9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

1624 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 163

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2022 - Ideen

Wir brauchen einen neuen Pazifismus, ist SZ-Autorin Nele Pollatschek überzeugt, denn man brauche Pazifisten genau dann, "wenn fast alle sich für massive Waffenlieferungen aussprechen. Gerade weil man sich an einem Krieg beteiligt, braucht man Menschen, die sich niemals an einem Krieg beteiligen würden. Man muss die Argumente gegen Krieg genau dann hören, wenn man sie am wenigsten hören will."
Stichwörter: Pazifismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2022 - Ideen

Der Vorstand der "Gesellschaft für Analytische Philosophie" (GAP) hat ihren Gründer Georg Meggle von einer Tagung ausgeschlossen, weil er im letzten Jahr den "Krefelder Appell" unterschrieben hatte. Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter fragt in der NZZ, wann die intellektuelle Welt eigentlich so tugendhaft wurde: "Vor zwanzig Jahren... wäre die Unterschrift ausgerechnet des Ehrenpräsidenten einer Philosophengesellschaft unter einem wüsten Appell Stoff zum Tratsch und für Witze gewesen - aber Anlass für die öffentliche Zurechtweisung des Kollegen und seine Ausladung von einem Kongress? Daran hätte man nicht im Traum gedacht. In diesem lange vergangenen Zeitalter nahm man es mit Humor, dass Menschen auch Blödsinn verzapfen. Oder unterschreiben."
Stichwörter: Cancel Culture

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2022 - Ideen

Warum gibt es selbst noch angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine so viel Hass gegen den Westen? Von Alexander Dugin über Giorgia Meloni bis hinein in die eigenen akademischen Milieus? "Gemeinsam "ist allen Kritiken des 'Westens', ihm die eigenen Versprechen entgegenzuhalten", schreibt der Soziologe Armin Nassehi in der SZ. Aber das ist ein Missverständnis, meint er. Der Westen ist nicht perfekt. Dafür ist er widersprüchlich und lernfähig, und das ist besser als Perfektion, weil es Potenzial hat: "Die Herausforderungen des 'Westens' bestehen darin, die Fähigkeit zur Selbstkritik wirklich ernst zu nehmen und zu lernen, dass aus der gruppenspezifischen Erfahrung von Chancenungleichheit und strukturellen Hindernissen nicht die Idee der gruppenspezifischen Verteilung von Rede-, Reflexions- und Repräsentationsrechten wird. Wenn es jenseits einer intellektuellen oder denkgeschichtlichen Erfahrung des Westens ein wirklich westliches Erbe gibt, dann ist es die eigene langsame Inklusionsgeschichte, immer mehr Gruppen gemäß den eigenen Standards zu Individuen zu emanzipieren, die sich nicht durch ihre Gruppenzugehörigkeit definieren."
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Stichwörter: Nassehi, Armin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2022 - Ideen

Die Autorin, Übersetzerin, Hannah-Arendt-Expertin und Perlentaucherin Marie-Luise Knott, gerade mit dem Tractatus-Preis für hervorragende Essayistik ausgezeichnet, untersucht in ihrem jüngsten Essay "370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive - Hannah Arendt und Ralph Ellison" einen bestimmten Ausschnitt der Debatte um Diskriminierung, Rassismus und Integration. Knott erklärt im Gespräch mit Jörg Phil Friedrich von der Welt, warum sie dem Begriff Integration skeptisch gegenübersteht: "Solange alle versuchen, sich in etwas einzufügen, gestalten sie nicht. Und es gibt ja auch einige Beispiele in meinem Buch, etwa dort, wo ich Ellisons Stolz auf den Jazz beschreibe. Ellison weiß: 'unsere' Kunst ist unsere Kunst, und die bringen wir ein. Die Weißen haben schon längst unsere Kunst aufgenommen, sie ist längst bei ihnen angekommen. Und das bedeutet ja, alle könnten den Dialog suchen - und es gibt ihn ja auch. Nur man tut so, als ob es das nicht gäbe. Wenn man von 'integrieren' spricht, dann will man die Leute ja in sein eigenes System hineinholen, statt das eigene System für die bislang Ausgeschlossenen zu öffnen. Deren Mit-Wirken zu suchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2022 - Ideen

Klimawandel, Krieg in Europa, drohender Stromausfall im Winter mit allen Konsequenzen, die das für die Wirtschaft und den Einzelnen nach sich zieht - und worüber diskutieren wir? Winnetou, Habecks Kinderbücher und Gendern, ärgert sich Hilmar Klute (SZ) in einem großen Rundumschlag gegen das "Espressogeschwätz" in Kultureinrichtungen und Medien: "So betreiben Zeitungen, Sender und Agenturen die eigene Kernschmelze. Eine Zeitung, die nicht mehr selbst bestimmt, was relevant ist, und eine Sprache dafür findet, die sich deutlich abhebt vom Einerlei der TV-Bauchbinden und Push-Meldungen, ist dem Tode geweiht. Ein Depeschendienst, der eine sprachliche Ungeschicklichkeit zur ernsthaften Nachricht erklärt, karikiert seine eigene Dienerschaft an der Wahrhaftigkeit. TV-Nachrichten, die die Horrorbilder aus der Ukraine mit trauriger Klaviermusik unterlegen, verhöhnen die Opfer. Wir bekommen gerade politische Realität in einer Wucht zu spüren wie kaum je zuvor."

Was würde gegen das Espressogeschwätz helfen? Klare Worte, wie die Dichterin Amanda Gorman sie in ihrer Rede für eine neue Klimapolitik vor der UN fand. Die war gut, lobt Felix Stephan in der SZ. Nur eins war sie nicht: Lyrik. "Dem hartnäckigen Beharren auf dem lyrischen Charakter ihrer Reden liegen in diesem Zusammenhang wahrscheinlich zwei Fehlschlüsse über die Dichtkunst zugrunde. Dass nämlich Lyrik erstens schon da anfängt, wo etwas schön gesagt wird. Und dass es zweitens für die moralische Richtigkeit einer bestimmten politischen Handlung spricht, wenn sie schön ausgedrückt werden kann. ... Die Rede, die Peter Handke beispielsweise am Grab von Slobodan Milošević gehalten hat, hätte den Gipfel abendländischer Dichtkunst markieren können, sie wäre moralisch und politisch trotzdem nicht haltbar gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2022 - Ideen

"Als Plattformdenker wie -kritiker ist Habermas dem deutschen Diskurs weit voraus", finden die Medienwissenschaftler Andreas Barthelmess und Stefan Börnchen in der taz und reihen den Autor des "Neuen Strukturwandels der Öffentlichkeit" in die Phalanx der Netzkritiker à Jaron Lanier oder Shoshana Zuboff ein: "In der westlichen Welt ist heute Google die Suchmaschine, Amazon der Onlinehändler und Facebook das soziale Netzwerk. Wettbewerb und damit auch Vielfalt im alten Sinne gibt es hier nicht mehr. Das Paradox lautet: Wettbewerb findet statt - aber nur auf dem Kanal von Twitter, Facebook und Instagram. Dieses Kuratierungsmonopol der Plattformen, ihre Gleichgültigkeit, ja ausdrücklich erklärte Nichtverantwortlichkeit gegenüber jeglichem Inhalt sowie ihre ökonomische Eskalationsagenda übersieht der deutsche Diskurs - nicht aber Habermas."
Stichwörter: Habermas, Jürgen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2022 - Ideen

Thomas Meyer schreibt in der SZ den Nachruf auf den berühmten Logiker Saul Kripke, nach dessen Einwürfen sich Kant, die Phänomenologen, die Empiriker, die Sprachphilosophen und die Wittgenstein-Anhänger neu sortieren mussten: "Es war Kant und die Phänomenologie, denen Kripke einen Fehler unterstellte: Sie hätten ihre Überlegungen auf einer Verwechslung von Apriorität und Notwendigkeit aufgebaut. Erstere gehöre zur Erkenntnistheorie, Letztere sei ein Begriff aus der Metaphysik und damit auch ein Fall für diese. Das hatte weitreichende Folgen, denn damit gerieten auch die Erfahrungswissenschaften in Nöte. In Kripkes Worten: 'Da die empirischen Wissenschaften keine apriorischen Erkenntnisse (also Erkenntnisse, die vor aller Erfahrung gültig sind) zu gewinnen trachten, können sie, falls notwendige Wahrheiten mit Wahrheiten a priori gleichzusetzen sind, auch keine Wesenserkenntnisse liefern.'" In der FAZ fasst Helmut Mayer Kripkes Erkenntnisse so zusammen: "Es gibt dann, in altehrwürdiger Sprechweise, notwendige Wahrheiten a posteriori, so wie umgekehrt kontingente Wahrheiten a priori."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2022 - Ideen

In einem interessanten Essay bekennt der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, an Sartre festgehalten zu haben, selbst als dieser Stalins Straflager verteidigte und sich Camus darüber entsetzte. Auf die große Debatte gestoßen hat ihn der venezolanische Soziologe Rafael Uzcátegui, den Vargas Llosa als undogmatischen Anarchisten und aufrechten Streiter für politische Gefangene schätzt: "Seine Essays sind ungewöhnlich, denn die lateinamerikanische Linke vertritt in der Regel keine derart demokratische Haltung. Darüber hinaus ist er nicht nur ein Theoretiker, sondern auch ein Mann der Tat. Sein Buch trägt den Titel 'La beldía más allá de la izquierda' (Die Rebellion jenseits der Linken) und vertritt eine sehr attraktive, meiner Meinung nach aber falsche oder zumindest gewagte These: Die Polemik zwischen Sartre und Camus im Paris des Jahres 1952 sei der Grund für den Infantilismus der lateinamerikanischen Linken, ihre Unfähigkeit, mit anderen progressiven Kräften zusammenzuarbeiten, und ihren hermetischen Dogmatismus, wie ihn in seiner Heimat Venezuela die Regierung zur Schau stelle, die mit niemandem ausser der kubanischen Regierung kooperiere. Ich fürchte jedoch, dass die Polemik zwischen Sartre und Camus in Lateinamerika weder die Verbreitung fand noch so lebhaft diskutiert wurde, wie Uzcátegui behauptet, sondern nahezu unbemerkt blieb."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2022 - Ideen

Keine Regierung, keine Behörde und erst recht keine Minderheit kann den knapp 200 Millionen Deutschsprechern vorschreiben, welche Wörter sie gebrauchen dürfen, schreibt Matthias Heine in seinem Buch "Kaputte Wörter", aus dem die Welt heute einen Auszug druckt: "Auch dann nicht, wenn solche Minderheiten sich von den Wörtern betroffen oder diskriminiert fühlen. Betroffenheit und Diskriminierung sind unklare psychologische Kategorien, die, wenn sie zur Legitimation politischen Handelns herangezogen werden, Willkür ermöglichen. Die lange, meist düstere Geschichte politischer Sprachlenkung bei der manischen Jagd auf Fremdwörter im Kaiserreich, der ideologischen Manipulation im Dritten Reich und in der DDR sowie zuletzt bei der Rechtschreibreform sollte eigentlich zu Zurückhaltung mahnen, zumal die beiden letztgenannten Eingriffe in den natürlichen Sprachwandel im Namen eines unklaren Fortschritts stattfanden."

"Selbst wohlmeinende Intellektuelle wollen heute lieber nicht an die Politik rühren, sondern, wenn nötig, Aktivismus betreiben", sagt die Philosophin Lisz Hirn, die mit "Macht Politik böse?" gerade eine Streitschrift über die Voraussetzungen politischen Handelns geschrieben hat, im Standard-Gespräch mit Ronald Pohl: "Ausschlaggebend für die Verfasstheit unserer Öffentlichkeit ist Social Media. In denen geht es ums Gefallenwollen. Gefallen ist die erste Empfindung. (…) Mit der Androhung des großen Stromausfalls steht und fällt unsere Kultur. Wahrscheinlich betrachten wir darum Putins Angriffskrieg viel zu oberflächlich. Er droht uns mit der Auslöschung unseres digitalen 'Geworden-Seins'. Er stellt uns vor die Frage, wer oder was wir noch sein wollen. Und wirft uns zugleich stammesgeschichtlich in ein früheres Stadium zurück. Indem er uns zum Beispiel fragen lässt, wie viel uns der Festmeter Holz zum Einheizen wirklich wert ist."
Stichwörter: Hirn, Lisz, Sprache

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2022 - Ideen

Die "Weltoffen"-Fraktion lässt sich auch nicht von dem Desaster entmutigen, das sie mit der Documenta angerichtet hat. Nun formiert sich mit Förderung des Auswärtigen Amtes eine "Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD)", die sich in einem Manifest als "ein Netzwerk von rund 50 diskursbestimmenden Intellektuellen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen, die auf unterschiedlichste Weise zu Erinnerungskultur und Vielfalt arbeiten und forschen", vorstellt. Es geht darum, welche "Selbsterklärungsprozesse" welcher Gruppen "in staatlicher Förderung, in Ausstellungen, Publikationen" sichtbar werden, also um Geld und wem es zugeteilt wird. Die Schoa wird soll zwar "als zentrales Verbrechen des 20. Jahrhunderts weiterhin im Zentrum stehen. Gleichzeitig kann dies in der pluralen Gesellschaft nur gelingen, wenn wir die Vielfalt gesellschaftlicher Erinnerungsereignisse und ihrer Träger*innen mit ihren Erinnerungen an Flucht und Vertreibung, Gewalt, Entmündigung und Überleben ernst nehmen. Das bedeutet auch das Einbeziehen historischer und aktueller Verflechtungen von Antisemitismus und Rassismus, kolonialer Geschichte und Verbrechen." Hier die fünfzig "diskursbestimmenden Intellektuellen" von Max Czollek über Kübra Gümüşay bis zu Saba-Nur Cheema, hier das Impressum und hier die vielen Stellenausschreibungen.