9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2026 - Religion

Die Piusbrüder, gegründet einst vom erzfundamentalistischen Bischof Marcel Lefebvre (1905 bis 1991), der die Messe lieber auf Latein und mit umstrittenen Passagen und dem Rücken zum Publikum lesen wollte, sind weiter unartig. Papst Leo XIV. ist inkonziliant, erzählt Matthias Rüb in der FAZ, und droht den verbliebenen Bischöfen der Brüder mit Exkommunikation. Von der Gruppe geht eine Gefahr aus: "Trotz - oder womöglich wegen - des Streits mit dem Vatikan ist die Piusbruderschaft in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Sie verfügt heute nach eigenen Angaben über 733 Priester, 264 Seminaristen und 145 Ordensbrüder. Hinzu kommen 250 Ordensschwestern und 88 Oblatinnen, aus insgesamt 50 Nationen. Einen besonderen Wachstumsschub an Gläubigen und Mitgliedern erfuhr die Gemeinschaft während und unmittelbar nach der Corona-Pandemie. Denn anders als die Amtskirche schlossen sich die Piusbrüder nicht den staatlichen Lockdown-Maßnahmen an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2026 - Religion

Die Segnung für gleichgeschlechtliche Ehen wird im Vatikan eher nicht so gern gesehen: deutsche Bischöfe hatten ein Papier für Segensfeiern eröffnet, das vom Papst kritisiert wurde. Der Theologe Jochen Sautermeister erklärt in der SZ, worum es bei dem Streit eigentlich geht: "Zum ersten Mal überhaupt hat Rom die pastorale Möglichkeit, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, offiziell erlaubt." Aber: "Der Segen darf keinesfalls mit dem Sakrament der Ehe verwechselt werden oder eine liturgische Feier sein. Deshalb darf es keinen förmlichen Segensritus geben. Der Segen soll vielmehr in Spontaneität und Freiheit erfolgen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2026 - Religion

Die Historikerin Stefanie Coché erzählt auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ die Geschichte der Evangelikalen in den USA, die sich im Kontext eines reaktionären Rollback ab den siebziger Jahren entscheidend politisierten: "Seit 1972 regelte ein Bundesgesetz (Title IX), dass Schulen und andere Bildungseinrichtungen nur noch dann Bundesgelder erhalten konnten, wenn sie Chancengleichheit der Geschlechter garantierten. Nur ein Jahr später begründete der Supreme Court mit dem Urteil im Fall Roe v. Wade eine liberale Abtreibungsregelung. Erst das führte dazu, dass die Evangelikalen begannen, Abtreibung zu einem ihrer Kernthemen zu machen. Zuvor taugte Abtreibung vor allem in katholischen Kreisen zur Politisierung. Nun trug das Thema maßgeblich zu einem überkonfessionellen Schulterschluss konservativer Christen bei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2026 - Religion

Der religiöse Aspekt am Rechtspopulismus und -extremismus wird von hiesigen Medien meist höflich ausgeblendet. Moisés Serrano von der Organisation "Americans United for Separation of Church and State" erklärt im Interview mit Inge Hüsgen von hpd.de, wie weit Trump und Co. bereits bei der Aufweichung der Trennung von Staat und Religion gekommen sind. "Wir beobachten die Angriffe christlicher Nationalisten auf das staatliche Bildungswesen mit großer Besorgnis. Dahinter steckt eine Doppelstrategie: An öffentlichen Schulen zwingt man den Schülern eine eng gefasste Version des Christentums auf, während gleichzeitig öffentliche Gelder in private, vorwiegend religiöse Schulen gepumpt werden. Diese Agenda sehen wir auf allen Regierungs- und Verwaltungsebenen. Auf Bundesebene gehört auch die neue Richtlinie zum Schulgebet dazu. Darin erlaubt die Trump-Regierung sogar das gemeinsame Gebet von Lehrern und Schülern - obwohl das gegen die Verfassung verstößt. Zudem hat der Kongress das erste nationale Programm für private Schulgutscheine ins Leben gerufen, das Milliarden Dollar von öffentlichen Schulen an private, meist religiöse Schulen abzweigen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2026 - Religion

Die Theologie an den Universitäten ist ein schwarzes Loch: Doppelt so viele Dozenten deutschlandweit wie für die Philosophie, aber gähnend leere Hörsäle. Die Theologen werden vom Staat, nicht den Kirchen, bezahlt, um eine kaum mehr existierende Nachfrage zu bedienen. "Es verwundert, warum eine strukturelle Reduzierung theologischer Fakultäten von keiner demokratischen Partei, sei es SPD, Grüne oder FDP, bis dato gefordert wurde", schreibt Ralf Nestmeyer bei hpd.de. "Die staatliche Finanzierung bekenntnisgebundener Theologie wirkt wie ein Anachronismus: Der Staat subventioniert indirekt kirchliche Aufgaben und privilegiert eine bestimmte Weltanschauung innerhalb des Wissenschaftssystems. Dass ein Fach, das an Glaubensvoraussetzungen gebunden ist, zugleich den Status einer Wissenschaft beansprucht, bleibt dabei ein grundlegender Widerspruch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2026 - Religion

Der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth hat in einer Andacht für die "Sandy One"-Rettungsmission für einen amerikanischen Piloten einen Bibelspruch zitiert, der allerdings in dieser Form aus Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction" stammt - und "weitestgehend fiktiv" ist, wie Thomas Assheuer bei Zeit Online nachvollzieht. Der Vers stammt aus dem Alten Testament, Hesekiel 25, Vers 17, wurde von Tarantino jedoch für seine Zwecke "kompiliert und zurechtgebogen": "Ein Kriegs- und Kreuzzugsminister, der zum Gebet im Pentagon ein Hesekiel-Zitat aus Pulp Fiction vorträgt? Ein radikalnationalistischer Christ, der sich ein Jerusalemkreuz auf die Brust sowie 'Deus Vult' ('Gott will es') auf den Oberarm hat tätowieren lassen und mithilfe einer Filmszene die verweichlichte US Army darüber belehrt, dass Gott auch hassen kann? Quentin Tarantino besitzt eine herrlich verrückte Fantasie, doch die Pentagon-Szene hätte nicht einmal er sich ausdenken können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2026 - Religion

Nicht erst seit Trump sich in den Sozialen Medien als neuer Jesus darstellt, stellt sich Papst Leo XIV gegen den Irrsinn des amerikanischen Präsidenten (unsere Resümees). Claudius Seidl ist in der SZ froh, dass sich jemand Mutiges gegen Trump positioniert. Anhaben kann ihm der Präsident ohnehin nicht viel: "Spätestens seit dieser Woche ist Leo der Anti-Trump, ob er das will oder nicht: Er fürchte sich nicht vor Trump und seiner Regierung, hat der Papst vor ein paar Tagen gesagt. Und schon gar nicht davor, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden: 'Selig sind, die Frieden stiften.' Josef Stalin höhnte vor neunzig Jahren: 'Der Papst? Wie viele Divisionen hat der denn?' Und ließ den Vatikan dann doch in Ruhe. Donald Trump droht den Unfolgsamen mit Zöllen und unterlassener Hilfeleistung. Womit er Leo nicht beeindrucken kann. Der Vatikan, so hat vor ein paar Tagen die FAZ gespottet, braucht keinen atomaren Schutzschild, er wird von höheren Mächten behütet. Und höhere Zölle für ein paar Sonderbriefmarken und Gedenkmünzen, die man in die Vereinigten Staaten exportiert, würde der Vatikan wohl auch verkraften."

In der FAS vollzieht Matthias Rüb nochmal die Eskalationsstufen des Streits zwischen Trump und der Kirche nach. Er findet, der Papst hätte in seinen Mahnungen an die USA auch mal die Mullahs ansprechen können: "Das war alles erkennbar an Washington und an Trump, vielleicht auch an Jerusalem und an Netanjahu, aber eher nicht an Teheran gerichtet. Trumps Drohung im Streit um die Blockade der Straße von Hormus, er werde die gesamte iranische Zivilisation auslöschen und das Land in die Steinzeit zurückbomben, wies Leo als 'wirklich inakzeptabel' zurück. Mit seiner scharfen Verurteilung Trumps verband der Papst jedoch nicht eine Ermahnung Teherans, doch auch einmal die Drohung mit der Auslöschung Israels zurückzunehmen. Aus der Sicht von Trump und Vizepräsident Vance ist Papst Leo mit seiner einseitigen Kritik an Washington und der Schonung Teherans für die Eskalation des Konflikts zwischen Weltkirche und Weltmacht verantwortlich. Die Katholiken in den USA, namentlich die amerikanischen Bischöfe, sehen das anders: Einhellig haben sich Liberale und Konservative um Leo XIV. geschart und Präsident Trump für dessen geschmacklose bis blasphemische Erlöseranmaßung gegeißelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2026 - Religion

Wer in einer liberalen Demokratie lebt, muss die Religionsfreiheit auch als Freiheit zur Religionskritik stellen, so der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth in der Welt. "Das war für die christlichen Kirchen ein schmerzhafter Prozess - Missbrauchsskandale, Kirchenaustritte, Spott, Machtverlust - und es wird für den Islam nicht anders sein. Wenn uns nicht mehr eine gemeinsame Religion oder eine homogene Kultur zusammenhält, dann müssen jene Werte, die über Religionsgrenzen hinweg verbinden, umso fester verankert werden: gleiche Rechte von Männern und Frauen, Schutz von Minderheiten, Meinungs- und Kunstfreiheit, Vorrang des Rechts vor der Religion."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2026 - Religion

Im FR-Interview blickt der Theologe Michael Seewald auf die Rolle des Christentums innerhalb der MAGA-Bewegung. Ja, religiöse Botschaften werden hier verfälscht und instrumentalisiert - aber der Religion wohnt auch selbst ein destruktives Moment inne, erinnert er: "Diese Zerstörungskraft ist nicht einfach eine von außen kommende Instrumentalisierung der Religion, sondern sie wohnt Religionen inne. Dort werden die Ambivalenzen des Christentums politisch geschickt genutzt. Ein Bibelzitat hier, ein Augustinus-Wort dort, verbunden mit Schlagwörtern wie dem Schutz der Religionsfreiheit oder dem Ziel, eine vermeintlich natürliche Gesellschaftsordnung zu bewahren. So entsteht ein politisches Gemisch aus christlichen Versatzstücken. Umso wichtiger ist es, dass christliche Akteure widersprechen und nicht nur ein politischer, sondern auch ein innerkirchlicher Disput geführt wird. Papst Franziskus und Leo XIV. haben kein Hehl daraus gemacht, dass sie die Lage in den USA mit Sorge betrachten." Grundsätzlich müsse "die Theologie prüfen, ob die scheinbar christlichen Begründungen, die für ein bestimmtes Handeln vorgebracht werden, plausibel sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2026 - Religion

Theologie ist zwar keine Wissenschaft, wird in Deutschland aber an Universitäten gelehrt. Einst waren die theologischen Fakultäten gar "die ersten einer Universität", seufzen die Kirchenhistoriker und -rechtler Hans Michael Heinig, Christoph Markschies und Stephan Schaede auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ. Höflicherweise erwähnen die drei nicht, dass es in Deutschland doppelt so viele Theologie- wie Philosophieprofessoren gibt (mehr hier). Eher machen sie sich Sorgen über den Status der theologischen Fakultäten: "Gegenwärtig gibt es in Deutschland mehr als fünfzig Standorte für das Studium der evangelischen und eine vergleichbare Anzahl für das der katholischen Theologie. Doch das Gespenst von Kürzung und Abbau streicht durch die Gänge. Die Sorge um Schließung ist hinter vorgehaltener Hand zu vernehmen", denn "die Einschreibungszahlen in den theologischen Studiengängen brechen ein". Vielleicht auch darum werden "die tatsächlichen Einschreibungszahlen pro Semester und noch viel mehr die Zahl der faktisch Studierenden lieber diskret gehalten". Vor Kürzungen scheint jedoch "das Religionsrecht zu schützen, sind doch viele Standorte und gelegentlich sogar die Zahl der Professuren durch Staatsverträge zwischen Staat und Kirchen im Detail garantiert". Die Kirchen überwachen, der Staat bezahlt.