Efeu - Die Kulturrundschau

Sanft auf Lendenhöhe

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29.11.2016. Am Deutschen Theater rutscht Stefan Pucher mit seiner Inszenierung des Peter-Weiss-Stücks "Marat/Sade"  auf der Ironieschmierseife aus, notiert die Berliner Zeitung. No sir, entgegnet die nachtkritik, der Stückeleichnam wurde wiederbelebt. Der Guardian porträtiert die Künstlerin Heather Phillipson, die gerade den Jarman Award gewonnen hat. In der NZZ erklärt der irakisch-kurdische Autor Bachtyar Ali, warum das Exil ihm beim Schreiben hilft.

Bühne


Szene aus "Marat/Sade" am Deutschen Theater Berlin. Foto: Arno Declair

Der rutscht auf seiner eigenen "Ironieschmierseife" aus, meint Dirk Pilz in der Berliner Zeitung über Stefan Puchers Inszenierung des Peter-Weiss-Stücks "Marat/Sade" am Deutschen Theater. Dabei gibts tolle Schauspieler, auch treffende Szenen, nur mit Revolution kann Pucher nichts anfangen kann: "Der Abend wirkt oft, als ängstige sich die Regie vor den Unberechenbarkeiten des Spiels selbst. Er ist deshalb mit lauter bunten Girlanden behangen: Den Schauspielern wurden Puppenbeine umgebunden, auf dass sie zu Verfremdungsmaschinen werden; Anita Vulesica ist es als Conférencieuse aufgegeben, immer dann in die Szenen zu platzen, wenn diese ihren Theater-Theater-Kokon verlassen wollen, wenn der schwarz gekleidete, scharfe Uniformchor die Revolution herbeiruft vor allem. Schnell wieder lustig sein, das ist das Motto."

In der nachtkritik findet es Simone Kaempf gerade gut, dass Pucher "diese überbordende Oberflächen-Ausstattung, die manch trockene Textthese aufgepeppt materialisiert unterläuft. Etwa stehen guillotinierte Köpfe mahnend aufgespießt auf Holzstäben während Marat und Sade über die Schönheit des Sterbens diskutieren. Oder: Marat schwingt seine Rede von der Gleichheit, während seine Frau eine Brotzeit zerschneidet und auf dem Brett herumreicht. Subtile Szenen über die Kluft zwischen Reden und Handeln, Handlung. Ein Abend, der nie so tut, als würden die Brandreden seiner Figuren zu einer Lösung führen. Mit Peter Weiss' weltanschaulich offenem Ende ist es Stefan Pucher ernst. Aber er treibt auch sein Spiel damit."

Weitere Artikel: In der nachtkritik notiert Jan Fischer Tendenzen bei "Fast Forward", dem europäischen Festival für junge Regie in Braunschweig: Dass "größtenteils die Politisierung von der Beobachtung hin zum Aktivismus fortgeschritten ist", stimmt ihn optimistisch, obwohl der Publikumspreis an das einzige, dezidiert unpolitische Stück ging. In der Presse unterhält sich Katrin Nussmayr mit dem Schauspieler Stefan Suske, der gerade mit "Der Trafikant" nach dem Roman von Robert Seehofer durch die Wiener Bezirke tourt. Davor war er in der Schweiz engagiert, am Schauspielhaus Graz. Darum kann er was erzählen über den Unterschied zwischen dem Wiener und dem Schweizer Publikum: "Ich erinnere mich, da hat einmal der Michael Heltau im Burgtheater gespielt, und in der Pause hat jemand gesagt: 'Na, also der ist heute überhaupt nicht in Form.' Das würde man in der Schweiz nie sagen! Man würde gar nicht auf die Idee kommen, dass ein Schauspieler Schwankungen hat!'" In der nachtkritik improvisiert die Wiener Autorin Teresa Präauer über Gemeinsamkeiten von Theaterspielen und Fliegen.

Besprochen werden Isabelle Schads Tanzstück "Pieces and Elements" im Hebbel am Ufer (Tagesspiegel) und Jan Bosses Adaption von Dostojewskis "Der Spieler" im Hamburger Thalia Theater (nachtkritik).
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Stichwörter: Stefan Pucher, Peter Weiss

Film

Florian Vollmers berichtet auf critic.de vom Filmfestival in Tallinn. Besprochen werden Denis Villeneuves Linguisten-Science-Fiction-Film "Arrival" (online nachgereicht von der Zeit, unsere Kritik hier) und Khavns "Alipato" (taz, unsere Kritik hier).
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Stichwörter: Denis Villeneuve

Literatur

Elf Romane hat der irakisch-kurdische Autor Bachtyar Ali geschrieben, doch erst letztes Jahr wurde der erste auf Deutsch veröffentlicht, "Der letzte Granatapfel", obwohl er seit zwanzig Jahren in Deutschland lebt. Das Exil, sagt er im Interview mit der NZZ, ist eine wichtige Voraussetzung für sein Schreiben. Zuhause hätte er das so nicht gekonnt: "Ich empfinde diese Distanz als Notwendigkeit für einen Schriftsteller. Wenn man mittendrin ist, passt man ständig auf, denn in orientalischen Gesellschaften gibt es zahlreiche innere und auch äußerliche Barrieren - moralische und kulturelle Hemmnisse, die man überwinden muss. Wäre ich nicht in Deutschland gewesen, dann hätte ich alle diese Bücher nicht geschrieben. Ich hätte die Ruhe nicht gefunden, meine Heimat so vertieft und auch kritisch anzusehen; und hier kann ich mich auch von der Selbstzensur befreien, die das Leben in unseren Gesellschaften mit sich bringt."

Weitere Artikel: Anlässlich seines 135. Geburtstags erinnert Martina Farmbauer im Standard an Stefan Zweigs Reisetagebuch "Kleine Reise nach Brasilien", das erstmals in portugiesischer Übersetzung erscheint.

Besprochen werden Patrick McGinleys Kriminalroman "Bogmail" (FR), Kathrin Schmidts Roman "Kapoks Schwestern" (NZZ), Birgit Birnbachers Debütroman "Wir ohne Wal" (NZZ), Christa Wolfs Briefband "Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten" (Tagesspiegel), Gerhard Stadelmaiers Roman "Umbruch" (Tagesspiegel) und David Mitchells Essay über das Stottern (Tagesspiegel) und Richard Flanagans Roman "Die unbekannte Terroristin" (TagesAnzeiger).
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Architektur

Der rot-rot-grüne Berliner Senat erwärmt sich für den bereits seit längerem diskutierten Vorschlag, die Spree rund um die Museumsinsel zu einem Flussbad für die Öffentlichkeit umzufunktionieren. Für die damit verbundenen, warmen Vokabeln und Sentenzen im Koalitionsvertrag - "der direkte Zugang zur Spree holt die Berliner aus dem Kiez ab und bringt sie in die Mitte zurück" - hat Jürgen Kaube in der FAZ nur Spott übrig: "Es liegt auf der Hand, dass die pathetisch gestellte Frage, wem in Zukunft Berlins Mitte gehören soll, nicht durch das Mitbringen von Badehosen beantwortet werden kann, weil das ja auch den Jungs aus dem Billigflieger aus Liverpool möglich ist"

Weiteres: Im Tagesspiegel erzählt Elke Linda Buchholz die derzeit in einer Ausstellung vorgestellte Geschichte der 1922 gebauten Berliner Villa Haus Buchthal, die 1922 im expressionistischen Stil errichtet wurde, dann aber von einer neusachlichen Fassade ummantelt und nun wieder freigelegt wurde. In der FAZ mokiert sich Jürgen Kaube über

Besprochen werden die Ausstellung "Bauen mit Holz" im Berliner Gropiusbau (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Schloss. Stadt. Berlin" im Ephraim-Palais (SZ).
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Kunst


Heather Phillipson in der Frankfurter Schirn 2015

Im Guardian porträtiert Adrian Searle die Künstlerin Heather Phillipson, die gerade den Jarman Award gewonnen hat. Phillipson hat drei Gedichtbände veröffentlicht, Filme gedreht und Kunstinstallationen entworfen - manchmal alles in einem: "Ihre Gedichte sind inzwischen das Herz ihrer Videos und Installationen, vorgetragen mit todernster Miene über kitschigen Bildern, Cartoonelementen, Explosionen oder found-footage-Fetzen. Ihre Arbeit ist von einer schrecklichen Ausgelassenheit geprägt. Manchmal verstehen die Leute den Wechsel im Ton nicht, sagt sie. Es muss immer einen Augenblick elektrischer Aufladung geben zwischen den verschiedenen Elementen. 'Meine Arbeit handelt oft von aktuellen Ängsten', sagt sie. ... Eine sehr oberflächliche Lesart ihrer Arbeit sei es, sie als bunt und lustig zu beschreiben. 'Aber ich glaube, meine Arbeiten werden immer wütender und überpolitisch. Wenn ich zurückblicke auf ältere Sachen, dann gab es diese wundervoll unschuldige Zeit, in der ich ein Video über french kissing machen konnte. Natürlich war es nicht einfach nur das, aber ich musste nicht über Faschismus nachdenken, dass er vor meiner Tür stand."

Besprochen werden eine Weihnachtsausstellung mit Bildern und Plastiken des Hoch- und Spätmittelalters im Frankfurter Liebieghaus (FAZ), die Fotoausstellung "Ich habe mich nicht verabschiedet. Frauen im Exil" von Heike Steinweg in der Galerie im Tempelhof Museum in Berlin (zeit online), die Ausstellung "Bling Bling Baby!" im NRW-Forum in Düsseldorf (lässt jedes sozial Bewusstsein vermissen, ärgert sich Michael Kohler in der FR), die Schau "You Say You Want a Revolution?" im Londoner Victoria and Albert Museum (NZZ), eine Ausstellung des Fotografen Robert Haas - "Der Blick auf zwei Welten" - im Wien-Museum (Standard), die Ausstellung "Bauen mit Holz" im Martin-Gropius-Bau (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Natur auf Abwegen. Mischwesen, Gnome und Monster (nicht nur) bei Hieronymus Bosch" in der Wiener Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste (Standard).
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Musik

Abel Tesfaye alias The Weeknd hat nicht eben geringe Ansprüche, erfahren wir von Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Er will auf den vakant gewordenen Popthron. Das neue Album "Starboy" changiert laut Bartels auch souverän zwischen Clubs und Charts, wobei es für den Kritiker dann doch jene "Stücke [sind], die nicht sofort nach den Charts schreien, in deren Tonspur nicht in Großbuchstaben das Wörtchen Pop steht, die ruhigeren, seelenvolleren, die dieses Album zu einem so runden und reifen und wirklich großen machen ... Wie schön und sanft, wie melancholisch und Tragik-umflort dieser Abel Tesfaye mit seiner Falsettstimme singen kann!"

Julian Dörr sieht das in der SZ anders: Ja, The Weeknd war mal ein Hoffnungsträger. Aber: Dieses Album reihe bloß aneinander, "was Popmusik gerade so braucht: einen stolpernden Trap-Beat, Autotune und allerlei andere Stimmspielereien und ein paar anerkannte Gaststars für den künstlerischen Tiefgang. ... In seiner totalen Gegenwärtigkeit ist es gänzlich charakterlos. Man schlittert durch sumpfig-warme Produktionen, der Beat wummert meist sanft auf Lendenhöhe. Von der Paranoia und der Getriebenheit des frühen The Weeknd ist nichts geblieben." Hier das Video zum Titelstück, das in Zusammenarbeit mit Daft Punk entstanden ist:



Weiteres: The Quietus bringt den Dancefloor-Aktivisten Moby und Steve Ignorant von der Anarchopunk-Legende Crass miteinander ins Gespräch, bei dem sie sich sich als erwartbar einig über die aktuelle politische Lage erweisen. In der NZZ bringt Alexander Odefey Hintergründe zur heutigen Versteigerung des Autografs von Mahlers zweiter Sinfonie.

Besprochen werden der Frankfurter Auftritt des Rappers Danny Brown (FR), die Ausstellung "You Say You Want a Revolution?" im Victoria & Albert Museum in London über die politische Popkultur der späten 60er (NZZ), ein Konzert der Pianistin Mitsuko Uchida (Berliner Zeitung), Peter Doherts "Hamburg Demonstrations" (Spex), Konzerte von Murray Perahia und Rudolf Buchbinder beim Lucerne Festival (NZZ), der Tourauftakt der Pet Shop Boys (taz), das neue Album "Winter Wheat" von John K. Samson (FAZ), Ed Piskors Comic "Hip Hop Family Tree - Die frühen Jahre des Hip Hop" (SZ) und die kiloschwere, multimediale Box "The Early Years: 1965 - 1972" mit Archivmaterial aus der Frühgeschichte Pink Floyds, die Peter Kemper von der FAZ aus den Socken haut: "Dieser Monolith mit mehr als zweihundert unveröffentlichten Aufnahmen in der an spektakulären Archiv-Ausgaben nicht armen Rockgeschichte [sucht] seinesgleichen." Die Präsentation dieser Box dauert denn auch über 80 Minuten und bietet großzügige Eindrücke und Ausschnitte:

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