9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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1439 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 144

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2021 - Ideen

Zum zehnten Todestag seines Freundes Friedrich Kittler stellt Hans Ulrich Gumbrecht in der Welt fest, dass die Kittler-Rezeption erlahmt sei - auch die Ausgabe seiner Werke stocke: "Nun kann man einen solchen Prozess der Anonymisierung als Symptom maximal nachhaltiger Wirkungen auffassen, zumal er auch oft zu den unsichtbaren Spuren der wahren Genies gehört. Genies bringen etwas in die Welt, das vor ihnen nicht existierte und bald so unvordenklich wird, als hätte es nie erfunden werden müssen."
Stichwörter: Kittler, Friedrich

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2021 - Ideen

Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems und wie A. Dirk Moses Mitunterzeichner der "Jerusalem Declaration on Antisemitism", wendet sich in der taz denn doch recht klar gegen Moses' Thesen über Holocaust und Kolonialismus. Unter anderem kritisiert er Moses' Diagnose vom "Katechismus der Deutschen": "Es gibt in Deutschland schon lange eine intensive Diskussion darüber, wie sehr sich Schuldbewusstsein auch in Selbstgerechtigkeit verwandeln kann, wenn man sich bequem im Stolz auf die eigene Erinnerungskultur einrichtet. Nein, es gab nicht nur die entglittene Walser-Rede und deren Auschwitz-Keulen-Rhetorik, es gab ernsthafte, linke und liberale Kritik an sinnentleerten und politisch missbrauchten Gedenkritualen."

Außerdem: Die Soziologin Gesa Lindemann denkt bei Zeit online über die Tücken des Begriffs "Identitätspolitik" nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2021 - Ideen

Nachtragen müssen wir den Hinweis auf eine aufsehenerregende Replik zu A. Dirk Moses, die gestern auf den Wissenschaftsseiten der FAZ erschien. Es handelt sich um einen Vortrag, der auf der Tagung "Historiker streiten" im Einstein Forum in Potsdam gehalten wurde. Der Holocaustforscher Omer Bartov, der jahrelang mit A. Dirk Moses zusammenarbeitete und sich als scharfer Kritiker der israelischen Regierung positioniert - unter anderem wirft er ihr vor, "den Holocaust als internationalen Deckmantel gegen jede ausländische Kritik an der israelischen Politik" zu benutzen und bestreitet im übrigen seine Singularität - stellt Moses nun in die Nähe antisemitischer Verschwörungstheoretiker. Zusammen mit Autoren wie Niall Ferguson oder Timothy Snyder, bezeichnet er Moses als "Revisionisten": "In jüngster Zeit, drei Jahrzehnte nach dem Fall des Kommunismus und im Zuge der wachsenden Unzufriedenheit mit Globalisierung, Neoliberalismus und Demokratie, scheinen die Dinge für einen neuen, aktualisierten Revisionismus reif zu sein. Diesmal jedoch stehen viele der Begriffe und Argumente, die in den Achtzigerjahren unangreifbar schienen, zur Disposition, während bestimmte Tabus, nicht zuletzt diejenigen über antijüdische Begrifflichkeiten, zu zerfasern scheinen. Hinzu kommt, dass die alte politische Kluft zwischen rechts und links immer undurchsichtiger wird und die Extreme auf beiden Seiten immer enger zusammenrücken." Noch konkreter wird Bartov gegen Ende seines Vortrags: "Die 'Erfindung' des Völkermords als Deckmantel für den Zionismus darzustellen, der von einer Gruppe von Juden konstruiert worden sei, das verbindet sich zu leicht mit der Vorliebe unserer heutigen Gesellschaften für Verschwörungen und Komplotte." Hier ist das Video von Bartovs Vortrag.

"Wer glaubt, dass wir die Klimakrise mithilfe eines starken Durchregierens bewältigen, macht aus der offenen Gesellschaft eine Organisation", warnt der Soziologe Armin Nassehi (aktuelles Buch: "Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft") in erster Linie die Klimaaktivisten in der Welt: "Eine Gesellschaft so führen zu wollen wie ein Unternehmen oder ein Ministerium, ist die größte Dystopie überhaupt. In Organisationen kann man die Illusion haben, zentral zu entscheiden, wer was wann tut, damit die Teile zusammenwirken. Ob sie das in der Realität dann wirklich tun, sei dahingestellt. Man stellt oft fest, wie sehr Menschen in ihren Verantwortungs- und Aufgabenbereichen eigene Routinen entwickeln. Wenn das schon für Organisationen gilt, gilt es für moderne Gesellschaften erst recht. Wir haben im 20. Jahrhundert diktatorische Versuche erlebt, Gesellschaften aus einem Guss zu formieren, im Faschismus, im Kommunismus. Sie waren alle zum Scheitern verurteilt."

Mark Siemons meditiert in der FAZ (in einem online geschalteten Text der ehemaligen Sonntagszeitung der FAZ) über den Erfolg des Soziologen Andreas Reckwitz, der unter anderem darin liege, dass er seinen potenziellen Lesern - uns Bobos mit Stelle - einen Bedeutungszuwachs nachsagt. Vor allem fällt Siemons aber Reckwitz' komplette Unfähigkeit auf, seine Theorie in selbstironische Distanz zu  rücken: "Wie auch sollten großräumige Allgemeinbegriffe, mit denen ihre Urheber sich aus den Gegenständen ihrer Wissenschaft herauskatapultieren, ohne ironischen Vorbehalt zu rechtfertigen sein? Reckwitz aber nimmt Konzepte wie 'Spätmoderne' oder jetzt gar schon 'Postspätmoderne' beim Nennwert, so als spreche er über etwas, das es wirklich gibt."

Außerdem: In der FAZ rät der Wirtschaftsredakteur Philipp Krohn den Koalitionären der Ampel zur Lektüre von John Stuart Mill, Friedrich Hayek und Amartya Sen, wenn sie ihr Freiheitsverständnis harmonisieren wollen. In der Zeit rät die Philosophin Eva von Redeker zu einem neuen Freiheitsbegriff, um Corona und Klimawandel zu parieren.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2021 - Ideen

Jürgen Habermas hat in den Blättern schon im September einen Artikel über den Staat und Corona veröffentlicht, der kaum Aufmerksamkeit bekommen hat. Dabei ist er eine Bombe, schreibt Andreas Rosenfelder in der Welt (und unter der Überschrift "Die Habermas-Diktatur"), denn Habermas fordert nicht etwa eine komplizierte Abwägung verschiedener Rechtsgüter, so Rosenfelder: "Er entwirft in den Blättern, einst Leitmedium der 1968er-Bewegung, nicht weniger als den totalen Corona-Staat - ein rechtsphilosophisches Monstrum, das in seiner Allgewalt, wenn man Habermas beim Wort nimmt, jedes NoCovid-Regime von China bis Australien in den Schatten stellt. Denn der Staat, den Habermas skizziert, darf eine Infektionsvermeidung um jeden Preis nicht bloß verfolgen. Nein: Er muss es tun. Wenn man voraussetzt, dass jeder Staat, den wir aus Geschichte und Gegenwart kennen, immerzu und fast überall Infektionen - und auch die daraus resultierenden Todesfälle - in Kauf nimmt, dann kommt diese Forderung einer Revolution des Staatsbegriffs gleich."

Die Hauptleidtragenden der Covid-Krise sind die unter 30-Jährigen, schreiben die Politologen Ivan Krastev und Mark Leonard in der Welt und beziehen sich dabei auf zwei Studien zu den Folgen der Pandemie: "Für junge Menschen stellt die Pandemie eine existenzielle Bedrohung ihrer Lebensweise dar, und es herrscht weithin das Gefühl, dass ihre Zukunft zum Wohle ihrer Eltern und Großeltern geopfert wurde. ... Eine der deutlichsten der bislang sichtbaren Folgen ist eine Zunahme von Zynismus: Die jüngere Generation in Europa glaubt immer weniger den zentralen Beweggründen ihrer Regierung für die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Dass das Vertrauen junger Europäer in ihre jeweiligen Staatswesen durch die Krise weiter geschwächt wurde, könnte Langzeitfolgen für die Zukunft der Demokratie haben. Untersuchungen des Centre for the Future of Democracy an der Universität Cambridge haben gezeigt, dass die heute jungen Menschen - auch bereits vor der Krise - die Generation mit der größten Unzufriedenheit über die Arbeit der demokratischen Regierungen bilden. Sie sind skeptischer, was die Vorzüge der Demokratie angeht, nicht nur im Vergleich zur älteren Generation von heute, sondern auch im Vergleich zu jungen Menschen, die in früheren Zeiten befragt wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2021 - Ideen

Natürlich muss man den Kolonialismus aufarbeiten, meint in der NZZ der Philosoph und Theologe Richard Schröder, auch Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloss. Nur sollte man dabei die vorkolonialen Zustände in Afrika und anderswo nicht schönmalen. "Vielmehr sahen sich die ersten Erforscher des inneren Afrikas im 19. Jahrhundert mit den unvorstellbaren Verwüstungen konfrontiert, welche die über Jahrhunderte andauernde Sklavenjagd arabischer und schwarzafrikanischer, zumeist berittener Sklavenjäger angerichtet hatte. Im 19. Jahrhundert war im Kongobecken schließlich ein Gebiet von der Größe Irlands nahezu entvölkert. Die Sklaven wurden über Sansibar und die Sahara in die islamische Welt bis nach Indien deportiert, zwischen 650 und 1920 waren das 17 Millionen. ... Die koloniale Erschließung Afrikas im 19. Jahrhundert gibt Anlass zur Selbstkritik Europas, die ja auch grundsätzlich stattfindet. Sie gibt aber auch Anlass zur Selbstkritik der damaligen Sklavenjäger, die kaum stattfindet. Adaobi Tricia Nwaubani hat dieses Tabu gebrochen und geschrieben: "Mein nigerianischer Urgroßvater verkaufte Sklaven." Die nigerianische Schriftstellerin hat plastisch die Selbstverständlichkeit geschildert, mit der damals die Sklaverei von Schwarzafrikanern praktiziert wurde. Ihren Urgroßvater möchte sie aber nicht so gern als Sklavenhändler, sondern lieber als Geschäftsmann ansehen, der mit diesem und jenem und auch mit Sklaven gehandelt habe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2021 - Ideen

Im Gespräch mit Florian Chefai und Jonas Pöld von hpd.de kritisiert Hamed Abdel-Samad auch linke Identitätspolitik: "Da spielt es wieder eine Rolle, ob man weiß oder schwarz, Migrant oder einheimisch, links oder rechts ist. Statt solch eindimensionale Zuschreibungen kritisch zu hinterfragen, werden sie zusätzlich zementiert. Der Antirassismus sollte ja eigentlich genau das Gegenteil davon tun. Er sollte Brücken bauen, keine Mauern. Er sollte ideologische Grabenkämpfe überwinden und den Menschen als Individuum würdigen und ermächtigen. Doch oft bedienen sich Antirassisten der gleichen Mittel wie die Rassisten selbst, indem sie Menschen in Gruppen aufteilen und sie auf ihre ethnische oder religiöse Zugehörigkeit reduzieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2021 - Ideen

Im taz-Gespräch mit Waltraud Schwab fordert die ägyptische Schriftstellerin Nadia Wassef, die einst den legendären Buchladen Diwan in Kairo gründete, ein neues Nachdenken über die Geschichte des Landes, jenseits von Kolonialismus, aber auch von islamischer Hegemonie: "Ich meine, wenn man die kurze Geschichte von Ägypten betrachtet, muss man schon 7.000 Jahre zurück. Dem Islam gehören davon die letzten 1.400 Jahre. Wir müssen auch auf die Jahrtausende davor schauen. Und Geschichte muss durch andere Linsen als die von religiöser Eroberung oder Kolonialismus betrachtet werden. Wir müssen herausfinden, was in der Geschichtsschreibung fehlt... Ich schaue mir die Welt aber lieber aus einer kulturellen Perspektive an. Kultur macht uns zu Menschen; durch Kultur verbinden wir uns. Schauen Sie sich doch die Kraft, die von Literatur, Theater, Musik, Tanz ausgeht, an."

Der Wiener Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk sinniert im Standard über die Bedeutung von Grenzen und kann ihnen zumindest im übertragenen Sinne durchaus etwas abgewinnen: "Neurotische Menschen lassen sich als von Grenzen eingeschüchterte und neutralisierte Individuen begreifen, die wie gebannt auf diese starren und sich angesichts des Hindernisses nicht mehr zu rühren vermögen. Sie hocken wie Kafkas Mann vom Lande vor dem Tor, das für sie offen stand, wie der Torwächter am Ende ungerührt meint. Bei genauerem Blick sind Grenzen indes nicht nur schikanös, sie schränken nicht nur ein. Sie tun das vor allem, wenn sie auf Dauer gestellte Schließungen sind. Grenzen sind keineswegs unnötig, vielmehr unhintergehbar. Durch Grenzen strukturiert der Mensch seine Welt, in der er lebt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2021 - Ideen

Gleich Welt und NZZ bringen die Dankesrede, die der Unternehmer Peter Thiel am Donnerstag zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises gehalten hat. Die Wolkigkeit seiner Rede erweist ihrem Namensgeber alle Ehre. Deutschland sei im 19. Jahrhundert nicht nur das Zentrum der Wissenschaften gewesen, auch Kommunismus und Faschismus hatten ihren Ursprung in Deutschland, seitdem neige das Land zum "Quietismus", sagt er dort. Statt "deutsche Ideen" für die Welt zu entwickeln, verharre das Land in Ängsten: "Hinter der 'Tür Nr. 1': islamische Theokratie. Jede Frau ist gezwungen, eine Burka zu tragen. Hinter der 'Tür Nr. 2': chinesischer Überwachungskommunismus. Jede Bewegung von jeder Person wird jederzeit von einer zentralen KI registriert. Schließlich, hinter der 'Tür Nr. 3': Gretas grüne Zukunft. Jeder fährt Rad. Es gibt keine 'Tür Nr. 4'."

Die FAZ bringt auch noch ein ganzseitiges Gespräch mit Thiel,in dem er immerhin diese Einsicht formuliert: "Die Smartphones lenken uns von unserer Umgebung ab und auch davon, wie sich unsere Umgebung nicht verändert hat. Du denkst, wenn du in der U-Bahn auf dein Smartphone schaust, du bist in der Gegenwart, und merkst nicht, dass die U-Bahn 50 Jahre alt ist und kaum funktioniert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2021 - Ideen

Herfried Münkler verabschiedet in der Zeit mal wieder die Idee des Universalismus - ab jetzt gelte das Eigeninteresse. Afghanistan hat's gezeigt: "Die heutigen Proteste afghanischer Frauen gegen ihre Repression durch das Talibanregime zeugen von der Dimension des Humanitären und Emanzipatorischen bei dieser Intervention. Sie stehen dafür, dass es dem Westen nicht nur um seine eigenen Interessen ging. Umso tragischer ist es, dass diese Frauen politisch keine Erfolgschance mehr haben." Aber die Frauen müssen sich mal Folgendes klarmachen: "An die Stelle der Idee einer auf universellen Werten beruhenden globalen Ordnung tritt nämlich eine Vorstellung von Einflusszonen, von 'Großräumen' im Sinne Carl Schmitts."

Auch Mithu Sanyal entwickelt in der Zeit Perspektiven für künftige Politik. Ihre Forderung Nummer 1: Alle Kindergärten sollen in den Wald verlegt werden: "In Schweden kommen Kinder erst mit sieben Jahren in die Schule und verbringen die verlängerte Kindergartenzeit zu einem großen Teil in den schwedischen Wäldern, wo sie anhand von Blättern und Ästchen das Zählen und die Grundrechenarten lernen: Bring mir drei Bucheckern, und jetzt drei mehr. Deshalb fordere ich: auch in Deutschland Waldkindergarten für alle bis zum siebten Lebensjahr! " Außerdem schlägt Sanyal vor, Gehälter bei 200.000 Euro zu kappen und die Bundeswehr abzuschaffen: "Die größte Gefahr für Deutschland lauert nicht an unseren Grenzen, sondern in der Klimakrise."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2021 - Ideen

Im Standard warnt Ronald Pohl vor der "unermüdlichen Neuredaktion" "woker Sachbearbeiterinnen" in Museen, auf den Straßen und überall dort, wo sie sonst noch inkriminierte Begriffe entdecken: "Das Zutrauen in die Wirksamkeit sprachlichen Handelns aber teilt die Political Correctness mit dem Kommunismus. Dieser trachtete danach, sämtliche Artikulationen von Widerspruch in seinem gefräßigen dialektischen Bauch zu verdauen. In ihm wurde die Kritik an der Ökonomie von dieser abgespalten - und in die Sphäre der Sprache versetzt. Die 'woken' Umbenenner des überlieferten Unrechts teilen also das Vertrauen, das die Kommunisten in die Macht der Sprache gesetzt haben."