9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Oktober 2015

Dieses Messer schneidet immer auf zwei Seiten

31.10.2015. David Remnick würdigt im New Yorker die heroische Arbeit des Bürgerjournalistenteams Raqqa is Being Slaughtered Silently. Zwei seiner Journalisten wurden von den IS-Milizen in dieser Woche umgebracht. Die NZZ bringt ein großes Dossier zur Flüchtlingskrise. Zu den Autoren gehören Colm Toibin, Abdelkader Benali und Wolfgang Sofsky. Die taz erkundet die "Neue Rechte", die der Pegida-Bewegung ein intellektuelles Cachet geben will. In der Welt macht sich die Autorin Ece Temelkuran Hoffnungen auf eine breite Demokratiebewegung in der Türkei. In der Wiener Zeitung hat Isolde Charim keine Angst vor der Angst vor der Angst.

Überall Friede, Freude und Federschmuck

30.10.2015. Kaum hat die Telekom die Abschaffung der Netzneutralität durchgesetzt, will sie auch schon Geld sehen, berichtet Spiegel online. Die SZ fordert angesichts der Flüchtlingkrise eine "reflektierte Eigen- und Andersheit" der demokratischen Gesellschaften. Die NZZ fühlt sich fremd unter Indigenen. Und sie fragt sich, ob der Feminismus ausgerechnet in der PKK eine Bastion  hat. Dank Adblocker und Internetgiganten geht Medien im Netz immer mehr die Luft aus, berichten FAZ und taz.

Die Zwangsjacke gibt mehr Sicherheit

29.10.2015. Adieu Netzneutralität, rufen Spiegel online, Zeit digital und die Welt. Dass Benjamin Netanjahu eine Dummheit über den Mufti von Jerusalem gesagt hat, heißt nicht, dass dieser Mufti keine fatale Figur war, meint Gil Yaron in der Welt. Im Quotidien d'Oran erklärt Kamel Daoud, warum in Beirut der Müll nicht entsorgt wird. In der Zeit wird über die Flüchtlingspolitik in Deutschland gestritten. In Libération erinnert sich Michel Wieviorka an die Jugendunruhen in der Pariser Banlieue vor zehn Jahren.

Dieses Mal innerhalb der Gefängnismauern

28.10.2015. Ensaf Haidar alarmiert heute, dass die Auspeitschung ihres Mannes Raif Badawi womöglich noch in dieser Woche wieder aufgenommen werden soll. Hunderte britischer Professoren antworten heute mit einem Israel-Boykott-Aufruf im Guardian auf die von J.K. Rowling und Hilary Mantel mit lancierte Verteidigung des Dialogs. Der französische Streit um "Mein Kampf" geht weiter: Historiker schlagen vor, eine wissenschaftlich Übersetzung ins Netz zu stellen. Die FAZ staunt über die Sprachverteidiger von Pegida. Reuters meldet: VG Media und Google streiten jetzt vor Gericht um das Leistungsschutzrecht.

In einem fremden, bösen Orkan

27.10.2015. Die FR spürt dem besonderen Gusto der Fremdenfeindlichkeit in den Neuen Ländern nach. Die New York Times erklärt, warum sie nur noch zwanzig Blogs hat und nicht mehr achtzig. Die SZ schildert das Grauen des endlosen Wehrdiensts in Eritrea. Die französische Huffpo verteidigt die Idee des Laizismus. Die FAZ möchte Meinungsfreiheit nicht mit "zivilreligiöser Inbrunst" verfechten. Im Guardian erklärt Brian Eno, warum er Israel boykottiert.

Die sogenannten Fünf-Mao-Armeen

26.10.2015. Auch in Frankreich wird über die Veröffentlichung von "Mein Kampf" diskutiert. Der Historiker Christian Ingrao erklärt in Libération, warum man vor dem "erbärmlichen Pamphlet" keine Angst haben muss. In der Welt fordert Timothy Snyder einen neuen Blick auf den Holocaust. Netzpolitik wirf einen kritischen Blick auf den Google Innovationsfonds. Peter Raue und den Kunsthändlern geht's ums Geld, aber ihr geht's beim Kulturgutschutzgesetz um die Kunst, schreibt Monika Grütters im Tagesspiegel. Große Sorgen machen sich auch die belgischen Mayonnaise-Hersteller.

Für uns Kinder aus dem Internet

24.10.2015. Ohne Flüchtlinge aus Nordsyrien hätten wir keinen Ackerbau, schreibt Raoul Schrott in der Welt. Die NZZ bringt eine Hymne auf die Papyrologie. Niemanlab fragt sich, "warum Google seit neuestem so viel  Zeit und Geld investiert, um Journalisten zu überzeugen, dass man ein Freund ist". Den Hass, der in Rechtsextremismus münden kann, gibt es nicht nur in Sachsen, meint die taz. Und der Spiegel trauert Frank Schirrmacher nach.

Tief in Ihrem Smartphone

23.10.2015. Die SZ freut sich auf den Google-Innovationsfonds und unterhält sich mit dem milde gestimmten Google-Kommunikator Carlo D'Asaro Biondo. Die taz berichtet über sehr harsche Sparmaßńahmen beim Tagesspiegel. Hilary Mantel und J. K. Rowling unterzeichnen im Guardian einen Aufruf gegen Israelboykott. In der FAZ plädiert der Medienrechtler Rolf Schwartmann für zahlbare Angebote von Facebook und Co., die im Gegenzug aufs Datensammeln verzichten müssten. Und wir gratulieren Robert Mugabe, der den Konfuzius-Friedenspreis erhält!

Eine Institution schafft sich ab

22.10.2015. Tut uns leid, Einstein, aber Quantenspuk existiert, meldet die New York Times. Der Kollaps der Volkskirche ist eine Sache von Jahren, meint die FAZ (aber finanziell geht's der katholischen Kirche prächtig). In Hundertvierzehn.de macht sich Yu Hua Sorgen um seine Lunge. In der SZ verweist Okwui Enwezor auf die Hard Power der Soft Power im Kunstbetrieb. In New Eastern Europe erklärt der ehemalige Putin-Berater Andrei Illarionow, warum Putin in Europa so beliebt ist.

An der Schwelle einer Barbarei

21.10.2015. Die Snuff Videos des Islamischen Staats machen Schule, konstatiert Bernard-Henri Lévy in Le Point mit Blick auf die Messerattacken in Israel. Die NZZ zeigt, wie sich russische Künstler ans Gängelband des Staates ketten lassen. In der SZ fordern Aladin El-Mafaalani und Mark Terkessidis ein Bundesministerium für Migration. Slate.fr fragt, ob der Islamismus ein Totalitarismus ist.

Die Indifferenz ist überwältigend

20.10.2015. Im Blog lesenmitlinks.de erklärt der Historiker Peter Trawny, wie man über Heidegger forscht, wenn man institutionell nicht angebunden ist. Politico.eu stellt die römische Eliteschule Vivarium Novum vor, wo Studenten (aber nicht Studierende) auf Latein parlieren lernen. Die NZZ skizziert das Eigenleben der Big Data in der Wissenschaft. In der FAZ erklärt der Historiker Manfred Hettling, warum er am liebsten deutsche Einwanderer hätte. Die Welt verteidigt Timothy Snyder. Und Historiker streiten über die "lange Dauer".

Der reale Raum

19.10.2015. In politico.eu fordert Shirin Ebadi, dass sich Unternehmen wie Siemens künftig an ethische Standards halten, um nicht wieder iranische Oppositionelle ins Gefängnis bringen zu helfen. Im Guardian blickt der chinesische Autor Ma Jian fassungslos auf den Roten Teppich, den die britische Regierung für Chinas Präsidenten Xi Jinping ausrollt. In der FAZ begibt sich der Politologe Hans Vorländer auf die Spur der "rechtspopulistischen Empörungsbewegung" Pegida.

Traummänner und deren Hirngespinste

17.10.2015. Die Vorratsdatenspeicherung höhlt Bürgerrechte aus und stellt jeden unter Generalverdacht, schimpfen die Medien. Die informationelle Selbstbestimmung macht uns überhaupt erst zu würdigen Menschen, meint Juli Zeh in der FAZ. Nur der Tagesspiegel beruhigt: Missbrauch mit Metadaten kann auch ohne die VDS betrieben werden. Moritz Rinke warnt in der Welt Angela Merkel davor, für Zugeständnisse an Erdogan die Werte der EU zu verraten. Die NZZ erlebt im Pariser Musée de l'Homme einen geradezu kämpferischen Humanismus. SpOn und taz sind schockiert über die neuen Enthüllungen zum Drohnenkrieg.

Wir sind kein Rohstoff

16.10.2015. Im Dradio Kultur erkennt Garri Kasparow: Diktatoren fragen nicht nach dem Warum. Sie fragen: Warum nicht? Auf Zeit Online lässt Malte Spitz keine Ausreden gelten: Die Vorratsdatenspeicherung ist eine Tat mit Vorsatz. Die SZ wagt einen Blick in die chinesischen Sweatshops der Pronto Moda. Die taz ist nicht einverstanden mit dem neuen Anti-Roma-Gesetz. Der Tagesspiegel fragt, wie qualifiziert Historiker eigentlich sind, um über die Gegenwart zu sprechen. Die Welt beobachtet beglückt ein wachsendes Interesse am Christentum von außen.

Die vollständige Messbarkeit der Welt

15.10.2015. Im Freitag beschreibt Peter Pomerantsev den Zynismus als die negative Ideologe des neuen Russlands. In der FAZ sorgt sich Lukas Bärfuss um die Schweiz, wo sogar die Extremisten stinkreich sind. In Italien reüssiert geschäftlich vor allem die Mafia, weiß Roberto Saviano in der Zeit. Die NZZ zeigt, wie ohne öffentlichen Raum aus Bürgern Konsumenten werden. Auf Spiegel Online brandmarkt Sascha Lobo den radikalrationalistischen Datenhunger der Behörden.

Bild des urbanen Mannes mit Stil

14.10.2015. Der Guardian hält fest: Auch wenn der Abschuss des Fluges MH17 offiziell ungeklärt bleibt, die Separatisten haben seitdem Moskaus Unterstützung verloren. In der taz erinnert Daniel Dafert daran, wie Michel Foucault den Wahnsinn zum Teil des politischen Lebens machte. Die FR lotet die neuen Frontverläufe der französischen Intellektuellen aus. Zeit Online fürchtet, dass die Vorratsdatenspeicherung in dieser Woche beschlossen werden könnte. SZ und FR trauern nicht einmal verschämt um die nackten Frauen des Playboy.

Die Schwarze Stadtentwicklung

13.10.2015. In der FAZ protestiert Roland Reuß gegen die Digitalisierung im Buchwesen. Die FAZ bedauert auch die "bedingungslose Kapitulationserklärung" der Kanzlerin in der Flchtlingsfrage. Die Welt fragt sich, warum Medien in der Frage, wer das Flugzeug MH 17 über der Ukraine abgeschossen hat, immer noch so zögerlich sind. Die Huffpo.fr erklärt, warum man Forderungen des Islamismus nicht im Namen von Multikulti akzeptieren sollte. Die SZ interviewt den Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde.

Das Unfertige, das Freie

12.10.2015. Es ist nicht wahrscheinlich, dass der "tiefe Staat" das Attentat in der Türkei anrichtete, meint die SZ, aber nur Erdogan profitiert von diesem Attentat, meint der Autor Emrah Serbes laut lustauflesen.de. Im Perlentaucher denkt Daniele Dell'Agli über die islamistischen Snuff-Videos nach und fragt, was sie mit dem Islam zu tun haben.  Was heißt es, "dass der Holocaust begann, wo es vorher die Sowjetmacht gab", fragt Timothy Snyder im Standard. In der NZZ fürchtet der Politologe Markus Linden, dass im Internet eine populistische Szene entsteht.

Die Gema-Juristen sollen gelacht haben

10.10.2015. In der taz schildert  Samar Yazbek, wie die demokratische Opposition in Syrien zerrieben wurde. taz und politico.eu würdigen die tunesischen Friedensnobelpreisträger: Ohne die Gewerkschafter und ohne die Unternehmer wäre der Friede nicht eingetreten. Die Welt fragt mit Jean-Pierre Bekolo: Gilt unsere Willkommenskultur allein den Syrern, aber nicht Afrikanern? Die indische Huffpo bewundert einen muslimischen Professor, der zum Schweinefleischessen einlädt, um gegen ein mögliches Rindfleischverbot zu protestieren. Twitter entlässt. Und der Spiegel gründet eine Abend-App.

Sieg des magischen ­Realismus

09.10.2015. Slate.fr erzählt die Geschichte des syrischen Internetaktivisten Bassel Khartabil,der seit drei Jahren im Gefängnis sitzt, weil er sich für ein freies Internet einsetzte. In taz und FAZ wird über eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen nachgedacht. Bei Resonanzblog staunt die schwedische Autorin Majgull Axelsson darüber, wie sein Volk in seinem Heim vergaß, dass es einmal rassistisch war. Die FAZ schildert die Umtriebe des Hindu-Nationalismus in Indien.

Yanis, spuck's aus!

08.10.2015. Die taz fragt: Warum ist Warschau ein Hotspot - und Athen eine oligarchische Trümmerlandschaft? Die Zeit erkundet die exklusive Homosexualität katholischer Priester. In der FAZ überlegt die Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie, Christiane Lange, aus dem Kunstmarkt auszusteigen. Die NZZ attackiert mit Ralf Dahrendorf noch einmal Europas Harmonisierungswahn. Und der Freitag empfiehlt gegen zu viel Einvernehmlichkeit weniger Agamben und mehr Rancière zu lesen.

Für unser politisches System eine rote Linie

07.10.2015. Alle begrüßen das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Datenschutz. Nutznießer sind nun allerdings die nationalen Datenschutzagenturen, ergänzt politico.eu. Der Iran droht mit Boykott der Frankfurter Buchmesse, weil Salman Rushdie dort reden soll, berichtet der Guardian. Alle Identitäten verwischen sich, nur dass Schwarze schwarz sind, ist den Diskurswächtern wichtig, wundert sich Wesley Morris in der New York Times. Ilija Trojanow hat in der taz einen klaren Schuldigen für die vielen Flüchtlinge ausgemacht: Wir sind es gewesen wegen des von uns verschuldeten Kapitalismus. Die taz fragt aber auch, was Linke gegen Religionskritik haben.

Das Unvereinbare ist auszuhalten

06.10.2015. Bei der BBC warnt Edward Snowden vor dem Traumschlumpf, der den Lärmschlumpf in Ihrer Hosentasche anmachen könnte. Slate.fr will sich nicht auf christlich-jüdische Wurzeln berufen.  Die Berliner Zeitung und die FAZ fühlen sich in Botho Strauß' Deutschland nicht zuhause. Angela Merkel war keine Migrantin, ruft Monika Maron in der Welt. In der Zeit will die Politologin Antje Schrupp einen Rabbi solange zur Einsicht bringen, bis er ihr die Hand drückt. Und Springer kriegt laut politico.eu sein Leistungsschutzrecht auch auf europäisch.

Ins freundliche Neu-Hanau

05.10.2015. Botho Strauß erklärt im Spiegel, warum er lieber als letzter Deutscher in Brandenburg verkümmern würde, als "mit fremden Völkern aufgemischt" zu werden. Wesentlich nüchterner antwortet Armin Nassehi in der Welt auf die Frage: Einwanderung ja, aber auch Integration. Heise.de gratuliert der Free Software Foundation zum Dreißigsten. Brendan O'Neill blickt im Spectator erschüttert in die Abgründe der Political Correctness. Politico.eu schildert dänische Stimmungsschwankungen zehn Jahre nach den Mohammed-Karikaturen.

Weder im Park noch im Wald

02.10.2015. Die taz bringt ein großartiges Dossier mit Texten von Flüchtlingen: Die tunesische Autorin Najet Adouani erzählt, wie die heimischen Probleme sie bis hierhin verfolgen. Der transnistrische Autor Alexander Nikiforov wundert sich über die Kaninchen im Tiergarten. Im Quotidien d'Oran dankt Kamel Daoud dem Hause Saud für das Privileg, in Mekka sterben zu dürfen. Die New York Times surft mit Adblocker und stellt fest: Das lohnt sich wirklich! Und Ulrike Simon fragt bei rnd-news.de: Ist Googles Innovationsfonds heiße Luft?

Die Angstgruppe und die Ressentimentgruppe

01.10.2015. Aktualisiert: Wie die Media-Agentur von Volkswagen französische Zeitungen unter Druck setzte. Laut Recode greift nun Google in die Debatte um Internetwerbung ein und verlangt "akzeptable Werbeformate". In der SZ versucht der ukrainische Autor Jurko Prochasko die "unheimliche Anziehungskraft der Kreml-Propaganda" zu ergründen. In der Zeit kritisiert Martin Roth vom Victoria & Albert-Museum die Staatsnähe deutscher Museen. In der Welt beschreibt Flemming Rose von Jyllands-Posten die Selbstzensur westlicher Medien zehn Jahre nach den Mohammed-Karikaturen.