9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar, 2018

Verdacht von Doppelstrukturen

16.01.2018. Donald Trump will von Politik nichts wissen, er will Politik zerstören, meint der amerikanische Osteuropahistoriker Timothy Snyder im Interview mit der SZ. Die Iraner protestieren gegen ein System, in dem die Mullahs inzwischen reicher sind als einst der Schah, erklären die Politologen Ali Fathollah-Nejad und Arash Sarkohi in der NZZ. Bald wird das Humboldt-Forum eröffnet. Noch ist aber die Frage zu klären, wer welche Kompetenzen bekommt, berichtet der Tagesspiegel. In La Règle du Jeu erklärt Bernard-Henri Lévy, was am linken Antisemitismus so gut funktioniert.

Manie des permanenten Unter-Verdacht-Setzens

15.01.2018. Catherine Deneuve erklärt in Libération noch einmal, warum sie das #MeToo-kritische französische Papier unterzeichnet hat. Was man in Hollywood anprangert, wird in der Pornoindustrie als Mentalität gefeiert, schreibt Friederike Haupt in der FAS, wo sich auch Catherine Millet und Regina Ziegler äußern. Spiegel online erzählt, wie sich die polnische Opposition selbst zerlegt. Die von der EU für die geplanten Uploadfilter könnten zu einer Vorzensur im Netz führen, fürchtet ZeitOnline. Wen genau repräsentiert eigentlich Lamya Kaddors Liberal-Islamischer Bund, fragen die Salonkolumnisten.

Ergrimmt in die Pedale stampfende Autochthone

13.01.2018. Auf ZeitOnline fragt die Autorin Nino Haratischwili, von welcher Freiheit Hollywood-Diven mit ihren gespritzten Gesichtern und verhungerten Körpern eigentlich sprechen. Die NZZ will bei #MeToo erst wieder mitmachen, wenn zwischen Pranger und Diskussion unterschieden wird. Dass Facebook den Journalismus zurückstutzen will, wertet das NiemanLab als gute Nachricht für die traditionellen Medien, als fatal für digitale. Und der SZ graut es vor ergrimmten Strampelnazis in Europas Hauptstädten.

Was die richtige Freiheit ist

12.01.2018. Der von Catherine Deneuve unterzeichnete Aufruf mit Kritik an #MeToo sorgt weiter für erregte Debatten. Es gab immer schon Antifeministinnen, meint Christine Bard in Le Monde. Ist die "séduction à la française" in Gefahr, fragt Libération. In der FAZ fordert Bénédicte Savoy mit Emmanuel Macron eine Restitution afrikanischer Kunstschätze. In der SZ erzählt Evolutionsbiologe Jared Diamond, wie Donald Trump aus religiösen Rücksichten Fakten aus Regierungspapieren streichen lässt.

Die wollen deine Seele

11.01.2018. Der französische Aufruf gegen einen puritanischen Overkill in der #MeToo-Debatte  sorgt für erregte Debatten - zuallererst in Frankreich selbst, wo die Staatssekretärin für Gleichstellung, Marlène Schiappa, heftig widerspricht. Die NZZ erläutert, dass es sich gerade in Frankreich um einen Streit zwischen Frauen und Frauen handelt. Die taz bringt ein Pro und Contra. In der FAZ haut Jürgen Kaube auf den Tisch: Gemeint sind die "Rechten", die auf die "Linken" und die "Linken", die auf die "Rechten" schimpfen, sich aber allenfalls in der Kostümierung unterscheiden.

Kinder mit erwachsenen Gesichtern

10.01.2018. Erregt debattieren die Medien der Welt einen offenen Brief französischer Schauspielerinnen, inklusive Catherine Deneuves, die mit Blick auf die #MeToo-Debatte vor Puritanismus warnen: "Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber nervende oder ungeschickte Anmache ist so wenig ein Vergehen wie Galanterie eine machistische Aggression." Die taz diskutiert über die Frage, ob der Besuch einer KZ-Gedenkstätte für Schüler verpflichtend sein soll. Im Tagesspiegel attackiert die iranische Künstlerin Parastou Forouhar den Westen für seine Nachsicht gegenüber den "Reformern" im Iran.

Verblüffend freiheitsfeindlich

09.01.2018. Die "Future Zone" des ORF erklärt, wie die Internetzensur im Iran funktioniert. Nicht nur das NetzDG entsetzt, sondern auch die Tendenz der Sozialdemokratie zur Zensur, schreibt der FAZ-Redakteur Hendrik Wieduwilt  in einem Blogbeitrag. In der NZZ  beleuchtet der Philosoph Damiano Cantone die Dialektik des Antispeziesismus. Und der Germanist Jeremy Adler, fragt sich in der SZ, ob Theresa Mays Regierung das Gewissen gegen das Volk getauscht hat. 

Ich als weibliche Person

08.01.2018. "Die einen riskieren ihr Leben, wenn sie den Fundamentalismus benennen, die anderen gar nichts, wenn sie auf die Laizisten spucken", sagt Caroline Fourest in Libération zum dritten Jahrestag des Anschlags auf Charlie Hebdo. Gnadenlos liest sich Masha Gessens New Yorker-Besprechung von Michael Wolffs Buch "Fire and Fury". In der FAS rät Shirin Ebadi den Iranern zu zivilem Ungehorsam und hofft, dass "der Aufstand kommt". In der FAZ verteidigt der Rechtsprofessor Hans Michael Heinig das deutsche Verhältnis des Staats mit den Kirchen.Im Grunde ist aber sowieso alles gelaufen, weil wir nun von den Digitalisten unterworfen werden, so SZ und NZZ.

Unser Recht auf Protest

06.01.2018. In der Wikitribune erklärt Edward Snowden, warum man gegen Überwachung von Firmen und dem Staat gleichzeitig kämpfen muss. Bei main-spitze.de kritisiert Necla Kelek die Anbiederung der Kirchen an Islamverbände.  Im Interview mit der Welt erklärt der amerikanische Schriftsteller und Journalist Thomas Chatterton Williams, warum er die Identitätspolitik der Linken für absolut kontraproduktiv hält. Und die taz kritisiert den rechten Identitätspolitiker Alexander Dobrindt, der eine "konservative Revolution" fordert.

Wir täten die anderen schon mögen

05.01.2018. In Zeit und NZZ schildert die Soziologin Mareike Ohlberg die Folgen des chinesischen Sozialpunkte-Systems - auch für ausländische Firmen. In der taz fordert die Frauenärztin Sabine Riese die Abschaffung des Paragrafen 219a, der eine Information über Abtreibung zur Straftat erklärt.  #MeToo ist nun in Germany angekommen, aber die Regisseurin Barbara Rohm will sich in der taz aber nicht an Einzelfällen aufhalten.  Und das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ist schon durchgefallen, bevor man seinen Namen zu Ende aussprechen konnte.

Wie ein Ei zerschlagen

04.01.2018. Ein neues Buch des Journalisten Michael Wolff sprengt die Allianzen in Washington: Stephen Bannon bezeichnet darin die Russland-Kontakte des Sohns von Donald Trump als "Verrat". Der Guardian und alle anderen Medien berichten. Bülent Mümay berichtet in der FAZ über sexuellen Missbrauch in religiösen Stiftungen in der Türkei - und darüber, wie diese Meldungen unterdrückt werden. Die FAZ zieht die Zahlen des Kriminologen Christian Pfeiffer über Flüchtlingskriminalität in Zweifel.

Ziemlich lange Messer

03.01.2018. Eine Verharmlosung der Kriminalität einiger jugendlicher Flüchtlinge, arbeitet nur den Rechtspopulisten in die Hände, warnt Boris Palmer in einem Facebook-Post. In der NZZ problematisiert Wolfgang Ullrich den Begriff der "Werte". Die Mittelschicht wählt AfD, weil sie keine Frauen und Migranten mehr ausbeuten darf, fürchtet der Soziologe Stephan Lessenich in der SZ. Freut euch, die soziale Ungleichheit schrumpft, behauptet der Wirtschaftsforscher Clemens Fuest auf Zeit online. Die Proteste im Iran zeigen, dass die Entspannungspolitik gegenüber den Mullahs gescheitert ist, meint die Welt.  Und Charlie Hebdo begeht den dritten Jahrestags des Massakers in der Redaktion.

Konkretes Gefühl für das Langstrecken-Frisbee

02.01.2018. Die Proteste im Iran werden nicht zu einem Regimewechsel führen, meint Bahman Nirumand in der taz. Allerdings ist die Situation durch das Smartphone ganz anders als im Jahr 2009, meint der Atlantic. 300 einflussreiche Frauen aus Hollywood gründen eine Initiative gegen sexuelle Gewalt in der Filmindustrie, berichtet die New York Times. Die Türkei sendet Entspannungszeichen im Fall Deniz Yücel, meldet die taz. Und der Guardian fragt: Kann es sein, dass der Säkularismus die Ungleichheit der Geschlechter fördert, wie es die Genderforscherin Joan Wallach Scott behauptet?