9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Juni 2024
29.06.2024. Wenn der RN an die Macht kommt, droht ein sozialer Bürgerkrieg, befürchtet im Tagesspiegel der Politikwissenschaftler Frédéric Sawicki. Die Franzosen beharren zu sehr auf ihrem depressiven Trotz, um sich vom Schamanen Macron heilen zu lassen, glaubt Peter Sloterdijk, der sich in der FR weniger Sorgen um Europa als um "aufgeblasene Kunstprodukte" wie Russland und China macht. In der SZ ermutigt Ahmad Milad Karimi, Professor für Islamische Philosophie, Muslime, Haltung gegen Islamismus zu zeigen. Die Flüchtlinge im Gazastreifen müssen sofort nach Hause zurückkehren, fordert Omri Boehm, der in der FAS vor einer "ethnischen Säuberung" warnt.
28.06.2024. Große Panik nach der ersten TV-Debatte des amerikanischen Wahlkampfs: Ist Joe Biden noch als Präsidentschaftskandidat geeignet, fragt die New York Times. Auch individuelle Freiheit ist ein Zwang, meint Rechtsprofessor Christoph Möllers im Tagesspiegel, auch mit Blick auf die Klimapolitik. In Le Point erläutert der Historiker Iannis Roder Jean-Luc Mélenchons Begriff des "residuellen" Antisemitismus. Die Ruhrbarone porträtieren Andreas Görgen. Die FAZ interviewt Thomas Meyer über die Zionistin Hannah Arendt.
27.06.2024. Warum sehnen sich die Menschen nach einer glorreichen Vergangenheit, wie sie Populisten propagieren, fragt der Schriftsteller Georgi Gospodinov in der Zeit: Weil ihre Zukunft so düster aussieht, antwortet er. Gibt es einen deutschen "Schuldkult" in Bezug auf Israel? So ein Quatsch, ruft die SZ. Die Zeit blickt außerdem besorgt auf den um sich greifenden Boykott israelischer Universitäten. Im Tagesspiegel findet Don Winslow, man müsse auch angesicht eines Donald Trump nicht ständig den Untergang prophezeien. Der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff analysiert auf Zeit Online die Bildsprache von Wiki-Leaks.
26.06.2024. Die Erleichterung ist groß: Julien Assange ist frei. Während er selbst und auch die US-Regierung klar als Gewinner aus der Affäre herausgehen, macht Zeit Online eine große Verliererin aus: die Pressefreiheit. Es sind vor allem jüdische Stimmen, die sich gegen die französische Linke unter Jean-Luc Mélenchon richten: der Autor Boris Cyrulnik fühlt sich an die dreißiger Jahre erinnert, sagt er im Gespräch mit La Tribune. "La France Insoumise ist eine antisemitische Partei", warnt auch Bernard-Henri Levy in der SZ . Die Feuilletons freuen sich über die Verleihung des Friedenspreises an Anne Applebaum.
25.06.2024. Julian Assange ist frei! Er hat sich mit dem amerikanischen Justizministerium auf einen Deal geeinigt, berichtet die FAZ. Der Spiegel porträtiert die angesagte linke Theoretikern Lea Ypi und weiß danach immer noch nicht, was ihr "moralischer Sozialismus" sein soll. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann hat den Kulturbetrieb als "extrem exklusiv" bezeichnet: Die SZ ist empört. In der FAZ analysiert Wolfgang Matz das Scheitern Emmanuel Macrons.
24.06.2024. Wer die Morde der Hamas als Befreiungstaten ansieht verdient den Vergleich mit rechtsextremen Holocaustleugnern, die seinerzeit die Attentäter des 11. September als Helden feierten, findet Jan-Philipp Reemtsma in der FAZ. Serge Klarsfeld hat bekannt, er würde Rassemblement national wählen, falls die einzige Alternative ein Kandidat von Mélenchons La France Insoumise wäre. In der taz sieht es Beate Klarsfeld ganz genauso. In insider.ru warnt der russische Schriftsteller Boris Akunin: Putin ist nicht mittelmäßig. Die Berliner Zeitung bringt den Beitrag eines DDR-Juristen, der findet, dass es die Ukraine mit der Selbstverteidigung übertreibt.
22.06.2024. In einem SZ-Essay fürchtet die in Kopenhagen lebende Autorin Kathrine Tschemerinsky, dass liberale und säkulare Juden nach dem 7. Oktober nirgends mehr einen Ort haben, in Israel nicht, und auch nicht in der Diaspora. Auch Zeruya Shalev macht sich in einem FAS-Essay größte Sorgen um Israel. Der moldawische Künstler Alexandru Cosmescu erzählt in "Bilder und Zeiten", wie sich die moldawische Identität zusammensetzt. Der Tagesspiegel erzählt, wie Olaf Scholz die Trump-Regierung bezirzte, um Nord Stream 2 doch noch durchzukriegen.
21.06.2024. Die Ruhrbarone raten zu einer robusten Politik gegen den "Raumkampf" an Universitäten und Kulturinstitutionen. Fiebrige Stimmung diagnostizeren die Medien in Frankreich: Bernard-Henri Lévy ruft in Le Point auf, gegen die "doppelte populistische Infamie" zu stimmen. Der ungarische Soziologe Tibor Dessewffy warnt Europa im Tagesspiegel vor dem "Budapester Handbuch" der populistischen Rechten. Bülent Mumay erklärt in der FAZ, wie Erdogan die Europäer sehr sehr nervös machen könnte.
20.06.2024. Europa ist aus seinem Nachkriegs-Schlummer erwacht, stellt Peter Sloterdijk in der Zeit fest, jetzt gilt es, sich von "ängstlicher Blanko-Scheck-Politik" zu verabschieden. Der Imperialismus ist lebendig wie nie, schreibt Jürgen Osterhammel in der FAZ, vor allem der russische. Es ist unmöglich, Frieden mit Terroristen zu schließen, weiß Fania Oz-Salzberger bei IPG. Zeit Online wartet sehnlich darauf, dass der klassische Liberalismus seinen Kampf gegen linken Autoritarismus wieder aufnimmt.
19.06.2024. Das eigentliche Ziel der Regierung Netanjahus sei die Annexion des Westjordanlands, glaubt Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, in der FR. In der SZ befürchtet der Historiker Frank Bösch, dass China uns künftig sanktionieren könnte. In der taz rät der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch den Pazifisten hierzulande, in Moskau gegen den Krieg zu demonstrieren. Die NZZ porträtiert den georgischen Schattenpräsidenten Bidsina Iwanischwili, einen waschechten Putinisten, der die Bevölkerung narkotisiert. Und die FAZ wirft einen kritischen Blick auf das Institut für Islamische Theologie an der HU.
18.06.2024. In der NZZ wirft der Soziologe Gilles Kepel Europa vor, den Islamismus zu lange toleriert zu haben. In der FAZ hat der Menschenrechtler Oleg Orlow den Glauben an die russische Zivilgesellschaft noch nicht verloren: Immerhin leisten noch mehr Menschen Widerstand als zu spätsowjetischen Zeiten. Der Kapitalismus ist Schuld, dass sich die progressive Linke als Opfer sieht, meint Eva Illouz in der SZ. Ebenfalls in der FAZ denkt der Demokratieforscher Torben Lütjen über die polarisierte USA nach. FR und SZ gratulieren Jürgen Habermas zum 95.
17.06.2024. Viel sagt das Rassemblement National nicht über seine kulturpolitischen Ideen, auf kommunaler Ebene hat es sich aber durchaus als Elefant im Porzellanladen erwiesen, erzählt die FAZ. Die taz schildert die Kompromisse, die die verschiedenen Strömungen der "neuen Volksfront" in Frankreich machen mussten, um eine Allianz eingehen zu können. In der NZZ zeichnet der Historiker Volker Ullrich am Beispiel Hitlers nach, wie leicht Demokratie in eine Diktatur umkippen kann. Zornig verteidigt die FAZ die italienische Küche gegen ihren Kritiker Alberto Grandi.
15.06.2024. "Angekündigter Selbstmord einer Nation." Bernard-Henri Lévy bekennt auf Twitter seine Bestürzung über Macrons Auflösung der Nationalversammlung und den Pakt der gemäßigten Linken mit dem Populisten Jean-Luc Mélenchon. Eduard Louis hofft in Zeit online dagegen auf die Wiederholung der "Volksfront". Aber ist sie radikal genug? Unterdessen spielt sich im Sudan eine "gespenstische Tragödie" ab, über die der Spiegel berichtet. In der FAZ beschreibt der Historiker Stephan Malinowski erinnerungspolitische Konzepte à la Claudia Roth als "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit".
14.06.2024. In der FAZ erklärt der Historiker Nicolas Roussellier, worauf die Macronsche Auflösung der Nationalversammlung hinauslaufen könnte: auf einen schwachen Ministerpräsidenten der extremen Rechten, dem eine wutentbrannte Linke gegenübersteht. An deutschen Unis kursieren im Kontext der Pro-Hamas-Proteste weitere Professorenbriefe, diesmal fordern sie den Rücktritt von Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, die FAZ berichtet. Eva Illouz wiederholt in der Berliner Zeitung ihre Kritik an der westlichen Linken - und an der israelischen Regierung.
13.06.2024. Die Jugend ist nach rechts gerückt- in der SZ glaubt Heinz Bude, es sei an der Zeit, mehr über "Heimat" und die "Zugehörigkeit zur Gesellschaft" zu diskutieren. Die NZZ enttarnt Putins Mär von einem gescheiterten Friedensvertrag in Istanbul. In der FAZ versucht Matthias Platzeck den Wahlerfolg der Rechten im Osten zu erklären. In der Zeit streiten der Fluchtforscher Marcus Engler und der Migrationsexperte Gerald Knaus hitzig über die Abschiebung von Geflüchteten nach Ruanda. Das neue Konzerthaus in München wird nun doch nicht wie geplant realisiert - die SZ ist fassunglos.
12.06.2024. Der Osten wird sich dem Westen nicht weiter angleichen, meint Steffen Mau bei Spon, zu stark wirken "Osttrotz" und "Oststolz". Die SZ (aber nicht die FAZ) erinnert an Frank Schirrmacher, der vor zehn Jahren gestorben ist. Auf Spon wirft der Historiker Martin Schulze Wessel seinem Kollegen Jörg Baberowski mangelnde Faktenkenntnis und Empathielosigkeit gegenüber der Ukraine vor. Im Tagesspiegel antwortet Peter R. Neumann auf die Frage, ob Sahra Wagenknecht links oder rechts ist: "Beides!"
11.06.2024. Ist Sahra Wagenknecht eine Linke, eine Rechte? In Zeit online versenkt sich Anne Rabe in dies menschliche Vexierbild. In den Niederlanden unterwerfen sich die ersten Hochschulen Europas den Vorgaben von BDS, berichtet die taz. In Frankreich träumen Linke laut Le Monde angesichts des Neuwahlcoups von Emmanuel Macron von einer neuen "Volksfront". Gambia will sich "nicht länger von der westlichen Philosophie diktieren lassen was wir tun sollen" und Genitalverstümmelung wieder zulassen, berichtet die NZZ.
10.06.2024. Diese Katastrophe muss jetzt verkraftet werden. Viele Staaten in Europa haben bei den EU-Wahlen einen Tritt mit dem Hufeisen bekommen. Deutlich ist das in Deutschland vor allem in den Neuen Ländern: In Sachsen haben Rechtsextreme und Populisten 49 Prozent. In Sachsen-Anhalt kommen die Parteien der Ampel zusammen auf so, naja, 14 Prozent. In Frankreich haben Rechtspopulisten und -extreme 37 Prozent, Linksextreme 10 Prozent, und Macron löst das Parlament auf. Unterdessen feiert die Hamas einen Propagandasieg nach der Befreiung von vier Geiseln durch Israel.
08.06.2024. Das Verhältnis zwischen Orient und Okzident wird sich auch innerhalb der westlichen Demokratien entscheiden, schreibt Michael Kleeberg in der FAZ. In der FAS bestätigt Güner Yasemin Balci: Islamistische Bewegungen wurden auch in Deutschland zu lange ignoriert. taz und Zeit Online wundern sich darüber, wie gut sich deutsche Politiker mit rechten Regierungen verstehen. Jetzt drehen die Kritiker des Berliner Schlosses völlig durch, seufzt die Welt angesichts der neuen Initiative "Schlossaneignung". Die FAZ empfiehlt Claudia Roth ein bisschen mehr Mut zum Streit.
07.06.2024. Die Direktoren von Berliner NS-Erinnerungsorten fordern die Berliner Universitäten auf, Antisemitismus auf ihrem Campus zu benennen. Der Westen ist so bedroht wie selten zuvor, auch von innen, warnt Heinrich August Winkler in der SZ. ZeitOnline erinnert Europas Konservative, die mit den Rechten anbändeln, derweil an die Geschichte. Der Vorsitzende der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon fordert die Abschaffung des "Gotteslästerungsparagrafen". In der NZZ gibt Dmitri Bykow die Hoffnung auf ein Ende des russischen Faschismus in den 2030er Jahren nicht auf.
06.06.2024. In der Zeit verteidigt sich Claudia Roth und hält die Vorwürfe gegen ihr neues Konzept für Erinnerungskultur für absurd. Zeit Online ruft hingegen: Die deutsche Erinnerungskultur ist kein Instrument, bei dem man beliebig Module umstecken kann! Die AfD fordert in ihrem Wahlprogramm eine "Einheitskultur" und weiß dabei nicht zu sagen, was deutsche Kultur überhaupt ist, kritisiert die SZ. In der FAZ äußert sich Philippe Lazzarini zu den Vorwürfen gegen die UNRWA.
05.06.2024. "Wir erleben jetzt die Selbstabschaffung des Westens", sagt Michael Wolffsohn in der Berliner Zeitung mit Blick auf die antisemitischen Proteste. Im Tagesspiegel nennt der Historiker Moshe Zimmermann den Boykott israelischer Universitäten und Akademiker "nicht unbedingt antisemitisch", die SZ schildert derweil das Ausmaß des Boykotts. In der FAZ erinnert Dieter Lenzen, ehemals Präsident der FU, die Universitäten an ihre Rechtspflichten. Die NZZ setzt nach den Wahlen in Indien leise Hoffnung auf die gestärkte Opposition.
04.06.2024. taz und FAZ porträtieren die neue mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum, die von ihrem Vorgänger López Obrador das Problem der Gewalt erbt. Vergesst Belarus nicht, ruft fast verzweifelt Natalia Pinchuk, die Ehefrau des inhaftierten Friedensnobelpreisträgers Ales Bjaljazki, in der FR. Gäbe es an den deutschen Unis Lehrstühle zur Geschichte der DDR und des Kommunismus, dann hätten wir auch weniger "DDR-Kitschbücher" wie die von Katja Hoyer und Jenny Erpenbeck, verspricht Ilko-Sascha Kowalczuk in der FAZ. In der SZ erinnert Julian Nida-Rümelin an das Subsidiaritätsprinzip.
03.06.2024. In der FAZ lehrt Herta Müller die Pro-Palästina-Demonstranten eine Redewendung aus dem Iran: Israel braucht seine Waffen, um seine Bevölkerung zu schützen. Und die Hamas braucht ihre Bevölkerung, um ihre Waffen zu schützen. In der NZZ fragt die indische Politikwissenschaftlerin Manali Kumar: Wie demokratisch ist Indien noch? Die FAZ sucht eine Religion namens Hinduismus und findet sie nicht. Die SZ beobachtet den Personenkult um Narendra Modi. Die taz warnt: Die Anti-Klimabewegung könnte das neue Europaparlament aggressiv dominieren.
01.06.2024. In der FAZ betrachtet Ahmad Mansour mit Sorge, wie antijüdische Narrative wieder salonfähig werden - radikale Islamisten wissen das für sich zu nutzen, warnt er. In der FAS ruft Thomas Meyer indes dazu auf, wieder zu einer produktiven Gesprächskultur zurückzufinden. Leander Scholz sieht den Erfolg der Identitätspolitik in der NZZ als Folge des Scheiterns eines westlichen Universalismus. Zeit Online fragt, warum man der Ukraine erst jetzt erlaubt, westliche Waffen auf russischem Gebiet zu benutzen. Die SZ hält ein Plädoyer für Europa.