9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2018 - Religion

Kirchen und Gläubige klagen bei den geringsten Einschränkungen, die der säkulare Staat ihnen auferlegt (kein Kreuz oder Kopftuch in Ämtern), gern über mangelnde Toleranz. Umgekehrt wird Toleranz allerdings selten praktiziert. Welcher christliche Würdenträger hat sich je wenigstens für die grausamsten Opfer des irischen Abtreibungsverbots eingesetzt? In Ägypten und Saudiarabien gilt Atheismus gar als Straftat, berichtet der aus Marokko in die Schweiz geflüchtete Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ: "Saudiarabien etwa hat den Atheismus in sein Terrorgesetz mit aufgenommen. Unter der Kuppel des ägyptischen Parlaments arbeiten die Minister gerade an einem Gesetzentwurf zur Kriminalisierung des Atheismus. Gemeinsam mit der Al-Azhar-Universität, der höchsten religiösen Autorität im Land, berät das Religionskomitee über Strafmaßnahmen, die Atheisten zukünftig abschrecken sollen. 'Allein im Jahr 2017 konnten in Ägypten 261 Terroranschläge verzeichnet werden, hinter denen allerdings kein einziger Atheist stand, sondern vielmehr islamistische Jihadisten - was genau ist also dieses 'Risiko des Atheismus', das der Staat und die Al-Azhar-Universität bekämpfen möchten?', fragt Mustafa Ali, der Administrator einer Facebook-Seite für Atheisten in der islamischen Welt, die mehr als 10 000 Follower hat."

Auch Witze über den Islam können böse Folgen haben, wie wir seit den Mohammed-Karikaturen in Jyllands Posten wissen. Die Karikaturen wurden hierzulande oft scharf kritisiert. In der arabischen Welt riskieren die Leute dagegen Kopf und Kragen für einen Witz, erzählt Mohamed Amjahid auf Zeit online. "Vor wenigen Wochen machte ein Witz die Runde im arabischsprachigen Netz: Ein schwedischer Konvertit wollte in einer Moschee zeigen, dass er ein super Moslem sei. Er schlachtete also ein Schaf und rannte mit dem blutigen Messer in den Gebetsraum. 'Schaut her, liebe Brüder! Jetzt seid ihr dran!', sagte der Schwede. Der Imam antwortete ihm 'Je suis Charlie' und rief die Anti-Terroreinheit herbei. Muslime haben keinen Humor, heißt es. Dabei kann beispielsweise eine türkische Karikatur bissiger und erbarmungsloser sein als alle Folgen der 'Heute Show' zusammengenommen."
Stichwörter: Atheismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2018 - Religion

Die bayerische Kreuz-Pflicht ist verfassungswidrig, erklärt der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm, der am Karlsruher Kruzifix-Urteil von 1995 beteiligt war, im SZ-Gespräch mit Andreas Zielcke: "Das Kreuz ist etwas anderes als die Gemälde mit religiöser Thematik, die heute in den staatlichen Museen hängen, oder die kirchliche Musik, die in Konzertsälen gespielt wird. Es ist auch etwas anderes als die vom Kirchenjahr geprägte Einteilung unserer Zeit nach Sonn- und Feiertagen. All das hat christliche Wurzeln, aber keinen spezifischen Glaubensbezug mehr und wirkt nur kulturell fort. Aber im Kreuz ist der Glaubensinhalt zusammengefasst und lässt sich nicht wegdenken, wenn der Staat es jedem, der seine Amtsräume betritt, vor Augen hält."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2018 - Religion

Mateja Meded, aufgewachsen im ehemaligen Jugoslawien, hat generell keine gute Meinung von Religionen, deren giftigen Einfluss sie in der eigenen Familie beobachten konnte, wie sie im Zeit-Blog schreibt: "Ich würde gern die Heilige Schrift umschreiben: Am Anfang schuf Gott den Mann, und dann, aus seiner Rippe, die Frau. Und da erschien Nebel, und heraus kam noch eine Frau und sie erschuf sich eigenhändig ein Schwert und rammte es Gott in den Bauch und sprach: 'Mich hat eine Frau erschaffen und nicht du. Und nun mach Platz und nimm deine Stockholmsyndrom-Frauen mit, denn jetzt kommen wir. Und wir bauen eine neue Welt, die auf Selbstliebe, Empathie und Sensibilität beruht und in der die Natur und die Tiere verehrt werden.'"
Stichwörter: Mateja Meded

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2018 - Religion

Einen sehr erstaunlichen Hintergrund zu gestrigen Eröffnung der amerikanischen Botschaft in Jerusalem liefert Matthew Haag in der New York Times: Ein evangelikaler Pastor, "der einst sagte, dass Juden in die Hölle gehen werden", und ein Fernsehprediger, "der glaubt, dass Hitler Teil eines Plans Gottes war, die Juden nach Israel zurückzubringen", spielten bei der gestrigen Eröffnung eine wichtige Rolle - Robert Jeffress und John C. Hagee sprachen die Gebete bei der Zeremonie: "Trotz ihrer Kommentare über das jüdische Volk gehören die beiden Pastoren zu den führenden pro-israelischen Stimmen in der evangelikalen christlichen Welt. Einige Evangelikale glauben, dass die amerikanische Politik Israel unterstützen sollte, um biblische Prophezeiungen über eine Wiederkehr Christi wahrzumachen. Trumps Botschaftsentscheidung war eines der wichtigen Wahlversprechen..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2018 - Religion

Urs Wälterlin besucht für die taz die Provinz Aceh in Indonesien, die eine Sonderstellung in Indonesien hat und ein drakonisches Scharia-Recht eingeführt hat: "Weit über 500 Menschen sind mit der Rute bestraft worden, seit die Provinzregierung im Oktober 2015 den Islamic Criminal Code endgültig eingeführt hat. Das Szenario ist fast immer dasselbe: Der oder die zu Bestrafende kniet am Boden, Körper und Kopf meist mit einem weißen Gewand verhüllt. Daneben steht der schwarz gekleidete vermummte Vollstrecker. Mit einem Bambusstock schlägt er dem Opfer auf den Rücken. Jeder Schlag wird von einem Offiziellen mitgezählt, alles muss korrekt ablaufen. Nur selten hört man die Bestraften klagen. Einige wimmern, andere weinen stumm ein paar Tränen des Schmerzes." Dass sich der Islamismus nicht auf Aceh beschränkt zeigen die Terrorattentate der letzten Tage in Surabaya auf der Insel Java - der jüngste Anschlag wurde heute früh gemeldet.

Der Guardian analysiert in einem Editorial die Beziehungen zwischen evangelikalen und katholischen Organisationen in den USA und hofft, dass beide keine allzu gute Prognose haben: "Der skandalgeschüttelte katholische Klerus ist in liberale und konservative Fraktionen aufgespalten, die beide glauben, sie seien katholischer als der Papst. Nur ein Zustrom von Latino-Immigranten hält die Kirche am Boden. Aber dies bedroht die Allianz mit der evangelikalen Bewegung, die in den letzten dreißig Jahren immer rassistischer wurde. Sie stellte sich gegen die Immigration, aber auch gegen Homosexualität und das Klima-Thema. Dem Präsidenten verzeiht sie all seine Lügen und Liebeshändel, weil er so klar für 'white supremacy" einsteht. Aber wenn er Macht verliert, wird es den Fundamentalisten genauso ergehen. Durch ihre patriarchale Haltung zu den Frauen, haben sie die junge Generation bereits verloren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2018 - Religion

"Offensichtlich ermöglicht das Internet derzeit mehr Freiraum, als die Demokratie vertragen kann", hat Kulturministerin Monika Grütters neulich geschrieben (unser Resümee). Das Kreuz bereitet ihr derartige Ängste nicht, auch wenn sie es nicht unbedingt in Amtsstuben aufhängen würde, wie sie in der Zeit schreibt. Aber sie beruft sich auf Michel Houellebecqs "Unterwerfung" und konstatiert - auch in ihrer Eigenschaft als Lobbyistin des Katholizismus (sie ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken) - eine bedauerliche "kulturelle Unbehaustheit" unserer Gesellschaft: "Wer Houellebecqs 'Unterwerfung' gelesen oder auf der Bühne gesehen hat und im erbärmlichen Opportunismus der Hauptfigur das Zerrbild einer spirituell abstinenten, bindungslosen, genusssüchtigen Gesellschaft erkannt hat, der weiß, dass die 'Entchristlichung der Gesellschaft' dem Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft nicht zuträglich ist."

Auch der im politischen Teil der FAZ schreibende Markus Blume, Generalsekretär der CSU, hält Christentum und Demokratie für konsubstanziell: "Der empirische Blick auf die Welt zeigt, dass auf Dauer stabile Demokratien außerhalb von Ländern christlicher Prägung selten anzutreffen sind. Die bedeutenden Ausnahmen sind schnell aufgezählt: Indien, Indonesien und Israel."

Das soll den Katholiken erst mal einer nachmachen! Religion mit Humor, Witz und Kunst - und alles mit Genehmigung des Papstes. Die neue Ausstellung des Met Museums in New York feiert "Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination". Das Thema inspirierte die Gäste der Eröffnungsgala weitaus aus mehr als die Themen der letzten Jahre. Im Daily Mail fühlt sich Piers Morgan beleidigt. Das ist zwar Unsinn, aber hier macht er einen Punkt: "Die Met hat ihre Doppelstandards offenbart, denn jeder weiß, dass sie das niemals mit dem Islam oder Judaismus gewagt hätten." Der Jesuitenpater James Martin hatte dagegen viel Spaß. Er twitterte die besten Komplimente für seine schlichte schwarze Kutte:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2018 - Religion

Der gewaltlose Islam etwa der Muslimbrüder sei gefährlicher als Terrorismus, meint Michael Meier nach der Lektüre von Elham Maneas Buch "Der alltägliche Islamismus" im Tages-Anzeiger. Sprengkraft habe in westlichen Gesellschaften vor allem das "Amalgam aus muslimischer Opferrolle und dem Hass vieler westlicher Intellektueller auf die eigene Gesellschaft. Dort die Muslime, die sich als verfolgte und diskriminierte Gruppe fühlen und im Westen den Feind sehen. Hier die Linken und Liberalen, die sich wegen der kolonialen und imperialen Vergangenheit des Westens schuldig fühlen und meinen, die Rechte von Minderheiten aus den ehemaligen Kolonien schützen zu müssen."
Stichwörter: Islamismus, Elham Manea

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2018 - Religion

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio sieht das Kreuz in bayerischen Amtsstuben wohlwollend. Besonders gläubige Muslime dürften sich davon nicht verletzt fühlen, meint er in der Zeit: "Wer genau hinschaut, wird sehen, dass viele Menschen islamischen Glaubens und auch manche Atheisten ihre Kinder gerne in konfessionelle Kindertagesstätten oder Schulen schicken. Manche muslimische Familie will ganz gewiss keinen Beitrag im antiwestlichen Kulturkampf fundamentalistischer Strömungen leisten, aber sie fürchtet dennoch eine 'gottlose' Gesellschaft mehr als jede konkurrierende Religion."
Stichwörter: Udo Di Fabio

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2018 - Religion

Scharf kritisiert Welt-Autor Richard Herzinger in eine Facebook-Post die bayerische Idee, das Kreuz in Ämter zu hängen - denn der Staat schwäche damit seine Position auch gegenüber anderen Religionen: "Mit dem politischen Islam ist der säkularen Ordnung eine furchtbare, in ihrer ganzen Dimension noch immer nicht ausreichend begriffene Bedrohung erwachsen. Es ist deprimierend zu sehen, wie die - ohnehin noch viel zu schwache - Abwehrfront gegen diese epochale Gefahr jetzt dadurch gespalten zu werden droht, dass flinkzüngige Wiederentdecker des 'Abendlandes' die religiöse Anmaßung islamischer Kreise farcenhaft zu imitieren versuchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2018 - Religion

Die Werte unserer Gesellschaft sind nicht christlich, auch wenn das gern behauptet wird, schreibt der Humanist Heinz-Werner Kubitza in der taz: "Toleranz und Freiheit sind eben nicht organisch aus dem Christentum erwachsen, sondern mussten geradezu in Gegnerschaft zum Christentum verwirklicht werden. Religiöse Rechthaberei und Bevormundung mussten erst aus Staat und Rechtsprechung verschwinden, damit Raum für wirkliche Gewissensfreiheit und einen Begriff von Menschenwürde geschaffen wurde, der diesen Namen wirklich verdient."

Auch der Verfassungsrechtler Horst Dreier, der gerade das Buch "Staat ohne Gott - Religion in der säkularen Moderne" vorgelegt hat, stört sich in der Welt an der Heuchelei von Markus Söders Begründung für das Kreuz in bayerischen Ämtern: "Der Text des Kabinettsbeschlusses sowie erläuternde Stellungnahmen lassen das Bemühen erkennen, den Vorwurf einer Verletzung des Neutralitätsgebotes schon im Vorfeld abzuwehren, und zwar mit zwei unterschiedlichen Aussagen. Der einen zufolge werde das Kreuz gar nicht als christliches Symbol, sondern als eine Art Chiffre für die bayerische Identität und deren geschichtliche Prägung verstanden. Die andere gibt vor, das Kreuz repräsentiere die grundlegenden Wertvorstellungen des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung. Doch das Erste verbietet sich, und das Zweite stimmt nicht." Die Autorin Nora Gomringer plädiert dagegen in der Welt für das Kreuz in Ämtern.

Kardinal Reinhard Marx, Chef der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, lehnt den Kreuz-Erlass von Markus Söder strikt ab: "Es sei 'Spaltung, Unruhe, Gegeneinander' entstanden", kritisierte Marx im Interview mit der SZ. "'Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden', sagte der Erzbischof von München und Freising. 'Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet.' Es stehe dem Staat nicht zu, zu erklären, was das Kreuz bedeute." Auch die Bürger sind mehrheitlich gegen das Kreuz in Amtsstuben, laut einer Emid-Umfrage für die Bild-Zeitung, sind 64 Prozent der Befragten gegen die Aufhängung von Kreuzen in Behörden, meldet die SZ.

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