9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2017 - Ideen

Technik ist nie neutral, auch Algorithmen nicht, erklären die Philosphin Anna-Verena Nosthoff und der Wirtschaftswissenschaftler Felix Maschewski in der NZZ und berufen sich dabei auf den Technikphilosophen Günther Anders, für den Technik "immer in Kontexte und Zwecke eingebunden" war: "Wie aktuell Anders' Kritik ist, unterstreicht eine These von Cathy O'Neil: Algorithmen, so die Mathematikerin, seien 'in Code eingebettete Meinungen'. Sie repräsentierten die Werte ihrer Programmierer, operierten per se nicht neutral, würden daher häufig Vorurteile reproduzieren - schließlich werden die 'Problemlöser' selbst zum Problem. So mutiere etwa die Facebook-Chronik zur personalisierten Werbeoberfläche und 'gefährlichen Echokammer', die ein Mehr des Gleichen erzeuge, sich dem Austausch entziehe und dadurch der Demokratie schade."

In der New York Times plädiert Bhaskar Sunkara, Vizevorsitzender der Democratic Socialists of America, für einen neuen Sozialismus. Nicht den sowjetischer Art, sondern mehr finnisch: "Dieses Mal sollen die Leute wählen. Auf seine Essenz gebracht, ist Sozialismus eine Ideologie der radikalen Demokratie. In einem Zeitalter, in dem Freiheitsrechte angegriffen werden, will er die Zivilgesellschaft ermächtigen, an allen Entscheidungen teilzuhaben, die unser Leben betreffen. Eine riesige Staatsbürokratie kann natürlich genauso befremdlich und undemokratisch sein wie ein Aufsichtsrat, darum müssen wir über neue Formen sozialen Eigentums nachdenken. Einige Grundformen sollten klar sein: Kooperativen, die Arbeitern gehören, sich aber in einem regulierten Markt dem Wettbewerb stellen müssen. Staatliche Leistungen, die mit Hilfe von Bürgern geplant werden. Die Bereitstellung der Basis für ein gutes Leben (Erziehung, Wohnen und Krankenversicherung) als soziales Recht. Mit anderen Worten, eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft frei sind, ihre Potenziale auszuschöpfen."

Außerdem: In der NZZ schreibt Slavoj Zizek zum Siebzigsten Peter Sloterdijks, in der FR schreibt Dirk Pilz. In der SZ versucht sich Julia Kristeva im Gespräch mit Alex Rühle in einer Art Psychopathologie der politischen Gegenwart. Und der Philosoph Emmanuel Alloa macht sich ebenfalls in der SZ über die im Internet drohende "Transparenz als Zensur" Gedanken.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2017 - Ideen

In der NZZ denkt Klaus Bartels über Mitmenschlichkeit nach wie sie in der Antike definiert wurde. Und Rene Scheu gratuliert Peter Sloterdijk zum Siebzigsten. In der SZ gratuliert Johan Schloemann. In der FAZ schreibt Christian Geyer. Online zugänglich jetzt Slavoj Zizeks Geburtstagsartikel in der Zeit.
Stichwörter: Peter Sloterdijk

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2017 - Ideen

Der Berliner Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski darf von Bremer Studenten und dem Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano als "rechtsradikal" und "rassistisch" bezeichnet werden, das hat das Kölner Oberlandesgericht entschieden. Allerdings nicht, weil Baberowski rechtsradikal und rassistisch wäre - darüber hat das Gericht gar nicht geurteilt -, sondern weil diese Aussagen von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, schreiben Martin Beglinger und Peer Teuwsen in der NZZ: "Was in der flüchtigen Erinnerung hängenbleibt, ist Halbwissen. So wird möglich, dass die Spur im Netz, ursprünglich von einer trotzkistischen Sekte gelegt, zum Selbstläufer - weil immer und immer wieder verlinkt und vertwittert - wird (sogar von angesehenen Journalisten wie etwa dem Leiter des ARD-Auslandstudios in Moskau): Baberowski = rechtsradikal. So kann aus einer kruden Unterstellung eine salonfähige Meinung werden. Das ist ärgerlich, um das Mindeste zu sagen. Doch in einer mehr oder weniger liberalen Gesellschaft wird es nicht anders gehen, als die Meinung von Andreas Fischer-Lescano neben jener von Jörg Baberowski stehen und wirken zu lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2017 - Ideen

Darf man aus der Tatsache, dass man Jörg Baberowski laut einem Gerichtsurteil rechtsradikal nennen darf, schließen, dass er es ist? Der einst als Antisemitismusforscher tätige Wolfgang Benz macht sich darüber im Tagespiegel nicht lange Gedanken und tritt nach: "Der medial durchaus präsente Baberowski wird sich weiterhin als Märtyrer inszenieren und dabei das Argument strapazieren, es gebe für bestimmte Positionen keine echte Meinungsfreiheit in diesem Land. Oder man dürfe in Deutschland zwar Meinung haben und äußern, werde dafür aber abgestraft. Man muss freilich kein linker Sektierer sein, um Baberowskis Einlassungen zu Tagesthemen, etwa zum Umgang mit Flüchtlingen, ähnlich anstößig zu finden wie manche Verlautbarungen der AfD."

Außerdem: Die Welt bringt gleich drei Seiten zum 250. Geburtstag Wilhelm von Humboldts. In der NZZ fragt der Schweizer Philosoph Eduard Kaeser: "Was geschieht, wenn künstliche neuronale Netzwerke sich selbständig machen?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2017 - Ideen

Zadie Smith bespricht für Harper's Jordan Peeles Film "Get Out", eine Horrorkomödie über schwarze Identität und die Ängste der Schwarzen vor Weißen, und sie stellt sich mit ihren Kindern vor Dana Schutz' Gemälde "Open Casket", das angegriffen wurde, weil sich daran eine weiße Künstlerin das Leid eines Schwarzen "kulturell aneignete" (unsere Resümees). "Ich drehe mich von dem Gemälde zu den Kindern. Ihr geliebter Vater ist weiß, ich bin gemischt, darum sind sie nach den alten rassischen Kriterien Amerikas 'Quadroons'. Dürften sie schwarzes Leid zum Gegenstand ihrer Kunst machen, falls sie jemals zu Künstlern werden? Ihre Großmutter ist 'schwarz wie Pik As', wie die Briten sagten, ihre Mutter ist, was die Franzosen Café au lait nennen. Sie selbst sind irgendwie gelblich. Wann genau hört schwarzes Leid auf, sie zu betreffen? Ihre Großmutter - die auf einer postkolonialen Insel in extremer Armut aufwuchs und Nachfahrin von Sklaven war - kannte schwarzes Leid genau. Aber ihre Enkel sehen weiß aus. Sind sie es?"

In der FAZ unterhält sich Kolja Reichert mit dem amerikanischen Künstler Sam Durant, der schuldbewusst der Verbrennung seiner eigenen Skulptur zustimmte, nachdem ihm die Dakota kulturelle Aneignung vorgeworfen hatte: "Ich habe durch die Erfahrung ein besseres Verständnis für weiße Privilegien gewonnen."

Der Ausweg aus der Krise der Demokratien verläuft weder links noch rechts, sondern zwischen beiden Positionen hindurch, meint der Soziologe Dirk Baecker im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Helfen, diesen Weg zu finden, könne die Bürokratie: "Wir haben es uns in den vergangenen Jahrzehnten geleistet, ökonomischen Prozesse bei der Durchsetzung neuer Technologien die Führung zu überlassen. Das müssen wir jetzt korrigieren. Die Bürokratie ist mindestens so fehlerfreundlich wie der Markt. Es macht daher keinen Sinn, Fragen eines eGovernment unter Gesichtspunkten eines Abbaus von Bürokratie zu diskutieren. Sinnvoller wäre es, die schriftliche und damit tendenziell kompetente und kontrollierbare Aktenführung, von der Max Weber sprach, unter den Bedingungen der elektronischen Medien neu zu erfinden. Wie gesagt, wir müssen die Mitte stark machen, damit oben und unten dem Wähler gute Themen zur Entscheidung vorgelegt werden können."

Tja, gäbe es eine "tendenziell kompetente" Bürokratie, könnte man sich mit Baecker anfreunden, aber die Reaktion von SPD und CDU auf den Cum-Ex-Skandal - Banken, Börsenhändler und Anwälte konnten sich ungehindert illegal über Jahrzehnte mit Milliarden des deutschen Steuerzahlers mästen - lassen einen an der Kompetenz zweifeln. Mehr zum Freispruch der Bundesregierung für sich selbst bei FR und Zeit online.

Außerdem: In der NZZ denkt Rainer Paris über die Metapher "abgehängt" nach. Götz Aly verteidigt in seiner Kolumne für die Berliner Zeitung den Historiker Jörg Baberowski, dem inzwischen sogar rechtsextreme Gesinnung unterstellt wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2017 - Ideen

Vegetarier leben in einem moralischen Paradox, schreibt Thilo Spahl bei den Kolumnisten unter Bezug auf einen Aufsatz von  Thomas M. Sittler-Adamczewski im Journal of Practical Ethics: Indem sie sich für Nutztiere einsetzen, setzen sie sich dafür ein, dass die meisten Tiere gar nicht existieren (weil sie ja möglichst nicht gegessen werden sollen), und im übrigen geht es den allermeisten Wildtieren viel übler als den Nutztieren: "Sittler-Adamczewski verweist darauf, dass die Mehrzahl der Tierarten der sogenannten r-Selektion unterliegen. Diese evolutionäre Strategie besteht darin, dass eine große Zahl an Nachwuchs zur Welt gebracht wird, von dem dann nur ein geringer Teil das fortpflanzungsfähige Alter erreicht (und so in die Lage kommt, die eigenen Gene wieder an eine weitere Generation zu vererben). Die meisten Tiere sterben also jung und damit eher auf leidvolle Art und Weise, ohne davor lange Zeit gehabt zu haben, sich ihres Daseins zu erfreuen."

Syran Ates, die gerade in Berlin eine liberale Moschee gründet, wendet sich im Interview mit Yasmina Banaszczuk von Broadly gegen die "Genderfraktion" unter den westlichen Feministinnen: "Während diese Frauen gegen die klassischen Rollenzuschreibungen innerhalb ihrer eigenen Community kämpfen und da keine Tradition und Religion gelten lassen, solidarisieren sie sich für das Kopftuch. Das ist für mich kolonialistisches, orientalistisches Denken und eine sehr arrogante Herangehensweise. 'Für uns in unserer Gesellschaft gelten die universellen Menschenrechte, aber die anderen haben eine andere Kultur und da sind ja Frauen, die das wollen, also unterstützen wir die.' Mit ganz komischen Argumenten wird da verbogen und verdreht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2017 - Ideen

Gleich sechs Professoren - Sarah Spiekermann (Wirtschaftsuniversität Wien), Peter Hampson (Universität Oxford), Charles M. Ess (Universität Oslo), Johannes Hoff (Universität London), Mark Coeckelbergh (Universität Wien) und Georg Franck (Universität Wien) - warnen in der NZZ vor den Gefahren des Transhumanismus und der Selbstoptimierung des Menschen durch Gen-, Nanotechnologie und Neurotechnolgie: "Dieses Manifest soll die Irrationalität transhumanistischer Ideen aufzeigen und auf die Gefahr hinweisen, die von ihnen ausgeht. Wir beschränken uns dabei auf einen bestimmten Typus, der auf folgende Grundannahmen baut: 1. Die Wirklichkeit ist die Totalität aller Information. 2. Menschen sind Informationsobjekte. 3. Künstliche Intelligenz ist Intelligenz im menschlichen Sinne. ... Künstliche Intelligenz kann in der Tat intelligent im Sinne der Informationsverarbeitung sein. Aber sie ist nicht mit derjenigen Existenzweise ausgestattet, die menschliche Existenz auszeichnet: der antwortenden Gabe, bedeutungshaltigen Realitäten zu begegnen, sie denkend zu erschließen und ihren Stellenwert im Kontext menschlichen Lebens mit anderen auszuhandeln."

Die FR hat Otfried Höffes Vorschlag vom Samstag online nachgereicht, das Kreuz auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses mit dem Schriftzug AUFKLÄRUNG zu ergänzen statt mit ZWEIFEL, wie es die Gründungsintendanten des Humboldt-Forums Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger kürzlich vorgeschlagen hatten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2017 - Ideen

Die Troll-Strategie des Spiegel-Redakteurs Johannes Saltzwedel hat funktioniert. Er bugsierte Rolf Peter Sieferles Buch "Finis Germania" auf die NDR-Sachbuchliste und gab ihm dadurch Relevanz (unsere Resümees hier und hier). Als erste große Zeitung bespricht die Welt das posthum herausgegebene Pamphlet. In seiner Rezension wirft Eckhard Fuhr dem Herausgeber Raimund Kolb Etikettenschwindel vor, da das von ihm als provokant zugespitzte Reaktion auf gegenwärtige Krisen annoncierte Buch lediglich "Abgestandes und Abgeschmacktes" enthalte, das womöglich schon vor Jahrzehnten geschrieben wurde.

Ob durch die weitere Thematisierung dem enormen Erfolg des Buches nicht weiterer Auftrieb gegeben werde? "In dieser Hinsicht in das Kind schon in den Brunnen gefallen", meint der Historiker Volker Weiß, der im Gespräch mit Mara Delius ebenfalls in der Welt auf den "Taschenspielertrick" von Sieferles Hauptargument hinweist, die vermeintlich selbszerstörerische deutsche Flüchtlingspolitik sei auf die Schuld am Holocaust zurückzuführen. Tatsächlich habe der Holocaust in der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung überhaupt keine Rolle gespielt, so Weiß: "Die Probleme der Mittelmeeranrainer sind viel größere, das Thema ist kein nationales, sondern ein europäisches. Genau besehen ist es ein globales Problem, da hilft der Hinweis auf die deutsche Geschichte nicht viel. Die reflexhafte Verknüpfung der deutschen Vergangenheit mit nahezu jedem Thema wird hier von den Rechten selbst geleistet, nur eben negativ. Für jeden Missstand, den sie glauben auszumachen, wird von ihnen seit Jahrzehnten die kritische Aufarbeitung der deutschen Geschichte verantwortlich gemacht." Für den DLF hat sich Joachim Scholl mit dem Politologen Herfried Münkler über "Finis Germania" unterhalten.

In der FAZ erklärt die Soziologin Barbara Kuchler ziemlich bündig, was Populismus ist: "Populismus ist immer parziell, parasitär und reaktiv: Er ist das schlechte Gewissen der Demokratie, das dieser ihre eigenen, selbstverkündeten Ansprüche entgegen hält, die sie - wie jedes System und jedes Ich sein eigenes Selbstideal - nicht voll erfüllen kann."

In dieser einstündigen France Culture-Sendung spricht Emmanuel Faye in einer aktuellen Sendung über Martin Heidegger, den Nazismus in der Philosophie und Hannah Arendt:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2017 - Ideen

Kenan Malik gibt in seiner New York Times-Kolumne einen sehr nützlichen Überblick über jüngste Debatten zum Thema "Kulturelle Aneignung" - jüngst mussten in Kanada drei Redakteure unterschiedlicher Medien gehen, weil sie "Kulturelle Aneignung" guthießen -, um am Ende selbst ein Plädoyer gegen diese vermeintlich antirassistische Identitätspolitik zu halten. Es seien nicht diese Gruppen selbst, sondern "Torwächter" mit mangelnder Legitimation, die bestimmen wollen, was Kunst darf oder nicht: "Sie maßen sich selbst die Autorität an, bestimmte Formen kulturellen Engagements zuzulassen und schanzen sich damit Macht zu. Die machtvollste Form dieses Torwächtertums ist Religion. Wenn Glaubensinhalte als heilig verteidigt werden, dürfen sie nicht mehr in Frage gestellt werden. Der Vorwurf kultureller Aneignung ist eine weltliche Version der Anklage wegen Gotteslästerung. Es ist die Behauptung, dass einige Glaubensinhalte und Bilder so wichtig für bestimmte Kulturen seien, dass andere sie sich nicht aneignen dürfen."

Der Schweizer Philosoph Georg Kohler beobachtet in der NZZ eine Wiederkehr eines positiv verstandenen Republikanismus - zumal in der Gestalt Emmanuel Macrons - und definiert: "Republikanische Politik setzt auf freiwilliges Engagement, nicht auf Zwang, auf (Selbst-)Verantwortung für das Ganze einer politischen Gemeinschaft. Sie glaubt nicht an doktrinäre Bewusstseinskontrollen und auch nicht an die administrative Gewalt bürokratischer Herrschaft. Wenn sie für demokratischen Egalitarismus und gegen die Dominanz rein marktmäßig-monetaristisch operierender Betrachtungsweisen eintritt, dann, weil sie beides für erkennbar vernünftig hält."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2017 - Ideen

"Der Kommunismus ist machbar", verkündet der amerikanische Soziologe Erik Olin Wright im Gespräch mit Arno Widmann von der Berliner Zeitung. "Der Kapitalismus besteht nicht nur aus Kapitalismus. Er könnte zum Beispiel ohne Familien nicht bestehen. Die sind aber gerade nicht kapitalistisch organisiert. Es gibt überall im Kapitalismus die Möglichkeit, kleine Gegenwelten aufzubauen. ... Es geht im Kern immer um zwei Dinge: um Demokratie und die Erweiterung der Freiheit des Einzelnen. Der Kampf um Demokratie, darum, dass Menschen mitbestimmen über alles, was sie betrifft, muss, um erfolgreich sein zu können, auf allen Ebenen - gewissermaßen vom Gemeinderat bis zur Uno - geführt werden. Aktivitäten, die sich aus dem allgemeinen Kampf um mehr Demokratie heraushalten, bringen nichts."

Wer die Trumps, Wilders' und Le Pens dieser Welt verhindern will, sollte den westlichen Mehrheitskulturen genauso viel Respekt entgegenbringen wie den dort lebenden Minderheiten, meint der Soziologe Ruud Koopmans in der Zeit. Zumal die "doppelte Kulturmoral", die die Traditionen der Mehrheit als rückwärts­ gewandt oder gar rassistisch abtut, mit ihren vom amerikanischen Rassendiskurs geprägten Argumenten oft selbst reichlich imperialistisch daherkomme: "In einer Welt, in der die angelsächsische Kultur zur Norm geworden ist, kann die Unterscheidung zwischen 'dominanten Kulturen' und 'Minderheitskulturen' nicht länger ausschließlich auf Gruppen innerhalb von Nationalstaaten bezogen werden. Sie muss auch im Licht des Ungleichgewichts zwischen kleineren und größeren Nationalstaaten betrachtet werden."

Auf dem Kunst- und Kulturmarkt zeigt sich besonders deutlich, dass Globalisierung lässt keine Einbahnstraße mehr ist, in der der Westen die Richtung vorgibt, sondern in beide Richtungen läuft, erklärt Jörg Häntzschel in der SZ den Einfluss von Moskau, Sharjah und Shanghai: "Es ist ein für beide Seiten einträglicher Austausch von Kunst gegen Geld, nur müssen sich die Gäste aus dem Westen in die politische, religiöse und moralische Repression dieser Länder fügen. Für viele Künstler ist es inzwischen normal, eine Beschneidung gerade jener künstlerischer Freiheit zu akzeptieren, für die ihre Vorgänger lange gekämpft haben."
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