9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2017 - Ideen

In der NZZ überlegt Hans Ulrich Gumbrecht, ob es Amerika unter einem Donald Trump immer noch besser hat als Europa. Irgendwie schon, meint er: "Statt einen freien Horizont der Möglichkeiten sehen wir in der Zukunft Gefahren und Katastrophen, die unvermeidlich auf uns zukommen (der Klimawandel ist nur die prominenteste unter ihnen). Statt jede Vergangenheit hinter uns zu lassen, ist unsere Gegenwart - nicht zuletzt aufgrund elektronischer Speichertechnologien - von Materialien aus vielfältigen Vergangenheiten überschwemmt. Zwischen dieser gleichsam aggressiven Vergangenheit und jener von Gefahren blockierten Zukunft ist aus der engen Gegenwart des Übergangs eine sich immer mehr verbreiternde Gegenwart der unübersichtlichen Gleichzeitigkeiten geworden. Je breiter die Gegenwart wird, desto deutlicher artikuliert sich die Zeit in einer Hektik ohne Richtung, die keine langfristigen Entwicklungsbewegungen mehr zeigt." Alles klar?

Außerdem: In der Zeit warnt Harald Welzer vor einer allzu großen Euphorie in Bezug auf die Digitalisierung.
Stichwörter: Hans Ulrich Gumbrecht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2017 - Ideen

Im Freitag setzt sich Leander F. Badura mit dem "Blockwartdenken" einer angeblichen Linken auseinander, die permanent nach Spuren "kulturelle Aneignung" und Zurschaustellung "weißer Privilegien" fahndet: "Der Vorwurf der kulturellen Aneignung fügt sich passgenau in das Konzept des Ethnopluralismus ein - einer Lieblingsidee der Neuen Rechten, die besagt, dass jede 'Volksgruppe' eine eigene Kultur habe und gefälligst auch bei dieser bleiben solle. Das ist nicht nur historisch betrachtet Unsinn, es entspricht auch eins zu eins dem Kulturbegriff alter und neuer Rechtsradikaler. Bevor die Nazis einst dazu übergingen, die Juden systematisch zu vernichten, wiesen sie ihnen gesonderte Plätze zu. Manche jüdische Komponisten und Musiker durften zwar noch arbeiten - aber nur Werke spielen, die von Juden komponiert worden waren. Die deutsche Kultur sollte 'rein' gehalten werden."

Wo der Wahnsinn kultureller "Reinheit" hinführt, beobachtet Veronika Hartmann für die NZZ gerade in der Türkei: "Was Präsident Erdogan als 'richtige' Kunst und Kultur betrachtet, erklärte er ebenfalls ausführlich: 'Ein Kulturverständnis ohne Moral führt uns höchstens in die Entartung', sagte er und fügte hinzu: 'Das Ziel von Kunst und Kultur besteht darin, dass der Mensch geistige und moralische Reife erlangt.' Als dabei hinderlich betrachtet er den 'Kulturimperialismus' aus dem Westen und findet, dass die Türkei sich auf ihre nationalen und einheimischen Werte besinnen sollte: 'Wenn man heute bei einer Person auf Istanbuls Straßen nicht mehr anhand der Körpersprache, der Kopfbedeckung, der Schuhe und der Kleidung erkennt, welcher Kultur sie angehört, dann bedeutet dies, dass wir uns im Würgegriff kultureller Dürre befinden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2017 - Ideen

Sehr viel retweeted wird ein New York Times-Artikel des Literaturwissenschaftlers und Kanzlers der New York University Ulrich Baer über die Generation Schneeflocke. Als "Snowflakes" werden Studentinnen und Studenten bezeichnet, die sich in ihrem Sosein als Frau/Schwarzer/LGBT-Person et etcetera verletzt fühlen, wenn gewisse nicht genehme Personen auf Uni-Veranstaltungen reden sollen. Baer bringt Verständnis für dieses Verhalten auf und begründet es mit einer nötigen Privilegierung der "Erfahrung" gegenüber dem "Argument". Das extreme Beispiel, das er dafür wählt, sind Holocaust-Opfer, die nicht von Holocaust-Leugnern in eine Lage gebracht werden dürfen, die auf Selbstrechtfertigung hinausläuft. Und darum soll den "Schneeflocken" stattgegeben werden, findet Baer: "Liberale Verfechter der freien Rede bestehen eilends darauf, dass die Ansichten dieser Individuen zunächst angehört werden müssen, bevor man sie zurückweist. Aber das ist nicht der Fall. Universitäten laden Sprecher nicht ein, um anderweitig nicht verfügbare Entdeckungen zu ermöglichen, sondern um dem Publikum Ansichten zu präsentieren, die bereits bekannt sind. Wenn diese Ansichten die Humanität mancher Menschen herabsetzen, dann schränken sie freie Rede als öffentliches Gut ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2017 - Ideen

Die Moskauer Lyrikerin und Chefredakteurin des Kulturportals colta.ru, Maria Stepanowa, ist in der NZZ immer noch leicht fassungslos, dass die russische Form der Autokratie, die sie immer für einzigartig hielt, plötzlich weltweit Nachahmer findet: "Ich erkenne alle Symptome wieder: die Fähigkeit, unvereinbare Gesichtspunkte zusammenzuschweißen, beliebig Strategien zu wechseln, sich betont unzuverlässig zu geben und dies zu genießen, gezielt Fakten zu verfälschen, um starke Emotionen zu wecken. Ein falsches Bild der Vergangenheit wie der Gegenwart zu zeichnen, um nostalgische Gefühle für eine Zeit zu wecken, die es nie gegeben hat. ... Das Motto 'Make America great again' trifft einen wichtigen Punkt - wobei das Schlüsselwort nicht 'great', sondern 'again' ist. Was die Ideologen des neuen Konservativismus zu konstruieren suchen, ist kein Utopia, sondern ein Bunker - ein Platz, an dem man sich vor den Herausforderungen der Moderne wegducken kann."

Außerdem: Magnus Klaue beschreibt in der FAZ den Weg der Zeitschrift Tumult, die einst als ein Organ der Avantgarde galt, zu einer Zeitschrift der "neuen Rechten".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2017 - Ideen

In der Welt erinnert Hans Ulrich Gumbrecht geisteswissenschaftliche Forschergruppe "Poetik und Hermeneutik", die zwischen 1963 und 1994 die Geisteselite der alten Bundesrepublik versammelte: "In der retrospektiven Distanz des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts können wir die Leistung dieser Institution mit drei übergreifenden Funktionen verbinden: Hier vollzog sich ein folgenreicher intellektueller Übergang von der Generation der Kriegsteilnehmer hin zu den unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen. Als ein bald schon zentrales Forum mit hohem Prestige brachte 'Poetik und Hermeneutik' das Potenzial jener beiden Generationen zu seiner maximalen Artikulation. Und schließlich prägte die Forschergruppe nachhaltig - vielleicht tatsächlich bis heute - den Stil und die Prioritäten einer geisteswissenschaftlichen Elite in Deutschland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2017 - Ideen

In der NZZ erklärt Pascal Bruckner, warum er die Gleichsetzung der Kritik an einer Religion mit Rassismus, die sich im Begriff "Islamophobie" ausdrückt, ablehnt. Zum einen seien Muslime keine Ethnie, zum anderen werde der Begriff "Islamophobie" in erster Linie dazu benutzt, muslimische Kritiker des Islams zu unterdrücken: "Wir sind so Zeugen der weltweiten Fabrikation eines neuen Meinungsdelikts, wie die Sowjetunion einst eines für Volksfeinde geschaffen hatte. Es geht darum, die jungen Frauen zu stigmatisieren, die den Schleier ablegen und ohne Scham barhäuptig auf die Straße gehen wollen, die ihren Gatten frei wählen und nicht aus der Hand von Verwandten empfangen möchten. Es geht darum, die Franzosen, Deutschen und Briten türkischer, pakistanischer, maghrebinischer und schwarzafrikanischer Herkunft zu geißeln, die das Recht auf religiöse Indifferenz einfordern und ihr Leben ohne die Unterwerfung unter die Gemeinschaft führen wollen, der sie entstammen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2017 - Ideen

d"Français, n'éteignez pas les Lumières!", ruft Peter Sloterdijk im Gespräch mit Nicolas Truong von Le Monde. Auf die Frage, wie er sich die gleichzeitige Blüte des Rechts- und Linkspopulismus erklärt, antwortet er: "Ich würde nicht von Durchbruch, sondern eher von einer notwendigen Klärung sprechen. Der Populismus ist seit 1793 eine Konstante in der französischen Politik. Schon Robespierre glaubte mit Gewissheit, dass er selbst das Volk sei. Auch Napoleon III. war überzeugt, dass er das Volk verkörperte und darum ein Recht auf die größtmögliche Mehrheit hatte. Die aktuellen Populisten knüpfen an dieses Schema an. Der elementare Algorithmus jedes Populismus ist seit je: Der Teil ist das Ganze, die wenigen sind die Gesamtheit."

Im Interview mit der SZ prangert der französische Schriftsteller Edouard Louis die sozialdemokratische Linke à la Macron an, die keinen Begriff mehr habe vom Klassenkampf, von Armut und deren demoralisierenden Folgen. Aber er kritisiert auch die Idealisierung der Armen von Links: "Die Leute wünschen sich so eine romantisch-gemütliche Sache, dörfliche Szenerien mit knorzigen Typen. An dieser Mystifizierung der Armut haben viele Künstler mitgewirkt, schauen Sie sich Bücher von Jean Genet, Filme von Pier Paolo Pasolini und Ken Loach an. Da gibt es immer die authentischen Armen gegen die verlogenen Bürger. Solche Werke stabilisieren die Verhältnisse, weil der Zuschauer denkt, es geht ihnen doch gut, so ehrlich, wie sie leben, haben sie doch ihre Würde, wozu etwas ändern? Dabei war es eine Hölle der Gewalt, und dagegen schreibe ich an."

"Die menschliche Geschichte ist die Geschichte begehrter Begierden", schrieb einst Alexandre Kojève. Heute äußert sich dieses Begehren als Selbstoptimierung durch Selbstdesign, erklärt Boris Groys in der NZZ und ermuntert zur Lektüre von Jean-François Lyotards Essay  "Ob man ohne Körper denken kann" von 1987: "Die wahre Herausforderung besteht .. in der Schaffung einer neuen Hardware, die den menschlichen Körper ersetzen könnte - darin, ein neues Medium zu finden, in das die menschliche Software, das heißt das Denken, eingeschrieben werden könnte. Laut Lyotard ist die Möglichkeit einer solchen Einschreibung deswegen gegeben, weil 'die Technik keine Erfindung der Menschheit ist'. Die Entwicklung der Technologie ist ein kosmischer Prozess, in den die Menschen bloß periodisch involviert sind. Durch die Verschiebung des Fokus von der Software (Haltungen, Meinungen, Ideologien) zur Hardware (Organismus, Maschine, deren Kombinationen, kosmische Prozesse und Ereignisse) hat Lyotard den Weg zum Denken des Post- oder Transhumanen eröffnet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2017 - Ideen

Historische Vergleiche, gern auch mit den dreißiger Jahren, liegen den Kommentatoren angesichts der politischen Umwälzungen überall auf der Zunge, beobachtet Nora Bossong in der taz und warnt: "Vielleicht aber liegt das neu erwachte Geschichtsbewusstsein nicht nur an den entschleunigenden Analysevorteilen, sondern zumindest ein Stück weit auch daran, dass man so die Frage, wie genau denn die Zukunft aussehen könnte oder sollte, noch ein wenig vor sich herschieben kann. Sogar eine genaue Beschreibung der Gegenwart kann umschifft werden, da man sich im metaphorisch Ungefähren aufhält."

Jetzt, wo auch ein amerikanischer Präsident auf den Wahrheitsbegriff pfeift, wachen viele Intellektuelle aus ihren postmodernen Träumen auf und finden sich in einer höchst ungemütlichen Wirklichkeit wieder, diagnostiziert in der NZZ der Schriftsteller Karl-Heinz Ott. "Bis heute glauben wir, dass Wissenschafter die Wahrheit verkünden, auch wenn wir betonen, dass Wahrheit nichts als ein soziales Konstrukt ist. Mit dieser Schizophrenie sind wir stets bestens zurechtgekommen, und sei es, weil sie uns gar nie bewusstgeworden ist. Allerdings wollten wir unseren Glauben, dass es keine objektive Wahrheit gibt, auch nur mit Leuten teilen, die sich politisch auf ähnlicher Linie bewegen. Die andern sollten sich gefälligst weiterhin an klare Wahrheiten halten. ... Jetzt stehen wir da und können nur stammeln: So war das nicht gemeint! Fragt sich nur, ob man es sich damit nicht zu leichtmacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2017 - Ideen

In der SZ-Reihe zur Globalisierung verteidigt heute der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe die Globalisierung, die - weltweit gesehen - mehr Wohlstand bringe: "Das muss nicht heißen, die Globalisierung einfach geschehen zu lassen und auf jede politische Gestaltung zu verzichten. Mit dem deutschen Ökonomen Friedrich List (1789-1846) gesprochen, läge aber eine Entfaltung der 'produktiven Kräfte' etwa durch Bildungsanstrengungen und ein Schutz der Globalisierungsverlierer durch sozialstaatliche Maßnahmen sehr viel näher als die Bekämpfung einer globalen Arbeitsteilung, deren positive Effekte insgesamt unstrittig sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2017 - Ideen

Dem britischen Autor Andrew Doyle platzt der Kragen angesichts der Dummheit linker Identitätspolitik, die mit Hannah Blacks Protest gegen Dana Schutz einen neuen Tiefpunkt erreicht hat, wie er in einem aus Spiked übernommenen Text in der NZZ meint: "Die Vorschlaghammer-Taktik der neuen Identitätspolitik hat wenig mit dem zu tun, was wir unter politischer Korrektheit zu verstehen gewohnt waren. Die stillschweigend eingehaltenen Regeln, die Höflichkeit und Anstand am Arbeitsplatz, in der Schule oder im öffentlichen Raum vorschreiben, werden trotz gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten kaum je infrage gestellt. Was wir jetzt sehen, ist jedoch etwas völlig anderes und wesentlich Unheimlicheres: eine mutierte Form der politischen Korrektheit, die Sprache und Denken unter Beobachtung stellt. Es ist eine autoritäre Bewegung, angeführt von wohlmeinenden Aktivisten, die blind sind für ihre eigene Bigotterie...Sie benehmen sich wie ein Dorftrottel, der sich freiwillig an den Pranger stellt und dann jammert, weil ihn die Leute mit faulem Obst beschmeißen."

Hanna Lühmann sieht das in der Welt ähnlich. Ihr Beispiel ist die Kritik einer Autorin im Popmagazin Kaput, die der Band Kraftclub "Slut-Shaming" vorwirft, weil in einem Songtext mit der untreuen Ex-Freundin abgerechnet wird: "Durch die Bezeichnung Hure sieht die Kaput-Autorin die Ex-Freundin des lyrischen Ichs beleidigt. Diese werde gehasst und zwar nicht 'als Verräterin einer Liebe', sondern 'eben als Frau'. Und weil der Begriff Hure mit dem Konzept der Entehrung der Frau durch Sex mit anderen Männern verbunden sei, sei es kein Wunder, 'dass Sexarbeiterinnen um ihre Sicherheit bis hin zu ihrem Leben fürchten müssen'. Vom 'Hure'-Sagen zum Hate-Fuck mit anschließender Ermordung. Grenzt das nicht an Sprachmagie? Kann es sein, dass die Kulturkritik an Infantilisierung ihrer Methoden leidet?"
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