9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai 2018

Oletschka, vergib mir bitte

31.05.2018. Die Wiederauferstehung des Arkadi Babtschenko sorgt für Belustigung, aber auch Befremdung. Die Kritik ist groß. Im New Yorker schildert Masha Gessen einige besonders absurde Momente des gestrigen Tags. Sascha Lobo erklärt in seiner Spiegel-online-Kolumne, warum der von Angela Merkel gern benutzte Begriff des "Dateneigentums" Unsinn ist. Netzpolitik fürchtet, dass das europäische Leistungsschutzrecht jetzt tatsächlich kommt.

Das Wort Schmetterling

30.05.2018. Schön, dass die Kanzlerin zur Gedenkfeier für den Solinger Brandanschlag kommt. Aber man sollte sich auch daran erinnern, dass die deutsche Politik damals mit Zweidrittelmehrheit den Grundgesetzartikel 16, 'Politisch Verfolgte genießen Asyl', praktisch abgeschafft hat, meint Jürgen Gottschlich in der taz. Im Guardian fürchtet Antonella Rampino, dass die italienische Koalition der doppelten Populisten gestärkt aus Neuwahlen kommt und einen Regimewechsel anstrebt. Die Zeit diskutiert auf drei Seiten über genderisierte Sprache. Der russische Journalist Arkadi Babtschenko ist gestern ermordet worden, der Guardian berichtet.

Diesmal in Zeitlupe

29.05.2018. Ist Italien in einer Sackgasse, fragt die Welt. Die Kommentare aus Italien selbst klingen jedenfalls ungewohnt dramatisch - der Corriere beklagt nebenbei eine Kampagne deutscher Medien gegen Italien. taz und politico.eu thematisieren die zwiespältige Stimmung in Europa nach dem Brexit und den großen Auftritten Macrons. Der Guardian berichtet über die schockierende Zahl von Zwangsheiraten in Großbritannien. In der NZZ spricht der syrische Schriftsteller Khaled Khalifa über die Zerstörung der Revolution in seinem Land.

Aus dem Netz verschwinden

28.05.2018. Die Zeitungen sind beeindruckt vom klaren irischen Votum für eine Liberalisierung der Abtreibungsregelung. Im Guardian bedankt sich Anne Enright bei den Briten. In der NZZ schildert László F. Földényi einen Moment "atheistischer Mystik". Eine Menge Blogs, aber auch große Betreiber haben aus Angst vor der DSGVO ihre Seiten geschlossen, bilanziert der Tech-Blogger Enno Park. In der Welt wendet sich Kenan Malik zugleich gegen Multikulti und gegen seine Kritiker.

Keine Kunstreligion, bitte

26.05.2018. In der NZZ plädiert der italienische Philosoph Roberto Esposito für eine stärkere Integration Europas und schuldenfinanziertes Investieren. Auf Zeit online schießt Robin Detje gegen den heiligen Tempel der Kunst. Viel Unsicherheit über die juristisch unberechenbare neue Datenschutzverordnung: Vertreter von Familienunternehmen und Vereinen fordern in FR und SZ besseren Schutz gegen Abmahnanwälte und mehr Beratung. Auf Zeit online ist der grüne EU-Politiker Jan Philipp Albrecht sehr traurig über diese Ängste: Schließlich sei die Verordnung eben nicht nur von Hinterzimmerverhandlungen geprägt.

Angeblich neutrale Webseiten

25.05.2018. Heute tritt das DSGVO in Kraft. Das Internet fragt sich, ob man jetzt auch seine Telefonbücher abgeben soll. In der NZZ beschreibt Isolde Charim, wie die Neue Rechte den muslimischen Antisemitismus für sich nutzt. Die IrInnen stimmen heute über eine Liberalisierung der Abtreibung statt - Zeit online berichtet über die Aktivitäten amerikanischer Abtreibungsgegner vor dem Referendum.

Wie Demut aussieht

24.05.2018. Angela Merkel ist heute in China. Auf ihr ruhen die Hoffnungen für Liu Xia - Merkel ist eine der letzten westlichen Repräsentantinnen, die Menschenrechtsverletzungen in China überhaupt noch ansprechen, schreibt die die taz. Nach wie vor wird über Mark Zuckerbergs Auftritt vor dem EU-Parlament diskutiert - Zuckerberg stand schlechter da, als er selber glauben mag, meint Sascha Lobo in Spiegel online. Unter deutschen Wissenschaftlern hat sich eine rege Debattenkultur entwickelt - abseits der Zeitungen, auf Twitter, berichten Jörg Scheller und Wolfgang Ullrich in der Zeit.

Wiederentdeckte Rückwärtsgewandtheit

23.05.2018. In immer mehr arabischen Ländern wird Atheismus unter Strafe gestellt, berichtet der Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ. Die deutschen Politiker sollten weniger eifrig mit Rücksendungen sein - bei Kunstwerken sei das ja ok, aber bei Menschen? So provozierte Achille Mbembe laut SZ bei einer Konferenz in Hamburg.  Was richtet die DSGVO mit dem Internet an, fragt die Berliner Zeitung. Und der Islam-Historiker Bernard Lewis ist im Alter von 101 Jahren gestorben.

Umfassende Selbstverprinzessinung

22.05.2018. Marlene Streeruwitz nimmt im Standard die Hochzeit von Harry und Meghan zum Anlass für eine kleine Prinzessinnenkunde. Mark Zuckerberg wird nun auch vom Europäischen Parlament befragt - politico.eu hat sich schon mal ein paar Fragen ausgedacht. Zeit online spekuliert über den Nutzen der Blockchain-Technologie für die nachhaltige Wirtschaft. In der taz spricht die Frauenärztin Silvana Agatone über Abtreibung in Italien.

Mediengeborene Kollektive

19.05.2018. In politico.eu warnt der serbische Politologe Srdan Cvijic von der Open-Society-Stiftung: Wenn die EU keine Mittel gegen die Orbanisierung Ungarns findet, wird sich als nächstes der Westbalkan orbanisieren. Mit Schauder blickt Thomas Schmid in der Welt auf das rechts-linke Koalitionsprogramm in Italien. Im Inverview mit der Berliner Zeitung sucht der neue Humboldt-Forum-Chef Hartmut Dorgerloh nach Alternativen zu Restitution. Warum wüten die Missbrauchsfälle ausgerechnet in der kulturellen Sphäre so stark, fragt Dirk Knipphals in der taz.

Endlich mal Gedanken machen

18.05.2018. Die taz feiert die neue Datenschutzgrundverordnung. Sascha Lobo bleibt in einer Diskussion mit dem Grünen-Politiker Jan-Philipp Albrecht bei seiner kritischen Position. In der SZ versucht eine ganze Gruppe deutscher Wissenschaftler eine differenzierte Position zu der Debatte um "Race" und Genetik zu formulieren, die von dem amerikanischen Biologen David Reich ausgelöst wurde. Der Soziologe Piero Ignazi will die europafeindlichen Äußerungen der wohl kommenden italienischen Regierung in der taz nicht ernst nehmen. Und auf allen Kanälen: Hartmut Dorgerloh, der designierte Intendant des Humboldt-Forums.

In dieser Gespaltenheit

17.05.2018. Die EU hat's nicht leicht: Nach Brexit, Polen, Ungarn kommt nun Ärger aus Italien, fürchtet politico.eu. Zornig antwortet die Frauenärztin Kristina Hänel auf einen Artikel des Richters und Kolumnisten Thomas Fischer, der ihr vorwirft, eine Kampagne losgetreten zu haben. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat Objekte indianischer Stämmer zurückgegeben - aber so einfach wird das mit der Restitution nicht immer sein, warnt der Ethnologe Karl-Heinz Kohl in der FAZ. Und das Internet ist nicht schuld am Populismus, schreibt Perlentaucher Thierry Chervel.

Liebe zum Meister

16.05.2018. In Le Monde sieht der  bulgarische Politologe Ivan Krastev die populistischen Bewegungen der Gegenwart als eine Art Replik von 1968. Bei Zeit online unterhalten sich die Autorinnen Deborah Feldman und Mirna Funk  über Antisemitismus in Deutschland. In der SZ schildert die Extremismusforscherin Julia Ebner, wie Rechtsextreme auf ihre eigenen sozialen Netze ausweichen. Die FAZ druckt ein Kapitel aus Michael Angeles biografischem Porträt über Frank Schirrmacher ab.

Ein bisschen mehr Telefonüberwachung

15.05.2018. In der NZZ erklärt Slavenka Drakulic, warum die #MeToo-Bewegung in Osteuropa bisher so wenig Resonanz gefunden hat. Die New York Times stellt die Pastoren vor, die bei der gestrigen amerikanischen Botschaftseröffnung in Jerusalem die Gebete sprachen. Die "Datenschutzgrundverordnung" (DSGVO) ist ein Horror für kleine Website-Betreiber, protestiert Enno Park in t3n. Ganz aktuell: Die Soros-Stiftung verlässt Budapest und geht nach Berlin.

Ein paar Tränen des Schmerzes

14.05.2018. Die FAS erklärt, warum Gerhard Schröder bei der Einführungszeremonie für Wladimir Putin eine so prominente Rolle spielte. Kanye West hat reaktionäre Dummheiten gesagt. Aber deshalb zu sagen, er wolle nicht schwarz sein, ist genauso reaktionär, meint Kenan Malik im Observer. In der Berliner Zeitung erklärt Etgar Keret, warum er die Ultraorthodoxen in Israel weniger fürchtet als die Nationalreligiösen. taz und Guardian widmen sich dem politischen Einfluss religiöser Fundamentalisten.

Alles, was hochriss

12.05.2018. Die taz fragt: Sind offene Grenzen überhaupt ein linkes Konzept? Außerdem erkundet sie, was Ostdeutsche und Migranten verbindet. Im Blog der NYRB erinnert Todd Gitlin daran, dass 1968 in den USA das Jahr von Brutalität, Tragik und großem Backlash war. ZeitOnline und Übermedien diskutieren Jan Böhmermanns Reconquista Internet. Und in der Welt stellt Michael Angele klar: Frank Schirrmacher war kein Machtmensch, sondern ein Rauschmensch.

Gerechte Scheidung

11.05.2018. Die taz geht den Vergewaltigungen in Indien auf den Grund. Nach der Ansage der öffentlich-rechtlichen Sender, auf keinen Fall mehr sparen zu können, sind nun die Länder am Zug, meint die FAZ. Im Tagesspiegel äußert sich der Medienpolitik Rainer Robra "konsterniert" über die Sender. Zeit online erklärt das durcheinander um die neue  Europäische Datenschutz-Grundverordnung, kurz DSGVO. Es gibt keine Alternative zum Frieden, sagt Amos Oz in der SZ.

Empirischer Blick auf die Welt

09.05.2018. Demokratie ohne Christentum? Das geht eigentlich gar nicht, meinen Monika Grütters in der Zeit und der CSU-Politiker Markus Blume in der FAZ. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass die Katholiken inzwischen so harmlos sind, meint die Daily Mail. Die taz bringt ein erinnerungstrunkenes Dossier zum Pariser Mai 68. Die Ruhrbarone sind traurig übers Ruhrgebiet. Die New York Times klärt über das "Intellectual Dark Web" auf.  Und die CJR fragt: Wie wär's mit Subventionen für die Presse?

Enorm fruchtbarer Grund

08.05.2018. Im Guardian ruft Timothy Garton Ash europäische Politiker auf, endlich entschiedene Schritte gegen die Populisten in Polen und Ungarn zu unternehmen. Politico.eu porträtiert den Labour-Strippenzieher Jon Lansman, dem die Zukunft umso rosiger scheint, je schlechter es dem Land geht. Zeit online erzählt, wie sich die Katholische Kirche in Kroatien gegen die "Gender-Ideologie" wehrt. Und in Russland herrscht jetzt Führerkult, konstatiert Sonja Margolina in der NZZ.

Diese sieben Minuten

07.05.2018. FAZ und taz zeichnen ein düsteres Bild von der Lage Russlands zu Beginn von Wladimir Putins vierter Amtszeit.  Immerhin haben Tausende protestiert, auch gegen die Blockierung des verschlüsselten Messengers Telegram, berichtet Zeit online.  Auch  Monika Grütters stört sich an Freiräumen im Internet, wie sie im Tagesspiegel darlegt. Die SZ macht auf die bedrückende Lage Liu Xias aufmerksam. In der taz protestiert Liao Yiwu gegen Liu Xias Hausarrest. In der New York Times fasst sich Nicholas Kristof an die eigene Nase: Wir sind süchtig nach Donald Trump.

Ohne einen Schatten von Zweifel

05.05.2018. Nun ist es also so weit: Karl Marx ist zweihundert. Die Zeitungen gratulieren. Aber skeptisch sind der Germanist Russell A. Berman bei politico.eu und der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Tagesspiegel. Der Tages-Anzeiger fragt: ist der gewaltlose Islamismus gefährlicher als der Terrorismus? Die FAZ kritisiert die re:publica, die sich von der Regierung sponsorn lasse, aber der Bundeswehr einen Stand verweigert. In der taz ruft die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther zur Öffnung der Bibliotheken am Sonntag auf.

Das Duisburg Spaniens

04.05.2018. In Trier stiften die Chinesen ein gigantisches Marx-Denkmal. Zum morgigen Geburtstag soll es enthüllt werden. Gereon Sievernich, ehemals Gropius-Bau, ruft dazu auf, den Tag der Einweihung auf den Tag der Freilassung Liu Xias zu verschieben, berichtet die Berliner Zeitung. Der Welt wird angesichts des andauernden Marx-Hypes langsam mulmig. In Libération erklärt Bénédicte Savoy, wie sie afrikanische Kunst restituieren will.  Und Kanye Wests Äußerungen über Sklaverei verstören die amerikanischen Medien: Newsweek führt fünf Professoren auf.

Ein bisschen Wärme für dieses System

03.05.2018. In der Zeit verteidigt Udo Di Fabio das Kreuz in bayerischen Ämtern - auch Muslime wollten schließlich keine "gottlose" Gesellschaft. Bei der re:publica erklären öffentlich-rechtliche Repräsentanten, warum sie noch mehr im Netz präsent sein wollen. Die SZ fordert eine Weltinnenpolitik, um ökologische Katastrophen zu verhindern. Zeit und FR feiern die Ausstellung "Gewalt und Geschlecht" im Militärhistorischen Museum Dresden. Und der Economist erklärt, warum er die amerikanische Hauptstadtpresse meidet.

Etwas ist zum Mäusemelken

02.05.2018. Amazon droht dem Open-Source-Messenger Signal, sein Konto in der Cloud abzuschalten - und gefährdet damit einen der wenigen Dienste, mit denen man Internetzensur in Ländern wie dem Iran umgehen kann, teilt das Blog des Messengers mit. Die taz wirft einen Blick in die Abgründe der "Manosphere". Bei Zeit online ruft Jana Hensel zum Widerstand auf. Zeit online bringt auch eine Bilderstrecke des afghanischen Fotografen Shah Marai, der bei einem IS-Attentat gegen Journalisten ums Leben kam.