9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

631 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 64

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2021 - Religion

Wenn die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erlaubt, dass die Moscheen zum Freitag den Muezzinruf erschallen lassen, dann ist das nicht 'ein Zeichen des Respekts' vor 'berechtigten religiösen Interessen' der Muslime, wie Reker selbst sagt, sondern ein Einknicken vor dem politischen Islam, schreibt Necla Kelek bei cicero.de: "Wenn heute jemand auf der Straße, einem Bahnhof oder vor einem Fußballstadion 'Allahu Akbar' ruft, zucken die Menschen zusammen, fühlen sich bedroht und fürchten Bombenterror oder eine Messerattacke. Somit scheint der Gebetsruf durch extremistische Muslime selbst diskreditiert und auch zum symbolischen Ruf des Terrors geworden zu sein. Die muslimischen Verbände unternehmen nichts gegen diesen Missbrauch, so wie sie nichts gegen 'Extremisten/Terroristen' aus den eigenen Reihen tun, oder Stillschweigen darüber herrscht… Die Gelehrten sind aufgerufen, friedliche Mittel der Darstellung ihrer Religion in einer lebendigen, offenen Gesellschaft zu finden. Sie sind herausgefordert, ihre Moscheen und Gemeinden von innen her zu reformieren. Wir sollten sie dabei bestärken, und nicht, wie gerade in Köln geschehen, ihre Politik bestätigen."

Richtig zur Geltung kommt der Ruf des Muezzins doch vor allem von den Minaretten der großen Ditib-Moschee in Köln-Ehrenfeld, schreibt die SPD-Politikerin Lale Akgün auf Facebook: "Und damit sind wir mitten im politischen Minenfeld. Die Ditib-Moschee ist inzwischen ein Symbol für den politischen Islam, eine politische Institution mit  Gebetsmöglichkeiten. Um das nicht zu erkennen, muss man politisch blind und taub sein. Man denke nur mal kurz an die Eröffnung der Moschee 2018, bei der Erdogan das große Wort führte und zu der nicht einmal der ehemalige OB Fritz Schramm eingeladen war, der sich über Jahre für den Bau dieser Moschee eingesetzt hatte. Die Erlaubnis für den Muezzinruf von der Ehrenfelder Moschee ist  also ein Knicks vor dem politischen Treiben Erdogans, auch in Deutschland."

Wenn Kirchenglocken hierzulande läuten dürfen, dann müssen auch Muezzinrufe erschallen dürfen, meint dagegen Malte Lehming im Tagesspiegel: "Auch der Verweis auf die religiöse Prägung einer Gesellschaft, ihre Tradition und Akzeptanz von Vielfalt kann Freiheitsrechte nicht außer Kraft setzen. Der Gebetsruf mag auf Nicht-Muslime zunächst fremd wirken, auf einige gar bedrohlich, und er kündet von einer Realität, vor der manche am liebsten die Ohren verschließen. Er eckt an und verstört. So ist das nun mal. Kein Grund zur Panik."
Stichwörter: Muezzinruf, Gebetsruf, Köln, Ditib

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2021 - Religion

Michaela Wiegel porträtiert in der FAS Jean-Marc Sauvé, einst Präsident des höchsten Verwaltungsgerichts in Frankreich, dem Conseil d'État, der die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche des Landes leitete. Die im Abschlussbericht benannten Verbrechen sind so bestürzend wie in anderen Ländern: "Er habe sich nicht vorstellen können, wie groß das Ausmaß sexueller Übergriffe war und wie schwer die Leiden der Opfer. Die 'Minimalschätzung' belaufe sich auf 2.900 bis 3.200 Priester, Diakone oder Mönche, die sich sexuell an Minderjährigen vergingen. Opfer waren zu 80 Prozent Jungen. Die Zahl der Betroffenen pro Täter wird auf 64 bis 67 geschätzt. In den seltensten Fällen gab es Konsequenzen. Weitet man den Täterkreis auf Mitarbeiter kirchlicher Aktivitäten bei Ferien- und Freizeitlagern oder im Katechismus aus, steigt die Opferzahl auf 330.000 Kinder und Jugendliche. In fast einem Drittel der Fälle handelte es sich um Vergewaltigungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2021 - Religion

Murat Kayman hat für sein Blog den "Tag der offenen Moschee", in der großen Kölner Ditib-Moschee besucht. Er feierte am 3.Oktober immerhin 25. Jubiläum. Aber es herrschte nicht nur "kein Festtagswetter. Auch beim Bodenpersonal Gottes kaum heitere Mienen - der Vorsitzende des Ditib Bundesverbandes, Kazim Türkmen, empfängt die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker auf dem Vorplatz vor dem Moscheeeingang. Sie ist neben dem Bezirksbürgermeister offenbar der einzige nicht muslimische Gast. Der größte Zusammenschluss der größten muslimischen Dachverbände feiert das 25-jährige Jubiläum seines TOM - und kaum jemand will mitfeiern. Kein Staatssekretär des BMI, niemand, der für die Deutsche Islam Konferenz zuständig ist, kein Bundespolitiker, kein religionspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktionen, kein Integrationsminister des Landes NRW, niemand aus der Landespolitik in NRW, kein Vertreter der Kirchen oder anderer Religionsgemeinschaften."

Inge Hüsgen hat sich für hpd.de den Bericht "Independent Inquiry into Child Sexual Abuse" (IICSA) angeschaut, der sexuelle Gewalt gegen Kinder in den meisten großen Religionsgemeinschaften Großbritanniens dokumentiert. Neben anglikanischer und katholischer Kirche sind auch jüdische, muslimische, hinduistische und andere Gemeinden betroffen: "So unterschiedlich sich die Einzelfälle darstellen - Schülerinnen in der Koranschule sind ebenso betroffen wie Jugendliche, die ein christliches Sommercamp besuchen -, so sehr gleichen sich die Strategien der Täterinnen und Täter. Sie verharmlosen die Übergriffe, bringen die Zeugen mit Geschenken, Drohungen und emotionaler Erpressung zum Schweigen. In einigen Fällen berufen sie sich ausdrücklich auf moralische Konzepte der Glaubensgruppe - statt die Tat publik zu machen, solle das Opfer dem Täter doch vergeben, heißt es da. Kommt es doch zu polizeilichen Ermittlungen, werden die Beschuldigten nicht selten von ihrer Gemeinde gedeckt."

Von einem "Erdbeben für Frankreichs Katholikinnen und Katholiken" berichtet derweil Christine Longin in der taz: Eine 2018 eingesetzte Kommission hat ihren Bericht zum Ausmaß sexuellen Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche veröffentlicht: "216.000 Kinder wurden den Schätzungen unabhängiger Experten zufolge in den vergangenen 70 Jahren Opfer von Missbrauch durch Priester und Ordensleute. Auf 330.000 Opfer steigt die Zahl, wenn Laien, beispielsweise in Schulen oder Ferienlagern, als Täter mit eingerechnet werden."
Anzeige

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2021 - Religion

In der nächsten Zeit nimmt Raoul Löbbe die katholischen Kirche aufs Korn, die Schmerzensgeld für Missbrauchsopfer nur in einem höchst intransparenten Verfahren bewilligt.. Der Text wurde vorab online gestellt. Bis zu  50.000 Euro sollen laut der Vollversammlung der katholischen Bischöfe in Fulda gezahlt werden. Inzwischen hat der Betroffenenbeirat gegen das abartigerweise "Ordnung für das Verfahren zur Anerkennung des Leids" bezeichnete Verfahren protestiert, so Löbbe. "Begründungen sind nicht vorgesehen und werden deshalb den Betroffenen auch nicht gegeben. Zudem fehle 'dem gesamten Verfahren', wie der Betroffenenbeirat Bischof Bätzing am 19. August schreibt, 'eine Widerspruchsmöglichkeit'. So werde der Eindruck erweckt, die Entscheidungen der Unabhängigen Kommission für die Anerkennungsleistungen seien 'gottgegeben' und 'unfehlbar'. Die Folge: 'Durch die Bescheide der UKA wurde bereits eine erhebliche Zahl von Retraumatisierungen mit den entsprechenden Folgen bis hin zu stationären Unterbringungen in psychiatrischen Kliniken verursacht.' Wenn stimmt, was der Betroffenenbeirat schreibt, wer ist dafür verantwortlich?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2021 - Religion

Oliver Rautenberg liest für sein Anthroposophie.blog eine Fibel des Anthroposophen Alfredo Agostini mit hübschen, aber schwer verständlichen Tafeln gegen die Corona-Impfung: "Für die Landesarbeitsgemeinschaft Freier Waldorfschulen in Niedersachsen und Bremen unterrichtet Herr Agostini angehende Lehrkräfte in Hellseherei und Aura-Lesen. In der Tradition des Anthroposophie-Gründers Steiner, der hunderte schwer verständlicher Tafelzeichnungen hinterließ, zeichnet und malt der Aura-Experte seine Eingebungen von den Auswirkungen der Corona-Impfung. Wenig überraschend muss nach okkulter Deutung das schlimmste, das überhaupt vorstellbar ist, auch geschehen: Die Reinkarnation wird verhindert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2021 - Religion

Maxim Biller hat neulich in Frage gestellt, dass Max Czollek jüdisch sei. In diesem schmerzhaften Streit (unsere Resümees) hat die Jüdische Allgemeine einige Juden um Antwort auf die Frage "Wer ist jüdisch?" gebeten. Der Rabbiner Arie Folger ist kategorisch: "Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren oder ordentlich zum Judentum übergetreten ist. Dass das Religionsgesetz bezüglich der Matrilinearität erst in der Mischna auftaucht, ist schlicht die Behauptung jener, die generell nicht bereit sind, eine Kontinuität zwischen der Halacha und dem 'biblischen Judentum' zu sehen. Im Tanach gibt es verschiedene Stellen, die auf die Matrilinearität der jüdischen Zugehörigkeit hinweisen. Dieses Gesetz wird sich nicht ändern."

Die Journalistin Esther Schapira beschreibt, was dies für die "patrilinearen" Juden bedeutet: "Zu jüdisch für die Nazis, nicht jüdisch genug für die Juden. Das eine habe ich begriffen, als ich als Kind in einer Ausstellung auf die Rassentafel der Nürnberger Gesetze schaute, das andere, als ich nicht mitfahren durfte in die Ferienfreizeit der ZWST. Mein Vater hat die Schoa überlebt und mir den koscheren Namen gegeben und damit zwangsläufig den Auftrag, mich mit meiner jüdischen Geschichte auseinanderzusetzen. Das tue ich zeitlebens, aber mein Platz bleibt zwischen den Stühlen. Bequem ist es dort nicht. Und es tut oft weh. Für meine Gegner bin ich Jüdin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2021 - Religion

Anthroposophie ist auch in Brasilien verbreitet. So spielt die anthroposophische Ärztin Nise Yamaguchi laut Oliver Rautenberg im Anthroposophie.blog eine wichtige Rolle als Gesundheitsberaterin im Schattenkabinett von Jair Bolsonaro, der nach Donald Trumps Abgang der einflussreichste Coronaskeptiker im Amt ist. "In einem Interview im brasilianischen Staatsfernsehen gab Yamaguchi Ratschläge zur Pandemie-Bekämpfung aus einer anthroposophischen, kosmologisch geprägten Sichtweise heraus: Es sei wichtig, eine 'Atmosphäre des Optimismus und des Wachstums' zu schaffen, denn: 'Das Mittel liegt in sich selbst!' Um Corona zu vermeiden sollte man 'sich der Sonne aussetzen, beten, sich mit dem Universum, der Natur und den Sternen verbinden.'" Diese Ratschläge klingen, als seien sie in den Thinktanks anthroposischer Mediziner in Deutschland und der Schweiz erdacht worden, so Rautenberg: "Deren These: Die Lunge würde durch eine mangelnde 'Beziehung zur Sonne' geschwächt, sagt Dr. Georg Soldner, stellvertretender Leiter der 'medizinischen' Sektion am Schweizer Anthroposophie-Hauptquartier Goetheanum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2021 - Religion

Dass mit dem Abgang Angela Merkels eine fulminante Rekatholisierung der CDU eintritt, wird in den Medien kaum reflektiert. Bernd Müllender widmet sich in einem ausführlichen taz-Porträt ("Laschet uns beten") auch dem Aachener Milieu, dem Armin Laschet entstammt und das von Berlin aus  so exotisch wirkt. Er heiratete opportun, nämlich Susanne, die Tochter des Chorleiters Kurt Malangré. Malangré war später Oberbürgermeister der Stadt Aachen und die deutsche Nummer 1 im Opus Dei: "Heute stammt Armin Laschets junger Büroleiter und Einflüsterer Nathanael Liminski, 35, aus einer hochengagierten Opus-Dei-Familie; der kürzlich verstorbene Vater Jürgen schrieb für die rechtsradikale Junge Freiheit. Radikalkatholik Liminski würde im Fall der Fälle einer Kanzlerschaft wahrscheinlich Laschets Kanzleramtsminister. Für das elitäre Opus, dessen erklärtes Ziel es ist, die Zivilgesellschaft militant-katholisch zu unterwandern, wäre das ein Coup. Zu Jugendzeiten spielte Armin Laschet mit dem Gedanken, Priester zu werden. Einen sakralen Habitus hat er behalten. 'Die Existenz Gottes kann ich nicht beweisen', sagte er 2008 im log-in-Interview und maßt sich das Wissen an: 'Aber sie ist natürlich wahr.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2021 - Religion

Klaus Ungerer zitiert in einer Kolumne für hpd.de einen Tweet des evangelikalen Predigers Owen Strachan: "Es gibt keine einzige Änderung, mit der sich die Heilige Schrift verbessern ließe. Auch nur ein biblisches Komma zu ändern, würde sie drastisch entwerten. Man kann das Wort Gottes nicht verbessern. Man würde nur das Perfekte ruinieren." Und dann auch ein paar Antworten, zum Beispiel diese: "Man könnte die Stelle verbessern, in der es heißt, Insekten haben vier Füße." (@Chinchillazllla)

Dennoch: Gott existiert:
Stichwörter: Fundamentalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2021 - Religion

In vielen islamischen Staaten ist es Frauen zwar faktisch oder real verboten, ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit herumzulaufen, laut Jan Assmann wurde das Kopftuch aber erst durch Verbote in säkularen Gesellschaften zum religiösen Symbol. Im Gespräch mit Dominik Erhard von philomag.de sagt er: "Nur das Verbot gibt ihm einen status confessionis. Das Verhüllen des Kopfs bei Frauen ist eine antike Sitte, seit alters bezeugt in Mesopotamien, Griechenland und Rom, und hat mit Religion nichts zu tun, sondern eher mit gesellschaftlichem Status, Würde und Zurückhaltung. Zum religiösen Symbol scheint das Kopftuch erst geworden zu sein, nachdem es im Zuge radikaler Modernisierungsbestrebungen in der Türkei und im Iran zeitweise verboten wurde."