9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2018 - Ideen

Sibylle Berg unterhält sich in republik.ch mit der amerikanischen Politologin Valerie M. Hudson, die offenbar eher anthropologisch argumentiert, über die Urgeschichte der Unterdrückung der Frauen durch die Männer: "Für Männer sind andere Männer die wirkliche Bedrohung, nicht Frauen", sagt Hudson. "Ein einzelner Mann in einer Welt von Männern, die bereit sind, Gewalt und Zwang anzuwenden, um das zu bekommen, was sie wollen (weil sie diese Fähigkeiten durch die Dominanz über Frauen gelernt haben), wird de facto ein sehr unsicherer Mann sein. Die Lösung für diese Art von männlicher Unsicherheit ist die Bruderschaft ... Um die Bruderschaft aufzubauen, müssen sie ihr jedoch die Interessen aller Frauen unterordnen. Fraternität ist auf dem Rücken unterworfener Frauen aufgebaut. Und so umfassen die gesellschaftlichen Normen, die Patrilinearität, Patrilokalität, männerkontrolliertes Eigentum mit sich bringen, die Präferenz des Sohnes, das niedrige Heiratsalter für Mädchen, Brautpreis, Mitgift, Verwandtschaftsheirat, Polygamie, Frauen-Infantizid, diskriminierendes Familienrecht und andere Praktiken, die Frauen entwerten und sie den Männern unterstellt halten."

Yair Rosenberg kann es im Tablet Magazine kaum fassen: Die prominente Autorin Alice Walker ("The Color Purple") empfiehlt in einem Gespräch mit der New York Times (deren Interviewer nicht nachfragen) in warmen Worten das Buch "And the Truth Shall Set You Free" von David Icke: "Der ehemalige Fußballspieler wurde zum professionellen Hasspropheten und gilt heute als einer der einflussreichsten Verschwörungstheoretiker in Europa und Britannien. Er hat heute über 777.000 Follower auf Facebook und spricht vor Publikum auf der ganzen Welt. Wie viele Verschwörungstheoretiker behauptet Icke, dass die Verschwörung zufällig jüdisch ist." Zu den Dingen, die er laut Rosenberg behauptet, zählen: "Der Talmud gehört zu den krassesten rassistischen Dokumenten des Planeten... B'nai Brith, die älteste jüdische Organisation, steht hinter dem Sklavenhandel.... Juden stehen hinter antisemitischen Attacken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2018 - Ideen

"Nichts anderes als ein weltweites, auf unzählige Computer ausgeweitetes Kerbholz" sei die Blockchain-Technologie, behauptet in der NZZ der Philosoph Maurizio Ferraris, der die Blockchain mit dem frühesten Entstehen der Schrift in Verbindung bringt: "Anstelle eines von zwei Personen geteilten Zählstabs haben wir es mit einer Spur zu tun, die auf möglichst vielen Festplatten gespeichert wird, damit das Hinzufügen oder Löschen von Spuren (Blöcken) verhindert wird. Einmal mehr bringt die Technologie, wie in einer Prozession, uralte Dinge wieder ans Licht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2018 - Ideen

Michel Houellebecq veröffentlicht in Harper's eine teils wirr, teils höhnisch, teils ehrlich wirkende Hommage auf Donald Trump, dessen Rückkehr zu Nationalismus und Protektionismus und Hass auf Europa er herzlich begrüßt. Nebenbei stellt er Trump wegen der Weigerung, in Syrien zu intervenieren, in eine Kontinuität mit Barack Obama: "Trump verfolgt und verstärkt die von Obama initiierte Politik des Rückzugs; das sind sehr gute Nachrichten für den Rest der Welt. Die Amerikaner lassen uns den Rücken frei. Die Amerikaner lassen uns existieren. Die Amerikaner haben aufgehört, zu versuchen, die Demokratie in alle Himmelsrichtungen zu verbreiten. Und übrigens, welche Demokratie? Alle vier Jahre über die Wahl eines Staatsoberhauptes abstimmen - ist das Demokratie?"

Mara Delius und Marc Reichwein unterhalten sich in der Literarischen Welt mit dem Historiker Christopher Clarke ("Von Zeit und Macht") über historische Identität und die Schläue der Populisten, die alte Geschichtsbilder beschwören, dabei aber Mittel der politischen Beschleunigung wie Twitter benutzen. Angela Merkel ist für ihn hier der Gegenakzent: "Merkels Kennzeichen als Politikerin war eine Verlangsamung der politischen Zeit." Und darin sieht Clarke eher ein Verdienst: "Demokratie, das ist ihr  Problem,  funktioniert  sehr  langsam, in formalen Prozessen. Man muss abwarten, bis man dran ist, bis man sich äußern darf. Parlamentarische  Prozeduren sind  schwer  zu vermitteln. Sie haben ihre innere Logik und sind  nicht  besonders  aufregend oder  lustig. Das ist kein Argument gegen die Demokratie, im Gegenteil. Es ist ein Argument für die Demokratie. Man könnte fast sagen, es ist eine Aufgabe der Politiker heute, diese Langsamkeit als Prinzip zu retten."

Ebenfalls in der Literarischen Welt: ein Gespräch mit der Autorin Géraldine Schwarz ("Die Gedächtnislosen - Erinnerungen einer Europäerin") über Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Frankreich.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2018 - Ideen

In seiner Kolumne im Quotidien d'Oran wendet sich Kamel Daoud, der in Algerien geblieben ist, an all jene in den Westen emigrierten intellektuellen Araber, die ihn wegen seiner Artikel über Algerien und den Islam kritisieren: "Du willst sowohl die Freiheit im Land deiner Ankunft genießen als auch mir verbieten, über meine Realität in meinem Land zu sprechen? All die Demokratie im Westen, der dich empfangen hat, dient dir nur dazu, für Zensur in Algerien zu plädieren? Ich soll über die Dramen, die Niederlagen meines Landes schweigen, nur um dein narzisstisches Selbstbild im Westen nicht anzukratzen?"
Stichwörter: Daoud, Kamel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2018 - Ideen

Der Politologe Philip Manow stellt in seinem Buch "Die Politische Ökonomie des Populismus" die These auf, dass in Südeuropa der Linkspopulismus und in Nordeuropa der Rechtspopulismus obsiege. Die Gründe seien wirtschaftliche: Im Süden gehe es um heimische Nachfrage und darum, den Nepotismus zu schützen, im Norden gehe es um ein exportgetriebenes Modell und darum, die Wechselfälle des Arbeitsmarkts abzusichern, ein Sozialmodell, das Migranten anzieht. Das kulturelle Erklärungsmodell für die Populismus, wonach der "weiße Mann" an allem schuld sei, lehnt Manow im Gespräch mit Martin Reeh von der taz ab: "Das hilft uns .. nicht zu verstehen, warum wir in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Entwicklungen haben. Nicht einmal, warum der Süden und Norden Italiens zwischen Links- und Rechtspopulisten gespalten ist, kann man damit erklären. Gemäß der Backlash-Theorie müsste doch eher der konservative italienische Süden rechtspopulistisch wählen, der liberale Norden linkspopulistisch. Auch die beliebte Erklärung mit kosmopolitischen Eliten und einer kommunitaristischen, an den Ort gebundenen Normalbevölkerung, die gegen Einwanderung sei, ist mir zu breitflächig."

Nicht nur die SPD, sondern auch der traditionelle Konservatismus der CDU ist sowas von out. Zeit online bringt einen Vorabdruck aus dem Buch "Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus" des Politologen Thomas Biebricher. Der Konservatismus, schreibt er da, sei der CDU von Angela Merkel keineswegs ausgetrieben worden: "Es wirkt eher so, als seien dem politisch organisierten Konservatismus die inhaltlich konservativen Positionen über die Jahre und Jahrzehnte hinweg beinahe unbemerkt abhandengekommen, ohne dass dieser Prozess ausdrücklich forciert worden wäre. (...) Dem parteimäßig organisierten Konservatismus fehlen auch die zivilgesellschaftlichen Verbündeten, mit denen er gemeinsam die kulturelle Hegemonie des Konservatismus als Projekt verfolgen könnte."

Am Montag starb in Stuttgart der Philosoph Robert Spaemann. Er hat "wesentlich dazu beigetragen, dem Begriff 'konservativ' eine neue Prägung zu geben", schreibt Arno Widmann in seinem Nachruf in der Berliner Zeitung. "Das scheint ein Widerspruch in sich. Aber in ihm bewegt sich alles Leben. Wer seinen Gottesglauben nicht nachvollziehen konnte, wer die Hände über dem Kopf zusammenschlug, als er Schwulenehen verurteilte, weil sie gegen die Lehre der Kirche und gegen die Christi verstoßen, der tat trotzdem gut, ihm zuzuhören. Wir alle haben blinde Flecken und taube Stellen. Gerade die Aufgeklärten bedürfen der Aufklärung. Spaemann konnte einem das vielleicht nicht bei-, aber doch nahebringen." Weitere Nachrufe schreiben Otfried Höffe in der NZZ, Gregor Dotzauer im Tagesspiegel und Matthias Dobrinski in der Süddeutschen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2018 - Ideen

Der Wallstein Verlag bringt Hannah Arendts Werke in einer Kritischen Gesamausgabe heraus, den Anfang macht "The Modern Challenge to Tradition. Fragmente eines Buches". Nicht die leichteste Aufgabe, doch in der NZZ spürt Helmut König, wie sich Arendts Denken in jenen Texten in andere Sphären katapultierte. Sie entspringen ihrer intensiven Auseinandersetzung mit Karl Marx, bei dem sie alles über Arbeit, Gewalt und Philosophie findet, aber nichts über Politik: "Das fehlende Interesse für die Frage,wie die öffentlichen Angelegenheiten geregelt werden können und worin das Wesen des Politischen überhaupt besteht, ist nicht auf Marx beschränkt, sondern charakterisiert die ganze Geschichte des abendländischen philosophischen Denkens seit Platon und Aristoteles. Mit dieser Erkenntnis eröffnet sich Arendt einen Denkhorizont, der so weitreichend ist, dass er den ursprünglich vorgesehenen Rahmen des Buchvorhabens sprengt. Man kann an den Texten des vorliegenden Bandes förmlich mit Händen greifen, wie unter ihren Augen der Stoff explodiert. Denn nun geht es nicht mehr nur um Marx, sondern darum, die gesamte abendländische Geistesgeschichte in ihren vorherrschenden Entwicklungslinien neu zu lesen."

Über das mangelnde Interesse der Philosophie für die Politik spricht Arendt sehr klar und entschieden und unübertroffen mondän im legendären Interview mit Günter Gaus:



In der NZZ denkt der Tübinger Komparatist Jürgen Wertheimer darüber nach, was Europa auszeichnet. Die Werte sind es jedenfalls nicht, meint er, die können auch andere Nationen oder Kulturräume für sich beanspruchen. Vielmehr zeichne sich Europa gerade dadurch aus, Wertesysteme unterschiedlicher Provenienz in ein Verhältnis zu setzen. Weitere Merkmale: "Skepsis gegenüber vereinnahmenden Mythen und Zugehörigkeitszuschreibungen jedweder Couleur. Diese Skepsis ist teuer und schmerzhaft erkauft und in jedem Moment gefährdet - dennoch, als Grundgefühl ist sie vorhanden und möglicherweise aktivierbar. Ein hoch entwickeltes Dialogmodell, innerhalb dessen Vielstimmigkeit, Widerspruch und Widersprüchlichkeit systematisch praktiziert und eingeübt werden. Dialoge wie jene von Denis Diderot, in denen ein Aufklärer seine Antipoden in Szene setzt, wird man vergeblich anderswo suchen, und es ist kein Zufall, dass Goethe und Hegel Diderot liebten. Und nicht zuletzt eine gut 2000-jährige Schulung in der Kunst kritischen Denkens. Europa war in seinen besten Zeiten ein offener Verhandlungsraum, eine argumentative Freihandelszone, innerhalb deren alles kontrovers verhandelt wurde und verhandelt werden musste. Eine These ohne eine zumindest gleich starke Gegenthese ist schlicht unglaubwürdig."

Der Linguist und Überlinke Noam Chomsky wird neunzig. In der FR bekennt sich Arno Widmann zu seiner Verehrung für den Mann, der darauf pochte, dass auch eine komplexe Welt zu begreifen und Wahrheit und Lüge zu unterscheiden seien: "Wer Mitte der sechziger Jahre in der Bundesrepublik aufwuchs und sich zur undogmatischen Linken zählte, der war begeistert von Noam Chomsky. Es gab kaum einen Wissenschaftler, der mit ähnlicher Energie sich gegen den Vietnamkrieg aussprach. Ich kannte keinen, der sich als sozialistischen Anarchisten bezeichnete und Mitglied bei der legendären 1905 gegründeten Organisation der 'Industrial Workers of the Earth' war. Gleichzeitig aber fanden einige von uns Chomskys Vorstellung von einer dem Menschen eingeborenen Fähigkeit zur Sprache reaktionär. Er suchte nach Tiefenstrukturen. Wir predigten das 'weiße Blatt'. Freiheit konnte es, so dachten damals manche, nicht geben, wenn wir in vielem schon vor aller Erziehung festgelegt waren."

Zur Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor siebzig Jahren stimmt Heribert Prantl in der SZ einen leicht verzweifelten Ton an: "'Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.' So beginnt das meistübersetzte Dokument der Welt. Man liest die Worte heute hoffnungsmatt und bedrückt. Der Geist der Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit, Solidarität - wo ist er geblieben? Hat Trump ihn eingemauert? Hat Erdoğan ihn in die Zelle geworfen, Putin ihn stranguliert? Hat der philippinische Präsident Duterte ihn erschossen? Haben Matteo Salvini, Heinz-Christian Strache, Viktor Orbán ihn im Mistbeet des Nationalismus vergraben?" Oder die Identitätsfetischisten haben ihn in eine Schublade gesteckt!

Weiteres: In der taz findet Jan Feddersen in einem provokanten Text die Menschenrechte "überstrapaziert". In einem konfrontativen Streitgespräch in der SZ verteidigt Justizministerin Katharina Barley den Migrationspakt gegen den Rechtsphilosophen Reinhard Merkel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2018 - Ideen

Die rechtspopulistischen und -extremen Bewegungen und Parteien in Europa sind nicht einfach nationalistisch, sondern versuchen sich immer mehr zu vernetzen, schreibt Mark Lilla in der New York Review of Books: "Journalisten haben Steve Bannons Bemühungen, europäische populistische Parteien und Denker unter das Dach einer Bewegung zu bringen, als ein bloßes Eitelkeitsprojekt behandelt. Aber er liegt mit seinen Instinkten wie in Amerika auf der Höhe der Zeit. (...) In so unterschiedlichen Ländern wie Frankreich, Polen, Ungarn, Österreich, Deutschland und Italien werden Anstrengungen unternommen, um eine kohärente Ideologie zu entwickeln, um Europäer in ihrer Wut über Einwanderung, Wirtschaftsabbau und soziale Liberalisierung zu bestärken und diese Ideologie dann zu nutzen, um zu regieren. Es ist Zeit, diesen Ideen einer neuen rechten Volksfront Aufmerksamkeit zu widmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2018 - Ideen

Im Interview mit der NZZ spricht der Anthropologe Joseph Henrich über "weired people", Polygamie und den Homo oeconomicus, der ein Fehlkonzept sei: Zum einen wegen der "Annahme, dass die Menschen rational handeln. Dabei leiten uns alle möglichen Glaubenssysteme, nicht nur die Religionen oder die Magie, sondern zum Beispiel auch das Vertrauen in unsere Regierung, obwohl es die empirische Evidenz nicht unbedingt rechtfertigt. Zum anderen die Annahme, dass die Menschen nur egoistisch denken. Es gibt inzwischen mehr als genug Belege dafür, dass wir nicht nur im Eigeninteresse handeln, sondern als soziale Wesen vor allem aufgrund von internalisierten Motiven und Normen. Insgesamt verhalten wir uns also im realen Leben schlicht nicht so, wie es ein Ökonom vom Homo oeconomicus erwartet."

Weiteres: Im Interview mit der FR spricht der Politologe Herfried Münkler über seinen Werdegang, über Machiavelli, Clausewitz, Terrorismus und die AfD. In der NZZ denkt Daniel Haas über den plötzlich wieder so beliebten "Anstand" nach.
Stichwörter: Henrich, Joseph

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2018 - Ideen

Der Geograf Christophe Guilluy, Autor mehrerer Bücher zum Thema, hat frühzeitig auf das Rumoren in der Provinz gelauscht und weist im Guardian angesichts der heftigen Pariser Krawalle an diesem Wochenende auf Parallelen in vielen Ländern hin: "Die Bewegung der gelben Westen ist in der Peripherie Frankreichs entstanden. In diesen Regionen der Peripherie hat die gesamte westliche Welle des Populismus ihren Ursprung. Das periphere Amerika brachte Trump ins Weiße Haus. Das periphere Italien - der Mezzogiorno, ländliche Gegenden und kleine norditalienische Industriestädte - ist die Quelle des Populismus. Es protestieren jene Klassen, die vor langer Zeit einmal der Referenzpunkt einer politischen und intellektuellen Welt war, bevor sie sie vergaß."

Erstaunlich, dass eigentlich noch kaum jemand darüber nachgedacht hat, was es in einer Leistungsgesellschaft bedeutet, nicht gut genug zu sein, überlegt Andreas Zielcke in der SZ. "Viele Wähler von Populisten, sei es im amerikanischen Rust Belt oder in Südamerika, in den tieferen Provinzen Englands oder Ost- und Südfrankreichs, in Teilen Ostdeutschlands oder auch in Osteuropa - viele dieser Wähler in ländlichen, industrieverlassenen oder unterentwickelten Regionen verfügen über deutlich geringere Bildungs-, Fremdsprachen- und Professionalitätsressourcen als ihre städtisch-weltstädtischen Pendants. Auf dem Wettbewerb des Marktes gelten sie damit als hochgradig gehandicapt. Wenn aber ganze Bevölkerungsgruppen als chancenlos stigmatisiert und de facto ausgemustert werden, spiegelt das nicht einfach ein normales Politikversagen wieder, sondern einen schwer zu reparierenden Mangel der demokratischen Gesellschaftshierarchie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2018 - Ideen

Nick Cohen hatte neulich in Quillette Pascal Bruckner beschuldigt, in seinem jüngsten Buch "An Imaginery Racism", einer Kritik des Begriffs der "Islamophobie" "rechts" zu argumentieren (unser Resümee). Bruckner repliziert am selben Ort: "Vielleicht ohne dies zu wollen, reproduziert Cohens Lesart meines Buchs eine Taktik, die aus dem Kalten Krieg bekannt ist. So wie wir einst belehrt wurden, dass die Kritik an der Sowjetunion dem amerikanischen Imperialismus in die Hände spielt, werden diejenigen, die salafistische, wahhabitische oder khomeinistische Fanatiker angreifen, heute beschuldigt, die Interessen der nationalistischen Rechten zu vertreten. Diese Art stalinistischer Erpressung, führte Generationen fortschrittlicher Intellektueller in ein feiges Schweigen und in selbstgefälliges Einverständnis mit dem Totalitarismus."