9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2024 - Religion

Der Religionswissenschaftler Reinhard Flogaus ruft in der FAZ den Ökumenischen Rat der Kirchen dazu auf, Konsequenzen gegenüber dem Oberhaupt der Russisch Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, zu ziehen. Kyrill verteidige den Krieg in der Ukraine als "Heiligen Krieg". Der Leitsatz des ÖRK "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!" ist mit der christlichen Botschaft unvereinbar, so Flogaus: "Der ÖRK muss handeln, sonst wird er unglaubwürdig. ... Der Zentralausschuss des ÖRK muss über Konsequenzen aus der Aufkündigung des Amsterdamer Gründungskonsenses des ÖRK durch die ROK nachdenken. Das ist er den orthodoxen Kirchen in der Ukraine und allen anderen Kirchen schuldig. … Der Zentralausschuss des ÖRK sollte nun prüfen, ob ein Ausschluss oder eine Suspension der Mitgliedschaft der ROK möglich wäre."

Ist die von Donald Trump mitpropagierte "Ideologie des christlichen Nationalismus bloß harmlos patriotisch wie Apfelkuchen", fragt sich Marc Neumann in der NZZ. Mitnichten, wie islamische Fundamentalisten streben auch die Christlichen Nationalisten (CN) die Zurückdrängung der Macht des Staates an, erfährt Neumann beim CN-Aussteiger Brad Onishi: "Laut Onishi geht es den radikalen Christen darum, die Grenze zwischen Kirche und Staat einzureißen. Sie sähen sich in einem existenziellen Kampf zwischen Gut und Böse und forderten deshalb wirtschaftliche, soziale und politische Privilegien für Christen in den USA. (...) Christen sollten die sieben Hügel von Staat, Familie, Religion, Wirtschaft, Schulwesen, Medien und Kunst/Unterhaltung stürmen, um von dort die Menschheit zu kontrollieren und die Erde für Gott zu kolonialisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2024 - Religion

Die Menschenrechtsaktivistin Sara Khan hat im Auftrag der britischen Regierung einen Bericht über "Threats to Social Cohesion" vorgelegt (hier als pdf-Dokument). Darin spricht sie auch den Druck an, der von Islamisten ausgeübt wird. Dieser Druck ist auch in Großbritannien gewaltig, notiert Nick Cohen in seinem Blog, auch wenn er viel weniger thematisiert werde als in Frankreich. Cohen erzählt die von Khan aufgearbeitete Geschichte eines Lehrers, der in einer Stunde über Religionsfreiheit ein Bild (keineswegs eine Karikatur) Mohammeds zeigte, zusammen mit Bildern von Jesus Christus und Moses. Er bekam den üblichen Ärger, musste die Schule und die Stadt verlassen. "Das Gymnasium und die Behörden weigerten sich, die Drohungen gegen den Lehrer als einen Angriff auf die Grundsätze einer freien Gesellschaft zu werten. Anstatt ihn zu verteidigen, suspendierte die Schule ihn und sagte, er dürfe auf keinen Fall mit seinen Kollegen sprechen. Damit nicht genug, wurden zwei weitere Lehrer suspendiert, die dieselbe Schulstunde unterrichtet hatten. Tracy Brabin, die damalige Labour-Abgeordnete für Batley und Spen, gab eine Erklärung ab, in der sie sich weder um die Sicherheit des Lehrers noch um seine Werte scherte. 'Die Verärgerung und Beleidigung, die sein Verhalten hervorgerufen hat, sind verständlich, aber sie waren auch vorhersehbar. Ich freue mich, dass die Schule eingesehen hat, wie unangemessen dies war und sich für die Beleidigung entschuldigte.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2024 - Religion

Die Stilisierung der Hamas-Pogrome zum "Widerstand", der vielleicht nicht mal antisemitisch ist, findet sich nicht nur bei Judith Butler. Ähnlich argumentieren auch manche in Deutschland populäre Theologen, hat Thomas Wessel bei den Ruhrbaronen herausgefunden. "Beispiel: der Weltgebetstag ('Frauen aller Konfessionen laden ein'), der am 1. März in ungenannt vielen Gottesdiensten mit ungezählt vielen Teilnehmern begangen worden ist. Um 'informiert zu beten', hatte der deutsche Weltgebetstag (WGT) monatelang Hintergrund-Infos angereicht, die maßgeblich von Katja Dorothea Buck, Politologin aus Tübingen, 'recherchiert' worden waren: Weit mehr als die Hälfte von vierzig Seiten mit 'Informationen zu Land und Menschen' stammt aus ihrer Feder. Durchgängig darin die von Butler bekannte Behauptung, 'die Palästinenser*innen' leisteten 'Widerstand' auch dann, wenn sie israelische Zivilisten  -  'so zum Beispiel in der Ersten Intifada'  -  niedermetzelten."
Stichwörter: Butler, Judith, Hamas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2024 - Religion

Bevor der Fastenmonat Ramadan zum muslimischen Volksfest wurde, diente er als militärische Übung, klärt Hamed Abdel-Samad in der NZZ mit Blick auf den Koran auf: "Muslime sollten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Nahrung, Flüssigkeit und Geschlechtsverkehr verzichten. In einer Region, in der es im Sommer bis zu 50 Grad im Schatten werden kann, war dieses Fasten eine Art militärisches Überlebenstraining und eine Maßnahme der Selbstbeherrschung. In der gleichen Koransure (Sure 2) gibt es zwei Verse, die den Muslimen ihre religiösen Pflichten erklären. Im ersten Vers heißt es: 'Vorgeschrieben ist euch das Fasten.' Einige Verse später heißt es: 'Vorgeschrieben ist euch, zu kämpfen, auch wenn es euch widerstrebt.' Die Soldaten, die widerwillig in den Kampf zogen, sollten so abgehärtet werden, und Mohammed konnte sie besser steuern, indem er alles kontrollierte, was sie aßen, wann sie aßen, wann sie schliefen und aufwachten und was sie in ihren Schlafgemächern taten." Heute stehen Muslime vor allem unter Rechtfertigungsdruck, etwa weil Kinder im Unterricht mitunter dehydriert oder unterzuckert umkippen, so Abdel-Samed weiter: "Eine islamische Kultur, in der die Religion, ihre Symbole und Rituale wichtiger sind als das Wohl der Kinder, fördert nicht die Integration."
Stichwörter: Abdel-Samad, Hamed, Ramadan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2024 - Religion

Der Papst hat der Ukraine neulich vorgeschlagen, die weiße Fahne zu hissen und zu kapitulieren. Matthias Rüb beschreibt im Leitartikel der FAZ Franziskus' auch unter Diplomaten in der Kirche gefürchtetes Wüten im Porzellanladen: "Der Papst schlägt die Einladungen der politischen Führung und der Katholiken in der Ukraine hartnäckig aus, weil er nur dann nach Kiew reisen will, wenn er unmittelbar danach auch in Moskau empfangen wird. Dort wollen ihn aber weder Putin noch der orthodoxe Patriarch Kyrill treffen. Dem Papst sind die durch eine 'einseitige' Reise nach Kiew verletzten Gefühle der Täter offenbar mindestens so wichtig wie die Gefühle der Opfer, die ihn um ein Zeichen der sichtbaren Solidarität anflehen."

In der FAZ verteidgt Saba-Nur Cheema die Ramadan-Beleuchtung in deutschen Städten. Dabei attackiert sie auch Hamed Abdel-Samad, der die Lichterketten kritisierte (unser Resümee): "Wie in jeder Islam-Debatte fehlt auch jetzt der muslimische Kronzeuge nicht. In der NZZ stellt Hamed Abdel-Samad die These auf, das Sichtbarmachen des Islams im öffentlichen Raum würde zu einer Stärkung der Islamisten führen. Warum sollen Islamisten davon profitieren? Das ist genauso wahr wie der Gedanke, dass die Weihnachtsbeleuchtung christlich-fundamentalistische Evangelikale stärke." Cheema berät als Politologin das Innenministerium zu Muslimfeindlichkeit, ihren Bericht zu Muslimfeindlichkeit in Deutschland musste das Bundesinnenministerium neulich zurückziehen (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2024 - Religion

Ziemlich skeptisch registriert Hamed Abdel-Samad in der NZZ die Ramadan-Beleuchtung in manchen deutschen Großstädten. "Andersgläubige mögen sich fragen, ob sie einen Fehler machen, weil sie friedlich sind, keine Ansprüche erheben, keine Weihnachtsmärkte angreifen und sich nicht laut genug über Rassismus beschweren. In Deutschland leben Menschen aus mehr als 150 Nationen. Würde jeder von ihnen die öffentliche, staatlich finanzierte Zurschaustellung seiner religiösen oder nationalen Symbole als Voraussetzung für seine Integration fordern, dann könnte der Staat keine anderen Aufgaben mehr erfüllen, weil er ständig damit beschäftigt wäre, die Seelen der Migranten zu massieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2024 - Religion

Der Rapper Ghali hatte auf dem Popfestival von Sanremo den "Völkermord" in Gaza beklagt, Roberto Sergio, Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RAI, hatte daraufhin seine Solidarität mit Israel erklärt, erhielt Todesdrohungen und steht nun unter Polizeischutz, berichtet Matthias Rüb, der in der FAZ nicht nur auf die Verwerfungen in Italien, sondern auch auf das Verhältnis des Vatikans zu Israel blickt. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hatte "das Vorgehen der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen als unverhältnismäßig kritisiert und angesichts von 30.000 Toten sein 'Entsetzen über dieses Gemetzel' geäußert hat. Es gebe 'eine allgemeine Einschätzung, dass es so nicht weitergehen kann und dass andere Wege gefunden werden müssen', sagte Parolin, der seine scharfe Kritik am Vorgehen Israels im Gazastreifen gewiss nicht ohne die Zustimmung von Papst Franziskus geäußert hätte. (…) Papst Franziskus hat sich in den rund elf Jahren seines Pontifikats deutlich mehr um den Dialog mit dem Islam bemüht als um eine weitere Annäherung an das jüdische 'Brudervolk', und dieser Umstand widerspiegelt sich in der Haltung zum Konflikt zwischen dem jüdischen Staat und den muslimischen Palästinensern."

Ruhrbaron Thomas Wessel kommt indes auf den Weltgebetstag der Frauen (WGT) zurück (Unser Resümee), eine internationale Frauen-NGO, die den Terror gegen Juden gern beschweigt. Nach dem 7. Oktober hat zumindest das deutsche Komitee seine Liturgie angepasst, allerdings mit "fatalem" Ende, so Wessel: "'Wir beten für Jüdinnen und Juden, die sich hier in Deutschland nicht sicher fühlen …' Die Fürbitte am Ende des Gottesdienstes ist neu, umso beschämender, dass sich im epischen Vorwort  -  das sich selber in einen liturgischen Rang aufschwingt  -  kein einziges Wort findet, das Mitgefühl ausdrücken würde für die, die Hamas in Israel hingeschlachtet hat und zu Tausenden verletzt. Die 'Terrorakte' werden eingangs 'unfassbar und grausam' genannt und 'scharf verurteilt', nirgends aber ein Moment der Erschütterung, kein Gedanke an Angehörige, keine Bitte für die, die in Angst vergehen um ihre Liebsten, von Hamas als Geisel genommen. Ebensowenig ein mitfühlendes Wort für palästinensische Familien, die Hamas in die Schusslinie zwingt, dazu verurteilt, todesgeilen 'Märtyrern' als Schutzschild zu dienen. Stattdessen liest man beim WGT von 'jüngsten Ereignissen', die vor 'besondere Herausforderungen' stellten, ein 'Bedeutungsrahmen' habe sich 'verschoben', das Beten müsse 'kontextualisiert' werden, es benötige 'Einordnung' … Derart kalt ist dieses liturgische Vorwort, dass es die 'Sehnsucht' blamiert, die es beschwört. Reine Selbst-Rechtfertigung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2024 - Religion

Der Schriftsteller Navid Kermani ist nach Äthiopien gereist und denkt in der Zeit über das orthodoxe Christentum nach, das dort so viele Menschen anspricht: "Man kann sich erheben über eine Frömmigkeit, die nur aus Praxis zu bestehen scheint, und sollte sich gleichwohl fragen, warum die Menschen in Äthiopien in die Kirchen strömen, jeden Tag, egal wie beschwerlich der Weg ist - während das Christentum in Westeuropa Sonntag für Sonntag an Bindungskraft verliert. Und blickt man in das junge Gesicht des 85-jährigen Aba Tisfa, lässt man sich umfangen von der Schönheit in den Kirchen, der Schönheit der Natur und der Schönheit des Menschenwerks und sieht, spürt und hört man die Inbrunst, mit der Menschen ihrem Glauben nachgehen, ohne dass sie den Fremden scheel ansehen, kommt einem unsere moderne, aufgeklärte Gläubigkeit ganz schön alt vor - egal in welcher Religion."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2024 - Religion

Neueste Untersuchungen zuigen, dass es in der Evangelischen Kirche Deutschlands, die übrigens nur zögerlich kooperierte, auch nicht so viel weniger sexuellen Missbrauch gegeben hat als in der katholischen. Für den in der FAZ schreibenden Religionssoziologen Detlef Pollack durchaus ein überraschendes Ergebnis, "denn die Strukturen der beiden Kirchen sind grundverschieden. Die evangelische Kirche ist demokratisch verfasst. Fast alle Leitungsämter, von der Bischöfin bis zum Präses der Synoden, werden demokratisch gewählt, die Hierarchien sind flach, weithin herrscht ein kollegiales Verhältnis zwischen den Hauptamtlichen vor, man versteht sich als Gemeinschaft, seit 1972 haben Frauen Zugang zu allen geistlichen Ämtern. Das ist bekanntlich in der katholischen Kirche mit ihrer männlich dominierten klerikalen Machthierarchie anders. Die gängige Behauptung, der Missbrauch sei ein Ausdruck der klerikalen Machthierarchie in der katholischen Kirche, muss also überdacht werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2024 - Religion

Die Gemeinschaft zwischen der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau und der Christlich-Orthodoxen in Konstantinopel, die in der Hierarchie über Moskau steht, erklärte Moskau für aufgehoben, nachdem Konstantinopel der ukrainischen Kirche Eigenständigkeit gewährte, schreibt der Historiker Ekkehard Kraft in der NZZ. Zum härtesten Mittel, der Exkommunikation, wollen aber beide Kirchen nicht greifen. "Die nicht involvierten anderen orthodoxen Kirchen haben bisher jeden Positionsbezug in dem Konflikt vermieden. Selbst jene, die Moskau nahestehen, wie das Patriarchat von Antiochia (mit Sitz in Damaskus) und die serbische Kirche, (...). Deutlich geworden ist aber in jedem Fall, dass sich zwei Modelle für die orthodoxe Kirche gegenüberstehen: Moskaus antiwestlicher, rückwärtsgewandter Traditionalismus mit seiner Vorliebe für ein autoritäres System in engem Schulterschluss mit der Staatsmacht. Auf der anderen Seite das Ökumenische Patriarchat, fernab jeder politischen Macht, das der modernen westlichen Welt und der liberalen Demokratie nicht feindselig gegenübersteht und sich den wichtigen Fragen der Zeit nicht verschließt."