9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Dezember 2025
31.12.2025. Der amerikanische Angriff auf ein Hafengebiet in Venezuela ist reinster Imperialismus, kritisiert der Historiker Alan McPherson bei Zeit-Online. In der taz wünscht sich der Politikwissenschaftler Vladimir Tismăneanu mehr historische Bildung über den Faschismus bei Präsident Nicușor Dan. Die SZ betrachtet das urbane Idyll, das die Russen in Mariupol zu schaffen versuchen, nachdem sie die Stadt zerstört haben. Die FAZ fragt sich, warum Donald Trump 2025 die Fehler der Deutschen gegenüber Russland wiederholt. Außerdem überlegt sie mit der kanadische Philosophin Kimberley Brownlee, ob Männer für ihre Gebärbehinderung entschädigt werden sollten. Und: Wir wünschen allen Lesern und Tauchern einen guten Rutsch ins neue Jahr!
30.12.2025. Die Vereinigten Staaten feiern nächstes Jahr ihren 250. Geburtstag, ob als Demokratie muss laut FAZ noch geklärt werden. Die Presse hat jedenfalls keinen Umgang mit Donald Trump gefunden, konstatiert die FR. Eines schafft Trump aber nicht: Frieden in der Ukraine - die Ukrainer werden Gebietsabtretungen kaum zustimmen, so der ukrainische Politologe Wolodimir Fesenko in der NZZ. Die taz stellt mit Erstaunen fest: Die Nazis förderten Frauensport, und die Frauen dankten es mit Treue zum Führer.
29.12.2025. Was passiert, wenn die AfD in einigen Bundesländern die Mehrheit gewinnt? In der SZ malt Politik-Professor Andreas Petrik aus, welche Institutionen die Partei zuerst abwickeln würde. Deutsche Medien setzten sich nur ungern mit ihrer Vergangenheit auseinander, konstatiert die taz am Beispiel der Oldenburger Nordwest-Zeitung. Nicht NGOs wie "HateAid" sind das Problem, sondern die Tendenzen, die sie bekämpft, meint Zeit online.
27.12.2025. Die Mehrheit der AfD-Wähler sei keineswegs gegen Demokratie, glaubt Juli Zeh in der taz. Mag sein, ist aber ziemlich naiv, meint der ehemalige Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle im Tagesspiegel, denn die AfD will den Parlamentarismus abschaffen. Die Welt warnt vor radikalen Christen in den USA, die die demokratische Partei für dämonisch halten. In der FAZ blickt der Philosoph Michael Hampe indes besorgt auf die neoreaktionäre Revolution in den USA. So eine große Wassernot wie aktuell gab es nie im Iran, erzählt der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan in der NZZ.
24.12.2025. Im Interview mit der Zeit überlegt der irische Pastor Gary Mason, wie das Karfreitagsabkommen ein Ende des Nahost-Konflikts inspirieren könnte. Der Historiker Simon Sebag Montefiore erinnert in der FR daran, wie eng die Europäer buchstäblich miteinander verwandt sind. Die SZ blickt vorsichtig optimistisch auf die Frauen im Iran, die sich immer öfter unverhüllt zeigen. Allerdings ist das nach wie vor lebensgefährlich, wie der Fall der zum Tode verurteilten Zahra Shahbaz Tabari zeigt, die für "Frau, Widerstand, Freiheit" eintrat, berichtet der Spiegel. Jesus war Jude, erinnert der Politikwissenschaftler Ján Kapusňak in der FAZ angesichts von Bildern, die das Jesus-Kind in ein Palästinensertuch gewickelt zeigen.
23.12.2025. Wo genau liegt der Westen? Der AfD-Vordenker Benedikt Kaiser (interviewt von starke-meinungen.de) und die berühmte Cambridger Althistorikerin Josephine Quinn in ihrem Buch "Der Westen" sind sich einig, auch wenn sie aus unterschiedlichen Richtungen kommen: in der Requisitenkammer einer obsoleten Ideologie. Aber es gibt auch Gegenstimmen, bei den Ruhrbaronen, und in der FAZ. Die taz erzählt, was in Warschau wiederaufgebaut wurde und was nicht und warum.
22.12.2025. Im SZ-Interview ist die brasilianische Filmemacherin Petra Costa stolz auf die Demokratie in ihrem Land, auch weil der einstige rechtspopulistische Präsident Bolsonaro zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Rumänen haben im Zweiten Weltkrieg aus eigener Initiative Hunderttausende Juden umgebracht - Alexandru Bulucz schildert in der FAZ die rumänischen Schwierigkeiten im Umgang mit dieser Geschichte. Die SZ ist enttäuscht von Eva Menasse und Daniel Marwecki die behaupten, sie könnten sich nicht frei zu Israel äußern, und dafür extra in die Schweiz gehen. Die NZZ beleuchtet die immer neuen Proteste in Marokko.
20.12.2025. Angst vor Russland bewog die EU, erstmals gemeinsame Schulden aufzunehmen - eine Blamage, so die SZ. Putin trumpft inzwischen laut FAZ auf: Was schert ihn Trumps Friedensplan - er will eine gleichgeschaltete Regierung in Kiew. Die Ukrainer bereiten inzwischen Borschtsch fürs Fest vor, erzählt Jurko Prochasko in der FAS, wissen aber nicht, ob sie ihn noch essen können. Der neue Antisemitismus hat es geschafft, die ganze Welt zu einem Ort zu machen, an dem Juden unerwünscht sind, schreibt Eva Illouz in der SZ.
19.12.2025. Implodiert die Welt wegen des Größenwahns zweier Politiker? Die Medien schreiben über Trumps immer verrücktere Ausbrüche - und sein Dösen in Kabinettssitzungen. Die FAZ notiert auch den Größenwahn eines anderen: Russland habe vollkommen neue Waffen und ist praktisch unschlagbar, ist sich Putin sicher. Auch in Deutschland bricht sich ein politischer Wahn Bahn: Der Politikwissenschaftler Markus Linden fragt sich in Zeit online, ob sein Kollege Nils Kumkar wirklich ein zynisches Machtspiel der Linken will, das darin besteht, erstmal die AfD dranzulassen?
18.12.2025. Identitätspolitik von links ist auch nicht besser als die von rechts, meint in der FAZ der Historiker Stephan Lehnstaedt, zumal sie klassisch imperiale Handlungsmuster aufweise. Die Zeit fragt sich, warum Mathias Döpfner Erinnerungskultur als Hemmnis für den Fortschritt zu begreifen scheint. Den Venezulanern wäre sehr geholfen, würde Maduro abdanken, meint die SZ, aber Donald Trump vermasselt auch das. In der NZZ erklärt der Historiker Sergey Radchenko, warum Putin noch gefährlicher als Stalin ist. Die FR fürchtet um die Medienvielfalt in Italien, sollten italienische Zeitungen nicht ins Ausland verkauft werden dürfen.
17.12.2025. Die Attentäter von Sydney handelten in einem Klima, in dem Antisemitismus normalisiert ist, erkennt die taz. In Atlantic geht David Frum noch weiter: Wer "Globalize the Intifada" ruft, weiß ganz genau, was er tut: Symbolische Gewalt ist eine Generalprobe für tatsächliche Gewalt. In der SZ können es Filip Dzyadko und Alexander Estis angesichts der Haftbedingungen kaum fassen, dass der russische Widerständler Alexej Gorinow noch lebt. In der FR erklärt die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr, dass sie eigentlich am liebsten mit denen diskutiert, die ganz anderer Meinung sind als sie.
16.12.2025. Nicht viele gute Nachrichten heutzutage. "Juden der Welt! Ihr seid nirgends sicher", ruft Alexander Estis in einem verzweifelt klingenden Text in der SZ. Die Hongkonger Demokratiebewegung ist mit der drakonischen Verurteilung des Verlegers Jimmy Lai sozusagen offiziell beerdigt, fürchtet die FAZ. Die italienischen Zeitungen sind in einer lebensbedrohenden Krise, berichtet die taz. Nur die Ukraine ist nicht verloren, insistiert der Historiker Yaroslav Hrytsak in der FAZ: Denn die Ukrainer wollen sich einfach nicht unterwerfen.
15.12.2025. Der antisemitische Anschlag von Sydney kam nicht ohne Vorwarnung, schreibt die jüdische Australierin Claire Lehmann in Yascha Mounks Blog Persuasion - ihm ging eine ganze Reihe von Vorfällen voraus, die von der australischen Politik nicht ernstgenommen wurden. Alle Zeitungen freuen sich über die Freilassung von über 120 belarussischen Regimegegnern, darunter Maria Kolesnikowa - die FAZ beschreibt die grauenhaften Haftbedingungen. Heute ist ein Schicksalstag, mahnt nicht nur die taz: Unterwirft sich Europa? Zerbricht der Westen?
13.12.2025. "Selbstgewähltes, aggressives Nichtwissenwollen", kennzeichnete westliche Öffentlichkeit einst gegenüber Stalins und heute gegenüber Putins Regime, sagt Marko Martin in der taz. Wolodimir Selenski wird am Montag nach Berlin kommen. Hier könnte sich entscheiden, ob die Ukraine den Preis für diese Ignoranz zahlen muss - aber die FAS macht sich noch Hoffnung. Trumps "Nationale Sicherheitsstragie" (inzwischen als "US-NSS" abgekürzt) macht den Zeitungen weiter Kopfzerbrechen. Ebenfalls in der FAS erzählt Ronya Othmann, warum sie mit Blick auf Syrien "eine große Einsamkeit" verspürt.
12.12.2025. Im Tagesspiegel erzählt die Althistorikerin Babett Edelmann-Singer, wie es die AfD mit der Antike hält. "Die Leute, die auf Frieden mit Russland drängen, sollten sich einen Abend lang russische Medien anschauen", empfiehlt Karl Schlögel ebendort. In Nigeria werden die Christen sehr wohl verfolgt, hält die FAZ fest. Der SZ geht's gut - Zeit online erzählt, warum der Chefredakteur trotzdem gehen muss. Und Patricia Schlesinger und andere RBB-Hierarchen müssen weiter um ihre Ruhegelder kämpfen.
11.12.2025. Die SZ schildert Wolodimir Selenskis einsamen Kampf gegen Donald Trump. In der FR fürchtet Arno Widmann mit Blick auf die Allianz von Trump und Putin: "Wir werden uns rüsten müssen." Die Konferenz wehleidiger Intellektueller, die in der Schweiz tagen, weil sie in Deutschland ihre weit verbreitete Meinung angeblich nicht sagen dürfen, beschäftigt die Zeitungen weiter. Die Kopplung von KI und Macht besorgt FR und SZ. Die taz porträtiert die Feministin Jacinta Katiany, die in Kenia gegen Genitalverstümmelung kämpft.
10.12.2025. In der SZ fordert Navid Kermani eine Föderation europäischer Staaten, warum nicht gleich ein transnationaler Sozialismus, fragt Lea Ypi in Zeit online. Auch vor hundert Jahren haben sich Intellektuelle gefetzt, damals hießen sie Siegfried Kracauer und Martin Buber - die FAZ erinnert. Mit Europa geht's unterdessen laut FAZ und SZ weiter bergab, sowohl in Frankreich als auch in Britannien. Aber es besteht Hoffnung: Die taz hat bei Wolfram Weimer einen Gottesbeweis gefunden.
09.12.2025. Was nur fasziniert die liberale Linke so am radikalen Islam, fragt sich in der FAZ der kroatische Historiker Ivo Goldstein. Wer den Ukrainekrieg gewonnen hat, wird nicht in einem "Friedensplan" entschieden, sondern in der Zeit danach, meint Timothy Garton Ash in der SZ. Warum neuerdings in der Türkei Fotojournalisten verhaftet werden, erklärt in der taz der Fotograf Yasin Akgül. Im Spiked Magazine plädiert der polnisch-nigerianische Autor Remi Adekoya nicht für eine Dekolonisierung der Geschichte, sondern für eine Erweiterung des Lehrplans, die das Osmanische Reich, das Mogulreich und das Königreich Ashanti neben dem britischen Empire einbezieht.
08.12.2025. Für Amerika ist jetzt "Europa der Feind Nummer 1", fürchtet die taz nach Lektüre von Donald Trumps Papier zur "Nationalen Sicherheitsstrategie", ein wahrhaft "bedrohliches Pamphlet", stimmt die NZZ zu. SZ und Zeit online beobachteten deutsche Intellektuelle in der Schweiz bei selbstmitleidiger Selbstzerpflückung. In der Jüdischen Allgemeinen appelliert Jeffrey Herf an die Unis: Die Nahostforschung muss neu aufgestellt werden.
06.12.2025. In der taz kann die Schriftstellerin Sofi Oksanen nicht verstehen, warum der Westen zu den Entführungen ukrainischer Kinder schweigt. Wir leben in einer Zeit des Übergangs, aber das Neue ist noch nicht in Sicht, meint in der FR der Historiker Christopher Clark. In der taz fordert die Politikwisschenschaftlerin Martyna Linartas, eine höhere Erbschaftssteuer - sonst geht's direkt zurück ins Kaiserreich. In der FAS diagnostiziert die Philosophin Seyla Benhabib Elemente' des Totalitarismus in den USA. In der SZ sieht die Schriftstellerin Karina Sainz Borgo, wie es Nacht wird in Venezuela.
05.12.2025. Die SZ veröffentlicht Ergebnisse aus dem "Damascus-Dossier", in dem in weltweiter Zusammenarbeit die Geheimdienst-Archive der Assad-Regierung ausgewertet werden: Es geht unter anderem um das syrische Militärkrankenhaus Harasta, in dem in großem Stil gefoltert und getötet wurde. Deniz Yücel sieht in der Welt die Pressefreiheit in Gefahr - nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande. Georgien erlässt nun Presse-Gesetze nach russischem Vorbild, berichtet die FAZ.
04.12.2025. Die Feuilletons diskutieren weiter über die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann: Die FAZ findet die Vorwürfe übertrieben, die SZ prangert Druck von Seiten der israelischen Regierung an. Der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh blickt in der Zeit mit Hannah Arendt auf die Assad-Diktatur in Syrien. Der Soziologe Natan Sznaider fragt derweil in der SZ, was Arendt den Juden heute noch zu sagen hätte. Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge wundert sich, dass im "Armuts- und Reichtumsbericht" der Bundesregierung die Reichen gar nicht vorkommen.
03.12.2025. Die Europäer müssen resilienter werden, fordert die Politikwissenschaftlerin Claudia Major in der SZ. Die Gespräche zwischen den USA und Russland führten keinen Schritt weiter in Richtung Frieden, melden die Zeitungen. Die FAZ sehnt sich angesichts von "Raubtieren" wie Trump und Putin nach europäischen Politikern mit Format. Die FR begrüßt eine Statue Walter Lübckes in Sichtweite der CDU-Bundesgeschäftstelle.
02.12.2025. In der FAZ geht die Autorin und Filmemacherin Esther Schapira hart mit der Nahost-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen ins Gericht: "tendenziös" und "verzerrt" lautet ihr Urteil. In der NZZ zeichnet die Politologin Kholood Khair nach, wie es zum Bürgerkrieg im Sudan kam. Außerdem interessiert sich die FAZ für die irritierenden Ansichten von Zhoran Mamdanis Vater Mahmood, etwa mit Blick auf islamistischen Terror. Im Perlentaucher untersucht der New Yorker Publizist Mitchell Cohen die Schwächen der amerikanischen Verfassung, die Trump zur Macht verhalfen.
01.12.2025. In Berlin treffen sich heute der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Bundeskanzler Merz - die FAZ schildert den deprimierenden Stand der deutsch-polnischen Beziehungen. Die BBC erzählt, wie es dazu kam, dass ein Park in Dublin nicht umbenannt wurde. Die SZ wundert sich über Amazon Prime, wo recht gewagte Theorien über UFOs eins zu eins verbreitet werden. Die taz weiß, wann das Interesse an Raubdrucken in der deutschen Linken nachließ.