9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

April 2018

Irritierende Bündnisse

30.04.2018. Vor dem säkularen 1. Mai hat Deutschland nichts Besseres zu tun als übers Kreuz zu diskutieren. Die Ablehnung schallt Markus Söder, der dieses kulturelle Symbol des Bayerntums in die Eingangshallen der Ämter hängen will, auch aus überraschenden Richtungen entgegen: Selbst Bischof Marx spricht sich in der SZ gegen Söders Idee aus. Von Horst Dreier in der Welt zu schweigen. Im Observer staunt Nick Cohen darüber, wie offen in der Politik heute gelogen wird.

Stolpern wir durch die Dunkelheit

28.04.2018. Die NYRB findet die Banlieue von Paris inzwischen so aufregend wie New Yorks East Village in den neunziger Jahren. In der taz erklärt der Historiker Pap Ndiaye, warum die kommunitaristischen Black Studies in Frankreich einen schweren Stand haben. Rechtsextreme und Islamisten teilen nicht nur ein antiwestliches Denken, sondern auch die Technik der strategischen Polarisierung, weiß Julia Ebner in der FR. Mit täglich tausend Stück Plastikmüll auf dem Henderson läutet die SZ das Anthropozän ein.

Setzen auf den Brückenbauer

27.04.2018. Emma.de bringt ein großes Porträt über Tariq Ramadan, das auf längst verflossene Tage des Glamours zurückblendet. Die taz stellt Ärzte und Ärztinnen vor, die nach wie vor über Abtreibung informieren - in der SZ beharrt Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann weiterhin auf dem Informationsverbot. Die FAZ plädiert nach dem Echo-Skandal für mehr Jugendschutz. Die taz stellt eine Online-Datenbank vor, die über Assads Giftgaseinsätze informiert.

Nicht die allergeringste Bohne

26.04.2018. Der bayerische Kruzifixbeschluss löst erstaunlich wenig säkulare Empörung aus. Der Bund für Geistesfreiheit München kündigt immerhin Widerstand an. Die taz macht auf das Netzwerk "Agenda Europe"aufmerksam, das der katholischen Kirche nahesteht und seine Ansichten über Abtreibung und Homoehe in Ländern wie Kroatien oder Slowenien bereits durchsetzen konnte. Die Zeit bringt zwei Seiten über das kommende Humboldt-Forum, dessen Hierarchie-Struktur aber schwer zu verstehen ist. In Frankreich wird weiter über den "neuen Antisemitismus" gestritten.

Sehr kleine Ausschnitte

25.04.2018. Die Bayern behaupten, das Kreuz sei kein christliches Symbol und dürfe darum in bayerischen Ämtern hängen. Die Welt wertet das als Zwangssäkularisierung des Kreuzes. Ebenfalls in der Welt ahnt Necla Kelek, warum auch die Islamfunktionäre weiter gut bedient werden: Es könnten sonst die überholten Privilegien der Kirchen in Frage gestellt werden. Politico.eu erklärt, warum Facebook im Kampf um Abtreibungsrechte in Irland keine Rolle spielt: Er wird in den alten Medien geführt. Netzpolitik stellt ein neues Bündnis gegen EU-Leistungsschutzrechte für Presseverlage vor. Wir erleben eine Krise der Erinnerungskultur, fürchtet der Zeithistoriker Martin Sabrow im Tagesspiegel.

Nur fair trade, nur bio, flüchtlingsfreundlich

24.04.2018. Die Eta löst sich auf und gibt das in einem Abschiedsschreiben bekannt. Was sich nicht auflöst ist aber die "teigige Revolutionsprosa" der Terrorgruppe, so Paul Ingendaay in der FAZ. Siebzig Jahre Israel haben nur einen größeren Nachteil: siebzig Jahre Israelkritik aus Deutschland, meint Marko Martin in Dlf Kultur. In der SZ schlägt Adrian Lobe einen Datenemissionshandel vor, der nach Michael Sandel in der NZZ sicher auch unserem Gehirn bekommen würde. In der taz blickt Isolde Charim auf den durch den Neoliberalismus erzeugten Riss in ihr.

Etliche Erben wider Willen

23.04.2018. Der Parisien publiziert einen Auszug aus einem Manifest gegen den "neuen Antisemitismus", das diese Woche in Frankreich erscheint. Der Tagesspiegel staunt: Woher kommen all die Lobeshymen der ausländischen Presse auf Berlin, während die Berliner es besser wissen? In der NZZ benennt Pascal Bruckner zwei missliche Folgeerscheinungen von 1968, den linken Meckerfritzen und den rechten Moralisten, der nebenbei den Komfort der Befreiung genießt.

Von Blöckchen haltenden Höflingen notiert

21.04.2018. Wer das Kopftuch verbieten will, muss auch Kippa und Castingsshows verbieten, fordert Khola Maryam Hübsch auf Zeit Online. Und wer das Kopftuch kritisiert, dem wird sofort Rassismus vorgeworfen, ärgert sich die taz. Der Guardian erzählt, wie Cambridge Analytica und Co. von Nazis Propagandatechniken lernen. Gebt Katalonien bloß nicht noch mehr Autonomie, ruft der katalanische Schriftsteller Ignasi Ribo auf politico.eu. Die NZZ kritisiert die quasireligiöse Kapitalismuskritik der Linken. Und von 68 ist auch nicht viel geblieben, meint sie.

Auf den Prüfstand

20.04.2018. Was ist gegen "migrantischen Antisemitismus" zu tun, gibt es ihn überhaupt, und werden Angriffe auf Muslime auch ausreichend wahrgenommen, fragen die Medien nach der antisemitischen Attacke in Berlin. Die NZZ greift einen amerikanischen Streit um den Genetiker David Reich auf, der behauptet, dass es genetische Unterschiede zwischen Ethnien gibt. Die ARD will nicht mehr sparen, berichtet die taz. Ebenfalls in der taz: die bange Frage, was wäre, wenn es in Facebook Meinungsfreiheit gibt, auch für Trolle? Und in der SZ nimmt der Archäologe Markus Hilgert die Argumente des IS zur kolonialen Konstruktion der Vergangenheit auf.

Via Style-Check-Funktion

19.04.2018. Die taz interviewt die Historikerin Ruta Vanagaite, die in ihrem Buch "Musiskiai" (Die Unsrigen) die Beteiligung der Litauer am Holocaust nachweist - all ihre Bücher sind jetzt von ihrem litauischen Verlag zurückgezogen worden. Die SZ erläutert, wie staatliche Spionage-Software neuartige Geräte wie Amazons lauschenden Lautsprecher "Alexa" nutzt. Bei Zeit online fordert Cigdem Toprak ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14. Und in der FR erklärt die Juristin Ann-Katrin Kaufhold, dass ein systemrelevantes Bankinstitut niemals allein ist.

Deutlich fahleres Licht

18.04.2018. Könnte es sein, dass das "postfaktische Zeitalter" ein düsterer Wiedergänger der Postmoderne ist, fragt Albrecht Koschorke in der NZZ. Europäische Journalisten recherchieren gemeinsam zum Mord an ihrer Kollegin Daphne Caruana Galizia  - die Familie der maltesischen Journalistin erhebt unter anderem im Guardian schwere Vorwürfe. Nach der Aussage einer Cambridge-Analytica-Mitarbeiterin könnte sich der Facebook-Skandal ausweiten, berichtet Meedia. Und die FDP zeigt, wie sie ihren Säkularismus mit ihrer Toleranz unter ein Kopftuch bringt.

Wie Zucker in heißem Wasser

17.04.2018. In der taz erklärt Sonja Fatma Bläser vom Verein HennaMond, warum das Kopftuch für Mädchen unter 14 an Schulen, aber auch Beschneidung von Jungen verboten werden sollten. Mark Zuckerberg hat bei der Befragung durch amerikanische Abgeordnete eine Menge Nebelkerzen geworfen, analysiert Netzpolitik. Die Menschen wandern von Filterblasen in Echokammern ab, fürchtet die SZ. Eine Gruppe von Autoren und Politikern ruft die Kanzlerin in politico.eu auf, sich von Viktor Orban zu distanzieren.

Für herumstreunende Touristen

16.04.2018. Politico.eu beschreibt, wie Schweden zu einem der Länder mit der schlimmsten Kriminalität in Europa wurde. Und Spiegel online weiß, warum es in London so brutal zugeht. Bei tichyseinblick.de beschreibt Hamed Abdel-Samad sämtliche Fallstricke der Integration in einem Absatz. Franz Walter stellt in der FAZ die Idee der Zivilgesellschaft in Frage. Und nebenbei stirbt wegen überhöhter Mieten "das Konzept Stadt", klagen taz und FAS. Da ist es doch besser, gar nicht erst geboren zu werden, meint Théophile de Giraud in Zeit online.

Ohne Verbindung zur Wahrheit gar nicht denkbar

14.04.2018. Den jüngsten Luftschlag der Amerikaner, Briten und Franzosen in Syrien kommentiert die New York Times als begrenzt. Putin könnte trotzdem ziemlich sauer reagieren - aber vor allem, weil die wirtschaftlichen Sanktionen funktionieren, meint die taz. Journalisten wollen Facebook gar nicht kritisieren, hat Netzpolitik beim Journalismus-Festival in Perugia beobachtet - lieber lassen sie sich von Facebook finanzieren. Bei emma.de erklärt Serap Güler, CDU-Staatssekretärin für Integration in NRW, warum sie die neue Kopftuchdbatte angestoßen hat. Die NZZ bringt ein Dossier über Michel Foucault.

Nun ja, der Staat ist schon da

13.04.2018. In der Welt kommt Christoph Nehring vom Spionagemuseum Berlin zum Ergebnis, dass Julia Kristeva wohl doch als IM arbeitete. Just in dem Moment, wo das skandalöse Verhalten des Saarländischen Rundfunks im Fall Dieter Wedel durch einen Untersuchungsbericht dokumentiert wird, weitet sich auch der Missbrauchsskandal beim WDR aus, berichten verschiedene Medien. In Zeit online nimmt Jens Jessen ein probates Mittel gegen "totalitären Feminismus" vor "hasserfüllten Atheisten" in Schutz: das Kopftuch.

Vernetzung verstört

12.04.2018. Mark Zuckerberg ist nach wie vor in allen Medien. Zeit, Facebooks Macht zu zerschlagen, meint die Welt. Sascha Lobo schreibt in seiner Spiegel-online-Kolumne, dass es um weit mehr als um Datenschutz geht. Die taz analysiert den Double Bind, in den die AfD die Medien bringt. In Frankreich wird weiterhin über den Laizismus des christlichen Präsidenten Macron debattiert. Der Rassismus beginnt in den USA laut einer New-York-Times-Reportage bei der Geburt.

Was wollen die also? Diese Dutschkes?!

11.04.2018. Le Monde befürchtet, dass Emmanuel Macron dem Laizismus in Frankreich den Rücken zudreht. In Ungarn wird mit Opfermythen, in der Türkei mit Osmanenschinken der Nationalismus geschürt, berichten SZ und FAZ. Die Ukraine setzt indes auf sprachliche Vereinheitlichung in Schulen, meldet die taz. In der NZZ erklärt der Philosoph Reinhard K. Sprenger, wie mit Moral Interessenpolitik gemacht wird.

Zusammengeraffte Dinge

10.04.2018. Ilija Trojanow hat für die FAZ Julia Kristevas bulgarische Stasi-Akte gelesen und kommt zu dem Ergebnis: So harmlos war sie wohl doch nicht. Auf La Règle du Jeu behauptet Kristevas Ehemann Philippe Sollers unterdessen, die Akten seien erfunden. In Dlf Kultur liest Bernhard Pörksen "Die Zeit der Zauberer" von Wolfram Eilenberger - und blickt beschämt auf den gegenwärtigen Zustand der Debatte. Heute stellt sich Mark Zuckerberg den Fragen der amerikanischen Abgeordneten. Sie sollten ihn am besten gar nichts fragen, meint Zeynep Tufekci in der New York Times.

Immortalisten und Biokosmisten

09.04.2018. Wenn es der saudische Prinz Mohammed bin Salman mit seinen Reformen ernst meinte, hätte er längst Raif Badawi freigelassen, schreiben zwei Aktivisten in Marianne. Das Philosophie Magazin staunt über Gemeinsamkeiten von Kommunisten und Silicon-Valley-Propheten. Die Debatte über Facebook geht weiter: Das größte Problem ist intransparente und individualisierte Wahlwerbung. Aus der Falle der Religiosität gibt es kein Entkommen, meint Religionssoziologe Hans Joas in der Berliner Zeitung.

Paradox von gleichzeitiger Anmaßung und Demut

07.04.2018. Keine Kunst vermag, was Cristiano Ronaldo gelang, das Glücken mit dem Fall zu verbinden, konstatiert die NZZ. In der New York Times blickt Madeleine Albright in einen Abgrund namens Donald Trump. Bei app12 kritisiert die schweizerisch-jemenitische Politologin Elham Manea das Wohlwollen vieler Linker für das Kopftuch als Rassismus.  In der FAZ erzählt Ralph Ghadban die Geschichte der "arabischen Clans", die heute die Kriminalität in Berlin dominieren. Die Welt beklagt das Versagen des Berliner Städtebaus. Und in der taz und SZ ist es fünfzig nach 68.

Die Hütte steht noch

06.04.2018. In Zeit Online erklärt der Lehrer Mansur Seddiqzai, wie subtil der Zwang zum Kopftuch bei Schulmädchen funktionieren kann. Bei cicero.de befürwortet Necla Kelek das Kopftuchverbot in Kindergärten und Grundschulen in Österreich. Mit Befremden betrachtet Thomas Schmid in der Welt all jene konservativen Herren, die sich seit den Fünfzigern ideenlos in Selbstmitleid wälzen. Zeitungsredakteure, die sich über Horst Seehofers reines Männer-Team mokieren, sollten sich zunächst an die eigene Nase fassen, rät die taz.

Exklusive Vision der Geschichte

05.04.2018. In der SZ geißelt Paul Lendvai die Mobilisierung des Antisemitismus durch Viktor Orban im ungarischen Wahlkampf. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes fordert in einem Positionspapier ein Verbot der Vollverschleierung. In der NZZ kritisiert Bassam Tibi die Fixiertheit der deutschen Politik auf die Islamverbände. Die SZ hofft auch, dass die "Erklärung 2018" im Bundestag diskutiert wird. In Zeit online fordert die Journalistin Carolin Rosales eine Legalisierung von Abtreibung. Und in der Zeit fürchtet Jens Jessen den "Triumph eines totalitären Feminismus".

Äußerst sensible Details

04.04.2018. Im Guardian fordert der Open-Software-Miterfinder Richard Stallman ein Gesetz gegen jegliche Datensammelei. Die Diskussion um die Online-Dating-Plattform Grindr zeigt, dass es dafür fast schon zu spät ist. Les Echos berichten über die Sorgen der BBC um ihr junges Publikum, das inzwischen mehr Netflix guckt. Martin Luther King war kein Revolutionär, aber er erinnerte an das Versprechen einer Revolution, sagt der französische Amerika-Historker Pap Ndiaye in Le Monde.

In der Falle

03.04.2018. Horst Seehofers Idee von der "christlich-jüdischen Prägung" Deutschlands stößt weder bei Claudius Seidl in der FAS noch bei Necla Kelek auf Zustimmung. Der Theologe Johann Hinrich Claussen beteuert in der SZ: Wenn man die "vage Spiritualität" hinzuzählt, steht es gar nicht so schlecht ums Christentum. Emily Bell ist sich im Niemanlab sicher: Nur öffentlich-rechtliche Medien können die Öffentlichkeit retten. Le Monde stellt eine Untersuchung vor, die eine starke Hinwendung junger Muslime zur Religion belegt.