9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2024 - Kulturpolitik

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Der Architekturhistoriker Philipp Oswalt enthüllte die rechte Gesinnung des Bankiers Ehrhardt Bödecker, einer der Großspender des Schlosswiederaufbaus. (Unsere Resümees) In einem Gastbeitrag auf Zeit Online, der auf seinem aktuellen Buch "Bauen am nationalen Haus. Architektur als Identitätspolitik" beruht, zeigt Oswalt auf Grundlage eigener Recherchen auf, dass es sich bei Bödecker nicht um eine Ausnahme handelte: "Es sind vor allem die Kontakte zu rechtsradikalen Politikern, zu einer rechtsextremen Vereinigung in Hamburg und zu einem zentralen publizistischen Organ der sogenannten Neuen Rechten, welche die Verbindung des Vereins in rechtsradikale Milieus aufzeigen. Einer der Politiker ist Dieter Lieberwirth, er hatte im Förderverein anfangs selbst eine Funktion: Lieberwirth gehörte 1992/93 dem fünfköpfigen Gründungsvorstand des Vereins als einer der beiden Stellvertreter des ersten Vereinsvorsitzenden Wilhelm von Boddien an. Dieter Lieberwirth war damals Politiker der Partei Die Republikaner und zuvor schon als Sympathisant der NPD öffentlich in Erscheinung getreten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2024 - Kulturpolitik

Sehr vorsichtig hat der spanische Kulturminister Ernest Urtasun vom linksalternativen Wahlbündnis Sumar eine Dekolonisierung der ihm unterstehenden Museen angekündigt, berichtet Rainer Wandler in der taz: "Es gehe darum, 'Räume für den Dialog und Austausch zu schaffen, die es ermöglichen, den kolonialen Rahmen zu überwinden'." Aber die spanische Rechts sträubt sich: "Spanien, das vom 15. bis zum 20. Jahrhundert große Teile von Süd-, Mittel- und Nordamerika sein eigen nannte, hat für die Rechte eine zivilisatorische Funktion übernommen. Das, was Urtasun Kolonien nennt, seien schließlich 'Vizekönigreiche' gewesen, dem Mutterland gleichgestellt. 'Die Menschen, die dort lebten, hatten' - so der Abgeordnete Joaquín Robles López von der rechtsextremen Partei Vox - 'die gleichen Rechte'. Der angebliche Beweis: Spanien habe 27 Universitäten in Lateinamerika eröffnet und Kathedralen gebaut."

Wo das historische Zentrum der Stadt liegt, dürfte selbst den meisten Berlinern nicht so recht klar sein, irgendwo zwischen Stadtschloss, Rotem Rathaus und Molkennmarkt, eine recht zugige Gegend, die man mit seinem Elektrorad möglichst schnell durchquert. Auch Hans Stimmann, ehemaliger Baustadtrat Berlins, der einige Jahre lang hätte Einfluss nehmen können, konstatiert in der FAZ: "So viel ist seit der Konstituierung des Ersten Gesamt-Berliner Abgeordnetenhauses vor 33 Jahren in den Debatten über die Zukunft der Stadtmitte klar geworden: Die Teilung hat im ehemaligen Ost- und Westberlin zu einem Gedächtnis- und Identitätsverlust des historischen Ganzen geführt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2024 - Kulturpolitik

Joe Chialo gibt zwar mehr Geld für Kultur aus als sein Vorgänger Klaus Lederer, aber viel haben die Berliner Museen nicht davon, weiß Boris Pofalla in der Welt: Das betrifft auch die größten Museen in der Stadt. Sie sind Teil der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, für deren Unterhalt vor allem der Bund sorgt - Berlin trägt zum 370 Millionen Jahresbudget der Stiftung um die 47 Millionen Euro bei. Insgesamt sind es laut einer Münchner Beratungsfirma aber mindestens 66 Millionen Euro und 400 Stellen zu wenig. Und so herrscht Sparzwang. Die neunzehn Einrichtungen der Staatlichen Museen teilen sich eine einzige Pressestelle - und einen Ausstellungsetat von 4,8 Millionen Euro, wozu die Eintrittsgelder zwei Drittel beitragen - Summen also, die immer erst kurzfristig feststehen. Dieses Geld ist wohlgemerkt für alle gemeinsam vorgesehen: die sechs Häuser der Museumsinsel und die Neue Nationalgalerie, die Gemäldegalerie, den Hamburger Bahnhof, die Sammlung Berggruen… Das ist nichts anderes als ein Witz." Stattdessen fließt das Geld in überteuerte Prestigebauten, so Pofalla weiter: "Es ist, als würde man in Berlin exklusive Sportwagen sammeln, ohne Geld für Benzin zu haben."

Laut einen vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste durchgeführten Bericht liegen in 39 Museen und anderen Institutionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 19.000 Objekte aus Namibia, meldet Jörg Häntzschel in der SZ: "Dass in den Museen so viele namibische Objekte liegen, sei erstaunlich, so Larissa Förster, eine der Leiterinnen des Projekts, 'besonders wenn man sie mit den Beständen des namibischen Nationalmuseums vergleicht', das nur 1600 Objekte besitzt. 'Ich hatte nur mit ein paar tausend Objekten gerechnet', sagt sie. Tatsächlich ist die Zahl aber nur ein Annäherungswert. In praktisch allen deutschen Museen liegen viele Objekte, die nie oder falsch inventarisiert wurden, und andere, die in den Inventaren erscheinen, aber inzwischen verloren oder kaputt gegangen sind oder im Krieg zerstört wurden. Außerdem haben etliche weitere Museen kleinere Namibia-Bestände."
Stichwörter: Namibia, Kulturbudget, Chialo, Joe

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2024 - Kulturpolitik

Nein, der deutsche Kulturbetrieb hat kein Problem mit Antisemitismus, da ist sich Deniz Yücel in der Welt sicher. Die Künstler, die für den Berlinale-Eklat sorgten "sind ebenso internationale Namen wie die Protagonisten der übrigen deutschen Debatten um Antisemitismus im Kulturbetrieb, die es nicht erst seit dem 7. Oktober gibt, die sich seither aber in kurzen Abständen wiederholen", betont er. Stattdessen tue sich die deutsche Öffentlichkeit eher schwer, andere Meinungen auszuhalten und sich der Diskussion zu stellen: "Wenn es ein spezifisch deutsches Problem gibt, dann ein anderes: die wachsende Unfähigkeit, andere Meinungen auszuhalten, ohne gleich nach der (Diskurs-)Polizei zu rufen; das schwindende Bewusstsein dafür, dass die Freiheit des Wortes auch die Freiheit des dummen Wortes umfasst, beispielsweise des saudummen Wortes, das Massaker der Hamas vom 7. Oktober sei eine Folge der israelischen Besatzung des Gaza-Streifens, die es seit 2005 nicht mehr gibt."
Stichwörter: 7. Oktober, Hamas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2024 - Kulturpolitik

Boykotte - ob von Israelkritikern oder -verteidigern - bringen doch nichts, vor allem unterdrücken sie jede Debatte, meinen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel in der FAZ und fordern etwas mehr Mut von den Kulturinstitutionen: "Sie sind massivem Druck einerseits von der Politik und andererseits von Aktivisten ausgesetzt. Deshalb sollten sie Boykottforderungen ablehnen, egal aus welcher Richtung sie kommen. Wenn sie einknicken, hat dies nicht nur Konsequenzen für die jeweilige Institution, sondern für unsere Demokratie, die sich dadurch auszeichnet, dass Kontroversität nicht nur zugelassen, sondern ausdrücklich erwünscht ist."
Stichwörter: Israelkritik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2024 - Kulturpolitik

"Cancel Culture" gibt es bekanntlich nicht, aber Ronya Othmann konnte trotzdem nicht am Literaturfestival in Karachi teilnehmen, weil eine wohl aus Deutschland gesteuerte Kampagne ihr vorwarf, sie sei Zionistin und habe den Islam kritisiert (unsere Resümees). In der FAS schildert Othmann die Geschichte aus ihrer Sicht, erzählt, wie die britische Dozentin Claire Chambers, die moderieren sollte, bei Othmann auf Zionismus-Verdacht erkannte und absagte. Das Goethe-Institut sieht in Othmanns Bericht nicht gerade gut aus: "Die Goethe-Instituts-Leiterin telefonierte mit der Festivalleitung, es hieß, es gebe Aufruhr wegen meines Auftritts, deshalb habe man die Ankündigung in den sozialen Medien gelöscht. Vielleicht wäre es das Beste, 'sie' würde sich einfach krank melden, sagte die Festivalleiterin, und die Goethe-Instituts-Leiterin pflichtete ihr bei. Ich bat, die Mail von Claire Chambers an mich weiterzuleiten, damit ich selbst lesen könne, was mir vorgeworfen werde." Später informierte die Leiterin Othmann noch darüber, "dass man hier nun mal kein Verständnis für die deutsche Position gegenüber Israel habe".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2024 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel hatte Claudia Roth in einem Gastbeitrag vergangene Woche bereits Einblicke gegeben, wie sie die deutsche Erinnerungskultur aktualisieren will (Unser Resümee). Ein Entwurf des sogenannten "Rahmenkonzepts Erinnerungskultur" stand kurzzeitig auf der Seite des Kulturministeriums online, wurde aber wieder gelöscht, weiß Sven Felix Kellerhoff, der für die Welt noch einen Blick in das Papier werfen konnte - und aufhorcht. Neben dem Holocaust und der DDR-Diktatur sollen künftig auch deutsche Kolonialverbrechen sowie Migration ihren Platz haben. Zwar soll das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit auch künftig im Mittelpunkt stehen, dem Kolonialismus werde aber "eine bedeutende Rolle zugewiesen - obwohl Inkompatibilitäten durch die seit einigen Jahren stattfindende Relativierung im sogenannten postkolonialen Diskurs sogar klar benannt werden: 'Schablonenhaft beschrieben scheinen sich einerseits die anti-antisemitische narrative Verknüpfung von Holocaust und dem Existenzrecht Israels sowie andererseits die antirassistische Verknüpfung historischer Kolonialverbrechen und ihrer gegenwärtigen neokolonialen Kontinuitäten gegenüber zu stehen.' Nach Ansicht der Kulturstaatsministerin ist die besondere, historisch bedingte Verbindung zwischen der Bundesrepublik und dem Staat Israel also lediglich eine 'narrative Verknüpfung'. Man muss nicht das - in der Formulierung ebenfalls fragwürdige - Bekenntnis von Angela Merkel in der Knesset 2008 zitieren: 'Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes', um zu erkennen: Hier hat sich etwas verschoben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2024 - Kulturpolitik

Harry Nutt berichtet seltsamerweise als einziger in der Berliner Zeitung über eine Anhörung im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages zum Thema Antisemitismus im Kulturbetrieb. "Gute Argumente wechselten sich ab mit Schlagworten", schreibt er: "Schnell fielen Stichworte wie Leitfaden, Antisemitismusklausel und der sogenannte 'Code of Conduct', den Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) erarbeiten lässt. Als kulturpolitisch Verantwortliche sind sie und die jeweiligen Minister auf Landesebene bemüht, Problembewusstsein und Handlungsbereitschaft zu signalisieren. Hat ein erkennbarer Bewusstseinswandel eingesetzt oder haben wir es mit beflissenen Scheinaktivitäten zu tun? Letzteres unterstellte Gitta Connemann (CDU) der Kulturstaatsministerin. Bislang seien von ihr vor allem Plattitüden zu vernehmen gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2024 - Kulturpolitik

So schlecht wie die Franzosen etwa mit Blick auf die geschlossenen Goethe-Institute meinen, steht es um die deutsch-französischen Beziehungen nicht, meint Lena Bopp in der FAZ. Immerhin gebe es genug Beispiele, "die umgekehrt von größerem, deutschen Interesse am Nachbarland zeugen. Allen voran in der Literaturbranche, die ihre Übersetzungen teils mithilfe staatlicher Subventionen finanziert: Nach wie vor werden weit mehr französische Gegenwartsautoren ins Deutsche übersetzt als umgekehrt; anders als Gewinner des Deutschen Buchpreises werden Bücher, denen der Prix Goncourt zuerkannt wird, immer ins Deutsche übertragen; von den vielen Neuübersetzungen französischer Klassiker in den vergangenen Jahren mal ganz abgesehen. Das Interesse ist jedenfalls wach. Und wo es fehlt, wird sein Fehlen so wortreich beklagt, dass man sich um die kulturellen und gesellschaftlichen Beziehungen beider Länder weit weniger sorgt als man bedauert, dass sie nicht nutzbarer gemacht werden."

Marlene Militz konstatiert auf Zeit Online eine schwere Krise der deutschen Erinnerungskultur: "Die Berechtigung, die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit bei der Umsetzung des Projekts der deutschen Erinnerungskultur anzuzweifeln, lässt sich bereits anhand der Diskussionen um ihre wohl größte Manifestation in Berlins Stadtmitte - dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas - begründen. Die Debatte um das Holocaust-Mahnmal dauerte zehn Jahre an. James E. Young, damaliges Mitglied der Findungskommission, machte in einer Rede vor dem Bundestag 1997 den polemischen Punkt, man solle doch statt eines architektonischen Symbols lieber die Debatte darum fest verankern: 'Lieber tausend Jahre Holocaust-Gedenkwettbewerbe in Deutschland als eine 'Endlösung' für Deutschlands Holocaust-Gedenkfrage.'

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2024 - Kulturpolitik

Für den Abriss jedes Atomkraftwerks entstehen Kosten von etwa einer Milliarde Euro, da sollten sie doch besser als Denkmäler erhalten werden, fordern der Architekt Philipp Oswalt und Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung in der FAS: "Egal, wie man zur Atomenergie persönlich steht: Unstrittig ist, dass sie einen enormen Einfluss auf die Nachkriegsgeschichte in Deutschland und anderen Industrieländern hatte. Während man andernorts exemplarische Anlagen unter Denkmalschutz stellte und über die Geschichte dieser Technologie informiert, ist dies in Deutschland ein Tabu. Atomenergie gilt als heikles Thema, bei dem politisch nichts mehr zu gewinnen ist. Die der Politik unterstellten Denkmalschutzbehörden trauen sich nicht zu widersprechen, auch wenn sie eigentlich den gesetzlichen Auftrag haben, historisch bedeutende Bauwerke zu bewahren. Fachlich ist kaum zu bestreiten, dass Atomkraftwerke Denkmalschutzkriterien in mehrfacher Hinsicht erfüllen, aber bis heute steht keine der kommerziellen Atomanlagen in Deutschland unter Denkmalschutz."