9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2017 - Ideen

NZZ-Autor Marc Felix Serrao sieht im Fall des Google-Programmierer James Damore ein Beispiel dafür, wie sich eine neue Debattenkultur etabliert hat, die nur noch Diversity, aber keinen Pluralismus mehr kennt: "Die Empörten des ersten Akts haben in James Damore kein Individuum, sondern einen weißen Mann wahrgenommen, also einen Vertreter einer historisch privilegierten Gruppe. Hätte eine Frau Googles Förderprogramme, die sich exklusiv an Frauen richten, kritisiert, wären die Reaktionen anders ausgefallen. Kritik hätte es vielleicht auch gegeben, aber sie wäre viel milder ausgefallen. Auf der Seite der Kontraempörten galt das gleiche Prinzip. Hier wurde jeder Einwand gegen Damores Text als ideologisches Blendwerk abgebügelt. Die Vielfalt, die sich Diversity nennt, hat eine angstbesetzte intellektuelle Einfalt produziert."
Stichwörter: Diversity, Pluralismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2017 - Ideen

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat das Wiki Agentin.org, das als Pranger kritisiert worden war (unsere Resümees), bekanntlich vom Netz genommen. Sein Mitbegründer Andreas Kemper verteidigt es im Gespräch mit Heide Oestreich in der taz aber unverdrossen. Nicht nur katholische Fundamentalistinnen, auch liberale Journalisten, die nicht seine Meinung vertreten, gehören auf diese Liste, findet er: "Meinungen fallen ja nicht vom Himmel. Sie schließen an Diskurse an, die virulent sind. Und es gibt eben Journalisten, die antifeministische Diskurselemente auch in die liberalen Medien tragen. Eine verzerrte, unsachliche Darstellung der Gender Studies gehört dazu. Das Wort 'Antiwissenschaft' für Gender hat ein solcher Journalist erfunden. Die Rechten haben es freudig aufgegriffen."

Im Silicon Valley macht sich gerade ein "robustes Interesse an Philosophie" breit, berichten Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski in der NZZ. Nietzsche, Heidegger und die Vertreter der Stoa sind Favoriten, um die enttäuschenden Treffen mit Donald Trump zu verkraften: "Seither verkörpern die techno-optimistischen Weltverbesserer, die vor der Wahl noch weitestgehend Clinton unterstützt oder mit dem unternehmerischen Exil gedroht hatten, nicht mehr Résistance, sondern pragmatisches Management. In diesem Beleuchtungswechsel wirkt die Stoa-Begeisterung der Valley-Belegschaften wie eine Reaktion auf eine Entzauberung, wie das Inbild eines Unbehagens in der Tech-Kultur: Something is rotten in Silicon Valley."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2017 - Ideen

Adam Soboczynski liest für die Zeit das Buch "Die Angstmacher" von Thomas Wagner, einst Redakteur der Jungen Welt (gegen die sich das Neue Deutschland wie ein Kampfblatt des Neoliberalismus ausnimmt). Und nach Soboczynski stellt Wagner in seinen Gesprächen mit Protagonisten von ganz Rechts eine echte Wahlverwandtschaft fest: "Thomas Wagner findet bei den Neuen Rechten überhaupt eine Vielzahl an Stimmen, die das alte, für den Autor attraktive Lied der Kapitalismuskritik und des Antiimperialismus singen, während die postmaterialistische Linke sich mit letztlich belanglosen Befindlichkeitsthemen wie Gender-Mainstreaming befasst. Man lernt in diesem durchaus anregenden Buch: Nicht die Linke ist der Hauptgegner der Neuen Rechten, sondern das liberale Bürgertum. Nicht die Rechte ist der Hauptgegner der orthodoxen Linken, sondern das liberale Bürgertum."

Der New Yorker Philosoph Omri Boehm liest ebenfalls für Zeit Mark Lillas neues Buch "The On­ce and Fu­ture Li­be­ral", in dem Lilla weiterhin darauf beharrt, dass die Gender-Linke an dem Aufstieg Trumps Mitschuld trägt (unsere Resümees dazu). Boehm positioniert sich recht unklar zu dieser These, verweist aber auf ein sehr altes Zitat Richard Rortys, das umso seherischer war: "In 'Achieving Our Country' (deutsch: Stolz auf unser Land), einem einst äußerst umstrittenen Traktat, das heute als wiederentdecktes Orakel zitiert wird, beschwor Rorty die Linke, den Identitätsliberalismus über Bord zu werfen und sich wieder auf eine patriotische Politik à la Roosevelt zurückzubesinnen: Ansonsten 'werde es einen Bruch geben', und die Amerikaner würden 'einen starken Mann wählen wollen, der ihnen verspricht, dass unter ihm die feinen Bürokraten, raffinierten Anwälte, überbezahlten Anlageberater und postmodernistischen Professoren nicht mehr das Sagen haben werden'."

In der NZZ wiederholt Lilla seine Vorwürfe an die modische Linke: "Die Frage lautet: Warum? Warum sind gerade diejenigen, die behaupten, für den großen amerikanischen Demos zu sprechen, so gleichgültig, wenn es darum geht, an dessen Gefühle zu rühren und sein Vertrauen zu gewinnen? Warum haben die Linksliberalen im Wettbewerb um eine amerikanische Vision einfach aufgegeben?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2017 - Ideen

In der taz denkt Jan Feddersen über die Kontroverse zwischen den "Queerfeminstinnen" Judith Butler und Sabine Hark und Alice Schwarzer nach (unsere Resümees) und findet Motive für die Wut auf die Emma-Herausgeberin: "Was Butler und Hark einer wie Alice Schwarzer übelnehmen müssen, ist wohl auch der Umstand, dass die Emma-Herausgeberin schon in der Geburtsstunde der Islamischen Republik Iran Ende der siebziger Jahre die Gefahr für Frauen erkannte und die Linke immer dafür kritisierte, genau dies kaum oder erst viel zu spät für wichtig genommen zu haben." Erstaunt ist Feddersen auch über zweierlei: Dass die Zeit Butler und Hark eine so prominente Position gab und dass die beiden außer der Bekanntgabe ihrer Pikiertheit eigentlich gar nicht argumentieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2017 - Ideen

In der NZZ beugt sich der emeritierte Frankfurter Soziologieprofessor Tilman Allert über unsere Sneaker, die das "Mobilitätsethos der modernen Gesellschaft" verkörpern, aber auch dessen ganze Widersprüchlichkeit offenbaren: "Die Sohle ist der Schlüssel zur Phänomenologie der Sneakers. ... Leicht und elastisch können sie sein, kaum spürbar, als sei man fliegend oder doch zumindest ständig wie ein Nomade unterwegs. Dagegen kündet die ausdrücklich akzentuierte Sohle, gleichsam zentnerschwer, in der Varietät ihrer Gestaltung an Robustheit kaum zu übertreffen, vom Angekommensein."
Stichwörter: Tilman Allert, Sneaker

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2017 - Ideen

Der Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn denkt in einem fantastischen Essay in der NZZ darüber nach, was uns eigentlich antreibt, nach Leben im Weltall zu suchen: Terrazentrismus? Kohlenstoffchauvinismus? Oder die Sehnsucht des Menschen nach Versöhnung mit sich selbst: "Sosehr sich auch im Laufe der Zeit die Kulissen verändern, vor denen die Außerirdischen agieren, so unverkennbar Evolutionstheorie, Spektralanalyse und Relativitätstheorie unsere Wahrnehmung des Universums verändert haben: Immer noch, bis zum heutigen Tag, zahlt es die Kulturschulden der Erdbewohner. Irgendwo im All sind die Antworten auf die Frage gespeichert, was wir eigentlich zu sein begonnen haben, als wir den Weltraum entdeckten. Die Suche nach der zweiten Erde, ganz gleich, auf welchem technologischen Niveau, entziffert sich vor diesem Hintergrund als das Projekt einer Versöhnung des neuzeitlichen Menschen mit sich selbst."

In der Welt macht uns Jan Küveler mit der Spezies der Transhumanisten vertraut, die zumindest äußerlich intelligentem Leben ähnlich sieht. Aber: "Ein Transhumanist entlarvt sich mit Sätzen wie: 'Derzeit kann der Mensch nur auf der Fleischansammlung seines Körpers betrieben werden.' Oder: 'Die künstliche Intelligenz hasst uns nicht, aber sie liebt uns auch nicht. Wir bestehen einfach aus Atomen, die sie für etwas anderes  gebrauchen kann.' Das klingt wenig sympathisch, hat aber einen entscheidenden  Vorteil: Es könnte sich als visionär erweisen. Dann wären die Transhumanisten happy."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2017 - Ideen

Ziemlich ideenlos extemporiert Slavoj Zizek (dem Trump einst näher war als Hillary Clinton, unser Resümee) in der NZZ über Donald Trump und seinen Hang zu Obszönitäten, der ihn bei seinen Anhängern nur noch beliebter mache.
Stichwörter: Slavoj Zizek, Donald Trump

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2017 - Ideen

Ziemlich entsetzt ist der Autor und Mitbegründer der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon bei hpd.de nach der Lektüre der Bücher "Homo Deus" und "Eine kurze Geschichte der Menschheit" des viel gefeierten israelischen Philosophen Yuval Harari - vor allem darüber, wie Harari mit dem Begriff des "Humanismus" umgeht. Laut Harari sind demnach sogar die Nazis "evolutionäre Humanisten" - für Schmidt-Salomon ein Widersinn: "Es hatte seinen Grund, dass die deutschen Soldaten 'mit Gott und dem Führer' in den Krieg zogen und dass Hitler bei jeder Gelegenheit die 'göttliche Vorsehung' herbeizitierte. Nazideutschland war einer der wenigen Staaten im 20. Jahrhundert, in denen es 'Gottlosigkeit' offiziell gar nicht geben durfte. Wer nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft war, wurde von den Nazis in der amtlichen Kategorie 'Gottgläubiger' geführt, denn 'Atheismus' galt als Ausdruck einer 'kulturzersetzenden, jüdisch-bolschewistischen Gesinnung', die in keiner Weise geduldet wurde."

Das Leben wird eigentlich überall besser, nur dummerweise auch für die Untergangspropheten, die auf der Linken wie der Rechten das Sagen habe, schreibt Tobias Blanken in einem kleinen Essay für die Salonkolumnisten. Schuld daran ist auch Karl Marx: "Glaubt man daran, dass das Elend nicht nur systemimmanent ist, sondern zwangsläufig auch noch zunehmen wird, kann die einzig sinnvolle Veränderung nur darin liegen, dass man das ganze System auf revolutionäre Weise umwirft. Reformistische Ansätze sind unter dieser Prämisse unabwendbar eine Si­sy­phus­ar­beit, ein vollkommen sinnloses Anrennen gegen Windmühlen. Und Gläubige hatte Marx viele, ohne die Verelendungstheorie wäre der reformistische Flügel der Arbeiterbewegung vermutlich erheblich stärker gegenüber dem revolutionären gewesen."

In der FAZ gibt Adrian Lobe der Digitalisierung die Schuld am Dieselskandal. Denn wer kann schon die ganze Software überprüfen, die heute in Autos verbaut wird? Vielleicht mit Überwachung bei der Produktion? Lobe lässt sich da von Tim O'Reilly und seinem Begriff der "algorithmic regulation" inspirieren: "O'Reilly argumentiert, dass man komplexe Finanzprodukte, wie sie an den Terminbörsen gehandelt werden, ohne Algorithmen gar nicht mehr regulieren könne. Das Primat der Politik werde durch die Automatisierung der Wirtschaft auf die Probe gestellt. Will man den Hochfrequenzhandel noch einigermaßen kontrollieren, brauchte es eine Art Hochfrequenzjustiz - Bots, die unablässig jede Finanzmarkttransaktion überwachen."

Außerdem: In der NZZ denkt Rainer Paris über Glaubwürdigkeit und Demokratieverständnis nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2017 - Ideen

Wolfgang Kraushaar fragt sich in einem Essay für die SZ, warum der Radikalismusbegriff im Lauf der Zeit durch den eher geschichtslosen Begriff des Extremismus ersetzt wurde: "Nur der Radikalismusbegriff - so die Hypothese - gestattet es, eine differenzierte Analyse der sozialen, politischen und weltanschaulich-ideologischen Aspekte vornehmen zu können. Weil er im Unterschied zum statischen Extremismusbegriff eine dynamische Signatur besitzt, ist er auch dazu in der Lage, die Genese einer politischen Position begreifbar zu machen. Nicht ohne Grund spricht kein Mensch von 'Extremisierung', wenn er die Entwicklung zu einer 'extremen Position' beschreiben will, sondern selbstredend von einer 'Radikalisierung'."
Stichwörter: Wolfgang Kraushaar

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2017 - Ideen

In der FR erinnert Arno Widmann an die Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto vor vierzig Jahren und das Schweigen, dass die Taten der RAF heute umgibt. Dabei gäbe es da noch einige Lehren zu ziehen: "Niemand ist damals aus Versehen bei der RAF gelandet. Es gab an jedem Ort in Deutschland eine Vielzahl von Gruppen, in denen man sich gegen alles, das einem nicht passte, engagieren konnte. Wer in die RAF wollte, der wollte es, weil er töten wollte. Der politische Mord war die Raison d'être der RAF. Man wird begreifen müssen, dass, so abschreckend das damals wie heute für die meisten war, es doch damals wie heute Menschen gab, für die genau das den Reiz ausmachte. So sehr, dass alles andere für sie nebensächlich wurde. ... die Ponto-Mörder und die vielen anderen deutschen Terroristen hatten kein wirkliches Kalkül. Sie wollten sich spüren und ihre Macht über andere, über die Welt. Wie Mohammed Atta oder Osama bin Laden."

Auch der Schriftsteller Karl-Heinz Ott sieht in der NZZ Ähnlichkeiten zwischen RAF und Islamisten: "Hinter dem angeblichen Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus oder für den Gottesstaat verbirgt sich ein egomaner Wahn, der schlecht damit leben kann, dass die Welt einem nicht zu Füßen liegt. Dass hinter dem Herzklopfen für das Wohl der Menschheit oft bloß der Wahnsinn des Eigendünkels steckt, hat Hegel mit Blick auf jede Art von Moral betont, die davon lebt, dass man die eigene Monstrosität als die der anderen ausgibt. Es müsste für diese Jugendbewegungen die schlimmste Kränkung sein, nähme man ihren ideologischen Hokuspokus überhaupt nicht ernst. Auch wenn sie selbst an ihn glauben, bildet er vor allem die Tünche, unter der sich ganz andere Begierden verbergen."
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