9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

September 2025

Viele verunsicherte Männer

30.09.2025. Donald Trump und Benjamin Netanjahu haben einen Friedensplan für den Gaza-Krieg vorgestellt - wir verlinken auf ihn und bringen allererste Reaktionen.  Aus Moldawien kommen endlich mal gute Nachrichten, freut sich die FAZ nach dem proeuropäischen Ausgang der Wahlen.  In der SZ erklärt Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer , wie Rechtsextreme mit den Frustrationen junger Männer spielen. Und Holger Friedrich möchte zunächst mal die Zeitungen der DDR wiederbeleben, berichtet die Welt.

Das Trauma reicht nicht aus

29.09.2025. In der FAZ fragt Sönke Neitzel: Kann eine Bundeswehr funktionieren, die 10.000 Oberstleutnants hat - und gleichzeitig nur 10.000 Obergefreite? Die SZ ist empört: Wenn Comedians wie Dave Chapelle und C.K. Louis eine Gage von 1,6 Millionen Dollar bekommen, dann treten sie auch in Saudi Arabien auf. Für die NZZ liest der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg Hitlers "Mein Kampf", das vor hundert Jahren erschien, und bescheinigt dem Buch eine unheimliche Aktualität. taz und Spiegel online berichten von der Berliner Gaza-Demo.

Das Leben selbst wurde zur Story

27.09.2025. In der FR fragt Giuliano da Empoli: Wenn wir die Azteken sind, wer sind dann die Männer mit den FeuerstäbenTimothy Snyder weist in seinem Blog auf einen ziemlich unheimlichen Vorgang hin: Der amerikanische Verteidigungsminister hat sämtliche Generäle aller Streitkräfte nach Virginia einbefohlen. Warum? Mit Blick auf die Zukunft Europas warnt die FAZ: Vieles hängt von Gagausien ab. Queernations fragt: Warum identifiziert sich eigentlich ausgerechnet die queere Szene so verzückt mit dem blutigen Machismo der Hamas?

Mit deinen Sachen zum Ausgang

26.09.2025. Tayyip Erdogan ist es nie gelungen, die türkische Kulturszene auch nur im mindesten auf seine Seite zu ziehen. Dafür bestraft er sie nun mit immer neuen Festnahmen, erzählt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Politischen Gefangenen in Russland ergeht es noch schlimmer, erfahren wir in der SZ. Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy ist zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, und das ist richtig so, meint Lejournal.info. In den 683 Tagen seit dem 7. Oktober 2023 gab es in Berlin 865 Demonstrationen gegen Israel. Aber das reicht laut taz nicht aus - morgen folgt die größte aller Zeiten.

Das Schicksal Amerikas selbst

25.09.2025. Die Welt druckt aus unklaren Gründen die Rede Donald Trumps vor der UN-Generalversammlung. Die SZ benennt, was man aus dieser Rede schließen kann: nichts, gar nichts. Ebenfalls in der SZ legt Timothy Snyder dar, dass es jetzt auf die demokratischen Bundesstaaten in den USA ankommt, falls man dort die Demokratie noch retten will. Die taz hat eine entsetzliche Entdeckung gemacht: Es gibt Linke, die für Israel sind, aber das "passt einfach nicht zusammen". In der NZZ ruft Karl Schlögel die Europäer auf, "Abschied zu nehmen von einer Welt, die es so nicht mehr gibt".

Die Diffusion des Feindbegriffes

24.09.2025. In der UN-Sitzung zur Anerkennung Palästinas ging es in erster Linie doch darum, Israel zu verurteilen, kritisiert die SZ. Die Zeit diskutiert pro und kontra einer Anerkennung Palästinas. Die NZZ beleuchtet Peter Thiels Endzeitvisionen. Sozialwissenschaftler, die sich mit dem Nahen Osten beschäftigen, trauen sich kaum mehr den Mund aufzumachen, lernt die FAZ  aus einer Studie der FU Berlin. Und: Alle berichten über die Rückkehr Jimmy Kimmels ins Fernsehen.

Eine Brücke an einer Wolke

23.09.2025. Der Disney-Konzern nimmt seinen ganzen Mut zusammen und macht die Absetzung des Comedian Jimmy Kimmel rückgängig - Druck von Hollywood-Gewerkschaften hat laut New York Times geholfen. In der SZ erklärt Eva Illouz, wie die Postmoderne die Welt zu Text machte und dabei die Wahrheit opferte. In der FR macht Josephine Quinn klar, dass Ägypten, Persien und Indien zum "Westen" gehören. Die vorauseilende Anerkennung eines Staates Palästina bleibt umstritten.

Teil der offiziellen Politik

22.09.2025. In der Nacht wurde Charlie Kirk in einer gigantischen Trauerzeremonie sozusagen heilig gesprochen. Die Verschmelzung zwischen Evangelikalismus und Politik war nie inniger, notiert die New York Times, aber das religiöse Gesäusel schließt den Hass keineswegs aus, machte Donald Trump mit seiner Rede klar. In Zeit online erklärt Völkerrechtler Andreas Zimmermann, was eine Anerkennung Palästinas als Staat durch Frankreich oder Britannien für konkrete Auswirkungen hat. Die taz lernt auf dem Deutschen Historikertag Neues über antisemitische Kontinuitäten. Ruhrbaron Stefan Laurin beobachtet, wie der Antisemitismus in den Mainstream einsickert. 

Eine andere Qualität

20.09.2025. Die taz liest Eva Illouz' Essay "8. Oktober" und entdeckt, wo Links- und Rechtsextremismus konvergieren. In den USA unterwerfen sich Medien einem "autoritär-faschistischen Angriff", während es in Deutschland keine Cancel Culture gibt, meinen taz und FR. Zeit online sieht es anders. Jemand musste Judith B. verleumdet haben, fürchten die NZZ und diese selbst in The Nation. Was bringt ein Fortschritt, der auf "Singularität" hinausläuft, fragt die Welt.

Gefühl des inneren Widerstands

19.09.2025. In der Welt bittet die israelische Autorin Zeruya Shalev die Europäer, "sich der Komplexität bewusst zu sein, in der wir hier leben".  In der FAZ fragt der Fimproduzent Martin Moszkowicz, warum gerade seine Branche Israel fallen lässt. In der NZZ lotet der Schriftsteller Christoph Brumme das kulturelle Missverständnis zwischen dem Westen und Russland aus. Die Absetzung des Late-Night-Comedian Jimmy Kimmel beschäftigt die deutschen Medien weiter. 

Das ist eher Mafia-Stil

18.09.2025. In der FAZ plädiert der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz für einen progressiven Kapitalismus, um die Demokratie zu retten. Im Spiegel überlegt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, wie man Populisten Paroli bietet. Die Zeit telefoniert mit Steve Bannon, der sich beschwert, dass nach dem Mord an Charlie Kirk nicht zwei Drittel der FBI-Beamten entlassen werden. Ausländische Journalisten, die Donald Trump kritisieren, müssen jetzt um ihr Visum fürchten, berichtet die NZZ.

Maximales Chaos

17.09.2025. It's the economy, stupid, ruft Timothy Garton Ash den Demokraten zu, die noch 400 Tage bis zu den Zwischenwahlen haben, um die amerikanische Demokratie zu retten. In der FR sieht der Historiker Bernd Greiner Neid als Hauptmotiv für die "Extremisten der Mitte" in den USA. Die FAZ fragt angesichts immer größerer Sozialausgaben: Hat niemand eine Idee für einen neuen Gesellschaftsvertrag? Der Spiegel zeigt in einer Reportage aus Hagen, wo die Reise andernfalls auch hierzulande hinführen könnte.

Energie für die eigenen Zwecke

16.09.2025. "Iranische Frauen haben nie und werden niemals vor diesem Regime kapitulieren", sagt die Historikerin Neda Amani in der FR zum dritten Jahrestag des Tods von Jina Mahsa Amini. Friedrich Merz hat eine sehr emotionale Rede zur Wiedereröffnung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße gehalten - Rachel Salamander erzählt in der Jüdischen Allgemeinen ihre Geschichte. Der Rechtspopulismus ist ein Perpetuum mobile, fürchtet Eva Ladipo in der FAZ: Er schürt die Wut, die ihn nährt.

Das Publikum lauscht ergriffen

15.09.2025. "Eine ausgesprochen miserable Bilanz" hat die Nato bei der Abwehr russischer Drohnen, die in polnisches Territorium eindrangen, vorzuweisen, meint Herfried Münkler in Zeit online. Die taz fragt nach der größten rechtsextremen Demo in der britischen Geschichte, wie es die Diskursgegner der Rechtsextremen mit der Meinungsfreiheit halten. Die Türkei befindet sich auf dem Weg in die Diktatur, fürchtet Bülent Mumay in der NZZ

Kognitive Schulden

13.09.2025. In der Welt erkennt New-York-Times-Autor James Kirchick in den Reaktionen der Rechten auf den Mord an Charlie Kirk die "Geburtsstunde einer transatlantischen Rechten". Die Welt ruft der israelischen Regierung zu: Es ist Zeit für eine Einigung. In der FAS verteidigt die Philosophin Lea Ypi die Ideale der Aufklärung gegen die postkoloniale Kritik. Und in der FAS bangt der Kulturwissenschaftler Mikhail Ilchenko um Bergkarabachs Kulturerbe.

Bereitschaft zum Widerspruch

12.09.2025. Ein politischer Mord stört das ohnhin hoch polarisierte Amerika auf - der junge und extrem populäre MAGA-Aktivist Charlie Kirk wurde in Utah erschossen. Der Täter ist bisher nicht gefasst. Kirk war ein Extremist, resümieren die Medien, aber man kann nicht leugnen, dass er die Debatte suchte. Die taz findet den neuen SPD-Vorschlag für das Bundesverfassungsgericht - die Richterin Sigrid Emmenegger - eher feige.

Die Ferien sind heilig

11.09.2025. Russische Drohnen im polnischen Luftraum zeigen vor allem eins: Putin glaubt, den Westen ohne die USA nicht fürchten zu müssen, meint die SZ. Die Streichung von zwei Feiertagen war der Kardinalfehler der Regierung Bayrou, erklärt Pascal Bruckner in der Welt: Das galt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Michael Elgort wüsste gern, was der spanische Premierminister Pedro Sanchez gern mit Atomwaffen gegen Israel machen würde. Die Zeit bringt das Dilemma des Nahostkonflikts auf den Punkt: Die Zweistaatenlösung ist out, aber eine Alternative gibt es nicht. Die taz fragt, ob die NYT eigentlich überhaupt noch recherchiert.

Nationale Nabelschau

10.09.2025. Während Polen einige russische Drohnen abgeschossen hat, versucht heute die Bewegung "Blockiert alles" Frankreich lahm zu legen. Nachdem die Franzosen den König geköpft und die Republik säkularisiert hatten, blieb ihnen nur noch die Ideologie, versucht im Spiegel der Soziologe Gérald Bronner die allgemeine Blockadewut zu erklären. Kompromisse gehören nicht zum Habitus der Fünften Republik, meint die SZ. Die FAZ fragt, was das neue Leuchtturmprojekt "Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation" in Halle an der Saale eigentlich will, außer Jobs für Wissenschaftler schaffen?

Fortwährende innerdeutsche Selbstbespiegelung

09.09.2025. In der taz analysieren Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit die trübe Suppe aus linken und rechten Parolen, mit der die französische "Bloquons tout"-Bewegung auftritt. In der Welt schreibt Marko Martin über DDR-Nostalgie nicht nur der Linken. Auch Hunde sind im Iran ein Symbol, informiert hpd.de. Und was wird Bari Weiss wohl bei CBS machen, fragt die FAZ.

Dass alles irgendwann auseinanderfällt

08.09.2025. Die Ukraine braucht keine Friedenstruppen in der Zukunft, sondern mehr Hilfe jetzt, ruft die NZZ angesichts der schweren Angriffe auf Kiew. taz, FAZ und SZ blicken nach Britannien, wo Nigel Farages rechtspopulistische UK Reform in den Meinungsumfragen inzwischen stärkste politische Kraft ist. In Frankreich sieht es nicht besser aus, dort gibt es inzwischen eine linke neue Bewegung, die auch keine Lösung verspricht: Bloquons tout. Die FAS besucht Deutschlands erstes Dokumentationszentrum zum NSU in Chemnitz.

Eindrucksvoller als die ganzen Radikal-Rhetoriker

06.09.2025. Leila Slimani ruft in Telquel zur Solidarität mit der marokkanischen Feministin Ibtissame Lachgar auf, die wegen eines T-Shirts zu dreißig Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Greta Thunberg bricht erneut nach Gaza auf. Wenn sie Pech hat, trifft sie dort laut FAZ auf Itamar Ben-Gvir. In der NZZ erzählt der Journalist vom  katastrophalen Niedergang Kubas - und von der einstigen kubanischen Demokratie. In der taz warnt der finnische Militärexperte Joel Linnainmäki, dass sich die Dynamik im Ukraine-Krieg zugunsten Russlands dreht.

Die Sauerei des Sterbens beenden

05.09.2025. Bei Wladimir Putin wird es wohl auf Unsterblichkeit hinauslaufen - im Gespräch mit Xi Jinping bei der Militärparade in Peking hat er laut FAZ über seine diesbezüglichen Hoffnungen geplaudert. Damit greift er sowjetische Traditionen auf, schon damals riet man zu Transfusionen von jungem Blut, informiert Zeit online. Die SZ erklärt mit Ezra Klein, was Wachstum ist. Der Genozidvorwurf gegen Israel wird weiterhin bekräftigt und bestritten.

Lauter ratlose Linke

04.09.2025. Donald Trump ist das Beste, was Europa passieren konnte, freut sich Pascal Bruckner in der NZZ und hofft auf eine Emanzipation Europas. In der Zeit kann es die Philosophin Manon Garcia nach dem Pelicot-Prozess nicht fassen, wieviele Männer bereit sind zu vergewaltigen. In der Zeit erinnert Michael Thumann an das Pogrom gegen die Griechen von Istanbul vor siebzig Jahren. Wer selbst nicht an die Wissenschaftsfreiheit glaubt, kann sich schlecht beschweren, wenn sie angegriffen wird, meinen Alexander Bogner und Caspar Hirschi in der FAZ mit Blick auf die US-Unis.

Abwägungen zwischen moralischen Gütern

03.09.2025. In der Financial Times ruft Fania Oz-Salzberger die gemäßigten Israelis und Palästinenser auf, sich gegen die Radikalen auf beiden Seiten zu stellen. Die FAZ ist nicht ganz einverstanden mit Anne Rabes These, die Verächtlichmachung der Moral sei schuld am Rechtsruck in Deutschland. Ebenfalls in der FAZ stellt der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn fest, dass sich linker und rechter Antisemitismus inzwischen vermischt hat. Die "International Association of Genocide Scholars" bestätigt den Genozid-Vorwurf gegen Israel: Endlich, meint die taz. Times of Israel kritisiert hingegen unseriöse Methoden bei der Abstimmung. 

Zwei Denkfehler im Westen

02.09.2025. Der größte Feind der Demokratie ist Langeweile, lernt die Welt aus einem alten Buch von Francis Fukuyama. Frust mit der Demokratie diagnostiziert auch der belgische Autor David Van Reybrouck in der FR. Sein Rezept: mehr Referenden und Bürgerräte. Und Absicherung der Bundeszentrale für politische Bildung, fordert deren Chef in der SZ. In der NZZ fragt der Historiker Andreas Rödder, wie sich die Weltlage nach dem Fall der Mauer wieder derart verkrampfen konnte. Außerdem fürchtet die NZZ einen Auftrieb extremistischer Kräfte weltweit, wenn Indonesien seinen religiösen Pluralismus aufgibt.

Lamento des Niedergangs

01.09.2025. In der FAZ plädieren die Informatiker Haya Schulmann und Michael Waidner für die Entwicklung einer nationalen KI-Infrastruktur. In netzpolitik fürchtet die Philosophin Maren Behrensen, KI solle uns zu optimierten Wesen machen. Die NZZ erklärt, warum Putin vielen Russen so verführerisch erscheint: Er bietet ihnen eine negative Identität. In der SZ erinnert der Historiker Michael Brenner daran, dass der Zionismus auch ein säkulares, anderen Ethnien und Religionen zugewandtes Gesicht hat. Militärisch kann man gegen die Hamas eh nix machen, es braucht den Druck aus der palästinensischen Bevölkerung, meint Zeit online.