9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2021 - Kulturpolitik

In der nigerianischen Hauptstadt Abuja haben Deutschland und Nigeria eine Absichtserklärung unterzeichnet, die die Rückgabe von mehr als tausend aus dem ehemaligen Königreich Benin geraubte Bronzen 2022 an Nigeria vorsehen könnte, melden unter anderem Standard, Zeit Online und NZZ. "Zudem gebe es eine Übereinstimmung mit allen nigerianischen Seiten, dass alle daran interessiert seien, dass weiterhin Objekte in Deutschland gezeigt werden. 'Das war auch ein nigerianischer Wunsch'," sagte der der für die Kulturpolitik des Auswärtigen Amtes zuständige Abteilungsleiter Andreas Görgen, ergänzt Zeit Online.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2021 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel stellt Nicola Kuhn das mit 1,2 Millionen Euro durch die Ernst von Siemens-Stiftung finanzierte Projekt "Digital Benin" vor, für das 18 ExpertInnen aus Deutschland und Nigeria, Europa und den USA daran gearbeitet haben, die auf der ganzen Welt verteilten Benin-Bronzen digital zusammenzutragen.
Stichwörter: Benin-Bronzen, Nigeria

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2021 - Kulturpolitik

Hertha Karasek-Strzygowski, Jungbäuerin aus Münnichwies, Slowakei, um 1940, Wien Museum, Foto: Paul Bauer © Wien Museum


Was macht man mit Kunst aus der NS-Zeit? Im Museumskeller lassen? Ausstellen? Für die Kuratorinnen Ingrid Holzschuh und Sabine Plakolm-Forsthuber ist der Fall klar: Ausstellen, aber den Kontext aufzeigen, erklärt Cathrin Kahlweit, die sich für die SZ die von den beiden kuratierte Ausstellung "Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien" im Wien-Museum angesehen hat und mit dem Ergebnis durchaus zufrieden ist. Die beiden Forscherinnen haben sich entschieden, "die Gemälde, Grafiken und Gegenstände so zu zeigen, wie sie im Depot des Museums verwahrt, archiviert oder restauriert werden, um sie ästhetisch zu brechen: auf Staffeleien, an Metallhaken, in Verpackungen, in Atelierumgebung. ... Forscherin und Ausstellungsmacherin Sabine Holzschuh findet, man müsse diese Kunst, mit allen Brechungen, schon deswegen zeigen, weil die NS-Zeit in den meisten Darstellungen zur Kunstgeschichte in Österreich im 20. Jahrhundert weitgehend ausgeblendet werde. Zahlreiche Künstler, die in der NS-Zeit hoch angesehen waren und dem Regime begeistert zuarbeiteten, waren zudem auch nach Kriegsende gut dotierte und gut beschäftige Stars der Kunstszene in Österreich. In der Ausstellung sind sie in ihren fragwürdigeren Rollen zu sehen."
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Stichwörter: NS-Kunst

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2021 - Kulturpolitik

Claudius Seidl begeht für die FAZ nochmal die Replik des Berliner Stadtschlosses, heute bekanntlich unter anderem ein ethnologisches Museum mit Exponaten umstrittener Provenienz, und er kann sich des Verdachts nicht erwehren, "dass eine der fremdesten und am wenigsten verstandenen Herkunftskulturen hier die des preußischen Barocks ist, jene Gesellschaft also, deren Herrscher um das Jahr 1700 herum über genügend Macht und Reichtum verfügten, diesen riesigen Kasten in die noch relativ kleine kurfürstliche Residenzstadt zu stellen, raumgreifend zwischen Spree und Kupfergraben, wo vorher nur ein Renaissanceschloss von moderater Größe stand."
Stichwörter: Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2021 - Kulturpolitik

In München soll die alte Synonage am Gärtnerplatz restauriert werden, in der SZ schüttelt Nils Minkmar den Kopf angesichts der Umständlichkeit, mit der die Behörden auf das Ansinnen der prominenten jüdischen Initiatoren reagieren: "Die Kosten von zehn Millionen Euro sind für solch ein hochsymbolisches Vorhaben in einem reichen Land und einer sogar steinreichen Stadt eigentlich überwindbar. Aber die Ämter und Abteilungen, mit denen Rachel Salamander und Ron Jakubowicz zu tun hatten, erwiesen sich als unterbesetzt, überfordert und immer wieder schlicht planlos. Der Denkmalschutz etwa war darauf eingerichtet, den Bau wieder in den Zustand von 1947 zu versetzen. Das war aber die unmittelbare Nachkriegszeit, als man die Räume für jüdische amerikanische Soldaten und displaced persons aus dem Osten irgendwie notdürftig hergerichtet hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2021 - Kulturpolitik

Morgen eröffnet die Isarphilharmonie, ursprünglich nur ein Ersatzort für den Gasteig, der renoviert wird. Aber die Stadt München lässt sich nicht lumpen. Zumal der Freistaaat Bayern ja auch noch ein Konzerthaus baut, im Werksviertel am Ostbahnhof. Hannes Hintermeier ist in der FAZ von all dieser Großzügigkeit begeistert, gibt aber zu bedenken: "Auch in München wächst das junge Publikum nicht automatisch nach, und wenn, bindet es sich nicht leicht mit Abonnements an bestimmte Häuser."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2021 - Kulturpolitik

Das Oral-History-Projekt "Archiv der Flucht" im HKW bündelt Fluchterfahrungen nicht nur der jüngsten Zeit in vielen Formaten. Das Thema sei bisher kaum bearbeitet worden, sagen die Kuratorinnen Carolin Emcke und der Wissenschaftlerin Manuela Bojadžijev im Gespräch mit Hanno Hauenstein von der Berliner Zeitung. Über mangelnde Unterstützung können sie sich laut Emcke jedoch nicht beklagen: "Es ist einfach so ein gigantomanisches Projekt! Wir haben fünf Jahre daran gearbeitet. Es hat irrsinnig viel Geld gekostet, wir sind unterstützt worden von der Kulturstiftung des Bundes, von der Bundeszentrale für Politische Bildung und eben vom HKW. Das war nötig fürs Filmemachen, Schneiden, dafür eine Website zu bauen, Transkripte in verschiedene Sprachen zu übersetzen. Dafür braucht es einfach eine große Institution."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2021 - Kulturpolitik

Auch als "Zeichen gegen die Geschichtsvergessenheit" in den Niederlanden begrüßt Thomas Kirchner in der SZ das jetzt eröffnete, von Daniel Libeskind im ehemaligen jüdischen Viertel Amsterdams gestaltete "Nationale Holocaust Namenmonument". Realisiert hat es der Überlebende Jacques Grishaver, gegen alle Widerstände, Anwohnerproteste, Brandbriefe und Klagen. Aber: "Grishaver gewann. Mit angeblich nicht nur lauteren Mitteln, wie zu lesen ist. Wie ein 'Straßenkämpfer' habe er agiert, allzu schnell die Antisemitismus-Keule geschwungen, solche Dinge. Freunde habe er sich jedenfalls keine gemacht mit seinem brachialen Vorgehen, heißt es von vielen Seiten. Aber eben auch, dass es ohne ihn wohl nicht zu diesem Mahnmal an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt gekommen wäre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2021 - Kulturpolitik

"Die deutsche Kulturpolitik muss sich neu erfinden", fordert Nils Minkmar in der SZ, etwa indem sie europäischer wird: "Deutsche Kulturpolitik kann nicht in und für Berlin gemacht werden. Berlin ist am Ende eine große deutsche Stadt unter vielen, in der halt nur besonders viele Journalisten wohnen. Sie sollte sich noch nicht einmal auf die anderen europäischen Hauptstädte fokussieren, sondern die Partnerschaft mit den Akteuren in den Regionen suchen. Eine kostenlose europäische Streamingplattform für öffentlich geförderte Serien-und Spielfilmproduktionen könnte die Schwäche des europäischen Austauschs auf dem Film- und Kinosektor kompensieren und Neues inspirieren."

Außerdem: Die Zeit bringt die Rede Chimamanda Ngozi Adichies zur Eröffnung des Humboldt-Forums, die fordert Kolonialkunst zurückzugeben. Ebenfalls in der Zeit schreibt Tobias Timm zur Vergrößerung des Kunsthauses Zürich, wo Werke mit umstrittener Provenienz gezeigt würden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2021 - Kulturpolitik

Vor achtzig Jahren begann mit dem Massaker von Babi Jar bei Kiew (heute meist Babyn Jar geschrieben) der Holocaust. Über 30.000 Juden wurden in einigen Tagen von den Deutschen und Helfern erschossen und verscharrt. Später fanden weitere Massaker statt. Es gibt eine wenig auffällige, von Artur Solotarenko geleitete Gedenkstätte des Nationalen Historischen Memorial-Komplexes Babyn Jar, berichtet Bernhard Clasen in der taz. Und es gibt ein äußerst umstrittenes Konkurrenzprojekt von zwei Oligarchen: "Nach Angaben des Portals lb.ua haben die Oligarchen 100 Millionen Dollar für das Babyn Yar Holocaust Memorial Center zur Verfügung gestellt. 'In Russland kann man als Oligarch nur überleben, wenn man sich gut mit der Regierung und Putin stellt', sagt Solotarenko. Und in der Tat gehören German Chan und Michail Fridman vom russischen Unternehmen Alpha Group zu den Großen unter den russischen Oligarchen." Umstritten ist das Projekt auch, weil es von dem Filmregisseur Ilya Khrzhanovsky (in der taz Chrschanowski geschrieben) konzipiert werden soll, dessen "Dau"-Projekt wegen angeblich realer Folter-und Sexszenen ins Gespräch kam (mehr hier): "Als Chrschanowskis Pläne für das Babyn Yar Holocaust Memorial Center bekannt wurden, kündigten zwei Mitarbeiter ihre Teilnahme am Projekt: der als leitender Kurator der Ausstellung engagierte österreichische Kunsthistoriker und Museumsplaner Dieter Bogner und der niederländische Historiker Karel C. Berkhoff. Chrschanowskis Konzept sah vor, BesucherInnen durch interaktive Elemente in die Rolle von Opfern, von Kollaborateuren, Deutschen oder Kriegsgefangenen zu versetzen." In der Jüdischen Allgemeinen berichtet Denis Trubetskoy zum Streit.

Zum "Babyn Yar Holocaust Memorial Center" der Oligarchen gehört auch eine Synagoge auf dem Gebiet, zu der die SZ gestern ein Interview mit dem Architekten Manuel Herz führte (unser Resümee).