9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2018 - Religion

Der Bund der Steuerzahler spricht sich für ein Ende der Staatsleistungen an die Kirchen aus, berichtet Daniela Wakonigg bei hpd.de, die sich besonders auf ein Schreiben des Bundes der Steuerzahler in Rheinland-Pfalz bezieht. Mit den Staatsleistungen werden zum Beispiel die Gehälter vieler Bischöfe bezahlt - sie haben mit der Kirchensteuer nichts zu tun, sondern beziehen sich auf einen Deal mit den Kirchen aus napoleonischer Zeit. Damals wurden den Kirchen die Einkommensquellen genommen, die sie bisher zur Erfüllung staatlicher Aufgaben erhalten hatten. Für das Jahr 2018 werden sie Staatsleistungen "nach den Recherchen von Johann-Albrecht Haupt von der Humanistischen Union bundesweit 538 Millionen Euro betragen. Tendenz steigend, denn 'Geldleistungen, die in Staat-Kirche-Verträgen sowie Konkordaten vereinbart wurden, werden jährlich entsprechend der Beamtenbesoldung angepasst'. Eigentlich sollten diese Zahlungen bereits laut der Weimarer Reichsverfassung von 1919 beendet werden - eine Forderung, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland übernommen wurde. Doch passiert ist bislang nichts."

Werden am Ende aber nur die Staatsleistungen bleiben? Das könnte man sich fragen, wenn man sich mit Reinhard Bingener in der FAZ die jüngsten Zahlen ansieht: "Die Evangelische Kirche in Deutschland wartete vor kurzem mit einer bemerkenswerten Rechnung auf. Bei der Vorlage ihrer jährlichen Statistik rechnete die EKD vor, mit 180.000 Taufen und 25.000 Eintritten seien im Jahr 2017 abermals mehr Menschen in die evangelische Kirche eingetreten als aus ihr ausgetreten. Formal betrachtet, ist diese Rechnung korrekt. Der Sache nach handelt es sich aber um Schönfärberei, die einer Kirche unwürdig ist. Der tatsächliche Saldo wird nämlich erst sichtbar, wenn man den 25.000 Eintritten die 200.000 Austritte entgegenhält und den 180.000 Taufen die 350.000 Todesfälle."

Mehr als 300 katholische Priester im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania haben über Jahrzehnte mindestens tausend Kinder sexuell missbraucht. Obwohl es immer wieder Hinweise gab, konnte die katholische Kirche das jahrelang unter den Teppich kehren, stellte der Bericht einer Grand Jury jetzt fest, der auch die oft grauenhaften Einzelheiten aufdeckt, berichtet Marc Pitzke bei Spon. "Die Grand Jury beklagt, dass sich die jahrzehntelang vertuschten Vorwürfe kaum mehr juristisch aufarbeiten ließen. Die Kirche habe die Täter nicht nur gedeckt, sondern oft sogar noch befördert. 'Sie beschützten ihre Institution um jeden Preis", sagte Justizminister Shapiro. 'Die Kirche zeigte den Opfern völlige Verachtung.' Nur zwei der mehr als tausend Fälle in dem Bericht führten zu aktuellen Anklagen. In Pennsylvania verjährt sexueller Missbrauch von Minderjährigen, wenn das Opfer 30 Jahre alt wird. Das Landesparlament hat sich auf Druck der Kirche bisher geweigert, das zu ändern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2018 - Religion

In der FR fordert die Islamlehrerin Lamya Kaddor eine Reform des Islamunterrichts, den konservative Islamverbände über die Beiräte dominieren und dabei immer wieder Liberale oder Frauen außen vor lassen: "Dass liberale oder andere von KRM-Verbänden wie der Ditib oder dem Islamrat abweichende Haltungen einen schweren Stand in den derzeitigen Konstrukten zum Islamunterricht haben, ist aber kein Einzelfall. Ich erfahre häufiger von Mobbing, Gängeleien oder bedenklicher Einflussnahme. Dabei wurde seit jeher eindringlich davor gewarnt, dass es zu Problemen kommen werde, wenn der Staat sich nur auf bestimmten Gruppen wie die im KRM vertretenen Verbände stützt. Doch die Warnungen verhallten ungehört. Ende Juni erst wurde bei der Einrichtung eines Instituts für Islamische Theologie an der Humboldt-Uni in Berlin wieder der gleiche Fehler begangen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2018 - Religion

"Nirgends sind bei Ratzinger rassistische Diskursspuren zu entdecken", beteuert der katholische Theologe Jan-Heiner Tück in der NZZ, der auf die Debatte um einen Text des Abgedankten über das Verhältnis von Christen und Juden in der Zeitschrift Communio (unser Resümee) Bezug nimmt: "Wie auch? Benedikt XVI. hat 2006 in seiner Rede in Auschwitz den Antisemitismus als eine perfide Form des Antitheismus verurteilt. Die Shoah sei der Versuch gewesen, mit den Juden die lebendigen Träger des Gottesgedächtnisses und der mosaischen Ethik auszulöschen. Die Judenvernichtung sei letztlich ein Attentat auf Gott."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2018 - Religion

Im Jahr 2024 werden voraussichtlich weniger als 50 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einer der beiden großen Kirchen angehören, meldet Matthias Kamann in der Welt und fragt: Wer ist dann befähigt, "sich mit Anhängern anderer Religionen zu unterhalten. Nicht nur weil sie deren Antriebe verstehen, sondern auch weil sie wissen, dass und wie Religionen durch Menschen verändert werden. Sodass Christen jene Muslime unterstützen können, die es ablehnen, dass radikale Islamisten eine bestimmte Koranlesart für vom Himmel gefallen erklären und jede abweichende Deutung verteufeln. Wer kann die Christen bei der Unterstützung jener reformbereiten Muslime ersetzen? Oder sollen die religiösen Ignoranten dominieren, die Muslime vor die Wahl stellen wollen, entweder 'dem' Islam abzuschwören oder dorthin zu gehen, wo 'der' Islam Staatsreligion ist?" Vielleicht kann man sich auch mal von der Illusion verabschieden, dass ausrechnet der "Dialog der Religionen" das Problem mit der Religion lösen kann.
Stichwörter: Islam, Christentum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2018 - Religion

In Dänemark hat die Regierung unter Beteiligung der Rechtspopulisten ein Gesetz erlassen, laut dem Kinder aus "Ghetto-Communities" mindestens 25 Stunden der Woche getrennt von ihren Eltern etwa in Kindergärtern verbringen sollen, um "dänische Werte" zu lernen. In politico.eu fühlt sich Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, an Mönche erinnert, die einst jüdische Kinder raubten, um ihre Seelen zu retten. Ihn stören aber noch weitere religionspolitische Maßnahmen in Europa: "Dänemark ist nicht das einzige Land, das seine Minderheitenbevölkerung und Religionsfreiheit auf diese Weise ins Visier nimmt. Österreich und Belgien haben beispielsweise vorgeschlagen, die koschere Schlachtung einzuschränken, und mehrere Länder - darunter Frankreich und Norwegen - haben religiöse Kopfbedeckungen in Schulen oder bei Beamtinnen verboten. Bayern und Italien haben Gesetze erlassen, die die Aufhängung von Kruzifixen in öffentlichen Gebäuden vorschreiben."

"Verträgt die säkulare Gesellschaft des Jahres 2018 die Religionsfreiheit nicht mehr?", fragt in der SZ der stellvertretende Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses, Maram Stern mit Blick auf Debatten über das Schächten, die Beschneidung oder das Kopftuch: "Es formiert sich eine unheilige Allianz zwischen rechten und linken Kräften, zwischen solchen, die nur Judentum und Islam ablehnen und jenen säkularen Kräften, die vorgeben, mit Religion nichts am Hut zu haben - aber mit heiligem Eifer Stimmung machen gegen religiöse Traditionen, weil sie sie als fremd, rückständig und nicht zu 'unserem' Kulturkreis gehörig ansehen. In diesem Zusammenhang wäre auch die ständig wiederkehrende Diskussion über das muslimische Kopftuch zu nennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2018 - Religion

Der Anteil der Christen in Israel ist winzig, 1,7 Prozent, obwohl sie dort Religionsfreiheit genießen. Gleichzeitig sind sie die einzige Gemeinde im Nahen Osten, die noch wächst. Aber Streit gibt's hier natürlich auch, berichtet Daniela Segenreich, die mehrere christliche Familien besucht hat, in der NZZ: So viele regionale Versionen gibt es - von griechisch-katholisch bis zu den Maroniten - da funktioniert die Kommunikation nicht immer glatt. "So wird die Grabeskirche in Jerusalem von sechs verschiedenen christlichen Konfessionen verwaltet, wobei die griechisch-orthodoxe, die durch den Orden der Franziskaner vertretene römisch-katholische sowie die armenisch-apostolische Kirche federführend sind. Das hatte in der Vergangenheit immer wieder Streitigkeiten zur Folge und machte gemeinsame Entscheidungen, wie etwa für eine Renovierung, unmöglich. Wegen dieser Uneinigkeit verwahrt seit Jahrhunderten eine alteingesessene muslimische Familie die Schlüssel der Kirche und trat auch immer wieder als Vermittlerin auf."
Stichwörter: Israel, Christen in Israel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2018 - Religion

Sieben Millionen Besucher erwartet eine Ausstellung über Padre Pio in Palermo, schreibt Thomas Steinfeld in der SZ. Der Priester wird als Heiliger verehrt, weil er vor hundert Jahren "die Stigmata empfing". Die Verehrung ist auch ein Symptom, so Steinfeld: "Aus der Verehrung Padre Pios spricht nicht nur ein Volksglaube, so wie er nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden zu sein schien, mit allem, was dazugehört, dem sakralen Charakter des Priesters, der zentralen Bedeutung der Beichte, dem Ornat und dem Ritus. Es bekennt sich darin auch die Peripherie zu sich selbst, und diese Peripherie ist voller Misstrauen gegen alles, was aus der Mitte und von oben kommt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2018 - Religion

Den Schulterschluss mit faschistischen und kommunistischen Diktaturen hat die rumänische Orthodoxe Kirche stets gern gesucht, um Reichtum und Macht auszuweiten - Vergangenheitsaufarbeitung ist ihr indes bis heute fremd, schreibt der Osteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt in der NZZ und erklärt: "In den letzten Jahren verfolgt die ROK ihren autoritären Kurs immer offensiver. 2017 statteten sich die Patriarchen von Bukarest und Moskau wechselseitig pompöse Besuche ab. Auffallend ist dies vor dem Hintergrund der alten Abneigung der Rumänen gegen den übermächtigen Nachbarn im Osten. Die russische Regierung benützt die rumänische Orthodoxie als Hebel, um auf das wichtigste Nato-Land am Schwarzen Meer Einfluss zu nehmen. Ganz in russischem Sinne sind die Kampagnen der ROK für Familienwerte und gegen Homosexualität. Sie trägt so zu einer antiwestlichen Stimmung bei, die auch anderswo in Ostmitteleuropa geschürt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2018 - Religion

Alexandra Eul spricht für emma.de mit Martin Omnitz und Bafta Sarbo vom Studierendenrat der Humboldt-Uni, die erklären, warum sie sich vehement gegen das von der Uni geplante Islam-Institut wenden, wo künftig Religionslehrer ausgebildet werden sollen. Streitpunkt ist die Besetzung des Beirats des Instituts mit ausschließlich erzkonservativen Islamverbänden. Omnitz sagt: "Das Thema Gleichstellung zwischen Frauen und Männern ist uns wichtig. Und als ich die 'Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands' das erste Mal gegoogelt habe, bin ich auch sofort auf deren Erklärung zur Homo-Ehe gestoßen. Da wurden Schwule und Lesben auf eine Art angegriffen, wie ich es sonst nur von rechten Trollen im Netz kenne. Sie haben die Homo-Ehe als 'organisierte gesellschaftliche Verirrung sowie die Verwässerung jeglicher Moral, Ethik und Religiosität' bezeichnet. Und diese Menschen sollen Imame und Religionslehrer ausbilden, die dann am Ende einen Stempel von der HU Berlin bekommen? Das ist schon unglaublich!"

Weiteres: Die deutsche Politik träumt von einem "deutschen Islam", den sie dann ebenso mit Steuergeldern und Religionslehrerposten ruhig stellen kann, wie sie das mit dem Kirchen erfolgreich hinbekommen hat. Darum soll auf Initivative des Staatsministers im Bundesinnenministerium Markus Kerber die Islamkonfernez wieder zusammentreten. Canan Topcu sieht bei Zeit online allerdings noch ein paar Probleme.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2018 - Religion

Benedikt XVI. hat sich in einem Artikel in der katholischen Zeitschrift Communio zum Verhältnis von Christentum und Judentum und insbesondere zur Legitimation des Staates Israel geäußert. Dem Dialog nützt das nicht, ärgert sich in der NZZ der Rabbiner David Bollag: "Für uns Juden ist äußerst verwunderlich, wenn nicht gar unverständlich, dass sich ein zurückgetretener Papst zur religiösen Bedeutung des Staates Israel äußern muss. Da wir nun endlich wieder unser eigenes Land haben, auf das wir so lange gehofft und gewartet haben, das uns so wichtig ist und auf das wir stolz sind, müssen wir uns nun vom ehemaligen Papst sagen lassen, 'dass ein . . . jüdischer Glaubensstaat . . . nach christlichem Glauben . . . nicht denkbar ist und im Widerspruch zum christlichen Verständnis der Verheißungen stünde'."

In der Jüdischen Allgemeinen verweist der Rabbiner Arie Folger darauf, dass das Traktat "für den internen Gebrauch des Vatikans geschrieben wurde und daher nicht an Maßstäben des öffentlichen und interreligiösen Diskurses gemessen werden sollte".