9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

465 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 47

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2018 - Religion

Am 22. September ist eine "provisorische Übereinkunft" zwischen dem Vatikan und China unterzeichnet worden, die vorsieht, dass China den Papst als "geistliches Oberhaupt der rund 13 Millionen Katholiken im Land akzeptiert, der Papst acht von der staatlich kontrollierten Kirche ohne päpstliche Genehmigung ernannte Bischöfe nachträglich anerkennt und er bei Bischofswahlen ein Veto gegen bestimmte Personen einlegen kann, um einen neuen Findungsprozess einzuleiten", meldet Malte Lehming im Tagesspiegel. Bisher verbat sich China päpstliche Einmischungen in innere Angelegenheiten, Untergrundkirchen entstanden, die sich der Kontrolle durch den Staat entzogen. Auch jetzt sind Chinas Machthaber nervös, gelten Christen doch als "subversiv", so Lehming, aber: "China gewinnt den Papst als Komplizen im Kampf gegen die katholische Untergrundkirche, der außerdem darauf verzichtet, chinesische Menschenrechtsverstöße und Verletzungen des Rechts auf Religionsfreiheit öffentlich anzuprangern. Der Papst wiederum weicht das chinesische Prinzip auf, sich nicht in die inneren Angelegenheiten einmischen zu dürfen. Er leitet einen Prozess ein, von dem er sich eine Überwindung des Schismas der katholischen Kirche in China erhofft, und er ebnet den Weg, um die spirituelle Dynamik im Land mit beeinflussen zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2018 - Religion

#MeToo? Gerade die Geschichte der katholischen Kirche zeigt, dass auch Frauen in Machtpositionen zu Gewalt, Missbrauch und grausamer Willkür fähig sind. Die katholische Armen-Verwaltung in Irland lieferte die Beweise (unser Resümee). Auch im Orden der gerade heiliggesprochenen Katharina Kasper gab es eine lange Tradition der Gewalt und Misshandlung, die von der Kirche vor der Heiligsprechung Kaspers am Sonntag- die übrigens maßgeblich auf eine Initiative des notorischen Bischofs Tebartz-van Elst zurückgeht - kaum thematisiert wurde. Auch in der Berichterstattung der Presse gab es kaum Spuren vom Geschehen. Aber im Deutschlandfunk berichtete noch vor Sonntag (ohne dass es etwa genutzt hätte) Anke Petermann: "Im 20. Jahrhundert kam es in den Kinderheimen der 'Armen Dienstmägde' zu Gewaltexzessen und Psycho-Terror. Schwestern schlugen Kinder mit Gürteln und Kleiderbügeln, ob in Dernbach, Rüdesheim-Aulhausen, Essen oder Eschweiler bei Aachen. Es kam auch zu sexuellem Missbrauch, vorrangig ausgeübt von männlichen Heimleitern, Ärzten und Priestern. Markus Alexander Homes hat im Sankt Vincenzstift Aulhausen körperliche und sexuelle Gewalt erlebt, bis in die siebziger Jahre. Christliche Erziehung durch die Schwestern hieß für ihn, ständig bestraft zu werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2018 - Religion

Jetzt soll sogar Pillen-Paule heilig gesprochen werden, also jener Papst Paul VI., der die künstliche Empfängnisverhütung verdammt hatte, ärgert sich der Theologe Jan-Heiner Tück in der NZZ: "Diese Häufung von Heiligsprechungen von Päpsten durch Päpste ruft selbst bei gläubigen Katholiken Stirnrunzeln hervor. Steht die Selbstsakralisierung der Institution Kirche nicht in krassem Missverhältnis zu den Krisen und Skandalen, die in letzter Zeit publik geworden sind? Man könnte meinen, dass der anhaltende Bedeutungsverlust, den die päpstliche Autorität erlitten hat, durch eine gesteigerte Bedeutungszuschreibung auf der Ebene des Persönlich-Charismatischen aufgefangen werden soll."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2018 - Religion

All jenen, die sagen, das Kopftuch sei eine individuelle Modeentscheidung und als solche zu verteidigen, hält die Autorin Elham Manea im Gespräch mit Heiko Heinisch von den Kolumnisten entgegen: "Es gibt einfach genug Beispiele, um dem zu widersprechen. Man muss nur genau hinschauen, was in der islamischen Welt passiert ist, was Islamisten machen, wenn sie die Kontrolle über eine Gesellschaft übernehmen. Was machen sie als erstes? Sie schreiben eine Ordnung vor, in der die Frauen Kopftuch oder Burka tragen müssen. Da geht es nicht mehr um Freiheit. Das war so im Iran, in Afghanistan mit den Taliban, in Saudi Arabien, im Sudan mit der Muslimbruderschaft, in Gaza mit der Hamas und das war so mit dem IS in Syrien und dem Irak."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2018 - Religion

Überall wird "Respekt vor Religion" verlangt. "Wie wäre es dagegen einmal mit 'Respekt vor säkularen Errungenschaften'", fragt Milosz Matuschek in der NZZ und nimmt Bezug auf das Buch "Gefährliche Illusionen" des russischen Unternehmers und Philanthropen Witali Malkin das überall (auch im Perlentaucher) groß beworben wurde: "Malkins sprachlich imposanter Rundumschlag gegen die Kulturgeschichte packt den westlichen Denker genau dort, wo es weh tut: an seiner Feigheit nämlich, säkulare Werte gegen religiöse zu verteidigen. Krassestes Beispiel ist die bis heute praktizierte Beschneidung von Kindern, die im Westen allenfalls geächtet wird, wenn sie Mädchen betrifft. Hier paktiert der moderne Verfassungsstaat mit Religionsgruppen gegen das Kind und verschließt angesichts dieser Mischung aus Körperverletzung und Gruppenbranding die Augen."

Die Kirche sollte vom Staat genauso wie jede andere Organisation auch behandelt werden, meint der Soziologe Uwe Bork mit Blick auf den Missbrauchsskandal im Dlf-Kultur: "Der katholischen Kirche, deren hohe und höchste Kleriker sich ja kaum noch zeigen können, ohne ihre Reue und Beschämung über die Verbrechen ihrer Amtsbrüder bekennen zu müssen, könnte diese 'Verweltlichung' sogar helfen. Auch im Bereich der Kirche hat es stets die staatliche Justiz zu sein, die Verbrechen untersucht und ahndet, und nicht die Kirche selbst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2018 - Religion

Genitalverstümmelung wid keineswegs nur in Afrika praktiziert, sondern auch in arabischen Ländern wie Oman und sogar in Indien, schreibt Thomas von der Osten-Sacken in einem Blogbeitrag der Jungle World. Dort werden bei einigen Muslimen der "so genannte Sunnat-Schnitt" als angeblich harmlose Beschneidung wie bei Jungen verteidigt. Der indische Premierminister Narendra Modi hat sich vor kurzem mit der Dawoodi Bohra Women's Association for Religious Freedom (DBWRF)  getroffen und hat sich auf deren Forderung einzulassen, die Frage nach dem Verbot der Beschneidung im Namen der Religionsfreiheit an ein Verfassungskomitee zu delegieren: "Die Kehrtwende Modis dürfte nicht nur in Indien, sondern auch in Nordafrika, dem Nahen Osten und Südostasien all denen Auftrieb geben, die sich gegen ein Ende der Praxis engagieren und sie als religiös gerechtfertigte Notwendigkeit verteidigen. Ganz ähnlich nämlich argumentiert auch eine der größten muslimischen Vereinigungen Indonesiens und auch in Ägypten gibt es immer wieder entsprechende Vorstöße."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2018 - Religion

Simone Schmollack stellt in der taz die offizielle Studie zum sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche vor, die eigentlich von dem Kriminologen Christian Pfeiffer hätte durchgeführt werden sollen. Aber Pfeiffer hatte sich wegen "Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche" zurückgezogen: "Die Kirche ihrerseits argumentierte mit Datenschutz und einem 'Generalverdacht' gegen alle Priester, würden die Akten breit geöffnet. Auch damals schon war von vernichteten und zurückgehaltenen Akten die Rede. Dass Pfeiffer die aktuelle DHG-Studie kritisiert, verwundert demzufolge nicht. Es habe nicht die 'große Befragung aller erreichbaren Betroffenen gegeben, die eigentlich stattfinden müsste', sagte der Kriminologe. Er nannte es 'organisierte Verantwortungslosigkeit', dass man nicht wisse 'wer die Verantwortlichen sind'."

Christiane Florin sagt in einem Kommentar über die Pressekonferenz der Bischöfe, in der die Studie vorgestellt wurde: "Die Strukturdebatten sind wichtig, könnten aber davon ablenken, was den Betroffenen wichtig ist: die Klärung persönlicher Verantwortung. Auf meine Frage, ob unter den mehr als 60 anwesenden Bischöfen einer oder zwei sagen: Ich habe so viel persönliche Schuld auf mich geladen, ich kann mein Amt nicht mehr wahrnehmen, gab es eine sehr kurze Antwort des ansonsten beredten Vorsitzenden. Er sagte 'Nein'."

Wer über die Weigerung der Bischöfe, persönliche Verantwortung zu benennen, empört ist, "kann Liebesentzug durch Geldentzug üben", rät Christian Geyer in der FAZ: "So jemand kann die Zahlung der Kirchensteuer einstellen, kann sich dabei auf sein Gewissen berufen, sofern es an ihm nagt, weil die Kirchensteuer nun ja für alle erkennbar mittelbar den sexuellen Missbrauch unterstützt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2018 - Religion

Henning Hirsch, Anwalt und Autor bei den Kolumnisten, unterhält sich mit seine jungen Kollegin Raja A., die das Kopftuch verteidigt und sich beklagt, dass sie als Referendarin bei der Staatsanwaltschaft nicht vor Gericht plädieren durfte: "Als Begründung wurde ich gefragt: 'Wie soll sich denn der Angeklagte fühlen, wenn er sich mit einer Staatsanwältin konfrontiert sieht, die Kopftuch trägt?' Was für ein fadenscheiniger Unsinn! Der Angeklagte ist ein Betrüger, Vergewaltiger oder Mörder, eben jemand, dem eine x-beliebige Straftat vorgeworfen wird. Und er bekommt Angst vor einer Kopftuch tragenden Staatsanwältin? Eine völlig willkürliche Argumentation des Chefs, der jede Grundlage in den Verwaltungsvorschriften fehlte."
Stichwörter: Kopftuch, Kopftuchdebatte

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2018 - Religion

1.670 Priester und Ordensleute haben im Zeitraum 1946 bis 1994 mindestens 3.677 Betroffene sexuell missbraucht, sagt ein Bericht der Katholischen Kirche, der jüngst vorgelegt wurde. Matthias Katsch, Mitgründer des "Eckigen Tischs" zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, äußert sich im taz-Gespräch mit Nina Apin enttäuscht über diesen Bericht: "Die Studie beschäftigte sich nur mit den Bistümern, aber nicht mit den insgesamt 400 katholischen Ordensgemeinschaften, die viele Schulen, Kinderheime, Internate betreiben... Wir reden hier über einen Ausschnitt, der noch nicht mal das gesamte Hellfeld abbildet. Über das Dunkelfeld kann man nur spekulieren. Es gibt gute Gründe, ein Vielfaches anzusetzen. Da die Forscher nicht selbst Zugang zu den Originalakten hatten, und nur von einem Drittel der angefragten Bistümer überhaupt Material bekommen haben, ist davon auszugehen, dass vieles gar nicht erfasst wurde - auch weil Akten geschreddert oder manipuliert wurden, Hinweise darauf werden auch im Bericht erwähnt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2018 - Religion

Angesichts der vielen verschwundenen oder versteckten Akten hätte die Katholische Kirche ihre Studie über Missbrauch in den eigenen Reihen besser einer unabhängigen Kommission überlassen, meint Matthias Drobinski in der SZ: "Aufklärung von innen heraus funktioniert selten; sie muss jetzt nach außen verlagert werden - in Deutschland, aber auch weltweit. Nur dann wird die Kirche an die Ursachen für die sexualisierte Gewalt herankommen, die im System selber liegen ... nur dann wird sie wirklich die Schuld sühnen können, die sie da auf sich geladen hat."

In der Welt fordert Birgit Kelle die Katholische Kirche auf, ihre Prioritäten gerade zu rücken: "Dass eine Kirche von ihren Mitarbeitern ein christliches Bekenntnis erwartet und eine gewisse Loyalität, ist ... nicht nur legitim, sondern ein Muss, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht ganz riskieren will. Zur Glaubwürdigkeit einer Kirche gehört aber auch, dass sie nicht mit zweierlei Maß misst. Wer bei einem Chefarzt in der Tatsache einer Wiederverheiratung bereits einen Entlassungsgrund sieht, gleichzeitig aber an Priestern, die sich an schutzlosen Kindern sexuell vergangen haben, festhält und sie schützt, statt sie konsequent rauszuwerfen, verspielt mutwillig sein enormes Kapital. 'Christlich' zu sein ist kein Label, sondern eine Aufgabe, ein Anspruch."