9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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999 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 100

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Ideen

In Frankreich ist die Freimaurerei recht einflussreich. Zugleich gründet sich der "Grand Orient de France " auf Werte der Aufklärung, insistiert dessen Vorsitzender Jean-Philippe Hubsch im Gespräch mit Mara Delius von der Welt. Den Devisen der Republik fügt er noch Laizimus und Solidarität hinzu. Und mit den Frauen geht's angeblich auch voran: "In unseren Logen gibt es Menschen verschiedenster Herkunft, aller Religionen, jeder Hautfarbe. In Deutschland hat man vielleicht die Vorstellung von einer elitären Freimaurerei, weil man dort vor allem die reguläre Freimaurerei findet, von Männern geprägt und wenig durchmischt. In Frankreich hingegen ist die Freimaurerei außerhalb des Grand Orient de France schon seit mehreren Jahren gemischt. Wir haben eine sehr wichtige weibliche Freimaurerei mit der Grande Loge Féminine de France."
Stichwörter: Freimaurerei

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2019 - Ideen

Der Sinologe Adrian Zenz sucht in der FAZ nach intellektuellen Vordenkern der ethnischen Säuberungspolitik in Xinjiang und findet etwa den Soziologen Ma Rong, der Minderheitenrepubliken ablehnt, weil er fürchtet, dass sie ein zu starkes Eigenleben entwickeln: "Statt eigener Identität, Sonderrechten, autonomer Regionen und eines separaten Bildungssystems sollten sich die Minderheiten vollständig in die Mehrheit der Han-Chinesen integrieren. Ma Rongs Vorbild waren hier sowohl der amerikanische melting pot als auch sein eigener Lehrer, der berühmte chinesische Anthropologe Fei Xiaotong. Dieser lehrte, dass die Han-Chinesen einen ethnischen 'Nukleus' darstellten, mit dem sich die angrenzenden Minderheiten in einem 'natürlichen' historischen Prozess nach und nach verschmelzen."
Stichwörter: China, Xinjiang, Uiguren

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2019 - Ideen

In der NZZ überlegt der Politikwissenschaftler Heinz Theisen, wie die Polarisierung zwischen links und rechts in den demokratischen Gesellschaften des Westens aufgehoben oder zumindest gemildert werden könnte: "So könnte etwa eine liberale Mitte die Bejahung multikultureller Vielfalt mit der Ablehnung eines Multikulturalismus verbinden, der die Unterschiede verstärkt und den Zusammenhalt der Gesellschaft und die Freiheit des Einzelnen gefährdet. ... Individualismus ließe sich durch mehr Konnektivität kompensieren. Die antiimperialistische 'linke' Selbstbegrenzung nach außen ermöglicht mehr 'rechte' Selbstbehauptung nach innen. Der globale Wettbewerb erfordert lokale Schonräume - nicht zuletzt zur Vorbereitung künftiger Wettbewerbsfähigkeit. Der Widerspruch von Schutz und Offenheit löst sich in zeitlicher Reihenfolge auf. Freihandel und soziale Solidarität nach innen können mithilfe des Prinzips Gegenseitigkeit versöhnt werden."
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Stichwörter: Theisen, Heinz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2019 - Ideen

Nur weil Donald Trump gerade die WTO zerstört, heißt das noch lange nicht, dass er und linke Globalisierungsgegner etwas gemeinsam hätten, beschwört der kanadische Historiker Quinn Slobodian in der SZ die Leser in Erinnerung an die Proteste in Seattle 1999. "Die Protestierenden akzeptierten die Globalisierung als Tatsache. Aber sie wollten Institutionen, die den Menschen über den Profit stellen. Im Zusammenhang mit den Seattle-Protesten wird gerne von der Allianz zwischen 'Teamsters and Turtles' gesprochen, eine Umschreibung von Gewerkschaftlern und grünen Gruppierungen. Zwei ihrer zentralen Ziele waren die Einführung von Arbeits- und Umweltrichtlinien in Handelsabkommen. Beide Forderungen wurden und werden routinemäßig von der WTO abgelehnt, da sie unfaire Handelsbarrieren darstellten. Aber bedeutet das, dass eine globale wirtschaftspolitische Steuerung unmöglich ist? Wie soll man einem solchen Ziel nachgehen, wenn nicht durch alternative Formen der internationalen Organisation?"

Der amerikanische Publizist Kevin D. Williamson hat gerade mit "The Smallest Minority" ein Buch über den "Wutpöbel" veröffentlicht. Im Interview mit der NZZ erläutert er seine Thesen: "Der Titel des Buchs stammt aus einem Essay von Ayn Rand. Sie sagt, dass politische Rechte und Interessen von Minoritäten unmöglich ernsthaft respektiert werden können, ohne zuerst das Individuum - die kleinste Minderheit - zu respektieren. Dabei sind Gruppenmitgliedschaft und Individuen keine rivalisierenden Zustände. Gruppenzugehörigkeit aber wird immer grundlegender für Identität, auf beiden Seiten des politischen Zauns. Zudem gibt es eine wachsende Abneigung, Mitglieder oder Ideen der eigenen Partei öffentlich zu kritisieren - meist mit dem Argument, dass wir in einer schlimmen Notlage steckten, die bis zu ihrer Überwindung absolute Loyalität erfordere. Selbstverständlich kann die Krise nicht verschwinden, denn sie ist nicht real."

Die Welt hat Auszüge aus einer Rede übersetzt, in der der Schauspieler Sacha Baron Cohen vor knapp zwei Wochen auf der Jahrestagung der amerikanischen Anti-Defamation-League die Schuld am grassierenden Antisemitismus und Hass gegen Andersdenkenden "einer Handvoll Internet-Unternehmen" zuschob.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2019 - Ideen

Ein tolles Interview führt in der NZZ Judith Sevinç Basad mit dem Männerforscher Klaus Theweleit. Sie steckt es gut weg, wenn er den ganzen "journalistischen Quatsch" von der toxischen Männlichkeit vom Tisch fegt. Und dann spricht Theweleit doch sehr einschlägig über Dominanz und die europäische Vergewaltigungskultur seit Zeus: "Das kommt überhaupt nicht von der Biologie, sondern das ist gesellschaftlich so entstanden. Männer tragen in unserer Kultur eine 12.000 Jahre alte Gewalt- und Kriegsgeschichte im Körper, die ihnen eine Dominanz verleiht und in unseren Gesellschaften gepflegt und gefördert wird. Seitdem es diese männerdominierten Gesellschaften gibt, gibt es auch den Übergriff auf den weiblichen Körper und einen dauernden Vorschriftenkanon mit Definitionen, wie Weiblichkeit auszusehen hat. Auch alle Buchreligionen haben sich an dieser männlichen Dominanz orientiert. Einer der Hauptzwecke der Bibel und des Koran besteht darin, Lebensregeln für Frauen aufzustellen: wie sie zu gebären und zu heiraten haben, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Religionen sind manngemacht, Gottes Wort ist auch immer das Wort des Mannes. Damit ist der Übergriff von Anfang an gegeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2019 - Ideen

Im Interview mit Michael Hessen spricht die amerikanische Historikerin Jill Lepore in der Berliner Zeitung über den linken und rechten Populismus in Amerika, den Erfolg von Donald Trump und die globalen Kraftfelder: "Es ist schwierig, nur amerikanische Gründe für dessen Wahl anzuführen, wenn es Trump-ähnliche Figuren in ganz Europa gibt. Es sind Kräfte am Werk, die größer sind als die einer Nation, um rechte, populistische und nationalistische Politiker in verschiedenen Teilen der Welt an die Macht zu bringen. Diese Kräfte erwuchsen aus der sozialen Ungleichheit, den Fehlern der ökonomischen Globalisierung, um das Leiden der Menschen anzugehen, die durch den technologischen Wandel zurückgelassen wurden. Und sie beinhalten ein Versagen der Ideen. Es war ein Fehler, in den 80er- und 90er-Jahren eine Globalisierung loszutreten, ohne die Notwendigkeit zu sehen, den Nationalstaat als liberale Körperschaft zu stützen. Es hatte zur Folge, dass die Einzigen, die über einen Nationalstaat redeten, Nationalisten waren. Ich denke, dass dies den Weg für Politiker wie Trump bereitet hat."

Weiteres: Wie schnell der Idealismus von Jugendbewegungen in Fanatismus umschlagen kann, hat das 20. Jahrhundert hinreichend gezeigt, warnt der Philosoph Michael Rüegg in der NZZ in Richtung von Extinction Rebellion, aber auch die Identitäre Bewegung, die er beide in einen Topf wirft: "Sie werben beide auf ihren Websites für einen kompromisslosen, aber gewaltfreien Kampf gegen die vorherrschenden Machtverhältnisse. Sie propagieren den zivilen Ungehorsam und sind bereit, dafür ins Gefängnis zu gehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2019 - Ideen

In der vom Thomas Mann Haus in Los Angeles organisierten und von der SZ abgedruckten Reihe "Voices for Democracy" plädiert die amerikanische Urbanistin Ananya Roy für eine radikale Demokratie, die sich nicht in der Organisation staatlicher Macht erschöpft, sondern auch prekäre Kollektive miteinschließt: "Der demos der radikalen Demokratie ist nicht die Wählerschaft, sind nicht die politischen Parteien, Denkfabriken, Stiftungen oder Universitäten. Der demos der radikalen Demokratie besteht aus Mietervereinen, Schuldnerverbänden, schwarzen Zukunftsbewegungen, Bündnissen für Tagelöhner und Hausangestellte, Organisationen für die Rechte von Immigranten und Asylsuchenden, Koalitionen aus Ausquartierten und Landlosen, Netzwerken des indigenen Widerstands. Demokratie ist keine Garantie. Freiheit ist ein Geschenk. Gerechtigkeit ist keine Erbschaft. Radikale Demokratie muss in jedem historischen Moment, inklusive dem unseren, aufs Neue gefordert und geschaffen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2019 - Ideen

Digitalisierung und World Wide Web sind eigentlich "nichts anderes als ein großangelegtes antiplatonisches Experiment, bildlich gesprochen nichts Geringeres als der erneute revolutionäre Versuch, die Welt 'vom Kopf auf die Füße' zu stellen: Einheit der Phänomene produziert Vielheit der Ideen", verkündet in der NZZ fröhlich der Philosoph Walther Ch. Zimmerli. Für die Philosophie bedeutet das, "mit ihrem traditionellen - platonisierenden - begrifflichen Instrumentarium den Versuch unternehmen zu müssen, dieses zu überwinden. Das aber setzt die Einsicht voraus, dass wir es in unserer digitalisierten Welt in zunehmendem Maße nicht mehr mit naiv anzunehmenden Dingen und Sachverhalten auf der einen und deren begrifflicher Repräsentation auf der anderen Seite zu tun haben. Vielmehr geht es um die Welt realistisch interpretierter digitalisierter Zeichen, die sich, wie uns jeder Strichcode und jede erfolgreiche Rechnersimulation zeigen, semiotisch auf die zweiwertige Logik reduzieren lässt. Damit aber ist die Tür zu einer umfassenden Algorithmisierung weit aufgestoßen, die nun nicht nur alles durchdringt, sondern auch erlaubt, eine anscheinend vollständig neue virtuelle Realität zu erschaffen." Aha.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2019 - Ideen

Der Campus-Verlag zieht das Buch "Die Wiederkehr der Konformität" der Soziologin Cornelia Koppetsch zurück, meldet Jochen Zenthöfer im FAZ.Net. Auch hier seien (nach Vorwürfen gegen das Buch "Die Gesellschaft des Zorns", unsere Resümees) Plagiate gefunden worden: "Von einem Versehen wird man angesichts der Häufigkeit solcher Übernahmen nicht sprechen können. Vielmehr scheint Koppetsch regelmäßig einen Stil der Collage zu praktizieren. Sie mixt eigene neue Gedanken, die zweifellos auch existieren, mit bereits früher publizierten Gedanken und Ideen von Dritten, deren Urheberschaft teilweise genannt, teilweise aber eben auch nicht genannt wird."

Laut einer Studie der ETH Zürich werden bis 2050 achtzig Prozent der 520 größten Städte einen extremen Klimawandel erleben, meldet der Zukunftsforscher Daniel Dettling in der NZZ und träumt von grünen Städten durch Anreize: "Wien ist seit Jahren beim Thema Lebensqualität global führend und gilt bei Wohnen und Mobilität als Vorbild für die Metropolen von morgen. Auf einer App bekommen die Wiener Bürger angezeigt, wie viel CO2 sie durch die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs gespart haben. Ab 2020 startet die Stadt das Projekt 'Kultur-Token': Mit einer App werden die Bürger spielerisch zu klimaschonendem Verhalten animiert. Die Wiener können Punkte sammeln, wenn sie zu Fuß gehen, das Rad oder die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Diese 'Tokens' können sie dann in Kultureinrichtungen der Stadt einlösen."

Weiteres: Ebenfalls in der NZZ versucht die Autorin Cynthia L. Haven Amokläufe, Anschläge, aber auch Konflikte und Nationalismus mit René Girards Mimesis-Theorie zu erklären: Menschen neigen zu Nachahmung, begehren das gleiche, bekämpfen einander und suchen bald einen "Sündenbock": "Irgendwann legt man das ansteckende Übel, welches die Gesellschaft erfasst hat, einem Einzelnen oder einer Gruppe zur Last - in der Regel einem Außenseiter oder einer marginalisierten Gemeinschaft, Menschen also, die sich nicht wehren können oder wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2019 - Ideen

Nachhaltigkeit, schön und gut. Der Klimawandel ist real. Aber bei der Ausrufung eines "Klimanotstands" durch staatliche Autoritäten, wie es einige Schweizer, deutsche und österreichische Gemeinden getan haben, möchte der Wirtschaftsethiker Peter Seele in der NZZ eine rote Linie ziehen, denn hier setzt für ihn ein Konflikt zwischen Nachhaltigkeit und Freiheit ein: "Es ist paradox: Wer Nachhaltigkeit nicht nur behauptet, sondern rigoros umsetzt, begibt sich in einen Konflikt von Grundwerten, in dem aus etwas Gutem womöglich etwas nur gut Gemeintes (mit unguten Folgen) werden kann. Auf diesen Zielkonflikt hinzuweisen, kann nur von außerhalb des Nachhaltigkeitsdiskurses geschehen (oder von einer noch zu gründenden Disziplin 'kritischer Nachhaltigkeitsstudien'). Die Freiheit der Gedanken und ihrer ethischen Reflexion hingegen gilt es prioritär zu schützen, denn diese Freiheit könnte in nicht symbolischen Notstandsregimen morgen vielleicht nicht mehr vorhanden sein, ganz gleich, wie gut gemeint diese einmal gewesen sein können."