9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2022 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist im Vergleich mit Institutionen wie dem Louvre oder der Smithsonian Institution unterbesetzt und unterfinanziert, und verstrickt sich in ihren verwirrenden Hierarchien. Vor drei Jahren hatte der Wissenschaftsrat eine Auflösung der Stiftung vorgeschlagen, resümiert Andreas Kilb in der FAZ. Stattdessen wurde eine Reformkommission gegründet, die nun ein Eckpunktepapier formuliert hat. Kilb ist bestürzt - das Papier gibt nun den Bundesländern wieder viel Mitsprache: "Dabei ist die Finanzlage klar: Der Bund trägt 85 Prozent des Stiftungshaushalts, das Land Berlin sechs Prozent, die Restsumme verteilt sich auf die übrigen fünfzehn Bundesländer. Dennoch zählen ihre Stimmen im Stiftungsrat nicht weniger als die des Bundes. Diesen Missstand sollte eine Reform der SPK als Allererstes beenden. Stattdessen wird er nun perpetuiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2022 - Kulturpolitik

In der SZ möchte es Jörg Häntzschel kaum glauben: Claudia Roth will jetzt offenbar wirklich die nun auch schon wieder eine ganze Weile brach liegende Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz angehen. Die Pläne, über die der Stiftungsrat am Montag berät, liegen der SZ vor: "Was Roth und ihre Leute jetzt gemeinsam mit den SPK-Einrichtungen vorschlagen, ähnelt stark dem, was unter Grütters schon einmal auf der Tagesordnung stand: An der Spitze soll künftig ein 'Kollegialer Vorstand' stehen, bestückt mit einer repräsentativen Auswahl von Leitern der Einrichtungen. Die Generaldirektion der Museen wird abgeschafft. Die meisten Verwaltungsaufgaben übernimmt eine 'Zentrale Serviceeinheit', die aber nicht über, sondern neben den Häusern steht. Das Regieren von oben nach unten soll aufhören, die einzelnen Häuser sollen mehr Autonomie über Personal, Finanzen und Programm erhalten."

Außerdem: Die FAZ kann von der Debatte um die Garnisonkirche nicht lassen. Heute versucht der Historiker Martin Sabrow eine mittlere Position zu beziehen. Die Gegner des Wiederaufbaus der Kirche bezichtigt er einer "eigentümlichen Verdinglichung des Bösen, indem sie dem Ort selbst eine inhärente Rechtsgerichtetheit" attestierten. Er fordert einen "souveränen Umgang mit der lastenreichen deutschen Vergangenheit" und "stadträumliche Erinnerungskultur", die die Gegensätze befrieden sollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2022 - Kulturpolitik

In der Welt atmet Dankwart Guratzsch auf: Russland ist vom Präsidentenamt der Welterbekommission zurückgetreten. Wer in der Ukraine gezielt Kulturdenkmäler beschießt, hat in diesem Amt nichts zu suchen, findet er. "Zu den heftigsten Kritikern der russischen Präsidentschaft hatte von Anfang an die internationale Organisation World Heritage Watch (WHW) gehört, zu Deutsch: 'Welterbewache'. Sie hatte den Russen bescheinigt, nicht nur Kulturstätten der Ukraine dem Erdboden gleichzumachen, sondern indirekt auch dafür verantwortlich zu sein, dass Welterbestätten weltweit nicht mehr ausreichend geschützt werden konnten. Da sich westliche demokratische Staaten geweigert hätten, unter einem Präsidenten zu tagen, dessen Land einen Bomben- und Raketenkrieg führt, habe das Welterbekomitee 2022 nicht ein einziges Mal zusammenkommen können - was seinerseits dazu beigetragen habe, dass einige Staaten die 'Gunst der Stunde' genutzt hätten, Großprojekte voranzutreiben, die Welterbestätten gefährden." Dazu gehören laut Guratzsch die Autobahn durch die Nekropolen von Kairo, Hotelprojekte im indonesischen Komodo-Nationalpark, auf den Galapagos-Inseln und an den Viktoriafällen in Sambia und Simbabwe, der Autobahntunnel unter dem Megalithkreis von Stonehenge und die Zubetonierung der Akropolis von Athen.
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Stichwörter: Welterbe

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2022 - Kulturpolitik

In linken Künstlerkreisen mag die italienische Regierung unter Giorgia Meloni verhasst sein, aber nicht bei den Fürsten der Kulturinstitutionen, wie Luzi Bernet in der NZZ berichtet. Denn Kulturminister Gennaro Sangiuliano sei zwar kulturell etwas unbedarft aber nicht sein Staatssekretär Vittorio Sgarbi: "In der Schweiz ist Sgarbi kürzlich aufgefallen, weil er während Tagen in den Kanälen seiner sozialen Netzwerke die Tessiner Behörden beschimpfte. Er wurde gebüßt, weil er in seinem Dienstwagen unerlaubterweise mit Blaulicht auf der Autobahn zwischen Locarno und Chiasso unterwegs gewesen war. Solcherart präsentiert sich nun also die Spitze des italienischen Kulturministeriums: telegen und aufbrausend. Muss das schlecht sein für die Kultur? Eike Schmidt, der von Sangiuliano gemaßregelte Direktor der Uffizien, interpretiert die Ernennung so: 'Möglicherweise wollte Meloni erst einmal die Strukturen stören.' Es wäre dies für Schmidt gar nicht unerwünscht. Denn auch er tut sich, wie alle Gesprächspartner unisono, mit den eingefahrenen bürokratischen Strukturen des Kulturbetriebs schwer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2022 - Kulturpolitik

Museen sollen zwanzig Prozent Energie sparen, im Zeichen des Kriegs, aber auch des Klimawandels. Sabine Seifert trifft für die taz Nina Schallenberg, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und lernt: "Reisen, Transporte und Leihgaben reduzieren, Ausstellungsdesigns recyceln, wenn möglich variabler klimatisieren. Bislang galt in deutschen Museen eine Temperatur von 21 Grad in Innenräumen bei einer Luftfeuchtigkeit von 45 bis 55 Prozent als fester Standard. 'Die Regelung war lange auf das empfindlichste Objekt ausgerichtet', erklärt Schallenberg, wobei die Luftfeuchtigkeit entscheidender sei als die Temperatur. 'Papier zum Beispiel hat in dieser Hinsicht ein enormes Gedächtnis.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2022 - Kulturpolitik

Für den Tagesspiegel hat sich Christiane Peitz das Gutachten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte näher angeschaut, dass die Gesinnung der Großspender des Humboldt Forums überprüfen sollte (Unsere Resümees). Im Bezug auf Ehrhardt Bödecker, einen der Großspender, ist "'von deutlichen antisemitischen Klischees einerseits und der Konterkarierung antisemitischer Ressentiments andererseits' die Rede. Die Stiftung Humboldt Forum zieht daraus den Schluss, der Förderverein habe nicht gegen die Spendenrichtlinien verstoßen. Laut Gutachten sei Bödecker 'weder rechtsextremistisch noch in einem rechtsradikalen Sinne antisemitisch gewesen'. Eine höchst fragwürdige Formulierung. Judenfeindlichkeit ist Judenfeindlichkeit: Wäre ein nicht rechtsradikaler Antisemitismus - was immer den Unterschied ausmachen soll - weniger bedenklich? Was die übrigen Großspenden betrifft, bleibt es weitgehend bei Intransparenz."
Stichwörter: Humboldt Forum, Großspenden

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2022 - Kulturpolitik

Die Spender für den Wiederaufbau der Berliner Stadtschlossreplik werden mit einer Tafel im Foyer geehrt. Der Architekt und Autor Philipp Oswalt hatte kritisiert, dass da einige doch eher rechtsextreme Gestalten dabei sein könnten (unser Resümee und mehr hier). Aber jetzt gibt die Anwaltskanzlei Raue, die mit einer Überprüfung beauftragt wurde, Entwarnung, berichtet Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Dabei kommt die Kanzlei Raue zu dem Schluss, dass bis auf die Spender des Deutschen Stifterverbandes und einen anonymen Spender aus der Schweiz alle Spender dem Förderverein namentlich bekannt sind. Von diesen 113 Spendern werden im Humboldt-Forum 106 auf den Tafeln im Portal II geehrt. Die übrigen wollen ausdrücklich anonym bleiben, aber auch bei diesen, so heißt es in einer Pressemitteilung der SFH, habe die Kanzlei Raue keinen Hinweis auf rechtsradikale oder gar extremistische Aktivitäten gefunden. Der Verdacht, der Förderverein habe von rechtsextremen Personen oder Institutionen Großspenden angenommen, habe sich nicht erhärtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2022 - Kulturpolitik

Internationale Vereinbarungen zum Schutz der Umwelt sind ja was gutes, aber sie können auch völlig bizarre Folgen haben, wie die Transportregeln für Musikinstrumente und die Schutzregeln der Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora (CITES) für Hölzer zeigen, berichtet Michael Stallknecht in der SZ: "So stehen seit 2017 alle Palisanderarten auf der Liste, darunter zum Beispiel Grenadillholz, aus dem gern Oboen und Klarinetten gebaut werden. Gehen solche Instrumente auf Reisen über Landesgrenzen, müssen Ausnahmegenehmigungen eingeholt werden, was ein mehrstufiges Verfahren über die diversen Naturschutzämter erfordert. Reisende Orchester gelten dabei als Wanderausstellungen: 'Die Wanderausstellungsbescheinigung kann als Einfuhrgenehmigung, Ausfuhrgenehmigung oder Wiederausfuhrbescheinigung verwendet werden', heißt es im Hinweisblatt des Bundesamts für Naturschutz. Gleichzeitig unterliegen ältere, besonders wertvolle Instrumente, wie sie vor allem Streicher spielen, dem Kulturgutschutz, für den es weitere Ausnahmegenehmigungen braucht." Man kann sich vorstellen, welch bürokratischer Alptraum eine Tournee heutzutage sein muss.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2022 - Kulturpolitik

Die Unesco feierte ihren Fünfzigsten in Delphi, aber im Grunde war es ein "Krisengeburtstag", schreibt Till Briegleb in der SZ. Die afrikanischen Länder sind nach wie vor unterrepräsentiert, viele Weltkulturstätten gefährdet, nicht zuletzt durch "Klimawandel und Umweltzerstörung. Negative Auswirkungen ließen sich bereits bei 34 Prozent aller Monumente dokumentieren, bei den Stätten in Küstennähe sind es 70 Prozent. Und im Jahr 2100, so das diesmal glaubwürdige Unesco-Orakel, werden alle Korallenriffe, die den Titel Weltnaturerbe trügen, verschwunden sein. Unter den Mitgliedsstaaten der Unesco sind alle, die dafür die Hauptverantwortung tragen. Es gibt eigentlich nichts zu feiern in Delphi."

Die ersten Teile der Replik des altindischen Sanchi-Tores sind vor dem Humboldt-Forum errichtet worden, anwesend war auch der indische Botschafter S.E. Harish Parvathaneni, der sich freute, dass  mit dem Sanchi-Tor im Osten ein "Pendant zum Brandenburger Tor im Westen" und damit ein "schönes Symbol der Verbindung von Ost und West überhaupt" geschaffen worden sei, berichtet in der Berliner Zeitung Maritta Adam-Tkalec, die allerdings deutlich weniger erfreut ist: "Träger einer völkervereinenden Friedensbotschaft, Weltkulturerbe, Maskottchen und Publikumswerbung - das ist recht viel verlangt von den mit Geschichten vom 'unsichtbaren Buddha' versehenen Steinen. Und tatsächlich stellt sich beim Betrachten der ersten Elemente an Ort und Stelle Mitleid ein: Da duckt sich ein am angestammten Platz sicherlich mächtig erscheinendes, kunst- und würdevolles, respektheischendes Steintor zwischen den beiden von goldenen Christenkreuzen beherrschten Monumenten des Preußenbarock, Dom und Schlossreplik, und schrumpft zu unverdienter Zwergenhaftigkeit. Es fremdelt in der kulturfremden Umgebung."
Stichwörter: Unesco, Sanchi-Tor, Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2022 - Kulturpolitik

Nach zwanzig Jahren gibt Hortensia Völckers  die Leitung der Kulturstiftung des Bundes ab (die vor vielen Jahren auch das Perlentaucher-Projekt signandsight.com unterstützte). Vor lauter Krisen der jüngsten Zeit, kommt sie kaum dazu, im Zeit-Gespräch mit Tobias Timm zu bilanzieren. Zur Documenta sagt sie: "Ich war ziemlich bedient nach diesem Sommer." Zur Debatte um das "Weltoffen"-Papier der höchsten deutschen Kulturfunktionäre, das der Volksvertretung nahelegte, von ihrem BDS-Beschluss abzurücken, sagt sie als Mitunterzeichnerin: "Es ging nicht darum, den BDS zu verteidigen. Der Sachverhalt ist komplizierter, bei dem BDS-Beschluss wurden viele Details nicht bedacht, was dessen Umsetzung betrifft. Und dann ist im Moment in diesem Land wenig Verständigung darüber erkennbar, wie die Grenzen zwischen Israelkritik und Antisemitismus zu ziehen sind und wer sie bestimmt."