9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

September 2018

Es wird ein Zirkus veranstaltet

29.09.2018. Der Populismus bricht sich jetzt auch in westeuropäischen Medien Bahn: Für die taz liegt die selektive Versorgung von Medien mit Informationen ganz auf der Linie des österreichischen Innenministers Herbert Kickl. Die New York Times ist entsetzt über die Ernennung des Putinisten und Impfgegners Marcello Foa zum Chef des italienischen Staatssenders RAI. Politico.eu erzählt, wie russische Oligarchen eine Mitgliedschaft Mazedoniens in der EU verhindern wollten. Mehrere Zeitungen berichten vom Historikertag, und über die die Frage über es eine Historiker-Resolution gegen rechts braucht.

A Schriftl is a Giftl

28.09.2018. Netzpolitik bringt ein Dossier über Google und die Presse: Millionen Euro werden von Google an deutsche Medien ausgeschüttet - das meiste davon an etablierte Traditionsmedien wie FAZ und Wirtschaftswoche, so die Autoren.  In der SZ spricht Julia Angwin von The Markup über algorithmische Tendenzen.  In 54books.de weist Berit Glanz Kulturkritik am Medienwandel zurück und fordert doch Subventionen für die Verlage.

Silbern beschichtetes Spezialpapier

27.09.2018. "Wie konnte das geschehen", fragt die taz vor dem Erdogan-Besuch: Wie konnte ein einst gefeierter Reformer zum Autokraten werden? Der Recherchedienst bellingcat enthüllt die wahre Identität eines der Skripal-Attentäter. Der BAMF-Skandal war ein Presseskandal, aber über diesen Skandal spricht die Presse nicht, schreibt Lorenz Matzat bei Medium. In der Welt erzählt der Kulturwissenschaftler Manfred Osten, wie China den Westen bis 2050 überholen will.

Sie kann einpacken

26.09.2018. Ian Burumas Entlassung oder Weggang bei der New York Review of Books ist ein Schlag für die intellektuelle Freiheit, schreibt Laura Kipnis in der New York Times. In der NZZ  fordern die Juristen Thomas Geiser und Ursula Uttinger ein "Recht auf Vergessen" auch gegenüber staatlichen Datensammlern. Und mit der Kanzlerin geht's zuende, spätestens jetzt, vielleicht auch irgendwann, mindestens aber seit 2000, warnt Stefan Niggemeier in den Uerbermedien.

Auf das nötigste Maß beschränkt

25.09.2018. Das österreichische Innenministerium weist die Polizei an, mit bestimmten Medien nur noch selektiv zusammenarbeiten - sofern die Berichterstattung positiv ist, berichten Kurier und StandardRumänien reiht sich mit einem Referendum gegen Homoehe in die ultrakonservativen Bewegung in Osteuropa ein, warnt die Aktivistin Evelyne Paradis bei politico.eu.  Die New York Times erzählt, wie der stellvertretende US-Justizminister Rod Rosenstein fast gefeuert wurde. Und in der SZ verteidigen zwei Bayern Chemnitz.

Die eigentliche Bedeutung von Gleichheit

24.09.2018. Wer glaubt, er habe seine "Wurzeln" gefunden, weil ein paar seiner Gene auf Native Americans oder Afrikaner verweisen, irrt sich wie ein Rassist, meint Kenan Malik im Observer. Im Tagesspiegel wünschen sich Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker ein buntes Deutschland. Ebenfalls im Tagesspiegel wird über die Frage gestritten, ob Linksextremismus so schlimm sein kann wie Rechtsextremismus. In Amerika gründet laut New York Times der Erfinder von Craig's List ein Blog, das die Tech-Giganten unter die Lupe nimmt.

Zeitalter des totalen Bauernhofs

22.09.2018. In ganz Europa gewinnen die AbtreibungsgegnerInnen, begünstigt durch den Rechtspopulismus, die Oberhand, konstatiert die taz. In der Welt beklagt Francis Fukuyama einen Mangel an konservativen Intellektuellen. Der Tagesspiegel findet: Die Medien haben zuviel "Haltung" bei Chemnitz und zu wenig im Hambacher Forst. Die SZ geißelt die Monopolisierung der Nacktmulle durch Google.

Mit robuster Entschlossenheit

21.09.2018. Im Spectator hält Anne Applebaum eine Gardinen-Predigt an alle Brexiteers, die mit Orban und Kaczynski paktieren wollen. In der SZ spricht der zu Lebenslang verurteilte Schriftsteller  Ahmet Altan über die Absurditäten der türkischen Justiz. SZ und Welt kommentieren Ian Burumas Kündigung bei der New York Review of Books. Alle trauern um die große Verlegerin Inge Feltrinelli.

Mit seinem Quietscheentchen

20.09.2018. Die New York Times weiß, warum Ian Buruma bei der New York Review of Books heftigen Ärger bekommen hat, aber nicht, ob er aus freien Stücken ging. In Brüssel eröffnet das Afrikamuseum neu, das einst gebaut wurde , um die blutige belgische Kolonialgeschichte zu feiern und nun ein ganz neues Konzept hat. SZ und politico.eu berichten. Und Bülent Mümay schildert in der FAZ das Leben unter einem Autokraten, der sich ein Flugzeug im Wert von 500 Millionen Euro "schenken" lässt, während die Arbeiter an der Baustelle des Großflughafens nicht mal bezahlt werden.

Der reine Krieg ist einer, der nicht mehr endet

19.09.2018. In der Welt erklärt Sineb El Masrar die Nöte des muslimischen Mannes. Der Richter Malte Engeler erklärt in Netzpolitik, warum man von Facebook nicht die Einhaltung von Grundrechten verlangen kann und dann irgendwie doch. In der taz diskutieren vier SchriftstellerInnen über Chance und Verheißung eines linken Populismus - aber Tanja Dückers beißt nicht an.

Maximale Toleranz

18.09.2018. Die NZZ sucht nach Ursachen für die Lähmung der Gesellschaft in Polen. In einem gleichen sich die klassischen Parteien und die AfD, findet Necla Kelek im Redaktionsnnetzwerk Deutschland: Beide haben kein Konzept für Integration. Im Standard knüpft sich Samuel Schirmbeck die Linke und den Islam vor. In der taz sucht ein linker Brexit-Gegner nach Argumenten.  Und Lokaljournalismus in Deutschland ist doch eher unkritisch, hat eine Studie in Trier herausgefunden.

Genau wie ein normales Wasserstoffatom

17.09.2018. Im Perlentaucher kritisiert Wolfgang Ullrich den Missbrauch von Urheberrechten als Kontrollinstrument. Politico.eu schildert das Denken der "No-Deal-Jakobiner", während sich die Brexit-Verhandlungen einem möglichen Kompromiss nähern. Der Guardian beleuchtet in zwei Artikeln  die russische Häme bei der Inszenierung der mutmaßlichen Skripal-Mörder. Le Monde entdeckt eine lange vergessene Art der Fortbewegung: zu Fuß gehen.

Das gesamte Hellfeld

15.09.2018. Bellingcat und ein Kiezblog aus Brooklyn zeigen, dass das Internet nicht nur Fake News, sondern auch Wahrheit produzieren kann, zum Beispiel über Russland und seine engsten Freunde. Der Integrationsforscher Aladin El-Mafaalani erklärt im Interview mit der taz, was er mit dem "Integrationsparadox" meint. Bei den Salonkolumnisten fühlt sich der Historiker Jan C. Behrends von der antifaschistischen Rhetorik einiger Redner im Bundestag eher abgestoßen. So schlecht steht es um die schwedische Demokratie nicht, erklärt Aris Fioretos in der Welt.

Revolution ohne Farbe

14.09.2018. Masha Gessen informiert im New Yorker über den Pussy-Riot-Aktivisten Pjotr Wersilow, der wohl vergiftet wurde und im Krankenhaus liegt. Chefärzte, die ein zweites Mal heiraten, entlässt die Katholische Kirche, Priester, die Kinder missbrauchen, nicht, wundert sich die Welt. Künstler wollen auf Kuba auch ohne staatliche Registrierung Kunst machen, berichtet die NZZ. Aung San Suu Kyi rechtfertigt laut taz die Gefängnisstrafen für zwei Reporter, die zu den Massakern an Rohingya berichteten.

Nur noch einzelne Wörter

13.09.2018. Das EU-Parlament hat gestern für Uploadfilter und Leistungsschutzrecht gestimmt. Zugunsten der Kulturindustrie "werden Prinzipien über den Haufen geworfen, ohne die das Internet nie seine heutige Bedeutung erlangt hätte", schreibt die EU-Abgeordnete Julia Reda. FAZ und Bild sagen (aus urheberrechtlichen Gründen geschwärzt). Das Marta Herford bleibt wacker und fordert in einer Konferenz: "Gebt endlich die Bilder frei!" Und im Guardian prangert George Monbiot eine der schlimmsten Abzock-Industrien der Gegenwart an - die wissenschaftlichen Verlage.

Wo weltliche Träger rar sind

12.09.2018. Der CSU-Politiker Manfred Weber kann nicht EU-Kommissionspräsident werden, solange er einen Schutzschild vor Viktor Orban hält, schreibt der Politologe Jan-Werner Müller in der SZ.  In Zeit online fordert auch die Europaabgeordnete Judith Sargentini Sanktionen gegen Ungarn - über das heute im EU-Parlament debattiert wird. Abgestimmt wird dort auch über die umstrittene Urheberrechtsreform, die Wyclef Jean in Politico kritisiert. In der FAZ rotieren Thilo Sarrazin und sein Kritiker Rainer Hermann. Und der Guardian fragt: Wo ist Fan Bingbing?

Auch wie ein Schrotthaufen

11.09.2018. Morgen wird im EU-Parlament ein zweites Mal über die Urheberrechtsreform mit den strittigen Punkten Leistungsschutzrecht und Uploadfilter abgestimmt. FAZ und Welt fahren nochmal alle Geschütze auf, um die widerspenstigen Abgeordneten umzustimmen. Bei boingboing schildert Cory Doctorow, wie nach dem Gesetz Verlinken geht. Buzzfeed hat herausgefunden, wie die Medien Klicks bekommen: mit "clickbait" vom Ströer-Konzern. Politico.eu und taz analysieren das schwedische Wahlergebnis.

Die Biene und die Blume

10.09.2018. Jeremy Corbyn soll sich nicht auf seinen Antirassismus berufen, meint Howard Jacobson im Jewish Chronicle - denn der Antisemitismus sei eigentlich kein Rassismus. Die taz berichtet über einen Streit der Feministinnen bei den Grünen. Im Guardian verteidigt Chantal Mouffe ihre Idee eines Linkspopulismus. Die FAS sammelt Protestnoten von AutorInnen gegen die Entlassung der Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz.

Neuer deutscher Kulturkampf

08.09.2018. Das Blog der New York Review of Books erinnert daran, wie Baschar al Assad und Wladimir Putin in Syrien die Wahrheit besiegten. In der taz fragt Wenzel Michalski, dessen Sohn in einer Berliner Schule attackiert wurde, weil er Jude ist, warum der Antirassismus den Antisemitismus offenbar nicht so recht bekämpfen will. Golem.de staunt über die Arroganz der Google-Hierarchen, die zu einer Anhörung des amerikanischen Senats schlicht nicht anreisten. Und mehrere Medien prüfen für Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen die Fakten.

Freund-Feind-Verhältnisse

07.09.2018. Zwei Tage vor einem möglichen Triumph der Rechtspopulisten in Schweden fragen SZ und FR, wie aus dem "Volksheim" eine Wagenburg werden konnte. In Zeit online erzählt die ungarische Schriftstellerin Noemi Kiss von dem unheimlichen Totenkult um Stalin in Georgien. Die FAZ bringt einen Nachruf auf den insolventen Stroemfeld-Verlag. Deutschlandfunk Kultur und Spiegel online fragen nach Chemnitz nach dem Selbstverständnis deutscher Medien.

Die Folgen dieser Polarisierung

06.09.2018. NZZ und Zeit online machen sich Sorgen über den Zustand der Debatte, die in Empörung und Hysterie zu versinken drohe. Der New Yorker liest nochmal die Stasi-Akten von Julia Kristeva und findet was. In der Welt fasst sich Alan Posener an den Kopf: Das Jüdische Museum Berlin plant eine Konferenz über "Islamophobie", in der sich Israelboykotteure über "Rassifizierungsprozesse "und "Empowerment" austauschen sollen.

Zwangs- oder andere Maßnahmen

05.09.2018. Google wird zwanzig, und es gibt immer noch ein paar Alternativen, stellt Netzpolitik fest. Buzzfeed untersucht unterdessen die Verwüstungen, die Facebook in den Philippinen anrichtet. Und von den Five Eyes will Spiegel online auch nicht schweigen. Die FAZ kämpft noch mal für ein europäisches Leistungsschutzrecht. Und Washington-Post-Reporter Bob Woodward bringt ein Buch über Trump.

Eine bestimmte Perspektive auf Zugehörigkeit

04.09.2018. Selbst gutwillige Deutsche kapieren nicht, dass Rechtsextremisten nicht "Ausländer" angreifen, und offenbaren damit den strukturellen Rassismus im Land, schreibt Max Czollek bei Zeit online. In der SZ fühlt sich der Autor Klemens Renoldner an die Dreißiger erinnert. Reuters stellt noch einmal die große Reportage der beiden Journalisten aus Myanmar online, die sie für sieben Jahre ins Gefängnis brachte. Es gibt zwei Eliten in den westlichen Ländern, eine links, eine rechts, beobachtet die Financial Times.

Erhabene Zwecklosigkeit

03.09.2018. Viele in der Türkei denken modern und nicht tribalistisch oder religiös - der Westen sollte sie nicht alleinlassen, sagt Elif Shafak im Guardian. Die EU sollte Ungarn und Polen die Demokratieverstöße nicht durchgehen lassen, warnt der Jurist Nils Meyer-Ohlendorf in der SZOswald Spenglers "Untergang des Abendlands" ist von bedrückender Aktualität, schreibt Andreas Kilb in der FAZ. In der NZZ sucht die DDR Erlösung. Und die republik.ch macht ein Feuilleton auf. So ein richtiges, mit Kritiken.

In Gefolgschaft und Gegner sortiert

01.09.2018. Mit Rechten reden ist ab einem bestimmten Punkt sinnlos, meint die taz mit Blick auf Chemnitz. Die Berliner Zeitung setzt dagegen auf die sanfte Macht des Arguments. Die NZZ beobachtet die Demontage des Rechtsstaats in Italien. In Österreich spüren die Rechtspopulisten erstmals etwas Gegenwind: Die Anhebung der Höchstgrenze der Wochenarbeitszeit auf 60 Stunden kommt nicht gut an. Auch unter NS-Opfern galt schwul sein oftmals als ehrenrührig, erinnert im Tagesspiegel die Historikerin Anna Hajkova.