9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2017 - Kulturpolitik

Im Streit um den Umgang des Humboldt-Forums mit Exponaten aus der Kolonialzeit sträubt sich in der Welt Thomas Vitzthum dagegen, die Objekte in ihrer Schönheit einer "moralisierenden Wissenschaft" zu opfern: "Hinter dem ehrenwerten Anspruch, ihre Herkunft zu ergründen, verbirgt sich eine traurige Ignoranz dem Rang der ethnologischen Sammlung gegenüber. Über die Objekte aus der Südsee, aus Südamerika, von den afrikanischen Stämmen wird gerade diskutiert, als könnte man ohne Not auf jedes dieser Exponate verzichten. Als müsse man sich das alles nicht ansehen, wenn man ein schlechtes Gewissen hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2017 - Kulturpolitik

Warum das Humboldt-Forum unbedingt mehr Provenienzforscher braucht - im Pariser Branly-Museum gibt es dafür hundert Mitarbeiter, in Berlin sollen die Kuratoren das noch nebenbei machen - schildert Nicola Kuhn in einem sehr informativen Tagesspiegel-Text über einen Zauberbeutel aus Tansania, den die Afrika-Kuratorin Paola Ivanov zufällig im Depot des Ethnologischen Museums fand. Er ist vermutlich ein Beutestück aus dem Maji-Maji-Krieg (1905 bis 1907) der Deutschen, so Kuhn. "Mit 300 000 Toten gilt er als einer der größten Kolonialkriege auf dem afrikanischen Kontinent. Viele Opfer verhungerten, nachdem die deutschen Truppen das Land systematisch zerstört hatten. Ivanov beantragte die Gelder, eine Million Euro für ein Forschungsunternehmen, an dem neben ihr seit Juli 2016 die Historikerin Kristin Weber-Sinn und der Museologe Henryk Ortlieb beteiligt sind. Die Besonderheit des Projekts 'Tansania-Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?' besteht in der Kooperation mit Historikern der Universität von Dar es Salaam sowie Kuratoren des Nationalmuseums von Tansania. Während in Frankreich und England solche Tandems üblich sind, gibt es sie in Deutschland kaum, bedauert Ivanov, die nicht nur bei der Erforschung, sondern auch für die Präsentation im Humboldt-Forum eine Zusammenarbeit mit Kollegen aus dem Ursprungsland fordert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2017 - Kulturpolitik

Ratlos in der Schlossattrappe. Die zahlreichen Chefs des Humboldt-Forums sitzen fest, analysiert Jens Jessen in der Leitglosse des Zeit-Feuilletons, denn wohin sie sich in dem an sich weitläufigen Gebäude auch wenden, sie stoßen auf den Kolonialismusvorwurf: "Ursprünglich war die Präsentation außereuropäischer Kulturzeugnisse dazu gedacht, den Argwohn zu widerlegen, mit dem Hohenzollernschloss sollten preußische (pfui Teufel!) Traditionen gefeiert werden. Jetzt hat sich die Argumentation gedreht. In der neueren Perspektive taugen die Zeugnisse kolonialen Sammeleifers nicht mehr zur Entgiftung, sondern es wird im Gegenteil eine neuerliche koloniale Beherrschungsgeste unterstellt."
Stichwörter: Humboldt-Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2017 - Kulturpolitik

Reichlich krude findet Christiane Peitz im Tagesspiegel die jüngsten Einmischungen in die Pläne fürs Humboldt-Forum. Erst forderte Berlins Kultursenator Klaus Lederer im Interview mit der Stuttgarter Zeitung einen "diskursiven Neuanfang". Jetzt hat sich noch Manfred Rettig zu Wort gemeldet, der ehemalige Schlossbaustellenmeister. Er schlägt vor, weniger Museumspräsentation und mehr "Friedenskonferenzen oder Nachhaltigkeitsgipfel" im Schloss anzubieten. Als gäbe es dafür nicht bereits genug Orte in Berlin, meint Peitz. Und: "Wie bei Savoy und Lederer ist zwar das Dilemma zu vieler Chefs - die beteiligten Museumsdirektoren, das Intendantentrio, die mehrköpfige Stiftungsleitung - richtig benannt. Aber die Konsequenz müsste lauten: Die Frage der künftigen Leitung des Hybrid-Orts zwischen Museum, Wissenschaft und Forum sollte ins Visier genommen werden. Weniger Chefs, eine Intendantin oder ein Intendant, das hilft bei Profilschärfung. Ein Job für die Kulturstaatsministerin - oder wer immer in der Kulturpolitik das Sagen hat nach der Wahl."
Stichwörter: Humboldt-Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2017 - Kulturpolitik

In Potsdam soll ab Oktober die Garnisonkirche wieder aufgebaut werden. Bundespräsident Steinmeier übernimmt die Schirmherrschaft. Ursprünglich sollte der Bau aus Spenden finanziert werden, aber da kaum etwas hereinkam, müssen großenteils staatliche Stellen einspringen. Der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt, ehemals Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau, protestiert in der FAZ am Sonntag, vor allem mit historischen Argumenten: "Bis 1918 wurden die Soldaten hier auf den bedingungslosen Gehorsam gegenüber König und Kaiser eingeschworen, von 1933 an auf Hitler. Hier erhielten Verantwortliche für den Völkermord an den Herero und Nama 1904 bis 1908 und für Kriegsverbrechen an der Ostfront 1939 bis 1945 ihren kirchlichen Segen und wurden als Helden gefeiert. In den Zeiten der Weimarer Republik war die Garnisonkirche Wallfahrtsstätte für Reaktionäre und Rechtsradikale. Regelmäßig fanden hier Veranstaltungen des Stahlhelms, der Deutschnationalen Volkspartei, der Bismarckjugend, des Reichskriegerbunds Kyffhäuser und des Alldeutschen Verbands statt. Auch kann nicht die Rede davon sein, dass die Kirche von den Nationalsozialisten missbraucht wurde." Übrigens weist Oswalt auf die problematische Rolle der Evangelischen Kirche bei dem Projekt und auf rechtsextreme Hintergründe bei den Initiatoren des Wiederaufbaus hin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2017 - Kulturpolitik

Rückverfolgbarkeit ist bei Lebensmitteln längst üblich, schreibt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in Le Monde diplomatique und betont noch einmal nachdrücklich ihren Aufruf zur Provenienzforschung. Aber: "Die meisten Museen sind mit Provenienzfragen offenbar überfordert - personell, intellektuell und methodisch. Aber welche Instanzen sind heute überhaupt in der Lage, für Millionen von Objekten - oft Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach ihrem Erwerb - die Herkunft zu ermitteln? Die Museen? Unabhängige Historikerinnen und Historiker? Akademisch ausgebildete, professionelle Provenienzforscherinnen und -forscher? Sicher ist nur, dass objektbezogene Fachexpertise nur bedingt weiterhilft. Wer den Verbleib eines in Paris während der NS-Okkupation beschlagnahmten Picasso-Gemäldes eruieren will, muss kein Picasso-Experte sein, sich aber gut im Pariser Polizeiarchiv auskennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2017 - Kulturpolitik

Christoph Schmidt-Lunau schildert in der taz die blockierte Lage am maroden Gebäudekomplex von Schauspiel, Oper und Kammerspiel Frankfurt, wo die Sanierungskosten exorbitant hoch veranschlagt werden: "Die FDP hat vorgeschlagen, den Neubau durch einen privaten Investor bauen zu lassen, der im Gegenzug an diesem attraktiven Standort in einem Wolkenkratzer lukrative Gewerbe- und Wohnflächen schaffen könnte. Die wichtigste Kulturinstitution der Stadt im Basement eines privaten Towers? Das ist für die Mehrheit im Frankfurter Römer unvorstellbar. Dass die Stadtparlamentarier allerdings fast eine Milliarde Euro für Oper und Schauspiel freigeben, scheint ebenso ausgeschlossen."

Ziemlich schwere Vorwürfe macht der Historiker Jürgen Zimmerer in der FAZ den Intendanten des Humboldt-Forums - und stelt sich dabei voll und ganz auf die Seite der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die das Humboldt-Forum wegen der Herkunft mancher künftiger Exponate aus dem Kolonialismus als eine Art Tschernobyl bezeichnet hatte (unsere Resümees). Auch Zimmerer beklagt die angebliche Taubheit der Institution in dieser Frage: "Wo Offenheit und Innovation gefragt wären, wird laviert und heruntergespielt. Die Verantwortlichen für das größte kulturpolitische Projekt Europas haben keine Idee, wie es den zentralen Geburtsfehler des Projekts, seinen kolonialen Kern, wenn schon nicht korrigieren, dann wenigstens produktiv nutzen könnte. Und es ist noch nicht einmal sicher, dass die Leitung des Forums dieses Problem überhaupt in seiner Tragweite erkennt." Besonders kritisiert Zimmerer, dass die Sammlungen der europäischen Ethnologie nicht ins Humboldt-Forum aufgenommen werden. Dadurch werde es "noch stärker in die koloniale Tradition der Völkerkundemuseen" gerückt.

Das dänische Aarhus ist europäische Kulturhauptstadt 2017. Peter Urban-Halle hat die Stadt für die NZZ besucht und eine Reihe Autoren getroffen, darunter den Dichter Peter Laugesen, dessen Lyrik von der amerikanischen Beat-Generation beeinflusst sei. Sie "ist scheinbar einfach, manche nennen sie Antipoesie, andere Improvisation. Seiner Stadt hat er ein wundervolles, sehr persönliches Porträt gewidmet. Im Kapitel über das Quartier Latin von Aarhus, wo er gleich hinterm Dom die altehrwürdige Kathedralschule in der Meijlgade besucht hat, versichert er übrigens, dass die Stadt auf drei Säulen stehe: Kunst, Gelehrtheit und Sünde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2017 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will Tausende Schädel aus der Sammlung des Ethnologischen Museums zurückgeben. Darüber unterhält sich  Alke Wierth in der taz mit Mnyaka Sururu Mboro vom Verein Berlin Postkolonial , der maßgeblich daran mitgewirkt hat, das Thema bekannt zu machen: "Es handelt sich größtenteils um Gebeine von BewohnerInnen europäischer und speziell deutscher Kolonien, heute Tansania, Ruanda, Burundi, Namibia, Kamerun, Togo und Papua-Neuguinea. Ich kenne diese Geschichte, seit ich sechs Jahre alt war, von meiner Großmutter. Menschen wurden verhaftet, weil sie gegen deutsche Kolonialisten gekämpft hatten. Viele wurden erhängt oder erschossen. Ihre Schädel wurden abgetrennt und zu Zwecken der Rassenforschung nach Deutschland geschickt, teils auch komplette Skelette. Oft wurden auch Grabstätten geplündert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2017 - Kulturpolitik

In der SZ fordert Anna Lea Berg, Soziologin mit dem Schwerpunkt "Emotionen" an der FU Berlin, mehr Engagement deutscher Museen bei der Provenienzforschung zu menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen: "Rückgaben sind moralisch geboten, sie gehören aber auch zur Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte, wie sie zuletzt die Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum angestoßen hat. Künstlerische Interventionen wie die Performance 'Schädel X', das 'Fairtrade Head'-Projekt der Künstlerin Candice Hopkins oder die 'Exhibit'-Reihe des südafrikanischen Künstlers Brett Bailey zeigen: Das Sammeln, Forschen und Ausstellen von Körpern war nicht nur prägend für das Verständnis der 'unterlegenen Rassen', es machte die Wissenschaft und das Ausstellen zu einer dominanten Kulturtechnik in der Begegnung mit dem Anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2017 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel verteidigt Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, das viel kritisierte Museum des 20. Jahrhunderts von Herzog und de Meuron, das neben der Neuen Nationalgalerie gebaut werden soll: "Dies ist eine große Chance, die sich auch auf das Innen-Außen-Gefüge auswirken wird. Durch zwei sich auf unterschiedlichen Stockwerken kreuzende Boulevards ist das Haus in vier Quadranten unterteilt. Mit dem Quadranten im Nordwesten und der zur Piazzetta hin gelegenen Gastronomie ist bereits eine schöne architektonische Figur entstanden. Gesten wie diese auch noch zur St.-Matthäus-Kirche und zur Potsdamer Straße hin auszuprägen, ist unser Anliegen. Die Neue Nationalgalerie - Museum des 20. Jahrhunderts wird - den Außenraum an einigen Stellen gänzlich neu definieren." Das klingt, als sei noch einiges zu tun.

Der berühmte Museumsmann Max Hollein ist bekanntlich von Frankfurt nach San Francisco gegangen. Wenn man im Gespräch, das Rose-Maria Gropp mit ihm für die FAZ führte, genau hinhört, dann sind die beiden Häuser, denen er präsidert, die Gemäldegalerie Legion of Honor und das de Young Museum offenbar eher provinzielle Veranstaltungen: "Das de Young Museum sitzt mitten im Golden Gate Park, es war einer der Pavillons bei der 'Panpacific Exhibition' 1904. Die Sammlung ist eklektisch. Wir haben Stammeskunst und die Rockefeller-Sammlung amerikanischer Malerei des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts als Schenkung. Es gibt mexikanische und zeitgenössische Kunst, auch eine herausragende Kostüme- und Textiliensammlung - ein bisschen ein Potpourri."
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