9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dezember 2024

Es ist Feuer am Dach

31.12.2024. In der SZ warnt der Historiker Quinn Slobodian vor den drei Säulen der neurechten Ideologie der jüngsten Marktradikalen: Gold, IQ und Rassismus. Wir steuern auf eine katastrophale Zukunft zu, aber Verharren in der Opferrolle bringt ja auch nichts, meint der Historiker Philipp Blom in der Welt. In der Zeit schildert der Menschenrechtsaktivist Maksym Butkevych die brutalen Haftbedingungen in Russland. Die Russen können durchaus wissen, was vor sich geht, denn so restriktiv ist der russische Buchmarkt keineswegs, bemerkt die NZZ.

Befreiung von unnötigen Zwängen

30.12.2024. Ohje, jetzt will Elon Musk auch noch Deutschland regieren. Sein Wahlaufruf für die AfD in der Welt stört den nachweihnachtlichen Verdauungsfrieden im Land. In der Redaktion der Welt rumort es. Die Kommentare der anderen Medien gelten eher dem Springer-Konzern als dem Text von Musk, der die AfD als eine Art weichgespülte FDP präsentiert und die Moskauhörigkeit der Partei nicht mal erwähnt. In der SZ fragt Eva Illouz, warum die UN Monate brauchte, um die Völkermorde in Ruanda oder Kambodscha zu benennen, aber in Israel schon da waren, bevor es seine Offensive gegen die Hamas wirklich startete. Die FAZ erzählt die finstere Geschichte Syriens unter den Assads.

Kremlkompatibler Gespensterglaube

28.12.2024. In der taz glaubt der Schriftsteller Najem Wali zwar nicht an Demokratie in Syrien unter HTS, dafür sieht er die Herrschaft der Mullahs im Iran erheblich schwanken. Der Historiker Gerd Koenen hofft in der FAZ inständig darauf, dass das deutsche Lavieren in der Ukrainepolitik endlich ein Ende hat. Der Literaturwissenschaftler und Verleger Jörg Bong beschwört die Franzosen, sich auf ihre Tradition des Universalismus zurückzubesinnen. Die Historikerin Ute Frevert erklärt im FAS-Gespräch, warum das Einnehmen der "Opferrolle" im aktuellen Diskurs so beliebt ist.

Die Fronten sind verhärtet

27.12.2024. Warum keine Bundesrepublik Syrien? In der Welt skizziert Michael Wolffsohn, wie eine föderative Friedensordnung des Nahen Ostens aussehen könnte. In der taz kritisiert Alan Meish vom kurdischen Sender Rohanî TV in Nordostsyrien das internationale Schweigen angesichts der türkischen Angriffe auf kurdische Journalisten. Dass russische Bücher in der Ukraine zu Klopapier verarbeitet werden, hilft auch nicht weiter, beklagt der russische Journalist Vladimir Esipov in der Welt. Auf Zeit Online fühlt sich Armin Nassehi angesichts der libertären Forderung nach mehr "Disruption" an die radikalen Linken der Siebziger erinnert.

Eher zum Fluch als zum Segen

24.12.2024. Religionen können auch in ihrer Negation extreme Auswirkungen haben, hält der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad im Focus mit Blick auf den Magdeburg-Attentäter fest. Nicht nur die Behörden, auch die Zivilgesellschaft hat in diesem Fall versagt, ruft die NZZ. Die Baath-Partei wurde aus Syrien vertrieben, der von ihr gesäte Hass wirkt aber nach, warnt der irakische Schriftsteller Najem Wali in der FAZ. Der Islamforscher Reinhard Schulze hält eine "Talibanisierung" der syrischen HTS in der NZZ für unwahrscheinlich.

Das richtige Selbstanschießen

23.12.2024. Die Zeitungen versuchen den Motiven des Mörders von Magdeburg auf die Spur zu kommen, der aus Hass auf den Islam und die deutsche Gesellschaft ein Attentat nach dem Muster islamistischer Taten verübte. Er ist am ehesten dem Rechtsextremismus zuzuordnen, sind sich die Experten einig. Putins Krieg gegen die Ukraine ist das zweite große Thema: Irina Rastorgujewa erzählt in NZZ und FAZ, wie Putin sowohl Frauen als auch Männer für den Krieg drangsaliert.

Offenbar völlig ungebremst

21.12.2024. Der Attentäter von Magdeburg war offenbar der Psychiater Taleb Al-A., der auf Twitter als ein scharfer Islamkritiker bekannt war - der FAZ hatte er vor fünf Jahren ein Interview gegeben, in dem er erzählte, wie er saudi-arabischen Frauen auf der Flucht half. Wir zitieren aus diesem Interview. Außerdem: Richard Herzinger warnt in seinem Blog davor, Trump als "Friedensbringer" zu sehen. In der FR blickt die in Deutschland lebende Iranerin Noshin Shahrokhi mit Skepsis auf Syrien.

Heul mit den Wölfen

20.12.2024. "Man darf den Islamisten nie vertrauen", warnt in der NZZ der syrische Schriftsteller Omar Youssef Souleimane, der auch darauf hinweist, wie sich der religiöse Fanatismus in Syrien unter Assad ausbreiten konnte. Im Tagesspiegel macht die Aktivistin Sophie Bischoff Hoffnung: Es sei möglich, "Islamisten in die Schranken zu weisen". Im Zeit-Interview kann Marko Martin das "unerwachsene Rumgequengel" vieler Ostdeutscher nicht mehr hören. In der FR hofft Claus Leggewie auf einen Dreierbund aus Deutschland, Frankreich und Polen. FAZ und taz verneigen sich vor Gisèle Pelicot.

Gleiche Rechte für alle

19.12.2024. Islamismus ist nicht Islamismus, glaubt der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh in der Zeit, wo er auf ein freies Syrien unter HTS hofft. Ein türkisch geprägter Islamismus hat in Syrien über die schiitisch geprägte "Achse des Widerstands" gesiegt, hält der Islamwissenschaftler Gilles Kepel in der FAZ fest. Der Sturz Assads ist wenig wert, wenn jetzt nicht auch Frauen über die Zukunft Syriens mitbestimmen, ruft die syrische Menschenrechtsaktivistin Joumana Seif im Tagesspiegel. Abtreibungsbefürworterinnen haben Donald Tusk ins Amt gebracht - wo bleibt die Legalisierung, fragt die SZ.

Nicht alles ist düster

18.12.2024. Algerien stand stets an der Seite Assads, erinnert Le Point mit Blick auf die Parallelen zwischen Syrien und Algerien. In der SZ fürchtet Herfried Münkler eine Ära der großen Koalitionen und der Vertrauensfragen. Schon mit dem Einmarsch in Tschetschenien im Jahr 1994 wurde Russlands imperialer Appetit entfacht, meint der russische Schriftsteller Sergei Lebedew in der NZZ. Derweil schließt Russland Kinder von Migranten von der Schulbildung aus, berichtet die taz. Der Guardian setzt seine Hoffnung auf den Nordostkorridor der Nato. Und SZ und Monopol werfen Joe Chialo Zynismus vor.

Die Lügner müssen die Wahrheit hören

17.12.2024. Al-Dscholani ist kein Demokrat und er betreibt Unterdrückung, aber er verspricht, dass Frauen in Syrien keine Burkas tragen müssen, erzählt der amerikanische Journalist Martin Smith, der den HTS-Führer für eine Dokumentation getroffen hat, auf Zeit Online. Die taz glaubt derweil: Die HTS macht Utopien möglich. Die FR schildert, wie die islamische Strömung der Baha'i, die sich für mehr Frauenrechte einsetzt, im Iran drangsaliert wird. Auf Spon ruft die Politikwissenschaftlerin Jessica Gienow-Hecht Europa nach der Trump-Wahl auf, mehr in die eigene Sicherheit zu investieren. In der Welt beerdigt Hubertus Knabe Sahra Wagenknecht und ihr BSW.

Ratlos vor einem Dilemma

16.12.2024. In der taz erzählt der in Berlin lebende georgische Schriftsteller Zaza Burchuladze, wie qualvoll es für ihn ist, dem Kampf seines Landes um Demokratie von ferne zuzusehen. In einer Zeitschrift für Sozialforschung wirft BSW-Vordenker Wolfgang Streeck der deutschen Regierung "Nibelungentreue" zu Israel vor. In Le Point prangert Kamel Daoud die "Versöhnung" zwischen dem algerischen Regime und den Islamisten an. Und mehrere Zeitungen machen sich Hoffnungen für Syrien.

Die Wahrheit über die Erde

14.12.2024. "Hat man den Genozid an den Jesiden vergessen und all die anderen Verbrechen", fragt Ronya Othmann in der FAS angesichts der Freude über die neuen Machthaber in Syrien. Die SZ rät Deutschland, schnell Kontakt zu Syriens neuer Führung aufzunehmen - um Ansehen in der arabischen Welt zurückzuerlangen. Auf Zeit Online erklärt der Politologe Jeffrey Winters die Macht amerikanischer Oligarchen. In der Rheinischen Post sorgt sich Peter Sloterdijk weniger vor einem Dritten Weltkrieg als vor Russen und Oktopussen.

Dann legte sich der Schmerz über die Freude

13.12.2024. "Wir Frauen sollten mit am Tisch sitzen und mit entscheiden", ruft in der taz die syrische Menschenrechtsanwältin Joumana Seif in einer Mischung aus Hoffnung und Sorge. Und  die syrische Schriftstellerin Dima Wannous fragt in der NZZ, wie angesichts der Gräueltaten des Assad-Regimes Versöhnung in Syrien möglich sein wird.  Im SZ-Gespräch erinnert Marko Martin an sein Vorbild André Glucksmann. In der Welt erinnert der ukrainische Historiker Yaroslav Hrytsak an einen Grundsatz zivilisierter Völker: "Geschichte wird nicht genutzt, um Politik zu legitimieren.

Offensichtlich eine Farce

12.12.2024. "Der Sturz Assads reicht weit über den Nahen Osten hinaus", hält die Zeit fest, denn die "Achse des Widerstands" hat einen empfindlichen Schlag erhalten. Die NZZ dämpft den Optimismus in Bezug auf Syrien: Al-Dscholani ist immer noch ein Dschihadist. Zeit Online beschäftigt sich mit dem Mord am United-Healthcare-Chef Brian Thompson, der ohne die wachsende Ungleichheit in den USA nicht zu erklären sei. Die taz verbittet sich "Westsplaining" in Bezug auf die Proteste in Georgien.

Nur genug Mobiliar demolieren

11.12.2024. In der SZ hofft der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami auf Demokratie in Syrien unter der HTS. Für Frauen in Syrien dürfte es deutlich ungemütlicher werden, befürchtet in der FAZ indes die Integrationsexpertin Rasha Corti, denn: HTS erkennt die Scharia in ihrer strengsten Auslegung an. Im Perlentaucher erinnert der Historiker Ernst Piper daran, dass das jüdische Leiden in der Gedenkstätte Auschwitz erst nach dem Ende des kommunistischen Regimes 1990 wirklich ein Thema wurde. Die FU sagt derweil lieber eine Ausstellung zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ab, Besucher könnten zu stark emotionalisiert werden, so die FAZ.

Das Geld ist alle

10.12.2024. Wie wird es in Syrien weitergehen? Droht eine islamistische Regierung? Der Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni erklärt im SZ-Interview, warum er das nicht glaubt. Für Israel bedeutet der Umsturz in jedem Fall eine Entlastung, weiß der Politikwissenschaftler Olivier Roy in der FR. Der türkische Migrationsforscher Murat Erdogan hält es für eine komplette Fantasie, dass alle syrischen Geflüchteten aus Europa nach Syrien zurückkehren werden, wie er im Tagesspiegel-Gespräch festhält. Der brasilianisch-indigene Philosoph Ailton Krenak erklärt ebenda, warum sich die westliche Welt Rat bei indigenen Völkern in Sachen Klimaschutz holt.

Dieser magische Moment

09.12.2024. Damaskus ist gefallen. Assad gehört zu den seltenen syrischen Flüchtlingen in Moskau. Die Zeitungen sind sich nicht ganz einig, wie sie das Ereignis deuten sollen. Ist die Wandlung des Rebellenführers Abu Muhammad al-Dscholani zu einem gemäßigten Einiger Syriens glaubhaft? Anne Applebaum hofft in Atlantic, dass nach Syrien Russland, Iran und Venezuela folgen. In der NZZ informiert der russische Journalist Andrei Kolesnikow, dass Putins freundliche Politik gegenüber bestimmten Regimen nicht zum Abbau von Ausländerfeindlichkeit in Russland führt.

Aufspringen und nachkommen

07.12.2024. Für die Ukraine kommt es nicht nur auf die neue Trump-Regierung an, betont der Historiker Serhii Plokhy in der taz, sondern vor allem auch auf Deutschland. "Wir müssen selbst gefährlich werden", mahnte Manès Sperber die Europäer 1983 - die NZZ kommt auf den antitotalitären Autor zurück. Ist ein gemäßigteres Syrien denkbar? Die Zeitungen versuchen, die Ereignisse zu entschlüsseln.

Der neue Beaujolais ist da

06.12.2024. Die Glaubwürdigkeit Frankreichs ist schwer erschüttert, stellt die FAZ nach dem Aus der Regierung Barnier fest. Die Russen sind dagegen gut drauf, nur wird die Butter im Supermarkt inzwischen mit einem Schutz gegen Diebstahl gesichert, notiert Irina Rastorgujewa in der NZZ. Gesine Schwan wirft der israelischen Regierung vor, nach Devisen von Carl Schmitt zu handeln. Andreas Nachama widerspricht in der Jüdischen Allgemeinen. Israel hat angefangen, behauptet Amnesty in einem Bericht zum Gazakrieg. Der künftige Präsident Rumäniens knüpft unterdessen an den Klerikalfaschismus seines Landes an und reitet im Trachtenhemd auf weißem Pferd durch Tiktok-Videos.

Europa, deine Ränder schmelzen

05.12.2024. In der FAZ fragt die georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili, wieviele Blutopfer die "Secondhandmenschen" am Rand Europas bringen müssen, um von Europa beschützt zu werden. Le Monde lernt aus Michel Barniers Sturz, dass Kompromisse mit der extremen Rechten nie lohnen. Im Tagesspiegel will der Politikwissenschaftler Jacob Ross aber trotzdem mit Rechten reden, schon um einer wachsenden Betriebsblindheit der europäischen Debatte vorzubeugen. In der Zeit fürchtet sich Siri Hustvedt vor einer Zukunft, in der Sprache keine Bedeutung mehr hat. Die Welt veröffentlicht den Vortrag des von der Universität Leipzig ausgeladenen israelischen Historikers Benny Morris.

Wie Griechenland. Wie Griechenland!

04.12.2024. In Afghanistan dürfen Frauen jetzt nicht mal mehr zu Hebammen ausgebildet werden - die Müttersterblichkeit dürfte drastisch steigen, fürchten taz und FAZ. In Rumänien gab es nie wirklich einen Bruch mit dem Kommunismus der Ceaușescu-Ära, erzählt Hubertus Knabe in der NZZ. Die SZ berichtet über eine von zwei von Rache getriebenen Hauptfiguren der französischen Politik, die heute Regierung stürzen könnten. Geier vertragen kein Diclofenac, und das ist schlecht für Indien, informiert Le Monde. Die FAZ erklärt, wen Ralf Dahrendorf mit der "protestantischen Mafia" meinte.

Taschen voller Gold

03.12.2024. In der FAZ erzählt Bülent Mumay, wie der türkische Präsident Erdogan Journalisten drangsaliert. Die SZ befürchtet, dass Donald Trump in den USA bald ähnliches tun könnte. Die taz warnt die Europäer, dass Bosnien und der Kosovo bald ebenso Schutz brauchen könnten wie die Ukraine. Im Tagesspiegel wünscht sich der Thriller-Autor Robert Harris, Britanniens Premierminister Keir Starmer hätte eine wenigstens klitzekleine Vision. Der Spiegel fragt sich, wieviel Tote es braucht, damit Uno-Generalsekretär António Guterres im Sudan aktiv wird.

Beängstigende Proteste

02.12.2024. Aleppo wurde von Milizen erobert. Aber wer sind diese Milizen? Die Zeitungen sind sich uneins. Die FAZ-Gruppe macht laut Welt über eine Unterfirma Millionen mit dem Auswärtigen Amt. Laut Jan-Werner Müller sind an der Polarisierung in Amerika allein die Republikaner schuld. Im Tagesspiegel erklärt Rechtsextremismusexpertin Veronika Kracher, was "Incels" sind. Und warum durfte Benny Morris an der Uni Leipzig nicht reden?