9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2017 - Ideen

Die Bloggerin Annekathrin Kohout untersucht auf ihrem eigenen Blog und beim Merkur (hier) ein Youtube-Video über "popular Culture" des neurechten Autors Paul Joseph Watson, der Trump nahesteht und zwei kulturpessimistische Diskurse verschränke: den gegen moderne Kunst und den gegen populäre Kultur: "Watson changiert zwischen diesen beiden Traditionen des Kulturpessimismus. Das ist verwirrend, weil sie sich in ihren groben Varianten in ihren Motivationen widersprechen. Während die einen den 'Untergang' der westlichen Zivilisation an der Hochkultur ablesen, mit der Motivation, Kritik an einer sich immer weiter isolierenden Elite zu formulieren, sehen die anderen in der populären Kultur Anzeichen für den Kulturverfall und wollen damit nicht zuletzt gerade ihr eigenes Elitebewusstsein schärfen."
Stichwörter: Kulturpessimismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2017 - Ideen

Haben Mark Lilla (unsere Resümees), Nassim Nicholas Taleb (hier) und Fred Turner (unser Resümee) Recht, wenn sie den "technophilen" kalifornischen Hippies der Sechziger eine Mitschuld am Wahlsieg Donald Trumps geben? Mit ihren Träumen von der liquid democracy, der direkten Demokratie, die mit den Internet zum Greifen nahe scheint? Da ist schon was dran, meint Thomas Assheuer mit einer gewissen Genugtuung in der Zeit: "Trump ruft ebenfalls 'Kill the middleman' und greift die Institutionen an, damit Volkes Stimme wieder ­ Gehör finde, unverdünnt, ungefiltert und direkt. Möglich, dass der Internetgemeinde Donald Trump als analoge Farce der digitalen Disruption erscheint, jedenfalls zwingt er sie zur Selbstaufklärung. Sie denkt nun anders über schöpferische Zerstörung, über direkte Demokratie und die Abschaffung der Vermittler. Zum ersten Mal endete dieser Tage das Technik-Festival South by Southwest in Texas nicht in szenetypischer Selbstbeweihräucherung, es ende­ te im Katzenjammer und in Sätzen wie 'Nur weil du ein guter Software-Ingenieur bist, kannst du noch keine guten Gesellschaften bauen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2017 - Ideen

In der NZZ wirbt Charlotte Wiedemann für mehr Verständnis für den Iran, dieses "schwierige und oftmals missverstandene Land". Vor allem die Unterscheidung zwischen "guten Persern" und "bösen Iranern" stößt ihr auf: "Verklärung ist die kleine Schwester der Dämonisierung. Iranische Künstler, zumal Frauen, erfahren im Westen eine besondere Empathie. Ihr Werk scheint allein schon deshalb zu leuchten, weil es aus einem vermeintlichen Reich der Finsternis kommt. Manche Künstler reiten diese Welle; anderen missfällt es, bei einer Auszeichnung nicht zu wissen, wie viel davon politisch motivierter Bonus ist. Heutige Persertümelei erinnert überdies an eine unselige Liaison zwischen Iran und Nationalsozialismus."

Außerdem: In der Welt schreibt Matthias Heine eine kleine Kulturgeschichte der Nazi-Vergleiche.
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Stichwörter: Iran

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2017 - Ideen

Bob Silvers, langjähriger und bis zuletzt aktiver Herausgeber der New York Review of Books ist im Alter von 87 Jahren gestorben, meldet William Grimes in der New York Times. Bis ins Jahr 2006 hatte er sich diese Aufgabe mit Babara Epstein geteilt. "Die 1963 gegründete New York Review of Books hatte eine Mission", schreibt Grimes. "Sie sollte die Standards von Buchbesprechungen und der literarischen Debatte in den Vereinigten Staaten heben und eine Mischform des politisch-kulturellen Essays etablieren. Silvers trug zu diesen Seiten mit selbstverleugnender, fast priesterlicher Hingabe bei, die seine Person mit seiner Publikation geradezu verschmolz." Im New Yorker schreibt Adam Gopnik.

David Wolf, Longreads-Redakteur des Guardian, erinnert in einem Tweet an Silvers' Ethos der Redaktionsarbeit:

RIP Bob Silvers. I think of this quote from him every day pic.twitter.com/fwyr6plcEX
Außerdem: In der FAZ macht sich Dietmar Dath Sorgen um die Stabilität der westlichen Gesellschaften.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2017 - Ideen

In der FR unterhält sich Arno Widmann mit dem Philosophen Thomas Leinkauf über dessen fast zweitausend Seiten dicke Philosophiegeschichte der Renaissance. Mit dem Wandel heute könne man die Renaissance nicht vergleichen, meint er: "Wir sind in einem bisher unvorstellbaren Maße unentwegt in immer neuen Konstellationen mit immer größerer Geschwindigkeit miteinander vernetzt. Das ändert alles. Unsere Lage hat sich, bevor wir sie erkennen und darstellen können, schon wieder geändert. Wir können so kein Bewusstsein unserer selbst bekommen. Das ist das Eine. Dann gibt es noch die in der Wissenschaft sich ereignenden Erkenntnisschübe: Mikrophysik, Mikrobiologie. Das ist unabsehbar. Wir arbeiten am offenen, pulsierenden Herzen des Wissens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2017 - Ideen

Wie man sich als Opfer inszeniert, kann man bestens von Donald Trump lernen, meint in der NZZ Daniele Giglioli, der dieser Sehnsucht nach dem Opferstatus etwas geradezu infantiles bescheinigt: "Ein Kind hat keine Pflichten, nur Ansprüche. Mehr noch, das Kind kann noch nicht einmal die Möglichkeit bedenken, nicht geliebt zu werden. Das Kind, dem die Liebe verweigert wird, ist die Quintessenz des Opfers. Sich darüber Rechenschaft zu geben, dass uns nicht alle lieben, dass nicht alle gehalten sind, uns zu lieben, ist das bittersüße Privileg des Erwachsenwerdens."

Außerdem: In der FAZ erkundet Gina Thomas die letzte Bastion der Linken in Britannien - die Universitäten und verweist auf das Free Speech University Ranking der Zeitschrift Spiked. Und auf den Geisteswissenschaftenseite der FAZ schreibt Christina Dongowski nochmal eine ganze Seite über Didier Eribons Feuilletonhit "Rückkehr nach Reims".
Stichwörter: Donald Trump

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2017 - Ideen

Nach "kultureller Aneignung" gilt es aus dem Wörterbuch der allerneuesten Linken noch ein neues Wort zu lernen: "Intersektionalität". Die postkolonialen Forscher Aram Ziai und Franziska Müller erklären in der taz in Antwort auf Mark Lilla (unser Resümee) und andere Autoren, die linke Identitätspolitik für den Aufstand der "Abgehängten" verantwortlich machen: "Dabei sollte klar sein, dass Ausgrenzung und Ausbeutung und deswegen auch Identitätspolitik und soziale Gerechtigkeit nicht als konkurrierende Prioritäten gedacht werden dürfen. Das Zauberwort dafür heißt Intersektionalität: die Überschneidung verschiedener Unterdrückungsformen wie Rassismus, Sexismus und Klassismus ist zu untersuchen. Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass die identitätspolitische Ausgrenzung von anderen immer auch dazu gedient hat, ihnen Arbeitsrechte oder gleiche Löhne vorzuenthalten und sie leichter auszubeuten." Die Autoren beziehen sich besonders auf einen Artikel Winfried Thaas, der letzte Woche in der taz erschien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2017 - Ideen

Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen den ganz Rechten und den ganz Linken, fragt Nick Cohen im Observer, nachdem er den unter anderem von Glenn Greenwald mit verantworteten Film "All Governments Lie" gesehen hat, in dem von "den Medien" als einem Komplex die Rede ist: "'Nachrichtenmedien sind eher propagandistische als journalistische Einrichtungen', raunt da eine Stimme,  bevor die Kamera auf einen elegant angezogenen Gentleman schwenkt, der behauptet, dass die Elite in Britannien und den USA ihre Macht aufrechterhält, indem sie die 'Haltungen und Meinungen' kontrolliert. Dieser elegant aussehende Herr ist Noam Chomsky, der hier über ein altes Thema doziert: sein Propagandamodell des Journalismus. Statt sich mal der Frage zuzuwenden, warum der revolutionäre Sozialismus versagte, behaupten Chomsky und seine vielen Ahänger auf der abgehängten Linken, dass Journalisten im Auftrag reicher Medientycoone und Werbekonzerne die Massen manipulieren und dazu treiben, gegen ihre Interessen zu stimmen."

Weiteres: In der NZZ macht sich Adrian Lobe große Sorgen, dass irgendwann die Grenze zwischen Mensch und Computer fallen könnte. Die Menschen, glaubt er, werden "selber immer maschinenähnlicher. Anderseits haben wir es mit Maschinen und KI-Systemen zu tun, die immer intelligenter und zumindest in gewisser Weise vielleicht sogar menschenähnlicher werden." Und der Philosophieprofessor Ralf Konersmann denkt über das Warten nach: "Sollte, wofür einiges spricht, das Warten eine Kunst sein, dann besteht sie darin, dem Wartenmüssen mit Wartenkönnen zu begegnen, und das heißt: das Warten, im schönen Doppelsinn dieses Wortes, zu verstehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2017 - Ideen

Obwohl heute Weltfrauentag ist, macht die taz unter dem Titel "Wir sind viele" eine Beilage über "People of Color, Muslim*innen, Trans*menschen, Reiche, Arme und Geflüchtete", den ganzen Regenbogen also, in dem die Frauen allenfalls eine Farbe darstellen - man wundert sich höchstens, dass "Reiche" dazugehören und dass nicht wenigstens eine Frau in der Grafik mit Kopftuch dargestellt ist.

"Seit einiger Zeit bin ich an der AfD schuld", schreibt die taz-Frauenredakteurin Heide Oestreich in ihrem Debattenbeitrag dazu: "Ich soll ja keine Identitätspolitik mehr machen. Und wenn nun die People of Color kommen und finden, sie würden ebenso 'entnannt', also ignoriert, oder die Trans*menschen fordern eigene Toiletten, und dann noch diese Genderideologen in ihrem Elfenbeinturm, dann halten die alle bitte in Zukunft die Klappe, denn sie ärgern damit den weißen kleinen Mann nur noch mehr, der dann wieder AfD wählen muss. Die Aufzählung macht eines gleich sonnenklar: Menschen, die Diskriminierung abbauen wollen, sollen schweigen. Und leider greifen auch vermeintlich Linke zu dieser Argumentation."

Während die taz Frauen am Frauentag zur Untergruppe erklärt, legt Hengameh Yaghoobifarah in der unvermeidlichen Attacke auf Alice Schwarzer dar: "Alice Schwarzers Zeitschrift Emma gilt für viele Frauen seit 40 Jahren als feministisch. Ein genauerer Blick genügt, um festzustellen, dass sie es eigentlich nicht ist, denn sie steht nur für einen bestimmten Anteil von Frauen."

Immerhin: Christa Wichterich macht in dem Dossier auf die Allianz von  Islam und Christentum aufmerksam: "In den 1990er Jahren waren es vor allem der Vatikan und ein paar islamistische Staaten wie der Sudan und der Iran, die vereint unter dem Banner der Familie gegen Abtreibung und sexuelle Vielfalt zu Felde zogen. Später kamen Irland, Malta, Polen, Russland und Ägypten als konservative Wortführer hinzu, um mit Parolen wie 'Family First' fortschrittliche Positionen der EU bei den Verhandlungen zu blockieren. Sie eint die Ablehnung von Feminismus als 'gemeinschaftszersetzende' Kraft."

In der Stuttgarter Zeitung erklärt die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini das Phänomen des Feminicidio, die Tötung von Frauen durch ihren Partner oder Ex-Partner, in Italien: "Sobald die Frau den Wunsch nach Eigenständigkeit äußert, arbeiten will, ­ausgehen will, reisen will, beginnt für diesen Typ Mann die Krise. Er verliert seine Privilegien, die er glaubt als Mann zu haben, das Privileg des Besitzes und das der Dominanz. ...  Wenn wir uns erinnern: Selbst das Gesetz hat noch bis zum ­Ende des letzten Jahrhunderts dieses Besitz-Konzept legitimiert. Das Gesetz zum Ehrenmord wurde erst 1981 abgeschafft. Und bis in die neunziger Jahre konnte eine Frau ins Gefängnis wandern, wenn sie ihren Mann betrog. Andersherum hatte der Mann nichts zu befürchten."

Im Tagesspiegel erinnert Ronja Ringelstein die Frauen, die beim Stichwort Feminismus mit den Augen rollen, daran, wie schnell einst erkämpfte Rechte wieder fallen: "Die Szene vergangene Woche im Europäischen Parlament wirkte wie aus der Zeit gefallen: Der polnische Nationalist und EU-Abgeordnete Janusz Korwin-Mikke sagte bei einer Plenarsitzung: 'Natürlich müssen Frauen weniger verdienen als Männer, denn sie sind schwächer, kleiner und weniger intelligent.' Der Mann ist 74 Jahre alt. Seine Meinung ist heute in der westlichen Welt nicht mehrheitsfähig. Die Frage, die sich dennoch jetzt stellt: Ist er ein übrig gebliebenes Fossil oder der Vorbote einer neuen Zeit?"

Karl Heinz Bohrer legt einen neuen Band seiner Autobiografie vor, in dem er die in Band 1 ausführlich beschriebene Schulzeit offenbar glücklich überwunden hat. Im Gespräch mit Jürgen Kaube von der FAZ erklärt er, wie er sich gegen die marxistischen Versuchungen der 68er-Zeit impfte: "Das Buch von Artur Koestler, 'Sonnenfinsternis', hatte mich zutiefst beeindruckt, und ich machte mir seine politischen Urteile über den Kommunismus zu eigen. Daran änderte auch meine große Bewunderung für den frühen Sartre nichts, den ich geradezu inhalierte. Sartre verwarf Koestlers Beschreibungen als reaktionären Impuls eines ehemaligen Kommunisten. Das hat mich sehr geschmerzt, aber es änderte nichts. Die Anhänger des Marxismus damals sprachen eine Sprache, die mir verdächtig vorkam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2017 - Ideen

Im Interview mit der NZZ denkt die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja über das System Putin nach und Wege aus der weltweiten Misere der Geschichtsvergessenheit und des aufblühenden Nationalismus: "Ich hoffe auf etwas, das man eine kulturelle Globalisierung nennen könnte, wenn das Wort nicht verbraucht wäre. Viele finanzielle, wirtschaftliche und ökologische Probleme können nur auf einer planetaren Ebene gelöst werden. Unsere Regierung, die komplett rückwärtsgerichtet handelt, verneint die Tatsache, dass die Welt bereits global funktioniert. ... Jeder evolutionäre Schritt dauert lange, aber er kann nicht rückgängig gemacht werden. Ich bin ja von meiner Ausbildung her Genetikerin."

Auch Judith Butler setzt im Interview mit der FR auf eine "transnationale Bewegung" im Kampf gegen wachsenden Rassismus und Nationalismus: "Solche Bewegungen schließen einen lokalen Kampf gegen nationale rassistische Agenden ebenso ein wie übergreifende Formen der Solidarität. Wir müssen zudem darüber nachdenken, wie die sogenannte 'Flüchtlingskrise' massive Verteilungsfragen zwischen Nord- und Südeuropa, aber auch zwischen Europa und seiner Peripherie, die Türkei und die Balkanländer inbegriffen, erzeugt hat. Ich fürchte, dass die gegenwärtige Krise in den USA unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf uns selbst richtet und uns bindet, während die steigenden Gezeiten des Rassismus eindeutig einen transnationalen Charakter haben."

Weiteres: Abgedruckt ist in der NZZ außerdem das Nachwort des amerikanischen Ideengeschichtlers Mark Lilla aus seinem neuen Buch "The Shipwrecked Mind: On Political Reaction". Es geht um das Denken in Epochen und die gute alte Zeit. Die Zeit hat Jens Jessens Artikel über die Elite online nachgereicht: "Der neue Elitenhass ist im Kern vorpolitisch: Er ist Zivilisationshass."
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