9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dezember, 2017

Gerade mal am Rand des Sonnensystems

30.12.2017. Die Grünen-Politiker Volker Beck und Dirk Behrendt plädieren in der Berliner Zeitung und bei Twitter für das Kopftuch an Berliner Schulen. Die FAZ kann es nicht fassen: Der neue ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm droht mit Einsparungen am Programm, falls er nicht demnächst drei Milliarden Euro mehr bekommt.  Im Tagesspiegel spricht der Historiker Andreas Rödder über die poltische Wucht der Postmoderne.

Liu Xiaobo besser nicht erwähnen

29.12.2017. In Spiegel online erklärt die Politologin Katika Kühnreich, wie das chinesische Punktesystem für Wohlverhalten funktionieren wird. In der SZ spricht Linus Neumann vom Chaos Computer Club über die Gefahren von Staatstrojanern und Gesichtserkennung.  In der Welt fürchtet Henryk Broder, dass die Islamisierung Deutschlands kaum mehr aufzuhalten ist. Und die taz hat herausgefunden: "In Deutschland ist es wahrscheinlicher, als Leiche in einem TV-Krimi mitzuspielen, als ermordet zu werden.

Um die Familie zusammenzuhalten

28.12.2017. Spiegel online schildert in einer Reportage die allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen in Ägypten. Die Zeit kritisiert den allzu lieben Frieden zwischen Kirchen und Vertretern des Islams in Deutschland. Die taz prangert den Einfluss amerikanischer Miiliardäre auf die Politik des Landes an. Die FAZ vermutet evangelikalen Einfluss hinter der Jerusalem-Entscheidung Donald Trumps.

Unser Hang zum Tribalismus

27.12.2017. FAZ und SZ resümieren das Jahr der #MeToo-Debatte, das nicht nur die Verfehlungen einiger Hierarchen, sondern ein ganzes Machtsystem bloßlegte. Der Guardian enthüllt, dass die britische Regierung Tausende Archivakten über missliebige historische Ereignisse verschwinden ließ.  Die New York Times zeigt, wie Frauen von der Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Iran profitieren. Guardian und Washington Post thematisieren russische Einflussnahme in den sozialen Netzen.

Catchy headline drüber, fertig

23.12.2017. Bei t-online weist Lamya Kaddor den Vorwurf von sich, sie habe Necla Keleks Zitat verfälscht. Die SZ eruiert, wann Heimatgefühle giftig werden. In der FR spricht der Historiker Philipp Blom über das Taumeln in der Gegenwart. In der taz inspiziert Pussy-Riot-Aktivistin Mascha Alechina den russischen Gulag. Und zum unaufhaltsam näher rückenden Heiligabend empfiehlt Helene Hegemann in der NZZ mal einen Potlatsch.

Die Herkunft der Stereotype

22.12.2017. Politco.eu ist ratlos: Es ist so viel passiert in Katalonien in letzter Zeit - und doch sind wir keinen Schritt weiter! Die Salonkolumisten greifen die Debatte um das von Lamya Kaddor verfälschte Necla-Kelek-Zitat auf und sehen durchaus rechtliche Aspekte. Im Perlentaucher reagiert Necla Kelek selbst. Ganz unabhängig davon schildert die NZZ die Techniken heutiger Debatte: "Man diskutiert nicht mit dem Gegner, man 'entfreundet' ihn." Die SZ schildert die Verfolgung Homosexueller in Ägypten, betrieben in trauter Eintracht von Staat, Imamen und koptischer Kirche.

Auch eine nukleare Option

21.12.2017. Heute ist Wahl in Katalonien. Aber sie könnte unklar ausgehen, warnt die taz. Die Debatte um das von Lamya Kaddor verfälschte Necla-Kelek-Zitat geht weiter: FAZ und Welt erkunden den Spalt zwischen Sagen und Meinen. In Zeit online glaubt Robin Detjen nicht, dass die SPD so mir nichts dir nichts wieder modern werden kann.  Und alle Medien im Internet fürchten Googles Adblocker.

Und scheiterten an Kabelanschlüssen

20.12.2017. Die Debatte über das von Lamya Kaddor verfälschte Zitat Necla Keleks tobt auf vor allem auf Facebook: Die Kelek-Gegner Daniel Bax und Hilal Sezgin rücken nicht ab - Bax nennt die "notorische Lügnerin" Kelek in einem Atemzug mit "Elsässer oder Höcke". Der Tagesspiegel resümiert die Diskussionen um die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland, Österreich und Schweiz.  Die SZ fragt endlich mal: Warum spielt in der #MeToo-Debatte die so frauenfeindliche HipHop-Industrie keine Rolle? Bodo Mrozek erläutert in seinem Blog, wie die "Identitäre Bewegung" mit Popsymbolen spielt. Und in SZ online hält der Pater Tobias Zimmermann, Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, das Berliner Neutralitätsgesetz für verfassungswidrig.

Die Anhänger des Gerüchts

19.12.2017. Politico.eu erklärt, warum Italien das einzige europäische Land ist, in dem die jungen Wähler europaskeptischer sind als die älteren. Das Niemanlab hat herausgefunden, dass News in den Timelines der meisten Facebook-Nutzer eine wesentlich geringere Rolle spielen, als sich die Medien wünschen mögen. Die FAZ stellt den katalanischen  Autor Eduardo Mendoza vor, der einige Selbsttäuschungen der Katalanen aufdeckt. Und: Nichts ist laut Sonja Margolina in der NZZ trauriger als Sex in Russland.

Der Fall ist interessant

18.12.2017. Zwei Artikel bei den Ruhrbaronen und beim Perlentaucher erzählen, wie Lamya Kaddor ihre Diskursgegnerin Necla Kelek über Jahre mit einem verfäschten Zitat verfolgte. In der Welt erzählt die Künstlerin Parastou Forouhar,  warum sie im Iran wegen Blasphemie vor Gericht steht. In der taz wenden sich die Genderforscherinnen Mona Motakef und Jana Cattien gegen "aufklärerische Ideale", die ja doch nur "auf kolonialistischen, rassistischen und sexistischen Ausschlüssen" beruhen. Und die New York Times deckt auf, wer das angebliche Leonardo-da-Vinci-Gemälde "Salvator Mundi" tatsächlich gekauft hat.

Genießen und strafen

16.12.2017. In der NZZ beklagt Pascal Bruckner den repressiven Charakter des neuen Feminismus. In der New York Times erklärt die Strafrechtlerin Shanita Hubbard, wie schwarze Frauen in den USA lernen, dass sexuelle Gewalt sekundär ist. In der FR seziert der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi das postfaktische Denken muslimischer Communities. Die taz fürchtet, dass Deutschland in Sachen Antisemitismus keinen Import nötig hat. Außerdem erinnert Eugen Ruge in der taz daran, welch Befreiung es für DDR-Bürger war, Deutsche sein zu dürfen.

Dasselbe Phänomen wie Trump oder der Brexit

15.12.2017. In den USA ist die Netzneutralität abgeschafft worden. Einen Vorgeschmack auf ein Netz ohne Neutralität liefert der Hongkong-Korrepondent der New York Times:  Statt Netz gibt es dort chinesische Mauer. In der NZZ macht sich Herfried Münkler Sorgen über eine Welt ohne Heldenerzählungen. Ganz und gar nicht an Heldengeschichten glaubt Javier Cercas in der SZ.  Die NZZ malt aus, wie ein Gesundheitssystem mit fürsorglicher Überwachung aussehen wird.  In der SZ erzählt der geschasste Museumsdirektor Pawel Machcewicz, wie die Pis-Partei Geschichte frisiert.

Bestimmte Details

14.12.2017. Die #MeToo-Debatte reißt nicht ab. Salma Hayek erhebt in der New York Times Vorwürfe gegen Harvey Weinstein, auch der HipHop-Unternehmer Russell Simmons wird der Vergewaltigung beschuldigt. In der Zeit beschreibt Zeruya Shalev, wie sie bei einer Diskussion mit jungen Palästinenserinnen über die Möglichkeit des Friedens zur Verzweiflung getrieben wurde. Die SZ feiert die Wiederentdeckung des Landes durch den jungen Urbanismus.  Die Debatte über Antisemitismus in Deutschland geht in verschiedenen Medien weiter.

Wir streben nach BMWs und Grundbesitz

13.12.2017. Die SZ interviewt den palästinensischen Autor Ali Qleibo aus Jerusalem, der erklärt, warum die Palästinenser in Jerusalem gar nicht so doll gegen Donald Trumps Anerkennung der Stadt als Hauptstadt Israels protestieren.  Während Jakob Augstein in Spiegel online die Welt dennoch "auf dem Weg der Israelisierung" sieht, fragen andere Medien nach dem Antisemitismus in der  Mehrheitsgesellschaft. Die Welt erklärt, warum der Paragraf 219a so sexistisch ist. Die FAZ kritisiert den Papst, der die Bibel kritisiert. Und niemand, nicht einmal Stockfish, schlägt Alpha Zero in Schach, schon gar kein Mensch..

Dopamin-getriebene Feedback Loops

12.12.2017. Die Politologin Renata Mienkowska ist sich in Zeit online sicher, dass die polnische Regierung mit dem Abbau des Rechtsstaats fortfahren wird. Außerdem fordert sie die Bevölkerung auf, endlich wieder mehr Kinder zu machen, berichtet die taz. Der Politikwissenschaftler Stefan Luft fürchtet in der SZ, das die Flüchtlinge dem Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte schaden. Im Tagesspiegel attackiert Necla Kelek Grüne und Linkspartei beim Thema Integration. In der NZZ sieht Bora Cosic die Oktoberrevolution als Peripetie in einem Zerfallsprozess.

Kontrolle über die Rotation

11.12.2017. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärt Thomas Wagner, Autor des Buchs "Die Angstmacher", was die Neue Rechte ist und wie sie hochkommen konnte. Vier Bundesländer wollen mit einer Bundesratsinitiative den Paragrafen 219a kippen, meldet die taz. Der Guardian hat eine Idee: Lasst und das Rad abschaffen, aber bitte nicht ohne "Übergangsperiode". Netzpolitik fragt, was "Presseähnlichkeit" sein soll.

Auch im größten Stadtgedränge

09.12.2017. Warum hasst die Linke die Minderheiten der Minderheiten, fragt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Die Berliner Zeitung schildert mit nüchternen Zahlen die Realität der Integration in Deutschland. Die Ehrung für Ken Jebsen könnte nach einen Gerichtsurteil nun doch im Berliner Kino Babylon Mitte stattfinden, berichtet die taz. Unterdessen solidarisiert sich Oskar Lafontaine auf Facebook mit dem Verschwörungstheoretiker.  Am 21. Dezember werden die Katalanen mal wieder wählen - und wissen selber nicht, was werden soll, konstatiert die taz.

Karlsruhe sei hyperaktiv

08.12.2017. Warum wird die Europa-Debatte in Deutschland eigentlich von so alten Männern dominiert, fragt das Merkur-Blog. Politico.eu wirft einen Blick auf die protestantische nordirische Partei DUP, einen gefährlichen Bündnispartner der Brexiteers. Über Trumps Jerusalem-Entscheidung wird weiter gestritten. Die NZZ fürchtet, dass Toronto von Google zu einer allzu smarten City gemacht wird. Die SZ schildert, wie der Messenger Telegram.org in Russland genutzt wird, um die Zensur zu umgehen.

Lass mein Knie, Joe

07.12.2017. Der Berliner Kopftuchstreit ist noch nicht ausgestanden: Eine parteiübergreifende Initiative will sich für das Berliner Neutralitätsgesetz einsetzen, berichtet die taz. Und selbst Grüne sind dabei! Es knallt immer heftiger in der Ukraine, erzählt Andrej Kurkow in der Welt und hofft doch, dass das Land mit der Korruption fertig wird. Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa sind die öffentlich-rechtlichen Sender unter Druck, konstatiert die Zeit. Und die SZ macht sich Hoffnungen, dass das Urheberrecht für audiovisuelle Inhalte in Europa doch noch liberalisiert wird.

Na, so zwischen sieben und vielleicht zwölf

06.12.2017. In der Welt analysieren Anne Appplebaum und Peter Pomeranzew russische Einflussnahme auf deutsche Politik. Die Sopranistin Edda Moser erinnert sich in der Welt, wie James Levine stets mit einem Tross von Jungen umgeben war. Die New York Times nimmt "Weinstein's Complicity Machine" auseinander. Das Metropolitan Museum hängt laut hyperallergic.com seinen Balthus nicht ab. Und endlich finden sittsam gekleidete Frauen auch ein passendes Emoji by Apple und Android, freut sich Netzpolitik.

Als nicht relevant weggewischt

05.12.2017. Am vorletzten Tag ihrer Laufzeit erregt die Ausstellung "Märtyrermuseum" im Kunstquartier Bethanien Aufsehen: Die französische Botschaft hat protestiert, weil ein Bataclan-Attentäter als Märtyrer dargestellt wird. Selbst der Guardian berichtet. Vulture.com fragt sich, ob die Met den Sturz James Levines, mit dem sie sozusagen identisch war, überleben kann. Auch in Europa war Levine lange aktiv und mächtig, so die Welt - warum also bisher so wenig Aufsehen hier? Und der Guardian titelt: "Die 'Hard Brexiters' mussten gerade feststellen, dass Britannien schwächer ist als Irland."

Verwundbarkeitsparadox

04.12.2017. Mit unserer Technikphobie und dem neuen Kult der Wurzeln sind wir auf dem Weg zurück ins 17. Jahrhundert, diagnostiziert in der NZZ der Historiker Volker Reinhardt. Mehr Effizienz und weniger "Herumreiten auf 'demokratisch' genannten Verfahren" im Westen fordert der Politikwissenschaftler Parag Kkanna in der FR. Mehr Moderne und weniger Schloss im Innern des Humboldt-Forums fordert Viola König, bis vor kurzem Direktorin des Ethnologischen Museums in Dahlem, in der Berliner Zeitung. Weniger Spaß an Überwachungstechniken wünscht sich die SZ.

Jeder so seine eigene Wahrheit

02.12.2017. Der senegalesische Historiker Tidiane N'Diaye macht in Le Point Afrique arabischen Rassismus und westliche Gleichgültigkeit verantwortlich für den Sklavenhandel in Libyen. In der taz warnt der Bürgerjournalist Abdalaziz Alhamza: Nach dem Abzug des IS aus Raqqa terrorisiert die kurdische SDF die syrische Bevölkerung. In der NZZ erklärt der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski, warum Aufarbeitung in Russland etwas anderes ist als in Deutschland. Und der Philosoph Thomas Metzinger entwirft eine künstliche Superintelligenz, die uns von allem Leiden erlöst. Auf Zeit online wirbt die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig für den Erhalt der Wahrheit.

Plötzlich war nicht mehr Russland der größte Feind

01.12.2017. Auf Zeit online erklärt die polnische Journalistin Izabela Szuman, wie der Flugzeugabsturz von Smolensk und die nachfolgenden Proteste, die Spaltung in Polen entscheidend vertiefte. Die FR feiert Philipp Ruchs Mahnmal für Björn Höcke als "geradezu intime Schenkung". Die Deutschen mögen den Islam nicht, weil sie leider Gottes selbst nicht mehr religiös sind, fürchtet der Tagesspiegel.  Die SZ erklärt, warum Viktor Orban in Budapest einen teuren Museumspark bauen lässt.