9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Politik

1386 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 139

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2020 - Politik

Wenn Joe Biden tatsächlich Antony Blinken zum Außenminister macht, bedeutet das eine prononcierte Rückwendung zu Europa, vermuten David M. Herszenhorn und Rym Momtaz bei politico.eu. Denn Blinken äußert sich nicht nur sehr proeuropäisch, er wuchs als Diplomatensohn in Paris auf: "Blinken spricht ein lupenreines Französisch mit nur einem Schatten von Akzent. Der zukünftige Diplomat kam als Kind nach Paris, nachdem sich seine Eltern scheiden ließen und seine Mutter den polnisch-amerikanischen Holocaust-Überlebenden und Staranwalt Samuel Pisar heiratete... Blinkens Halbschwester Leah Pisar lebt in Frankreich, wo sie die Aladdin-Projekt, eine gemeinnützige Organisation für kulturellen Dialog leitet. Als Student in Harvard schrieb Blinken 1981 sogar einen Bericht für die Studentenzeitung The Crimson über den historischen Wahlsieg der Sozialisten über Valéry Giscard d'Estaing, den sein Stiefvater gut kannte."

Was genau die Welt reitet, ein mehr als einseitiges Interview mit Yanis Varoufakis zu bringen, der gerade ein neues Buch hat, und dieses Interview von Angela Richter, einer Angehörigen der Organisation DiEM25 führen zu lassen, die Varoufakis gegründet hat, wäre auch eine interessante Frage. Varoufakis mäkelt hier unter anderm am Wahlergebnis Joe Bidens herum. Er hätte ihm einen Erdrutschsieg gewünscht. Der jetzigen Situation hätte er sogar einen Wahlsieg Trumps vorgezogen, weil Biden im Senat  womöglich keine Mehrheit hat und nicht alle Wünsche der Linken ausführen kann: "Sowohl Biden als auch die Republikaner werden die Flaute auf den Einfluss der Linken schieben. Alexandria Ocasio-Cortez und die Progressiven sind bereits in der Defensive und werden den Angriffen der Medien standhalten müssen. Die Linke wird zerrüttet werden, während die extremen Rechten immer stärker und stärker werden. Es haben 71 Millionen Menschen für Trump gestimmt. Sie sind natürlich überzeugt, dass ihnen die Wahl gestohlen wurde. Das wird sie fester zusammenschweißen. Sie werden giftiger, faschistischer, radikalisierter werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2020 - Politik

In Brasilien wird neu über Rassismus diskutiert, nachdem ein Schwarzer von Wachleuten zu Tode geprügelt wurde. Zugleich ist die Regierung Bolsonaro in Brasilien beliebter denn je. Der Rechtsprofessor Silvio Almeida, Autor eines Buchs über "Racismo Estrutural", schildert die Regierung im Gespräch mit taz-Korrespondent Niklas Franzen   als "Symptom einer Gesellschaft, die historisch auf Gewalt beruht. Brasilien hat zwei offene Wunden: das Erbe der Sklaverei und die nicht aufgearbeitete Militärdiktatur. Bis 1888 wurden schwarze Menschen in Brasilien versklavt gehalten, so lange wie in keinem anderen Land der Welt. Und die wichtigsten Figuren der aktuellen Regierung haben während der Diktatur ihre Karrieren begonnen. Brasilien schafft es nicht, diese beiden Wunden zu behandeln."

In der FAZ berichtet Tjerk Brühwiller über die Proteste in Brasilien nach der Tötung eines Schwarzen durch weiße Wachleute. "Achtzig Prozent der von Polizisten getöteten Personen sind Schwarze. Zwei Drittel der Gefängnisinsassen sind Schwarz. Gleichzeitig stellen Schwarze in der Justiz und in der Politik sowie unter den Staatsangestellten eine klare Minderheit."

Die Armenier haben in dem Krieg in der Region Bergkarabach viele Kirchen und Kulturdenkmäler verloren. Viele von ihnen sind von aserbaidschanischen Siegern in triumphalen Internetvideos entweiht worden, schreibt Tigran Petrosyan in der taz. "Die Armenische Kirche hat viel Einfluss auf die armenische Kultur. Zu Armeniens christlichem Erbe gehören nicht nur Klöster, sondern auch Manuskripte, Liturgien und die Kreuzsteinkultur. Im Jahr 404 erschuf der Mönch Mesrop Maschtoz das armenische Alphabet und bereitete damit den Weg für die Übersetzung der Bibel und die Verbreitung des Christentums in Armenien. Auch in der Diaspora (etwa sieben Millionen) wird die Sprache gepflegt." Zugleich, so Petrosyan sei der Konflkt um Bergkarabach "kein Krieg zwischen christlichen Armenier*innen und muslimisch geprägten Aserbaidschaner*innen. Es ist eher ein ethnischer Konflikt, der sich durch Entweihung der armenischen Gotteshäuser weiter zuspitzen und den Hass zwischen beiden Völkern noch vertiefen dürfte".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2020 - Politik

Trumps Wähler als weiße Rassisten abzutun, ist eine bequeme Selbstbeweihräucherung der amerikanischen Linken, sagt Jonathan Franzen im Gespräch mit Wieland Freund in der Welt: "Trump spricht ökonomische Ängste an, den Unmut über die Eliten an den Küsten, die nachvollziehbare Angst vor Einwanderung und ein Misstrauen gegenüber der Regierung, und die Progressiven täten gut daran, all dem ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Trump-Wähler einfach als Rassisten abzutun ist politisch selbstzerstörerisch."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2020 - Politik

Ilija Trojanow nimmt ihn der taz Abschied von seiner persönlichen Obsession Donald Trump, über den er vier Jahre lang alles las, was in die Finger bekam. Am Ende aber muss er einsehen, dass er mit seiner Obsession vielleicht doch recht hatte, denn er erkennt Trump als "vorläufigen Endpunkt einer Konzentration von Geld und Macht, die man gemeinhin Plutokratie nennt, salopp übersetzt: die 'Herrschaft der Börse'. Wie die Journalistin Jane Mayer in ihrem großartigen Buch 'Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right' (leider noch nicht ins Deutsche übersetzt, mehr hier) anhand der Gebrüder Koch beschreibt, führen Milliardäre in den USA seit Längerem einen Krieg gegen jede demokratische Kontrolle der Wirtschaft, gegen ökologische Regulierung, gegen soziale Maßnahmen. Und sie sind enorm erfolgreich, in der Politik, in der Bildung, in der Mondlandschaft der Medien."

Nicht nur Latinos und Schwarze haben bei der Präsidentschaftswahl 2020 häufiger für die Republikaner gestimmt als noch 2016 (mehr dazu hier und hier). Auch Muslime, erzählt Erum Salam im Guardian. Nach einer Umfrage von Associated Press waren es 35 Prozent. Die Motive sind, wie immer, vielfältig. Eins davon: die Ablehnung von Abtreibung und Homosexualität. "Auch nach der Ernennung von Amy Coney Barrett zur Richterin am Obersten Gerichtshof ist Abtreibung ein heißes Thema und eine Schlüsselfrage für gläubige Wähler. Annette Khan schreibt ihre sozialkonservativen Ansichten zu Abtreibung und Sexualität auch ihrem Glauben zu und sieht sie in der republikanischen Partei unter Trump widergespiegelt. 'Die Republikanische Partei ist gegen Abtreibung und gegen die Homo-Ehe, was ehrlich gesagt ein Widerspruch in sich ist. Denn die Homo-Ehe gibt es nicht für konservative und fundamentalistische Gläubige, seien sie Christen, Juden oder Muslime. Dies steht im Einklang mit dem islamischen Glauben', sagte sie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2020 - Politik

Aserbeidschan hat mit Hilfe der Türkei große Teile von Nagorni Karabach zurückerobern können. Und die Welt schaut stumm zu, obwohl die Aktion völkerwidrig war, kritisiert Günther Bächler in der NZZ. Und: "Die Türkei macht sich mit der maßgeblichen Unterstützung der völkerrechtswidrigen Gewalthandlungen sowie der Verlegung regulärer Truppenverbände nach Aserbaidschan sowie deren Einsatz gegen Nagorni Karabach ebenfalls strafbar. Die Türkei hat durch ihre Kriegsrhetorik, ihre militärischen Aktivitäten und das illegale Einschleusen von Söldnern aus Syrien wesentlich zur Eskalation des Kriegs und damit zu Tod und Vertreibung vieler Zivilisten beigetragen. Vor dem Hintergrund des Völkermords am armenischen Volk von 1915/16 würde man gerade beim armenischen Nachbarn Türkei eine besondere politische Zurückhaltung erwarten bzw. eine moralische und rechtliche Verpflichtung, zum Frieden in der Region beizutragen, ableiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2020 - Politik

Die Welt hätte früher nach Armenien blicken müssen, notiert Christiane Schlötzer in der SZ, dann hätten Erdogan und Putin nicht die aserbadischanischen Truppen nach Karabach preschen lassen: "Für Armenien ist der Waffenstillstand bitter. Er bringt Premier Nikol Paschinjan in höchste Not. Eine samtene Revolution hat ihn erst 2018 ins Amt getragen. Die alte Machtclique war eng mit politischen Hardlinern aus Karabach verbunden. Sie spielte die nationale Karte, dahinter blühte die Korruption, die Paschinjan bekämpft. Er fördert die IT-Branche, und Frauen im konservativen Armenien. Das gefällt der jungen Generation. Mehr Unabhängigkeit von Moskau will er. Putin hätte wohl nichts gegen dessen Sturz."

Der Kieler Politikwissenschaftler Torben Lütjen ist sich gar nicht so sicher, ob die vielbeschworene Versöhnung der politischen Lager in den USA so erstrebenswert ist. Dort, weiß er, haben sich schon weite Teile der Linken von diesem " blasierten Zentristentraum" verabschiedet: "So werden innerhalb der amerikanischen Linken schon lange Strategien diskutiert, die natürlich nicht auf Versöhnung, sondern auf zukünftige Mehrheitsfähigkeit zielen: die Aufstockung der Anzahl der Richter am Supreme Court, die Ausrufung von Washington, D.C. und Puerto Rico als Bundesstaaten, um sowohl im Kongress als auch im Electoral College neue Mehrheitsverhältnisse zu schaffen, und einiges andere mehr. Das Buch von David Faris, 'It's time to fight dirty', zu Deutsch: 'Ab jetzt wird mit unsauberen Mitteln gekämpft' Untertitel: 'Wie Demokraten eine dauerhafte Mehrheit in der amerikanischen Politik erreichen können', erfreut sich unter linken Demokraten derzeit großer Beliebtheit."

Im Welt-Interview mit Thomas David wagt es Paul Auster noch nicht, sich über einen Wahlsieg von Joe Biden zu freuen. Der Schriftsteller sieht aber die große Aufgaben, vor denen der künftige Präsident steht: "Solang wir uns als Nation nicht zu dem Horror einer Institution bekennen, die Millionen von Menschen versklavt hat, dazu, dass wir das ganze Land auf dem Rücken der Sklaverei errichtet haben, solang wir für unsere Sünden keine Abbitte leisten, wird dieses Land niemals geeint werden. Wir täuschen uns selbst mit dem Mythos unserer eigenen Güte. Dem Mythos unserer Überlegenheit. Aber wenn ich die Kriegsflagge der Konföderierten sehe, die heute in einigen Bundesstaaten vor den Parlamenten weht, ist es für mich, als würde ich auf Hakenkreuze blicken."

Weiteres: Leider nicht online zu lesen ist ein Artikel des Wall Street Journals, demzufolge der ultralibertär-reaktionäre Milliardär Charles Koch es bedauert, so zur Polarsierung des Landes beigetragen zu haben. Er möchte jetzt Brücken. Die Verstörung auf Twitter ist immens. Am nächsten Dienstag erscheint Barack Obamas Autobiografie "A Promised Land", im Tagesspiegel schürt Gerrit Bartels Erwartungen. In der New York Times legt ihm Chimamanda Adichie mit einer epischen Besprechung den Teppich aus.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2020 - Politik

Politico befragt einige Verfassungsrechtler zur gegenwärtigen Situation in Washington, wo Trump nach wie vor nicht abtreten will. "Ich bin vorsichtig optimistisch, das Trumps autokratische Antwort auf seine Niederlage nicht zu einer Krise der Machtübergabe führt", sagt etwa Joshua A. Douglas von der Universität Kentucky. Aber er macht auch deutlich: "Eine Niederlage eingestehen ist ein normativer Akt, in der der unterlegene Kandidat die Legitimität des Siegs seines Gegenübers anerkannt und akzeptiert. Sich in die Niederlage fügen, ist im Gegensatz dazu eine rein taktische Kenntnisnahme, dass es keinen Sinn hat, weiter zu kämpfen. Trump wird sich am Ende fügen, aber ohne Eingeständnis."

Richard Herzinger begrüßt in einer "Intervention" für den Perlentaucher die Idee eines "Gipfels für Demokratie", den Joe Biden in Aussicht gestellt hat: "Es ist zu hoffen, dass Biden die Kraft und die Konsequenz aufbringen wird, diesen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen - und dass der Gipfel für Demokratie, sollte er zustande kommen, keine einmalige Veranstaltung bleiben wird. Dringend nötig wäre die Installierung eines permanentes Gremiums, einer Art globalen Aktionsforums der demokratischen Nationen, auf dem sie ihr Vorgehen gegen die autoritären und totalitären Bedrohungen auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen koordinieren können."

"Amerika ist immer ein gespaltenes Land gewesen", sagt die Journalistin Anne Applebaum im FR-Gespräch mit Michael Hesse. An einen Bürgerkrieg glaubt sie nicht, aber: "Es ist einer der katastrophalsten Momente, in dem eine neue Regierung ihr Amt antreten muss. Die größte Gesundheitskrise der letzten 100 Jahre. Eine massive Wirtschaftskrise, eine Krise in Bezug auf Rassismus, die amerikanische Außenpolitik war noch nie so schwach wie heute. Es gibt viel zu tun für Biden. Er muss den Virus in den Griff bekommen und die Wirtschaft stärken, daran muss sich alles andere anschließen. Für Europa ist natürlich von Interesse, wie er das transatlantische Verhältnis ausgestaltet. Er wird die USA und Europa wieder miteinander verbinden und eine transatlantische Partnerschaft weiterentwickeln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2020 - Politik

Sehr viel retweetet wird eine Warnung Timothy Snyders im Boston Globe: Trump strickt durch seine Weigerung zu gehen an einer Dolchstoßlegende, die sogar bleiben wird, falls er irgendwann doch seine Niederlage anerkennt: "Trump zu unterschätzen ist ein Fehler, der nicht immerzu wiederholt werden sollte. Er geht nicht weg, wenn man über ihn lacht. Wäre es so, wäre er schon vor Jahrzehnten verschwunden. Auch alte Normen, wie sich Präsidenten verhalten sollten, bewirken nicht, dass er geht. Er ist ein Schauspieler, und er hält an seinem Text fest: Es war alles Betrug, und er hat 'mit Abstand' gewonnen. Er sei nie geschlagen worden, ist die Story. Er ist Opfer einer Verschwörung. Diese Dolchstoßlegende könnte zu einem permanenten Bestandteil amerikanischer Politik werden, so lange Trump ein Megafon hat, sei es Fox oder RT (früher Russia Today) oder, auch wenn Demokraten das undenkbar finden, solange er als ungewählter Präsident weiter regiert."

Thomas B. Edsall hat für die New York Times Stimmen von Historikern und Rechtsprofessoren eingeholt, um die historische Einmaligkeit der nicht anerkannten Niederlage in Präsidentschaftswahlen zu kommentieren. Bei der Suche nach Parallelen gehen sie zurück bis ins Jahr 1800. "Während viele der Gelehrten, die ich befragte, Trumps Aktionen als vorhersehbar beschrieben, waren sie ernsthaft besorgt über die Unterstützung für Trump durch republikanische Amtsinhaber - oder über ihr Schweigen. Bisher haben nur fünf von 53 republikanischen Senatoren öffentlich nahegelegt, dass Trump einen Übergang zu Biden ermöglicht; keiner von ihnen ist in der Parteiführung."

Aber "trotz aller seiner Intrigen, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Trump einen Weg findet, an der Macht zu bleiben oder einen Coup zu inszenieren, beteuert  Sam Levine im Guardian.

Die letzten demokratisch gesinnten Abgeordneten des Hongkonger Parlaments sind zurückgetreten, nachdem vier von ihnen das politische Mandat von Peking aberkannt worden war, berichtet taz-Korrespondent Fabian Kretschmer. Die Gleichschaltung ist damit so gut wie vollzogen. Angefangen hatte es letztes Jahr mit dem Gesetz zum "Schutz der nationalen Sicherheit": "Seitdem hat sich das politische Klima in der Finanzmetropole fundamental gewandelt: Demonstrierten letzten Sommer noch mehr als eine Million Menschen gegen Pekings Einflussnahme, liegt Hongkongs Protestbewegung nun im Sterben. Aktivisten wurden festgenommen, Bibliotheken von pekingkritischen Büchern gesäubert. Sympathisanten der Demokratiebewegung haben politische Postings aus ihren Social-Media-Accounts entfernt, Tausende Asyl in Drittländern gesucht."

Vier der derzeit weltweit getesteten Impfstoffe gegen das Corona-Virus stammen aus China, weiß Lea Deuber in der SZ. Die chinesische Regierung hat "hat für die Entwicklung alle ethischen Grundregeln außer Kraft gesetzt. Hunderttausende Menschen sind mutmaßlich bereits vor der ordnungsgemäßen Zulassung geimpft worden. Kritik am Vorgehen und Berichte über Rückschläge in Testphasen lässt die Regierung zensieren." Während chinesische Firmen in den meisten Industrienationen keine Chance haben werden, ist die Abhängigkeit für Staaten in Afrika, dem Nahen Osten und Asien groß, so Deuber weiter: "Eine Milliarde Dollar haben südamerikanische und karibische Staaten bereits von Peking erhalten, um den Impfstoff von China zu kaufen. Mexiko hat für 35 Millionen Dosen bezahlt. Brasiliens Gesundheitsminister übt sich bisweilen im Kotau, um Zweifel an einem chinesischen Impfstoff zu zerstreuen. In Asien hat sich Peking das Interesse von mehr als einem halben Dutzend Staaten gesichert."

Weiteres: In der Welt schickt Daniel Böhm eine große Reportage aus den vergangenen Wochen in Bergkarabach: "Bergkarabach wirkt wie eine Bergfeste, bewacht und bewohnt von Männern, die ihre Heimat bis zum Ende verteidigen werden. Es ist eine archaische Welt. Das passt zur Natur dieses Krieges, der ja ebenfalls wie aus der Zeit gefallen wirkt. Zwei reguläre Armeen bekämpfen sich in einem nahezu menschenleeren Terrain, wo gibt es so etwas heutzutage noch? Es ist ein Soldatenkrieg, voller Wehrpflichtiger und Freiwilliger, mit Schützengräben, die aussehen wie im Ersten Weltkrieg."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2020 - Politik

Barbara Oertel ist in der taz zwar froh, dass "der wahnwitzige Krieg um Bergkarabach" durch den überraschenden, für die armenische Seite unvorteilhaften Friedensschluss ein Ende haben könnte. Aber "dass ausgerechnet Russlands Präsident Wladimir Putin das Übereinkommen als eine gerechte Grundlage bezeichnet, die im Interesse der beiden Kriegsparteien sei, entbehrt nicht eines gewissen Zynismus. Schließlich hat sich der Kreml in den vergangenen Jahrzehnten nicht gerade als Friedensstifter hervorgetan und den Konflikt weiter am Köcheln gehalten - nicht zuletzt auch durch Waffenlieferungen an Aserbaidschan." Hier und hier die aktuellen Berichte der taz zum Stand in dem Konflikt.

Bergkarabach, das "Sehnsuchtsland der Armenier", ist nun zerstückelt, schreibt Alfred Hackensberger in der Welt: "Obendrein ist auch noch die legendäre Kulturstadt Schuschi mit ihren zahlreichen Kathedralen und Kirchen verloren. Es ist buchstäblich ein Stich in die armenische Seele, die bis heute unter dem Trauma des Völkermords durch die Türkei leidet." Auch SZ-Redakteur Thomas Avenarius konstatiert, dass Armenien alles verloren hat, aber die Nachricht vom Friedensschluss sei eine gute: Immerhin sind in dem Krieg in kurzer Zeit Tausende ums Leben gekommen. Nun können möglicherweise Hunderttausende von den Armeniern einst vertriebene Aseris zurückkehren. Und "so wie die Dinge nun liegen, entscheidet Putin weitgehend alleine, wie es weitergeht in Bergkarabach".

Eine ganz besonders gute Nachricht ist der Frieden für Aserbaidschan (und die verbündete Türkei), schreibt Philipp Eger in der NZZ: "Aserbaidschan generiert zwar als erdölfördernder Staat einen gewaltigen Reichtum - nicht zuletzt mit den Lieferungen an die Schweiz. Statt aber damit die eigene Volkswirtschaft und die Zivilgesellschaft zu entwickeln, versickert das Geld in den Taschen der Kleptokratie und wird in Waffen investiert, mit denen gegenwärtig Nagorni Karabach verwüstet wird. Wer in Aserbaidschan öffentlich Kritik übt, verschwindet im besten Fall hinter Gittern."

Haben die Demokraten in den USA nur deshalb so knapp gewonnen, weil sie nicht links genug waren? In der SZ kann Joachim Käppner vor solchen Diskussionen nur warnen: "Von einigen chancenlosen Außenseitern abgesehen war der anfangs überheblich verlachte alte Herr der einzige aus der vielköpfigen Bewerberschar der US-Demokraten, dem es überhaupt gelingen konnte, diese Wahl am alles entscheidenden Ort zu gewinnen: in der Mitte der Gesellschaft, bei den Angestellten, Stahlarbeitern, den sogenannten einfachen Leuten. Der demokratische Abgeordnete Brendan Boyle beschrieb das so: 'Unsere Partei ist nicht das, was Leute auf Twitter darüber denken. Sie ist im Herzen noch immer working class, ob weiß, afroamerikanisch oder Latino.'"

Und Daniele Dell'Agli beobachtet im Perlentaucher: "Joe Biden und Kamala Harris haben sich in ihren ersten, weltweit beachteten Reden große Mühe gegeben, mit einer Stimme zu sprechen, und doch hat Biden eine 'republikanische', Harris eine 'demokratische' Rede gehalten." Denn der eine sprach von "Opportunities", die andere von "Possibilities".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2020 - Politik

Philip Malzahn berichtet für die taz aus Bergkarabach über den neuen Krieg von russisch unterstützten Armeniern, die die das Gebiet beanspruchen und den von Türken unterstützten Aserbaidschanern. "Wie im ersten Krieg um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan von 1988 bis 1994 gilt auch dieses Mal: Wer die Kleinstadt Schuschi gewinnt, gewinnt den Krieg und damit das, was aus armenischer Sicht die Republik Arzach ist. Der Konflikt wird mit äußerster Brutalität ausgefochten. Während auf proarmenischen Telegram-Kanälen Videos kursieren, die zeigen, wie die Leichen von Aserbaidschanern von Schweinen gefressen werden, häufen sich umgekehrt Berichte von Exekutionen von Armeniern durch aserbaidschanische Soldaten und syrische Söldner, die über die Türkei zur Unterstützung in das Land gebracht werden." Le Monde meldet unterdessen, dass unter der Ägide Wladimir Putins ein Friedensschluss vereinbart worden sei, der die aserbaidschanischen Vorstöße absichere.

Wer den Populismus in den USA betrachtet, muss auch die (übrigens: traditionellen) Medien betrachten, schreibt Jan-Werner Müller in der FAZ: "Ein selbstdeklarierter 'Meinungsjournalist' wie der Fox- und Radiomoderator Sean Hannity verdient 38 Millionen Dollar im Jahr damit, den Leuten auf dem Lande einzureden, die Eliten in New York würden Tag und Nacht nichts anderes tun, als über 'rednecks', Angehörige der weißen Unterschicht, die Nase zu rümpfen. Einige neuere Studien legen nahe, nicht die Medien hätten sich einer radikalisierten Republikanischen Partei angepasst, sondern das rechte Talk Radio, dem es primär um Profite geht, habe die Partei zu immer neuen Extremen getrieben."

Außerdem: Die iranische Frauenrechtlerin Nasrin Sotoudeh ist in vorübergehenden Hafturlaub entlassen worden, um sich medizinisch behandeln zu lassen, meldet emma.de. Und im Guardian prophezeit Jan-Werner Müller ein Überleben des Trumpismus in raffinierterer Form.