9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2018 - Kulturpolitik

Berlin ist im letzten Jahr um 40.000 Menschen gewachsen. Wohnungsbau und Stadtentwicklung halten nicht im entferntesten mit. Auch die Bürger bremsen durch das "Not-in-my-back-yard-Syndrom", schreibt Robert Kaltenbrunner in einer Bestandsaufnahme für die taz, die die ganze Ratlosigkeit vor dem Problem zeigt: "Gerade sozial besser gestellte Schichten, die zur Verteidigung ihrer Besitzstände eher in der Lage sind, vertreten oft eine solche 'Nimby'-Haltung. Einfache Antworten auf diese Problemlage gibt es nicht. Eine offene, konsensorientierte Planung stößt auf unüberwindliche Grenzen, wenn machtvolle Interessen im Spiel sind. Sicher ist nur, dass Stadtentwicklung heute auch eine aktivierende Auseinandersetzung mit Vorstellungen und Wünschen möglichst vieler Bürger sein sollte."
Stichwörter: Berlin, Stadtentwicklung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2018 - Kulturpolitik

Russischen Städten soll das Sowjetische ausgetrieben werden, ein neues Design muss her, berichtet Inna Hartwich in der NZZ. Doch: "Beim Überwinden des Postsowjetischen offenbart sich das sowjetische Prinzip. Es ist die Staatsmacht, die bestimmt, was gut für das Volk ist. Sind die noch unter Chruschtschow gebauten Plattenbauten für die Stadt nicht mehr tragbar, fährt Moskau ein gigantisches Abrissprogramm auf und nennt es 'Renovation': Zehntausende solcher kastenförmiger Gebäude aus den 1960er Jahren werden so Jahr für Jahr abgerissen, den Menschen verspricht man komfortablere Wohnungen - natürlich eher am Stadtrand. Klagen werden zwar gehört, aber nicht berücksichtigt."
Stichwörter: Russland, Stadtplanung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2018 - Kulturpolitik

Vor zehn Jahren stellten Nachfahren der ehemaligen jüdischen Eigentümer des sich aktuell im Besitz des Berliner Kunstgewerbemuseums befindlichen Welfenschatzes Antrag auf Restitution. 2014 entschied sich eine deutsche Kommission gegen die Rückgabe, die Kunsthändler seien in dem speziellen Fall nicht unter Druck gesetzt worden. Da der US-Kongress, wo die Nachfahren seit 2015 klagen, den NS-Kunstraub jedoch als Bestandteil des NS-Genozids ansieht, wies der US Court of Appeals zwar die Klage gegen Deutschland ab, ließ aber die Klage gegen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu, erläutert Gurlitt-Anwalt und NS-Raubkunst-Experte Hannes Hartung in der Welt und fordert Verantwortung der öffentlichen Sammlungen: "Gegen die Privatsammlung von Cornelius Gurlitt war es mit aller Härte vorgegangen und hat den alten Mann an den Pranger gestellt. Er musste als Sündenbock für alle gesetzgeberischen Versäumnisse in Deutschland im Umgang mit Raubkunst herhalten. Man verlangte von ihm die bedingungslose Restitution jedweden Gegenstandes, der unter Raubkunstverdacht steht. Diese Logik würde für die SPK die vollständige Restitution des Welfenschatzes bedeuten."

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat derzeit noch ganz andere Probleme, wie Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung berichtet. Laut Koalitionsvertrag soll sie sich einer Evaluierung unterziehen, also Verwaltungsstrukturen, Finanzierung, Forschungspolitik und Digitalisierung offenlegen, so Bernau. Einige Fragen werden auf den Tisch kommen: "Wie autonom sollten die General- und die Abteilungsdirektionen sein, die derzeit meist im Schatten des übermächtigen Stiftungspräsidenten stehen? Wie kann die Staatsbibliothek ihren in Jahrhunderten aufgebauten Anspruch, eine Natur- und Geisteswissenschaften umfassende Universalbibliothek zu sein, wieder erringen? Wird das Humboldt-Forum zur Touristenfalle oder zum urbanen Kulturzentrum? Und welche Macht steht der Politik eigentlich zu, welche Autonomie darf die Stiftung beanspruchen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2018 - Kulturpolitik

Das Deutsche Filmorchester Babelsberg steht vor dem Aus, meldet Manuel Brug in der Welt. Der Grund ist geradezu absurd typisch für das heutige Deutschland: Aufhören muss das Orchester nämlich nicht wegen "finanzieller Schwierigkeiten. Sondern wegen des massiven Lärms durch Bauarbeiten nebenan auf dem Gelände des Studioparks Babelsberg, weshalb das Orchester seinen Aufnahmeraum nicht mehr nutzen kann. Diese Studioarbeit markiert aber nach wie vor die Haupteinnahmequelle des sich zur Hälfte seines Etats von 3,5 Millionen Euro selbst finanzierenden Orchesters. Und es sei nicht möglich, so [Intendant Klaus-Dieter] Bayer, während der etwa anderthalbjährigen Bauzeit auszuweichen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2018 - Kulturpolitik

Für den Tagesspiegel fasst Nicola Kuhn die bisherige Debatte um die Restitution von Kolonialkunst nochmal zusammen und kommt unter anderem auf die 550 Artefakte umfassende Sammlung von Benin-Objekten des Berliner Ethnologischen Museums zu sprechen, für die es bis heute keine offiziellen Restitutionsanfragen gibt: "Das mag an der komplizierten Gemengelage vor Ort liegen, denn wem wären sie zurückzugeben? Nigerias Regierung, dem Bundesstaat Edo, wo sich das Königtum befindet, der Republik Benin, die nur den Namen des Königreichs trägt, oder den Nachfahren des damals beraubten Königs, die heute in Paris leben? Die in einer Dialoggruppe vereinigten Sammlungen mit Benin-Stücken denken über die Idee einer permanenten Ausstellung nach, aus der sich Rückgaben ergeben könnten, so auch Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Doch das schöne Haupt der Königinmutter aus dem 16. Jahrhundert, das gerade im Bode-Museum zu sehen ist, wird gewiss ab Herbst 2019 im Humboldt-Forum ausgestellt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2018 - Kulturpolitik

Staatliche Kulturinstitutionen müssen aufbegehren, wenn die Ziele einer Partei die offene demokratische Gesellschaft bedrohen, schreibt die Diplommusikerin, Künstlerin und Grünen-Politikerin Agnes Krumwiede in der FR mit Blick auf die CSU-Proteste gegen die Münchner Demo #ausgehetzt - gemeinsam gegen die Politik der Angst". Und Fördermittel dürfen davon erst recht nicht bedroht sein: "Fließt der Geldhahn der Machthabenden in Bayern tatsächlich noch flüssiger dorthin, wo Dankbarkeit die Empfänger und Empfängerinnen politisch bequem und gefügig macht? Gilt in Bayern für einige geförderte Künstlerinnen und Künstler das Prinzip: 'Den Arm dessen, der einen beschenkt, den beißt man nicht?!' Kulturförderung in Deutschland ist - das kann nicht oft genug erwähnt werden - nicht freiwillig und kein Gnadenakt."
Stichwörter: #ausgehetzt, CSU

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2018 - Kulturpolitik

Mindestens in der Kulturpolitik hat sich die AfD inzwischen auf subtilere Methoden verlegt, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ mit Blick auf das AfD-Papier zu Provenienzen von Kunst aus der Kolonialära in deutschen Museen, in dem die Unterzeichner vor der "Ideologisierung von Kulturinstituten" warnen und "besorgt" auf Probleme aufmerksam machen: "Das AfD-Papier funktioniert nicht zuletzt deshalb so gut, weil es die Entwicklung der Debatte Schritt für Schritt nachvollzieht. Statt sich wirklich mit den Theorien der Postkolonialisten zu beschäftigen, statt über Machtverhältnisse im Museum oder die Konstruktion des Fremden nachzudenken, setzen die meisten Tonangeber der deutschen Kulturpolitik darauf, das Thema auf die Verfahrensebene hinunterzukochen, an Kommissionen zu delegieren und im Kleinklein minutiöser Untersuchungen versickern zu lassen. So fällt es der AfD leicht, erst Widersprüche zwischen Absichten und Umsetzung zu entlarven und dann mit der mangelhaften Umsetzung die Absichten zu diskreditieren." Aber auch, wenn Marc Jongen in der "Brüsseler Erklärung" die Bedrohung der Kunstfreiheit anspricht, streift die AfD einen "wunden Punkt", schreibt Petra Kohse in der Berliner Zeitung und meint, politische Korrektheit und Inklusion seien inzwischen wichtiger als freie Fantasie.
Stichwörter: AfD, Postkolonialismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2018 - Kulturpolitik

Für eine geplante Tansania-Ausstellung arbeiten Paola Ivanov, Afrika-Kuratorin des Ethnologischen Museums in Berlin, die Provenienzforscherin Kirsten Weber-Sinn und Achilles Bufure, Direktor des National Museum and House of Culture in der tansanischen Hauptstadt Dar Es Salaam erstmals zusammen. Im Gespräch der drei mit dem Tagesspiegel will Bufure von Restitutionsfragen erst einmal nichts wissen. Im geht es um die gemeinsame Geschichte: "Wir befinden uns am Anfang. Wir arbeiten gerade beispielhaft an einer Ausstellung, die zunächst im Humboldt-Forum und dann bei uns gezeigt wird. Das ist auch Diplomatie. Erst am Ende wird entschieden. Beide Seiten sollten 'Ja' oder 'Nein' sagen können. Ich behaupte ja nicht, dass ich die Objekte nicht mag. Aber für uns ist die geteilte Geschichte wichtiger. Die jüngere Generation in Deutschland und in Tansania soll die Vergangenheit kennen."

Islam und Kino geht nicht so einfach zusammen, lernt die Berliner Autorin Miriam Sachs im taz-Gespräch mit der Hamas und dem dem Kultusminister in Gaza, Anwar A. al-Barawi:
Bilder, bewegt oder unbewegte, sind nicht verboten?
Zwischenruf einer Frau vom Department für Kunst der Hamas: Wir haben viele Bilder. Es wird viel gemalt: die Natur, der Himmel, aber keine Körper.
Al-Barawi: Mohammed, der Prophet, war kreativ, er mochte Kunst. Unser Prophet zeichnete die Idee, das Leben …
Wäre Mohammed ein Filmemacher, wenn er heute leben würde?
Sie wollen einen Film über Mohammed machen …?
Nein, ich wollte wissen, ob Mohammed, wenn er heutzutage leben würde, vielleicht selbst Filme drehen würde?
Ja, klar.
Zwischenruf eines anderen Hamas-Kulturfunktionärs: Unsere Gesellschaft, unsere Lebensvorstellung verbietet die Idee Kino nicht. Es braucht aber eine Kontrolle und gewisse Bedingungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2018 - Kulturpolitik

Iris Radisch hat für die Zeit die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und ihren Kollegen Felwine Sarr getroffen, die für Emmanuel Macron die Rückgabe afrikanischer Kunstwerke betreiben - wie die beiden meint Radisch, dass auch Kunstwerke die mit Vertrag gekauft wurden, kein legitimer Besitz seien. Gesetze wie das Kulturgutschutzgesetz, die eine Rückgabe verhindern, müssten verändert werden: "Das Rückgabeprojekt ist jedoch nicht nur ein gesetzgeberisches Erdbeben. Es ist eine Kulturrevolution. In Dakar, berichtet Bénédicte Savoy, hätten die Kolleginnen und Kollegen aus Afrika immer wieder gesagt, die Restitutionen würden dabei helfen, 'Berlin abzuschaffen'. Das liege daran, dass die zurückgegebenen Objekte aus den verschiedensten Gebieten Bezüge zwischen Territorien wiederherstellen können, die durch die Berliner Konferenz getrennt wurden, auf der die europäischen Kolonialmächte 1884 die afrikanische Landkarte wie einen Kuchen zurechtgeschnitten haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2018 - Kulturpolitik

Nikolaus Bernau spricht in der Berliner Zeitung einen seltsamen Widerspruch an: Einerseits hat nur jeder achte Berliner einen Nutzerausweis der Berliner Bibliotheken - andererseits aber sind sämtliche Bibliotheken in Berlin hoffnungslos überbelastet. Die kulturpolitischen Konsequenzen, die die Stadt ziehen, hören sich aufs betrüblichste nach Berlin an: "Zwar beschloss der Senat kürzlich, den seit vierzig (!) Jahren geforderten Neu- und Erweiterungsbau der Zentral- und Landesbibliothek  (ZLB) neben der ehrwürdigen Amerika-Gedenkbibliothek zu errichten. Also dort, wo er 1989 schon einmal entstehen sollte. In dem Jubel über diesen Durchbruch ging weithin unter, dass Kultursenator Klaus Lederer im Nebensatz verkündete: Der Neubau werde erst ab 2026 entstehen. Also frühestens in der übernächsten Legislaturperiode. Angesichts der Berliner Tempi im Bauen können wir davon ausgehen, dass vor 2030 mit keiner Eröffnung zu rechnen ist."
Stichwörter: Bibliotheken