9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juli 2015

Gewissermaßen neu formatiert

31.07.2015. Gegen zwei Reporter von Netzpolitik wird wegen Landesverrats ermittelt: Zeit online zweifelt am Zustand unserer Demokratie. Google erklärt den französischen Medien, warum es keine Lust hat, die thailändische Zensur zu respektieren. In einem Video von Nick Knight spricht Naomi Campbell über Rassismus in der Modebranche. Und die FAZ verzweifelt am Firmennetz von ARD und ZDF.

Lauter wunderbare Dinge

30.07.2015. Politico.eu beschreibt den kühnen Schachzug der kurdischen Partei HDP gegen Erdogans AKP. Die taz erklärt, warum die Proteste in Armenien keine Maidan-Revolution sind. In der FAZ fürchtet der Kunsthistoriker Jeffrey Hamburger, dass das Humboldt-Forum der "falschen Art von Globalisierung" anheimfällt. Netzpolitik fragt sich, warum der BND auf Bitten der NSA ausgerechnet Polen so intensiv ausspionierte.

Die Konsequenzen seines Handelns

29.07.2015. Die taz zeigt, wie die türkische Regierung ihre Politik durch Zensur flankiert. Politico.com erzählt die Geschichte der strategischen Partnerschaft zwischen Barack Obama und John Stewart. Das Weiße Haus ist laut Techcrunch duchaus bereit, Edward Snowdens Positionen zur Kenntnis zu nehmen, aber dann soll er gefälligst in den Knast gehen. Russland gibt Ostsibirien auf, und niemanden kümmert's, staunt die SZ.

Ein Arrangement totaler Absurdität

28.07.2015. Tagesspiegel und FR sind sich im Unklaren, ob sie die "kreative Ungenauigkeit" der griechischen Linken kritisieren oder begrüßen sollen. Mobylives resümiert den weiter köchelnden Streit zwischen Salman Rushdie und Teju Cole über Charlie Hebdo. Und die Welt hat herausgefunden: Die Berliner, von islamischen Verbänden organisierte Soli-Demo nach den Pariser Massakern war wohl eher Fassadenzauber.

Die Peripherie der römischen Peripherie

27.07.2015. In der NZZ erklärt Olivier Roy, warum der "Islamische Staat" als säkular zu gelten hat. In der taz wendet sich Gabriele Goettle gegen 85.000 Schweine, die 15 Arbeitsplätze schaffen. Im Guardian plädiert Naomi Wolf gegen den bei südkalifornischen Mädchen so modischen "Vocal Fry". Im Deutschlandfunk spricht Juan Villoro über Gewalt in Mexiko. Und in Politico.eu knüpft Larry Sefiha von der jüdischen Gemeinde in Thessaloniki alle Hoffnungen an Europa.

Gedenkzustand

25.07.2015. In der taz schreibt György Dalos über das schwierige Erbe der Diktaturen in Spanien, Portugal und Griechenland. Correctiv.org erzählt eine erstaunliche Korruptionsgeschichte aus Russland. In der SZ erinnert Jens Malte Fischer  an Richard Wagners Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, einen Gründervater des modernen Antisemitismus. Die taz ist skeptisch über das neue Einverständnis zwischen Internetkonzernen und Medienhäusern.

Fragen zu Beziehungen mit Nicht-Veggies

24.07.2015. Politico berichtet über kartellrechtliche Untersuchungen der EU gegen Giganten der Kulturindustrie. Vice gibt einen tiefen Einblick ins Seelenleben des Veganismus. FAZ und SZ lesen Charbs "Brief an die Heuchler". Die SZ erzählt, wie die katholische Kirche die Caritas zur Marke machte. Und Huffpo.fr verteidigt den Strand der Côte d'Azur gegen die saudische Königsfamilie.

Diese Zukunft ist Fernsehen

23.07.2015. "Heute würde man mich nicht mehr verteidigen" - so die bittere Konsequenz Salman Ruhdies in einem Interview in L'Express nach der Debatte um Charlie Hebdo. Der iranische Blogger Hossein Derakhshan schildert bei Medium und Zeit online seine Begegnung mit dem Netz nach Jahren der erzwungenen Abstinenz durch einen Gefängnisaufenthalt: Er ist eher entgeistert. Libération fragt nach den Mechanismen islamistischer Radikalisierung.

Das Nichtstun, der trostlose Alltag

22.07.2015. In der Welt diagnostiziert Zafer Senocak mit Blick auf den Islam "Obdachlosigkeit in der eigenen Kultur".  Im NYRBlog fragt Alma Guillermoprieto, ob die mexikanischen Behörden zu blöd oder zu korrupt waren, Joaquin Guzmán zu bewachen. Ebendort schreibt Timothy Snyder über die Ukraine als Prüfstein des europäischen Universalismus. Sieben Tote in sieben Wochen: Nicht nur auf dem Weg nach Europa, sondern auch in Europa selbst kommen Flüchtlinge ums Leben, berichtet Libération.

Ein großes blaues Auge

21.07.2015. Politico fürchtet, dass die Kampagne gegen Charlie Hebdo erfolgreich war. In Politico möchte auch Peter Pomerantsev Putin lieber nicht mit den Größenordnungen des Kalten Krieges messen. In der SZ begklagen die Soziologen Richard Alba und Nancy Foner die German Angst vor der Migration. Die taz wirft der Türkei eine indifferente Politik gegenüber dem Islamischen Staat vor. Und die NZZ lernt, auch mit dem Smartphone in der Hand zu flanieren.

Für die meisten dort sind wir Aliens

20.07.2015. Im Guardian fordern Historiker nach dem von der Sun veröffentlichten Video mit Edward, der späteren Queen und dem Hitler-Gruß eine Freigabe der königlichen Archive. Die Welt feiert den Atomdeal mit dem Iran als Sieg der israelischen Außenpolitik. In der NZZ erklärt Viktor Jerofejew, wie Wladimir Putin die Unsicherheiten des Westens ausnutzt. Horizont erklärt, warum Mobil die Zukunft der Inhalte, aber wohl nicht der Medien ist. In der FR hofft der britische Historiker Faramerz Dabhoiwala auf sexuelle Befreiung im Rest der Welt.

Nicht gesehen zu werden

18.07.2015. Im Guardian fürchtet Jürgen Habermas nicht um Deutschlands Kredite, sondern beklagt das politische Kapital, das in der berühmten Nacht in Brüssel verspielt wurde. In der Welt blickt Karl Ove Knausgard in die inneren Abgründe des Massenmörders Anders Breivik. Im Stern fragt Charlie-Hebdo-Chef Riss, was eine Freiheit wert ist, die niemand mehr zu nutzen wagt. In der FAZ erklärt Laura Poitras, warum sie die amerikanische Regierung verklagt. Die taz besucht die Witwen Kabuls.

Der Andersmeinende

17.07.2015. In der Basler Zeitung fordert der irische Historiker Brendan Simms einen europäischen Superstaat. In der FAZ dringt Asfa-Wossen Asserate mit Blick auf die Flüchtlingsproblematik auf eine neue europäische Afrika-Politik, die im wesentlichen den eigenen Werten treu sein solle. Überall im Netz wird über Angela Merkel und das palästinensische Flüchtlingsmädchen diskutiert. Daily Mail schildert die entsetzliche Lage der Albinos in Tansania.

Unser Dissens hat epistemische Bedeutung

16.07.2015. In der SZ geißelt der malische Autor Ousmane Diarra den arabischen Kultur-Imperialismus in Afrika. FAZ und Zeit berichten von einer Massenverhaftung von Rechtsanwälten in China. In der Zeit möchte Yanis Varoufakis keinen Haushaltsoberaufseher für Europa. In der FR plädiert Herfried Münkler für ein neues altes Kerneuropa. Die Briten gehören eigentlich nicht zu Europa, behauptet ein Manifest britischer Historiker. Aber nur, solange man ihre Kolonialgeschichte vergisst, kontern zwei Historiker in der Zeit.

Ich hab mich halt auf Gott verlassen

15.07.2015. In Le Monde erläutert Jonathan Israel seine Genealogie der radikalen Aufklärung. In Italien wird laut Presse das Grab Dantes beschützt - aus Angst vor Anschlägen belesener Dschihadisten. Welt und FAZ zitierten Gerhard Richter, der mit dem Gedanken spielt, Leihgaben aus Museen abzuziehen und schnellstens "zu verkloppen", um dem Kulturgutschutzgesetz zuvorzukommen. Und Lena Dunham plant einen Newsletter.

Verrückte Loops, verwirrende Erzählstränge

14.07.2015. In der SZ spricht  Schanna Nemzowa, Tochter von Boris Nemzow, über die immer schärfere Repression in Russland. Bernard-Henri Lévy erklärt in seinem Blog, warum man Griechenland retten musste. Das geplante Kulturgutschutzgesetz sorgt nach wie vor für erbitterten Widerstand beim Kunsthandel. Die Berliner Zeitung verteidigt das Gesetz mit Blick auf alte Herrscherfamilien, die sich mit "ihrer" Kunst schon manches Mal wässerten.

Er wäre gern Rennfahrer geworden

13.07.2015. Die Welt erklärt, warum gerade die Sozialdemokraten so sauer sind auf Syriza, während Phillip Ther im Tagesspiegel die Konsequenzen des Neoliberalismus für die baltischen Länder schildert. Flüchtlingen aus Syrien verdanken wir, dass wir Getreide haben, bringt Raoul Schrott in einem taz-Dossier über das Mittelmeer in Erinnerung. Der Standard weiß, warum in Charlie Hebdo keine Mohammed-Karikaturen mehr erscheinen. In der NZZ erinnert sich Bettina Blumenberg an die Mechanik-Baukästen ihres Vaters. Und manipuliert Google?

Reduzierterer Begriff der Zugehörigkeit

11.07.2015. In der NZZ ruft Wole Soyinka den Terroristen von Boko Haram zu: Nennt euch wie ihr wollt, wir nennen euch Boko Haram. In Causeur.fr betont Mona Eltahawy, dass im Nahen Osten nicht nur die muslimischen Frauen unterdrückt sind - den Koptinnen geht's nicht anders. In Le Soir holt Emmanuel Todd zu einer antideutschen Tirade aus. In der New York Times beklagt Kenan Malik die Tribalisierung der britischen Gesellschaft.

Ohne demokratisch legitimiertes Mandat

10.07.2015. Slate.fr erklärt, worüber Caroline Fourest und die französische Linke streiten. Die Reiss-Engelhorn-Museen begründen, warum sie 250 Euro für das Zeigen gemeinfreier Werke verlangen. Die Welt fürchtet drastische Konsequenzen des geplanten Kulturgutschutzgesetzes. Die taz lotet die Mitschuld der UNO am Massaker von Srebrenica aus.

Sofort eine Lammkeule

09.07.2015. Schon schreibt Fidel Castro späte Liebesbriefe an den geschätzten compañero Alexis Tspiras. Ein Grund mehr, warum die anderen Euroländer wohl einlenken werden, meint Politico.eu. Die NSA weiß sicher schon, was Angela Merkel darüber denkt - denn der Geheimdienst ist nach jüngsten Wikileaks-Enthüllungen ihr steter Schatten. In der Zeit nennt Bundestagspräsident Norbert Lammert den Völkermord an den Herero beim Namen. Zum Verzweifeln komisch: Das Tagesprogramm der ARD vom 6. Januar.

Sinnvolles Leben mit wichtiger Arbeit

08.07.2015. Im Tagesspiegel und der NZZ kritisieren die Autoren Kostas Kalfopoulos und Soti Triantafillou den Starrsinn der Regierung Tsipras und das Freund-Feind-Denken der griechischen Intellektuellen. BHL nimmt in seiner Kolumne die Idee der Demokratie gegen Syriza-Freunde wie Marine Le Pen in Schutz. In The Nation rufen Ökonomen um Thomas Piketty die Königin von Europa auf, den Griechen die Schulden zu erlassen. Sonst droht der Untergang. Und die SZ hätte gern eine klare Antwort auf die Frage: "Hören US-Geheimdienste deutsche Journalisten ab?"

Österreich ohne Tafelspitz?

07.07.2015. Die SZ erforscht die intellektuelle Genealogie des Linkspopulismus der Syriza. Slate.fr hat die Grenze des Fanatismus beim "Islamischen Staat" gefunden. Die taz fragt: Werden aus festen Freien bei SZ oder Dumont nun bald lose Freie? Oder gar feste Angestellte? Die NZZ demontiert den konstruktiven Journalisten. Wer über Indonesien spricht, muss auch über Islamisierung unter saudischem Einfluss sprechen, meint die FAZ mit Blick auf das Gastland der Buchmesse. Und Yanis Varoufakis ist laut WSJ jetzt der Minister seiner eigenen Großartigkeit.

Materielle Existenz einer im Werden begriffenen Wahrheit

06.07.2015. Die Griechen haben nein gesagt, "und die Deutschen entscheiden", sagt Politico.eu. Die Briten machen sich zu den Butlern der Scheichs und Oligarchen, schreibt Peter Pomerantsev ebenfalls in Politico.eu. Der Spiegel berichtet, dass er von der NSA abgehört und eine seiner Quellen verraten wurde. Die FR untersucht Alain Badious totalitäre Metaphern.

Plumpe Charmeoffensive

04.07.2015. Die FAZ beschreibt, wie sich Facebook mit seinen "Community Standards" bei der chinesischen Regierung anbiedert. Die UN leisten sich jetzt einen weitgehend macht- und mittellosen Datenschutz-Sonderberichterstatter, meldet Zeit digital. Auch der Spiegel war im Visier der US-Geheimdienste, berichtet der Spiegel. Die FR findet heraus, dass Willy Brandt wohl doch kein Spion war. Und die taz tröstet sich mit einem eigenen Craft Beer über den Rücktritt ihrer Chefredakteurin Ines Pohl hinweg.

Du bist schwarz

03.07.2015. Die taz staunt über die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, die die Wikipedia wegen der Benutzung gemeinfreier Bilder juristisch belangen wollen. In Libération erzählt die Regisseurin Isabelle Boni-Claverie, wie Diskriminierung funktioniert. Warum Tunesien?, fragt das NYRBlog. Die Krautreporter erklären Hintergründe zum Verkauf der Olympia-Fernsehrechte und haben wenig Mitleid mit ARD und ZDF.

Geranie und Pistaziensplitter

02.07.2015. Nun fangen auch die Feuilletons an und retten Griechenland: Das geht nur mit einer politischen Union, meint die Politologin Christine Landfried in der FAZ.  Die Zeit teilt es sogar auf Griechisch mit: Liebe Griechen, bitte stimmt mit Ja zu uns. Nur aus Italien kommt laut FR eine unerwartete Hommage auf Deutschland. Wenigstens mit Scientology geht's kräftig bergab, berichtet slate.fr. Schuld ist das Internet.

In der Unordnung der Gedanken

01.07.2015. Mark Zuckerberg erzählt in einem Chat, wie sich die Medien Facebook anpassen sollen. Die taz erzählt, wie sich Facebook dem Kreml anpasst. Der Horror eines jeden Journalisten muss laut New York Times die Huffington Post sein. Die Feuilletons haben ihren Einfluss auf den Markt ganz von selbst preisgegeben, meint die Bloggerin Karla Paul bei WuV. Die österreichische Autorin Anna Kim fürchtet im Standard den Verlust der Privatsphäre. Die NZZ beschwört Schrecken und Zauber der toten Zeit an einem Sommernachmittag.