9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

712 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 72

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2018 - Ideen

Jonathan Freedland erklärt in einem fulminanten Leitartikel im Guardian, warum er einerseits vor dem Vergleich mit den Dreißigern zurückscheut, warum es ihm aber andereseits angesichts der von Trump produzierten Bilder von Kindern, die ihren Eltern entrissen werden, und angesichts der Roma-feindlichen Parolen von Matteo Salvini geradezu fahrlässig erscheint, diese Analogie nicht aufzurufen. "Die Zeichen sind da, wir müssen es nur ertragen, sie zu sehen. Etwas passiert mit unserer Welt. Auch andere haben bemerkt, wie die globale Architektur nach 1945 zu bröckeln beginnt, da Trump das westliche Bündnis zugunsten autoritärer Tyranneien untergräbt. Aber die Nachkriegsordnung löst sich auch auf eine noch heimtückischere Weise auf. Um es deutlich zu sagen: die Normen und Tabus, die nach dem Holocaust aufgerichtet wurden, erodieren. Ungefähr siebzig Jahre lang, ungefähr die Spanne eines menschlichen Lebens, haben sie überdauert." Lesenswert auch ein Artikel von Owen Jones: "Ungarn macht die EU zum Gespött. Es ist Zeit es herauszuwerfen."

Ausgerechnet im "Bataclan" soll ein Rapper auftreten, der den Dschihad besingt, die Vorzüge der Scharia preist und den Laizismus ablehnt. Den Streit, der darüber entbrannt ist, nimmt Claudia Mäder in der NZZ zum Anlass, die Unterwanderung des Laizismus durch Rechte und Linke zu analysieren. Ihr Fazit: "Während die Laizität hier abgeschwächt wird, um die Spezifität einer gesellschaftlichen Minderheit stärker hervortreten zu lassen, wird sie auf der anderen Seite verschärft, um ebendiese Minderheit besser ausschließen zu können. Beide Varianten demontieren den Gedanken, der die Laizität zur bestechenden Vision macht: Ein Staat, der jeden Menschen, egal welcher Herkunft, zuallererst als Individuum anspricht und nicht als Angehörigen irgendeiner Gruppe behandelt, wäre heute gefragter denn je. Dass dagegen ein universalistisches Konzept als Katalysator für die gesellschaftliche Fragmentierung missbraucht wird, kann beim adjektivlosen Laizisten nur eine Reaktion hervorrufen: don't like."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2018 - Ideen

Julia Kristeva leugnet mit dem Brustton der Empörung jegliche Kooperation mit der bulgarischen Stasi, dabei ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ihre gesamte neulich ans Licht gekommene Akte gefälscht worden sein kann (unsere Resümees), schreibt Richard Wolin im bei chronicle.com. Übrigens muss man nicht auf diese Akten gucken um zu wissen, wie Kristeva und ihre Tel Quel-Gruppe mit Philippe Sollers (und leider auch Roland Barthes) damals gepolt war: "Im Jahr 1968 unterstützte die Tel Quel-Gruppe - die sich im Jahr 1967 kurzsichtigerweise mit der KPF alliiert hatte - den Einmarsch der Sowjetunion in der Tschechoslowakei: einen Akt der Tyrannei, dem es gelang, die letzten Hoffnungen auf einen 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' zu beseitigen. Im Stil der ideologischen Rechtfertigungen der Stalin-Ära argumentierten die Telquelianer,, das jene, die die ruchlosen Sowjets kritisierten, der Bourgeoisie halfen."
Stichwörter: Kristeva, Julia

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2018 - Ideen

Kosmopolitismus übernimmt keine Verantwortung, erklärt Wolfgang Streeck, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, in der Zeit, Verantwortung entstehe nur aus Zugehörigkeit, weshalb Streeck für einen lokalen Patriotismus plädiert: "Politik ist weder Wohltätigkeit noch Kampf für den eigenen Vorteil oder darf doch keins von beiden ausschließlich sein: Ihr Thema ist die gerechte Ordnung eines Ganzen, das sich als Ganzes versteht und Mitglieder hat, die sich für es verantwortlich fühlen und berechtigt und in der Lage, es mitzugestalten. Die Welt kann kein solches Ganzes sein." Die "kosmopolitisch fühlenden Universalisten" leben laut Streeck - ohne es zu merken - Margaret Thatchers Devise: 'There is no such thing as a society, there are only individuals and their families' - es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen und ihre Familien".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2018 - Ideen

Der Intellektuelle ist tot, glaubt Roman Bucheli in der NZZ: Wer heute noch unter dieser Bezeichnung firmiert, suche in der Regel nur noch den Applaus der eigenen Gefolgschaft. Er wagt es nicht mehr, "im Ungesicherten zu denken und dorthin in Gedanken vorzustoßen, wo es weh tut, nicht den anderen zuallererst, aber einem selber. Weil hier die eigenen Prämissen immer wieder auf den Kopf gestellt werden müssen, um nicht in den Grenzen des längst Bekannten und in den vorgespurten Bahnen des zustimmungsfähigen Arguments zu erstarren. Der Intellektuelle ist darum ein Nonkonformist und kein Dogmatiker ..."
Stichwörter: Intellektuelle

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2018 - Ideen

"Identität ist nichts, was wir haben oder sind, sondern, was wir werden, indem wir tun", wirft zur Debatte auch die Romanistin Barbara Vinken in der NZZ ein und erinnert mit Rimbaud und Freud daran, dass das moderne Subjekt nie mit sich identisch war: "Ich ist ein anderer." Wo Es war, soll Ich werden. Selbstsein war nie das Prinzip unserer Kulturen, meint Vinken, sondern das Selbstwerden: "Der große Racine suchte nicht als Originalgenie aus sich selbst zu schöpfen, sondern vollkommen zu werden wie ein anderer, ein Vorgänger wie Euripides, indem er die alten Tragödien neu schrieb. Unsere Kultur hat für diese Verwandlung von Fremdem in Eigenes, für diese Aneignung und Entwendung, welche die Kultur und die Zivilisation ausmacht und sie aufs Unheimlichste bewohnt, viele Figuren." In einem zweiten Artikel zum Thema erklärt Christian Ude, ehemals Oberbürgermeister von München, Identität zur "Wahnidee".

Die Enthauptungsvideos des IS haben die ganze Welt entsetzt. So weit ist der Westen nicht, aber er überschreitet inzwischen zivilisatorische Grenzen, die vor kurzem noch tabu erschienen, meint Gustav Seibt in der SZ mit Blick auf die Bilder von Kindern, die an der amerikanischen Grenze von ihren illlegal eingereisten Eltern getrennt und in Käfige gesteckt werden. Alles für den neuen "Krieg der Bilder": "Die sogenannte Migrationskrise bringt nun eine altneue, schmutzige Form der Abschreckung zurück, die auf Anschaulichkeit beim Publikum der vernetzten Kommunikation abzielt. Außenpolitik nimmt die Form archaischer Kriminalitätsbekämpfung an. Geschichten wie die von den entrissenen Kindern sollen sich viral verbreiten. Denselben Zweck hatte das Drama um das Rettungsschiff Aquarius, mit dem sich der neue italienische Innenminister Matteo Salvini allerdings mindestens ebenso an seine heimische Klientel wandte wie an auswanderungswillige Afrikaner."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2018 - Ideen

Was will der Wald? Maximilian Sippenauer stellt in der SZ die ursprünglich als Kunstprojekt gestartete Berliner Forschungsgruppe terra0 vor, die die Natur sich selbst verwalten lassen möchte. Algorithmen sollen es möglich machen: "Im Anthropozän ist eine Natur denkbar, die als virtuelle Gesellschaft von Ökosystemen in einem nicht hackbaren, digitalen Blockchain-Netzwerk repräsentiert wird. Technisch möglich soll das durch 'Deep Learning Systems' werden, also Algorithmen, die lernen und anpassungsfähig sind. Die Natur, so die Idee, gewinnt Einfluss über sich selbst zurück. Natürlich nach zuvor von Menschenhand programmierten Parametern. Das Konzept wird im Rahmen der Frage nach dem Begriff einer neuen Wildnis unter Naturwissenschaftlern gerade viel diskutiert."
Stichwörter: Terra0

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2018 - Ideen

Die Klagenfurter Philosophie-Professorin Ursula Renz erhebt in der NZZ Einspruch dagegen, das Konzept der Identität auf Gruppen auszudehnen. Schon bei Individuen sei es schwierig, kategorisch festzulegen, wer wie lange mit sich identisch ist. Aber bei Kulturen? "Je komplexer ein Ding, umso mehr gehören auch Prozesse, die Wandel voraussetzen, zu seinen wesentlichen Eigenschaften. Während es zur Identität eines Kreidestrichs mit sich selber gehört, dass er gleich lang bleibt, müssen Bäume wachsen, um sich am Leben zu erhalten und mit sich identisch zu bleiben. Das gilt für Gruppen in erhöhtem Ausmaß, zumal wenn sie heterogen zusammengesetzt sind. Dass vor 150 Jahren der christliche Glaube die Schweiz geprägt hat, mag sein. Doch wer daraus ableitet, dass sie nur weiterexistieren kann, wenn sie christlich bleibt, begeht einen Kategorienfehler. Die Schweiz ist kein Kreidestrich, der keine Veränderungen erträgt."

Michael Butter forscht seit langem über Verschwörungstheorien. Thomas Gesterkamp führt mit ihm in der taz ein instruktives Gespräch über das Phänomen, das Linke wie Rechte betrifft. Interessant ist auch, was Butter übers Internet sagt: "Das Internet hat Verschwörungstheorien nur wieder sichtbarer gemacht und dadurch auch zu einer Zunahme der 'Gläubigen' geführt. Die ist aber nicht so rapide, wie es uns manchmal vorkommt. Verglichen mit der Zeit vor hundert oder zweihundert Jahren, glauben heute sogar eher weniger Menschen an Verschwörungstheorien. Deren Verbreitung reicht allerdings bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein."

Außerdem: In der Literarischen Welt würdigt Hans Ulrich Gumbrecht das "erstaunlich intensive" Ehepaar Assmann, das gerade mit dem Friedenspreis bedacht wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2018 - Ideen

Heimat ist keineswegs ein menschliches Grundbedürfnis, winkt der Kulturtheoretiker Jan Söffner in der NZZ ab, noch heute gebe es Nomaden und auch die Option, heimisch zu werden, sei erst in der jungsteinzeitlichen Revolution entstanden, erklärt er: "Mit dem Ende der letzten Eiszeit wurden überall auf dem Globus Menschen sesshaft, sie begannen Landstriche als die ihren zu betrachten und den Boden zu beackern. Mit der Option zur Heimat entstand auch diejenige zur Xenophobie. Erst seit der Jungsteinzeit lassen sich Genozide nachweisen."

Der Sozialismus mag gute Absichten haben, vor allem aber bringt er Armut, Korruption und Diktatur hervor, schreibt der katholische Priester und Philosoph Martin Rhonheimer, ebenfalls in der NZZ, mit Blick nach Venezuela, das ihm wie ein "Live-Experiment" der sozialistischen Wertvernichtung erscheint. Er meint: "Die Armen brauchen den Kapitalismus, derweil ihn ökonomisch unaufgeklärte westliche Wohlstandsbürger und Intellektuelle, die sich das leisten können, verteufeln. Doch auch im Westen verdanken wir den historisch beispiellosen Wohlstand dem Kapitalismus, genauer: dem, was davon übrig ist."

Weitere Artikel: In der NZZ gratuliert Peter Sloterdijk dem Romanisten Hans Ulrich Gumbrecht zum Siebzigsten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2018 - Ideen

In der Politik können die Linken derzeit nicht mal die kleinsten Erfolge verzeichnen. Wohl deshalb werfen sie sich so vehement in der Kulturkampf, ahnt in der taz Ilija Trojanow, der den Hang zur Zensur, der damit einher geht, bedauert: "Nichts gegen einen selbstkritischen Blick auf das eigene Verhalten und die eigene Sprache. Wenn aber künstlerische Verbote ausgesprochen werden (zum Beispiel 'Weiße dürfen nicht über Schwarze schreiben'), verselbstständigt sich ein sektiererischer Diskurs, der mit den relevanten Ungerechtigkeiten der realen Verhältnisse wenig zu tun hat. Gerade die gegenseitige Beschäftigung miteinander ist ein Weg, um eingefahrene Vorurteile zu überwinden."

Aleida und Jan Assmann werden für ihre Arbeiten zu Totenkult und Gedächtniskultur mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In der FR lobt Christian Thomas die Entscheidung als "so klug wie weitsichtig". Wie wir uns an den Holocaust und die deutsche Schuld erinnern, findet Welt-Redakteurin Mara Delius in diesen AfD-Zeiten so wichtig wie nie: "Ob das, wofür die Assmanns mit ihren Arbeiten paradigmatisch stehen, selbstverständlich oder aufklärerisch ist, wird neu verhandelt. Der Geisteswissenschaft wird immer Weltabgewandtheit und Selbstbezüglichkeit unterstellt. In diesen Tagen aber zeigt sich: wie essenziell politisch sie ist - und wie wichtig diese Preisentscheidung." In der taz gratuliert Micha Brumlik, in der FAZ Stefan Trinks und in der SZ Lothar Müller.

Im Interview mit Stefan Hauck vom Börsenblatt erklärt Aleida Assmann, dass sie und ihr Mann mit ihren Themen durchaus ein gemeinsames forscherisches Projekt haben. Und Jan Assmann kommt noch einmal auf die Zwiespältigkeit monotheistischer Religionen zu sprechen: "Einen absoluten Wahrheitsanspruch erheben nur die Religionen, die sich auf eine Offenbarung stützen, die sie in Form heiliger Schriften schwarz auf weiß zu besitzen glauben. Die monotheistischen Religionen haben sich längst von diesem simplen Wahrheitsbegriff getrennt, aber die Fundamentalisten halten umso mehr daran fest. Ein exklusiver Wahrheitsanspruch führt immer zu Ausgrenzung anderer und zu Intoleranz, daran hat sich bis heute nichts geändert." Ob sich die Monotheismen tatsächlich von diesem Anspruch gelöst haben - davon handelte die faszinierende von Jan Assmann im Perlentaucher angestoßene Debatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2018 - Ideen

In der New York Review of Books tanzt die Guardian-Kolumnistin Nesrine Malik um den Begriff "native informant", mit dem Edward Said einst den libanesischstämmigen amerikanischen Nahostexperten Fouad Ajami beschimpfte, weil er den Irakkrieg George W. Bushs unterstützte. Malik ahnt zwar, wie problematisch - um nicht zu sagen rassistisch - dieser Begriff ist, aber am Ende findet sie ihn doch ganz treffend für Islamkritiker wie Ayaan Hirsi Ali oder Maajid Nawaz, denen sie vorwirft, Teil eines rechten Netzwerks zu sein: "Das 'Dark Web' ist kein schwarzes Loch, sondern eine Karriereleiter. Was Nawaz und Ali in diese Allianz einbindet, ist ihre gemeinsame Überzeugung, dass jede Kritik an generalisierenden negativen Aussagen über die Islam an Bigotterie grenzt und einfach ein Versuch der Linken sei, sie zum Schweigen zu bringen. Diese anti-islamische Rhetorik, die unter dem Deckmantel eines Meinungsfreiheits-Absolutismus daher kommt, hat zur Folge, dass Ali und Nawaz gegen die abstoßenderen Ansichten ihrer Verbündeten nachsichtig sein müssen, denn Meinungsfreiheit ohne Konsequenzen ist für sie am wichtigsten."

In der FAZ sieht die Ethnologin Susanne Schröter das genau anders herum. Sie warnt davor, Muslime, die die Frauenfeindlichkeit und das Patriarchat in islamischen Gesellschaften kritisieren - sie nennt Kamel Daoud, Bassam Tibi, Hamed Abdel-Samad, Marieme Hélie-Lucas, Mona Eltahawy, Necla Kelek, Seyran Ateş, Güner Yasemin Balci und Sineb El Masrar - als "rechts" oder gar rassistisch zu beschimpfen: "Der Rassismusvorwurf funktioniert als ultimative Einschüchterungswaffe bei vielen, die keine Rassisten sind und nicht für solche gehalten werden wollen. Das führt zu Denk- und Sprechtabus. Diese wiederum spielen Populisten in die Hände, die sich selbstverständlich autorisiert fühlen, die Sache deutend in die Hand zu nehmen, die andere verharmlosen."

Die Weltuntergangsuhr steht wieder auf zwei Minuten vor Zwölf. Denn überall auf der Welt werden die Atomwaffen modernisiert. Anders als im Kalten Krieg regt das heute niemanden mehr auf, wundert sich Georg Mascolo in der Süddeutschen. "Auf Entwarnung darf man wohl nicht hoffen, selbst wenn die Verhandlungen in Singapur einen Durchbruch bringen. Die Erbfeindschaft zwischen den Atommächten Indien und Pakistan existiert noch immer. Das Atomabkommen mit Iran steht vor dem Kollaps, die dortigen Machthaber sprechen schon davon, wieder mehr Uran anzureichern. Israel und die USA drohen mit Konsequenzen. Ein Krieg, der durch die jahrelangen mühsamen Verhandlungen abgewendet schien, wird wieder wahrscheinlicher."

Wenn uns die Atomwaffen nicht erledigen, dann der technologiegetriebene Kapitalismus, an dessen Strippen wir laut Bernd Scherer, Intendant des Hauses der Kulturen der Welt, wie Marionetten hängen. Er fordert in der SZ "Probebühnen für die neuen Phänomene, in denen soziale Akteure, Wissenschaftler und Künstler gemeinsam Zukunftsentwürfe erproben". Aber hat er nicht genau das mit dem HdKdW?