9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2026 - Kulturpolitik

"Keine Staatsknete für Verfassungsfeinde, aber auch keine Haber-Anfragen mehr!", ruft Ijoma Mangold bei Zeit Online angesichts neuer Diskussionen um Wolfram Weimers umstrittene Entscheidung, drei linke Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis auszuschließen (unsere Resümees). t-online.de hatte Akteneinsicht in Weimers Behörde verlangt und Weimer daraufhin vorgeworfen, die Vorgänge nicht wahrheitsgemäß beschrieben zu haben, resümiert Mangold. Es ist kompliziert, denn der ganze Vorgang wird aus "Geheimhaltungsgründen" nicht offengelegt. Eigentlich skandalös findet Mangold, aber die "sogenannte Haber-Anfrage. Sie führt nämlich buchstäblich in kafkaeske Zustände. Denn durch sie wird über Personen und Organisationen ein Verdacht ausgesprochen, gegen den sich die Betroffenen weder wehren noch verteidigen können, denn sie erfahren überhaupt nicht, was genau ihnen zur Last gelegt wird. Rechtsmittel sind nicht vorgesehen. Es ist buchstäblich wie in Franz Kafkas berühmtem Roman 'Der Process' (...) Der Verfassungsschutz, also die politische Polizei, ist eine sehr deutsche Behörde, die es so in anderen Ländern nicht gibt. Als nachgeordnete Behörde handelt sie nach politischen Vorgaben der Innenministerien in einem Raum der Intransparenz. Einmal angenommen, der Verdacht auf linksextremistische Umtriebe wäre zutreffend, wäre es für die verdächtigten Buchhandlungen gar nicht leicht, wieder zurück auf den Boden des Grundgesetzes zu kehren, weil sie ja nicht einmal wissen, was ihnen die Ehre, durch den Verfassungsschutz beobachtet zu werden, eingebracht hat." Im Tagesspiegel resümiert Gerrit Bartels die Entwicklungen, in der FAZ schreibt Patrick Bahners.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2026 - Kulturpolitik

In der FAZ antwortet der Bonner Ethnologe Christoph Antweiler auf den Kölner Ethnologen Martin Zillinger, der Kritikern von Nanette Snoep, der Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln, vorgeworfen hatte, sie interessierten sich nur für die "weiße Museumsbesucherin jenseits der 50" und würden damit der AfD in die Hände spielen (unser Resümee): "Wo ich hier Einseitigkeit bemängele, sollten auch meine Einwände nicht einseitig sein. Nanette Snoep gebührt das Verdienst, die koloniale Seite der Ethnologie im Museum auf die Tagesordnung gesetzt zu haben - und zwar dauerhaft. Koloniale Geschichte, Provenienz und Restitution sind wichtige Themen, und es ist gut, dass die Ethnologie und ihre Museen das nicht mehr loswerden. Etwas ganz anderes ist es aber, die Ethnologie auf ihre Geschichte zu reduzieren, diese dann auch noch auf koloniale Verstrickung zu verengen und dabei simple Täter- und Opferschemata anzusetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2026 - Kulturpolitik

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer trifft in Sachen Erinnerungsort zum Kolonialismus, der schon länger im Gespräch ist (unsere Resümees), mal wieder eine einsame Entscheidung, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. Der Erinnerungsort soll in Bremen eingerichtet werden. "Bremen war mit Bremerhaven neben Hamburg die wichtigste Drehscheibe der deutschen Kolonialwirtschaft", dort hielt Wilhelm II. auch seine "Hunnenrede". Die im Artikel zitierte kulturpolitische Sprecherin der Bundestags-Grünen Awet Tesfaiesus zeigt sich wenig begeistert, Berlin wäre für sie naheliegender gewesen. "Tesfaiesus stört sich aber auch am Vorgehen Weimers: Noch im Juli hatte die Bundesregierung erklärt, sie arbeite bei der Entwicklung des Gedenkorts und des Gedenkkonzepts zum Kolonialismus mit 'betroffenen Staaten und Gesellschaften' und 'zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren' zusammen. Ziel sei eine 'breite gesellschaftliche Auseinandersetzung'. Nichts davon habe stattgefunden, berichten Beteiligte. 'Das wurde zwischen zwei Büros in Berlin und Bremen entschieden, ohne dass die Communities beteiligt waren', sagt Tesfaiesus." Das erinnere sie "ein bisschen an die Kongokonferenz" und sei "an Arroganz nicht zu überbieten."

Weiteres: Im Welt-Interview mit Marcus Woeller spricht Manon Bursian, Stiftungsdirektorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, über den Einfluss, den die AfD nach der Wahl auf kulturelle Institutionen ausüben könnte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2026 - Kulturpolitik

"Wer ein Freund der russischen Kultur sein will, der kann kein Freund des russischen Staates sein", ruft der in Russland geborene Schriftsteller Alexander Estis bei Zeit Online allen zu, die die Schließung des Russischen Hauses in Berlin kritisieren. In der Geschichte Russlands nämlich "ist so gut wie alles Herausragende schon immer nicht dank, nicht mit und nicht für den Staat entstanden, sondern im Widerstreit mit dem Staat. Tolstoi, Gogol, Nekrassow, Leskow und Tschechow wurden zensiert. Puschkin und Lermontow wurden zensiert und verbannt. Saltykow-Schtschedrin ebenfalls. Turgenew zensiert und verhaftet. Dostojewski zensiert, zum Tod verurteilt, dann begnadigt und zur Zwangsarbeit nach Sibirien überstellt. Mandelstam ebenso verhaftet, verbannt, ins Lager geschickt und dem Tod überlassen. Achmatowa mundtot gemacht... Die Liste ließe sich nicht nur beliebig erweitern, sondern auch Putinrussland erweitert sie beinah täglich - um Namen wie Anna Politkowskaja, Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina, Pjotr Pawlenski, Kirill Serebrennikow, Dmitri Gluchowski, Boris Akunin (mit Klarnamen Grigori Tschchartischwili) ... und viele andere mehr. Literatur, Kunst, Musik erfahren heute eine absurdere Zensur als jemals zuvor; ihre Schöpfer werden verhaftet, verurteilt, zum Verstummen gebracht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2026 - Kulturpolitik

Den Angestellten der Goethe-Institute überall in der Welt geht es gut, und sie haben einen tollen Job. Künstler, die eingeladen werden, sollen sich geehrt fühlen, finden sie. Aber auch honoriert? Die Schriftstellerin Nora Bossong protestiert in der FAZ: "Kürzlich wurden mir für rund dreißig Stunden Arbeitsaufwand 250 Euro angeboten. Das sind 8,33 Euro pro Stunde, sechzig Prozent des Mindestlohns. Natürlich, als Freiberuflerin trage ich meine ökonomischen Risiken, niemand hat mich dazu gezwungen, diesen seltsamen Beruf zu ergreifen. Aber bei einer Dienstleistung, für die ich angefragt werde, erstaunen mich solche Angebote dann doch. Ein Lieferando-Fahrer erhält knapp das Doppelte, plus Trinkgeld, und auch bei ihm würde ich nicht von fairer Bezahlung sprechen. Das Goethe-Institut unterschreitet so großzügig selbst die Entlohnungen prekärster Jobs, dass ich mich frage, ob die Bezahlung von Autorinnen auch der Wertschätzung entspricht, die eine der prestigeträchtigsten deutschen Kultureinrichtungen der Kultur entgegenbringt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2026 - Kulturpolitik

Frauke Steffens beobachtet in der FAZ, mit welcher Intensität Donald Trump das Washingtoner Kennedy-Center kapern will - aber auch welche Widerstände ihm entgegengesetzt werden. Sein Zugriff auf die Institution ist für sie charakteristisch: "Alte Konservative gingen noch von regelmäßigen Machtwechseln durch Wahlen aus, deswegen schützten sie die Institutionen; Vordenker der neuen Rechten ... erklärten das für unzureichend. Restauration muss in dem Sinne Zerstörung heißen, wenn der Gegner die Institutionen angeblich fest im Griff hat. Ausgeprägt waren solche Ideen in Elon Musks DOGE-Projekt. Behörden umzubauen und einen ganzen Apparat von innen zu zerstören, ist allerdings wesentlich langwieriger und mit größerem Widerstand verbunden als die Übernahme und 'Restauration' eines kulturellen Prestigeobjekts."
Stichwörter: Kennedy Center

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2026 - Kulturpolitik

Im Wirtschaftsteil der FAS gibt Ralph Bollmann einen Überblick über die Sanierungen deutscher Bühnen und Opernhäuser, die häufig genug an den Kosten zu scheitern drohen - erst jüngst wurde die Sanierung der Stuttgarter Staatsoper wegen geschätzter Kosten von zwei Milliarden Euro in Frage gestellt. Bauen war zwar schon immer teuer, so Bollmann: Aber "Bauinvestitionen waren einmalige Ausgaben, also leicht zu verschmerzen im Vergleich zu den Summen, die der laufende Betrieb gerade in der Oper jedes Jahr aufs Neue verschlingt. Angesichts der Beträge, die heute im Raum stehen, geht das Kalkül allerdings nicht mehr auf. Ungefähr 3,2 Milliarden Euro im Jahr zahlt die öffentliche Hand dafür, dass Sänger und Schauspieler, Techniker und Orchestermusiker ihr Gehalt aufs Konto bekommen. Von den zwei Milliarden Euro, die für manche Theatersanierung veranschlagt sind, ließe sich zu einem guten Teil der Betrieb aller 136 öffentlichen Theater in Deutschland ein ganzes Jahr lang bezahlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2026 - Kulturpolitik

Kulturpolitisch hat Donald Trump kein Glück. Nun ist das "John F. Kennedy Center for the Performing Arts" in Washington angeblich aus Sicherheitsgründen geschlossen worden. Eigentlich wollte er es in "Donald J. Trump Center" umbenennen lassen und hatte eigene Leute dort in der Führung installiert. Jetzt ist offenbar erstmal ganz tote Hose, berichtet Julian Weber in der taz: "Die Liste von Künstlern und Institutionen, die inzwischen ihre Unterstützung für das Kennedy-Kulturzentrum eingestellt haben und dort nicht mehr ausstellen, Gastspiele abhalten oder Werke zur Ur-Aufführung bringen, ist lang: Die National Opera Washington, der Komponist Philip Glass, die Sopranistin Renée Fleming, Country-Superstar Rhiannon Giddens, die Martha-Graham-Ballett-Compagnie..." Und dann sind auch noch "Ticketverkauf und Spenden für das Kennedy Center radikal eingebrochen sind, seit Trump und seine Leute dort das Zepter schwingen und wahllos gestiftete Kunstwerke entfernen lassen."

Ob das Haus wirklich geschlossen werden musste, ist allerdings fraglich, meint Susanna Petrin in der NZZ. Vielleicht hofft Trump, so doch noch seinen Willen durchzusetzen: "Es sieht immer schlechter aus für das Kennedy Center. Trump und seine Anwälte drohten jüngst mit dem Abriss: Ohne Sanierung werde das Gebäude weiter verfallen, bis es schließlich nicht mehr von ihm zu retten sein werde. Er verlange einzig etwas mehr Dankbarkeit für seine guten Dienste." In der SZ berichtet Peter Burghardt.

Eine Gruppe von drei Wissenschaftlern hat die Bundesregierung aufgerufen, ihre Eigentumsansprüche an hunderttausenden kostbaren alten Büchern und Handschriften - darunter Originalpartituren von Bach, Beethoven und Mozart - aufzugeben. Die Bücher waren im Zweiten Weltkrieg zum Schutz aus Berlin nach Schlesien ausgelagert worden und fielen dann bei Kriegsende den Polen quasi zufällig in die Hände, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ. "Sie argumentieren, dass die Schätze - anders als die von den Sowjets in Deutschland geplünderten Kulturgüter - von den Polen nicht geraubt wurden, sondern dem Land 'ohne polnisches Zutun' durch die neu gezogenen Grenzen zufielen. Außerdem verpflichte der Vernichtungskrieg Deutschlands gegen Polen 'uns Nachfahren zu fortwährender Verantwortung für eine Versöhnung'." Die Bücher waren "in Polen lange regelrecht versteckt" worden, "wohl aus Sorge, Deutschland könne Rückgabeforderungen erheben".
Stichwörter: Kennedy Center

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2026 - Kulturpolitik

Von einem bizarren Streit um das Kennedy Center in Washington berichtet Frauke Steffens in der FAZ: Das Kulturzentrum muss dringend renoviert werden, Donald Trump verweigert jedoch jede finanzielle Hilfe, solange sein Name nicht an dem Bau steht - was Bundesrichter Christopher Cooper jetzt bereits zwei Mal verboten hat: "Das Kennedy Center sei vom Kongress als Denkmal für den ermordeten Präsidenten John F. Kennedy geschaffen worden. 'Einfach gesagt: Die Beklagten dürfen ohne Zustimmung des Kongresses am Kennedy Center keine Denkmäler für Präsident Trump oder irgendjemanden oder irgendetwas anderes errichten', schrieb Cooper." Die finanzielle Krise des Kulturzentrums "ist auch eine Folge von Trumps Eingriffen. Seit der Präsident nach seinem Amtsantritt das Kuratorium umgebaut hatte und sich zum Vorsitzenden wählen ließ, haben zahlreiche Künstler und Produktionen Auftritte abgesagt, darunter die Macher des Musicals 'Hamilton'. Gleichzeitig gingen Spenden und Ticketverkäufe zurück. Für das laufende Geschäftsjahr wurden zuletzt Einnahmen von 124 Millionen Dollar prognostiziert; ursprünglich waren 220 Millionen veranschlagt."

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Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller hat gerade das Buch "Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume" veröffentlicht. Noch bevor Trump die Schließung des Kennedy Centers beschlossen hat, erklärt er auf den politischen Seiten der Zeit dessen Baupolitik, die ganz seinem Regierungsstil entspreche: "Man macht einfach mal irgendwas, auch wenn es illegal ist; man tut so, als gäbe es Institutionen wie den Kongress gar nicht. Fakten werden geschaffen - der bei vielen Amerikanern sehr beliebte East Wing, der dem Ballsaal weichen musste, war über Nacht nur noch Bauschutt. Und dann, so die Erwartung der Trumpisten, werden sich alle schon irgendwie arrangieren (dieser Logik folgten auch die Angriffe auf Universitäten und große Anwaltskanzleien). Was folgt, ist hochideologisch, aber häufig auch bloß schlampig: Das Spiegelbecken hat bis heute kein Wasser, weil das 'American Flag Blue' falsch aufgetragen wurde und immer wieder abplatzt. Konsequent angewandt wird hingegen eine Art 'Faschismus trifft Franchising'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2026 - Kulturpolitik

Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir will die schon x-mal beratene und beschlossene Sanierung der Stuttgarter Oper neu überdenken. In der SZ stöhnt Gerd Matzig laut auf: Klar kann er das verstehen, bei inzwischen 2 bis 3 Milliarden geschätzten Baukosten. Andererseits: "In Stuttgart denkt man seit 27 Jahren über die Sanierung des weltweit größten Dreispartenhauses, vollendet 1912, nach. Nachzulesen ist das in den Gemeinderatsunterlagen mit dem 'Richtungsbeschluss' von 1999. Damals war die Frage Sanierung vs. Neubau einigermaßen obsolet. Die Sanierung wäre im Vergleich zu heute ein Schnäppchen gewesen. Eine reine Instandhaltungsmaßnahme wurde seinerzeit mit 18 Millionen Euro beziffert, umgerechnet, es waren noch D-Mark-Zeiten. ... Heute, und jetzt wird aus schwäbischer Vernunft (und wer an dieser Transformation eher nicht schuld ist, ist Özdemir) der Wahnsinn fiebriger Baukosten, hat die 1999 beschlossene Generalsanierung noch immer nicht begonnen. Seit bald 30 Jahren. Genau deshalb werden die Experten letztlich nur dies sagen können: Wenn wir noch länger warten, wird die Sanierung noch teurer. Das Perfide daran: Das gilt auch für einen möglichen Neubau. Denn am Bau ist Zeit Geld."
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