Frankreichs Politik für die Kultur übrig, seufzt Joseph Hanimann in der SZ, von Geld und Engagement ganz zu schweigen: "Der stolzen Devise 'Elitekunst für alle' des Theaterregisseurs Jean Vilar in den Pionierjahren des zentralstaatlichen Engagements steht heute die Realität gegenüber, dass mehr als die Hälfte der Franzosen keinerlei Umgang mit kulturellen Werken haben. Mehr noch: Die klassische Bedeutung von Kultur als Gefüge aus Erbe und Schaffenskraft schwindet. An ihre Stelle tritt die Auffassung, dass sich der Begriff 'Kultur' als kollektive Identitätsnorm aus unantastbaren Umgangsformen und ewigen Werten festschreiben lasse. Mit den kommenden Präsidentschaftswahlen, so fürchtet die Zeitung Le Monde, werde sich dies noch verstärken."
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Medien

In Buzzfeed beleuchten Alberto Nardelli und Craig Silverman das Medien-Imperium der strikt pro Putin eingestellten linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung in Italien mit Blogs wie Tzetze und Youtube-Channels wie La Cosa, die fleißig Verschwörungstheorien produzieren: "Im Zentrum dieses Netzwerks untereinander verbundener Blogs und Webseites steht Casaleggio Associati, die Tech-Firma des Fünf-Sterne-Mitbegründers Gianroberto Casaleggio, der im April gestorben ist. Die Firma wird heute von seinem Sohn Davide geführt, ihr gehören sowohl Tzetze als auch La Cosa und die Gesundheitsseite La Fucina, die oft über Wunderheilungen berichtet und gegen Impfungen Stimmung macht."

Der Blogger Christoph Kappes ruft zur Gründung von Schmalbart auf, einem Dienst der geplanten deutschen Ableger von Breitbart und andere rechtspopulistische Dienste beobachten und gegen deren Meldungen kontern will: Die Breitbart-Kombination "von Turbo-Boulevard mit politischer Agenda und bekannter Marke gibt es in Deutschland bisher nicht. Ich selbst bin zu privaten Forschungszwecken seit einigen Monaten in einer größeren geschlossenen Rechtsaußen-Gruppe auf Facebook und sehe dort viele kleine Websites dieser Art, aber je reichweitenstärker und professioneller die Angebote sind, desto eher scheinen sie den Sound zurückzunehmen, um über den Anschein der Seriosität die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Breitbart ist anders - Breitbart knallt das Unsagbare sozusagen raus."
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Politik

Nicht die Globalisierung hat die Regionen der amerikanischen Schwerindustrie zerstört, ruft der Stadtplaner Reinhart Wustlich in einem sehr lesenswerten Text in der FR. Die Verwandlung vom Manufacturing Belt in den Rust Belt hat bereits in den siebziger Jahren eingesetzt, und schon seit vierzig Jahren sei Detroit die Stadt der shit jobs und des miserable life: "Leerstände, Verwüstung der Bausubstanz, Brände in Stadtquartieren, Abriss auf großen Flächen prägten das Bild der Stadt. Der gesamte 'Rust Belt', bezogen auf die Städte Cleveland, Detroit, Buffalo und Pittsburgh hatte zwischen 1970 und 2006 fünfundvierzig Prozent seiner Bevölkerung verloren. In Cleveland und Detroit büßten die privaten Haushalte um die dreißig Prozent ihrer Einkommen ein. Vor dem Hintergrund dieses jahrzehntelangen Abstiegs war es eher erstaunlich, dass der 'Rust Belt' als Hochburg der Demokraten, als blaue Barriere, so lange durchhalten konnte."

Die New York Times präsentiert eine erschreckende Grafik: Die Zustimmung zur Demokratie nach Geburtsjahrgang in verschiedenen Ländern:


Amanda Taub macht im zugehörigen Artikel auf weitere schlimme Zahlen aufmerksam: "In einem früheren Papier errechneten Forscher, dass 43 Prozent der Amerikaner es illegitim fänden, wenn das Militär die Regierung im Falle von deren Inkompetenz übernimmt, nur 19 Prozent der Millennials stimmten zu. Die gleiche Generationenkluft zeigte sich in Europa, wo 53 Prozent der älteren, aber nur 36 Prozent der Millennials zustimmten."
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Wissenschaft

Apokalyptisches Tremolo in der FAZ (auch wenn die Nachfolger es irgendwie nie so gut hinkriegen wie der unvergessene Frank Schirrmacher). Die Deutsche Bibliothek in Frankfurt hat die Leser unterrichtet, dass die Bücher, die auch in elektronischer Form vorliegen, an die Nutzer künftig in elektronischer Form aushändigen will. Eigentlich geht es Thomas Thiel im groß präsentierten Feuilletonaufmacher aber gar nicht um das haptische Erlebnis, mal ein schönes Papierbuch zu durchblättern, sondern er verteidigt den Standpunkt der Verlage gegen Open Access: "Politik und Wissenschaftsorganisationen folgen blind einer kleinen, aber gut vernetzten Aktivistengruppe, die sich, getrieben von einem veritablen Verlegervernichtungshass, zu nützlichen Idioten von Großinvestoren macht, die wiederum Bibliotheken und Wissenschaftler gegeneinander ausspielen. Kein Zufall, dass die Open-Science-Bewegung von dem Finanzinvestor George Soros mitbegründet wurde."

Tilman Spreckelsen hatte es ebenfalls in der FAZ neulich noch viel sachlicher gesehen: Die DNB sammelt Pflichtexemplare der Verlage - ihre Aufgabe ist das Sammeln und Bewahren der Bücher, und ein elektronisches Exemplar kann man nicht schief lesen. Jochen Hieber hatte zuvor aber bereits die "Zwangsdigitalisierung" beklagt und darauf hingewiesen, dass er Bücher nicht nur liest, sondern rezipiert.
Archiv: Wissenschaft

Geschichte

Die Holocaust-Überlebende Eva Mozes Kor wendet sich im Gespräch mit Anne-Catherine Simon von der Presse gegen eine Selbstfdefinition über den Opferstatus und eckt damit auch bei vielen Juden an. Wer nicht vergebe und auf die Reue der Täter warte, gebe den Tätern nur ein weiteres Mal Macht, sagt sie: "Auch Hitler und Himmler und Mengele, allen habe ich vergeben. Sich damit zu beschäftigen, wer mir was angetan hat, wird zu einer Buchhaltung, die eine gefährliche Falle für die Opfer ist. Es ist ein endloser Teufelskreis, ein Terrain, auf dem man nie gewinnen kann. Ich habe aber nur ein Leben, und das möchte ich so gut wie möglich leben!"

Für die NZZ besucht Judith Leister das Sudetendeutsche Museum in München, in dessen Wissenschaftlichen Beirat auch die tschechische und jüdische Seite vertreten war.
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Stichwörter: Holocaust, Opferdebatte

Gesellschaft

Das Bundesverfassungsgericht hat im Fall einer Erziehrin in Baden-Württemberg für das Recht auf Kopftuch entschieden. Sunny Riedel begrüßt das Urteil in der taz: "Die Entscheidung ist vor allem deshalb richtig, weil sie die Lebensrealität Zehntausender Familien anerkennt. Wenn an Elternabenden reihenweise Mütter mit Kopftuch sitzen, in der Kita diese aber maximal als Putzfrau vorkommen, ist das ausgrenzend. Muslimische Kinder, deren Mutter, Tante, Cousine Kopftuch tragen, sollten nicht nur früh erleben, dass ihre Familien Teil der Gesellschaft sind."
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

In der FAZ kann der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan nur darüber spekulieren, was die iranische Regierung davon abhält, die Farah-Diba-Sammlung in Berlin zu zeigen (mehr dazu hier): Fürchtet sie Ansprüche der alten Schah-Familie? Fehlen wichtige Werke? Er empfiehlt gepflegt-diplomatischen Austausch mit dem Herrn Außenminister: "Nicht, dass der Eindruck entsteht, Herr Zarif zähle zu jenen Fundamentalisten, die keine Krawatte tragen, keinen Wein trinken und Frauen nicht die Hand geben. Dieser Eindruck ist falsch. Herr Zarif hat in den Vereinigten Staaten studiert, bis vor Kurzem Zigarren geraucht, und seine Kinder hatten Musikunterricht (im iranischen Fernsehen ist das Zeigen von Musikinstrumenten verboten); er nutzt soziale Netzwerke (Facebook wird in Iran gefiltert); er trägt von einem Schneider in New York angefertigte Maßhemden und hat sogar sein eigenes Label."
Stichwörter: Iran, Soziale Netzwerke