9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2017 - Kulturpolitik

Vor dem Hintergrund der resolut abgewürgten Debatte um das Kuppelkreuz auf dem Berliner Stadtschloss klingen die Beteuerungen in Neil MacGregors (im Tagesspiegel abgedruckter) Festrede zum 250. Geburtstag von Wilhelm von Humboldt nicht so recht überzeugend: "Die Dissonanz zwischen Form und Inhalt soll provozieren, soll zu einer Dynamik des Widerspruchs führen und Debatten aller Arten ans Haus ziehen... Die Tatsache, dass es im Humboldt Forum um drei rekonstruierte Fassaden und eine moderne geht, soll den Blick der Besucher und die öffentlichen Debatten schärfen. Die Mischung aus Neubau und historischer Rekonstruktion zeugt von der Zerbrechlichkeit einer Kultur und einer Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2017 - Kulturpolitik

Amen: Das Kreuz kommt auf die Kuppel des neuen Berliner Stadtschlosses, meldet der Tagesspiegel.

Im Interview mit der NZZ erklärt Pawel Machcewicz, mittlerweile von der PiS-Regierung entlassener Gründungsdirektor des Danziger Museums des Zweiten Weltkriegs, was die Nationalkonservativen gegen das Museum haben: "Wir wurden beschuldigt, die polnische Geschichte zu marginalisieren zugunsten eines supranationalen Ansatzes. Donald Tusk wolle sich damit nur Deutschland und der EU andienen. Der Hauptvorwurf war also, die Ausstellung sei zu kosmopolitisch, zu universalistisch. Der zweithäufigste Vorwurf war, dass unser Museum 'pazifistisch' sei. Es käme zu wenig Militärgeschichte darin vor, zu wenig Heroismus. Der Krieg könne auch eine positive Erfahrung sein, die den Charakter forme."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2017 - Kulturpolitik

Der Streit über das Kreuz auf dem Humboldt-Forum greift zu kurz, meint  Philipp Oswalt, ehemaliger  Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau, im Tagesspiegel. Das Schloss leide vor allem an einem politisch gewollten krassen Widerspruch von Form und Inhalt. Oswalt geißelt eine "Strategie der Political Correctness", die zugleich neokolonial sei: "Die außereuropäischen Sammlungen werden instrumentalisiert, um die Errichtung der Schlossfassaden opportun werden zu lassen. Um das Label 'außereuropäisch' zu erlangen, werden die europäischen Sammlungen aus dem Ethnologischen Museum herausgelöst und ausgesperrt. Statt also einem Dialog auf Augenhöhe thront jetzt das christliche Abendland in Form eines Kreuzes über den außereuropäischen Sammlungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2017 - Kulturpolitik

Eva Quistorp greift auf achgut.de  in die Debatte um das Kreuz auf dem Berliner Humboldt-Forum der Weltkulturen ein und beklagt, "dass es unerträglich absurde Doppelstandards in der Religionskritik und in der Symbolkritik gibt, wenn man etwa erlebt, mit welcher Verve die Linkspartei, die Grünen und leider auch Teile der SPD und der CDU für das Kopftuch eintreten, als sei es ein Symbol der Befreiung der Frau und als sei es von einem nicht vorhandenen islamischen Papst verordnet worden, den man respektieren muss."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2017 - Kulturpolitik

In Berlin werden derzeit mehrere Straßen im afrikanischen Viertel im Wedding umbenannt. Der Grund: Die Rolle der Namensgeber während des deutschen Kolonialismus. Nun soll jedoch eine der Straßen ausgerechnet den Namen einer afrikanischen Königin tragen, die selbst mit Sklaven gehandelt hat (mehr hier). In der Berliner Zeitung ärgert sich Christian Seidl über das ganze Verfahren, das die Vorschläge der Anwohner ignoriert: "Um den Skandal auszusprechen: Man wickelt in Berlin das Erbe des Kolonialismus ab, indem man sich der Mittel des Kolonialismus bedient:  Fremdbestimmung, Dünkel, Vermessenheit, Ignoranz. Die Tupinambá  konnten sich damals nicht wehren. Die Menschen im Wedding sollten es tun."

Weiteres: In der Berliner Zeitung erzählt Andreas Förster die Geschichte des von den Nazis verfemten und in der DDR enteigneten Künstlers Albert Schaefer-Ast.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2017 - Kulturpolitik

Durchaus reizvoll findet Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rats der Evangelischen Kirche, im Tagesspiegel die Idee, dem Kreuz auf der Kuppel des Humboldt-Forums die ursprünglich am Palast der Republik ausgestellte "ZWEIFEL"-Installation des norwegischen Künstlers Lars Ø Ramberg gegenüberzustellen: "Nach evangelischem Verständnis ist der Zweifel nicht das Gegenteil des Glaubens, sondern sein Bruder. Weithin sichtbare Kreuze sind in Deutschland längst keine Herrschaftszeichen mehr, vor denen man sich selbst fürchten oder eingeschüchterte Menschen schützen müsste, sondern Anstöße, ernsthaft und differenziert über die eigene Geschichte und religiös-kulturelle Identität nachzudenken. Laizistischer Waschzwang ist dabei eher hinderlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2017 - Kulturpolitik

Vor einigen Tagen hatten die drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums vorgeschlagen, neben dem Kreuz auf der Kuppel den Schriftzug ZWEIFEL an der Ostseite des Schlosses anzubringen. Damit ist nun der für die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses verantwortliche Architekt Frank Stella überhaupt nicht einverstanden, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel und zitiert aus einer Depesche des Architekten: "Die vorgeschlagene Schrift auf der Ostfassade des Berliner Schlosses stellt eine Form mit einer feinen 'Seele' und einem riesigen 'Körper' dar. Während ich mich aus der Diskussion über die symbolischen Inhalte lieber heraushalten möchte, fühle ich mich fast gezwungen zu sagen, dass ich den 'Körper' dieser Form als eine erhebliche Verunstaltung meiner Architektur ansehe."

900 Millionen Euro soll die Sanierung von Oper und Schauspielhaus in Frankfurt kosten. Ganz grundsätzlich werden Sanierungen in Deutschland immer teurer. Woran liegt's? Jörg Häntzschel hat für die SZ recherchiert und zählt auf: die jahrzehntelange Vernachlässigung öffentlicher Bauten, die immer höheren Standards für Brandschutz, Lüftung und Wärmedämmung. "Das größere Problem jedoch seien die übertriebenen Ansprüche der Institutionen, sagt Wolfgang Dunkelau, ebenfalls Architekt vom BDA: 'Es muss bei öffentlichen Bauten in Deutschland immer der Mercedes sein, wo noch der Rücksitz klimatisiert ist, keiner will einen Golf. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Wollen wir das weiterhin so betreiben? Oder wäre eine vernünftige Sanierung möglich, die bei der Technik kleine Abstriche macht?' Oft lägen die Kosten für die Gebäudetechnik fast so hoch wie die reinen Baukosten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2017 - Kulturpolitik

In der Nachtkritik graut es Esther Slevogt vor dem Einheitsdenkmal in Form der "Einheitswippe" vor der bekreuzten und bezweifelten Stadtschlossattrappe: "Seine einfältige Metaphorik macht es eher zum unfreiwilligen Symbol unserer postdemokratischen Bewegungsgesellschaft, in der oft postfaktische Stimmungsmache politische Meinungsbildung ersetzt hat. 'Wir sind das Volk' skandieren die Menschen mittlerweile auf Pegida-Demos. Gut möglich also, dass die Wippe am Ende eher als Metapher gelesen wird für den schwankenden Boden unserer fragil gewordenen Demokratie denn als Symbol für friedliche Umbrüche."

Außerdem: In der FAZ kündigt Hubert Spiegel nach Veröffentlichung einer Studie für die Sanierung von Frankfurts Schauspiel und Oper Kosten von bis zu 900 Millionen Euro an.
Stichwörter: Einheitswippe, Sanierungen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2017 - Kulturpolitik

Gestern plädierten die drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums für Rekonstruktion des Kreuzes auf der Spitze der Stülerschen Kuppel einerseits und andererseits - an der Ostseite des Schlossdaches - für die Anbringung des neonfarbenen Schriftzugs "ZWEIFEL", den der norwegische Künstlers Lars Ø Ramberg kurz vor Abriss auf dem Palast der Republik aufgestellt hatte. Der Künstler findet diesen Vorschlag sehr gut, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Es sei wichtig, 'die gesamte Historie des Schlossplatzes im Blick zu behalten. Die Geschichte hört dort eben nicht 1959 mit dem Abriss des Barockschlosses auf', sagte Lars Ramberg im Telefonat mit dem Tagesspiegel. Sein Projekt von 2005 sei ein Tribut an die Zeit der Wende und der Wiedervereinigung gewesen, 'als der Zweifel zu einer Art gemeinsamer Nenner wurde. Wer sind wir? Sind wir ein Volk? Oder zwei? Wo gehen wir hin?' Der Zweifel sei ein Teil der deutschen Identität geworden, was ihn als Norweger schon deshalb beeindruckt habe, weil er aus einem Land der Konsenskultur komme. 'Da wollen sich alle immer schnell einig werden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2017 - Kulturpolitik

Bloß keine Geschichtsfälschung wie in der DDR! Im Streit um das Kreuz auf dem zukünfigen Humboldt-Forum plädiert der Kunsthistoriker Horst Bredekamp im Interview mit dem Tagesspiegel eindeutig für das Kreuz. Den Streit darum hält er "für das große Vergehen eines sich selbst wohlgefälligen Zeitgeistes, der überall dort aufblitzt, wo er Schuld sieht, und die Alternativen in der Historie ausblendet. Der Konflikt ging ja sogar durch den Architekten hindurch, Friedrich August Stüler, dessen Kuppel mit ihren Eisenverstrebungen von kühner Modernität war. Und gleichzeitig plante er das Neue Museum. Hier die technisch avantgardistische Eosanderkapelle, dort ein Museum neuen Zuschnitts, das die germanischen Altertümer erstmals gegen die Norm der Antike setzte, amerikanische und ägyptische Figuren auf derselben Niveauhöhe zeigte und im obersten Stockwerk die gesamte Kunstkammer aus dem Schloss beherbergte. Das Kreuz und diesen Universalismus nicht zusammenzudenken, das ist, als wäre Stüler zwei Personen gewesen, die sich nicht gekannt haben."


Lars Rambergs "Zweifel" auf dem Palast der Republik. Foto: Andreas Praefcke, unter cc-Lizenz auf der Wikipedia

In der FAZ erklären die drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger den Streit um das Kreuz auf dem Humboldt-Forum für konstitutiv: "Von Anfang an hat die Inkonsistenz von Fassade und Inhalt die Dynamik des Hauses mitbestimmt - die Welt zu verstehen, ohne die Geschichte zu leugnen." Um dieses Selbstverständnis nach außen zu tragen, schlagen die drei vor, nicht nur das Kreuz zu errichten, sondern außerdem an der Ostseite des Daches den acht mal vierzig Meter große, neonfarbenen Schriftzug "ZWEIFEL" einzufügen, den der norwegische Künstler Lars Ramberg 2005 am Palast der Republik angebracht hatte, um den Streit über Abriss versus Erhalt zu verdeutlichen: "Sie wären eine Reminiszenz an den zerstörten Palast der Republik und stünden umfassend für den Antrieb, die widerstreitende Geschichte des Ortes mit diesen beiden Elementen leitmotivisch zu begreifen. Auf dem Dach des Humboldt Forums ständen somit zwei Grundprinzipien des kulturellen und geistigen Lebens der Stadt nebeneinander."
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