9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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1868 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 187

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2024 - Ideen

Buch in der Debatte

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Den BDS hält der israelische Historiker Moshe Zimmermann, der gerade das Buch "Niemals Frieden? Israel am Scheideweg" veröffentlicht hat, nicht für "per se antisemitisch", die deutsche Staatsräson für eine "hohle Phrase". Aber auch an der postkolonialen Sicht des Nahostkonflikts übt er im taz-Gespräch Kritik: "Der Zionismus entstand nicht als Kolonialbewegung. Er war national motiviert. Ihm Zugrunde liegt der Wunsch von Juden, sich als Nation zu definieren. Dieser Wunsch ist legitim. Die Auswanderer nach Palästina waren - wie ich im Buch betone - keine Gesandten eines europäischen Imperiums, sondern sie waren Verfolgte und Vertriebene, die gezwungen waren, Europa zu verlassen. Das ist eine Situation, die man nicht eine typisch kolonialistische nennen kann, und deswegen ist diese pauschale postkoloniale Betrachtung des Zionismus im Nahen Osten oder Israel mindestens undifferenziert und im Endeffekt auch unfair. Der Kampf der zionistischen Bewegung gegen die englische Mandatsmacht war sogar ein Kampf gegen Kolonialismus. Die postkoloniale Leseart der Siedlungsbewegung im Westjordanland seit 1967 halte ich, im Gegensatz, für berechtigt."

Ebenfalls in der taz blickt der Soziologe und Kunsthistoriker Jens Kastner auf antisemitische Aspekte in der postkolonialen Theorie, die er etwa im Buch "Epistemischer Ungehorsam" des argentinischen Literaturwissenschaftlers und dekolonialistischen Theoretikers Walter D. Mignolo ausmacht: "Zu den Denkern, die die 'Dekolonialität klar formuliert' hätten, zählt Mignolo in einer Nebenbemerkung auch den iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini. Chomeini ist bekanntlich für die Inhaftierung Zehntausender und die Exekution von Tausenden Gegner:innen der Islamischen Revolution verantwortlich. Mehrfach hatte er Israel als 'Krebsgeschwür' bezeichnet und zu dessen Vernichtung aufgerufen. Ein weiterer dieser 'islamischen Denker', auf die Mignolo sich en passant beruft, ist Sayyid Qutb (1906-1966). Der islamistische Theoretiker hatte die ägyptische Muslimbrüderschaft stark beeinflusst und in seinem Pamphlet 'Unser Kampf mit den Juden' (1950) wüste Verschwörungstheorien verbreitet. Diese gipfeln in der Behauptung, 'Allah hat Hitler gebracht, um sie [die Juden] zu beherrschen'. Chomeini und Qutb spielen im Werk Mignolos, das muss zu seiner Verteidigung betont werden, ansonsten keine Rolle. Umso mehr muss es daher verwundern, dass er deren Schriften neben anderen dekolonialen Perspektiven als entscheidend 'für die Entwürfe einer globalen Zukunft' einstuft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.02.2024 - Ideen

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Die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter hat mit ihrem "Der lange Schatten Maria Montessoris" eine neue Diskussion über die Schulreformerin Maria Montessori angestoßen (unser Resümee). Der Bildungsforscher Heiner Ullrich hält im Gespräch Jeannette Otto an den Verdiensten Montessoris fest, rät aber die Befunde Seichters ernst zu nehmen: Montessori "wollte das 'neue Kind' erschaffen, das die Menschheit voranbringt und vollkommener macht. Sie sprach auch von einem 'Erlöserkind' oder vom 'Normalisieren' des Kindes. Als Empirikerin war sie stark am Vermessen des Kindes interessiert. Sie hat Größe, Gestalt, Gesichts- und Schädelform gemessen. Das statistisch normale Kind galt als Orientierung. Sie hat daran geglaubt, dass jedes Kind einen immanenten Bauplan in sich trägt und eine Höherentwicklung und Steigerung des geistigen Potenzials möglich ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2024 - Ideen

Der Jurist und Journalist Noah Feldman macht sich in einem sehr langen Time-Essay Gedanken über den neuen Antisemitismus. Während der Antisemitismus von rechts bestehen bleibt, scheint ihm die heute "schädlichste und kreativste Strömung im zeitgenössischen antisemitischen Denken eher von links" zu kommen. Feldman erklärt, wie sich der neue Antisemitismus zugleich aus der antiimperialistischen Tradition und atavistischen Motiven speist. Als Verschwörungstheorie präsentiere er sich nicht mehr: Aber "um das Narrativ der Juden als Unterdrücker zu betonen, muss der neue Antisemitismus nicht nur zwei Jahrtausende jüdischer Unterdrückung, sondern auch den Holocaust, den größten organisierten, institutionalisierten Mord an einer ethnischen Gruppe in der Geschichte der Menschheit, irgendwie ausblenden. Auf der rechten Seite leugnen Antisemiten entweder, dass der Holocaust jemals stattgefunden hat, oder sie behaupten, dass sein Ausmaß überbewertet wurde. Auf der Linken wird behauptet, dass die Juden den Holocaust als Waffe benutzen, um die Unterdrückung der Palästinenser zu legitimieren." Der Vorwurf des Völkermords gegen Israel sei nicht an sich antisemitisch, so Feldman, dennoch sei er "besonders anfällig für Antisemitismus, weil der Holocaust das Paradebeispiel für das Verbrechen des Völkermords ist. ... Nennen wir es den Völkermord-Trick: Wenn die Juden als Völkermörder dargestellt werden - wenn Israel zum Archetyp eines völkermordenden Staates wird -, dann ist es viel unwahrscheinlicher, dass die Juden als ein historisch unterdrücktes Volk wahrgenommen werden, das sich selbst verteidigt."

Weitere Artikel: Auf geschichtedergegenwart blickt die Slawistin Sylvia Sasse auf die Verknüpfung zwischen Impfgegnerinnen und Putinunterstützern. Es ist nicht nur russische Propaganda, die da greift, etwa die Behauptung, die USA würden geheime Biowaffenlabore in der Ukraine betreiben, schreibt sie. Hier wirken vor allem "opportunistische Synergien", wie sie die polnischen Kulturwissenschaftlerinnen und Soziologinnen Agnieszka Graff und Elzbieta Korolczuk beschreiben, erklärt sie.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2024 - Ideen

Salonkolumnist Bernd Rheinberg weitet nach dem Berlinale-Eklat den Fokus und blickt auf den deutschen Kulturbetrieb insgesamt, dem er "ästhetisches Desinteresse und Infizierung durch das Virus Politik" attestiert: "Es sind vor allem die politischen Ergüsse der Sozialwissenschaften, die der künstlerischen Kreativität die Pinsel, Federn und Kameras führen. Wenn die Kunst zur Magd der Politik wird, dann hat das zur Folge, dass junge Künstler, weil ihnen die eigenen Ideen fehlen oder sie das Risiko des echten Eigensinns scheuen, ihre Entwicklung nicht im Reich der Freiheit beginnen, sondern in der gedanklichen und ästhetischen Enge des politischen Dogmas, das sich gerade als Trend pandemisch verbreitet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2024 - Ideen

Auch in der Zwischenkriegszeit war die Demokratie in Europa von extremistischen Parteien bedroht. Es lohnt, die anzuschauen, die sich erfolgreich dagegen gewehrt haben, nämlich die Tschechoslowakei, Finnland und Belgien, empfiehlt der in Oxford lehrende Politikwissenschaftler Giovanni Capoccia im Gespräch mit Spon: "Ich habe drei Faktoren identifiziert, die entscheidend waren. Am wichtigsten ist das Verhalten derjenigen Parteien, die der extremen Partei inhaltlich am nächsten stehen und deshalb am stärksten herausgefordert werden. Ich nenne sie Grenzparteien. Die Frage ist: Halten sie den demokratischen Konsens oder machen sie gemeinsame Sache mit den Extremen? Zweitens kann das Staatsoberhaupt überraschend großen Einfluss haben, wenn es eine aktive Rolle übernimmt. Drittens kamen auch Verteidigungsmaßnahmen zum Einsatz: Verbote, Beschränkungen, Gesetze gegen Propaganda. Nichts davon ist allein ausreichend, aber ohne geht es meist nicht."

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Bürgerliche Eltern, die ihre Kinder nicht auf eine Waldorf-Schule schicken, schicken sie in eine Montessori-Schule. Bei Rudolf Steiner ist inzwischen bekannt, welch gefährlichen esoterischen und rassistischen Theorien er anhing. Aber auch Maria Montessori war dem in ihrer Zeit grassierenden rassistischen und eugenischen Denken verfallen, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter, die ein kritisches Buch über den "langen Schatten Maria Montessoris" vorgelegt hat, im Gespräch mit Julia Schaaf von der FAS. "Maria Montessori war keine Pädagogin und wollte nie als solche gesehen werden. Sie war Biologin und Ärztin, sie interessierte sich für die 'Natur' des Menschen. 'Anormale', 'degenerierte' Menschen waren aus ihrer Sicht schuld am Rückschritt von Gesellschaften - während sie die 'normalen' optimal fördern wollte, um den Fortschritt der Gesellschaft zu bewerkstelligen. Ihr Denken hatte eine biopolitische Implikation. Das Schöne, das Intellektuelle, das Moralische war für die Biologin Maria Montessori angeboren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2024 - Ideen

"Degrowth"-Anhänger wie Niko Paech oder Ulrike Herrmann lesen sich als links. Aber der Linke Stefan Laurin rät bei den Ruhrbaronen von ihren Ideen ab und empfiehlt, auf Optimismus und technischen Fortschritt zu setzen: "Anstatt der reaktionären Degrowth-Doktrin zu folgen, käme es jetzt darauf an, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die Durchbrüche neuer Technologien ermöglichen. Und diese Rahmenbedingungen sind vor allem in Europa und Deutschland nicht gegeben. Technik war immer ein Treiber auch des gesellschaftlichen des Fortschrittes. Autoritäre Ideologien, und zu denen gehört die Postwachstumsideologie, arbeiten mit Angst. Sie wollen die Menschen nicht befreien, wollen nicht, dass sie ein gutes Leben haben, sondern dass sie sich aus Furcht fügen."
Stichwörter: Degrowth

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2024 - Ideen

Die Feuilletons trauern um den Ägyptologen, Religionswissenschaftler und Kulturwissenschaftler Jan Assmann, der zusammen mit seiner Frau Aleida Assmann, den intellektuellen und fachlichen Diskurs in der Bundesrepublik "am stärksten" prägte, wie Marc Reichwein in der Welt schreibt. Ihnen ist es zu verdanken, so Reichwein, dass Begriffe wie "Erinnern" oder "kollektive Identität" "Einzug in den öffentlichen Diskurs der Deutschen gefunden haben", was ihm auch gelang, so Reichwein, weil er nie nur für ein Fachpublikum schrieb. "Vor allem wusste er, dass der Tod beziehungsweise der Wunsch, ihn zu überwinden, die jahrtausendealte Gedächtniskultur am Nil überhaupt erst hervorgebracht hatte: In einem seiner schönsten Aufsätze (über den Mythos von Isis und Osiris) heißt es: 'Wir verstehen jetzt, warum in der ägyptischen Grabplastik und in der Ikonographie der Gräber der Verstorbene so oft, geradezu regelmäßig, in Gemeinschaft seiner Gattin dargestellt ist, die einen Arm um seine Schulter legt oder ihn anderweitig berührt. Wenn die ägyptische Kultur … im Grunde als ein einziger Protest gegen den Tod und als das Projekt seiner Überwindung verstanden werden kann, dann steht im Zentrum dieses Projekts die Wiederherstellung des Paares und seiner innigen Gemeinschaft, die der Tod durch erzwungene Trennung zerrissen hat.'"

In der SZ schreibt Gustav Seibt zum Tod von Assmann: "In langer Perspektive gehört Assmann in eine Reihe, die mit Herders Bibelkritik beginnt, in Nietzsches Moralgenealogie einen ersten Höhepunkt fand und in die Synthese Thomas Manns aus Mythos und Monotheismus mündete, um danach noch einmal Wissenschaft, Ausgrabung, Philologie und Kulturtheorie zu werden. Ein lang nachwirkendes Gedächtnis ist dieser gewaltigen Lebensleistung gewiss." Es ist nicht gerade eine Selbstverständlichkeit, dass Assmann als Ägyptologe zu einem der einflussreichsten Geisteswissenschafler Deutschlands wurde, schreibt Patrick Bahners in der FAZ: "Den Griechen verdanken wir die eine Hälfte der außerägyptischen Nachrichten aus Ägypten, die andere der hebräischen Bibel. Jan Assmann führten seine Untersuchungen ... zu Gedanken über die welthistorische Alternative zwischen friedlichem Polytheismus und kriegerischem Monotheismus, die Theologen und kirchenfromme, aber nicht weniger genau lesende Literaturwissenschaftler provozierten."

Jan Assmann war auch Perlentaucher-Autor. Im Januar 2013 antwortete er in einem fulminanten Essay auf einen Text des Theologen Rolf Schieder in dessen Buch "Sind Religionen gefährlich?" Natürlich ging es um Assmanns berühmte "mosaische Unterscheidung" und die Frage, ob Monotheismus eine neue Form der Gewalt in die Geschichte gebracht habe. Daraus entstand eine Debatte im Perlentaucher mit Autoren wie Bernhard Giesen, Bernhard Lang, Peter Sloterdijk, Micha Brumlik, Marcia Pally, Jan-Heiner Tück, Daniele Dell'Agli und Reinhard Schulze und ein ganzes, von Rolf Schieder herausgegebenes Buch:  "Die Gewalt des einen Gottes". Assmann legt in seinem Eröffnungsessay dar, dass es ihm nicht darum gehe, den Polytheismus gegenüber dem von Ägyptern und Juden erfundenen Monotheismus zu idealisieren: "Wir wissen natürlich, dass die Geschichte der Menschheit, soweit sie sich anhand der Quellen zurückverfolgen lässt, voller Kriege und Gewalt war. Das gilt auch für die Religionen mit ihren blutigen Opferbräuchen und grausamen Initiationsfoltern. Dieser Art von Gewalt haben die monotheistischen Religionen sogar eher entgegengewirkt. Dennoch ist mit den monotheistischen Religionen eine bestimmte Form von Gewalt zuallererst in die Welt gekommen: die Gewalt im Namen Gottes. Das ist die Gewalt, mit der die Welt - die westliche und die östliche - heute konfrontiert ist und die uns, besonders nach den Ereignissen des 11.9.2001, beschäftigt, wenn es um die Frage 'Sind Religionen gefährlich?' geht." Die ganze Monotheismus-Debatte im Perlentaucher finden Sie hier.

Vergangene Woche wollte der postkoloniale Historiker Sebastian Conrad auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ nichts von Antisemitismus in seinem Fachgebiet wissen (unser Resümee). Heute sieht Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, ebenda in der postkolonialen Theorie die Wurzel des Antisemitismus an deutschen Unis: "Wie im Fall des israelbezogenen Antisemitismus wird Judenfeindlichkeit in postkolonialen Schriften meist nicht direkt, sondern über Kritik am westlichen Kolonialismus geäußert. In diesem Schema sind Juden weiße Kolonialisten, die die nichtweißen Palästinenser unterdrücken. Die Erinnerung an den Holocaust irritiert die Anhänger der postkolonialen Theorie genauso, wie sie diejenigen stört, die eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad fordern oder die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten als Vogelschiss der Geschichte bezeichnen. Die Relativierung des Holocausts ist für die Durchsetzung des starren Täter-Opfer-Schemas elementar. Dieses Muster wird wie eine Schablone auf sämtliche Konflikte dieser Welt gelegt. Oder besser: Könnte gelegt werden, denn akademische Unmutsäußerungen oder Massendemonstrationen angesichts der staatlichen Verfolgung der Uiguren in der Volksrepublik China, der Rohingya in Myanmar oder Massaker an Christen in Nigeria gibt es in der Regel nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2024 - Ideen

Eine rührende Miniatur schreibt Bernard-Henri Lévy in La Règle du jeu über Raymond Aron. Seltsam eigentlich, dass Lévy, der wie Aron ein antitotalitärer Intellektueller ist, in seiner Biografie eher von Sartre kommt, der sich politisch in seinem Leben um vieles drastischer geirrt hatte, als Aron jemals hätte denken können. Aron hatte Lévy für dessen erstes Buch "L'Idéologie française" arg attackiert, erzählt Lévy. Eine Freundschaft wurde so nicht mehr draus, zumal Aron 1983 starb. "Die extreme Rechte stand damals noch nicht vor den Toren der Macht. Es gab noch keine neue, wütende und gewalttätige extreme Linke, die der antiparlamentarischen Tradition in letzter Zeit ein neues Gewand verliehen hat. Aber zahlreiche Anzeichen - paradoxerweise dieselben, die ich in dem Buch festhalten wollte, das unseren Bruch besiegeln sollte - sagten mir, dass es kommen würde. Und ich dachte daran, dass das Denken dieses Mannes, wenn es denn so kommen sollte, die beste Waffe wäre, die der republikanischen und liberalen Rechten, die neben der sozialdemokratischen Linken der andere Pfeiler der Republik ist, zur Verfügung stünde, um sich dem entgegenzustellen." Anlass für Lévys Artikel ist eine neue Biografie über Aron, "Le Penseur des prochains jours" von Alexis Lacroix.

In der NZZ fordert der Kolonialhistoriker Toni Stadler eine Reform des Völkerrechts, die sich einer "multipolaren" Welt anpasst und die Idee universaler Menschenrechte aufgibt: "Gemessen an ihrem Anspruch, globaler Standard zu werden, sind die Menschenrechte vorerst gescheitert. Wie trotzdem weiter? Ein möglicher Weg wäre, dem Beispiel der Europäischen Menschenrechtskonvention folgend andere Weltregionen einzuladen, regionale Menschenrechtserklärungen besser im Einklang mit ihren Kulturen und Werten auszuhandeln." Stadlers Kritik am Universalismus scheint in diesem Fall allerdings nicht aus Sympathie mit dem "globalen Süden" zu kommen, sondern soll der Bekämpfung von Migration dienen: "Bei der Flüchtlingskonvention von 1951 ging es um den Holocaust und die Rückkehr von 10 Millionen vertriebenen Deutschen aus Osteuropa. 1967 wurde das Abkommen, welches für 'Ereignisse in Europa vor 1950' gedacht war, mit einem Protokoll auf Unterzeichnerländer weltweit ausgedehnt. An kommerzielle Migration im Internetzeitalter dachte damals niemand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2024 - Ideen

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In ihrem 2023 erschienenen Buch "Die Durchquerung des Unmöglichen" plädiert die Philosophin Corine Pelluchon für mehr Hoffnung auf eine bessere Welt in Zeiten des Klimawandels und Demokratie-Krise. Optimismus hält sie dagegen im FR-Interview mit Michael Hesse nicht für angebracht, da dieser den Ernst der Lage durch seine bloße Fortschrittsgläubigkeit nur verschleiere: "Ich will den Begriff des Fortschritts nicht über Bord werfen, aber man kann nicht sagen, alles ist perfekt. Optimismus ist also nicht nur eine Lüge, sondern auch ein Hindernis. Er ist eine Verleugnung. Es ist so schwierig, seine eigenen Illusionen zu verlieren, dass man die Neigung hat, zu vergessen und so zu tun, als ob es keine Probleme gäbe. Die Verdrängung unserer Angst, die Verleugnung unserer Todesangst hat dramatische Folgen; sie trägt dazu bei, dass wir uns wie starke Menschen sehen, weiter konsumieren und politische Führer wählen, die dem Bild der Allmacht entsprechen. Trotz der Informationen über den Klimawandel ändern die Menschen ihre Essgewohnheiten in Bezug auf Fleisch nicht. Und weil sie sich verloren fühlen, wollen sie einem Heroismus frönen, um das zu verschleiern. Wir alle haben viele Illusionen. Wir sind enttäuscht und fühlen uns angesichts der großen Gefahren hilflos. Wir leben in einer Ungewissheit, die unser Leben kennzeichnet."
Stichwörter: Hoffnung, Klimakrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2024 - Ideen

In den letzten Monaten habe in der deutschsprachigen Öffentlichkeit eine "regelrechte Verteufelung postkolonialer Studien eingesetzt", klagt der postkoloniale Historiker Sebastian Conrad, der auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ nichts von Antisemitismus in seinem Fachgebiet wissen will und behauptet, der Antisemitismus-Vorwurf werde einerseits erhoben, "um gegen die arabische Einwanderung aus dem Nahen Osten Stimmung zu machen. (...) Zum anderen wird schon seit Jahren über die deutsche Erinnerungspolitik gestritten, über das Verhältnis zwischen dem Erinnerungsregime der späteren Nachkriegszeit, das von der Einzigartigkeit des Holocausts ausgeht, und dem Plädoyer dafür, die kolonialen Verbrechen der deutschen Geschichte in die kollektive Erinnerung zu integrieren. Das verstärkte Augenmerk auf Themen wie Antisemitismus, Israelkritik und postkoloniale Ansätze zielt darauf, die Erinnerungskultur der Neunzigerjahre aufrechtzuerhalten, als vom Kolonialismus noch keine Rede war und die Distanzierung vom Holocaust als das zentrale Element der deutschen Selbstverständigung galt. Es zeugt von einem Unbehagen gegenüber den raschen gesellschaftlichen Veränderungen, die mit der Globalisierung der Märkte, dem Bedeutungsverlust des Nationalstaats und der Unsteuerbarkeit der Migrationsprozesse einhergehen."

Ebenfalls in der FAZ begrüßt Thomas Thiel das an den Universitäten von Lemberg und München neu gegründete deutsch-ukrainische Zentrum zur Erforschung der ukrainischen Gewaltgeschichte im zwanzigsten Jahrhundert: "Salopp gesagt ist das Zentrum die Antwort auf die Geschichtsmythen Wladimir Putins. Seine Initiatoren begründen es mit der selbstbewussten These, eine bessere Geschichtsschreibung hätte den russischen Angriff auf die Ukraine verhindert. Wüssten die Russen mehr über die Massenverbrechen, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts über die Ukraine hinwegrollten, und wären sie besser informiert über das Verhältnis der Ukrainer zu den deutschen Besatzern, dann hätten Putins Geschichtsmythen nicht verfangen, und man hätte über Putins Behauptung, er müsse die Russen vom Joch der ukrainischen Nazis erlösen, nur müde gelächelt."

Der Krieg im Gazastreifen zeigt: "Menschenrechte gelten nicht für alle Menschen gleich, auch wenn sie universell genannt werden", meint Georg Diez, der in der taz den Westen angeklagt: "Was anders ist, ist eine offensichtliche moralische Schwäche des Westens, verbunden mit einer realen Schwächung im geopolitischen Kontext. Was anders ist, ist die tiefergehende und bleibende Erschütterung des Konzepts des Universalismus. Die Bilder und Nachrichten aus dem Gazastreifen sind schwer zu ertragen, genauso wie immer noch die Bilder und Schilderungen der Hamas-Massaker vom 7. Oktober. Diese beiden Ereignisse, die so schwer zu trennen sind und die doch auch getrennt gesehen werden müssen, wenn man den jeweiligen Schrecken anerkennen will. Das ist nicht leicht für viele, und es sind Juden und Jüdinnen, die sich verraten fühlen seit dem 7. Oktober, genauso wie Palästinenser und Palästinenserinnen. (…) All die Forderungen, dass etwa Menschen, die nach Deutschland kommen, sich zu 'unseren' Werten bekennen müssen. Wie sind diese Werte zu finden in den Ruinen von Gaza, wie kann man einen universellen Zynismus zur Grundlage eines opportunistischen Wertesystems machen?"