9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2017 - Kulturpolitik

Die Presse hat sich nicht besonders für das Thema interessiert. Ken Jebsen sollte den "Karlspreis" für "Engagierte Literatur und Publizistik" im Berliner Babylon-Mitte-Kino ausgehändigt bekommen - Kultursenator Klaus Lederer wandte sich auf Facebook gegen  die Idee, dass die Verschwörungstheoretiker sich ausgerechnet in einem von ihm hoch subventionierten Kino treffen (unser Resümee). Auch RT Deutsch berichtet über das Thema, und verteidigt seinen Mitarbeiter Jebsen, dem krass antisemitische Äußerungen vorgeworfen werden: "Dass jedoch eine eindeutig politisch motivierte staatliche Intervention gegen eine juristisch nicht anfechtbare Veranstaltung erfolgt - noch dazu in einem von öffentlicher Förderung abhängigen Kulturbetrieb - ist alarmierend." Der einstige Sozialdemokrat Albrecht Müller - Jebsen-Fan und sozusagen Gauland der Linken - sieht es auf den Nachdenkseiten genauso. Und die den Preis auslobende Querfront-Postille nrhz.de geht davon aus, dass die Preisverleihung wie gewünscht im gastfreundlichen Kino stattfindet: "Sorgen wir alle dafür, dass das so kommt und die Feinde der Demokratie nicht die Oberhand gewinnen!"

Auch taz-Pionier Mathias Bröckers, der die Laudatio für Jebsen halten soll und ein ganzes Buch über Jebsen gemacht hat, ist empört über die nur auf Druck erfolgte Absage des Kinos und verbindet seine Kritik daran daran auf dem verschwörungstheoretischen Portal rubikon.news mit einer grundsätzlichen Kritik an seiner Zeitung: "Dass die taz ihre friedenspolitischen Wurzeln gekappt hat und ähnlich wie die Partei der (Oliv-)Grünen seit dem Jugoslawienkrieg die illegalen Kriege des US-Imperiums akzeptabel findet, können Leute wie ich, die vor 38 Jahren diese antimilitaristisch verwurzelte 'linke radikale tageszeitung' mitgründeten, nur als tragischen Niedergang empfinden." Die Äußerung des Kultursenators bezeichnet Bröckers als "Rufmord".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2017 - Kulturpolitik

Am Mittwoch verteidigten die Architekten Herzog und de Meuron in einer randvollen Akademie der Künste ihren Entwurf für das Museum des 20. Jahrhunderts im Kulturforum, das Herzog selbstironisch als "größten Aldi in Berlin" bezeichnete. Aber wer Berhard Schulz' Bericht im Tagesspiegel liest, dem schwant für die Architekten und ihren Entwurf nichts Gutes. Die beiden werden es mit Berliner Politikern zu tun bekommen, etwa der Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Katrin Lompscher von der Linkspartei: "Lompscher machte in dem ruppig-proletarischen Jargon, den sie zur Freude ihrer Ost-Wähler pflegt, deutlich, dass die Stadt andere Prioritäten habe, als jetzt die Potsdamer Straße umzubauen oder gar in einen Tunnel zu verlegen: 'Das passt nicht in die Programmierung der aktuellen politischen Situation.' Lieber sprach sie von der Straßenbahn, die doch nun schon seit Jahrzehnten bis hierhin geführt werden soll: 'Wir werden mit der Straßenbahn eine sehr sensible Gestaltungsaufgabe haben.' Ach was!" Für die Welt berichtet Barbara Möller.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2017 - Kulturpolitik

Barbara Möller hat für die Welt in den Landesparlamenten nachgesehen, was die AfD so unter Kulturpolitik versteht und kann "schon mal vorweg vermelden: nicht viel. Kein Wunder: Der eine oder andere muss da von seiner Partei offenbar schon mit vorgehaltener Pistole gezwungen werden, einen Platz im Kulturausschuss einzunehmen. Zum Beispiel die nordrhein-westfälische Abgeordnete Gabriele Walger-Demolsky, die der Ansicht ist, dass diese Arbeit 'für einen wirtschaftlich denkenden Menschen Höchststrafe bedeutet'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2017 - Kulturpolitik

Wer hat eigentlich behauptet, das Münchner Konzerthaus werde am Ende um die 370 Millionen Euro kosten? Gerhard Matzig hat für die SZ herumgefragt bei Architekten, Jurymitgliedern und Behörden, aber niemand will es gewesen sein. Man kann über die Kosten eigentlich auch noch nichts sagen, weil die Planung noch nicht fertig ist. Aber der Wunsch nach einer Zahl ist verständlich, gibt Matzig zu. Immerhin gibt es bei öffentlichen Großprojekten laut einer Studie in Deutschland eine durchschnittliche Kostensteigerung von 73 Prozent! Umso wichtiger ist es für Matzig, keine ungeprüften Zahlen in den Raum zu werfen: "Eine Bitte an die Politik und andere Möchtegern-Bauherren: Erbarmt euch, lasst die Fachleute vorher ihre Arbeit machen, damit hinterher nicht schon wieder die Kosten explodieren."

Wie kommt ein Kino wie das Babylon in Berlin-Mitte eigentlich auf die Idee, eine Veranstaltung des extremistischen Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen in sein Programm aufzunehmen (so sah es auf der Website des Kinos jedenfalls aus, unser Resümee). Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer hatte sich auf Facebook entsetzt über die Veranstaltung geäußert und dem Wunsch Ausdruck gegeben, dass das Kino die Veranstaltung absetzt. "Genau das hat Babylon-Chef Timothy Grossman nun getan", berichtet Erik Peter in der taz, "wohl aber ohne von der Richtigkeit dieses Schrittes überzeugt zu sein. Auf Nachfrage der taz reagierte das Kino barsch - für eine Auskunft stehe man nicht zur Verfügung." Zu ergänzen wäre der taz-Artikel allenfalls um das Detail, dass als Laudator für Jebsen tazler Mathias Bröckers annonciert war.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2017 - Kulturpolitik

Das Berliner Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz sorgt nicht zum ersten Mal für Negativ-Schlagzeilen: Jetzt soll dort dem Querfröntler und seinerzeit wegen wirrer Aussagen zur Schoah beim RBB geschassten Ken Jebsen ein Preis verliehen werden, begleitet von einem Auftritt der Band "Die Bandbreite", die auch bei der NPD und Jürgen Elsässer Anklang findet, wie Kultursenator Klaus Lederer in einem Facebook-Posting entsetzt feststellt. Für ihn ist die Veranstaltung am Rosa-Luxemburg-Platz ein "Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Aluhüte" - dass seine Behörde das Kino Babylon mit reichlich Fördermittel ausstattet, erwähnt er allerdings sehr geflissentlich nicht: Im kommenden Jahr über 400.000 Euro, wie eine Twitter-Anfrage von Tagesspiegel-Redakteur Johannes Bockenheimer ergeben hat. Bleibt die Frage, ob diesem Entsetzen nicht auch kulturpolitische Konsequenzen folgen sollten.

Hier die Darstellung der Veranstaltung auf der Website des Babylon (die inzwischen entfernt ist, heute morgen aber im Google-Cache noch zu finden war):

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2017 - Kulturpolitik

Hin- und hergerissen betrachtet Niklas Maak in der FAZ den am Wochenende eröffnenden Louvre Abu Dhabi. Die Nonchalance, mit der Jean Nouvel Kritik an seinem Bau abbügelt, findet er so unangenehm wie die rigorose Kritik am Austausch mit einer Autokratie. Aber auch das hohle Menschheits-Pathos, das in dem Bau und im Museum beschworen wird, geht ihm auf die Nerven: "Roland Barthes hatte vor genau sechzig Jahren in einer legendären Kritik der Ausstellung 'The Great Family of Man', die zeigen wollte, wie alle Menschen auf der Welt sich im Geborenwerden, Trauern, Arbeiten und Sterben ähnlich sind, darauf hingewiesen, dass es auch interessant wäre, zu erfahren, unter welchen Bedingungen all diese so ähnlichen Menschen geboren werden (im Slum oder im Krankenhaus), arbeiten und leben. Erst diese Differenzierung, so Barthes, mache politisches Handeln möglich, weil sie die Gemachtheit und Veränderbarkeit der Lebensbedingungen offenlege, wohingegen die Betonung der Conditio Humana letztendlich eine Unveränderbarkeit und Naturgegebenheit der Verhältnisse suggeriere."
Stichwörter: Louvre, Louvre Abu Dhabi

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2017 - Kulturpolitik

Im Welt-Interview mit Rainer Haubrich spricht der Berliner Architekt Bernd Albers über die aufgrund des Wohnungsmangels notwendige Verdichtung von Großstädten, die vor allem in Berlin aber an der "Kiezmentalität" der Bürger scheitere: "Das hängt wohl auch mit dem Grad der Identifikation mit der eigenen Stadtmitte zusammen. Die ist in Köln oder Hamburg oder München sicherlich anders als in Berlin. Berlin hat sich geistig von seiner Mitte so weit entfernt und in die vermeintlichen Kieze zurückgezogen - der größte Kiez ist West-Berlin -, dass die Bewahrung des Status quo oberste Priorität zu haben scheint. Gleichzeitig fehlt es vielen Neubauprojekten an der Faszination für das genuin Städtische."

Da ist man in Saudi-Arabien schon einen Schritt weiter, berichtet Gerhard Matzig auf SZ-online. Während man im Westen noch fest daran glaubt, Städte müssten wie "Keimlinge" entstehen, soll dort für 500 Milliarden Dollar die schlüsselfertige Megastadt Neom gebaut werden, so Matzig: "Neom ist ein englisch-arabischer Neologismus und soll so viel heißen wie 'neue Zukunft', was den Begriff des 'Übermorgenlandes' ins Absurde steigert. Berichten zufolge soll Neom auf einer Fläche von sagenhaften 26 500 Quadratkilometern entstehen. Das entspräche etwa 30 Mal der mit 892 Quadratkilometern flächengrößten Gemeinde Deutschlands, also Berlin. Aber der Plan des Königreichs Saudi-Arabien sieht noch ganz andere Superlative vor. In der Stadt, deren erste Bauphase schon 2025 abzuschließen wäre, sollen später sogar mehr Roboter als Menschen leben."

Rose-Maria Gropp und Julia Voss führen für die FAZ mit Marcel Brülhart von der Stiftung des Kunstmuseums Bern ein resümierendes Gespräch über die Sammlung Gurlitt und Raubkunst: "Der Fall Gurlitt hat faktisch dazu geführt, dass die Museen erstens ihre eigenen Bestände systematisch und umfassend auf allfällige Provenienzlücken zu untersuchen beginnen. Und zweitens wird die Frage einer zeitgemäßen Auslegung der Prinzipien des 'Washingtoner Abkommens' wieder diskutiert. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2017 - Kulturpolitik

In der SZ ist Jörg Häntzschel begeistert vom renovierten Wiener Weltmuseum, das dem Humboldt-Forum zeigt, wie man sich produktiv mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt: "Es beginnt schon bei einer Korrektur der eigenen Rolle: Der Anspruch, von Wien aus die Welt zu erklären, ist obsolet. Doch was kann an die Stelle dieses europäischen Master-Narrativs treten? (...) In Wien .. ersetzt man Letztgültiges durch Essayismus und die Autorität der Institution durch persönliche Stimmen von Vertretern der Herkunftsländer und Kuratoren. Sie geben jedem Saal einen eigenen Ton und Charakter und sind deshalb auch jeweils namentlich aufgeführt. Statt nun anhand der Objekte die Kulturen darzustellen, berichten die Erzähler hier von den Beziehungen der Kulturen, die sich über die Objekte ergaben. Das Museum und seine Sammlungen sind der Punkt, an dem sie sich kreuzen, eine Art Drehscheibe des kulturellen Austauschs."

Ein anderes gutes Beispiel für den Umgang mit der Vergangenheit ist die Berliner Ausstellung "Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum", meint Susanne Memarnia in der taz: "Experimentell werden dort je dreißig Objekte aus der außereuropäischen ethnologischen Sammlung solchen der europäischen Skulpturensammlung gegenübergestellt - und verglichen. Warum wurden die einen Objekte als Ethnologica gesammelt, die anderen als Kunstwerke? Diese zentrale Frage, die die Ausstellung aufwirft, ist nicht nur für Kunsthistoriker interessant. Wer definiert, was Kunst ist und was 'primitiv', beansprucht Deutungshoheit und erhebt sich über den anderen. So wie es Europa über Afrika getan hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2017 - Kulturpolitik

Der niederländische Kurator Paul Spies erzählt in einem instruktiven Gespräch mit Uwe Rada von der taz, wie er zusagte, das verschlafene stadthistorische Märkische Museum in Berlin zu leiten und was für einen Eindruck er von diesem Museum hatte: "Ich war total überrascht. Ich hatte das Gefühl, als ob die Zeit stillstünde. Als ob es gar keine Gedanken darüber gab, wie man die Geschichte Berlins museologisch ausstellt. Ich war auch überrascht, dass es anscheinend so wenig Geld gab, um das alles zu verbessern. Einer der Gründe, weswegen ich gekommen bin, hat auch mit der Zusage der Mittel zur Sanierung des Märkischen Museums und des benachbarten Marinehauses zu tun. Entstauben ohne Geld, das geht nicht." Nun sind ihm 65 Millionen Euro zugesagt, er darf auch eine Fläche im Humboldt-Forum bespielen, und alle warten mit Spannung.

Wie kann man die immer weitergehende Abwanderung in die Städte verhindern, fragt in der SZ Gerhard Matzig. Oder anders gefragt: Wie kann man das Landleben attraktiver machen? Warum eine Gegenbewegung zur Urbanisierung so wichtig wäre, erklärt Matzig auch: "93 Prozent der Fläche Deutschlands werden von Gemeinden jenseits der großen Metropolen eingenommen. 60 Prozent der Deutschen wohnen in Landgemeinden, Kleinstädten und kleineren Mittelstädten. Wir sind Provinz - und diese Provinz darf nicht zum Reservat des Abgehängtseins werden. Das Land-Stadt-Schisma beinhaltet daher ungeheure Sprengkräfte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2017 - Kulturpolitik

In der FAZ berichtet der Afrikanist Holger Stoecker über ein Projekt Berliner Museen, die den Erwerb eines Dinosaurierskeletts im Berliner Naturkundemuseum untersuchen. Gefunden wurde das Skelett Anfang des 20. Jahrhunderts im damaligen Deutsch-Ostafrika. Heute gibt es Gruppen in Tansania, die es zurückfordern. Die Regierung in Tansania will das allerdings nicht, so Stoecker: "Es bestätigt sich damit das Bild aus anderen Restitutionsprozessen: Marginalisierte Gruppen nutzen Rückgabeforderungen, um sich politisch zu organisieren und ihre Position im gesamtgesellschaftlichen Gefüge zu stärken. Nicht selten geraten sie dabei in eine offene Kontroverse mit ihren Regierungen. Im Juni 2017 erteilte die Regierung Tansanias durch den stellvertretenden Minister für natürliche Ressourcen und Tourismus, Ramo Makani, den Rückgabeforderungen eine Absage." Der Grund: Tansania könne das Skelett weder sachgerecht aufbewahren noch ausstellen. Die Regierung hätte lieber deutsche Unterstützung bei der Ausbildung eigener Archäologen und bei eigenen Ausgrabungen.
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