9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2017 - Ideen

Im Gespräch mit Kai Schlieter von der Berliner Zeitung erklärt Thomas Wagner, Autor des Buchs "Die Angstmacher - 1968 und die Neuen Rechten", was die neue Rechte ist (ein Intellektuellenzirkel mit Einfluss auf die AfD) und wie Politiker wie Helmut Kohl und Angela Merkel halfen, den AfDlern ein Terrain zu geben: "Merkel verfolgt erfolgreich die Strategie, möglichst alle gesellschaftlichen Strömungen einzubinden, sodass sie ihrem Machterhalt dienen. Im Bundestag spielen Auseinandersetzungen eine viel geringere Rolle als in den siebziger und achtziger Jahren. Da ging es hoch her. Heute gibt es meist nur noch Scheingefechte, weil man sich in den wesentlichen Punkten einig ist. Deswegen hat die AfD mit ihrem Parteinamen: 'Die Alternative' einen klugen Schachzug gemacht."
Stichwörter: AfD, Thomas Wagner, Neue Rechte

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2017 - Ideen

Dirk Knipphals liest in der taz François Julliens Büchlein "Es gibt keine kulturelle Identität", ein Plädoyer dafür, seine Identität nicht aus der Herkunft abzuleiten, und wendet seine Ideen auf die kulturalistischen Diskurse der neuen Rechten (aber seltsamerweise nicht der Multikulti-Linken) in Deutschland an: "Die Neue Rechte hat sich in dem kulturellen Feld einen aus ihrer Warte, wenn man nicht aufpasst, ziemlich attraktiven Platz für gesellschaftliche Auseinandersetzungen ausgesucht. Auch bürgerliche Kreise setzen bei Identitätsstiftung auf Kultur. Wie ernst man es, staatstragend, mit der Selbsthinterfragung meint, wird demnächst etwa das Humboldt-Forum in Berlin zeigen. Es könnte für die Spannungen innerhalb des Kulturellen ein gutes Beispiel werden. Oder auch nicht."

Warum ist die Linke so unermüdlich darin, Minderheiten zu verteidigen und dabei Kritik am Umgang der Minderheit mit ihren eigenen Minderheiten als rechts zu denunzieren? "Leider verwechseln auch viele Linke Kritik am Islam und an dessen patriarchalem System mit Bigotterie gegenüber Muslimen", beschwert sich der in Zürich lebende marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ. "Dabei entstammen die meisten Islamkritiker der muslimischen Welt aus dem linken Spektrum. Doch die regressive westeuropäische Linke schenkt den Stimmen der Minderheiten innerhalb der Minderheiten - also Ex-Muslimen, Feministinnen, Homosexuellen, Liberalen -, die unter dem Tugend- und Suizidterror des politischen Islam und ihrer konservativen Gemeinschaften zu leiden haben, kein Gehör. Schlimmer noch: Islamkritiker müssen nicht nur wegen 'Blasphemie und Ketzerei' mit Todesdrohungen und Angriffen der Islamisten rechnen, sondern auch mit Verleumdungen, Unterstellungen und Rufschädigungen."

Außerdem: In einem ungeheuer wortreichen Essay, den die Welt aus dem Guardian übernimmt (hier das Original) erklärt Jonathan Franzen, wie in ihm, nachdem er mit dem Rauchen  aufhörte, die Ideen des Klima- und des Naturschutzes in Konflikt gerieten, und er dann in einem Essay für letzteren plädierte und kritisiert wurde. Und im Logbuch Suhrkamp erinnert Philipp Felsch an Niklas Luhmann, der in diesen Tagen neunzig Jahre alt würde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2017 - Ideen

In der Zeit warnen Maximilian Probst und Daniel Pelletier vor "Fake News", mit denen Energiekonzerne und konservative Medien Zweifel am Klimawandel säten. Das sie dabei so erfolgreich sind, wie die Autoren meinen, "hat auch mit der Schwäche der liberalen Öffentlichkeit zu tun. Sie ahnt nichts vom Informationskrieg, der über sie hereingebrochen ist. Während man bei Fox News auf Klimaleugnung geschaltet hat, meint man von der New York Times über die Washington Post bis hin zu CNN, 'ausgewogen' berichten zu müssen, und lässt auch die Protagonisten der Desinformationskampagnen ausführlich zu Wort kommen. Das Ergebnis ist eine katastrophale Verzerrung."
Stichwörter: Klimawandel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2017 - Ideen

In der NZZ fragt Norbert Bolz zum neunzigsten Geburtstag des Gesellschaftstheoretikers Niklas Luhmann: Was bleibt? Die Systemtheorie natürlich, auch wenn die mit dem Menschen ihre Schwierigkeiten hatte. Aber damit war Luhmann in der Soziologie keine Ausnahme: "'Der Mensch' erwies sich für die Soziologie schon früh als zu unscharfer Begriff - er wurde deshalb von Max Weber durch 'Handlung' ersetzt. Aber auch der Begriff 'Handlung' erwies sich dann als zu unscharf und wurde von Luhmann durch 'Kommunikation' ersetzt. Die Humanität seiner Systemtheorie bewährt sich nun aber gerade in diesem methodischen Antihumanismus. Denn nur eine radikal antihumanistische Theorie kann konkrete Individuen ernst nehmen. Die Austreibung des Menschen aus der Soziologie schafft Platz für die vielen konkreten Individuen."

Ebenfalls in der NZZ ermuntert der Philosoph Otfried Höffe dazu, sich wieder mit der philosophische Anthropologie zu beschäftigen: "Vielleicht waren ihre beiden Grundaussagen, die politische Natur des Menschen und die Sprach- und Vernunftbegabung, zu selbstverständlich geworden. ... Neuere Entwicklungen in der Forschungslandschaft legen nun jedoch dringend nahe, sich wieder mit ihr zu beschäftigen. Einerseits erwacht nämlich im Zeitalter der Biotechnik der Gedanke einer Selbsterzeugung des Menschen, der den stolzen Anspruch, die Krone der Schöpfung zu sein, gar noch übertrumpft. Andererseits läuft die von prominenten Hirnforschern vorgetragene Fundamentalkritik am Prinzip Freiheit auf das Gegenteil heraus, auf eine Selbstzerstörung des traditionellen Selbstbewusstseins."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2017 - Ideen

Wir leben heute in der Postmoderne, sagt man allgemein. Der Historiker Volker Reinhardt würde zustimmen: Wir haben uns so weit von Aufklärung und Moderne entfernt, dass wir fast schon wieder im 16., 17. Jahrhundert gelandet sind, schreibt er in der NZZ. Symptome sind für ihn die Diskreditierung der Naturwissenschaften, die Konjunktur der Esoterik, die Rückkehr des Prangers und die Heiligsprechung der Familie: "Das war noch vor wenigen Jahrzehnten ganz anders: Die ältere Generation galt als korrumpiert und unheilbar reaktionär; wer selbstbestimmt leben wollte, musste sich von allen Banden der Herkunft so schnell wie möglich frei machen. Im 21. Jahrhundert ist die Suche nach den Wurzeln, nach unbekannten Vätern und Müttern, Tränendrücker in allen Trivialmedien und, existenziell überhöht, in der höheren Belletristik unabdingbare Voraussetzung zur Selbsterkenntnis. Damit ist die Familie wieder geworden, was sie früher selbstverständlich war: die Matrix des Individuums und der Schlüssel zu seiner Beurteilung."

Es läuft gerade sehr gut auf der Welt, Asien und Afrika blühen auf, neue große Infrastrukturprojekte wie die von China angeschobene "Neue Seidenstraße" verknüpfen immer mehr Länder, die miteinander Handel treiben können, meint der Politikwissenschaftler Parag Kkanna im Interview mit der FR. Nur der Westen, der "steckt in einer Krise. Ein Kapitel meines Buches heißt 'Politik als Prozess ohne Ergebnisse'. Wir kümmern uns zu sehr um die Verfahren, statt um die Ergebnisse. Das Herumreiten auf von uns 'demokratisch' genannten Verfahren, die nur die bestehenden, Weiterentwicklungen behindernden Verhältnisse zementieren, wird uns nicht weiterhelfen. Manche werfen mir vor, ich sei undemokratisch, weil ich die Effizienz Singapurs lobe. Aber welcher Antidemokrat ist für eine allgemeine Wahlpflicht?"

André Versaille, Autor des Buchs "Les musulmans ne sont pas des bébés phoques" (Muslime sind keine Robbenbabys) hält die Verdrängung, die er heute Linksintellektuellen gegenüber dem Islamismus vorwirft, im Gespräch mit  Gil Mihaely von Le Causeur für ein altes Symptom und bringt sie in einen Zusammenhang mit der besonders in Frankreich beliebten Leugnung kommunistischer Verbrechen: "Wir haben alles abgestritten: die sowjetischen Konzentrationslager, die Schauprozesse in Moskau, Prag und anderswo, die Schrecken des Maoismus. Und dann leugneten wir den diktatorischen Charakter der Regimes, die aus den kolonialen Befreiungsbewegungen hervorgegangen waren. Man sagt gemeinhin, dass Donald Trump der Erfinder der 'alternativen Fakten' sei. Was für ein Irrtum, wir, die 'Progressiven', waren hundert Jahre vor ihm da..."

Außerdem: In der NZZ denkt der Autor Jonas Lüscher mit Robert Walser und Judith Shklar über Ungerechtigkeit nach. In der SZ berichtet Jörg Häntzschel von der Berliner Ausstellung "1948 Unbound", in der 40 Wissenschaftler und Künstler über die Zukunft nachdenken. In der FAZ unterhält sich Fridtjof Küchemann mit der Ko­gni­ti­ons­psy­cho­lo­gin Rakefet Acker­man, die herausgefunden hat, dass man auf Bildschirmen schlechter lernt als mit Büchern. Und der Historiker Martin Aust polemisiert ebenfalls in der FAZ gegen seinen Kollegen Timothy Snyder, der in seiner Verteidigung der Ukraine übers Ziel hinausschieße.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2017 - Ideen

Fake News, also Lügen, haben eine lange Tradition, erklärt die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig auf Zeit online. Heute kann jeder Lügen im Netz verbreiten und sie "alternative Fakten" nennen. Ist die Wahrheit damit abgeschafft? "Die Auffassung, dass es die Wahrheit gar nicht gebe, sondern jeder so seine eigene Wahrheit habe, ist gerade in der modernen, pluralistischen Demokratie verbreitet. Die verhängnisvolle Erfahrung mit dem totalen Wahrheitsanspruch des Nationalsozialismus und Kommunismus hat den Anspruch auf Wahrheit insgesamt in Verruf gebracht. Doch muss man der Opferung von Menschen in diesen Regimen auch noch die Opferung der Wahrheit folgen lassen? Dass der Verzicht auf die Wahrheit logisch nicht haltbar ist, zeigt sich schon daran, wie selbstverständlich ausgerechnet die Relativisten sie für ihren Standpunkt reklamieren. Und wie kann die Wahrheit in Abrede gestellt werden, ohne auch die Lüge zu verneinen?"

In der NZZ denkt der Philosoph Thomas Metzinger über eine künstliche Superintelligenz nach, die uns nicht nur an Sachverstand überlegen ist, sondern auch unsere Weltwahrnehmung mit all unseren Selbsttäuschungen besser versteht als wir selbst. Und was würde sie feststellen? Dass das Vermeiden von Schmerz und Leiden unser wichtigster Antriebsmotor ist: "Auf begrifflicher Ebene weiß sie natürlich seit langem, dass kein Wesen unter seiner eigenen Nicht-Existenz leiden kann. Die Superintelligenz schließt daraus, dass Nicht-Existenz im eigentlichen Interesse aller zukünftigen selbstbewussten Wesen auf diesem Planeten liegt. Empirisch weiß sie: Die natürlich evolvierten biologischen Lebewesen können diese Tatsache nicht erkennen, weil sie unter einem fest verankerten Überlebenstrieb leiden, unter dem, was die buddhistischen Philosophen den 'Durst nach Dasein' genannt haben. Die Superintelligenz entscheidet sich, wohlwollend zu handeln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2017 - Ideen

Arno Widmann erlebt in der FR bei einem Besuch in Bornhagen das vom Zentrum für Politische Schönheit aufgestellte Mahnmal-Imitat als "geradezu intime Schenkung", für die der AfD-Politiker Björn Höcke dankbar sein solle: "Das Zentrum hat ihm einen exklusiven Blick beschert, der ihn tagtäglich daran erinnert, was er kleinreden oder gar leugnen, woran er jedenfalls aber nicht erinnert werden möchte: die millionenfache Ermordung von Juden durch Deutsche.

In Deutschland scheint man nun den Widerstand gegen das Dritte Reich nachholen zu wollen, meint in der Welt hingegen Henryk M. Broder mit Blick auf Aktionen gegen Rechts und Sprachzensur: "Wenn es so weitergeht, wird der Faschismus nicht auferstehen, dafür aber der Antifaschismus in seine Fußstapfen treten. Mit Denk- und Sprechverboten, mit dem Ausrufen von Schicksalsfragen, mit Ausgrenzungen und Denunziationen, mit Kunstaktionen, die den Tatbestand der Nötigung erfüllen - alles, damit sich die Geschichte nicht wiederholt."

Dass der amerikanische Verhaltensökonom Richard Thaler den Nobelpreis für die Erkenntnis, der Mensch sei nur "beschränkt rational", bekommen hat, kommt Befürwortern des "Nudgings" wie gerufen, meint der Philosoph und Unternehmensberater Reinhard K. Sprenger in der NZZ: "Auch die mannigfachen Forschungsanstrengungen zur sogenannten künstlichen Intelligenz leben von der These, dass Algorithmen 'besser' entscheiden als Menschen. Gesellschaftliche Sprengkraft aber gewinnt diese Sichtweise durch die Politik. Sie wittert die Chance, ihre Umerziehungsneigung 'wissenschaftlich' zu legitimieren ('nudging'). Der gemeine Bürger, er wisse ja gar nicht, was gut für ihn sei. Das wissen nur anonyme Behörden. Gütig und vor allem: ganz rational."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2017 - Ideen

Der Islamwissenschaftler Ulrich Rudolph greift ein in die NZZ-Debatte um Aufklärung und Islam und macht darauf aufmerksam, dass es aufklärerische Autoren auch in nicht westlichen Kulturen gegeben hat. Wichtig ist ihm auch der Punkt, "dass man die europäischen Denker des 17. und 18. Jahrhunderts nicht ideologisch überhöhen sollte, sondern kritisch fragen muss, wie sie selbst mit intellektuellen Traditionen jenseits von Europa umgegangen sind. ... Die intellektuellen Traditionen der islamischen Welt sind im Europa der Spätaufklärung markant abgewertet worden, und diese Abwertung wirkt noch heute nach, wenn im Europa der Gegenwart von manchen behauptet wird, der Islam sei nicht zur Aufklärung fähig. Es besteht also kein Grund, einseitige Forderungen an die Muslime zu stellen. Die Debatte über die Aufklärung betrifft uns alle, wenn auch auf verschiedene Weise. "

Mit Schaudern betrachtet Thomas Assheuer in der Zeit das neue Sozialkreditsystem in China, das tugendhaftes Verhalten belohnt und asoziales Verhalten bestraft. Westliches kyberne­tisches Denken mag ihm zugrunde liegen, aber es sind die Chinesen, die daraus gerade "den Prototyp einer nachliberalen Moderne [entwickeln] - eine Art Remix aus platonischer Erziehungsdiktatur und mao­istischem Cäsarismus (der Kult um Xi), eine Gift­mischung aus Neoliberalismus und kommunistischer Einparteien-Zwangsherrschaft. Ergänzt wird die paradoxe Synthese durch ein Medley aus Verhaltens­ökonomie, kalifornischer Kybernetik und der Digital­religion des Silicon Valley; überzuckert und mit einer original chinesischen Note versehen durch eine Cover­ver­sion von Konfuzius."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2017 - Ideen

Marx-Biograf Jürgen Neffe erklärt im Interview mit der FR, warum die Lektüre des "Kapitals" immer noch lohnt: "Bei Marx und Engels kommt man zusammengenommen auf 3000 Untergangsprognosen. Fast schon manisch. Zudem widerspricht es seiner eigenen Lehre. Er hat mehr als jeder andere stets davor gewarnt, dass die Zeit nicht reif sei für eine Revolution. Man kann bei ihm das Händereiben förmlich spüren, wenn er denkt, dass bald alles zusammenbrechen wird. Wir wissen, der Kapitalismus ist nicht zusammengebrochen ist, sondern hat sich immer wieder erholt. Aber seit der Finanzkrise 2007/8 sind auch die Fachleute nicht mehr so sicher, ob das System nicht ein Ende haben kann. Was mich am meisten beunruhigt: Wenn es kollabiert, sollten wir dann nicht einen Plan B besitzen? Davon ist weit und breit nichts zu sehen."

In der NZZ wendet sich Jakob Hayner gegen - wie er findet - pervertierten Forderungen nach Schutzräumen für Menschen, die sich selbst unanfechtbar als Opfer einstufen. "Sowohl das Subjekt der Rede als auch die Rede selbst sollen aller Ambivalenzen entledigt sein. Doch die 'Wurzel der Humanität' ist das Unreine, der Kompromiss. Ohne Berührung mit dem, was man zu verändern gedenkt, wird es keine Veränderung geben. Unberührtheit ist in geistigen Dingen keine Tugend. Der Wunsch nach der reinen Unschuld bringt auch die obsessive Suche nach der unreinen Schuld hervor."

Der Ökonom Paul Collier macht in der NZZ technokratische Eliten, die die Mitte-Links-Parteien in Europa übernahmen, für das Abdriften der der Bevölkerungen in den Provinz-Communities verantwortlich. Europa ist mit schuld: "Durch europäische Hilfsprogramme werden beispielsweise derzeit für jeden Euro, der in die Unterstützung von Menschen fließt, die in ihrer Region bleiben, 135 Euro für die winzige Minderheit der Menschen ausgegeben, die nach Europa kommen. Wir haben so viele Ärzte aus Afrika 'gerettet', dass es inzwischen mehr sudanesische Ärzte in London gibt als im ganzen Sudan." Den Artikel hat die NZZ übrigens dem Online-Journal der Friedrich-Ebert-Stiftung International Politics and Society entnommen. Hier das Original.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2017 - Ideen

"Für und gegen Abtreibung. Für und gegen Schminken, für und gegen High Heels." Dass es im heutigen Feminismus einen Streit unvereinbarer Positionen gibt, findet die Politologin Antje Schrupp in Zeit online eher zu begrüßen: "Es gibt keine richtigen feministischen Positionen in einer falschen symbolischen Ordnung, ließe sich Adorno paraphrasieren. Und deshalb kann die Frauenbewegung auch nicht, wie andere soziale Bewegungen, in Parteien und Vereinen organisiert werden. Deshalb ist jedes feministische Manifest in kürzester Zeit schon wieder überholt. Zum Glück. Denn das Schlimmste, was dem Feminismus passieren kann, ist, dass er Orthodoxien ausbildet, anstatt seine Paradoxien anzuerkennen."

In der NZZ warnt Slavoj Žižek die #metoo-Kampagne davor, es sich in der Opferrolle gemütlich zu machen. So ändert man keine Strukturen, meint er: "Der Opferkult steht in der Tat im Dienste des Status quo, weil er Verantwortung delegiert. Wie setzt sich das Subjekt auf der Höhe der Zeit in Szene? Der freie Mensch empfindet sich einerseits als völlig verantwortlich für sein Schicksal, andererseits gründet er die Legitimation des Sprechens auf den Opferstatus, der fernab seiner Kontrolle liegt. ... Die Selbstbehauptung des egozentrischen Subjekts verschwimmt paradoxerweise mit der Wahrnehmung seiner selbst als eines Objekts. Und dabei ist klar - mit solchen Egozentrikern, die stets die anderen anrufen, ist keine Revolution zu machen. Sie sind der Garant dafür, dass sich am Status quo nichts ändert, Empörung hin oder her."

Weiteres: Die FAZ druckt die Rede Navid Kermanis zu einem der Preise, die nicht von Carolin Emcke abgeräumt wurden. Zufällig hatte er gleichzeitig Geburtstag und damit das Thema für seine Rede: "Wer wie ich heute seinen fünfzigsten Geburtstag feiert, darf sich vielleicht die Freiheit nehmen, allgemein zu werden. Er darf die Frage stellen: Was ist wichtig im Leben?" In der NZZ empfiehlt der Stuttgarter Philosophieprofessor Philipp Hübl die Begriffe rechts und links in der politischen Debatte aufzugeben und statt dessen Parteien nach ihrer Einstellung zu Prinzipien Fürsorge, Fairness, Freiheit, Loyalität, Autorität und Reinheit zu charakterisieren.
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