9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar 2022

Kein direktes Geschäftsverhältnis

31.01.2022. In der FR fordern Shimon Stein und Moshe Zimmermann, zwischen "echtem Antisemitismus" und nicht per se antisemitischer Israelkritik zu unterscheiden. Der Sinologe Daniel Leese kommt in der FAZ auf die Geschichtsresolution zurück, die der chinesische Parteichef Xi Jinping von seinen treuesten Kadern hat ausformulieren lassen und die ihn unangreifbar macht.  Bei feministgiant.com schreibt Mona Eltahawy über die "Fußsoldatinnen" der Christian Brotherhood, die in Amerika maßgeblich an der Zerstörung des Abtreibungsrechts arbeiten. In der taz erklärt Artur Klinau, warum er Evolution und nicht Revolution für Belarus will.

Ein Hauch von Sarajewo

29.01.2022. taz und Guardian erinnern an den Bloody Sunday von 1972, an dem britische Soldaten nordirische Demonstranten erschossen und den Toten anschließend Nagelbomben in die Taschen steckten, um sie als IRA-Kämpfer zu brandmarken. In der SZ schildert Sabine Simon, wie der Paragraf 219a die Arbeit der Beratungsstellen behinderte. In der taz gönnt sich der israelische Soziologe Natan Sznaider den Luxus der Gelassenheit gegenüber dem Postkolonialismus, in der FR setzt Aleida Assmann auf die Lebendigkeit der Erinnerungskultur.

Unmissverständliches Symbol

28.01.2022. Emma erklärt, warum der "World Hijab Day" abgeschafft gehört und verweist auf Masih Alinejads Kampagne #LetUsTalk. In der taz wundern sich die Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk und Rainer Eckert doch sehr über das kompakte Schweigen der Kollegenschaft zur Auflösung von Memorial. Der "Radikalenerlass" war verlogen, weil er vor allem gegen Linke gerichtet war, schreibt Ronen Steinke in der SZ und fordert endlich ein Disziplinarrecht vor allem gegen Rechtsextreme. Den Stuttgarter Zeitungen geht der Arsch auf Grundeis, notiert Kontext.

Die Zäune sind windschief, die Hauswände abgeblättert

27.01.2022. Die polnische Regierung hat "Blut an ihren Händen", zitiert der Guardian eine polnische Familie, nachdem ihre Tochter wegen einer verweigerten Abtreibung gestorben ist. Die Russen kann man mit Sanktionen nicht schrecken, versichert Viktor Jerofejew in der FAZ, lieber leben sie in einer "zweiten Wirklichkeit". In der Zeit attackiert Eva Menasse ein kleines Kasseler Blog, den Perlentaucher, die Ruhrbarone und das gesamte deutsche Feuilleton. In der Welt staunt Ernst Piper immer noch über den "abenteuerlichen und bösartigen Unsinn" des A. Dirk Moses, der ebenfalls in den Feuilletons diskutiert wird.

Selbstermächtigung zur Gewalt

26.01.2022. Putin muss gar nicht einmarschieren. In den bangen Herzen des Westens kann er bereits Terraingewinne verzeichnen, meint der britische Politologe Keir Giles im Guardian. Catherine Belton empfiehlt hingegen im Dlf  "Einigkeit im Westen, die wir jedoch besonders an der deutschen Position wohl gerade nicht erkennen können".  Nein, Olaf Scholz war weder Stasi-IM, noch wurde er von der Stasi bespitzelt, stellt Hubertus Knabe in der FAZ fest. Bei rnd.de erklärt Bernhard Pörksen, warum Verschwörungsdenken so attraktiv ist.

Keine belastbaren Kriterien

25.01.2022. Die Skandale um Missbrauch und das Schweigen darüber schieben die Katholische Kirche langsam aus der Gesellschaft hinaus, meint Kurt Kister in der SZ. In der FAZ betont der Historiker Gerhard Hirschfeld, dass die Geschichte der Judenräte in den Niederlanden in den Kontext gestellt werden muss. Und er fragt, warum in den Niederlanden mehr Juden umkamen als in anderen westeuropäischen Ländern. Die NZZ erzählt die Geschichte barbarischer Gewalt, die japanische Samurai den Koreanern im 16. Jahrhundert angetan haben. In Berlin wird über religiöses Mobbing an Schulen gestritten. Das Phänomen existiert, so die taz. Aber soll man es untersuchen?

Wer schwach war, wurde verprügelt

24.01.2022. Viel Rätseln über Russland heute. Peter Pomerantsev empfiehlt in Time eine Psychoanalyse, um Wladimir Putins Obsessionen zu verstehen - und fordert russischsprachige Unis im Westen, um die Russen nicht Putins Zensur zu überlassen. In der FAZ fragt Gerd Koenen, wo die Russlandliebe der SPD eigentlich ihre Wurzeln hat. Martin Schulze Wessel erinnert ebenfalls in der FAZ daran, dass schon Peter der I.  Krieg gegen die "Umzingelung" Russlands führte. Bei rnd.de staunt Betroffenenvertreter Johannes Norpoth über die Neudefinition sexuellen Missbrauchs durch Expapst Benedikt.

Die auf Sylt Häuser hatten

22.01.2022. In Charkiw hat man keine Angst vor Krieg, schreibt Serhij Zhadan in der FAZ. Die Bürger der Stadt vertrauen auf die ukrainische Armee - den Deutschen aber trauen sie nicht. "Keine Waffen" ist keine Friedensstrategie, schreiben Marieluise Beck bei libmod.de und Richard Herzinger in seinem Blog. Die Frankfurter Buchmesse soll rechtsextreme Verlage ausschließen, fordert Jutta Ditfurth in der FR, und sie weiß auch schon, wie's geht. In der taz erinnert sich Silke Burmester an Gruner + Jahr, wie es einmal war. Aber die Auflage der Bild ist auch unter eine Million gerutscht, notiert Meedia.

Dann habe H. sich ausgezogen

21.01.2022. Der Fall des "notorischen Wiederholungstäters Peter H.", der gerne mit elfjährigen Jungen schlief, wirft kein besonders gutes Licht auf Expapst Benedikt XVI., konstatiert unter anderem die SZ. Begeistert greift Lothar Machtan in der Welt einen Vorschlag des Hohenzollern-Vertreters Georg Friedrich auf, eine "kritische" Ausstellung über die Familie zu bringen - mit dem "royalen Frühstücksservice" ließe sich endlich Aufklärung schaffen. Heise.de erklärt, warum eine Telegram-Abschaltung auch nichts bringt. Die FAZ zitiert kritische ukrainische Stimmen zur deutschen Position im Konflikt.

Ein Zoologe im Schlachthaus

20.01.2022. Am Moment der Wannseekonferenz zeigt sich wie in einem Brennglas, was am Holocaust singulär ist, schreibt der Historiker Konstantin Sakkas bei dlf kultur. In der SZ betont Deborah Lipstadt, dass der Holocaust auf der Wannseeekonferenz nicht beschlossen wurde - sie war eine Etappe in einer Radikalisierung, so auch Frank Bajohr in der NZZ. Die NZZ bringt auch eine scharfe Kritik Leon de Winters an den neuen Thesen zum Verrat an Anne Frank. Die Zeit analysiert, was russische Propagandisten meinen, wenn sie sagen, dass sie "Europa am Euter" fassen wollen.

Ohne Händeschütteln

19.01.2022. Außenministerin Annalena Baerbock hat in Moskau eine gute Figur gemacht, finden die Zeitungen. Aber in der Sache gibt es keine Fortschritte. Die ukrainische Essayistin Kateryna Mishchenko fragt in der SZ, warum der Krieg noch so irreal erscheint. "Unglaublich ermüdend" findet die SZ  den Streit um die neue Berliner Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt. Bei geschichtedergegenwart.ch erklärt Mark Honigsbaum, warum wir im Jahrhundert der Pandemien leben. In einem FAZ-Artikel zum Jahrestag der Wannseekonferenz kritisiert Josef Schuster auch den postkolonialen Angriff auf die Erinnerung.

Mit russischem Geld

18.01.2022. Die Ampelkoalition will den Paragrafen 219a abschaffen, aber was ist mit Paragraf 218, fragt die taz. Deutsche Politiker informieren die Russen im Moment vor allem darüber, was im Fall eines Angriffs auf die Ukraine nicht in Betracht kommt: ein Stopp von Nord Stream 2, Waffenlieferungen an die Ukraine und Swift als Druckmittel. Aber wie würde Deutschland dann agieren, fragt die SZ. Die SPD ist im Moment vor allem eine Nord-Stream-2-Parte, konstatiert der Spiegel. taz und FAZ berichten über Boris Johnsons Attacken auf die BBC.

Die schwarzen Seiten der Geschichte

17.01.2022. In der taz spricht der belarussische Punker und Dissident Igor Bancer, der überraschend aus dem Gefängnis entlassen wurde, über die Lage an der belarussisch-polnischen Grenze. In Zeit online fordert ein Aufruf von Russlandexperten eine dezidiertere deutsche Politik gegenüber Russland. Bei DeskrRussie erklärt der Politologe Nicolas Tenzer, warum die Auflösung von "Memorial" auch die Demokratien angeht. Die SZ ruft den europäischen Royals schon mal leise Servus zu.

Die Idee, es gäbe nur zwei Geschlechter

15.01.2022. Die USA werfen Russland vor, Saboteure in der Ukraine positioniert zu haben. Die SZ kann sich keinen Reim mehr auf Putins Manöver machen, die NZZ wirft dem Westen vor, Russlands Verbitterung fahrlässig ignoriert zu haben. Außerdem sieht sie mit dem Transgender-Aktivismus das Patriarchat in Frauenkleidern zurückkehren. In der FAZ berichtet Nahid Shahalimi von den Afghaninnen, die den Taliban die Stirn bieten. artechock fordert, Mediatheken als eigenständiges Medium anzuerkennen.

Eine noch tiefere historische Sehnsucht

14.01.2022. Die Zeitungen feiern das Urteil gegen Anwar R., nur Ronen Steinke fordert in der SZ einen deutschen Prozess gegen amerikanische Verbrechen. Tayyip Erdogan treibt sein Land in die Armut - und da hilft auf einmal sein religiöser Populismus nicht mehr, notiert Bülent Mümay in der FAZ. In der Welt wirft Alan Posener dem Historiker Wolfgang Reinhard, der ein Ende der "deutschen Holocaust-Orthodoxie" fordert, die Verbreitung von Verschwörungstheorien vor. Nichts gegen Windräder, die Idee der Landschaft wird ohnehin überschätzt, meint Jörg Häntzschel in der SZ. Apokalypse in Wien: Covid killt Caféhäuser, fürchtet Paul Jandl in der NZZ.

Erstaunlicher Unsinn

13.01.2022. Dass über die Köpfe der Europäer hinweg über die Ukraine verhandelt wird, liegt in erster Linie an den Europäern, fürchtet der Tagesspiegel, und zwar ganz besonders an den Deutschen. Es gibt einen "Nole" und einen "Novak" Djokovic, erfährt man in einem Porträt des Tennisstars bei Euronews - und auch Nationalismus und Esoterik verhalten sich wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. In FAZ und SZ gibt es nochmal Kritik an der Triage-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Und die Katholische Kirche kriegt nochmal Probleme wegen ihrer Missbrauchsfälle.

Materialisierte Momentaufnahmen

12.01.2022. Es gibt drei Akteure in der im Moment erstickten belarussischen Revolution, den Staat, die Gesellschaft und den Kreml, sagt Artur Klinau bei geschichtedergegenwart.ch. Die NZZ fürchtet eine Demoralisierung Italiens durch Silvio Berlusconi, der sich gerne als Staatspräsident ein letztes Mal recyceln würde. SZ und Zeit online schildern die Radikalisierung der Impfgegner und fordern einen deutlichen Protest der Mehrheit. In der FAZ verteidigt Brigitta Hauser-Schäublin die Institution ethnologisches Museum. Der Standard sieht einen fossilen Faschismus der Europäer heraufziehen.

Wenig tatsächliche Irritation

11.01.2022. Die taz berichtet über das Koblenzer Verfahren gegen syrischen Geheimdienstler Anwar R., der in Damaskus ein Foltergefängnis leitete. In der SZ fordert der Menschenrechtsaktivist Wolfgang Kaleck die Auflösung des amerikanischen Gefängnisses von Guantanamo. In diesem Jahr werden die Hälfte der Deutschen keiner Kirche mehr angehören, aber wird die Ampelkoalition das Verhältnis von Staat und Kirchen auf den Prüfstand stellen, fragt hpd.de. Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des Bundestages, fand die Idee einer Parlamentspoetin gleich gut - das zeigt aber eher, wie schlecht sie ist, finden die Autorinnen Dana von Suffrin und Tijan Sila in der SZ.

Fortbestehende Nähe

10.01.2022. Die geliebten Führer in Usbekistan, Kirgisien, Turkmenistan und Kasachstan mögen mal kurz wackeln, aber Diktaturen werden sie wohl vorläufig bleiben, meint die SZ. Vor den Gesprächen über Wladimir Putins Drohungen klärt die taz nochmal ein historisches Gerücht über Osteuropa und die Nato auf. In geschichtedergegenwart.ch geht die Historikerin Silke Mendes der alten Liaison zwischen Grünen und der Anthroposophie auf den Grund. In der FAZ fordert Globalhistoriker Wolfgang Reinhard ein Ende der "deutschen Holocaust-Orthodoxie". 

Was jedoch den Menschen anbelangt

08.01.2022. Die NZZ liest Joseph de Maistre, einen der Urväter der Reaktion, und findet Eric Zemmour wieder. Für die taz prüft der Europarechtler Franz C. Mayer die europapolitischen Ideen der Ampel und stößt auf Proklamatorik - die aber vielleicht besser ist als die Passivität unter Merkel. Russland kann über die Ereignisse in Kasachstan nicht glücklich sein, vermutet die FAZ. Für die Welt besucht Richard Kämmerlings die litauische Stadt Kaunas - eine der europäischen Kulturhauptstädte des Jahres - und freut sich über eine wiederentdeckte Vielfalt.

Das klaffende, gähnende, solarsystemgroße Problem

07.01.2022. "Alter Mann, geh weg", rufen die Menschen in Kasachstan - aber Nursultan Nasarbajew ist nicht der einzige alte Mann in der postsowjetischen Sphäre, Wladimir Putin ist auch einer, notiert die SZ. Dem Nasarbajew-Clan gehören in London Immobilien im Wert von Hunderten von Millionen Pfund, berichtet opendemocracy.net. Diskussionen über Impfpflicht gehen in den Zeitungen weiter. Blockchain und Kryptowährungen gehören zu den größten Klimakillern - und das muss für sie Konsequenzen haben, fordert Netzpolitik.

Die Stabilität eines früheren Systems

06.01.2022. In Kasachstan überstürzen sich die Ereignisse. Spiegel online meldet, dass die Polizei Demonstranten erschossen hat. Russland sendet angeblich "Friedenstruppen". Die demokratische Öffentlichkeit in dem Land ist seit langem unterdrückt, erläutert globalvoices.org. Die Zeitungen blicken mit großem Pessimismus auf die Washingtoner Ereignisse vor einem Jahr zurück - einen Sieg der Demokratie mag etwa die FAZ nicht melden.

Auf deutsche Sofakissen gestickt

05.01.2022. In der Zeit erklärt Navid Kermani, warum er nicht gendert, aber manchmal so verfährt wie der Koran. In der NZZ warnt der Schriftsteller und Philosoph Philipp Tingler vor der Idee, dass Verzicht statt Fortschritt die Welt verbessern könnte. Die Zeitungen erinnern an Heinrich Schliemann, der vor 200 Jahren geboren wurde und jetzt als ein Räuber dasteht. Und die internationalen Medien erzittern vor der Nachricht, dass Ben Smith jetzt selber eines gründet.

Eine zu große Herausforderung

04.01.2022. In Desk Russie staunt Françoise Thom über die Schläfrigkeit des Westens angesichts der brutalen Forderungen Wladimir Putins. In Atlantic erklärt Anne Applebaum, warum Putin eine blühende Ukraine nicht verkraften könnte. In der FAZ porträtiert der Afrikanist Andreas Eckert den afroamerikanischen Historiker und Verfechter des "Black Marxism" Robin Kelley.

Die Zirkulation der guten, der wahren Information

03.01.2022. Die Welt fordert, nicht über innermuslimisches Mobbing an Schulen hinwegzusehen. Was passiert mit Kanada, wenn Donald Trump in Amerika wieder an die Macht kommt, fragt der Politologe Thomas Homer-Dixon in Globe and Mail. Die russische Autorin Irina Rastorgujewa sucht für die FAZ im Netz nach Nachrichten aus dem russisch-ukrainischen Grenzgebiet. Die SZ warnt vor Kurz und Thiel.