9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2018 - Kulturpolitik

Belgien und Frankreich haben mit so etwas gar kein Problem, sagt im SZ-Gespräch mit Jörg Häntzschel Henrik Hanstein, Geschäftsführer des Auktionshauses Lempertz, das in seiner Brüsseler Dependance aktuell Kolonialkunst, darunter einen Schrumpfkopf, anbietet. Auch von dem neuen Leitfaden des Museumsbundes zum Umgang mit Objekten aus der Kolonialzeit hält er nicht viel: "Da kannst du dich erschießen, das ist Schwachsinn. Ich habe Direktoren von Völkerkundemuseen in Berlin und in Köln angerufen und gefragt: Was sagt ihr dazu? Die meinten, das sind durchgeknallte links-grüne Weltverbesserer, die das geschrieben haben. Das ist völlig unrealistisch. 99 Prozent der Bestände in den Museen haben keinen Herkunftsnachweis."
Stichwörter: Kolonialkunst

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2018 - Kulturpolitik

In einem epischen Interview mit dem Tagesspiegel verkünden Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ihre Pläne fürs Humboldt Forum.
Stichwörter: Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2018 - Kulturpolitik

Niemand will die westlichen Museen leeren, sagt die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die gerade für Emmanuel Macron überprüft, wie koloniale Raubkunst restitutiert werden kann, im Interview mit der NZZ. Aber eine gerechtere Verteilung der Kunstschätze - und zwar unabhängig davon, ob sie formal rechtmäßig erworben wurden - muss es geben: "95 Prozent des Kulturerbes Afrikas befinden sich außerhalb von Afrika. Wenn also in Städten wie Bamako, Dakar oder Cotonou nichts zu sehen ist, ist es eine Frage der Fairness, dass etwas zurückgegeben wird. Die Jugend dort muss mit ihrem Kulturerbe in Kontakt treten dürfen. ... Nicht einmal im Internet sind die afrikanischen Sammlungen der europäischen Museen gut zugänglich. Und wenn afrikanische Kolleginnen und Kollegen Abbildungen von afrikanischen Kulturschätzen in unseren Museen für Publikationen benutzen wollen, müssen sie horrende Bildrechte bezahlen. Das ist doch nicht normal."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2018 - Kulturpolitik

Die Bundesregierung betont zwar immer wieder gern, sie wolle die Verbrechen der Kolonialära aufarbeiten, aber den Worten folgen keine Taten, vor allem nicht bei der Rückgabe geraubter Kunstwerke, kritisiert im Interview mit der SZ der Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck. Das Argument, rechtlich sei das unmöglich, zieht bei ihm nicht: Bei Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit müsse das Zivilrecht zurückstehen, meint er. "Kolonialismus bedeutet nicht nur Krieg und gewaltsame Unterwerfung, sondern auch staatlich organisierter Raub. Jegliches Recht, selbst das Minimum an Schutzstandards, das damals schon galt, wurde dafür außer Kraft gesetzt. Man ermordete die indigenen Gemeinschaften und raubte ihr Land, ihre Wertsachen, ihre Kultobjekte und Kulturschätze. Und heute sagt man, nachdem damals eine Friedhofsruhe geschaffen wurde, dass auf diesem Friedhof das Zivilrecht für normale Zeiten gilt. Jedem muss doch auffallen, dass das so nicht geht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2018 - Kulturpolitik

Nach langer Renovierung und Neukonzeption eröffnet demnächst das Afrikamuseum in Brüssel wieder, das einst gebaut wurde, um die besonders blutige Kolonialpolitik des Königs Leopold II. zu feiern und die Belgier günstig zu stimmen, um die Schulden des Königs zu übernehmen, der seine Kolonie zuerst als Privatunternehmen betrieb. Esther King besucht das Museum für politico.eu, schildert die Auseinandersetzungen um die Konzeption und die Kritik von Migrantenverbänden, spricht mit dem Chef Guido Gryseels über die selbstkritische Konzeption des Hauses. Auch der Autor Adam Hochschild kommt zu Wort: "Um die Machtdynamik einer großen öffentlichen Institution zu verändern, die zu gut achtzig Prozent von der Regierung subventioniert wird, 'braucht man eine Lobby', sagt Hochschild, Autor von 'King Leopold's Ghost', einer Geschichte der belgischen Besetzung des Kongo. 'Geschichtsmuseen spiegeln diese Machtdynamik in ihrer Gesellschaft mehr wider als irgendetwas sonst. Kein Land macht einen wirklich guten Job im Umgang mit schwierigen Perioden seiner Vergangenheit, wenn es nicht wirklich dazu getrieben wird.'"

Nur ein Saal ist der Zeit der Sklaverei, den Morden und Plünderungen, den kolonialen Jahrzehnten bis zur Phase nach der Unabhängigkeit 1960 gewidmet, ansonsten wird der Blick eher auf das zeitgenössische Afrika gerichtet, berichtet in der SZ indes Thomas Kirchner, der mit Gryseels gesprochen hat: "Das Thema ist weiterhin heikel in Belgien, fast jede Familie hat ein Mitglied, das direkt oder indirekt mit dem Kongo zu tun hatte. Jenen, die der belgischen Herrschaft nachtrauern und sich jegliche Kritik verbitten, versucht er zu erklären, warum der Kolonialismus ein 'unmoralisches Herrschaftssystem' sei. 'Wer sind wir denn, ein Land militärisch zu besetzen, seine Bürger in Weiß und Schwarz zu teilen und alle Profite nach Hause zu tragen?' Um die Alt-Kolonialisten zu beschwichtigen, fügt er hinzu: 'Das heißt nicht, dass viele einzelne Menschen dort nicht auch Gutes getan haben, die Ärzte zum Beispiel, die Leute heilten und Kinder impften.'"

Es gibt jene Museen, die im Umgang mit Kolonialkunst mit den Nachfahren der ehemaligen Herkunftsgesellschaften kooperieren - und jene, die Kultur als Ressource verstehen, über die frei verfügt und die parodiert und inszeniert werden könne, schreibt die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin in der NZZ. Warum sind sakrale Namen und Handwerkstechniken indigener Völker nicht geschützt?, fragt sie weiter: "Indigene Völker versuchen dagegen, ihre Kultur vor dem Zugriff besitzergreifender Fremder zu schützen, weil sie Kultur als einen wichtigen Teil ihrer eigenen Identität verstehen. Kulturelles Erbe ist für viele indigene Völker eine Möglichkeit der Selbstfindung, nachdem sie jahrzehnte- oder jahrhundertelanger Fremdbestimmung unterworfen waren. Auch wehren sie sich gegen globale Vereinnahmungen ihres traditionellen Wissens, das ebenfalls als frei flottierende Ressource behandelt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2018 - Kulturpolitik

Auf Kuba formiert sich Protest gegen das im Juli erlassene "Gesetz 349", wonach alle künstlerischen Aktivitäten offiziell bewilligt werden müssen und nur von solchen Künstlern ausgeübt werden dürfen, die in einer staatlichen Kultureinrichtung registriert sind, berichtet Knut Henkel in der NZZ: "Inspektoren des Kulturministeriums sollen zukünftig Handhaben für die Kontrolle von Studios, Galerien, Ateliers und anderen Kulturorten haben. Für unabhängige Künstler wie David Escalona oder Amaury Pacheco ein bedrohliches Szenario. Beide sind Mitglieder des Künstlerkollektivs Omni Zona Franca und gehören keiner offiziellen Kultureinrichtung an; das bedeutet, dass sie zukünftig schwerlich eine Auftrittsgenehmigung erhalten werden, zudem organisieren sie Kulturevents auch in den eigenen vier Wänden. Mit dem Gesetz 349 droht ihnen ein Leben in der Illegalität."
Stichwörter: Gesetz 349

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2018 - Kulturpolitik

Juristisch bestehen keine Ansprüche auf Rückgabe kolonialer Kulturgüter, schreibt der Völkerrechtler Richard Dören in der FAZ:  "Das heißt jedoch nicht, dass nicht neue Regeln für den Fall geschaffen werden können, dass der deutsche Staat die Übernahme historischer Verantwortung für die in seinen Besitz gelangten Kulturgüter aus Kolonialgebieten als Staatsaufgabe definieren möchte. Tatsächlich könnte ein Parlamentsgesetz festlegen, in welchen Fällen und auf welche Weise Objekte restituiert werden. Die Reichweite des Gesetzes hinge davon ab, welche Objekte der Gesetzgeber in den Anwendungsbereich einschließt. Fallgruppen wären aufzuzählen, in denen eine Rückgabe angezeigt ist. Ebenso wären Kategorien von Empfangsberechtigten zu unterscheiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2018 - Kulturpolitik

In der SZ plädiert der Berliner Architekt Christian Schöningh dafür, das Grundeigentum abzuschaffen. Das würde Probleme wie Zersiedelung, hässliche Architektur und Mietenexplosion bändigen, meint er: "Es darf kein privates Eigentum mehr an Baugrund geben, sondern nur noch die Nutzung davon. Das funktioniert durch die Vergabe eines Grundstücks mit einem Erbbaurecht. Denn damit werden Boden und Haus in zwei Eigentumspositionen aufgeteilt. Die Kommune bleibt Eigentümerin des Bodens und vergibt das Recht, ein bestimmtes Haus dort zu bauen. So wie heute mit Planungs- und Baurecht etwa der Neigungswinkel eines Daches durchgesetzt werden kann, würde das Erbbaurecht finanzielle und soziale Aspekte des Wohnens regeln und sichern. Das besonders Schöne an Erbbaurechten ist, dass sich für Bebauungsmöglichkeiten, die günstiges Wohnen verlangen, nur noch solche Bauherren interessieren, die die gleichen Interessen verfolgen, nämlich kommunale Wohnungsbaugesellschaften sowie Selbstnutzer und Genossenschaften."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2018 - Kulturpolitik

Berlin ist im letzten Jahr um 40.000 Menschen gewachsen. Wohnungsbau und Stadtentwicklung halten nicht im entferntesten mit. Auch die Bürger bremsen durch das "Not-in-my-back-yard-Syndrom", schreibt Robert Kaltenbrunner in einer Bestandsaufnahme für die taz, die die ganze Ratlosigkeit vor dem Problem zeigt: "Gerade sozial besser gestellte Schichten, die zur Verteidigung ihrer Besitzstände eher in der Lage sind, vertreten oft eine solche 'Nimby'-Haltung. Einfache Antworten auf diese Problemlage gibt es nicht. Eine offene, konsensorientierte Planung stößt auf unüberwindliche Grenzen, wenn machtvolle Interessen im Spiel sind. Sicher ist nur, dass Stadtentwicklung heute auch eine aktivierende Auseinandersetzung mit Vorstellungen und Wünschen möglichst vieler Bürger sein sollte."
Stichwörter: Berlin, Stadtentwicklung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2018 - Kulturpolitik

Russischen Städten soll das Sowjetische ausgetrieben werden, ein neues Design muss her, berichtet Inna Hartwich in der NZZ. Doch: "Beim Überwinden des Postsowjetischen offenbart sich das sowjetische Prinzip. Es ist die Staatsmacht, die bestimmt, was gut für das Volk ist. Sind die noch unter Chruschtschow gebauten Plattenbauten für die Stadt nicht mehr tragbar, fährt Moskau ein gigantisches Abrissprogramm auf und nennt es 'Renovation': Zehntausende solcher kastenförmiger Gebäude aus den 1960er Jahren werden so Jahr für Jahr abgerissen, den Menschen verspricht man komfortablere Wohnungen - natürlich eher am Stadtrand. Klagen werden zwar gehört, aber nicht berücksichtigt."
Stichwörter: Russland, Stadtplanung