9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2018 - Kulturpolitik

Harry Nutt kommt in der FR auf einen Aufruf einiger Wissenschaftler zurück, die sich den Forderungen des Savoy- und Sarr-Berichts zur Rückgabe von Kolonialkunst anschließen. Die Zeit hat ihn inzwischen online gestellt. Nutt resümiert die Forderungen der Wissenschaftler bündig in einem Absatz: "Die Wissenschaftler fordern zusätzliche Forschungsmittel, größere Bildungsanstrengungen und die Errichtung einer zentralen Einrichtung, in der die neuen Erkenntnisse gebündelt werden. Der hehre Wunsch zielt auf eine neue Erzählung über Kolonialisierer und Kolonialisierte. Rückgabe wäre dann der Anfang eines neuen Austauschs." Und vieler schöner neuer Stellen.

In der FAZ möchten Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Michelle Müntefering, Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, klarstellen, dass sie an der Spitze der Aufarbeiter deutscher Kolonialgeschichte stehen: Die Debatte muss geführt werden, maximale Transparenz hergestellt und Raubkunst zurückgegeben werden, und auf keinen Fall soll es dabei eurozentrisch zugehen: "Um einen ersten Rahmen dafür abzustecken, haben wir den Deutschen Museumsbund bei der Entwicklung von Leitfäden zum Umgang mit menschlichen Überresten (2013) und zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (seit 2016) unterstützt. Eine durch internationale Expertinnen und Experten ergänzte Fassung soll im kommenden Jahr folgen. Sie wird Impulse auch über Deutschland hinaus setzen. Denn nicht nur der Staat, auch die Kultureinrichtungen tragen Verantwortung im Umgang mit den schwierigen Fragen der Aufarbeitung des Kolonialismus. Gerade bei ihnen ist aber auch der Bedarf an Beratung und Orientierung groß. Deshalb sollten wir über eine Kommission nachdenken, die in schwierigen Fällen Museen und Anspruchsteller berät und konstruktive Lösungen vermittelt."

Die Zeit hat Ijoma Mangolds Interview mit Hartmut Dorgerloh und Lars-Christian Koch - der eine Intendant des Humboldt Forums, der andere Leiter der Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin - online nachgereicht. Auf Mangolds drängende Fragen, wann denn nun endlich zurückgegeben wird, meint ein verdutzter Dogerloh: "Das irritiert mich am allermeisten an der aktuellen Diskussion: dass wir in Europa schon wieder zu wissen glauben, wie es geht und was passieren muss. Erst mal würde ich gerne erfahren: Was sagen denn die Kollegen in Tansania oder in Namibia oder in Ozeanien zu dem Bericht [von Benedict Savoy und Felwine Sarr]? Kürzlich besuchte uns in Berlin der Präsident eines afrikanischen Landes, dessen Gebiet einst ebenfalls deutsche Kolonie war. Er fand es bedauerlich, dass aus seinem Land so wenig im Humboldt Forum zu sehen sein wird, und fragte: 'Was können wir tun, damit wir im Humboldt Forum präsenter sein werden?'"

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer will das Digitale in der Berliner Kulturpolitik fördern und stellt dafür einen kleinen Innovationsfonds bereit. Im Interview mit Oliver Voß vom Tagesspiegel sagt er: "Das Digitale ist im Alltag so präsent, dass es eigentlich absurd ist, welch geringe Rolle diese Instrumente im Kulturbereich spielen. Dabei wird selbst der analoge Kultursektor davon am Ende profitieren. Bestes Beispiel sind Streamingdienste, die dazu führen, dass wieder mehr Menschen in Konzerte gehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2018 - Kulturpolitik

Mehr als achtzig Wissenschaftler aus der ganzen Welt, darunter die Historikerin Rebekka Habermas, fordern in einem Appell in der Zeit einen neuen Umgang Europas mit Kolonialgeschichte. Neben "nachhaltiger Unterstützung" der Initiativen zur Aufarbeitung von Kolonialgeschichte und der Beschäftigung politischer Institutionen und schulischer Initiativen mit dem Thema verlangen sie  eine zentrale Institution zur Provenienzforschung, die Politik und Museumsarbeit in Europa vernetzt.

In einem weiteren Zeit-Artikel führen Rebekka Habermas und die ebenfalls unterzeichnende Historikerin Ulrike Lindner ihre Forderungen aus: Restitution reiche nicht, vielmehr müsse die  weitgehend verdrängte und "verflochtene" Kolonialgeschichte umfassend aufgearbeitet werden, schreiben sie. Interessant liest sich allerdings dieses Zitat: "Menschen mit kolonisierter Geschichte leben nicht nur an fernen, wenngleich verflochtenen Orten, sondern auch hier in Deutschland als Deutsche. Koloniale Objekte in Museen können beides repräsentieren - kolonisierende, kolonisierte und postkoloniale Erfahrungen - und dadurch zu einer neuen, produktiven Streitgeschichte anregen. Dazu müssen aber auch die Türen geöffnet werden, für Deutsche mit einem anderen historischen Erfahrungshorizont als dem, den die deutsche Geschichtskultur bisher abbildet."

Im Zeit-Gespräch mit Ijoma Mangold verteidigen Hartmut Dorgerloh und Lars-Christian Koch das Humboldt-Forum und reagieren ungehalten auf Restitutionsfragen. "Es kann nicht sein, dass wir komplette Museen auflösen", sagt Koch - und Dorgerloh fügt hinzu: "Das irritiert mich am allermeisten an der aktuellen Diskussion: dass wir in Europa schon wieder zu wissen glauben, wie es geht und was passieren muss. Erst mal würde ich gerne erfahren: Was sagen denn die Kollegen in Tansania oder in Namibia oder in Ozeanien zu dem Bericht? Kürzlich besuchte uns in Berlin der Präsident eines afrikanischen Landes, dessen Gebiet einst ebenfalls deutsche Kolonie war. Er fand es bedauerlich, dass aus seinem Land so wenig im Humboldt Forum zu sehen sein wird, und fragte: 'Was können wir tun, damit wir im Humboldt Forum präsenter sein werden?'"

Fast entsetzt berichtet Andreas Kilb in der FAZ über eine Antwort von Bundeskulturministerin Monika Grütters auf Anfragen der AfD zu Restitution von Kolonialkunst. Diese Fragen seien zwar teilweise suggestiv, aber die Antwort, die schlicht auf die Museen verweist und eine Zuständigkeit des Bundes abwehrt, stellt ihn nicht zufrieden: "Jedes der sechsundvierzig ethnologischen Museen in Deutschland bleibt auf sich gestellt, jedes muss sich selbst durch das Dickicht von historischen, moralischen und kuratorischen Fragen wühlen, das die Kolonialgeschichte hinterlassen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2018 - Kulturpolitik

In Tervuren bei Brüssel eröffnete vorgestern das große Kolonialmuseum (heute Afrikamuseum) des Königs Leopold neu. So vieles hat sich gar nicht geändert, berichtet in der taz Fabian Busch, der sich von Direktor Guido Gryseels durch die Sammlung hat führen lassen. Aber das Museum setzt sich jetzt kritisch mit dem Kolonialismus auseinander und lädt afrikanische Wissenschaftler und Künstler ein. Beim Thema Restitution fahre Gryseels einen Schlingerkurs. "Er betont, dass die Afrikaner ein Recht darauf hätten, ihre Werke zurückzubekommen. Er erklärt sich bereit, über konkrete Forderungen an seine Sammlung zu verhandeln. Aber das neugestaltete Museum thematisiert die Restitution nicht. Sie ist für Gryseels ein langfristiges Projekt: Erst müsse die Infrastruktur in Afrika entstehen, für Lagerung und Restauration der Werke. Doch schon im kommenden Jahr soll das neue Nationalmuseum in Kongos Hauptstadt Kinshasa eröffnen. Vielleicht muss er schon bald verhandeln."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2018 - Kulturpolitik

Eine der schärfsten Kritiken des Savoy/Sarr-Reports zur Rückgabe afrikanischer Kunst findet sich in dem Blog "Wie weiter mit Humboltds Erbe", das an der Uni Köln betrieben wird. Autor ist der Siegener Medientheoretiker Erhard Schüttpelz, der den Bericht von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr als eine Auslöschung von Geschichte und historischer Auseinandersetzung angreift: "Dies ist nicht ein Bericht über geplünderte Kunst, sondern über die Plünderung von Museen im Namen historischer Gerechtigkeit." Unter anderem wirft Schüttpelz den Autoren vor, dass es "keine Bewertung anthropologischer Museumsarbeit gibt, keine Geschichte der anthropologischen Museumsarbeit, es gibt nicht einmal eine Anerkennung, dass eine solche Arbeit in anthropologischen Museen geleistet wurde. Sie ignorieren die Arbeit, die für ihr eigenes Unternehmen entscheidend war und behandeln sie als nicht existent.  Das ist keine Geschichte, sondern eine Philosophie der Geschichte; keine Philosophie der Geschichte (weil diese mehr Beweise braucht), sondern die Erlösung aus der Geschichte: ein Argument für ahistorische Erlösung. (...) Wie steht es um hundert Jahre Arbeit über und gegen Kolonialismus in der Anthropologie? Um all die Akten, die die alte koloniale Maschinerie dokumentieren? Um eine Anerkennung der Arbeit, die für das historische Gedächtnis der Menschheit geleistet wurde?" Schüttpelz verweist auch auf die Reaktion einiger Museumsdirektoren (darunter Hartmut Dorgerloh) im Art Newspaper.

Für Jörg Häntzschel (SZ) ist anthropologische Museumsarbeit und Provenienzforschung schlicht Drückebergerei, ein Spiel auf Zeit. Statt zu forschen, sollten die Museen erst einmal ihre Bestände öffentlich machen: "Für die Mehrzahl der Objekte bedient man sich hierzulande noch der Karteikarten und Inventarbücher, die teils über hundert Jahre alt sind. Viele Museen können nicht genau sagen, wie viele Stücke sie besitzen. Digitale Inventare umfassen oft nur Teile der Sammlungen und bestehen nur aus Übertragungen der alten Karteikarten. Öffentlich einsehbar ist bislang so gut wie nichts. Berlin mit 70.000 von 500.000 Objekten ist die Ausnahme. Nicht nur das: Ein Teil der Bestände in den Museen ist überhaupt nicht inventarisiert." Dass dies noch nicht geschehen ist, schreibt Häntzschel mit der Direktorin der sächsischen Völkerkundemuseen, Nanette Snoep, einer "Angst vor Kontrollverlust" bei deutschen Kuratoren und Direktoren zu.

Inzwischen hat Emmanuel Macron die ersten geraubten Kunstwerke zurückgegeben, berichtet Martina Meister in der Welt: "Benin war der erste afrikanische Staat, der Restitutionsforderungen an Frankreich stellte. Er ist der erste, der die eingeklagten Werke jetzt zurückerhalten wird. Die Rückgabe ist eine Kulturrevolution, deren Ausmaß sich die wenigsten klarmachen. In einer Presseerklärung von Emmanuel Macron hieß es Ende vergangener Woche feierlich: 'In Einklang mit den bereits eingeleiteten Vorgehensweise (…) hat der Präsident der Republik entschieden, unverzüglich die 26 von der Regierung des Benin geforderten Werke zurückzugeben, die General Dodds nach den blutigen Schlachten von 1892 als Kriegsbeute aus dem Palast Béhanzins entwendet hat.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2018 - Kulturpolitik

Jürg Altwegg verteidigt in der FAZ den Bericht von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr, der eine weitgehende Rückgabe afrikanischer Kunst fordert und bezieht sich auf eine Antwort an ihre Kritiker, die die beiden in Le Monde veröffentlichten: "Ihre politische Meinung mag ihren Arbeitseifer bestärkt haben; an ihrer Bestandsaufnahme gibt es sachlich nichts zu bemängeln. In ihrer Replik in Le Monde verweisen sie darauf, dass der Kolonialismus Afrika seiner Identität und Kultur beraubt habe. Ihr Anliegen ist legitim. Über die Vorschläge muss man diskutieren und streiten."

Im Tagesspiegel meldet Caroline Fetscher Zweifel an, allerdings weniger an dem Bericht als an einer postkolonialen Ideologie, die etwa von "Menschenrechtsimperialismus" spricht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2018 - Kulturpolitik

Gerade hatten Bénédicte Savoy und Felwine Sarr in ihrem Bericht über Raubkunst zu Protokoll gegeben, das bedeute alles nicht die Leerung europäischer Museen, da melden sich Politiker aus dem Senegal und der Elfenbeinküste, die selbstverständlich alles zurückhaben wollen, meldet Hyperallergic: "'We are ready to find solutions with France, but if 10,000 pieces are identified in the collections, we are asking for all 10,000,' remarked Senegal's culture minister, Abdou Latif Coulibaly, on Tuesday, November 27, at a press conference in Dakar to announce the opening of the Musée des civilisations noires in early December."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2018 - Kulturpolitik

Ziemlich nüchtern fällt im Tagesspiegel Nicola Kuhns Bilanz der vor zwanzig Jahren verabschiedeten Washingtoner Prinzipien aus, denen in Berlin jetzt eine Tagung gewidmet wurde: "Eigentlich müsste man erschrecken, wie wenig dieses Manual, das damals ein Durchbruch war, bisher Anwendung gefunden hat. Kulturstaatsministerin Monika Grütters kündigte deshalb an, dass sie fortan beherzt Bundesmittel kürzen werde, sollte ein dem Bund unterstehendes Museum den Empfehlungen zur Restitution nicht Folge leisten. 'Ja, es kann auch Sanktionen geben', erklärte sie streng und musste doch ihre Machtlosigkeit gegenüber den Museen auf Länder- und kommunaler Ebene eingestehen." Benedicte Savoy war auch anwesend - ohne sich allerdings näher zur aktuellen Debatte zu äußern, wie Kuhn meldet.

Mit Blick darauf, dass viele Bestände bis heute weder erforscht noch systematisiert sind, schreibt auch Kia Vahland in der SZ: "Anstatt die Provenienzforschung zu verstetigen, wurden für viel Geld verstreut über das ganze Land befristete Projekte mit befristeten Stellen geschaffen. Dort wird keine Grundlagen-, sondern Einzelfallforschung betrieben, deren Ergebnisse niemand koordiniert. Das ist für alle Beteiligten, Museumsleute wie Opfervertreter, unbefriedigend. Wenn der nächste große Skandal kommt, wie vor sechs Jahren der Fall Gurlitt, werden wieder alle mit leeren Händen dastehen, weil das NS-Raubsystem noch nicht wirklich verstanden ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2018 - Kulturpolitik

Jetzt ist die Restitutionsdebatte in weiteren Leitmedien wie der Zeit und der nun doch erwachten FAZ angekommen.

Deutsche Politik und Kultureinrichtungen sind längst mit der Rückgabe von kolonialem Raubgut, der Zusammenarbeit mit Herkunftsländern und der Erforschung der Objektbiografien beschäftigt, schreibt Hermann Parzinger in einem watteweichen Aufmacher des FAZ-Feuilletons - und ergänzt den Katalog um weitere Forderungen. Ein Raum der Stille zum Gedenken an die Opfer kolonialer Verbrechen soll etwa im Humboldt-Forum geschaffen werden, zudem müsse eine internationale Ethikkommission einen Handlungsrahmen schaffen. Und: "Wir haben uns an unseren Partnern in Afrika, Asien oder Ozeanien zu orientieren, nicht umgekehrt. Die wahre Komplexität des Themas ist ihnen bewusst. Auch sie wollen wissen, welche Geschichten hinter den Objekten stehen, das hören wir in unseren Gesprächen immer wieder."

Auch in der Zeit fasst Georg Blume die seit einer Woche geführte Debatte um den von Benedicte Savoy und Felwine Sarr vorgelegten Bericht zur Rückerstattung von Kunst aus kolonialem Kontext (unsere Resümees) zusammen. Außerdem macht er auch auf die wenigen Gegenstimmen aufmerksam: "Nach Monaten des Schweigens zur Initiative Macrons meldete sich am Montag dieser Woche erstmals der Direktor des Pariser Völkerkundemuseums, Stéphane Martin, zu Wort. Er schalt den Sarr-Savoy-Bericht als das Werk zweier Außenseiter. 'Rückerstattung ist nur eine Möglichkeit', hielt Martin gegen das Kernanliegen des Berichts - denn er will seine Kunst lieber behalten, gerne ausleihen, austauschen und mit allen kooperieren. Aber der Besitzer bleiben. Martin wusste, dass er mit seiner Stellungnahme seine Entlassung betrieb. Wer in Paris die großen Museen leitet, bestimmt immer noch der französische Präsident. Aber Martin erwartet ohnehin die Pensionierung. Und er wusste eine ganze Kunst-Armada hinter sich." Mit Verweis auf das Prinzip der Unveräußerlichkeit staatlichen Besitzes in Frankreich hält auch die Pariser Anwältin Amelie Tripet, die reiche französische Kunstsammler vertritt, den Bericht für unanwendbar.  Restitution ist erst der Anfang, sagt indes der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda im Zeit-Gespräch mit Ijoma Mangold: "Wir brauchen eine universelle Perspektive, bei der Objekte aus aller Welt überall in der Welt gezeigt werden." Zurückgeben will er aber nur, wenn auch andere zurückgeben.

Von einer internationalen Berliner Raubkunst-Tag über die Washingtoner Erklärung zur Restitution von jüdischem Besitz berichtet derweil Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung. Er erinnert daran, wie groß der Widerstand der Institutionen war, bis sie durch Raubkunstskandale zur Rückgabe gezwungen wurden und beklagt, dass die Washingtoner Erklärung nur für NS-Raubkunst aus jüdischem Besitz gilt: "Warum wurden nicht vergleichbare Regelungen für Sinti und für Roma gefunden? Wie steht es mit dem Eigentum von politisch oder religiös Verfolgten, von Schwulen etc." Im Dlf-Gespräch berichtet der Raubkunst-Experte Stefan Koldehoff, der bei der Berliner Raubkunst-Tagung dabei war, dass Parzinger außerdem ein verbindliches Raubkunstgesetz für Deutschland nach dem Vorbild Österreichs forderte: "Da darf eine Kommission, egal, ob den Museen das passt oder nicht, in die Häuser rein, auch in die Archive, und gucken, was da ist, daraus dann Berichte schreiben, die direkt dem Kulturministerium vorgelegt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2018 - Kulturpolitik

Horst Bredekamp, einer der drei Gründungsindentanten des Humboldt Forums, widersetzt sich den weitreichenden Forderungen aus dem Manifest zur Restitution afrikanischer Kunst, das seine Kollegin Bénédicte Savoy dem französischen Präsidenten übergeben hat (unsere Resümees). Die deutschen Sammlungen seien nicht so von kolonialem Geist kontaminiert wie etwa die französische so Bredekamp im Gespräch mit  Eckhard Roelcke von Dlf Kultur. Die Begründung klingt etwas wolkig: "In Deutschland gab es keinen Nationalstaat und das ist der fundamentale Unterschied gegenüber Frankreich, das seit dem 17. Jahrhundert, seit dem Sonnenkönig, eben alle Macht in Paris konzentriert hat. In Deutschland ist jeder Bewohner, der über etwa hundert Kilometer gereist ist, in eine neue Nation gekommen, in eine neue Gemeinschaft, er musste sich umorientieren, er musste seinen eigenen Standpunkt relativieren, das ist der entscheidende Erfahrungsunterschied, der ... einen Universalismus hat entstehen lassen, der mit Leibniz zu verbinden ist."

Israel ist immer noch ein demokratischer Staat. Das zeigt sich für Hannah Lühmann (Welt) unter anderem darin, dass die Abstimmung über das umstrittene Loyalitätsgesetz, das staatliche Hilfen an die Loyalität von Künstlern für die israelische Regierung knüpfen wollte, von der Knesset nach landesweiten Protesten auf unbestimmte Zeit verschoben wurde: "Losgegangen war die Kampagne zu Beginn des Jahres als Regev dem arabischen 'Al-Midan'-Theater über eine Million Schekel vorenthalten hatte; das Kulturministerium hatte sich schon länger in die Finanzen des Theaters eingemischt, nachdem dieses ein Stück über den Terroristen Walid Daka auf die Bühne gebracht hatte. Die Proteste gegen den Gesetzesentwurf waren zuletzt immer lauter geworden; Kulturschaffende initiierten landesweite Demonstrationen; zuletzt verbrannten Künstler in Jerusalem öffentlich ihre Werke als drastisches Zeichen des Widerstands gegen Regevs Pläne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2018 - Kulturpolitik

Im Interview mit der SZ erklärt Guido Gryseels, Direktor des Afrika-Museums in Tervuren bei Brüssel, dass er gern erst prüfen würde, was Raubkunst ist und was nicht, bevor er Kunstwerke nach Afrika zurückgibt. Dafür müsse die Provenienzforschung verstärkt werden, was er sehr begrüßt. Ansonsten plädiert er für Pragmatismus: "Ich bin offen für Diskussionen mit jenen Ländern, die eine gute Museumsinfrastruktur haben. Viel schwieriger wird es mit einem Land wie dem Kongo, aus dem die meisten Objekte unserer Sammlung stammen. Dort fehlt die Infrastruktur. Der Direktor des Nationalmuseums sagt, er halte die Diskussion für verfrüht. Er wäre schon froh, wenn man ihm helfen würde, das kulturelle Erbe zu schützen, das sie heute haben und das wirklich bedroht ist. Im Kongo gibt es keine Aufbewahrungsorte, keine Restaurierungsmöglichkeiten. Allein in Kinshasa lagern 85 000 Objekte, die sind kaum inventarisiert. Der Direktor sagt, ihm gehe es weniger um Rückgabe als um Zugang zu unserer Sammlung, damit er Ausstellungen organisieren und die eigene Sammlung vervollständigen könne."

Weiteres zum Thema: Monika Grütters droht derweil mit Sanktionen, wenn Museen die Aufarbeitung und Rückgabe von Raubkunst aus den Jahren des Nationalsozialismus weiter verzögern, berichtet Marcus Woeller in der Welt. Und Ira Mazzoni berichtet in der SZ, dass auch private Sammlungen, die vom Bund finanziell unterstützt werden, künftig zur Restitution von Raubkunst verpflichtet werden sollen.