Essay

Austerix taugt nix

Von Rüdiger Wischenbart
28.11.2016. Österreich war ein europäischer Vorreiter in der Wiederbelebung künstlichen nationalen Identitätsdenkens. Bei der Bundespräsidentenwahl am Sonntag geht es auch um die Frage, ob das Land noch ökonomische Vernunft hat: "Identität" kommt danach.
Österreich floriert im internationalen Vergleich immer noch als Exportnation bei gleichzeitig herausragender Lebensqualität und Eigenart. Diese Qualität trägt von innovativen Motoren, spannenden naturwissenschaftlichen Durchbrüchen zwischen Quantenphysik und Epidemiologie, bis zum Markterfolg eines Chocolatiers aus der Oststeiermark in Asien, eines Schuhmachers aus dem Waldviertel österreichweit, oder eines Vorarlberger Sesselliftbauers bei den olympischen Spielen in Sotchi.

Auch in den globalen Konkurrenzen in Kunst und Kultur staune ich, wie viel von den Werken einer vergleichsweise kleinen Anzahl von schöpferischen Menschen aus Österreich überall in der Welt wahrgenommen wird.

Auf eine simple Formel gebracht: "Wir sind wer!" Allerdings, allein sind wir kaum wahrnehmbar. Wo Österreich bemerkenswert schlecht ist, ist die Vernetzung mit den vielen globalen Kanälen und Vertriebsschienen, die wir aufgrund unserer geringen Größe und hoch spezialisierten Position nie werden bestimmen können. Unsere Kontrollfantasien stehen uns im besten Fall im Weg, als Stolperstein.

Mein eigenes Unternehmen ist selbst ein winzig kleines Beispiel für diese Verhältnisse. Es geht um Verlage, Bücher und Autoren im aktuell dramatischen globalen Umbruch, und um ein Kernteam von gerade einmal drei Personen. In unserer spezialisierten Nische haben wir in gut zehn Jahren Gehör, Partner und Kunden gefunden zwischen New York und Peking, zwischen Paris, Berlin und Ljubljana.

Ja, zwischen Bregenz und Wien schwächeln wir ein wenig. Wir beobachten allerdings an den heimischen Marktentwicklungen mit Sorge, wie sich das Geschäft mit Büchern in den letzten zehn, fünfzehn Jahren eingeigelt hat. Das ist nicht gut, und dies gilt nicht nur für Bücher.

Wenn ich einen Laib Brot kaufe, egal ob beim Bäcker oder im Supermarkt, wird mir der Wert des Lebensmittels als ein Stück "Heimat" oder "Identität" angepriesen. Wenn ich fernsehe, bombardieren mich Alpenlandidylle sowohl in den Programmen wie auch in der Werbung. Und erst in der Wahlwerbung!

"Identität" ist allerdings ein denkbar schlechter Hebel für Politik. In den technologisch avancierten österreichischen Auto-Zulieferungswerken laufen gerade große Umschulungsaktionen, um die Zukunft in Richtung Elektroautos zu meistern. Ähnliches gilt für die seit geraumer Zeit wieder innovativen Metallbetriebe des ehemaligen steirischen "Rust Belt" der Mur-Mürz-Region.

In der mir thematisch näheren Kultur sind die Verhältnisse nicht anders. Es gibt "Hochleistungsförderung" in ein paar Nischen wie Design, Mode, oder Film und Kino. Auch die ganz großen Tanker wie die Staatsoper, Salzburg, sowie etwas kleiner gestrickt die Ars Electronica oder andre spezialisierte Festivals, bemühen sich, in der globalen Aufstellung ihren Platz zu finden. Im breiten Mittelfeld hingegen herrscht ein Hauen und Stechen um schwindende öffentliche Subventionen, von den künstlerischen Fächern im Schulunterricht oder Anreizen für neue Modelle ganz zu schweigen.

Um in den schmalen Spalten zwischen den Förder-Funktürmen etwas aus Eigenem auf den Weg zu bringen braucht es geradezu Irrwitz, und nicht bloß künstlerischen Wagemut. Die wenigen Sieger aus diesem darwinistischen Malstrom haben, wenn sie nicht zu erschöpft sind, jedoch wiederum gute Chancen auf internationalen Anschluss und Erfolg.

Mit "Identität", egal ob in der Variante alpiner Kuscheligkeit, dem abtauchenden "Wir sind ja so speziell", oder gar als Wagenburg gegen all das Fremde, wird das alles keinen einzigen Arbeitsplatz halten, egal ob in der Industrie, im kleinteiligen Gewerbe, oder in der großen oder auch jungen Kultur.

Identität als Versprechen auf Eigenart ist wichtig, aber als ein zweiter Schritt: Wenn erst die Fundamente des Rechtsstaates und der Wirtschaftsordnung gefestigt sind, und die Grenzen nach außen durchlässig bleiben.

Identität als Maxime der Politik steht auf dem Kopf.  Da glaubt man mit einem Mal, der Präsident dirigiere das Land wie von der hohen Predigtkanzel herunter, und bestimmt über den Hausarzt, das CETA-Abkommen, und auch noch über "Hoffnung, Mut und Zuversicht".

Es geht genau nicht um den lieben Herrgott im Winkel, der verspricht, wenn wir nur brav beten, dass alles gut wird. "Austerix" als Devise klingt zwar noch viel heroischer als selbst Brexit. Aber als Politik und Perspektive für Österreich taugt es doch eher nix.

Rüdiger Wischenbart