9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2019 - Kulturpolitik

Niklas Maak schildert in der FAZ das kaum nachzuzeichnende kulturpolitische Chaos in Berlin um einige sehr symbolische Orte im Zentrum der Stadt, etwa die  Gegend  um den einstigen Checkpoint Charlie: "Was sonst in Berlin an Symbolbauten geplant wird, ist ein Trauerspiel: Eine Bauakademie, die zurzeit vor allem ein Sinnbild für die Übergriffigkeit politischer Postenzuschusterer ist - und direkt nebenan das geplante Wiedervereinigungsdenkmal, eine begehbare, wippende Riesenschale, die vorführen soll, dass, wenn alle zusammen in eine Richtung marschieren, sich 'etwas bewegt', so wie die Menschen 1989 'etwas bewegt' haben. Doch wenn auf einer Wippe alle in eine Richtung laufen, dann geht es mit den Marschierenden vor allem: bergab."
Stichwörter: Berlin, Checkpoint Charlie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2019 - Kulturpolitik

Als die Moderne noch toll aussah: der Flughafen Berlin-Tegel von Gerkan, Marg und Nickels


Wenn im neuen Flughafen von Berlin irgendwann mal die Lichter angehen, hüstel, dann gehen die Lichter in Berlin-Tegel erst mal aus. Der 1965 von Gerkan, Marg und Nickels gebaute Flughafen soll für neue Nutzungen umgebaut werden. Aber der Flughafen steht auch unter Denkmalschutz. Dank der Geheimhalterei von Senat und neuen Architekten erscheint eine denkmalgerechte Umnutzung Jürgen Tiez im Tagesspiegel derzeit recht unwahrscheinlich zu werden: "Auf Nachfrage geben sowohl die Berliner Bauverwaltung als auch das planende Architekturbüro agn Niederberghaus & Partner keine Auskünfte zum Planungsstand. In Berlin tut man sich offenbar wieder einmal schwer. Das beginnt schon damit, dass es keinen offenen Wettbewerb für die jetzt geplante Umnutzung gab. ... Heimlich, still und leise droht eine weitgehende Zerstörung dieser Ikone der Berliner Moderne, vorbei an der Öffentlichkeit. Dabei sind gelungene Auffrischungen von Bauten der Nachkriegsmoderne kein Hexenwerk, wie gmp mit dem Kulturpalast in Dresden oder Volker Staab mit dem Landtag in Stuttgart jüngst bewiesen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Kulturpolitik

Die Städte Dresden und Chemnitz konkurrieren um den Titel als Europas Kulturhauptstadt 2025. Und beide wollen damit die allzu einschlägigen Assoziationen abstreifen, die man mit ihnen verbindet, schreiben Jan Heidtmann und Ulrike Nimz in der SZ: "Es geht darum, den Schlagzeilen der Vergangenheit etwas entgegenzusetzen, einen Prozess in Gang zu bringen, der die Bürgerschaft wieder zusammenwachsen lässt. Der Politik scheinen die Antworten ausgegangen zu sein. Kann die Kultur sie liefern?"
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2019 - Kulturpolitik

Mit der Generalsanierung der Komischen Oper droht die nächste "Horror-Baustelle", fürchtet Frederik Hanssen im Tagesspiegel, schon beim ausgelobten Architektur-Wettbewerb gab es Verfahrensfehler und auch das Grundstück, auf dem der Anbau für die Komische Oper errichtet werden soll, gehört noch gar nicht dem Land Berlin, sondern dem Baukonzern IVG, mit dem sich die Stadt Berlin derzeit in einem im äußersten Fall noch sieben Jahre dauernden Rechtsstreit befindet.

Und auch der geplante Umzug des Alliertenmuseums von Dahlem zum Flughafen Tempelhof wird teurer als die zugesagten 27 Millionen Euro - zunächst muss erstmal der für das Museum geplante Hangar 7 renoviert werden: "Wie teuer genau, ist offen. Zuletzt hieß es dazu nur, es werde noch gerechnet", schreibt Ulrich Paul in der Berliner Zeitung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2019 - Kulturpolitik

Im Standard-Interview mit Stefan Weiss spricht der senegalesische Ökonom Felwine Sarr, über Afrikas kulturelle und ökonomische Wurzeln und natürlich auch über die Rückgabe geraubter Kolonialkunst. Und er stellt klar, dass es vor allem um einige wichtige Objekte geht, die bei militärischen Expeditionen gewaltsam angehäuft wurden: "In Europa dreht sich alles um Fragen des Besitzes, des Rechts oder der Frage, ob die Objekte ohnehin universellen Status hätten, also der 'Weltgemeinschaft' gehörten und sich die Rückgabefrage daher nicht stelle. In Afrika hingegen fragt man viel nach dem immateriellen Wert der Objekte, die für Afrikaner traditionell oft gar keine Objekte, sondern Subjekte waren. Man fragt sich, ob und wie man diese Gegenstände in die Gemeinschaft resozialisieren könnte oder ob sie durch den langen Aufenthalt in den Museen nicht sogar ihren Spirit' verloren haben. Auch die Ansicht, wonach diese Objekte einzig ins Museum gehören und nirgendwo anders mehr eingesetzt werden können, ist eine westliche und von daher eigentlich hinterfragenswert."

Hunderte von Clubs und Diskotheken sind in den vergangenen Jahren der Verdrängung aus der Innenstadt zum Opfer gefallen. In der taz spricht sich die kulturpolitische Sprecherin der Linkspartei, Caren Lay, dafür aus, Clubs nicht länger als Vergnügungsstätten wie Spielhallen oder Sexkinos zu behandeln, sondern als Kulturorte: "Wenn sie immerhin schon mal als Kultureinrichtung in der Baunutzungsverordnung eingestuft wären, dann hätten sie zumindest einen besseren Standortvorteil und einen besseren Schutz, was kommunale Entscheidungen anbelangt. Es gibt aber nun auch das sogenannte Berghain-Urteil, wo selbst ein Gericht zu der Erkenntnis gekommen ist, dass Clubs mit den Einrichtungen der vermeintlichen 'Hochkultur' gleichgestellt werden sollen. Man muss diese Trennung von Hochkultur und Populärkultur in der Kulturpolitik überwinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2019 - Kulturpolitik

Vor zwei Wochen wurde der Passauer SPD-Bundestagsabgeordnete und Jurist Florian Pronold zum Gründungsdirektor für den Wiederaufbau der Schinkel'schen Bauakademie ernannt. Ausgeschrieben war eine Stelle für eine "international bekannte, wissenschaftlich renommierte" Person, ein(e) MuseumsdirektorIn oder ein(e) ArchitektIn, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. Protest kommt nicht nur vom Bund Deutscher Architekten, sondern auch in Form eines offenen Briefes, den unter anderem Architekten, Museumsleiter und Wissenschaftler wie Philipp Oswalt, HG Merz oder Martino Stierli unterschrieben haben, so Häntzschel weiter. Und: "Fragen nach Pronolds Qualifikation konnte in den letzten Tagen keiner der Verantwortlichen plausibel beantworten. In der Pressemeldung zur Entscheidung hatte Baustaatssekretärin Anne Katrin Bohle erklärt, für Pronold sei die Bauakademie eben eine 'Herzensangelegenheit'. Für weitere Auskünfte stand sie nicht zur Verfügung."

Im SZ-Gespräch von Häntzschel mit der pikanten Tatsache konfrontiert, dass Pronold zuvor Juryvorsitzender des Programmwettbewerbs war und sich bei seiner Bewerbung aus dem Ideenfundus der Architekten bedienen konnte, winkt Barbara Ettinger-Brinckmann, die einzige Architektin, die mit über die Besetzung der Stelle entschied, ab: "Das ist für mich kein Ausschlusskriterium. Die Ergebnisse des Wettbewerbs waren öffentlich. Dass er sich mit dieser Thematik schon intensiv auseinandergesetzt hat, qualifiziert ihn in meinen Augen eher."

Weiters: Die NZZ druckt einen Artikel von Elisabeth Langgässer, erstmals 1949 in der "Deutschen Zeitung und Wirtschaftszeitung" erschienen, in dem die Schriftstellerin für eine Neuordnung  des Kulturlebens ohne jede staatliche Einmischung plädierte: "Je offizieller das Gremium ist, das von ihm eingesetzt wurde, um die Werke des Geistes zu prüfen oder zu prämieren, desto gewisser wird auch der Geist nach dem Bild und Gleichnis des Staates geformt werden und endlich sein Abklatsch werden." Ebenfalls in der NZZ kommentiert der Philosoph Gernot Böhme den Text.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2019 - Kulturpolitik

In der Berliner Zeitung fordert der Stadtplaner Robert Kaltenbrunner eine Neugestaltung des alten Stasi-Areals rund um die Normannenstraße. Statt sich im Klein-Klein einzelner Bauentscheidungen zu verlieren, braucht es "ein übergeordnetes Place-Making" - Idee, Vision,  Sinngebung: "Worum es geht, ist zweierlei: Öffentlichkeit herstellen und Geschichte im Zukünftigen spiegeln. Das ist etwas Neues, Zusätzliches, das nicht nur auf kritische Aufarbeitung, sondern auch auf Interaktion und Mobilisierung setzt. Man muss das Areal zu einem gesellschaftlichen Ort machen, eine 'res publica' definieren und einen zeitgenössischen öffentlichen Raum darin kreieren. Der sollte einladend und authentisch sein, mit Aufenthalts- und Entdeckungsqualitäten, ohne indes seine schwierige Herkunft und Geschichte zu verleugnen - alles andere als ein repräsentativer Schmuckplatz also. Zudem ist es geboten, dass neben der Rückschau eine Auseinandersetzung mit Gegenwart und Zukunft erfolgt."

Der Tagesspiegel meldet, dass die Kuratorin und Museumsmanagerin Hetty Berg neue Direktorin des Jüdischen Museums Berlin wird, nachdem der bisherige Leiter Peter Schäfer im Streit um einen BDS-Tweet zurücktreten musste: "Seit 2002 arbeitete Berg, selbst Mitglied der Jüdischen Gemeinde, als Museumsmanagerin und Chefkuratorin des Jüdischen Kulturviertels in Amsterdam. Dazu gehören neben dem Jüdischen Historischen Museum auch das Kindermuseum, die Portugiesische Synagoge, das Nationale Holocaust-Museum und die Gedenkstätte Hollandsche Schouwburg. Berg lebt nach den Angaben zusammen mit dem französischen Fotografen Frédéric Brenner, dessen Ausstellung 'This Place' aktuell im Jüdischen Museum gezeigt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2019 - Kulturpolitik

In der SZ fragt sich Johann Schloemann, wie er zu dem Vorschlag steht, über die rund eine Millarde Euro teure Sanierung der Stuttgarter Oper durch eine Volksabstimmung zu entscheiden. Der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, hat das erstmal nicht ausschließen wollen. Schloemann sieht im Ganzen mehr Gründe, die gegen einen Volksentscheid sprechen, aber ungemütlich wird ihm bei den jüngsten Kulturprojekten (Elbphilharmonie, Berliner Museen, Gasteig in München, Kölner Oper, Deutsches Museum München) auch: "Auch nach den Maßstäben der weltweit einzigartig dichten, öffentlich finanzierten deutschen Kulturlandschaft - die sich historisch der landesfürstlichen Repräsentation in vielen Kleinstaaten verdankt - fällt gegenwärtig eine Ballung von monströs teuren und hochwertigen Großprojekten auf." Man müsse "auch ohne kunstfeindlichen Populismus darüber diskutieren können, wie sich jene Riesenvorhaben heute zur eigentlichen kulturellen Praxis an der gesellschaftlichen Basis verhalten, also etwa zur Frage, wie viele Menschen Bücher lesen, selber Musik machen oder sich in Kunst vertiefen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2019 - Kulturpolitik

Richtig nett chaotisch ging's nach Andreas Fanizadeh von der taz bei einer Debatte über Kolonialkunst und die deutsche Kolonialherrschaft in Kameruns Hauptstadt Jaunde zu, wohin das Goethe-Institut Künstler aus verschiedenen afrikanischen Ländern plus Journalisten aus Deutschland einlud. Zum Beispiel war die Frage, ob die Weißen mit diskutieren sollten: "Die Trennung nach Hautfarben beim Diskutieren irritierte auch zunehmend diejenigen, die sie eigentlich zu verantworten hatten. Sind die Weißen sich etwa hier zu fein, mit den Afrikaner*innen zu debattieren? Die Handvoll vom Goethe-Institut als Beobachter*innen eingeladenen Pressevertreter aus Deutschland, viele von ihnen hellhäutig, sehen sich vorwurfsvollen Blicken ausgesetzt..."

Dresden will Kulturhauptstadt 2025 werden, berichten Michaela Maria Müller und Frédéric Valin in der taz: "Der Slogan 'Neue Heimat Dresden 2025' ist Ergebnis einer Bürgerbefragung, in der zunächst für Dresdner*innen wichtige Begriffe gesammelt wurden. Diese versuchte man dann in den Slogan aufzunehmen. Die Einschätzungen aus der freien Kulturszene zum Ergebnis fallen unterschiedlich aus. Inzwischen ist er in der ganzen Stadt plakatiert, es wird darüber diskutiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2019 - Kulturpolitik

Wenn das sündhaft teure Museum der Moderne fertig ist, müssen die Berliner Museen aber auch endlich liefern, schreibt im Tagesspiegel Frederik Hansen, der offenbar noch sieben Jahre warten will, bis es endlich mal wieder eine größere Ausstellung in Berlin gibt: "Derzeit sieht es eher trübe aus in der Hauptstadt. Wer die Top-Ausstellung zu El Greco sehen will, muss nach Paris pilgern, wer Leonardo da Vinci nahe kommen möchte, nach London. Die Hamburger Deichtorhallen locken mit einer fantastischen Quadrupel- Schau zu Richter, Kiefer, Polke und Baselitz, in Potsdam glänzt das Museum Barberini mit van Goghs Stillleben. Und was bietet Berlin? 'Die Armbrust - Schrecken und Schönheit' im Deutschen Historischen Museum."