9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

411 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 42
Zurück | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | Vor

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2017 - Ideen

Henri Tincq, einst Journalist bei Le Monde und Mitglied der Académie catholique de France, ist in slate.fr sehr böse auf den radikalatheistischen Philosophen Michel Onfray, der in seinem neuesten Buch "Décadence" ziemlich gnadenlos über die katholische Kirche herzuziehen scheint: "Der Gipfel der Heuchelei ist erreicht, wenn der Philosoph mühsam die ideologische Linie zwischen Christentum und Hitlerismus zu zeichnen versucht, die fast schon Identität zwischen Hitler und Pius XII., während alle Experten sich seit langem einig sind, dass der Nazismus zutiefst antireligiös war, und dass Hitler vom Christentum allenfalls sprach, um es zu 'entjuden', es seiner jüdischen Wurzel zu berauben, die Schriften zu 'arisieren' und die deutsche Kirche zu 'nazifizieren'."

In Deutschland haben konservative Positionen keinen Stand mehr, klagt Wolfgang Büscher in der Welt. Sie werden als "rechtskonservativ" und damit quasi illegitim denunziert. "Man will damit sagen: Das sind die bösen Kinder, sie stehen außerhalb unseres Stuhlkreises. Und das Stuhlkreisspiel wird inzwischen auch in der CDU gespielt. Der Verlust des Konservativen ist ein deutsches Phänomen. Anderswo ist es vital. Nur in Deutschland ist das geistige Koordinatensystem derart kräftig nach links verschoben, dass alles, was nicht links ist, seitlich herausfällt, siehe die genannten zwei Sätze. Was in Frankreich oder in den USA als Mainstream gelten würde, gilt bei uns als rechts. Was hier als Mitte gilt, gilt dort als links. Und so weiter."

Ebenfalls in der Welt wünscht sich Tobias Kaiser, wir wären ein klein wenig optimistischer - wie die Chinesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2017 - Ideen

Nora Bossong kommt in der taz auf die Rede Meryl Streeps über Donald Trump zurück, in der sie en passant daran erinnert habe "dass Kunst nicht nur ein berieselndes Wunderland sein sollte, keine reine Traumfabrik, die den eskapistischen Zuschauer in fremde Welten entführt, damit er die hiesige vergisst, sondern dass es im Kern um etwas geht, das sie sowohl als Privileg wie als Verantwortung bezeichnete: Empathie zu lehren... Das gebrochene Herz, von dem sie sprach, war das Gegenteil romantischer Befindlichkeit - es stand für ein dezidiert politisches Bewusstsein, das verletzt worden war."

In der NZZ denkt Konrad Liessmann über heutige Intellektuelle nach, die in jüngster Zeit so gern gescholten oder als "Elite" gleich ganz entsorgt werden soll. Zum Teil haben sie selbst schuld, meint Liessmann, weil sie die Globalisierung als harten Fakt verkannten: "man begnügte sich damit, die von dieser Dynamik negativ Betroffenen als Globalisierungsverlierer, Abgehängte und Bildungsferne ihrem Schicksal zu überlassen und sich anderen Fragen zuzuwenden, etwa denen einer korrekten Gender- und Minderheitenpolitik am Campus. Aus Gesellschaftskritik wurde Symbolpolitik. Ohne die Entrechteten und Benachteiligten gegeneinander auszuspielen: Statt ständig nach neuen politisch korrekten Sprachvorschriften zu suchen, wäre es vielleicht auch angebracht gewesen, in einer kritischen Diskursanalyse zu zeigen, wie sehr allein ein Begriff, der den 'Verlierer' enthält, schon der Rhetorik einer Wettbewerbsideologie verfallen ist, die es eigentlich verböte, solche Termini unreflektiert zu übernehmen."

Außerdem: Hans Ulrich Gumbrecht warnt in der NZZ Geisteswissenschaften und Feuilletons davor, zu geistreich sein zu wollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2017 - Ideen

Béligh Nabli führt für Libération ein Gespräch mit dem Soziologen Fabrice Dhume über Multikulturalismus, der in Frankreich eher als "communautarisme" bezeichnet wird, also als ein Denken in "Communities". Das Dumme ist nur, dass diese Gemeinschaften oft nur in den Köpfen derer existieren, die sie für sich in Beschlag nehmen wollen: "Damit es so etwas wie Gemeinschaft gibt, brauchen die Sozialwissenschaften ein nachvollziehbares Gefühl, dass eine Gruppe von Menschen eine selbe Beziehung zur Welt pflegt und dass es also eine Forderung nach einem inneren Zusammenhalt der Gruppe gibt. Aber wenn wir zum Beispiel von den Muslimen in Frankreich sprechen, oder auch von den Immigranten und ihren Kindern, stellt die Soziologie fest, dass es nur sehr selten ein solches Gefühl der Zugehörigkeit gibt. Folglich setzt der Diskurs des 'Kommunitarismus' Communities voraus, die in den meisten Fällen gar nicht existieren."
Anzeige

Twitterfeed der Verlage

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2017 - Ideen

Roboter und Programme wie Siri, Alexa oder Smarter Child können außerordentlich nützliche Hilfen sein, notiert Roman Bucheli in der NZZ - mit einer Verbeugung vor dem Algorithmus, der seinen Maileingang aufräumt. Man muss keine Angst vor ihnen haben, und die meisten Menschen haben das auch nicht, im Gegenteil. Die Ingenieure von Smarter Child etwa stellten schnell fest, dass die Menschen dieses Programm weniger für Informationen nutzen, sondern plaudern wollten. Und irgendwann auch Sex haben: "Für alle digitalen Muffel hat [der kalifornische Ghostwriter Joe] Shepter eine beruhigende Nachricht: Mit Informationstechnologie und künstlicher Intelligenz erweitern sich nicht, wie viele glauben, vor allem unsere Kompetenzen, eher mehren sie die Kenntnisse von uns selbst. Nichts bringt so sehr das Menschliche und noch mehr das Allzumenschliche hervor wie ein dienstbarer Algorithmus. Intelligente digitale Technologie muss sich darum zuallererst an unseren niedrigen Instinkten bewähren."

Außerdem: Nachrufe auf den polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman schreiben Sabine Rohlfs in der FR, Uwe Justus Wenzel in der NZZ, Harald Staun in der FAZ, Wieland Freund in der Welt und Rudolf Walther in der taz. Die Blätter verlinken auf den letzten Artikel Baumans in der Zeitschrift: "Die Welt in Panik - Wie die Angst vor Migranten geschürt wird".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2017 - Ideen

Der Soziologe und Kulturkritiker Zygmunt Bauman ist im Alter von 91 Jahren gestorben.  Klaus Taschwer schreibt in seinem Nachruf für den Standard: "Baumans im deutschsprachigen Raum vielleicht bekanntestes Werk ist seine 1989 erschienene Studie 'Dialektik der Ordnung - Die Moderne und der Holocaust'. In diesem Buch denkt Bauman da weiter, wo die 'Dialektik der Aufklärung' von Adorno und Horkheimer endet: Der Soziologe sieht die Grausamkeit des Holocaust gerade nicht als einen Zusammenbruch der Moderne, sondern vielmehr erst ermöglicht durch die Errungenschaften der modernen Zivilisation, also durch Rationalität und Industrialisierung." Wir verlinken hier auf eine Laudatio seines ebenfalls verstorbenen Kollegen Ulrich Beck in der taz von 2014. Über seine Verstrickung in der frühen kommunistischen Phase Polens sprach er selten - vor etwa zehn Jahren wurde darüber in Polen diskutiert, wie ein Rückblick in unsere Magazinrundschau zeigt.

Weiteres: In der NZZ glaubt Hans Widmer fest an die Lernfähigkeit des mündigen Bürgers.
Stichwörter: Zygmunt Bauman

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2017 - Ideen

Der Medienhistoriker Tim Wu legt ein neues Buch über die "Aufmerksamkeitsindustrie" vor, in dem er darlegt, dass viele Medien nur erfunden worden seien, um die Aufmerksamkeit der Nutzer an die Werbeindustrie zu verkaufen - die letzte Phase ist die der totalen Individualisierung im Zeitalter des  Internets und der Smartphones. Aber im Interview mit John Naughton im Guardian erklärt Wu, dass Atomisierung auf individueller Ebene nicht alles ist: "Es ist ein bisschen komplizierter, denke ich, denn das Web diente nicht nur dazu, Individuen, sondern auch Gruppen und Subkulturen herauszuheben. Darum lässt sich eine breitere Fragmentierung nicht nur entlang individueller, sonder auch politischer und kultureller Linien feststellen. Während eine Nation früher aus einer dominierenden Kultur und verschiedenen Subkulturen bestand, gibt es heute kein wirkliches Zentrum mehr, keinen Mainstream, sondern nur mächtige Untergruppen, die totale Loyalität fordern."
Stichwörter: Tim Wu

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2017 - Ideen

Kenan Malik, ein eher linker Kritiker der EU, erklärt in einem Essay für den Observer (online auf seinem Blog), warum für ihn vor allem der Niedergang von Gewerkschaften und der sozialen Bewegungen den Niedergang der Demokratie und den Triumph der Rechtspopulisten beförderte: "Der Niedergang dieser Organisationen hat zu einer Machtverschiebung weg von den demokratischen Institutionen, wie nationalen Parlamenten, und hin zu nicht-politischen Institutionen wie internationalen Gerichtshöfen und Zentralbanken geführt. Viele Liberale begrüßen das als eine Absicherung der guten Verwaltung (good governance) und einen Schutz politischer Verfahren vor den Gefahren des demokratischen Prozesses. Auch viele Linke, die nicht mehr in der altmodischen Klassenpolitik verwurzelt sind, begrüßen diese Verschiebung und sehen transnationale Organisationen wie die EU als Schlüsselinstrumente für sozialen Wandel. Große Teile der Öffentlichkeit hingegen haben das Gefühl, dass sie ohne politische Stimme dastehen."

Intellektuelle dominieren den öffentlichen Diskurs nicht mehr. Schuld ist das Internet, meint in der Presse Günther Haller. "Martin Burckhardt hat in einem spannenden Text in der Kulturzeitschrift Lettre vor Kurzem darauf hingewiesen, dass der Bedeutungsverlust des Intellektuellen Begleiterscheinung einer umfassenden historischen Verschiebung, eines 'politischen Wetterwandels', sei. Er vergleicht dieses Verschwinden mit dem Tod des Kanarienvogels, der als Begleiter der Bergleute im Schacht eine gefährliche Ansammlung von Kohlenmonoxiden anzeigt. Heute ist der Primat einzelner Denker durch die 'Weisheit der vielen' abgelöst, wie man in der Aufbruchszeit des Internets euphorisch gesagt hat ... Daraus wurde eine Anhäufung disparater, zufällig versammelter Individuen, eine Cloud mit früher unvorstellbaren Erregungskurven, die durch Social Bots angeheizt werden, die aus hundert aggressiven Kommentaren schnell Tausende wüste Beschimpfungen generieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2017 - Ideen

Im Interview mit dem Tages-Anzeiger über die Verhältnisse in Trumps Amerika weicht Judith Butler der Frage, wie sich Identitätspolitik und Klassenkampf verbinden lassen, aus, doch fände sie "es toll, wenn das, was Klassenkampf genannt wird, wieder zentral würde. Und wenn die Linke wieder eine plausible und vielversprechende Option für so viele werden könnte, die unter den jetzigen ökonomischen Bedingungen leiden. Dafür muss die Kategorie der 'Klasse' im Licht der neoliberalen Verheerungen überdacht werden. Wie etwa fordern das Outsourcing und die Flexibilisierung unsere Vorstellungen dessen heraus, was unter 'Klasse' verstanden wird? Es ist ja oft so, dass die Arbeiterklasse gar nicht mehr arbeitet."

Außerdem: Im Interview mit dem Tagesspiegel analysieren die Gefühlshistoriker Frank Biess und Bettina Hitzer die German Angst.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2016 - Ideen

Die Konfrontation mit dem Dschihadismus auf europäischem Boden wird noch Jahrzehnte dauern, schreibt in der Welt der deutsch-ägyptische Politologe Asiem El Difraoui. Deshalb sei es auch wichtig, sich mit den liberalen Kräften in der arabischen Welt zu verbünden: "Unter sehr schwierigen Umständen, unter schlimmen Diktaturen versuchen dort lebhafte Zivilgesellschaften, Freiräume zu verteidigen und für ein würdiges Leben zu kämpfen. Mit unseren Nachbarn im Süden verbindet uns viel mehr als uns trennt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2016 - Ideen

Linker Multikulturalismus und rechter Nationalismus haben mehr gemeinsam, als ihnen lieb sein kann, meint Thomas Steinfeld in der SZ: "Der linke Rassismus, der darin besteht, einen jeden Angehörigen einer Minderheit als Repräsentanten einer speziellen 'Kultur' zu behandeln, kommt in einem rechten Rassismus zur Vollendung, der jeden Deutschen in einen Bannerträger seiner Nation verwandelt."

Schön dass diese Idee auch in deutschen Feuilletons ankommt. Vor fast genau zehn Jahren geißelte Pascal Bruckner im Perlentaucher den "Rassismus der Antirassisten".

Die Postmoderne hat schon viel dazu beigetragen, Dinge zu verschleiern, meint Anne-Catherine Simon in der Presse. Das Postfaktische macht alles noch schlimmer: "Erstens vernebeln sie Dinge, wo genaues Benennen dringend gebraucht ist: Wer verbreitet wie Lügen? Und wie unterscheidet man zwischen Lügen und ideologisch unerwünschter Interpretation von Fakten? Zweitens suggerieren die Begriffe, dass vor unserem vermeintlichen 'postfaktischen' Epöchchen eine selige Zeit der von verantwortungsvollen Medien und Politikern verwalteten Faktentreue liegt - zumindest im Westen: Die 'Post-Truth'-Ära wurde schon vor Jahren für die USA postuliert. Damals schon als Kritik an den Republikanern."

Erbaulich klingt, was  Kognitionsforscher Joscha Bach im taz-Gespräch mit Meike Laaff über Künstliche Intelligenz und über unsere Ähnlichkeit mit den Maschinen sagt: "Wir sind im Grunde genau so wie diese Roboter. Wahrscheinlich können die mehr als wir, besser denken zum Beispiel. Aber das wissen sie nicht. Auch wir sind im Grunde genommen Geister, die frei sein könnten. Aber wir sind in unseren Primatenbedürfnissen gefangen. Die Evolution hat zufällig ein Kontrollsystem für soziale Affen gebraucht. Und hat unseren Geist erfunden, den sie in Fesseln legt."
Zurück | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | Vor