9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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1208 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 121

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2020 - Ideen

In der NZZ fragt sich der Schriftsteller Ralf Bönt warum Religion und Wissenschaft immer als Gegensatz beschrieben werden. Können sie sich nicht eher gegenseitig inspirieren? "Dass sich keine fruchtbare Koexistenz von Wissen und Glauben, von praktischem Fortschritt und respektablem Umgang mit dem menschlichen Drama etabliert hat, erkennt man an dem fehlenden Bewusstsein für die Leistungen der Moderne. Nicht nur für Aby Warburg gilt die Entdeckung der elliptischen Form der Planetenbahnen durch Kepler als Schritt in die neue Zeit. Er gab die zwingende Vorstellung der Zentralität auf, denn die Ellipse hat anstelle eines Mittelpunktes zwei Brennpunkte. Das zu akzeptieren, hatte Kepler große Mühe. Schließlich sprach er von der Stampfmühle der Bahnkreise, an die er die Planeten fehlerhaft angebunden habe. Umso mehr könnte man erwarten, dass heute die Ellipse im kulturellen Gedächtnis der Deutschen eine Rolle spielt. Aber das ist nicht so, obwohl das Bundespräsidialamt im Schlosspark Bellevue ein großer elliptischer Bau ist. Ein Hinweis auf Kepler fehlt. Deutschland, dieses vielleicht modernste aller Länder: eine unbewusste Nation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2020 - Ideen

Christopher Clark, Autor der "Schlafwandler", einer Studie darüber, wie nach langem Frieden die Welt im Chaos des Ersten Weltkriegs versinken konnte, fühlt sich im Moment an genau jene Epochenschwelle versetzt: "Wir leben in einer Zeit, die stark an jene von 1914 erinnert", sagt er im Gespräch mit Michael Hesse von der FR. "Die Welt ist wieder multipolar. Neue Regionalmächte wie die Türkei und Iran treten auf, das östliche Mittelmeer ist zu meinem Erstaunen wieder ein Konfliktgebiet. Die Streitigkeiten um Libyen mit der Türkei im Westen des Landes und mit Ägypten und Russland im Osten, der Inselstreit zwischen der Türkei und Griechenland, bilden eigentlich das ab, was man früher die Orientfrage nannte. Heute gewinnt sie unerwarteterweise wieder an Bedeutung. Es ist wirklich eine starke Rückkehr der Muster des 19. und frühen 20. Jahrhunderts."

Entgeistert legt Arno Widmann ebenfalls in der FR ein italienisches Bändchen mit den Corona-Kolumnen Giorgio Agambens zur Seite, die zeigen, dass auch einige Linke bei diesem Thema anfangen zu spinnen: "Agamben zählt zu den bedeutendsten lebenden Denkern. In den einschlägigen Rankinglisten besetzt er immer einen der vorderen Plätze. Aber manchmal scheint er das Denken aufgegeben zu haben zugunsten seines größten Widersachers, des Recht-behalten-Wollens."

Die Idee, den Islam zu reformieren, ist ziemlich gefährlich, findet der säkulare Autor Kacem El Ghazzali in der NZZ, denn sie führt nicht unbedingt dazu, den Islam zu säkularisieren, sondern die Politik zu spiritualisieren: "Das politische System wird so zur Geisel geistlicher Autoritäten, die jede Veränderung für illegitim halten, solange sie nicht religiös begründet werden kann. Frauenrechte zum Beispiel würden dann nicht als universelle und unteilbare Rechte betrachtet. Stattdessen würde man sich in hermeneutischen Diskursen verlieren, in denen immer wieder die fundamentalistische Auslegung triumphieren dürfte."

Eins der Probleme bei der auch in Europa immer stärker werdenden identitären Linken ist, dass sie amerikanische Muster übernimmt, sagt Caroline Fourest ("Generation Beleidigt") im Interview mit Ute Cohen in der Welt: "In Frankreich und Europa gibt es eine universalistische Linke, die sich mit Charlie Hebdo identifiziert, laizistisch denkt und die Freiheit der Meinungsäußerung hochhält. Es gibt aber auch eine identitäre, radikale Linke. Die imitiert amerikanische Fragestellungen und führt nur noch eine Debatte über Identitäten statt eine Debatte über Ideen. Das ist absurd, weil wir eine ganz andere Geschichte haben hier in Europa. In Amerika geht es um Segregation, hier um postkolonialen Rassismus und Genozide."

Die Sinologin und Journalistin Claudia Wirz nimmt in der NZZ "Abschied von China" - am Ende doch nicht so ganz, so leicht lässt sich Liebe nicht besiegen. Aber sie zeigt, dass die Volksrepublik China schon zu Beginn der Öffnung jedem, der mit ihr zu tun hat, einen Preis abverlangte, durch die Ein-China-Politik, "die sich zuallererst im Verhältnis zu Taiwan spiegelt. Taiwan kann so demokratisch und rechtsstaatlich sein, wie es will - wer mit der Volksrepublik diplomatische Beziehungen pflegt, darf die Insel nicht als souveränen Staat anerkennen. Das hat weitreichende Folgen über das Politische hinaus. Mit dieser Politik bestimmt die Partei über weite Strecken, was chinesisch ist und was folglich eine Einmischung in innere Angelegenheiten darstellt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2020 - Ideen

Der Virologe Christian Drosten hat in der Schillerrede, zu der er neulich geladen war, einen "pandemischen Imperativ" formuliert: "Handle in einer Pandemie stets so, als seiest du selbst positiv getestet, und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an." Der Germanist Magnus Klaue ist damit in der Welt überhaupt nicht einverstanden: "Anders als bei Kant und auch bei Schiller kommt der Einzelne bei Drosten aber nur als potenzieller Störer des Allgemeinen in Betracht. Seine Pflicht besteht allein darin, durch eigenverantwortliches, das heißt: freiwillig gemeinschaftskonformes Verhalten dem Staat keinen 'Anlass' dafür zu geben, die Freiheit der Einzelnen einzuschränken."

In der FAZ geißelt Thmoas Thiel die Queer-ideologie, "also das Postulat, dass die erste Natur, der Körper, restlos in der zweiten Natur, dem Mentalen und Sozialen, aufgehe". Schuld ist der übliche Verdächtige: "Das Netz ist nicht nur das Medium, in dem alle, die an der Relevanz körperlicher Unterschiede festhalten, mit stalinistischer Härte niederkartätscht werden (was jetzt auch die Guardian-Kolumnisten Suzanne Moore zum Rücktritt bewegte), es ist auch die Basis der transhumanistischen Utopie, die die Überwindung des Körpers zum Programm gemacht hat." (Unser Resümee zur Kündigung von Suzanne Moore).
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2020 - Ideen

Peter Hintz schreibt bei 54books über eine DDR-Sehnsucht der neuen Rechten, die vor allem eine Sehnsucht nach der Käseglockigkeit des eingemauerten Staats gewesn zu scheint: "Nach dem DDR-Verständnis der sogenannten Neuen Rechten bewahrte der Eiserne Vorhang Ostdeutschland aber vor Verwestlichung im Sinne von Konsumgesellschaft und Neuer Linker. So bezeichnete ein (aus Österreich stammender) Autor der Antaios-Zeitschrift Sezession einmal die Mauer als 'anti-antideutschen Schutzwall' und für einen anderen war die DDR die 'letzte Variante deutscher Staatlichkeit.'"

Ideologiefreie Geschichtsbetrachtung gibt es nicht, warnt in der NZZ der Philosoph Alexander Grau heutige Bilderstürmer: "Wie sehr in den historischen Diskursen der westlichen Welt inzwischen die moralische Bewertung das Gespür für historische Zusammenhänge ersetzt hat, konnte man im Sommer anlässlich der 'Black Lives Matter'-Demonstrationen erleben. Denn wer Denkmäler von Kolumbus, Churchill oder Bismarck schleifen möchte, weil diese Eroberer, Rassisten oder Kriegstreiber waren, bemüht sich nicht um ein historisches Verstehen, sondern walzt Geschichte im Namen aktueller Moralvorstellungen nieder. Doch Moral ist selbst ein historisches Phänomen, eingebunden in Diskurse, Narrative und Sinnkonstituenten ihrer Zeit. Wer sich weigert, diese zu verstehen, versteht nichts."

Im Interview mit der FR analysiert der Ökonom Branko Milanovic den Zustand der Demokratie in Amerika, den er immer näher an China verortet: "In China sehen wir, dass die politische Macht oft genutzt wird, um ökonomische Macht zu erlangen. Das lässt sich bei vielen chinesischen Familien beobachten, die über eine politische Macht verfügen und diese nutzen, um von der ökonomischen Seite zu profitieren. In den USA ist es so, dass Menschen ihre ökonomische Macht nutzen, um zu politischer Macht zu gelangen. Reiche Leute streben in den USA in die politische Arena und in die Medien. Es gibt Tausende von Lobbyisten, die für die Reichen tätig sind. Eine gefährliche Konsequenz: Das politische System wird zunehmend plutokratisch. Insofern könnte es eine Annäherung der Systeme geben, da das demokratische System immer undemokratischer wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2020 - Ideen

Kwame Anthony Appiah greift im Guardian eine sprachlich klischeehafte Formulierung auf, die bei Politikern in den USA in Mode ist und tief blicken lässt, die Formel von der "gelebten Erfahrung", die unter anderem Kamala Harris (aber auch viele andere Politiker) im amerikanischen Wahlkampf benutzten, um ihre persönliche Authentizität und ihre Zugehörigkeit zu ihren Communities zu unterstreichen. Aber die "gelebte Erfahrung" ist nicht repräsentativ, sondern individuell, wie sich gerade bei Harris belegen lasse, die zwar schwarz sei, aber aus der gehobenen Mittelschicht stamme: "Der Punkt ist dabei nicht, dass Mittelschicht ausschließt, dass du eine 'authentische' schwarze Person bist. Er liegt darin, dass ihre Erfahrung eine besondere ist. Leute, die als Staatsanwälte dienten, wird man links, in der Mitte und rechts finden. Kinder indischer Immigranten mögen für Trump gestimmt haben. Es gibt keine schwarze Erfahrung, die von allen Schwarzen geteilt wird, oder eine Erfahrung indischer Migranten, die von allen Kindern dieser Migranten geteilt wird, oder auch nur eine geteilte Erfahrung aller Staatsanwälte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2020 - Ideen

Der Soziologe Armin Pfahl-Traughber denkt in einem Essay bei hpd.de über die "Identitätslinke" nach, die er der "Soziallinken" gegenüberstellt und unter anderem für ihre "Essenzfixierung" kritisiert: "Die Identitätslinke denkt dementsprechend Minderheitengruppen essenziell, was mit ihrer Deutung als einheitliche Gruppe mit identischen Interessen wie eben als primäres Opfer von diskriminierenden Vorurteilen einhergeht. Gleichzeitig betrachtet man die benachteiligende 'Dominanzkultur', wovon eben die kritisierten Folgen für die unterschiedlichen Minderheitengruppen ausgehen, ebenfalls als homogenes Phänomen."

Außerdem: In der FAZ erklärt Georg Rilinger vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, was "Marktdesign" ist, ein Forschungsfeld über eine in Auktionen organisierte Ökonomie, für das  Robert Wilson und Paul Milgrom den Wirtschaftsnobelpreis erhalten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2020 - Ideen

Schon der Begriff "Afrika" ist irgendwie ein koloniales Konzept, schreibt die Zürcher Historikerin Gesine Krüger bei geschichtedergegenwart.ch: "Niemand würde behaupten, dass mit afrikanischer Politik, afrikanischer Musik oder afrikanischer Geschichte stets über den gesamten Kontinent hinweg einheitliche Phänomene beschrieben werden. Und doch erscheint 'Afrika', bei allem Wissen um historische, kulturelle und regionale Differenz, auch als eine Einheit. In gewisser Weise gilt das auch für Europa / europäisch, doch mit Europa sind entweder positive abstrakte Begriffe wie 'europäische Werte' oder 'Aufklärung' verbunden, oder eine, mitunter folkloristisch aber ebenso positiv gedachte Vielfalt der Nationen und Kulturen - von Sizilien bis zum Nordkap. Afrika hingegen wird auf das vermeintlich Typische reduziert und Differenz problematisiert."

In Krisenzeiten wie der Pest oder auch jetzt Corona durfte sich der Staat nicht hilflos zeigen, sonst verlor er seine Legitimation, meint der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ mit Blick auf die Pest. Darum musste er auf Krisen so hektisch und oft übergriffig reagieren. Und heute? Kann ein demokratischer Staat nicht auch mal zugeben, "dass er seine Ressourcen ausgeschöpft hat, vielleicht sogar zu weit, und dass es jetzt auf die Verantwortung der Zivilgesellschaft und die Vernunft des Individuums ankommt. Das wird schon jetzt von allen Seiten der Öffentlichkeit mantramässig gepredigt, kommt aber bei den Adressaten offensichtlich nicht an. Vielleicht würde das ehrliche Eingeständnis der obersten Funktionsträger und der diversen Expertengruppen, mit ihrem Handeln ihre Spielräume ausgereizt zu haben, die Akzeptanz der unabdingbaren Sicherheitsregeln fördern."

In der SZ wünscht sich Sara Maria Behbehani Debatten, die weniger von Arroganz geprägt sind - auch auf Seiten der Linken: "Menschen mit anderen Ansichten werden als Faschisten, Fremdenfeinde oder Spinner abgekanzelt. Gewiss, die gibt es. Doch nicht jeder, der Donald Trump gewählt hat, ist Rassist. Nicht jeder, der gegen Corona-Auflagen demonstriert, ist Verschwörungsideologe. Nicht jeder, der den Genderstern ablehnt, diskriminiert Intersexuelle. Wer Menschen pauschal als Rassisten, Sexisten, Verschwörer oder Nazis bezeichnet, im besten Fall als Idioten, treibt die Spaltung der Gesellschaft voran. Das Ausgrenzen durch solche Begriffe ist ein billiges Mittel, um der Auseinandersetzung mit Argumenten auszuweichen."

Weiteres: In der NZZ erzählt der Religionstheoretiker Hans Maier, wie der römische Soldat Martin zum populärsten Heiligen Europas wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2020 - Ideen

Zum fünften Todestag erinnert Richard Herzinger in seinem Blog an den großen André Glucksmann, von dem man vor allem den "konsequenten Bruch mit allen Konstruktionen eines illusionären Guten" lernen könne. Gerade darum waren für Glucksmann die Dissidenten in Osteuropa die Repräsentanten eines neuen Denkens möglicher Politik: "Die Abweichler vom 'realen Sozialismus' vereinten sich nicht mehr um ein gemeinsames Ideal, sondern kamen in der Entschlossenheit zusammen, sich den potemkinschen Dörfern und Sprachregelungen des Kommunismus nicht mehr zu beugen. Sie wollten aussprechen, wie seine Realität tatsächlich aussah."
Stichwörter: Glucksmann, Andre

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2020 - Ideen

Die in Frankreich sehr prominente Publizistin Caroline Fourest ist eine dezidierte säkulare Linke, die ihre Anfänge in der radikalen Lesben-Bewegung hatte und die mit "Generation beleidigt" ein Buch gegen die identitäre Linke geschrieben hat. Im Gespräch mit Doris Akrap von der taz sagt sie, warum: "Die Linke hat sich in die Universitäten geflüchtet und lässt sich nur noch von dortigen Diskursen, aber vor allem aus den USA beeinflussen. Wir haben es in Frankreich aber mit einem postkolonialen Rassismus zu tun, der etwas anderes ist als ein postsegregationeller Rassismus in den USA. Aber es geht hier ganz offenbar nicht mehr um so etwas wie Erkenntnis oder Solidarität. Dieser Teil der Linken ist zum Gewerbe geworden. Hier wird nicht die Ungerechtigkeit rausgebrüllt. Hier wird gebrüllt, damit man als Brüllender wahrgenommen wird."

irgendwie ist der kommende Quantencomputer auch das Symbol für unsere komplexe Realität, gibt Miriam Meckel in der NZZ zu bedenken: "Er funktioniert nur am absoluten Nullpunkt, also bei etwa -273 Grad Celsius. Zustände der Überlagerung (Superposition) können jederzeit kollabieren, und doch ist gleichzeitig alles mit allem verbunden. Ganz ähnlich verhält es sich mit unserer Wirklichkeit." Ebenfalls in der NZZ legt Peter Sloterdijk eine ziemlich abstrakte Reflexion über das bei ihm sio unbeliebte Phänomen der Steuern vor: "Eine psychoökonomische Gesamtbetrachtung erlaubt es, das diffuse 'Unbehagen in der Kultur' weiterzuverfolgen bis zum Unbehagen in der Fiskalkultur."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2020 - Ideen

Staatsschulden sind nicht das Problem schreibt Ulrike Herrmann, die große Wirtschaftstheoretikerin der taz, sondern die Lösung: Man kann, ja soll, das Reale aus dem Virtuellen bauen. Bestärkt fühlt sich Herrmann durch die nun modische "Modern Money Theory":  "Im Kern besagt diese Theorie, dass unser Wirtschaftssystem ohne Staatsschulden gar nicht funktionieren kann. Defizite sind gut, nicht schlecht. Dieses Konzept wird von verschiedenen Volkswirten vertreten, aber der Star ist Stephanie Kelton. Die 51-Jährige lehrt an der Stony Brook University auf Long Island und ist Beraterin linker Demokraten; sie hat mit Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Alexandria Ocasio-Cortez zusammengearbeitet. Im Juni erschien ihr Bestseller 'The Deficit Myth', der die Modern Money Theory für Laien gut verständlich erklärt. Die Vor- und Nachteile der MMT werden in den USA schon deswegen eine politische Rolle spielen, weil die Republikaner die Staatsschulden ab jetzt ununterbrochen skandalisieren werden."