9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

November 2015

Kompakt, effizient, transparent

30.11.2015. Putin orientiert sich nicht an Stalin, sondern am alten Zarenreich, meint Orlando Figes in der SZ. Es gäbe nicht so viel Gewalt gegen Frauenkliniken, wenn sich nicht selbst gemäßigte Kreise extremistisch zu Abtreibung äußerten, meint der Guardian. Das offene Netz ist in Gefahr, weil ihm Großkonzerne ihre Strukturen überstülpen, meint Konrad Lischka bei heise.de.

Dieses manische Rezipieren

28.11.2015. In La Règle du Jeu analysiert Gilles Hertzog den Selbsthass der Mörder von Paris. In Le Point erklärt der französische Philosoph Michel Onfray, warum er sein neues Buch "Penser l'Islam" in Frankreich nicht herausbringen wird. In der taz spricht Lukas Bärfuss über die Faszination der Gewalt. Schweizer Medien berichten über ein "Gnadenverfahren" für Raif Badawi.

Elterlich verhängte Ausgangssperre

27.11.2015. In der SZ erklärt Horst Dreier, wie und warum Kunst über Religion steht. In Le Monde gibt Jürgen Habermas dem Westen die Schuld an der Entstehung des islamistischen Terrorismus. In Freitext verzweifelt Lena Gorelik an Deutschland. In Syrien wird zwar der Holocaust geleugnet, so Lamya Kaddor in der taz, aber Judenfeindschaft sei ihr dort kaum begegnet. Für die französischen Kinos und Konzertveranstalter sind die Attentate eine Katastrophe, berichtet die Welt.

Am Ende reicht ein simpler Stromausfall

26.11.2015. Thomas Friedman erblickt in der NY Times Zeichen der Hoffnung in Saudi-Arabien. Einige Kandidaten auf begehrte Beamtenposten aber auch, meldet der Guardian. Kamel Daoud schildert im Quotidien d'Oran, wie Algerien auf den Rest des Universums blickt, der jetzt das schwarze algerische Jahrzehnt durchlebt. Außerdem: Die taz thematisiert die "Native Ads" im Spiegel-Ableger Bento. Die FAZ entwickelt Visionen für Museen.

Alles, was wir sind

25.11.2015. Eines hat der belgische Autor Stefan Hertmans aus den Pariser Massakern gelernt: Frankreich endet erst in Brüssel, erklärt er im Tagesspiegel. Die Massaker haben sehr wohl eine symbolische Dimension, sagt Martin Amis in der Welt. Milo Rau spricht bei Zeit online über seine Molenbeeker Recherchen. Thierry Chervel erwidert im Perlentaucher auf Gustav Seibt. Außerdem: Die Stadt Mannheim klagt, weil die Wikipedia gemeinfreie Bilder des Reiss-Engelhorn-Museums präsentiert. Und die SZ schildert das Riesendebakel der Gurlitt-Taskforce.

Die Bedeutungsvielfalt des Märtyrertums

24.11.2015. Es sind häufig Muslime, die zuerst unter dem Islamismus leiden, sagt Caroline Fourest in huffpo.fr, und zwar meist die säkularen und die atheistischen. Der Economist plädiert für Militärschläge gegen den Islamischen Staat. Der israelische Journalist Jacques Benillouche rät allerdings in Slate.fr, die islamischen failed states wie Libyen stärker in den Blick zu nehmen. Und die FR rät: Von Rom lernen. Außerdem: Warum sind die Autorenverbände so sehr auf Seiten der VG Wort?, fragt Blogger Tom Hillenbrand. Und warum regnet es so schöne Native Ads von Google bei Spiegel-online-Ableger Bento?, fragt die taz.

Sowieso besser als hier

23.11.2015. Der Libération-Journalist Philippe Lançon, der beim Charlie-Hebdo-Attentat verletzt wurde, beschreibt, wie sich die Wiederbelebung eines Traumas durch neue Attentatsbilder anfühlt. Auch Herta Müller beschreibt in der SZ eine Innenperspektive - die eines Flüchtlings. Der Guardian erklärt, warum die anglikanische Kirche einen Werbespot, der zum Gebet aufruft, nicht in die Kinos bringen kann. Ebenfalls im Guardian fragt Kenan Malik: Was macht die Dschihadisten so sadistisch?

Besser angezogen und sauberer

21.11.2015. Es gibt einen Daesh in schwarz und einen Daesh in weiß, schreibt Kamel Daoud in der New York Times. Und dem in weiß drückt der Westen die Hand. Saudi-Arabien hat den Lyriker und Kurator Ashraf Fayadh zum Tod verurteilt, meldet der Guardian. In der taz antwortet Necla Kelek auf Jan Feddersen. In politico.eu schildert der Fotograf Teun Voeten das deprimierende Leben in Molenbeek. In der NZZ schreibt Michi Strausfeld über Katalanen, die sich ganz und gar nicht mit dem Regionalchauvinismus identifizieren.

Die angenommene originäre Gefährlichkeit

20.11.2015. Es hat keinen Sinn in Begriffen herumzustochern, meint Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen, es ist Krieg. Der Hass auf Paris hat durchaus Geschichte, auch in Deutschland, erinnert Thomas von der Osten-Sacken in der Jungle World. Warum Molenbeek?, fragt der belgische Autor Stefan Hertmans in der SZ. Im Perlentaucher antwortet Katharina Hacker auf Necla Kelek. Iris Radisch wundert sich in der Zeit über die "gespenstisch ungerührten" Reaktionen in den deutschen Feuilletons. Charlie Winter und Peter Pomerantsev fragen in Politico.eu, was der ISIS-Propaganda entgegenzusetzen wäre.

Orte des Spiels

19.11.2015. Im Guardian verweist David Graeber auf die türkische Verantwortung für das Blühen des "Islamischen Staats".  Kaum noch jemand befasst sich mit den Orten und den Opfern der Anschläge, Orte des Kosmopolitismus, schreibt Kulturphilosoph Emmanuel Alloa  in der taz. Und in der Presse erklärt der in Saint-Denis lebende algerische Autor Fewzi Benhabib, "wie meine Stadt islamistisch" wurde. Währenddessen geht das große Fingerschnipsen in den Feuilletons weiter: Viele viele Professoren erklären Frankreich, was es jetzt tun soll. 

Die ungeheure Destruktivkraft des Individuums

18.11.2015. Während der Kampf gegen die Terroristen in Paris weitergeht, warnen Journalisten vor Kriegsrhetorik. Boualem Sansal plädiert in der FAZ aber für persönlichen Mut. Der Guardian weiß, was Belgien so attraktiv für Dschihadisten macht. Der Tagesspiegel macht sich Gedanken über Traumabewältigung im digitalen Zeitalter.

Dass wir Atheisten sind

17.11.2015. Die meisten deutschen Autoren sind sich einig: Bloß nicht von Krieg sprechen. Die SZ warnt auch vor dem Begriff der Werte. Die Franzosen sind ohnehin die einzigen die den "Islamischen Staat" als ihren Hauptfeind betrachten, schreiben Scott Atrana und Nafees Hamid im NYRBlog. Im Guardian rät Nicolas  Hénin, einst Geisel der IS-Milizen, den Hauptfeind Assad nicht aus den Augen zu verlleren. In der Welt benennt Yannick Haenel die eigentliche Provokation des Islamismus: Gesellschaften, in denen Gott tot sein darf.

Nihilistisches Wüten

16.11.2015. Tag drei nach den Pariser Attentaten. Die Anhänger des Todeskults wählten die richtige Stadt, schreibt Ian McEwan in Edge.org, die Hauptstadt des Säkularismus. Alles, was sie hassen, stand den Attentätern an diesem fröhlichen Freitagabend vor Augen: "Männer und Frauen in lockerer Verbindung, Wein, freies Denken, Gelächter, Toleranz, Musik." Wir verlinken außerdem auf Texte von Pascal Bruckner, Bernard-Henri Lévy, Kenan Malik und viele andere.

Zorn und Abscheu

14.11.2015. 120 Tote in Paris nach islamistischen Anschlägen. Eine normale Presseschau kann man nach diesem Horror nicht machen. Wir verlinken auf erste Reaktionen und erste Analysen. Außerdem: Emmanuel Todd in der Welt über Muslimfeindlichkeit, die angeblich der Grund für Antisemitismus bei Muslimen ist. Und ein Brief von taz-Autor Jan Feddersen an Necla Kelek.

Das Internet ist völlig out

13.11.2015. Politico.eu beschreibt eine neue Regierungsform: Despotismus mit Wahlen. In der NZZ spricht Aris Fioretis über die schwedische Reaktion auf die Flüchtlinge. Die Welt erklärt, warum Motorräder nur bei bestimmten Geschwindigkeiten leise sind. Zwei Professoren machen den Medien in Meedia keine Hoffnung mehr. Und der Börsenverein ist empört über ein EuGh-Urteil, das die Verleger nicht mehr von der VG Wort profitieren lässt.

Dann erzähl mal das Ende

12.11.2015. Der Tod des Autors führte zur Geburt des Lesers, schreibt Jochen Schimmang in der taz zum Hundertsten von Roland Barthes. Die SZ mokiert sich über Frankreich, das den iranischen Präsidenten hungern ließ. Die NZZ fragt: Ist das Schwarze Meer eine eigene kulturelle Region? In der Zeit spricht sich Bundesjustizminister Heiko Maas fünfmal hintereinander gegen eine allzu liberale Idee des Sharing aus. Bei Vice verrät Charlotte Roche die intimsten Geheimnisse deutscher Talkshows.

Am Bahnhof gähnende Ödnis

11.11.2015. André Glucksmann hat auch in der deutschen Diskussion eine wichtige Rolle gespielt. Welt und taz erinnern in ihren Nachrufen an Glucksmanns Kritik an der Friedensbewegung. Der NouvelObs gräbt Michel Foucaults Text über Glucksmann aus, der beschreibt, wie Glucksmann die Illusionen der französischen Linken bekämpfte. Außerdem blickt die FR mit Grauen in die Abgründe heutiger Stadtplanung. Télérama erinnert an Gilles Deleuze, der sich vor zwanzig Jahren das Leben nahm. Die NZZ sammelt einige Autorenstimmen zum Tod Helmut Schmidts.

Die Entscheidung liegt bei uns allen

10.11.2015. Frisst die Revolution auch ihre Kinder - die Online-Medien?, fragt John Hermann von The Awl in Medium.  Auch im Scheitern hat  die Arabellion noch ihr Gutes, sagt die ägyptische Schriftstellerin Mansura Eseddin in der NZZ. In der taz kritisiert  Medizinethiker Urban Wiesing den Bundestag, der den Bürgern selbst in ihren letzten Momenten Vorschriften machen will. Zum Tod André Glucksmanns verlinken wir noch einmal auf seine Hommage auf Voltaire, den letzten Text, den er auf Deutsch bei uns publizierte.

Entsprechende Diskurse

09.11.2015. In der taz sucht Micha Brumlik einen dünnen Begriff der Integration. In der NZZ am Sonntag fühlt sich Rüdiger Safranski von Millionen umschlungen. Die FAZ ist zufrieden, das die Selbstbestimmung der Lebensmüden nun nicht mehr das Recht überstrahlt. Und nun auch exklusiv im Perlentaucher: Guido Westerwelle ist geheilt.

Die Güte des Weins ist ein Mythos

07.11.2015. Die FAZ hat einen Verdacht, worauf der unkritische "Willkommens-Journalismus" der Öffentlich-Rechtlichen eigentlich abzielt: auf 1,6 Milliarden Euro. Die taz hat einen Verdacht, worauf die Aushöhlung der Netzneutralität eigentlich abzielt. Außerdem fordert die taz mehrwertsteuerfreien gemeinnützigen Journalismus. In Rom haben Navid Kermani und Erzbischof Georg Gänswein über Sexualität und Kirche diskutiert, berichtet die Berliner Zeitung. Und die NZZ trinkt ein Glas objektiv guten Wein auf den vor bald hundert Jahren geborenen Roland Barthes.

Mit Dynamit und Kalaschnikow

06.11.2015. In der Welt erklärt Stefan Chwin, warum polnische Fremdenfeindlichkeit anders ist als die im Westen, irgendwie von der Geschichte geadelt. Slate.fr macht sich unangenehme Gedanken über den Aktionsradius des "Islamischen Staats". taz und Spiegel online argumentieren gegen eine Kriminalisierung der Beihilfe zum Suizid. Die FAZ bleibt in dieser Frage strikt konservativ. MobyLives schreibt über die Redaktion der Zeitschrift Lingua, die wegen der exorbitanten Abo-Preise von Elsevier zurückgetreten ist.

Einen Lügner einen 'hohštapler' nennen

05.11.2015. Die Zeit reibt sich in Passau die Augen: So sachlich, freundlich, hilfsbreit hat sie Grenzschutz noch nicht erlebt. Hans Ulrich Gumbrecht sieht dagegen die Nation so verunsichert wie 1977. In der FR erinnert Karl Schlögel daran, dass die Ukraine gerade eine Million Flüchtlinge bewältigt. Die FAZ schaudert vor der neuen Höflichkeit der russischen Staatsmacht. Die SZ verliebt sich in Sarajevo. Der Tagesspiegel findet Misstrauen gegenüber den Medien ganz gesund. Die Welt weiß: Wo viel über Zensur geredet wird, kann keine sein.

Dass Grundrechte die Wirtschaft schädigen

04.11.2015. Die FAZ musste entdecken, dass Internetkonzerne ihre Macht politisch nutzen! Netzpolitik musste mit ansehen, wie Angela Merkel vor Zeitschriftenverlegern brav einen Knickser machte und ihnen versprach, dass der Datenschutz nicht die Oberhand gewinnt. Wer über das Ende seines Lebens selbst bestimmen will, düpiert den Schaffner, meint Philosophieprofessor Thomas Sören Hoffmann in der FAZ. Die SZ zeigt mit Blick auf das Kulturgutschutzgesetz, wie man mit Gesetzgebung Arbeit schaffen kann.

Keine Inuit, keine Tschuktschen oder Itelmenen

03.11.2015. Was ist das für eine Welt, in der Verschwörungstheoretiker als Heroen der Wahrheit und Journalisten als Lügner gelten, fragt Caroline Fourest in der Huffpo.fr. Wolfgang Tischer erklärt in Literaturcafé, warum eine Zensur von Hasskommentaren bei Facebook falsch wäre. Der Guardian zeigt die trüben Datenschutzbedingungen der großen Internetkonzerne auf. taz und Welt schauen betrübt auf die türkischen Wahlergebnisse. In der SZ hofft die Kuratorin Anda Rottenberg, dass die neue Regierung die kulturelle Blüte Polens nicht kaputt macht.

Macht mit allen Mitteln

02.11.2015. In der FR erklärt die Gezi-Ikoni Mücella Yapici, warum die AKP der Mafia ähnelt. Die NZZ stellt eine neue Generation kapitalismuskritischer Intelllektueller in Tschechien vor. New York Times und FR blicken mit Sorge auf Bangladesch, wo schon wieder säkulare Intellektuelle umgebracht wurden. Im Guardian verteidigt Nick Cohen die BBC gegen die britische Rechte - aber auch gegen die schottische Nationalisten und die englische Linke.