9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2018 - Kulturpolitik

Der islamistische Kulturvandalismus im Nahen Osten dient nicht nur religiösen Fundamentalisten, das Zerstören archäologischer Kulturgüter ist vom IS auch zur Verteidigung gegen eine "nationalistische Agenda des Westens" stilisiert worden, schreibt Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, in der SZ. Die Argumentation des IS, die dem Westen die kolonialistische Konstruktion nationaler und kultureller Identitäten vorwirft, nimmt er gern auf: "Es wird deutlich, dass die Sprengung assyrischer Paläste und palmyrenischer Tempel in ein Narrativ eingebettet werden kann, das unseren bisherigen Umgang mit dem Kulturerbe anderer Gesellschaften auf den Prüfstand stellt und zugleich drängende Herausforderungen für die Zukunft aufzeigt. Wir werden uns fragen müssen, was wir auf welche Weise tun können, um Kulturerbe im Ausland zu schützen, ohne uns dem Vorwurf neokolonialer Bevormundung auszusetzen; noch konsequenter als bisher müssen wir eine verantwortungsvolle Haltung gegenüber jenen Kulturgütern in unserem Land einüben, die als Ergebnis kolonialer oder imperialer Asymmetrien aus ihren Herkunftsgesellschaften entfernt wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2018 - Kulturpolitik

Das kulturelle Milieu in Deutschland beharrt auf Partizipation, seufzt Monika Grütters im Tagesspiegel-Interview mit Rüdiger Schaper über Berliner Personalpolitik an Volksbühne, Humboldt-Forum und Berlinale: "Manchmal würde auch der Kulturbetrieb eine Autorität gut vertragen. In ihrem Habitus sind das ja viele Intendanten und beispielsweise Dirigenten auch. In dem Expertenkreis mit über 20 Personen, der mich bei der Suche nach einer Nachfolge für den Berlinale-Chef Dieter Kosslick berät, gab es auch prominente Stimmen, die sagten: Man empfehle jemanden für die Zukunft, der 'less smart' und 'not too soft' sei. Jemanden, der mal ansagt, worum es geht, und nicht immer nur versucht, es allen recht zu machen."

Außerdem: Ebenfalls im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn von einem Gespräch zwischen Ulrike Knöfel (Spiegel) und Benedicte Savoy in der Berlinischen Galerie.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2018 - Kulturpolitik

Lorenz Rollhäuser kritisiert in der taz, dass beim Thema Rückgabe illegitim erworbenen Kulturguts im Humboldt-Forum noch so gut wie gar nichts geschehen sei. "Zwar ist die Provenienzforschung Voraussetzung für alles Weitere, es fällt aber auf, dass nie gesagt wird, was aus dieser Forschung logischerweise folgen müsste: Objekte, die illegal angeeignet wurden, auch zurückzugeben, sofern es die Herkunftsgesellschaften so wollen. Dafür müsste man sich vom Anspruch verabschieden, nur die Universalmuseen westlicher Demokratien könnten das kulturelle Erbe der Menschheit angemessen zeigen und bewahren." Druck komme aber unter anderem aus Frankreich, wo Emmanuel Macron Initiativen für französische Museen angekündigt hat.

Jörg Häntzschel unterhält sich für die SZ mit der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und dem Schriftsteller Felwine Sarr, die von Macron beauftragt wurden, die Restitution von afrikanischen Kunstwerken zu organisieren. Savoy, die zuvor in Berlin wirkte und einen Eklat beim Humboldt-Forum auslöste, spricht einen  Unterschied zwischen französischer und deutscher Museengeschichte an: "Es fängt bei der Vorstellung davon an, was ein Museum ist. In Frankreich weiß jedes Kind, dass ein Museum voller zusammengeraffter Dinge ist. Die Museen hier wurden in der Französischen Revolution geboren. Ihre Sammlungen stammen aus Beschlagnahmungen des Besitzes von Adel, König und Klerus und dann natürlich von den Feldzügen Napoleons. Jedes Label im Louvre erzählt davon. Kein Mensch hier käme auf die Idee, dass Museen 'sauber' sind. In Deutschland glaubt man das."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2018 - Kulturpolitik

Die aktuelle Debatte um Kolonialismus-Aufarbeitung ist wichtig, wichtiger noch für Erhalt und mögliche Restitution ist allerdings eine systematische, transparente Dokumentation aller Objekte in ethnologischen Sammlungen - diese scheitert jedoch an zu wenigen Finanzmitteln und zu viel deutscher Bürokratie, meint der Ethnologe und Politologe Andreas Schlothauer im DLF-Gespräch mit Dina Netz. Das Humboldt-Forum sei nicht mehr als eine Ausstellungsfläche, fügt er hinzu: "Das Depot selber und die Depotflächen sind seit dreißig Jahren in dem Zustand, wie sie gewesen sind. Da wird ein Insektenmanagement betrieben, also täglich werden die Objekte von Insekten vernichtet. Und natürlich gibt es dann Leute, die das kontrollieren, und dann werden die Stücke behandelt gegen die Insekten, kommen in so eine Kältekammer, aber es ändert nichts an dem Umstand, dass das Depot vollkommen ungeeignet ist und das auch allen bekannt ist. Und auch die Verantwortung, die man da nicht erfüllt, die ist auch bekannt, und trotzdem passiert nichts."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2018 - Kulturpolitik

Die zahlreichen Direktoren des Humboldt-Forums sollten sich nicht mit dem Argument, dass Deutschland erst seit 1880 Kolonialmacht gewesen sei, aus der Restitutionsdebatte heraushalten, meint Lorenz Rollhäuser in der taz: "Die Berliner Afrika-Sammlung bestand bis 1880 aus gerade mal 3.361 Objekten. Erst danach wuchs sie exponenziell bis zum Ende der deutschen Kolonialzeit auf das bald Zwanzigfache: 55.079 Objekte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2018 - Kulturpolitik

In der Zeit wehrt Neil MacGregor, Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt Forums, Vorwürfe ab, das Forum gehe zu lax mit Fragen der Raubkunst um. Die Forderung, nur noch ethnologische Objekte zu zeigen, deren tadellose Herkunft ohne jeden Zweifel erwiesen ist, lehnt er jedoch höflich ab: "Fragen der Objektaneignung im kolonialen Kontext sind komplizierter, da die Ereignisse weiter zurückliegen. Die Herkunftsdokumentation ist gewöhnlich fragmentarisch, und selbst bei den vielen gut aufgeklärten Fällen bleibt oftmals strittig, wer heute berechtigt ist, diejenigen rechtlich zu vertreten, die einst enteignet worden waren. In den Herkunftsländern finden sich grundverschiedene Ansichten über Fragen der Restitution. ... Meiner Ansicht nach ist es deshalb umso wichtiger, die fraglichen Gegenstände auszustellen und öffentlich - im Humboldt Forum - zu diskutieren. Das vielleicht nicht zu lösende Problem, wie man im Rahmen unterschiedlicher Rechtssysteme entscheiden soll, wird zentrales Thema der Debatten im Humboldt Forum sein müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2018 - Kulturpolitik

Geplant war mal jemand, "der nicht alt, nicht weiß, kein Mann, kein Deutscher, am liebsten auch kein Europäer ist. Jemand also, der dem Humboldt-Forum kurz vor der Eröffnung noch eine Idee geben könnte", seufzt Jörg Häntzschel in der SZ. Nun nimmt sich dank Monika Grütters' einsam getroffener Entscheidung mit Hartmut Dorgerloh also ein Denkmalpfleger dieses "ethnologischen Kindergartens für Erwachsene", an, fährt Häntzschel fort: "Mit ihrer Personalentscheidung hat sie offenbar auch das inhaltliche Konzept bereits angepasst. Von einem neuen Niveau des kulturellen Dialogs, von Globalisierung, Migration und den Menschheitsthemen, um die es hier einmal gehen sollte, war bei ihr keine Rede mehr."

"Dorgerloh hat bereits eine Institution von höchster, ja von deutscher Komplexität geleitet", sagt Neil MacGregor -  der sich mit deutscher Bürokratie inzwischen selbst bestens auskennt, wie Rüdiger Schaper im Tagesspiegel anmerkt: "Ein bemerkenswerter Satz von MacGregor. Man kann ihn auch so interpretieren, dass eine Persönlichkeit aus den märkischen Untiefen und Abgründen vielleicht sogar besser geeignet ist, das Humboldt-Forum aus der ewigen Legitimationsklemme zu führen, als ein Wundermann oder eine Wunderfrau von außerhalb." In der Berliner Zeitung ist Harry Nutt zufrieden mit der Wahl. Wir sind auf die Verbotsliste des Humboldt-Forums gespannt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2018 - Kulturpolitik

Eines ist jetzt schon klar. Im Humboldt-Forum wird fotografieren schwierig. Denn Monika Grütters schlägt Hartmut Dorgerloh, bislang Generaldirektor der Potsdamer Schlösserstiftung, als Generaldirektor vor - Dorgerloh fiel unter anderem dadurch auf, dass er über viele Instanzen das Eigentum an den Panoramen für seine preußischen Schlössern und Gärten erstritt und nun bestimmen kann, wer dort fotografieren darf (mehr hier). Im Gespräch mit Andreas Kilb von der FAZ sagt Grütters: "Hartmut Dorgerloh ist auch deshalb hervorragend geeignet, weil er es versteht, anspruchsvolle Inhalte einem breiten Publikum zu vermitteln. Über das Humboldt-Forum ist jahrelang in sehr akademischer Weise geredet worden. Dabei wurde manchmal vergessen, dass dieses Haus ein Ort der Begegnung für die Bevölkerung sein muss."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2018 - Kulturpolitik

Nachdem Ines de Castro abgesagt hat, soll Lars-Christian Koch, derzeit kommissarischer Leiter des Ethnologischen Museums in Berlin, zukünftig die im Humboldt-Forum vereinten Sammlungen leiten, berichtet leicht enttäuscht Nicola Kuhn im Tagesspiegel. "Nach dem langen Hin und Her wirkt diese Hausberufung vor allem pragmatisch. Wer sich neue Ideen, einen geübten Manager für die komplizierte Gemengelage am Humboldt-Forum und frischen Wind von außen gewünscht hatte, sieht sich enttäuscht. In der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aber gilt die Besetzung als Vorsprung beim Kompetenzgerangel im Humboldt-Forum. Mit Koch ist jemand gewonnen, der die von Gründungsintendant Neil MacGregor eingeschlagene Kursänderung - mehr Kooperation mit externen Sammlungen - womöglich zurückzufahren vermag, der sich vor die eigenen Sammlungen stellt und sich auch weniger vom künftigen Intendanten reinreden lässt."

In der SZ meint Jörg Häntzschel: "Mit Koch wird - nach den drei Gründungsintendanten - ein weiterer weißer Europäer auf eine Leitungsstelle des Projekts berufen. Dabei soll es doch laut Koalitionsvertrag eine 'internationale Dialogplattform für globale kulturelle Ideen' werden. Doch angesichts der Querelen um das Projekt dürfte er der richtige Mann sein. Koch gilt als anerkannter Wissenschaftler. Und während der Grabenkämpfe der letzten Monate erwies er sich als umgänglicher Mittler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2018 - Kulturpolitik

Eine Differenz jenseits der gerade modischen Differenzen benennt Klaas Ruitenbeek, der bald abtretende Chef des Museums für Asiatische Kunst in Berlin-Dahlem, das ins Humboldt-Forum einziehen und hoffentlich nicht einem erweiterten Kulturbegriff geopfert wird. Er insistiert im Gespräch mit Susanne Messmer von der taz, dass es einen Unterschied zwischen ethnologischen und Kunstmuseen gibt. "Die Ethnologie wollte lokale Sprachen, Kulturen und Religionen dokumentieren, von denen man wusste, dass sie im Zuge der Globalisierung verschwinden würden. Sicher war man sich auch des Kunstwertes vieler der gesammelten Objekte bewusst, aber das kam nicht an erster Stelle. Das Museum für Asiatische Kunst wurde 1906 gegründet, um ein Statement zu machen. Man wollte zeigen, dass die asiatische Kunst der europäischen ebenbürtig ist, und sie mit den Methoden der Kunstgeschichte erschließen. Ich denke, das sind zwei kostbare Traditionen. Es wäre sinnvoll, wenn man das auch weiterhin anerkennt."
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