9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2263 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 227

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2026 - Ideen

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Heute feiert die Zeitschrift für Ideengeschichte, die einst vom damaligen Marbach-Chef Ulrich Raulff erfunden wurde, in Berlin ihren zwanzigsten Geburtstag. Das Jubiläumsheft widmet sich dem Thema "Türhüter". Der Perlentaucher veröffentlicht vorab einen Essay des Angela-Merkel-Biografen Ralph Bollmann über Beate Baumann, die Büro-Chefin der Kanzlerin, jenen Zerberus also, der 16 Jahre lang den Zugang erschwerte, bis die Republik in jenem Zustand war, den wir nun beklagen. "'Da machen wir lieber nichts, dann machen wir nichts falsch', zitierte etwa ein früher Förderer Merkels aus Wendezeiten deren spätere Büroleiterin. Das gab er nicht etwa mit ruhiger Stimme wieder, sondern im Modus bebenden Zorns: Die von ihm einst Protegierte habe sich stets nur mit uncharismatischen Leuten umgeben, denen jeder Hang zum Spielerischen abgehe. Das Gespräch fand allerdings statt, bevor Spielernaturen wie Robert Habeck oder Friedrich Merz nahe am politischen Schiffbruch segelten. Damit ist bereits eine wichtige Funktion der Türhüterin umschrieben: Sie holt sich den Tadel für die Chefin ab, macht sich gleichsam stellvertretend unbeliebt. Damit erhält sie zugleich die Illusion aufrecht, die Kanzlerin hätte bei direkter Ansprache vielleicht anders, freundlicher entschieden. So sind die Rollen bis heute ja auch verteilt: Während Merkel selbst sich in der persönlichen Begegnung zugewandt gibt, scheut Baumann nicht davor zurück, Anfragen aller Art mit Absagemails in immergleicher Nüchternheit zu bescheiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2026 - Ideen

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Die Tech-Bros arbeiten auf eine "Männerwelt" hin, in der sie Frauen nicht mehr brauchen, warnt Alice Schwarzer im NZZ-Interview mit Hanna Henkel. "Ich beobachte mit Bedrückung, was ich über die wesentlichen Akteure lese. Das ist eine frauenlose Welt, die brauchen die Frauen nicht, noch nicht einmal mehr zum Kinderkriegen. Es gibt eine Tendenz der Männer, in dieser Welt unter sich zu bleiben. Ich beobachte das auch bei der modernen männlichen Homosexualität. Die Jungs sind vergnügt, die amüsieren sich. Niemand hängt ihnen am Hals. Sie haben dieselben Hobbys und so weiter. Es ist einfach lustiger mit Männern. Die schaffen die Frauen ab. (...) Schiefgelaufen ist ja, dass es eben immer noch dieses ungleiche Machtverhältnis der Geschlechter gibt. Und die Jungs haben losgelegt, in einem Moment, wo die Frauen noch gar nicht begriffen hatten. Das ist zum Verzweifeln. Um den Grad an Wissen zu erreichen, den manche dieser Männer erreicht haben, muss man natürlich eine echte Leidenschaft dafür haben. Die Leidenschaft der Frauen aber gilt der Liebe und der Familie."

Jan Philipp Reemtsma hatte neulich vom Gebrauch des Faschismusbegriffs abgeraten, der mehr eine melodramatische Pose bedeute als dass er die Realität analysiert (unser Resümee). Darauf haben in Zeit online (vom Perlentaucher leider übersehen) Rahel Jaeggi und Robin Celikates die Gegenfrage gestellt, ob es nicht doch wichtiger sei "die Lust an der faschistischen oder autoritären Gewalt zu analysieren als die unterstellte 'Lust' am Faschismusvorwurf?" Dies sei ein Einwurf, merkt Tania Martini in der FAZ dazu an, "der den Faschismusbegriff zur moralischen Verpflichtung erhebt und kurioserweise Reemtsmas Beobachtung, dass es vorrangig oft um etwas anderes als die Analyse geht, geradezu bestätigt. Auch bei Jaeggi und Celikates dient der Begriff weniger der Analyse als der Organisation legitimer politischer Affekte." Auch der von Jaeggi und Celikates vorgeschlagene vorsichtigere Begriff der "Faschisierung" überzeugt Martini nicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2026 - Ideen

Ist Michel Foucault überhaupt als "links" zu lesen, fragt Julian Nicolai Hofmann in der taz-Serie zum hundertsten Geburtstag des Philosophen. Dessen Kritik am Staat bereitet ihm jedenfalls Unbehagen, denn sie betrifft ein klassisches Betätigungsfeld der Linken: "Sie verfährt nicht einfach antiautoritär, sondern richtet sich besonders gegen jene Institutionen, in denen Macht im Namen der Vorsorge, in Form von Sozial- und Sicherheitsprogrammen auftritt. Im Laufe weniger Jahre entwickelt sich Foucault auf diese Weise von einem Intellektuellen der radikalen Linken zu einem entschiedenen Kritiker des Sozialismus, der in den revolutionären Bestrebungen der Linken eine bedrohliche Fetischisierung des Staates erblickte. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?"

In der SZ versucht der Soziologe Heinz Bude, den Deutschen Mut zu machen, die trotz gegenteiliger Befürchtungen immer noch wüssten, dass nur ein kollektives Wir die Zukunft gestalten kann: "Man muss niemandem lange erklären, dass sich die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten von Amerika in einem Konflikt um die Weltherrschaft befinden - der nur auf den ersten Blick mit der Anzahl von Flugzeugträgern ausgefochten wird. Es geht vielmehr um Routen der Wertschöpfung zu Land, auf dem Meer und im Weltall der digitalen Ströme." Da scheint Europa kaum konkurrieren zu können, doch werde "weder in den USA noch in China die Mehrheit der Werktätigen wirklich mit in die Zukunft genommen", meint Bude. "Ob das gut geht? Ungewiss. Europa hat es in der Hand, hier mit freundlicher Kaltblütigkeit seine Stärken auszuspielen. Wir haben in verheerenden Religionskriegen gelernt, dass die Legitimität staatlichen Handelns auf Voraussetzungen beruht, die es selbst nicht garantieren kann. Wir haben erkannt, dass der Kapitalismus ohne Bürgertum auf Dauer nicht existieren kann. Wir glauben an die irreduzible Bedeutung des Individuums als Quelle des Neuen und als Anker eines persönlichen Gewissens. Aber wir wissen auch, dass auf die Massen im Zweifelsfall kein Verlass ist."
Stichwörter: Foucault, Michel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2026 - Ideen

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In der Zeit warnt der Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck (aktuelles Buch) davor, das Völkerrecht als Utopie abzuschreiben, wie es Bundeskanzler Merz kürzlich nach den jüngsten Angriffen auf den Iran getan habe: "Merz behauptet, die Schere zwischen Anspruch und Möglichkeiten habe sich zu weit geöffnet und er wolle diese nun schließen. Auflösen will er das Dilemma zulasten des Völkerrechts. Dessen Möglichkeiten seien im Falle des Iran ausgeschöpft, und es habe sich als untauglich erwiesen. Diese Aussage ist unzutreffend. Denn die internationale Gemeinschaft, inklusive der deutschen Regierung, hat auf Diplomatie und Handel gesetzt. Das Völkerrecht, das Sanktionsrecht und das Strafrecht hätten in den vergangenen Jahrzehnten eine Vielzahl an Möglichkeiten geboten, gegen das iranische Regime wirksamer vorzugehen - wie von der iranischen und der internationalen Zivilgesellschaft vorgeschlagen wurde. Trotzdem wird das Völkerrecht abgeschrieben, ohne dass dessen Potenziale wirklich genutzt worden wären." Konkreter, was die "Vielzahl an Möglichkeiten" angeht, wird er leider nicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2026 - Ideen

Maxim Biller hatte neulich in seiner Zeit-Kolumne den deutschen Literaturhistoriker Steffen Martus gefragt, warum in seiner viel gepriesenen Studie "Erzählte Welt - Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute" jüdische Autoren so gut wie gar nicht vorkommen. Für diese Kolumne wurde er gescholten. Genauer besehen ergibt die Frage allerdings Sinn - denn diese "jüdische Lücke" in der deutschen Literatur klafft seit längerem. Ist es ein Zufall, dass in der höchst renommierten "Deutschen Klassikerbibliothek" jüdische Autoren ganz fehlen? Neben Heinrich Heine und Rahel Varnhagen von Ense gilt das für Ludwig Börne. Nun hat der Historiker Christopher Clark den nach Börne benannten Preis erhalten, und Patrick Bahners freut sich in der FAZ, dass sich Clarke "seiner Pflicht, das Festpublikum mit Börne bekannt zu machen, indem er ihn als Kollegen vorstellte, ohne das auszusprechen, glänzend entledigte: als Historiker, aber nicht als Mann vom Fach. Das von Börne erfundene Feuilleton ist Zeitgeschichtsschreibung in Fortsetzungen und Neuansätzen. Clark trug die literatursoziologische Hypothese vor, dass die Herkunft aus einem Judenviertel Börnes Blick für die 'nicht-linearen' Momente des Revolutionszeitalters schärfte. Er benannte damit eine Eigenschaft der Zeit, die auch seine Charakterisierung von Börnes Stil durchzog."

"Es waren gefährliche Jahre für den politischen Journalismus" erinnert Clark in seiner Börne-Hommage, die in der FAZ abgedruckt ist. "Nach der Ermordung von August von Kotzebue gab es eine bundesweite, von Metternich in Wien koordinierte Aktion, um die oppositionellen Netzwerke der Patrioten und Studenten sowie ihrer literarischen Förderer zu zerschlagen. Börne war 1819 nach Paris gereist und wurde bei seiner Rückkehr nach Frankfurt im Frühling 1820 verhaftet."

Für die FR war Michael Hesse bei der Preisverleihung und beeindruckt von Clarks Rede. In deren Zentrum "stand Börnes Text 'Ferienreise eines deutschen Journalisten' aus dem Jahr 1820. Dieser Text beginnt, wie Clark ausführte, mit einer irritierenden, fast komischen Selbstdiagnose. Börne erklärt sich zum Hypochonder und beschreibt allerlei geistige und körperliche Verstörungen: Er bilde sich ein, gläserne Hände zu haben, und fürchte, sich beim Schreiben die Finger zu zerbrechen. Dann wiederum könne er angeblich die Zahl 13 nicht aussprechen. Schließlich träume er, Napoleon sei von St. Helena entkommen und frage ihn in Frankfurt nach dem Weg zur Eschenheimer Gasse. Was zunächst wie eine bizarre Folge privater Marotten klingt, liest Clark als politische Chiffre: Die gläsernen Hände verweisen auf die Zerbrechlichkeit des Schreibens in einem Zeitalter der Zensur. Die Zahl 13 führt zurück ins Jahr 1813, in die Befreiungskriege gegen Napoleon, aus deren patriotischer Energie sich später nicht nur Freiheitsbewegungen, sondern auch nationalistische und antisemitische Strömungen speisten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2026 - Ideen

In der FAZ schaut sich Thomas Thiel das Regierungsprogramm der AfD zur Wissenschaftspolitik an und staunt: Die Partei will zwar "die Wissenschaft von der Politik befreien, aber selbst darüber bestimmen, was Wissenschaft sein darf. Gender Studies und Postkolonialismus sind es für sie nicht. Sie gelten der Partei als Abrissunternehmen europäischer Kultur und Familienwerte. Davon unterscheidet das Regierungsprogramm seriöse wissenschaftliche Forschung zur Kolonialgeschichte und Geschlechterrollen, die nicht davon ausgehen, die gesamte europäische Kultur sei von einer kolonialen Logik durchtränkt, die sie im Keim diskreditiere, und Geschlechter seien beliebig transformierbare soziale Konstrukte. Aber was ist diese Unterscheidung wert, wenn die Partei den Unterschied in ihrer Landtagsanfrage nach postkolonialen Lehrstühlen und Seminaren an den Landesuniversitäten gleich wieder einkassiert? Und wie frei ist eine Wissenschaft, an die der AfD-Fraktionsvorsitzende in Sachsen-Anhalt die Erwartung stellt, sie dürfe tradierte Geschlechterrollen nicht infrage stellen?"

Mit dem 11. September ereignete sich ein Riss in der Zeit, der uns bereits hätte klarmachen müssen, dass ein streng wissenschaftliches Fortschrittsmodell im Sinne der Aufklärung nicht auf das politische oder soziale Leben übertragbar ist, schreibt in der FAS die Osteuropahistorikerin Marci Shore: "Francis Fukuyamas Ende der Geschichte war ein Märchen, die hegelianische Wahnvorstellung einer liberalen Teleologie, die durch 'Wandel durch Handel' begünstigt wurde. Die Illusion hielt sich, trotz der Brutalitäten im ehemaligen Ostblock, die durch die 1990er-Jahre hindurch bis ins 21. Jahrhundert andauerten: die grausamen ethnischen Säuberungskriege in Jugoslawien, der Raubtierkapitalismus und die entsetzliche Armut, die mit den wirtschaftlichen Umbrüchen einhergingen, sowie der von der Anthropologin Natalia Roudakova beschriebene Wertverlust der Wahrhaftigkeit im postsowjetischen Russland. Liberale würden sich von der Geschichte betrogen fühlen, aber die Geschichte sei mit niemandem verheiratet, so der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev. Das hätten wir spätestens am 11. September begreifen müssen."

Weitere Artikel: In der SZ versucht Jost Kaiser den Rechtspopulismus anhand von Freuds "Unbehagen in der Kultur" zu erklären.
Stichwörter: Shore, Marci

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2026 - Ideen

An Habermas' Sarg wird weiter fröhlich Porzellan zerdeppert (unsere Resümees). Recht spöttisch greift Dirk Braunstein (Frankfurter Institut für Sozialforschung) Stefan Müller-Doohms Behauptung auf, Habermas sei gar nicht "staatstragend" und er habe Adorno nur weitergedacht (andere meinen: zertrümmert). Um dann seinerseits recht fromm zu schließen: "Wo die Differenzen liegen und wo Gemeinsamkeiten, was als Kritische Theorie zu gelten hätte und was womöglich nicht, was diese Fragen selbst zur Aufklärung beitragen - und was sie gegebenenfalls verdecken, sofern es sich um Theoriespielereien oder gar Idiosynkrasien handelt -, wäre mit Mitteln zu analysieren, die selbst der Kritischen Theorie zugehören."

Außerdem: In der FR resümiert die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr einige Diskussionsveranstaltungen zur Zukunft der liberalen Demokratie. Dabei hält sie fest, dass ein Bestehen auf zentralen Bürger- und Menschenrechten essenziell bleibe: "Aus diesem Grund lässt mich nicht nur die Barbarei des autoritären Postliberalismus erschauern, sondern auch der Gedanke an einen postliberalen Sozialismus. Bisher hat allen historischen Projekten einer politischen Erziehung von Menschen im Namen allgemeiner Menschenliebe die demütige Hochachtung vor der Würde eines jeden Menschen gefehlt. Früher oder später sind sie in Unterdrückung und Verfolgung gekippt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2026 - Ideen

Bewegen sich die USA unter Donald Trump Richtung Faschismus? Überflüssige Frage, findet Jan-Philipp Reemtsma in einem ganzseitigen Essay für die FAZ. Faschismus sei eine Vokabel, die unsere Gegenwart nicht erklären kann, sondern vor allem signalisieren soll, zu welcher Gruppe derjenige gehört, der sie benutzt: "Man sucht nach einer wechselseitigen Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit", was sehr viel bequemer sei, als das als Faschismus beschriebene Phänomen konkret zu untersuchen. "Kurz nach 1945 beobachtete George Orwell in England, wie sehr das Wort 'Faschist' in aller Munde war und alles und jeden bezeichnete, den man irgendwie nicht mochte. Orwell versuchte hinter dem Gerede etwas zu sehen, worauf es möglicherweise denen ankam, die alles Mögliche 'faschistisch' nannten, und kam zu der Antwort: Bullyness. Gewalttätigkeit, Willkür, von 'Disruptivität' würden wir heute sprechen. Diese Bullyness macht kognitive Probleme, weil sie emotional überfordert. Lion Feuchtwanger hat es in dem Roman 'Die Geschwister Oppermann' 1933 schon als einfache Einsicht ausgesprochen: 'Darum sind die (die Nazis) heute an der Macht. Sie haben Mittel angewandt von solcher Primitivität, dass die andern sie einfach nicht für möglich hielten.'" Erst wenn man die Sprachlosigkeit darüber, die sich letztlich hinter der Bezeichnung "Faschismus" verbirgt, durchbricht und analysiert, "welche Gefahren bestimmte Herrschaftstechniken implizieren", kommt man nach Reemtsma zu nützlichen Einsichten über unsere Gegenwart.

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Der Philosoph Thomas Grundmann hält "epistemischen Individualismus" für überbewertet - zumindest, was Fachfragen angeht, wie er im Zeit-Online-Interview mit seinem ehemaligen Studenten Lars Weisbrod erklärt. Das heißt, Laien sollten sich in speziellen Fragen mehr an Expertenmeinungen halten, denn "viele Theorien wirken für Laien verrückt, aber sind trotzdem wahr": "Nehmen Sie die Zwillingstürme des World Trade Centers am 11. September 2001. Die sind nach dem Einschlag der Flugzeuge irgendwann eingestürzt. Dieser Einsturz hat jeweils zwischen 14 und 16 Sekunden gedauert. Und dann haben Leute gesagt: 'Moment mal, ein Stein im freien Fall aus der Höhe des Daches hätte neun Sekunden bis zum Boden gebraucht. Diese Gebäude sind also fast so schnell kollabiert wie ein frei fallender Stein? Also das kann ja nun wirklich nicht stimmen! (...)' Und das wurde als Argument präsentiert dafür, dass es in Wirklichkeit eine kontrollierte Sprengung gewesen sein muss. Dabei haben Experten den Einsturz genau nachvollzogen und nachgerechnet, dass diese 14 bis 16 Sekunden ungefähr der erwartbaren Zeit entsprechen. Dass dieser geringe Wert auf Laien irgendwie absurd wirkt, das kann ja nicht gegen das Expertenurteil sprechen." 

In der NZZ denkt der Publizist Sigbert Gebert über die Phänomene Gewalt und Gegengewalt nach. Wann ist Gewalt legitim? Und wann führt sie in eine "Gewaltspirale", aus der es kaum ein Entrinnen gibt?: "International zwingt Gewalt die Mittel auf. Bei Konflikten wie dem Ukraine-Krieg kommt es zum Rüstungswettlauf und gerät man neben dem klassischen Krieg wieder ins Sicherheitsdilemma: Jede Seite sieht ihre Aufrüstung als abschreckende Verteidigung, der Gegner hingegen als Angriffsfähigkeit. Ohne gegenseitiges Vertrauen drohen dann Präventivschläge. Bei asymmetrischen Konflikten kann eine effektive Terror- oder Aufstandsbekämpfung nur begrenzt Rücksicht auf Zivilisten und die Menschenrechte nehmen - schon weil man oft nicht weiss, wer Terrorist und wer Zivilist ist. Bei wie vielen zivilen Opfern und bei welchen Methoden (Folter) wird man aber selbst zum Terroristen? Bei direkten Interventionen ist - falls man sich nicht schon bei den Stärkeverhältnissen verkalkuliert - weniger die Gewaltlösung problematisch als vielmehr die anarchische Situation nach einem Systemwechsel und die komplexe Friedenssicherung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2026 - Ideen

In der FAS blickt Martin Seng verstört auf KI-Bilder, mit denen linke Influencer für grüne Energie werben. Warum die Fascho-Ästhetik? "Saftig grüne Wälder, Blumen- und Getreidefelder, darin muskulöse Männer vor Fachwerkhäusern, begleitet von Frau und Kindern. Noch präsenter als die Männer in engen Oberteilen sind nur die Deutschlandflaggen und Maschinen zur Erzeugung erneuerbarer Energien. Zwischen Windrädern, Solarpaneelen und Wärmepumpen flattert die schwarz-rot-goldene Trikolore, eingerahmt von Sprüchen wie 'Deutscher Strom aus deutscher Sonne', 'Sei kein Schuft, heiz mit Wärme aus deutscher Luft', 'Für meinen Sohn nur deutschen Strom' oder 'Nur echte Patrioten kaufen kein Öl bei Despoten'. ... Ob diese Memes nun ironisch oder mit vollem Ernst erstellt und geteilt werden, ist zweitrangig, denn bei ihnen siegt nicht die unverfängliche Energiebotschaft, sondern der faschistische Charakter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2026 - Ideen

Der designierte Mossad-Chef Roman Gofman beruft sich laut eigener Aussage auf die Schriften von Slavoj Žižek. Davon zeigt sich der dezidiert propalästinensische Žižek auf Zeit Online wenig angetan. "Gibt es an meiner Theorie irgendetwas, das sich zu einer Aneignung durch Gofman anbietet? Eindeutig nein: Was Gofman als meine Position darstellt, sind Ausschnitte meiner kritischen Beschreibung, wie die heutige, offen zynische Ideologie funktioniert, wie also die Staatsmacht ihre eigene Rechtsordnung zunehmend verletzt und illegale Gewalt mobilisiert, um sich selbst zu reproduzieren. Die außerordentliche Ironie der Situation ist kaum zu übersehen: Die Unterdrücker nutzen die kritische Theorie über sich selbst, um ihre kriminellen Aktivitäten zu perfektionieren."  

Der freie Autor und Publizist zu philosophischen Fragen Wolfram Eilenberger erklärte in der FR, warum er die aktuelle Philosophie durch ihre Professionalisierung für eine "Erziehung zur Mutlosigkeit" halte (unser Resümee). Der Philosoph Hans Rott, Professor in Regensburg, widerspricht ihm in der FR. "Für Eilenberger gehört es zum Niedergang der heutigen Philosophie, dass diese einen Prozess der fachlichen Spezialisierung durchlaufen hat. Bei der Reparatur seines Autos oder bei der Behandlung seiner Zähne ist man froh, wenn man erfahrene Leute hat, die viel über die je auftretenden Probleme wissen. In der Philosophie scheint Eilenberger dies jedoch gerade umgekehrt zu sein."