9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2018 - Religion

Annegret Kramp-Karrenbauer gilt als Merkel 2.0. Doch es gibt einen  Unterschied: Anders als Merkel ist sie sehr sehr katholisch und betont es auch. Sie lehnt die "Ehe für alle ab" und befürwortet ein Informationsverbot über Abtreibung. Und es gibt mehr Äußerungen, über die Florian Chefai im Humanistischen Pressedienst berichtet: "Als Retterin des christlichen Abendlandes inszenierte sich Kramp-Karrenbauer auch, indem sie sich gegen eine Entscheidung des Saarbrücker Amtsgerichts wandte, Kreuze aus den Sitzungssälen entfernen zu lassen: 'Das Kreuz verdeutlicht, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist', so Kramp-Karrenbauer laut Saarländischem Rundfunk. Die NS-Justiz habe gezeigt, was es bedeute, wenn sich der Mensch zum absoluten Richter mache. 'Deswegen hat es für mich keinen Sinn, das Kreuz generell aus Gerichtssälen zu verbannen'. (...) Doch damit nicht genug: In der Monatszeitschrift Herder Korrespondenz äußerte sich Kramp-Karrenbauer kritisch gegenüber dem islamischen Kopftuch, da es als 'ambivalentes Symbol' auch für die Unterdrückung der Frau stehe. Der Witz an der Sache: Sie selbst verschleierte sich, als sie 2013 Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger besuchte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2018 - Religion

Ein Großteil der Diasporajuden lebt säkularisiert, zudem führt die innerjüdische Spaltung zur Distanzierung von Israel, schreibt der in Israel geborene Historiker Michael Wolffsohn in der NZZ und fragt: "Was, außer der jüdischen Situation, ist an den meisten Diasporajuden demnach im religiösen, kulturellen oder historischen Sinne jüdisch?" Jüdische Identität sei meist fremdbestimmt durch negative Erfahrung, fährt er fort: "Das Faktische hat für die meisten Diasporajuden das Wesensmäßige ersetzt. Das ist die eine Seite. Die andere: Da, wo das Dasein der Juden unjüdischen Charakter annimmt, ist es Teil der allgemeinen Verweltlichung moderner Gesellschaften. Wie jede moderne Gemeinschaft wurde auch die jüdische von ihr erfasst. Die meisten Diasporajuden haben sich von der Religion weitgehend entfernt. Für Deutsche, Engländer oder Franzosen ist die Verweltlichung keine substanzielle Gefahr, wohl aber für Juden. Deutsche bleiben mit oder ohne Säkularisierung Deutsche."
Stichwörter: Wolfssohn, Michael

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2018 - Religion

Im Gespräch mit Andreas Main vom Deutschlandfunk spricht sich Ahmad Mansour, der zur Initiative säkularer Islam gehört, für einen gemeinsamen Religionsunterricht von Kindern aus: "Ich halte einen Religionsunterricht, der 2018 getrennt nach religiöser Zugehörigkeit geführt ist, für nicht zeitgemäß. Ich halte es für hochproblematisch, dass wir Kindern schon mit acht oder neun sagen: Ja, was bist du? Du bist Christ, Protestant. Dann in Klasse A gehen. Die Moslems in Klasse B und die Juden in Klasse C. Das geht nicht. Die Kinder müssen zusammengeführt werden, vor allem in diesen Zeiten, wo viele Vorurteile entstanden sind, wo viel Unwissen da ist."

Die Spiegel-online-Autorin Ferda Ataman glaubt nicht an Gott. Und darum fühlt sie sich auch von der Islam-Konferenz nicht betroffen: "Ich will da auch nicht vertreten werden. Es ist schließlich eine ISLAM-Konferenz. Meinetwegen soll sich der Staat ruhig mit den konservativen Verbänden austauschen, das kann nicht schaden - genauso wie 'mit Rechten reden'. Natürlich muss er auch liberale Muslime einbinden. Und er soll Strukturen für praktizierende Muslime im Alltag schaffen. Aber mich soll er da raushalten. Ich will nicht integriert werden in einen staatlichen Dialog über den adäquaten 'deutschen Islam'."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2018 - Religion

So "explosiv, kontrovers und interessant" wie in diesem Jahr war die Deutsche Islamkonferenz selten, schreibt Mariam Lau auf Zeit Online: Ärger auch unter den Musliminnen, die nicht zu den Verbänden gehören: "Immer geht es auch darum, wer das Ohr der deutschen Politik hat. Seyran Ateş, Anwältin, Publizistin und Imamin einer liberalen Moschee in Berlin, hat auf ihrer Website ein Foto mit Bundespräsident Steinmeier gepostet, auf dem ursprünglich auch Lamya Kaddor zu sehen war. Auf Ateş' Bild fehlt die entsprechende Hälfte. 'Du hast mich rausgeschnitten!', rief Kaddor. 'Ich bin nicht gefragt worden, als ihr den Verein Initiative Säkularer Islam gegründet habt!'"

Wie ein "Callcenter, an das sich Muslime, organisiert oder nicht, mit Beschwerden und Vorschlägen wenden können" erscheint hingegen Andrea Dernbach im Tagesspiegel die DIK: "Auf konkrete Fragen lesen Verbandsvertreter Sprechzettel ab oder werfen mit Worthülsen. Wer jetzt noch wie Cem Özdemir auf die Verbände einhaut, weil sie undemokratisch seien, trifft einen toten Hund. Das ist traurig für alle, die sich einen aktiven deutschen Islam wünschen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2018 - Religion

Der Fall ist bei den #MeToo-AktivistInnen nicht ganz so populär. Aber ebenso gründlich wie Harvey Weinstein hat sich Tariq Ramadan, der einstige Herold eines "gemäßigten" Islams, demontiert. Nicht nur, dass gegen ihn drei Anklagen wegen Vergewaltigung vorliegen. Letztes Jahr hat auch die Tribune de Genève  Missbrauchsvorwürfe von Schülerinnen aus seiner Zeit als Lehrer in Genf thematisiert, berichtet Bernadette Sauvaget in Libération. Und "ein anderer Schlag kommt nun aus Katar, dem wichtigsten Geldgeber des Theologen, der seinen Lehrstuhl in Oxford finanziert und ihm außerdem sehr großzügige Mittel für die Führung des CILE, des 'centre de recherches sur l'éthique islamique' zukommen lässt, das an die Universität von Doha angeschlossen ist. Mohamed el-Moctar el-Shinqiti, sehr einflussreicher Kolumnist und Analyst bei Al Jazeera hat am Mittwoch in seinem Blog einen Text publiziert, in dem er aufruft, Ramadan nicht mehr zu unterstützen, denn er sei ein 'Sexsüchtiger mit Verachtung für Menschen, die er missbraucht, und Täuschung der Muslime'."

Wortmeldungen vor der beginnenden Islamkonferenz: Auch der Zentralrat der Muslime will keine Imame aus dem Ausland, sagt deren Vorsitzender, Aiman Mazyek, im FR-Gespräch mit Thoralf Cleven und fordert eine Organisation und Finanzierung der Imanausbildung in Deutschland: "Wir sind bereit, die hier ausgebildeten, deutschsprachigen und mit der Kultur und dem Land vertrauten Imame in unseren Moscheen einzustellen." Selbstverständlich wünschen sich alle Muslime, dass Theologie und Religion seitens des Staates gefördert werden, schreibt die Imamin Rabeya Müller, die beim Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung in Köln tätig ist in der SZ. Aber: "Der Islam ist eine Weltreligion und strukturell nicht unmittelbar mit den christlichen Kirchen vergleichbar. Es gibt im Islam kein Lehramt, auch wenn mancher (und manche) gerne Papst aller Muslime wäre. Der Islam kennt keine Ordination von Geistlichen, auch wenn es Verbandsfunktionäre gibt, die gerne die ihnen genehmen Personen ordinieren und missliebigen die Zustimmung verweigern würden. Doch diese Entscheidung trifft regulär eine muslimische Gemeinde ganz basisdemokratisch für sich selbst, dabei sollte es auch bleiben." Stattdessen fordert sie eine staatliche organisierte Plattform, auf der die verschiedenen Initiativen und Strömungen des Islams miteinander diskutieren können.

Im Zeit-Gespräch mit Martin Lohmann erzählt der katholische Pfarrer Michael Theuerl, der gerade erst Syrien besuchte, von der Furcht syrischer Christen, dass im Zuge der deutschen Willkommenspolitik "orientalische Kirchen sterben" könnten. Außerdem spricht er über die Nähe zu Assad, der ihnen Sicherheit garantiere: "Ein Bischof berichtete uns in Damaskus, wie am letzten Osterfest plötzlich jemand von der Regierung anrief, der Präsident wolle am Nachmittag ein Altersheim besuchen - ob er auch kommen könne? Also fuhr der Bischof hin, alle saßen im Kreis, der Präsident, seine Frau, sie hielt rechts und links den alten Leutchen die Hand, und Assad fragte, was man noch im Haus brauchen könnte."
 
Von den blutigen Konflikten zwischen Muslimen und Christen in der Zentralafrikanischen Republik berichtet außerdem Andrea Böhm in der Zeit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2018 - Religion

Die Ahmadiyya-Gemeinde, die von vielen Mit-Muslimen gar nicht als islamisch anerkannt wird, gibt sich in Deutschland reformislamisch und genießt in einigen Bundesländern hohe Anerkennung. Ihre freundlich wirkende Außenseite schützt sie zur Not auch juristisch, wie sich nun in einer Klage der Gemeinde gegen die freie Autorin Necla Kelek zeigt, die die Gemeinde in einem Interview als "Sekte" bezeichnet hatte. Durch ihre Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts darf die Gemeinde in einigen Bundesländern Religionsunterricht erteilen, schreibt Daniel Haas in der NZZ: "Auch im Hinblick auf das pädagogische Image wäre ein auf Austausch basierender Umgang mit Kritik wünschenswerter als der Versuch, auf dem Rechtsweg einen Maulkorb zu erteilen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2018 - Religion

Der grüne Berliner Justizsenator Dirk Behrendt will das Neutralitätsgesetz mithilfe des Antidiskriminierungsgesetzes aufweichen. "Hochproblematisch" findet das der ehemalige Berliner Gymnasiallehrer Rainer Werner in der Welt, denn: "Das Neutralitätsgebot als Ausdruck unserer säkularen Staatsverfassung soll verhindern, dass die am Schulleben Beteiligten ihre persönliche Agenda in die Schule tragen und die Schüler in ihrem Sinne manipulieren. Mädchen sind im islamischen Kulturkreis noch nicht gleichberechtigt. Für sie ist deshalb Bildung die beste Möglichkeit, familiäre Diskriminierungen hinter sich zu lassen und ein Leben in freier Selbstbestimmung führen zu können. Eine Lehrerin mit Kopftuch sendet das problematische Signal, nicht Bildung, sondern religiöse Identität stehe für eine Frau an erster Stelle."

Eine österreichische Seminarleiterin, die den islamischen Propheten Mohammed als pädophil bezeichnete, wurde vom Gericht wegen Herabwürdigung religiöser Lehren mit einer Geldstrafe belegt, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das Urteil bestätigt -  islamische Organisationen begrüßen das Urteil, schreibt der marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ  und sieht die Meinungsfreiheit bedroht. Ein Blasphemie-Artikel gehört nicht ins Strafgesetzbuch, meint er: "Irritierend ist, dass sich das Urteil des EGMR und die drakonischen Urteile gegen Schriftsteller, Aktivisten und religiöse Minderheiten in der islamischen Welt hinsichtlich der Argumentation kaum unterscheiden. Selbstredend hat das Gericht in Straßburg niemanden wegen Blasphemie zum Tode verurteilt, aber indirekt konzediert es, dass die sogenannte Beleidigung des Propheten bestraft werden solle. Wenn nun europäische Länder im Interesse des Respekts vor religiösen Gefühlen Urteile gegen die Meinungsfreiheit erlassen, wird das nicht nur das Leben von Freidenkern und religiösen Minderheiten in der islamischen Welt erschweren, sondern auch ihre Verfolgung legitimieren."

Weitere Artikel: Auch die evangelische Kirche muss sich dem Thema Missbrauch stellen, fordert Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel: "Bisher ist die Rede von rund 480 Fälle seit 1950. Experten dringen vor dem Hintergrund, dass diese Zahl für unglaubwürdig gehalten wird, auf eine zentrale Anlaufstelle, an die sich alle Betroffenen wenden können. Auch weil es, anders als bei der katholischen Kirche, bis dato noch keinen Versuch gab, sämtliche Taten zu erfassen und aufzuarbeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2018 - Religion

Mit der oft hervorgehobenen Progressivität von Papst Franziskus ist es nicht weit her, schreibt Pascal Bruckner in der NZZ. "Vage Toleranzbotschaften" an Homosexuelle und Geschiedene, demonstrativ gelebte Armut und Plädoyers für uneingeschränkte Zuwanderung täuschen nicht darüber hinweg, dass Franziskus in wichtigen Punkten, etwa in Fragen des Zölibats oder der Priesterheirat, nicht "auf der Höhe der Zeit" ist, meint Bruckner. Und: "Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo zum Beispiel war er der Ansicht, dass die Meinungsfreiheit nicht dazu ermächtige, den Glauben anderer Leute zu verhöhnen. 'Wenn ein Freund schlecht über meine Mutter redet, muss er mit einem Faustschlag rechnen.' Das klingt eher nach dem Satz eines südamerikanischen Machos als nach der Reflexion eines Kirchenoberhaupts, jedenfalls scheint Franziskus mit solchen Worten zu bedauern, dass Blasphemie kein Verbrechen mehr ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2018 - Religion

Heute ist es soweit, erinnert Ralf Sotschek in der taz: "Die Irinnen und Iren entscheiden heute per Referendum, ob sie den Blasphemie-Paragrafen aus ihrer Verfassung streichen wollen. Das Thema ist brisant: Verhütungsmittel, Homosexualität, Scheidung, gleichgeschlechtliche Ehe, Abtreibung - das alles ist gegen den Willen der katholischen Kirche legalisiert worden. Dieses Mal versucht der Klerus gar nicht erst, die Abschaffung des Blasphemie-Paragrafen zu verhindern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2018 - Religion

Im SZ-Gespräch mit Matthias Dobrinski erzählt der ehemalige Priester Clemens Betting, der sieben Jahre lang heimlich mit einer Frau zusammenlebte, wie die katholische Kirche auf seinen Bruch mit dem Zölibat reagierte: "Das Ausbrechen aus dem Zölibat wird mit der fristlosen Kündigung geahndet. Schon in dem Gespräch hat mich der Bischof suspendiert. Und mit der Eheschließung im Standesamt war ich exkommuniziert. Für mich war das kein Bruch mit der Kirche, geärgert hat mich nur, dass sie von mir die Kirchensteuer weiter gerne genommen haben."

Weitere Artikel: Die Bildungskongregation im Vatikan hat dem Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig eine weitere Amtszeit als Rektor der Theologisch-Philosophischen Hochschule St. Georgen verweigert, weil dieser sich 2016 positiv über Homosexualität äußerte, meldet der Tagesspiegel.