Bestellen Sie bei eichendorff21!Perlentaucher Thierry Chervel hat einen Essayband mit ausgewählten Texten des Autors und Perlentaucher-Kolumnisten Richard Herzinger herausgegeben (unsere Resümees). Die Welt druckt eine gekürzte Version des Vorworts, das der Historiker Jeffrey Herf für den Band verfasst hat: "Auch wenn er sich nicht so sah: Herzinger war einer der deutschen Autoren, die den Geist der europäischen Revolutionen von 1989 bis 1991 am besten einfingen und auch den Geist der Dissidenz in Osteuropa, der diese Ereignisse vorausnahm und prägte. Wie die Dissidenten war er ein Autor, der stets klarmachte, wofür er stand, die Verteidigung der Demokratie und individuellen Freiheit. Herzinger trug eher als Kritiker und warnende Kassandra zum deutschen Geistesleben bei, denn als Verfechter der bestehenden Verhältnisse. Lange vor der 'Zeitenwende' von 2022 forderte er Deutschland auf, wesentlich mehr zu tun, um der Bedrohung durch Putin entgegenzutreten, und machte seinem Ärger über die 'russische Lobby' und ihren Einfluss auf die deutsche Politik Luft. Putins Aggression war für Herzinger Element einer neuen globalen Bedrohung." Hier finden Sie kleine Auszüge aus dem Band.
Die USA sind noch kein faschistisches Land, werden aber derzeit von einem "Regime mit faschistischen Ambitionen und Ausprägungen" regiert, meint in einem langen Interview mit der FR die marxistische amerikanische PhilosophinNancy Fraser, nachdem sie lange über die Bedeutung von Habermas, Foucault und Rorty für ihren philosophischen Werdegang gesprochen hat. Das Gerede über Faschismus findet sie sogar gefährlich, denn dann verbünde man sich zwangsläufig mit den falschen Leuten: "Sobald man sagt 'das ist Faschismus', folgt daraus meist: 'Dann müssen wir uns mit den Liberalen zusammenschließen und die bürgerliche Demokratie verteidigen.' Das halte ich gerade für den falschen Schluss. Denn es sind die Liberalen - genauer: die progressiven Neoliberalen -, die den Boden für Trump bereitet und zu seiner Wahl beigetragen haben. Deshalb ist es so wichtig, eine explizit antineoliberale Linke zu formulieren und den Kreislauf Biden-Trump zu durchbrechen - ein weiterer Biden würde die Flammen nur neu anfachen. ... Gegenwärtig erleben wir einen krisengeschüttelten, taumelnden neoliberalen Kapitalismus - wir stehen an einem Wendepunkt, an dem irgendetwas nachgeben wird." Darüber hätte man gern mehr erfahren, aber da ist das Interview zu Ende.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Oktober letzten Jahres ist der Autor und Perlentaucher-Kolumnist Richard Herzinger im Alter von 69 Jahren gestorben. Seine Stimme fehlt, wie sehr, zeigt der Band mit Essays Herzingers, den Perlentaucher Thierry Chervel zusammengestellt hat und der jetzt erschienen ist. "Sein analytisches Besteck, sein mikroskopisches Talent zum Erspüren von Widersprüchen, hatte er früh parat", so Chervel über Herzinger in der Präsentation des Bandes. "Gelernt hatte er es in der antitotalitären Schule: Seine Bezugspunkte waren Manès Sperber, Albert Camus, André Glucksmann, auch Hannah Arendt. Über Adorno, auf den sich bis heute so viele beziehen, konnte er lachen, wie in dem Band ein ziemlich frecher Blogtext über Judith Butler zeigt. Viel lieber bezog er sich auf einen späten Cartesianer in abgewetztem Trenchcoat: Inspektor Columbo."
Warum wählen so viele Menschen AfD? Dieser Frage hat sich die SoziologinCeline Teney angenommen und in drei Gruppen von AfD-Wählern unterschieden: "radikal-rechte Autoritäre" (20 Prozent der Wählerschaft), "konservative Hardliner" (60 Prozent) und "moderat Konservative" (13 Prozent), fasst Hanno Rehlinger im Tagesspiegel zusammen und lässt sich die Ergebnisse von mehreren Wissenschaftlern erklären. Die letzten beiden Gruppen könnte man beim Punkt Migration wieder zurückgewinnen, sagt beispielsweise der PolitikwissenschaftlerPhilip Manow. So gehe die Studie davon aus, dass Migration und Wirtschaft zwei verschiedene Bereiche seien. Das ist ein Problem, meint er. "'Die Migration wird regelmäßig von vornherein einem rein kulturellen Bereich zugewiesen.' Dabei handele es sich bei Migrationsfragen auch um Verteilungsprobleme. (...) Versteht man die Migrationspolitik, wie Manow, als ein im Kern ökonomisches Problem, ließen sich vielleicht auch die 'konservativen Hardliner' zurückgewinnen. Denn wenn sich hinter ihren migrationspolitischen Ansichten eigentlich ökonomische Interessen verstecken, lassen sich diese vielleicht adressieren, ohne die Rechte in Deutschland lebender Migranten zu missachten.
Wir stehen heute vor vergleichbaren Herausforderungen wie die Weimarer Republik, ist der Historiker Eckart Conze im Interview mit der Zeit überzeugt: "Erstarkende Ränder zwingen die Mitte in dysfunktionale Allianzen, wovon wiederum die Ränder profitieren. Siehe Ampel und siehe die großen Koalitionen der vergangenen Jahre. Je mehr es knirscht in der schrumpfenden Mitte, je paralysierter sie wirkt, desto besser können sich Extremisten als Alternative ins Spiel bringen. Ein teuflisches Dilemma." Die Politiker sollten von den Fehlern lernen, die in der Weimarer Republik gemacht wurden: "Aus der fatalen Kompromisslosigkeit, die mitunter herrschte, und aus der krisengetriebenen Unruhe, den häufigen Regierungswechseln und Neuwahlen, die als Brandbeschleuniger wirkten. Wir dürfen zugleich nicht vergessen, wie viel besser unsere Ausgangsbedingungen sind. Wir haben keine Weltwirtschaftskrise, keine Massenarbeitslosigkeit, auf den Straßen herrschen keine bürgerkriegsähnlichen Zustände. Und anders als die Weimarer Justiz stehen unsere Gerichte und anderen Institutionen auf dem Boden der Verfassung. Das gilt es notfalls mit dem Verbot verfassungsfeindlicher Organisationen und Parteien zu bewahren. Die Wehrhaftigkeit der Demokratie wird noch auf eine harte Probe gestellt werden."
Außerdem: In der Zeit blickt der Verfassungsrechtler Dieter Grimm zurück auf 250 Jahre amerikanische Verfassung, die seiner Ansicht nach dringend eine Überholung nötig hätte: "Sie ist zwar die älteste der Welt, sie ist aber auch in mancher Hinsicht veraltet. Das hat schon vor Trump zu beträchtlichen Verwerfungen geführt".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Jakob Hayner war für die Welt dabei, als der marxistische Philosoph Kohei Saito in der rappelvollen Wiener Akademie der bildenden Künste sein aktuelles Buch "Am Ende des Fortschritts - Überleben in den Ruinen des Kapitalismus" vorstellte: Unser Planet ist verloren, erklärt er seinem atemlosen Publikum und spricht "von einem irreparablen Riss im Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur. Die Formulierung hat Saito beim späten Marx gefunden, der sich weit mehr für ökologische Fragen interessiert hat als gemeinhin bekannt. ... Noch überraschender ist, was Saito heute als Lösung vorschlägt: einen 'dunklen Sozialismus'. Es ist eine Antwort auf die 'dunkle Aufklärung', wie sie von Denkern wie dem Briten Nick Land oder dem Amerikaner Curtis Yarvin propagiert wird und inzwischen mit Elon Musk oder Peter Thiel prominente Anhänger unter den Big-Tech-Milliardären hat. 'Die 'dunkle Aufklärung' versteht genau, was heute passiert', sagt Saito. Die Moderne sei am Ende. Das Dunkle sei das Reale. Und der Postliberalismus sei das Authentische, das die Verlogenheit des Liberalismus - auch in der Spielart eines 'progressiven Neoliberalismus' - entlarvt. ... Es gehe längst nicht mehr um Sozialismus oder Barbarei, sondern um Sozialismus in der Barbarei. Nicht mehr um Emanzipation, sondern ums Überleben. Um das Aufhalten der apokalyptischen Reiter Seuche, Krieg, Hunger und Tod. Entdeckt nun auch die Linke die politische Theologie des Katechon?"
In einem uferlosen Artikel im schweizer Online-Magazin republik.chbeklagt sichEva Menasse, über das, was sie in Deutschalnd über Israel angeblich alles nicht mehr sagen darf - veröffentlicht hatte sie den Artikel zuerst auf Englisch, um die internationale Öffentlichkeit zu warnen. Gewiss, der 7. Oktober war "ein tief traumatisierender Moment", so Menasse. Es habe sich erwiesen, dass Israel keine sichere Heimstatt für die Juden sei. "Man könnte ja ahnen, warum - solange ein anderes Volk, das dasselbe Land beansprucht, brutal besetzt und unterdrückt wird, bleibt auch die Sicherheit der Unterdrücker fragil. Aber das durfte man in den ersten Tagen in Deutschland auf gar keinen Fall sagen, es ist bis heute fast ein Tabu." Deutschen Medien wirft Menasse überraschender Weise eine massive proisraelische Schlagseite vor: "Warum scheitern die großen deutschen Medien kollektiv? Ist das Dummheit, Feigheit oder Überzeugung? Jeder konnte hinreichend beobachten, wie wirkmächtig Verleumdungen sind, besonders in der tief zerstrittenen Kulturszene, wo man von außen und innen pauschal beschuldigt wird, Israel zu hassen oder Antisemitismus zu verharmlosen, ohne Möglichkeit zur Gegenwehr. Aber Feigheit allein kann die Verbohrtheit einiger Herausgeber und Chefredaktoren nicht erklären. Es handelt sich schon auch um Überzeugungstäter, irrational gefangen im Fluch ihrer Großelterngeneration und in der Angst, dass die Vergangenheit wie in einer magischen Zeitschleife wiederkehren und sie aufs Neue schuldig werden lassen könnte." Und sie warnt: "Obwohl Antisemitismus in jeder Gesellschaft vorhanden ist, trägt auch die Instrumentalisierung übertriebener Antisemitismusvorwürfe dazu bei, den echten zum Vorschein zu bringen."
"Niemand wird in Deutschland mehr geliebt als ein Jude, der den jüdischen Staat kritisiert", weil man das in Deutschland sonst angeblich nicht dürfe, spottet in der Welt Alan Posener mit Blick auf den Friedenspreisträger und Juristen Philippe Sands, der vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag die Anerkennung eines palästinensischen Staates fordert und den Abzug der Israelis aus Gaza und dem Westjordanland fordert. "Wie es dem Frieden dienen sollte, wenn die israelische Armee Gaza der Hamas überlässt, Judäa und Samaria judenrein werden und dort ein neuer 'Frontstaat' gegen Israel entsteht, versteht in Israel kein Mensch; und auch die winzige Minderheit der Juden hierzulande ist mehrheitlich dagegen. ... Es glaubt doch niemand, dass Sands den Preis bekommen hätte, wenn er nicht 'Nachkomme von Holocaustüberlebenden' wäre, also von Leuten, die als 'Rassejuden' verfolgt wurden, egal welcher Nation und welchem 'Bekenntnis' sie anhingen. Man kann Wörter löschen. Aber den Impuls, 'in der Judenfrage' Leute zu ehren, ob Walser oder Sands, die von den hier lebenden Juden als maximale Provokation empfunden werden, kann man offensichtlich nicht auslöschen."
Rüdiger Safranski erklärt die KI in der Welt frei nach Freud zur "viertenKränkung", nach der kopernikanischen, der darwinschen und der freudschen: "Das Bewusstsein, das sich souverän dünkt, wird nicht nur bedrängt vom triebhaft Unbewussten, wie bei Freud, sondern von der Künstlichen Intelligenz, die menschliche Intelligenzleistungen nachahmt und überbietet - und alles ohne Bewusstsein. Das geschieht besonders bei den KI-Sprachmodellen. Wenn sie perfekt menschenähnlich schreiben und sprechen, beschleicht einen das Gefühl - jedenfalls solange man sich noch nicht daran gewöhnt hat -, hier würde tatsächlich das Tote das Lebendige nachäffen."
Der brillante britisch-französische Autor und Anwalt Philippe Sands (seine Bücher im Perlentaucher) wird in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Nina Apin zeichnet in der taz ein kleines Porträt: "Philippe Sands, geboren 1960 in London, studierte Jura in Cambridge und entwickelte sich zu einem renommierten Experten des Völkerrechts. Er führte Verfahren wegen Kriegsverbrechen wie Folter, Verschwindenlassen und Völkermord, trat unter anderem für die Rechte der Rohingya und der Palästinenser ein und war mit prägend für den Tatbestands des Ökozids in Zusammenhang mit Katastrophen durch die globale Erderwärmung." Oliver Weber ergänzt in der FAZ: "Die meisten von Sands' Büchern, für die der Genrebegriff 'erzählendes Sachbuch' wie geschaffen scheint, bewegen sich gekonnt im Grenzgebiet von Rechtsgeschichte, Roman und Fürsprache."
In der FRwürdigt Michael Hesse Sands' unermüdlichen Einsatz für eine Idee des Völkerrechts: "Dass die Welt zunehmend in einen Zustand der Rechtlosigkeit abgleitet, in einen finsteren Naturzustand, wie ihn der Philosoph Thomas Hobbes als vor-zivilisatorischen Zustand definierte, wird allgemein befürchtet. Genau diese Tendenz erkennt auch Sands. Man solle aber nicht zu früh den Kopf in den Sand stecken. Neben dem Recht gibt es vor allem die Kraft der Erzählung, durch welche die Welt wieder besser werden kann." In der Welt schreibt Marc Reichwein.
Sands, der jüdischer Herkunft ist, vertritt auch Palästina vor dem Internationalen Gerichtshof - Palästina erfülle alle Kriterien der Staatlichkeit versicherte er letztes Jahr im Interview mit der Zeit. Das Triggerwort "Genozid" im Blick auf die israelische Kriegsführung benutzte er im Interview mit der Kölnischen Rundschau im Januar nicht, aber er nennt das Vorgehen Israels in Gaza "ganz klar nicht mehr verhältnismäßig, es geschieht Unrecht, und es werden unbestreitbar Verbrechen begangen". Und er rät von Waffenlieferungen an Israel ab: "Niemand kann sich an Verbrechen, die in Gaza stattfinden, mitschuldig machen wollen." Ein riesiges Gespräch zum Begriff "Genozid" hat in der New York Times Ezra Klein mit Sands geführt.
Elisabeth von Thadden kommentiert bei Zeit online: "Ja, etwas Pathos ist in diesem Fall gut: Eine vorzüglichere Wahl ließe sich in diesem Jahr gar nicht denken. Sands gibt den überhitzten Debatten um die Kriegsverbrechen im Nahen Osten und den nationalen Egoismen einen Boden des Universellen zurück, auf dem sich vorsichtig gehen lässt."
Außerdem: In der FAZ greift der Zeithistoriker Dominik Rigoll in die von Jan-Philipp Reemtsma angestoßene Debatte um den "Faschismus"-Begriff und die Frage, ob er heute zutrifft, ein - viel teffender sei der Begriff der "Nationalisierung".
Gute Figur gemacht haben der Bundespräsident (in der Paulskirche) und Axel Honneth (beim anschließenden Symposium an der Frankfurter Universität) bei der großen Habermas-Gedenkveranstaltung, findet Christian Geyer in der FAZ. Dass über dem Eingang des Unigebäudes der Schriftzug "Normative Ordnungen" prangte, stellte ihn, während er im exklusiven Kreis auf der schönen Dachterrasse dem Vortragenden lauschte, allerdings "vor eine kognitive Dissonanz": "Ganz direkt gefragt: Wie passen die wuchtigen Buchstaben des normativen Geltungsanspruchs dieses Exzellenz-Clusters zusammen mit dessen höchst überschaubarem Eingriffs-Charakter? Wo macht sich unter der Dachterrasse der für Habermas zentrale Begriff einer dynamisch agierenden zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit fest? Was normieren die normativen Ordnungen im politisch-moralischen Raum gleichsam unter faktischem Ausschluss der Öffentlichkeit?" Habermas habe sich immer öffentlich engagiert, "die Protagonisten der kosmopolitisch ausgreifenden 'Normative Orders'" hingegen "greifen nicht wirklich ein. Sie produzieren Papiere. Der Paradefall eines performativen Widerspruchs, wenn man so möchte."
Der Soziologe Stephan Lessenich, Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, und Sven Reichardt, Professor für Zeitgeschichte, widersprechen in der SZJan Philipp Reemtsma, der kürzlich in der FAZ meinte, die Verwendung des Faschismus-Begriffs sei mehr selbstvergewissernde Pose als ein tatsächliches Instrument zur Analyse der politischen Situation (unser Resümee): "Was, wenn Verrohung, Entmenschlichung und Gewaltbereitschaft nicht erst mit dem Auftritt der Faschisten beginnen, sondern sich aus tieferliegenden gesellschaftlichen Quellen speisen?" Der Begriff des "Populismus" werde der Dramatik heutiger Entwicklung nicht gerecht. Ein Blick in die Geschichte der Faschismus-Forschung zeige, dass viele Ansätze heute noch Gültigkeit hätten: "Spätestens in den 1930er-Jahren setzte dann eine reiche Debatte unter kommunistischen, sozialdemokratischen und liberalen bis hin zu konservativen Denkern ein, die bis heute nachwirkt. Ihre erste Hochphase kulminierte in originellen Überlegungen zur 'Verselbständigung der Exekutive' im Faschismus, die dann bei Ernst Fraenkel zum 'Doppelstaat' weiterentwickelt wurden - Erklärungen, die auch noch für die Ausrufung des permanenten Ausnahmezustands unter Trump und die feindliche Übernahme des Staatsapparats durch Tech-Monopolisten und deren KI-Produkte erhellend sind."
Die SZ druckt die Rede des Historikers Norbert Frei, die dieser bei der Gedenkstunde in der Paulskirche zu Ehren Jürgen Habermas' hielt. Frei zeichnet dessen Weg nach, von seiner frühen Kritik an Heidegger bis zur Gegenwart: "Dass die deutsche Politik nach der ersten Wahl von Trump und angesichts der geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Dekade das Projekt Europa geradezu verkümmern ließ, empörte ihn. Doch sich dieser neuen 'neuen Unübersichtlichkeit' zu ergeben, kam für ihn nicht infrage, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine so wenig wie nach dem Massaker der Hamas in Israel vor zweieinhalb Jahren. Ihm war bewusst, wie sehr er mit seinen Stellungnahmen zum Ukraine-, aber auch zum Gaza-Krieg auf Widerspruch bis hin zur Verleumdung stoßen würde, übrigens gerade auch in Teilen der amerikanischen Linken. Er ließ sich davon nicht beirren." Die "Unabschließbarkeit der Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit war Jürgen Habermas ein Lebensthema, das er normativ mit dem Telos eines humanen Universalismus verknüpfte. Er hat dazu beigetragen, dass nach 1945 'etwas besser' wurde in diesem Land. Jetzt müssen wir es ohne ihn besser machen."
In der FRresümiert Michael Hesse die Gedenkveranstaltung: "Habermas habe Frankfurt als Ort der Kritischen Theorie Adornos, der politischen Wachheit und der liberalen Öffentlichkeit geschätzt, ließ Universitätspräsident Enrico Schleiff wissen. Er erinnerte an die beiden Paulskirchen-Reden des Denkers von 1980 bei der Verleihung des Adorno-Preises und 2001, als er den Friedenspreis erhielt. 1980 habe Habermas über das 'unvollendete Projekt der Moderne' gesprochen, ein Gedanke, der ihn nicht mehr losgelassen habe. Schleiff mahnte im Geiste von Habermas an, Demokratie brauche freie Wissenschaft, faktenbasierten Diskurs und eine kreative intellektuelle Arbeit. Budgetkürzungen seien hierfür aber das falsche Signal, sagte er unter dem spontanen Applaus der fast voll besetzten Paulskirche." In der Welt schreibt Marc Reichwein zur Veranstaltung.
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Das philosophische "Schnabeltier der Gegenwart" trifft Jakob Hayner für die Welt, nämlich den japanischen Philosophen Kohei Saito, einen Bestseller-Autor, der sich selbst als "Marxist" versteht. Geht das überhaupt? Hayner beschäftigt sich mit Saitos Idee vom "dunklen Sozialismus", die er in seinem neuen Buch vertritt: "Der freie Markt sei längst durch den Rentenkapitalismus beseitigt. Und die Tech-Monopole wenden Tools der Planwirtschaft an. Das könne man auch für die Demokratisierung von Staat und Wirtschaft nutzen, so Saito. Auf der Suche nach Best-Practice-Beispielen ist der Philosoph im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts gelandet. Saito beschwört das 'Rote Wien' und den 'Wiener Kreis' mit seiner lebhaften Debatte über sozialistische Wirtschaftsrechnung zwischen späteren Neoliberalen wie Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek und Austromarxisten wie Otto Neurath. Ist Wien nicht nur der Ort, wo der Weltuntergang zehn Jahre später kommt, wie Karl Kraus einst sagte, sondern wo man sich auch für die kommende Apokalypse rüsten kann?"
Weiteres: In der NZZ liest sich die Philosophin Ursula Renz durch Hannah Arendts "Denktagebuch" und lernt, wie man mit erlittenem Unrecht umgehen kann.
Direkt nach dem Tod Habermas' hatte es theologische Streitigkeiten über das Erbe des Propheten gegeben. Die Frage war, wie und in welcher Weise die künftigen Habermas-Kapellen, etwa möglicherweise in seiner Villa am Starnberger See, ausgestaltet werden sollen. Der Streit unter den Jüngern (fast nur Männer) wurde nach seinem Tod in den Feuilletons ausgetragen, es ging um die Frage, ob Habermas noch richtig Frankfurter Schule war oder die Kritische Theorie nicht möglicherweise verwässert hatte. Heute findet die mit Sehnsucht erwartete Habermas-Gedenkstunde in der Paulskirche statt, bei der Bundespräsident Steinmeier reden wird. Außerdem organisiert das Forschungszentrum "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität ein Symposion, wo die Lehren aus Habermas festgeklopft werden sollen - hier hatte es im Vorfeld viele Spekulationen gegeben, wer reden darf und wenn wann und warum nicht. Heute bringen die Süddeutsche und die FR Gespräche mit den Organisatoren.
Für die SZ interviewt Jens-Christian Rabe Rainer Forst, Direktor des Forschungszentrums "Normative Ordnungen", und Axel Honneth: "Er hat unser Denken über die Vernunft entmonologisiert und sozialisiert, zu einer Sache des Gesprächs gemacht", sagt Forst. "So zu denken, dass die Vernunft nicht eine rein subjektive oder eine rein objektive Größe ist, sondern ein intersubjektives Vermögen: kommunikative Vernunft eben." Und Honneth hält fest, dass Habermas "versucht hat nachzuweisen, dass die gesellschaftliche Evolution, die Geschichte nicht nur von der Entwicklung der ökonomischen Produktivkräfte geprägt wird, sondern mindestens so stark von den Prinzipien des kommunikativen Handelns und damit von der Evolution der Moral als dem Ort, an dem sich eine Gesellschaft über ihre Werte, Normen und Regeln verständigt." In der FR hatte Michael Hesse ebenfalls die Idee, Rainer Forst zu interviewen. Habermas lehrte, hält Forst auch hier fest, dass "die Vernunft nicht primär als eine subjektive beziehungsweise objektive Größe des Denkens zu begreifen, sondern als Verfahren der Verständigung unter Freien und Gleichen, die sich an Regeln des Argumentierens halten".
Bei Twitter kursiert der Ausschnitt einer Rede, die die auch in Deutschland sehr erfolgreiche Autorin Sally Rooney vor einigen Tagen in Dublin gehalten hat - natürlich gegen Israel (mehr in der Irish Times). Rooney spricht eine Kriminalisierung "propalästinensischer" Proteste auch in Deutschland an und erklärt, warum sie Israel neben den USA für den Inbegriff einer kolonisierenden Macht hält, das andere, auch gemäßigte Länder, zu einem ähnlich brutalen Verhalten verführe. Deshalb, so kulminiert der Redeausschnitt, glaube sie, dass "die Befreiung Palästinas zugleich die Befreiung der Welt bedeutet".
Diese eigenartige Israel-Fixierung großer Teile einer sich als links lesenden Öffentlichkeit analysiert der israelische ReligionswissenschaftlerTomer Persico in einem längeren Tweet. "Beseitige Israel, und du rettest die ganze Welt. Es geht weit über Rooney hinaus. In den letzten Jahren haben Künstler, Aktivisten und Wissenschaftler immer wieder Varianten derselben Behauptung vorgebracht: Israel als Erzfeind der Menschheit, dessen Verschwinden irgendwie alle Probleme lösen würde... Israel ist zu einem westlichen Totem geworden, das die gesammelten Sünden der gesamten westlichen Geschichte verkörpert. In einer unglaublichen historischen Ironie sind die Juden heute kein orientalisches, semitisches Paria-Volk, keine entartete, untermenschliche Rasse mehr, sondern die reinste Verkörperung des Westens und die abscheulichsten Vorreiter weißer Vorherrschaft."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Florian Botello: Das knappe Gut Arbeit Angesichts von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz wird allerorten vor massiven Arbeitsplatzverlusten gewarnt. Gleichzeitig reißen die Klagen über Fachkräftemangel…
Olivie Blake: Gifted and Talented Aus dem Englischen von Heide Franck und Alexandra Jordan. Thayer Wren ist tot. Als Gründer des Großkonzerns Wrenfare Magitech galt er als Vater der modernen Technologie.…
Annabel Abbs: Schlaflos Aus dem Englischen von Michaela Meßner. Nach einer Reihe tragischer Verluste findet Annabel Abbs nachts keinen Schlaf mehr und lernt eine völlig neue Seite an sich kennen:…
Carys Davies: Das Pfarrhaus Aus dem Englischen von Eva Bonné. Hilary Byrd, Bibliothekar aus dem englischen Petts Wood, ist an einem Wendepunkt in seinem Leben. Anfang 50 und unverheiratet muss er sich…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier