9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2017 - Ideen

Unsere Nachfahren werden keine Menschen sein, erklärt Martin J. Rees in der NZZ: "Warum? Weil an der Spitze der posthumanen Evolution superintelligente (und ungemein fähige) Maschinen stehen werden. Es gibt chemische und stoffwechselbedingte Grenzen für die Größe und die Verarbeitungsleistung 'nasser' organischer Gehirne. Solche Grenzen existieren jedoch nicht für elektronische Rechenmaschinen (und noch weniger wohl für Quantencomputer)."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ fordert der Theologe Adrian Loretan, dass auch konservative islamische Rechtsschulen die Religionsfreiheit und den Begriff der Menschenwürde anerkennen.
Stichwörter: Posthumane Evolution

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2017 - Ideen

Eines der wichtigsten Bücher des Jahres hat der amerikanische Journalist Kurt Andersen geschrieben: "Fantasyland - How America Went Haywire". Wir zitierten vor Wochen aus einem Vorabdruck (unser Resümee). Andersen stellt sich die Frage nach dem Verlust der Kriterien für Wahr und Unwahr in Amerika - und erkennt im Interview mit Sebastian Moll in Zeit online auf einige amerikanische Besonderheiten: "Die Tatsache, dass dieses Land von Leuten gegründet wurde, die an das Unwahrscheinliche glaubten, spielt eine enorme Rolle - gleich, ob das die Puritaner waren oder andere Kult-Anhänger oder einfach nur Leute, die über Nacht reich werden wollten. Amerika war schon immer das Land, in dem man ein Vermögen machen konnte und gleichzeitig alles glauben durfte, was man wollte. Das ist vielleicht der zentrale Aspekt der amerikanischen Identität. Leute, die nach Amerika kamen, waren von Anfang an Träumer und Fantasten."

Urs Haffner analysiert in der NZZ den Begriff der "Gehirnwäsche", der durch Mao in den Westen kam und im Kalten Krieg Karriere machte: "'Gehirnwäsche' suggeriert, wer im Namen Gottes, einer Idee oder eines Führers Unschuldige und sich selbst töte, sei eben ferngesteuert. Die Genese des Terroristen wird zugleich mystifiziert und vereinfacht: als genüge ein falscher Prediger, um Radikalkonvertiten hervorzubringen. Die Billigkeit der Erklärung zeigt sich nicht zuletzt darin, dass auch ehemalige IS-Mitkämpfer sie sich zunutze machen: Ihr Gehirn sei gewaschen beziehungsweise verschmutzt worden. Maos unheimliches Geschenk entlastet das Denken auf wohlfeile Weise."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2017 - Ideen

Richard Herzinger setzt sich in einem Essay für die Welt am Sonntag (jetzt online) mit den Thesen eines CSU-Papiers auseinander, die den Konservatismus nun plötzlich als sexy verkaufen wollen: "Die Konfusion, in der sich die CSU-Thesen verstricken, macht das Dilemma deutlich, in dem die Propagandisten einer angeblich notwendigen konservativen Wende stecken. Um dem Publikum die konservativen Werte schmackhaft zu machen, die sie angeblich verkörpern, müssen sie diesen das Gütesiegel jener freizügigen 'Modernität' verpassen, die doch eigentlich die Domäne ihrer politisch-weltanschaulichen Gegner im linken und liberalen Spektrum ist und von der die deutsche Gesellschaft angeblich genug hat."
Stichwörter: Konservatismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2017 - Ideen

Apples neue Gesichtserkennungssoftware macht das Gesicht zum Ausweis, zum Steckbrief und letztlich zur Zielscheibe. Was das bedeutet, darüber denkt Adrian Lobe mit Michel Foucault und Hans Belting auf Zeit online nach: "In seinem Buch 'Faces. Geschichte des Gesichts' vertritt der Kunsthistoriker Hans Belting die These, dass das Gesicht grundsätzlich undarstellbar sei. Es sei flüchtig, überformt von Konventionen, es altere und verändere sich. Das Gesicht werde 'erst zum Gesicht, wenn es mit anderen Gesichtern in Kontakt tritt, sie anschaut oder von ihnen angeschaut wird'; es sei mehr Bühne als Gesicht, weil 'Mimik, Blick und Stimme wechselweise die Führung übernehmen'. Ein Gesicht zeigt also etwas und verbirgt zugleich etwas. Eine Maske dagegen ist identisch, leblos, zeitentrückt. Wenn aber an jeder Ecke Kameras installiert sind und Algorithmen unsere Mimik auslesen, dann verschwindet die Dialektik von Zeigen und Verbergen in einem System totaler Transparenz. Das Gesicht kann nichts mehr verbergen, es erstarrt zu einer Maske, die permanent von Algorithmen analysiert wird."

Außerdem: In der NZZ denkt der Philosoph Thomas Metzinger darüber nach, was die anstehende nächste technologische Revolution, die virtual reality, mit sich bringen und wie sie unser Bewusstsein von uns selbst verändern wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2017 - Ideen

Einfach war es mit "links" und "rechts" noch, als es nur um Fragen wie mehr oder weniger Staat ging, schreibt der Politikwissenschaftler Armin Schäfer in einem Essay für die Gegenwartsseite der FAZ - und damals waren die Volksparteien noch stark. "Nicht nur sich selbst, sondern auch die Parteien konnten die meisten Menschen auf dieser Links-rechts-Achse zuverlässig einordnen. Doch seit den siebziger Jahren hat sich eine neue, kulturelle Konfliktachse herausgebildet. Auf ihr werden nicht zuvorderst ökonomische oder soziale Themen, sondern 'postmaterielle' Werte verhandelt. In der Sprache der Politikwissenschaft: Universellen oder kosmopolitischen Einstellungen stehen partikularistische oder kommunitaristische Einstellungen gegenüber."

Außerdem:In der NZZ antwortet der christliche Philosoph Jan-Heiner Tück auf einen Artikel Slavoj Zizek, in dem dieser die Philosophen in die "Korrumpierer" und die "Normalisierer" einteilt - und erstere provokanterweise bevorzugt. Habermas sei ein Normalisierer, weil er gegen den Korrumpierer Sloterdijk etwa in der Bioethik nur den Status quo verteidige. Tück macht ein wenig überraschendes Angebot: "Das Christentum offeriert hier Sinnangebote, welche die großen Fragen der Schöpfung, Rettung und Vollendung betreffen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2017 - Ideen

Im Interview mit dem Tages-Anzeiger spricht der Historiker Philipp Felsch über den Terrorismus der RAF, die bürgerliche Gesellschaft und die Gewalt, die in der Logik der siebziger Jahre vom Staat ausging. Und zwar in Form einer Großen Koalition: "Für Dutschke und seine Gesinnungsgenossen war die Große Koalition ein Beweis, dass die liberale Demokratie sich in etwas verwandelt hat, was er selbst einen 'integralen Etatismus' nennt, also eine Art autoritären Überwachungsstaat oder Protofaschismus. Dutschke bezieht sich auf Marx, der vorausgesagt hatte, dass der Marktmechanismus ­allein nicht ausreichen werde, um die Herrschaft der bürgerlichen Klasse aufrechtzuerhalten. Deshalb greife diese auf direktere Formen von Kontrolle und Gewalt zurück - in Gestalt der Großen Koalition. Heute mag man über diese Argumentation lachen. Aber man sollte sich bewusst sein, dass große Koalitionen oft das Entstehen von extremen politischen Bewegungen begünstigt haben, sei es bei den Linken oder den Rechten."

In der SZ berichtet Andrian Kreye vom Marathon "Guest, Ghost, Host: Machine!" des Kurators Hans Ulrich Obrist zum Thema künstliche Intelligenz. Wie viel Wissenschaft und Technik von Kunst und Literatur lernen können, zeigt ihm der Kognitions- und Robotikforscher Murray Shanahan. "Der hatte sich als Berater für den wahrscheinlich besten Film über künstliche Intelligenz der letzten Jahre, Alex Garlands 'Ex Machina', mit den philosophischen Fallstricken der KI-Debatte auseinandergesetzt. Shanahan zeigte ein Diagramm, in dem er das Bewusstsein des Menschen in Relation zu nicht-menschlichen Bewusstseinsformen stellte. Das Bewusstsein der Tiere, der Pflanzen, Gesteine, Planeten. Man müsse Ludwig Wittgenstein zu Rate ziehen, um exotische Formen des Bewusstseins zu erfassen, sagte er. Der habe beschrieben, wie man sich angesichts eines neuen Wesenszustandes selbst verändert. "

Etwas abgegriffen findet Simon Strauss in der FAZ die Pariser Erklärung, mit der konservative Denker wie Robert Spaemann und Roger Scruton das christliche Europa gegen eine konsum- und mediengesteuerte EU ohne ideelen Zusammenhalt verteidigen wollen: "Für eine wirklich überzeugende neokonservative Europa-Ethik reichen die Vorschläge nicht aus. Neben ein paar feinsinnigen Bekenntnissen zum breiten Boulevard und öffentlichen Park als Symbolträger europäischen Bewusstseins läuft das meiste doch auf die Evergreens konservativer Antragsprosa - Familie, Sicherheit, Tradition - hinaus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2017 - Ideen

In der Berliner Zeitung antwortet die Autorin Kathrin Schmidt auf einen Artikel ihres Kollegen Ingo Schulze, der den Erfolg der AfD in unserer "neoliberalen Quasi-Verfassung, in der alles dem Markt untergeordnet wird", verortet hatte (unser Resümee). Schmidt geht noch einen Schritt weiter: Dass die Unterprivilegierten die AfD gewählt haben, ist für sie gewisser Weise sogar "eine Leistung", weil sie sich damit schmerzhaft zur Wehr gesetzt hätten gegen eine linke Politik, die seit Jahren den Sozialabbau unterstützt und damit die Wähler verrät, deren soziale Deklassierung sich immer mehr zementiere: "In den Berliner Großsiedlungen von Marzahn-Hellersdorf lebt ein Drittel der Menschen von Hartz IV, in den zum Bezirk gehörenden sogenannten Siedlungsgebieten nur jeder Zwanzigste. Im Bezirk wachsen 39 Prozent aller unter 15-Jährigen in Hartz-IV-Familien auf, bei den Untersechsjährigen sind es gar 41 Prozent. Nicht mehr weit bis zur Hälfte. Sie leben in den Großsiedlungen, während zum Beispiel in Mahlsdorf, meiner netten Einfamilienhausgegend, nur drei Prozent aller Haushalte SGB II, wie Hartz IV haushaltsrechtlich heißt, beziehen."

Im Interview mit der SZ erklären Per Leo, Max Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn - die auch ein Buch zum Thema geschrieben haben -  wie man mit Rechten streitet. Wichtig: sich nicht provozieren lassen und auf moralische Empörung beschränken. Steinbeis analysiert die Diskussionstaktiken der Rechten so: "Erst einmal behaupten sie, mit irgend etwas Recht zu haben und verabsolutieren dabei die eigene Position. So isses, ich hab Recht. Dann warten sie auf den empörten Aufschrei, das sei menschenverachtend! Daran weiden sie sich richtiggehend und können weiterprovozieren. Man muss mit einem inhaltlichen Argument kontern, etwa der Gegenfrage, wie sie so eine Behauptung mit dem historischen Islam zusammenbekommen. Dann gehen sie auf die skeptizistische Position: Wahrheit lässt sich ja nicht erkennen."

In der taz plädiert Arno Frank mehr für eine Umarmungsstrategie, die die Luft aus der Neuen Rechten um den Verleger Götz Kubitschek lässt. Die Buchmesse stelle ja neben rechten Verlagen auch - editorisch aufbereitete - Ausgaben rechter Klassiker aus: "Inhaltlich und ästhetisch ist Kubitschek nicht einmal ein Epigone von Ernst Jünger, sondern von dessen verstoßenem Privatsekretär Armin Mohler - also der zweite Aufguss eines zweiten Aufgusses, in der Tat 'dünnes Zeug'. Und das ist eben auch das Schöne an der Buchmesse, dass 'die Altlasten' auch alle vertreten sind. Darüber muss nicht gemunkelt werden, man kann die Bücher alle hernehmen und, ja, lesen. Es ist lehrreicher und unterhaltsamer, sich mit Gabriele d'Annunzio zu beschäftigen statt mit Martin Lichtmesz. Warum Manifeste fürchterlicher Juristen lesen, wenn man mit Carl Schmitt das Original studieren kann?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2017 - Ideen

In der SZ skizziert Andreas Zielcke den Identitätsbegriff in seinen zwei gleichermaßen problematischen Varianten: einmal als die Vorstellung von einer fluiden Identität, die sich selbst konstituiert und als eine "demokratisch-kapitalistische" Identität, flexibel genug ist, "sich gegen alle zu stellen und mit allen am selben Strick zu ziehen". Auf der anderen Seite sieht er die nationalistische Identität, die sich "in Panik und Not" konstruiert, von der Mehrheitsgesellschaft verraten sieht und sich rein negativ, in der Abwehr, definiert: "An der demokratisch-kapitalistischen Identität, die aus dynamischen Anerkennungsprozessen hervorgeht, kann nur teilhaben, wer sich mit eigenem Risiko aktiv beteiligt. Die identitäre Identität dagegen, die sich an gewachsener Objektivität und Überlieferung orientiert, prämiert passives Festklammern. Aus diesem trutzigen Fort bricht man nur aus für Protest und Abwehr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2017 - Ideen

Würde ein ein bedingungsloses Grundeinkommen uns alle ein bisschen gleicher machen? Überhaupt nicht, meint der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge in der SZ. Erstmal müssten wir den Sozialstaat abschaffen, denn Grundeinkommen und Sozialstaat könne auch die reiche Bundesrepublik nicht finanzieren. Und die Verteilung des Geldes nach dem Gießkannenprinzip erscheint ihm auch nicht wirklich gerecht: "Völlig unberücksichtigt lässt das Grundeinkommen die Lebensumstände der Individuen. Alle erhalten denselben Geldbetrag, unabhängig davon, ob sie ihn brauchen oder nicht. Auf diese Weise gewährleistet das Grundeinkommen zwar eine für jeden gleich hohe Minimalabsicherung, der Spezialbedarf vieler Menschen, etwa von Schwerstbehinderten, die teure Geräte oder eine Vollassistenz brauchen, werden hingegen missachtet." Butterwegge plädiert daher lieber für eine "solidarische Bürgerversicherung" in die auch Freiberufler, Beamte und Politiker einzahlen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2017 - Ideen

Im Interview mit der NZZ legt der amerikanische Ökonom Richard Florida seine Ideen dar, wie die enorm gewachsene Kluft zwischen Stadt und Land zu überwinden sei. Dezentralisierung ist sein Motto: "Weniger Föderalismus, mehr Lokalismus und Devolution, der Übertragung von parlamentarischer Gewalt an lokale Behörden. Wenn Städte weiterhin prosperieren und gleichzeitig die USA als Nation bestehen sollen, sollten wir die föderale, vertikale Gewaltentrennung ernsthaft überdenken und neu austarieren, um die Macht der Bundesregierung umzuverteilen. Kurzfristig brauchen wir integrierten Wohlstand auf lokaler Ebene durch die forcierte Zusammenarbeit von lokalen Unternehmen, Gewerkschaften, Nachbarschaftsgruppen und Ortsbeiräten. So schafft man Wert, den man sich leisten kann bei weniger Segregation. Das Langzeitszenario dahinter muss die nachhaltige Übertragung von politischer Macht auf die Lokalebene sein."
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