9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

September, 2017

Gleichmacherei ist ihm ein Horror

30.09.2017. Zerbricht Spanien?, fragt die taz und schickt ein fatales Stimmungsbild aus Madrid und Barcelona. Das Referendum wird ein demokratischer Tsunami, frohlockt dagegen Kataloniens Regionalpräsident Carles Puigdemont in der FAZ. Ja, fürchtet der Guardian, dagegen war der Brexit gar nichts. Die SZ erinnert daran, dass noch vor 25 Jahren nur Serienmörder oder Wahnsinnige ein eigenes Profil bekamen. Und in der taz spricht der Historiker Gerd Koenen über seine große Geschichte des Kommunismus.

Twitter ist das Nervenzentrum

29.09.2017. Buzzfeed.com stellt eine Studie vor, die eine starke Relation zwischen Berichterstattung und Wahlerfolgen der AfD behauptet. Der Economist bespricht Anne Applebaums Buch über Stalins Krieg gegen die Ukraine. Die SZ bringt Autorenstimmen zum katalanischen Referendum. Der Populismus ist ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, meint Timothy Garton Ash ebenfalls in der SZ. Die Jüdische Allgemeine konstatiert: der neue Antisemitismus von rechts und links ist im Stadium des Wahns angekommen.

Die Option, Amnestien zu erlassen

28.09.2017. Bernard-Henri Lévy vergleicht die Verfolgung der Rohingya in La Règle du Jeu mit dem Massaker in Ruanda. Für die taz kratzt die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen in Saudi-Arabien nur an der Oberfläche - Am Status der Frauen ändert sich nichts. In der FR spricht Colin Crouch über die Europäisierung des Populismus. Die Zeit fragt, warum Islamkritiker wie Hamed Abdel-Samad oder Seyran Ates als "Rechte" bezeichnet werden, während sie von den reaktionärsten Kräften im Islam verfolgt werden.

Kratzen, beißen und zurückbeleidigen

27.09.2017. Politico.eu erzählt, mit welcher Verachtung das Team des erfolgreichen Jeremy Corbyn auf den Wahlkampf Martin Schulz' herabblickt. In der NZZ warnt Pascal Bruckner vor der Idee, dass wir das Klima steuern könnten wie ein Kapitän sein Boot. In der FAZ beklagt Mathias Döpfner die "Interessenallianz" zwischen der Politik und öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland. In Kreuzberg darf künftig keine sexistische Werbung mehr gezeigt werden - wie Sexismus funktioniert erklärt eine 28-seitige Handreichung des Bezirks.  Wir verlinken auf Emmanuel Macrons Europa-Rede.

Psychopolitisch mächtige Gefühle

26.09.2017. An etwas anderes als die AfD kann die Publizistik noch nicht denken: Die SZ fragt, warum die Rechtspopulisten ausgerechnet in Sachsen derart triumphieren konnten. Franziska Holzfurtner bei den Salonkolumnisten und Stefan Kleie in der FAZ nehmen die Ossis gegen pauschale Besserwisserei aus dem Westen in Schutz. Isolde Charim warnt in der taz, dass die Ressentiments der AfD-Wähler durch die Repräsentation im Bundestag eine Art Legitimität erhalten könnten. Die New York Times denkt über das Versagen politischen Systems in Amerika nach: Die Republikaner werden auch bei den Zwischenwahlen krass überrepräsentiert sein.

Solange es freie Wahlen gibt

25.09.2017. Diese Wahl ist ein Schock: Die AfD wird in den Bundestag einziehen und war wieder einmal stärker, als die Umfragen es anzeigten. Wie umgehen mit der Partei? Nicht vergessen, dass diese Sieger eigentlich Loser sind, meint Jan Feddersen in der taz. Aber es gibt eine Kontinuität zur Nazizeit, meint Micha Brumlik ebenfalls in der taz. Die AfD gewinnt sehr viel Macht durch Mitarbeiterzahl und Infrastruktur im Bundestag, mahnt Vice. Und es sind ziemlich üble Finsterlinge darunter, zeigt der Tagesspiegel. Und der Freitag ergeht sich in historischen Verschwörungstheorien, die zeigen, dass auch Linke ausflippen können. Zumindest einer macht sich Hoffnung: Orhan Pamuk in der FAZ, in diesem Fall aber für die Türkei.

Das ist irgendwie ganz schön ­deprimierend

23.09.2017. Russland hat in den deutschen Wahlkampf nicht eingegriffen - das liegt daran, dass es seine Ziele schon erreicht hat, meint Boris Reitschuster in der Washington Post. Der Wahlkampf war "bedeutungslos", schreibt die taz, aber die Ergebnisse werden es nicht sein: Die AfD könnte die drittstärkste Kraft werden. Höchst erregt antwortet Magdalena Müssig im Freitag in einer von der SZ aufgworfenen Debatte über Frauen- und Flüchtlingsrechte. Aber eins ist klar: Für die Kultur brechen goldene Zeiten an - jedenfalls wenn man den Wahlkampfprogrammen der Parteien glaubt, so der Tagesspiegel.

Am Ende einer Spirale

22.09.2017. In der SZ begründet Monika Grütters, warum sie nur einen Intendanten für das Humboldt-Forum will.  Ebenfalls in der SZ machen sich einige Intellektuelle Gedanken über ihr politische Rolle vor den Wahlen. Netzpolitik fragt, ob die großen Gerichte inzwischen eine spezielle Rechtsprechung für Google machen. Die Salonkolumnisten amüsieren sich über Sigmar Gabriel, der für Nordkorea Vorschläge macht, die schon in der Ukraine scheiterten.

Verlagerung von Kulturgut

21.09.2017. Wer gegen "kulturelle Aneignung" wettert, bekämpft nicht den Rassismus, schreibt Kenan Malik in seinem Blog. Der Buchmarkt ist in einer immer dramatischeren Krise, aber keiner spricht drüber, mit Ausnahme der FAZ. Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten nicht allzu viel Transparenz konzedieren, meinen sie laut Spiegel online. Sueddeutsche.de sucht nach der Filterblase, findet sie aber nicht.  In der taz warnt der Althistoriker Roland Steinacher vor einen Funktionalisierung der Genetik zu historischen Zwecken.

Köln wird immer wieder erwähnt

20.09.2017. Politico.eu porträtiert Gabriel Rufian, einen der Anführer der katalanischen Sezessionisten. In der taz erklärt Laurie Penny weiße Frauen zu Eigentum. Die säkulare Gesellschaft ist keineswegs nur aus dem Christentum hervorgegangen, schreibt der Historiker Lucian Hölscher in der FAZ.  Die Welt fragt, warum sich die FDP in die Liste der russophilen Parteien einreiht.

Madrid mag euch

19.09.2017. In Katalonien zieht der Schatten des Referendums auf: Die taz berichtet über Solidarität mit den Sezessionisten außerhalb der Region, die FAZ über die Spaltung der Gesellschaft innerhalb der Region. In der FR macht sich Robert Menasse Sorgen über das deutsche Problem mit der deutschen Führungsrolle in Europa. Politico.eu zeigt, wie der Brexit Australien und Neuseeland inspiriert.  Netzpolitik bringt einen Nachruf auf die Piratenpartei.

Schwarz und Weiß verflochten

18.09.2017. Google will laut FAZ den Verlagen bei ihren Bezahlinhalten helfen, indem es Nutzerdaten an sie weitergibt.  In der Stuttgarter Zeitung verteidigt Günther Oettinger sein europäisches Leistungsschutzrecht für Zeitungen. In der FAZ erzählt Peter Schneider, warum er den Rechtfertigungen seines Freunds Gerhard Schröder über sein Verhältnis zu Putin nicht glaubt. Peter Sloterdijk erwartet in der NZZ eine Fortdauer der Lethargokratie. Die New York Review of Books publiziert den letzten Text Liu Xiaobos, eine kleine Liebeserklärung an seine Frau Liu Xia.

Ich, der all diese Bücher gelesen hatte

16.09.2017. Der Guardian blickt auf einen deutschen Wahlkampf, in dem der Rest der Welt keine Rolle spielt. In der SZ beschreibt Chadar al-Agha, wie der Flüchtling den Schriftsteller in ihm zum Schweigen brachte. In der taz erklärt Ivan Krastev, wie 1968 bis heute den Westen vom Osten trennt. In der FAZ schildert Bülent Mumay, wie community pressure in der Türkei dem nicht-religiösen Leben den Garaus macht. Die NYR Daily berichtet von einer Mordserie an Journalisten in Indien. Feige findet es die New York Times, wie die Harvard University im Fall von Chelsea Manning vor der CIA kuscht.

Die wertvollste Reparation

15.09.2017. Immer weniger Ärztinnen trauen sich in Deutschland Abtreibungen durchzuführen - weil sie von "Lebensschützerinnen" massiv belästigt werden, berichtet die taz. In der Welt fragt Constantin Schreiber, ob Kinder an deutschen Schulen nicht einen gemeinsamen Religionsunterricht haben sollten. Der Guardian findet eine der Ursachen für den auch in der amerikanischen Linken weit verbreiteten Hass auf Hillary Clinton: Rassismus.

War wohl kein Perlentaucher

14.09.2017. In der taz sieht Heinz Bude, was die Grünen und die SPD nicht sehen. Die Berliner Zeitung empfiehlt die Lektüre von Karl Marx. In der FAZ macht sich der Politologe Roland Sturm Sorgen um den Föderalismus. Eine Gruppe von Netz-NGOs fordert, dass öffentliche Software immer auch Open Source sein soll. Chelsea Manning imaginiert in der New York Times den digitalen Überwachungsstaat. Und in Slate fragt Lawrence Krauss, warum Science fiction das Internet nicht voraussah.

Ein ganzer Strauß von Alternativen

13.09.2017. Die New York Times zeigt, wie russische Organisationen auf Facebook für Donald Trump Wahlkampf machten. Correctiv.org recherchiert zu den neuesten Internet-Memes und dem "negative campaigning" der AfD. Netzpolitik geißelt das Schweigen der Bundesregierung zu Videoüberwachung und Gesichtserkennung. Der Guardian bringt einen großen Bericht über das Sterben des britischen Buchhandels - der nebenbei elfmal höhere Unternehmenssteuern zahlt als Amazon. Politico.eu fragt: Hat Emmanuel Macron den Herbst schon überstanden? Und denkt er wirklich so schlecht über Intellektuelle?

Im Grunde ist das Gegenteil wahr

12.09.2017. Facebook muss zugeben, dass Russland im amerikanischen Wahlkampf ausländerfeindliche Events über seine Plattform organisierte, berichtet The Daily Beast. In Frankreich herrscht Aufregung über einen Debattenbeitrag der New York Times, der Emmanuel Macron als Luftnummer abtut, berichtet Libération. Izmir ist das neue Istanbul - die SZ besingt die von der oppositionellen CHP regierte Stadt. Texte zur Kunst und Zeit online fragen, wie aus den Subjekten des Feminismus "intersektionale Bündnispartnerinnen" des Queerismus werden konnten.

Atheisten inakzeptabel

11.09.2017. Die NZZ ist entsetzt über türkische Geschichtsklitterung, in der FAZ schildert Bülent Mümay die religiöse Propaganda des Erdogan-Regimes in den Schulen.  In der FR findet der Philosoph Michael Quante Karl Marx "in einer neoliberalen Gesellschaft hinreichend provokativ". Die FAS zeichnet amerikanische Debatten um "kulturelle Aneignung" nach.  Ein offener Brief von Medienwissenschaftlern verteidigt die öffentlich-rechtlichen Sender und die "Demokratieabgabe".

Gemeinsam geteilte Selbstverständlichkeiten

09.09.2017. Die Postkolonialismus-Debatte schwappt jetzt sogar ins Berliner Naturkundemuseum, beobachtet die taz - dabei geht's um die Künstler Jan Nikolai Nelles und Nora al-Badri und ihre Arbeit mit Dinosaurierknochen. Schriftsteller Howard Jacobson beschreibt in der New York Times die trübe Stimmung in Britannien. In der FR erklärt Olivier Roy, wie Terroristen "sich selbst zum Vater ihrer Mutter" machen. Golem.de sagt ade zu StudiVZ -das existierte noch, ist jetzt aber endgültig pleite.  In der taz überwindet Ulrike Guérot die nationale, in der NZZ Thomas A. Becker aber nicht die kulturelle Identität.

Wenn ich bei Rot über die Ampel fahre

08.09.2017. In der Berliner Zeitung warnt Monika Grütters vor den Auswirkungen des Internets. Dabei können gerade staatliche Stellen viel mit den Fortschritten der Digitalisierung anfangen, zeigt der Deutschlandfunk am Beispiel Chinas. Die taz würdigt die Feministin Kate Millett, die im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Die SZ wollte vierzig deutsch-türkische Kulturschaffende zur Lage in der Türkei interviewen - nur ein Viertel war bereit zu antworten.

Sie sind zu wenig wütend

07.09.2017. Die Katalanen wagen jetzt laut politico.eu den offenen Bruch mit der Zentralregierung - ein Dekret der Regionalregierung macht das Referendum am 1. Oktober offiziell - im Widerspruch zur spanischen Verfassung. Sascha Lobo schreibt in Spiegel online einen Brief an die Wähler über 60 und macht sie verantwortlich für die Untätigkeit der Regierung bei der digitalen Infrastruktur. Die NZZ führt die Gender-Debatte weiter.

Nur ein Zweitbestes

06.09.2017. Im Guardian fordert George Monbiot die Aberkennung des Nobelpreises für Aung San Suu Kyi. In der SZ  verspürt Christoph Türcke den Stich, den der Islamismus dem Westen versetzt. Die NYRB erzählt, wie sich John Kerry als Wahlbeobachter in Kenia blamierte. Barack Obama kritisiert auf Facebook Donald Trump für seine Entscheidung, keine "Träumer" mehr zu dulden. Der Guardian veröffentlicht ein Geheimpapier der britischen Regierung über ihr Britannien nach dem Brexit.

Sex, Sound und Underground

05.09.2017. In der NZZ erinnert Wolfgang Kraushaar an den Preis, den die Bundesregierung für die Bekämpfung der RAF bezahlte. In der FAZ kritisiert der marokkanische Autor Kacem El Ghazzali die westliche Linke, die die konservativsten Kreise in den muslimischen Ländern unterstützt. Die taz fragt, warum Aung San Suu Kyi nichts gegen die Verfolgung der Rohingya tut. Und die New York Times schreibt: "Nochmals - Donald Trump ist ein Lügner."

Dieses eingeübte System

04.09.2017. Der niederländische Schriftsteller Abdelkader Benali fragt in der NZZ, warum es islamistischen Hasspredigern immer wieder gelingt, junge Rekruten in Europa zu finden. Der Wahlkampf ist auch deshalb so langweilig, weil die eigentlichen Themen gemieden werden, meint Georg Diez in seiner Spiegel-online-Kolumne. Die eigentliche Brexit-Lüge war, dass der Brexit einfach werden würde, stöhnt Nick Cohen im ObserverZeit online vergleicht die netzpolitischen Wahlprogramme der Parteien.

Das Gespenst der Stalin-Zeit

02.09.2017. Vierzig Jahre nach dem Deutschen Herbst bringt die taz ein großes Dossier über die RAF - Wolfgang Kraushaar benennt den antisemitischen Aspekt der Bewegung. Thomas Schmid arbeitet in der Welt sich an der deprimierenden Perspektive des morgigen Kandidatenduells ab. In der SZ plädiert Laura Weißmüller  dafür, den Boden als Gemeingut zu definieren. Wie steht's um die Macht von Thinktanks, fragen amerikanische Medien, nachdem die die von Google unterstützte New America Foundation einen Google-Kritiker feuerte.

Schmutziges Glücksrad

01.09.2017. Deniz Yücel ist seit 200 Tagen in Haft und darf nur alle zwei Wochen für zehn Minuten telefonieren. Seine Frau Dilek Mayatürk-Yücel prangert in taz und Spiegel online die unmenschlichen Haftbedingungen an. Ensar Haidar, die Frau Raif Badawis, appelliert in der Daily Mail an den König des Landes, ihren Mann, von dem sie keine Neuigkeiten hat, freizulassen. Die FAZ kommentiert den Prozess gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow als weitere Steigerung von Putins Repressionsstrategie. Und Google zensiert doch, schreibt die Journalistin Kashmir Hill bei Gizmodo.