9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai 2019

Das Schrumpfen nichtverwalteter Lebenszonen

21.05.2019. Die Diskussionen über das FPÖ-Video dominieren weiter: Beerdigen lässt sich jetzt die Idee, dass gemäßigte Rechte durch eine Koalition mit den bösen Buben Erfolg haben könnten, ist sich politico.eu sicher. Auch die medienethischen Aspekte werden weiter debattiert: Die Veröffentlichung war auf jeden Fall gerechtfertigt, ist man sich einig. Aber bleibt ein haut-goût? Das Land mit der schlimmsten Überwachung ist bekanntlich China, schreibt Kenan Malik im Observer. Und dann kommt Großbritannien. Und die NZZ outet Theodor W. Adorno als Vordenker der Gilets jaunes.

Die Nutzung eines Blitzlichts

20.05.2019. Was für ein Coup! Wir bringen ein wildes Allerlei aus Informationen, Spekulationen, Einschätzungen und praktischen Tipps für die Kontrolle von verwanzten Airbnb-Wohnungen. Neben dem politischen Erdbeben selbst interessiert natürlich am meisten die Frage: Wer war's? Die SPÖ? Die ÖVP? Das Zentrum für politische Schönheit? Außerdem: In der FAS spricht Ralph Ghadban über die vermurkste - heute FPÖ-ähnlich scheinende - Integrationspolitik der Ära Kohl, die die arabischen Clans erst möglich machte.

Gerade ziemlich zugekokst

18.05.2019. Ein Video, das wie inszeniertes Material aus einem Polit-Thriller aussieht, demaskiert den FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und stürzt die österreichische Regierung in eine schwere Krise: Kanzler Kurz will mit Strache nicht mehr arbeiten. SZ und Spiegel haben recherchiert, und es kursieren Gerüchte. In der NZZ erklärt die Soziologin Cornelia Koppetsch, warum die kosmopolitische Linke zum Feindbild so vieler Wähler geworden ist. "Soziale Medien wie Twitter unterlaufen die Gewaltenteilung", schreiben die Politolog*innen Jorinde Schulz und Rainer Mühlhoff in der taz , und fordern ein Amt für Kontrolle.

Entscheidungen in 8 bis 30 Sekunden

17.05.2019. "Die Demokratie ist in Gefahr in der westlichen Welt. Sie ist besonders in Gefahr in Österreich." Der Standard druckt Daniel Kehlmanns Dankrede für den Anton-Wildgans-Preis, in der er Sebastian Kurz direkt attackiert. taz und Zeit online betrachten die willkürlichen Sperrungen bei Twitter und anderen Netzen vor den Europawahlen. Auch in Deutschland wird jetzt über ein Kopftuchverbot an Grundschulen diskutiert, berichtet Zeit online.

In der Kartause regnet es durchs Dach

16.05.2019. Alabama hat ein Abtreibungsgesetz beschlossen, das Ärztinnen 99 Jahre Gefängnis androht - wir binden einen Kommentar Stephen Colberts ein. "The Movement", Steve Bannons groß angekündigtes europäisches Netzwerk, ist ein Flop, berichtet die taz. Die NZZ interviewt Bannon trotzdem. Zeit online kritisiert die immer schärferen Sperrungen sozialer Netze, die Angst haben, extremistische Propaganda zu verbreiten. Die NZZ erinnert an die Vertreibung arabischer Juden.

Heiter plappern

15.05.2019. Es gibt keine Korrelation zwischen dem Aufstieg der Rechtspopulisten und dem Niedergang der Sozialdemokratie, schreibt Cas Mudde im Guardian. Im Atlantic widerlegt Benny Morris die amerikanische Politikerin Rashida Tlaib, die die Palästinenser als indirekte Opfer des Holocausts darstellte. In der FAZ fordert der Pro 7-Vorstand Conrad Albert einen Medienfonds. taz und Handelsblatt informieren eine Bahlsen-Erbin über die Geschichte der Zwangsarbeit.

Nullsummenspiel in der Endlosschleife

14.05.2019. Die NZZ erzählt, wie Ägyptens Staatschef Abdelfatah al-Sisi  gesellschaftliche Harmonie erreichen will. Die taz erzählt, wie die SZ Harmonie zwischen Print und Online erreichen will. In der Welt erklärt Roberto Saviano, dass Europa nicht ein Problem mit Flüchtlingen, sondern mit sich selbst hat.   Die Welt beleuchtet auch den aktuellen Zustand der Debatte, der alles andere als harmonisch ist. Und in Polen ist laut politico.eu die Harmonie mit der Kirche gefährdet.

Manierismen einer alten Elite

13.05.2019. In Polen löst ein Film über sexuellen Missbrauch in der Kirche Aufsehen aus - wir betten ihn ein. In seinem Blog erinnert Hubertus Knabe an den Schriftsteller Jürgen Fuchs, der vor zwanzig Jahren gestorben ist und der von der Stasi mit schändlichsten Mitteln verfolgt worden war.  Im Observer erklärt Nick Cohen, wie man die Briten verführt, indem man sich als Charakterkopf gibt. Große Empörung löst in den sozialen Medien ein Artikel Rainer Hanks aus der FAS  aus, der Greta Thunbergs Interventionen mit den Kinderkreuzzügen des Mittelalters vergleicht.

Ja, das wäre unangenehm

11.05.2019. taz und Welt bringen Deniz Yücels Verteidigungsschrift, die eigentlich eine Anklage gegen Tayyip Erdogan ist. In der NZZ ist Alan Rusbridger überzeugt: Die Menschen brauchen Journalismus nur dann, wenn er hilft, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Im Journalist setzt Julia Bönsch dagegen auf das feministische Projekt des effizienten Workflows. Der Guardian fragt, wann die Linke eigentlich die Großzügigkeit im Denken verloren hat. Und der Tagesspiegel fragt, ob Craft Beer nicht eigentlich nach Seife schmeckt.

Das Problem mit den lästigen Menschenrechten

10.05.2019. Als das Bundesverfassungsgericht entschied, ein "drittes Geschlecht" anzuerkennen, rechnete es mit 160.000 Menschen in Deutschland, die als "divers" gelten können. In Wirklichkeit sind es wohl eher 1.600, hat die Zeit recherchiert. Die FAZ feiert Susanne Schröters Kopftuchkonferenz als "Markstein bei der Rückbesinnung der Universitäten auf ihre intellektuellen Prinzipien". Welt-Autor Thomas Schmid erinnert an die Gründung der "Fasci italiani di combattimento" vor hundert Jahren. Der Guardian berichtet von der Angst der chinesischen Regierung vorm 4. Juni.

Diese europäische Spezialität

09.05.2019. FR, taz und Zeit befassen sich mit den Rechtspopulisten vor den Europa-Wahlen. Es ist ja schon vieles vergesellschaftet, und zwar zu Recht, schreibt Gerd Koenen in der Zeit mit Blick auf Kevin Kühnerts Forderungen. Die Uebermedien staunen unterdessen über die Welt, die sich von VW sozusagen freiwillig vergesellschaften lässt. Libération berichtet über die immer drastischere Politik gegen Abtreibung in amerikanischen Bundesstaaten. In der NZZ erzählt die Osteuropa-Historikerin Ekaterina Makhotina, wie die Sowjetunion den Krieg verdrängte.

Versandbeutelklammern und dergleichen

08.05.2019. FAZ-Kolumnist Bülent Mümay weiß, warum Tayyip Erdogan die Istanbuler Wahlen anficht: Weil er hier sein gesamtes Machtsystem aufgebaut hat. Aber die Istanbuler verlieren die Hoffnung auf Wahlen nicht, ist sich die taz sicher. In der FR erklären Victor Schiering und Önder Özgeday vom Verein Mogis, warum auch die Beschneidung von Jungen keine Petitesse ist und genauso bekämpft werden sollte wie weibliche Genitalverstümmelung. In der FAZ fordert der Medienwissenschaftler Hermann Rotermund freie Rundfunkratswahlen.

Modell Morgenröte

07.05.2019. Der Guardian und Bellingcat berichten, dass China die Moscheen der Uiguren zerstört. Die Agentur Reuters freut sich, dass zwei Journalisten, die zur Ermordung von Rohingya recherchierten, aus dem Gefängnis entlassen wurden. Erst die Osteuropäer haben ihn zu einem überzeugten Westler gemacht, schreibt Stephan Wackwitz in der taz. Aber die Demokratie in Tschechien ist alles andere als ungefährdet, erzählt die tschechische Autorin Radka Denemarková in der SZ.

Hobbys der Eliten

06.05.2019. Die Debatte um Kevin Kühnerts Vergesellschaftungsforderungen beschäftigt die chattering  classes nach wie vor fast ausschließlich: Wurde Kühnert in die Falle gelockt? Die FAZ ist sich uneines. In der NZZ erzählt die Schriftstellerin Elena Chizhova, warum die Sowjetunion der Belagerung Leningrads so wenig gedachte: Stalin hasste die Stadt. Der Observer zeigt, wie George Orwell die westlichen Verteidiger Stalins behandelte.

Die positiven Aspekte der Lösungen

04.05.2019. Und was wäre, wenn Wladimir Putin einfach Weißrussland schluckt, fragt  Viktor Jerofejew in der FAZ. Dann verdaut er es, meint er, und könnte nebenbei weiter Zar bleiben. Anne Applebaum erzählt in der Washington Post, wie in Spanien die Rechtspartei Vox groß wurde. Tagesspiegel und Salonkolumnisten befassen sich mit der Kommunikationsstrategie der Rechtspopulisten. Und taz und Guardian hoffen auf die Frauen des Sudan.

Ich habe das sehr ernst gemeint

03.05.2019. Kevin Kühnert will uns zwar unsere BMWs wegnehmen (oder sowas), aber keine Angst, die Revolution wird friedlich umgesetzt, beruhigt die taz. In der NZZ erzählt die Sinologin Alice Grünfelder, wie Hongkong gleichgeschaltet wird. Heise.de analysiert eine chinesische Polizei-App, die die lückenlose chinesische Überwachung der Uiguren noch verschärft. Heute ist Tag der Pressefreiheit. Aber die Journalisten sind heute allenfalls noch die fünfte Gewalt, meint Stefan Aust in der Welt. Und Zeit online fragt: Gibt es im Osten überhaupt noch Ossis?

BMW in dieser Form

02.05.2019. In der Zeit erklärt Kevin Kühnert, wie er die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands lösen will: durch Kollektivierung von BMW und allen Immobilienbesitzes. Ebenfalls in der Zeit kritisiert Jens Jessen die identitäre Linke, die die Idee des Universalismus aufgibt. Atlantic erzählt, wie Studenten in Philadelphia die Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia loswerden wollen. Die SZ berichtet, wie das Nationalmuseum Warschau gleichgeschaltet wird.