9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dezember 2019

Wo keine Chancen sind, findet er welche

14.12.2019. Nach dem Wahldesaster für Labour schäumen der Guardian und die New York Review of Books vor Wut über Jeremy Corbyn, der dem Land und dem NHS fünf weitere Tory-Jahre bescherte. Andrew Sullivan erkennt im New York Magazine Boris Johnsons Brillanz in einem Trumpismus ohne Trump. In der FAZ sehnt sich die Beiruter Soziologin Nadia Bou Ali nach einem Ende des sektierischen Staats im Libanon. Die FR verbeugt sich vor der Reporterlegende Nelly Bly, die einst aufdeckte, wie Hysterikerinnen hergestellt wurden. Und die taz verabschiedet Kalle Ruch, graue Eminenz und genialer Geschäftsführer der Zeitung, die anfangs nicht mal ein Bankkonto bekam.

Vor allem: bergab

13.12.2019. Die englischen Wähler haben dem Brexit ein zweites Mal zu einer massiven Mehrheit verholfen. Und ähnlich wie Donald Trump hat Wahlsieger Boris Johnson vor allem beim Proletariat Punkte gemacht, analysiert das New York Magazine. Die Welt und Hubertus Knabe sind mit dem jüngsten Gutachten zur Stasi-Verbindung des Berliner-Zeitung-Verlegers Holger Friedrich noch nicht zufrieden. Die SZ fragt mit  Emmanuel Terray, warum fast alle Revolutionen scheitern. Warum versagen die Begriffe des Antirassismus und des Postkolonialismus bei der Analyse so vieler Phänomene, fragen Yascha Mounk in Atlantic und Caroline Fetscher im Tagesspiegel.

Stattdessen hört man Applaus im ZdK

12.12.2019. Die Berliner Zeitung veröffentlicht das Gutachten über die Stasi-Aktivität ihres neuen Mit-Besitzers Holger Friedrich: So schlimm war es nicht, sagen Marianne Birthler und Ilko-Sascha Kowalczuk. Afrika ist ein "Labor digitaler Demagogen", warnt die taz mit Blick auf russische Einflussnahme im Sudan und anderen Ländern. Die FAZ wirft einen kritischen Blick auf den Streik in Frankreich. In der Zeit greift Heinrich August Winkler in den Hohenzollern-Streit ein und Christopher Clark und Wolfram Pyta an. Und Islamkritiker wehren sich in einem Offenen Brief an die EU gegen den Vorwurf der "Islamophobie".

Keine Auskünfte zum Planungsstand

11.12.2019. Übermorgen wird in Großbritannien gewählt. Der Guardian gibt eine offizielle Wahlempfehlung - verschweigt aber den Zwiespalt nicht. Die New York Times zeigt, wie auch in diesem Wahlkampf Desinformationskampagnen geführt wurden. Der Tagesspiegel fragt: Kann es sein, dass der Flughafen Tegel mal zum Denkmal wird? Die taz erzählt, wie sich die außerparlamentarische Opposition in Algerien gegen die Wahlen wehrt. geschichtedergegenwart.ch erzählt die Geschichte der Frauenhausbewegung.

Wie Schnee in der Sonne

10.12.2019. Ist das britische Parteiensystem intakt oder nicht intakt? taz und politico.eu sind sich etwas uneins. Der Ukraine-Gipfel in Paris löst bei Kommentatoren keine große Hoffnung aus. In der FAZ wendet sich der Historiker Richard Evans gegen Christopher Clark und findet, dass die Hohenzollern Hitler durchaus den Weg ebneten. Die Idee der offenen Internets wird zerschlagen, warnt Golem - zumindest, kann es sich nicht mehr unter .org-Domain anmelden. Ethan Zuckerman denkt in der CJR unterdessen darüber nach, ob gemeinnützige soziale Medien möglich sind. Und Adrian Lobe träumt in der Welt von einem europäischen Google.

Solange sie nur nicht zu uns kommen

09.12.2019. Im Observer erzählt ein entsetzter Nick Cohen, wie die Parteien in Britannien mit Internetwerbung vorgehen. In der NZZ analysiert Charles Lewinsky, wie wir schweigen, zum Beispiel zur Flüchtlingsfrage. In der taz fragt der Politologe Floris Biskamp, wie man die AfD nennen sollte: rechtspopulistisch, -radikal oder - extrem? Der Freitag lernt im NS-Dokumentationszentrum München, wie Vergangenheit lebendig bleibt. Der Spiegel findet: Man sollte sich Ebooks leihen.

In einer narrativen Prosa

07.12.2019. Die taz beleuchtet den Bismarck-Kult der AfD - der auch in Bismarcks Russland-Politik begründet ist. hpd.de erklärt, warum Kritik am Islam nicht rechts ist. Sind wir schon, rufen die Historiker Christian Geulen und Michael Sommer auf die Bitte der Bildungsministerin Anja Karliczek an Wissenschaftler, sich als "öffentliche Intellektuelle" zu fühlen. In Ihrem Blog zeigt sich Julia Reda entsetzt darüber, wie Frankreich die EU-Urheberrechtsreform verwirklichen will.

Für einen übergeordneten Zweck

06.12.2019. Im Tagesspiegel fragt Zafer Senocak, ob die Heimatfrage nur eine altmodische Frage ist. In Le Monde beschreibt der Historiker Mohammed Harbi die "immense kulturelle Regression" Algeriens nach Jahrzehnten des FLN-Regimes. Der Tagesspiegel will dem "Zentrum für politische Schönheit" die Entschuldigung nicht abnehmen. taz und FAZ versuchen den großen Streik in Frankreich zu verstehen.

Zapfenstreich abgesagt

05.12.2019. Das "Zentrum für politische Schönheit" entschuldigt sich auf seiner Website für seine Aktion "Sucht nach uns".  Götz Aly verteidigt die Aktion beim MDR, weil sie auf die Asche der Ermordeten aufmerksam macht. In Frankreich ist ab heute großer Streik: In der Zeit kritisiert der Philosoph Gaspard Koenig zwar Emmanuel Macrons zentralistische Politik, nicht aber seine Rentenreform. Krise auch in Großbritannien: Der New Statesman weigert sich, eine Wahlempfehlung auszusprechen - auch nicht für Labour.

Aggregiert, selektiert und allgemein zugänglich präsentiert

04.12.2019. Philipp Ruchs "Widerstandssäule" ruft heute eher befremdete bis bestürzte Reaktionen hervor: Wenn es Ruch um die Würde der Toten ginge, hätte er jüdische Organisationen einbezogen, kritisiert die taz. Die Toten des Holocaust werden inzwischen "von beiden Außenseiten des politischen Spektrums hemmungslos als Mittel zum Zweck missbraucht", konstatiert die NZZ. Die New York Times erzählt, wie die Chinesen aus der DNA der Uiguren ihre Gesichter rekonstruieren wollen. Und Netzpolitik weiß, warum wir weiter der Tracking-Werbung ausgesetzt werden: Die Presseverlage wollen es so.

Hoffentlich nur Fiktion

03.12.2019. Philipp Ruch und sein "Zentrum für politische Schönheit" stellen eine Stele mit (angeblicher?) Asche ermordeter Juden an die Stelle der Kroll-Oper, um einen neuen Faschismus zu verhindern. Berliner Zeitung, Tagesspiegel und SZ finden die Aktion sehr gut. Der Perlentaucher bekennt seinen Würgreflex. FAZ und SZ sehen einen Prozess auf die Hohenzollern zukommen. Netzpolitik erzählt den neuesten Streich der chinesischen Überwachungspolitik.

Gramscianischer Guerillakrieg

02.12.2019. Yascha Mounk erklärt der neuen sozialdemokratischen Führung in Zeit online das Denken der Arbeiterschaft: Ihre Interessen will sie vertreten sehen, Revolution will sie nicht. Politico.eu wirft ein Licht auf eine neue populistische Kulturpolitik in Flandern. In der NZZ nimmt der Publizist Kevin D. Williamson die kleinste Minderheit in Schutz.