9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dezember 2015

Die Frage wird konkret

31.12.2015. Letzte Ausgabe im annus horribilis. Die Feuilletons blicken lieber nicht zurück. Immerhin: In der taz denkt Jan Feddersen über die Entwaffnung der Linken durch Angela Merkel nach. In der Welt erzählt Eva Quistorp, wie sie dem Flüchtlingsmädchen Modina vermittelte, was Weihnachten ist. Bei Tichys Einblick begründet Barbara Köster, warum das Koptuch alles andere als Mode ist. Und in Zeit online erklärt Leeloo, wie man den Durst nach Netz und den Durst der Bäume gleichzeitig löscht.

Kosmologie für blutige Anfänger

30.12.2015. Ilija Trojanow prangert  in der taz die religiöse Unterdrückung politischer Autoren in arabischen Ländern an. Die FAZ ist entsetzt über die kriminelle Leichtfertigkeit der Berliner Baupolitik - die Friedrichwerdersche Kirche ist eines ihrer Opfer. Libération erzählt, wie der Anne-Frank-Fonds reagiert, wenn Blogs den frei werdenden Text von Anne Franks Tagebuch online stellen wollen. Zeit online und SZ haben auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs einiges über Internetzensur und gute Umgangsformen gelernt.

Alles von der Robbe

29.12.2015. Verschiedene Medien würdigen den syrischen Journalisten Naji Jerf, der in der Türkei erschossen wurde. Im Guardian prangert Can Dündar, Chefredakteur von Cumhuriyet, das türkische Regime an, das ihn ins Gefängnis steckte. In der taz ist die Journalistin Zaina Erhaim empört, dass Assad nun als das kleinere Übel gelten soll. In der NZZ ficht der Fotograf Markus Bühler-Rasom für die Inuit. Die taz verteidigt unangepasste Künstler gegen Förderung. Die FAZ sieht das spanische Wahlergebnis als Quittung für die Korruption im Land.

Auch die Villa des Paquius Proculus

28.12.2015. Pompeji ist doch noch nicht verloren, freut sich die FR. In der taz warnt der Autor Thomas Edlinger vor einer "Fetischisierung der Differenz" in linken Diskursen. Die baltischen Staaten werden immer mehr zum Rückzugsort der russischen Opposition, berichtet politico.eu. Die SZ schildert, wie sich Schweden und Dänemark abschotten. Für die taz besucht Gabriele Goettle die 103 Jahre alte Kinderärztin Ingeborg Rapaport, die vor einem halben Jahr an der Hamburger Uni ihre Dissertation verteidigt hat.

Emotional und intellektuell faszinierend

24.12.2015. Bei irights.info beschreibt Yochai Benkler, wie das offene Netz durch die mobilen Geräte und die im mobilen Netz  dominierenden Plattformkonzerne in Gefahr gerät. In den USA geht wegen der Smartphones bereits die Zahl der Breitbandanschlüsse zurück, sekundiert Vice. Das Zeit-Magazin beschreibt, wie der Blogger Caspar Mierau von einem Internetstalker terrorisiert wurde. In der FAZ streiten Friedrich Wilhelm Graf und Martin Mosebach über die "Interpretationsfigur Auferstehung". Und wer Weihnachten feiern will, sollte heute besser die Länder Somalia, Tadschikistan und Brunei meiden! Da ist Weihnachten verboten.

Mit der Abbildung eines Raucherbeins

23.12.2015. Der Guardian freut sich schon auf den Soja-Braten zu Weihnachten. Die New Republic erklärt, warum die Japaner ihre Moose mit der Lupe betrachten. Die SZ ist erschüttert über die Abwicklung des polnischen Rechtsstaats. In der Zeit gerät Wilhelm Schmid, der populäre Philosoph der Gelassenheit, in Rage über den "feigen und faulen" Michel Houellebecq. Davon abgesehen packt die Zeit heute die wenigen positiven Nachrichten in einen üppig bemessenen Weißraum.

Das einzige, was meins war

22.12.2015. Dient Kriegsfotografie heute dazu, den Krieg zu ästhetisieren? Ja, meint David Shields in einem neuen Essay, den Tim Parks im NYRBlog mit leiser Skepsis bespricht. Heinrich August Winkler in der SZ und Wolf Lepenies in der Welt kritisieren Deutschlands Flüchtlings- und Europapolitik. Opendemocracy definiert Leihmutterschaften als Arbeit. Rupert Murdoch ist zurück im Zentrum der britischen Macht, konstatiert der Guardian. Und die NZZ geht nach Versailles.

Auf der geschäftlichen Seite

21.12.2015. Le Monde erzählt, wie Gilles Kepel die Front-national-Chefin Marine Le Pen zur Weißglut brachte. In der taz erklärt der Soziologe Michael Hartmann den Erfolg des Front national mit der Abschottung der französischen Eliten.  In der FAZ rät Paul Scheffer den Deutschen, über Grenzen nachzudenken. In Politico.eu erklärt Peter Pomerantsev  die chaotische Lage der Stadt Charkiw aus der Geschichte. Und endlich: Die SZ erklärt das Perlentauchen zum allerheißesten Medientrend.

Die Glitzeryachten vor Anker

19.12.2015. Im Perlentaucher schreibt Ralf Bönt, dass Autorenpflege bei Verlagen heute nicht die Regel, sondern reine Glückssache ist. Die Welt fürchtet, dass der Front national der Côte d'Azur die Party verdirbt. In der SZ attackiert Pankaj Mishra einen Westen, der seine Werte mit Champagner und Waffen bekränzt. Der Zeit des Terror geht die Überwachung von Frauen voraus, erinnert Rue89 an die dunklen Jahre Algerien. Und die taz bekommt in Indien für eine Frau nicht einmal eine Kuh

Ihr Rücken gebeugt und ihr Blick gesenkt

18.12.2015. In der New York Times sagt Mohammed Hanif, um welche Muslime er sich am meisten sorgt. Die Krautreporter schicken eine Reportage aus Burundi, das in Gewalt versinkt. Der Guardian zeigt, wie Google in Brüssel Lobbyarbeit macht: zum Beispiel unter Einsatz amerikanischer Parlamentarier, die ihre Brüsseler Kollegen traktieren. Die NZZ beschreibt die Lage alleinstehender Mütter in Marokko. Carta bezweifelt die Gemeinnützigkeit mancher gemeinnützigen Stiftung.

Gefallen Ihnen vielleicht die Romane von Hermann Löns?

17.12.2015. Die geplante Urheberrechtsreform stößt weiter auf wütenden Protest von Verlegern: Sie wird das Verhältnis von Verlegern und Autoren zerstören, meinen Detlef Felken von C.H. Beck und Andreas Rötzer von Mathes und Seitz in Zeit und Zeit online. Netzpolitik weiß schon, warum die Bundesregierung das Leistungsschutzrecht nicht wie versprochen evaluiert: Es ist halt ein Flop. Die taz spricht mit der indischen Autorin Nayantara Sahgal über Hindu-Nationalismus.

Befestigung eines Strichs auf der Landkarte

16.12.2015. Die NZZ trifft den Leiter der syrischen Antikenbehörde, Maamun Abdulkarim,  der keineswegs nur den IS für die Zerstörungen antiker Stätten verantwortlich macht. Die SZ stellt neueste Technologien des Mauerbaus vor. Die FAZ skizziert die unterschiedlichen Interessenlagen von freien Autoren in Medien und Buchautoren in Bezug auf das Urheberrecht.  Fünf Jahre nach der Selbstverbrennung Mohamed Bouazizis zieht der New Yorker eine ratlose Bilanz des arabischen Frühlings.

Kognitive Dissonanzen

15.12.2015. Slate.fr lernt aus der Statistik zu den französischen Regionalwahlen einiges über soziale Diskriminierung in Frankreich. In Libération erklärt der Filmemacher William Karel, warum François Mitterrand einen kritischen Film zu seinem zwanzigsten Todestag verdient. SZ und taz fürchten eine Gleichschaltung der South China Morning Post nach dem Verkauf an Alibaba. Im New Stateman verabschiedet John Gray die Idee der Freiheit, wenn sie auf Anarchie hinausläuft. Fusion.net schildert das traurige Leben der Youtube-Stars.

Die schönsten Frauen der Revolte

14.12.2015. Die allgemeine Erleichterung in Frankreich sollte den Blick auf die veränderte politische Landschaft nicht trüben, meint Anne Sinclair in der huffpo.fr. taz und Washington Post beleuchten die Lage der Presse in Mexiko. Götz Aly bleibt im Deutschlandfunk bei seinem Antisemitismusvorwurf in der Zuckerberg-Debatte. Verleger und Gewerkschafter streiten über das Wohl der Autoren. In der FR möchte Robert Spaemann vor allem Glaubensgenossen Gutes tun.

Fortschreitende Wiederzerstückelung

12.12.2015. Ein offener Brief von prominenten Verlegern und Autoren warnt vor eine Novellierung des Urheberrechts, die Autoren besser stellen will. Neid ist Neid und nicht Antisemitismus meint Arno Widmann in der Berliner Zeitung und stimmt Götz Alys Kritik an den Artikeln über Mark Zuckerberg nicht zu. Deutschland könnte eine liberale Stimme gebrauchen, meint Eric Gujer von der NZZ in der SZ. Der Guardian zieht eine deprimierte Bilanz des Murdoch-Abhörskandals. Die Verfahren sind eingestellt. Die Unholde und -holdinnen sind wieder in Amt und Würden.

Braunbären schätzen auch Beeren

11.12.2015. War die Kritik an Mark Zuckerberg in vielen Blogs und Medien antisemitisch? Sascha Lobo und FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube antworten auf Götz Aly. Im Verfassungsblog schildert der Danziger Juraprofessor Tomasz Tadeusz Koncewicz die bedrängte Lage des polnischen Verfassungsgerichts. Und in der NZZ kritisiert der französische Jurist Jean-Pierre Dubois die Reaktion des franzöischen Staats auf den 13. November. In der Welt mokiert sich Josef Reichholf über Naturschützer, die auf rassereinen Eisbären bestehen.

Dann kamen so viele Monster hervor

10.12.2015. In der Welt erklärt Swetlana Alexijewitsch, warum es heute wichtiger denn je ist, Dostojewski zu lesen. In der SZ zeigt der Soziologe Jean-Yves Camus, wie der Front national von den  Schwächen des republikanischen Modells in Frankreichs profitiert. Fadenscheinig war Beate Zschäpes Aussage, finden die Kommentatatoren so gut wie aller Medien. Heise.de fürchtet, dass auch in Europa ein Leistungsschutzrecht zum Schutz der alten Medienindustrien geplant ist.

Geografie der Angst

09.12.2015. In der NZZ fordert der belgische Autor Erwin Mortier einen neuen Gesellschaftsvertrag für sein Land. Libération schildert die französische Gemengelage, die den Front national stark macht. Vice fürchtet: Twitter will wie Facebook werden. Die Zeitungen sind alles in allem nicht so froh über einen Konzertsaal am Münchner Ostbahnhof.

Leichte Siege aus der Luft

08.12.2015. Politico.eu erzählt, wie die Gerechtigkeitspartei in Polen das Verfassungsgericht entmachtet und Polen orbanisiert. Im Blick besteht Bassam Tibi auf dem Begriff der "Leitkultur". In der FAZ schimpft Friedrich Wilhelm Graf auf Münchner Baumschützer, die einen Konzertsaal im Stadtzentrum verhindern. Bei heise.de verteidigt der Richter Ulf Buermeyer die Anonymität im Netz - und Vice zeigt, wie wichtig Anonymität im Netz etwa in Ägypten ist.

Des Lebens ganze Breite

07.12.2015. Es ist eingetreten, schreibt Anne Sinclair in huffpo.fr: Der Front national ist die stärkste Partei Frankreichs. Im Standard prangert Marlene Streeruwitz die von Donald Trump vorgeführte Selbstermächtigung der Millionäre und Milliardäre an. In der Welt sehnt sich Andrzej Stasiuk nach einer Quarantäneunion für die Länder Mittel- und Osteuropas, die er seltsamer Weise "wärmer" findet. Wollt ihr eine Verfassungsänderung?, fragt Michael Naumann in der FAZ die Lobbyisten des Kunsthandels. Die taz greift den Streit um den Begriff der "Werte" auf.

Amazon gewinnt eigentlich immer

05.12.2015. Was die Syrer brauchen, sind nicht mehr Bomben, sondern weniger, schreibt Kristin Helberg in der taz zur gestern beschlossenen Syrien-Mission der Bundeswehr. Der Tagesspiegel fragt nach dem Erstarken rechter Kräfte in Polen und Frankreich. Die Zeit entlarvt Papst Franziskus als Marxist, die Welt als Peronist. Und die NY Times reibt sich die Augen: Selbst Menschen, die vom FBI als Terroristen eingestuft werden, haben in den USA legal Zugang zu Waffen

Das Haben von Bae-zzang

04.12.2015. Die taz spürt dem ersten tödlich-beabsichtigten Schlag der Menschheitsgeschichte nach, der gerade in Halle dokumentiert wird. Der Tagesspiegel notiert einen Paradigmenwechel in der deutschen Geschichtsschreibung: Die Geschichte der Nazizeit rückt aus dem Blickfeld. Bei politico.eu fragt sich Tim Parks, wie wohl er sich in Europa fühlt, wenn Deutschland der Buchhalter ist. Die FAZ will nicht einsehen, dass die Dahlemer Museen jahrelang geschlossen werden sollen. Amerika streitet über Mark Zuckerbergs Gesinnung.

Heilige Kuh für viele Nerds

03.12.2015. Warum ist die amerikanische Gesellschaft unfähig, ihr Problem mit den Waffen zu lösen?, fragt der Atlantic. Heise.de berichtet über eine Tagung von Urheberrechtlern, die die Anonymität im Netz unbedingt abschaffen wollen. Der Independent hat herausgefunden: Wer mit Prince Charles reden will, muss einen 15-seitigen Vertrag unterschreiben. Und die Zeit fragt angesichts des aktuellen Schlammassels: Was würde Kant dazu sagen?

Und so schließt die Südsee

02.12.2015. Aktualisiert: Die New York Times bringt neue Fotos und Details zur Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft in München 1972. In Slate.fr versucht Julia Kristeva eine Psychoanalyse des Dschihadismus und setzt auf die Kraft der Sprache. Wertvolle Kunstwerke gehören eigentlich der Allgemeinheit, meint die FAZ an die Adresse der Kulturgutbesitzer. Die Dahlemer Museen können jetzt einpacken, berichtet der Tagesspiegel. Die Arabellion hat wie jede Revolution Phasen, meint Alaa al-Aswani in der Presse, ihre Keime wachsen auch im Verborgenen. Und die Welt will wieder Wehrpflicht.

Rucky zucky Alhamdulillah

01.12.2015. Die NZZ beschreibt, wie der Islamische Staat Frauen rekrutiert. Es gibt keine Guerillatruppe, die nicht mit der Mafia kooperiert, warnt Roberto Saviano in L'Espresso. In Libération fordert Flemming Rose von Jyllands Posten, dass sich Journalisten zu ihrer Angst bekennen, statt sie mit falschen Argumenten zu bemänteln. Es ist zwar nicht klar, ob die Sanierung der Kölner Oper wirklich nur 460 Millionen Euro kostet, dafür ist aber auch nicht sicher, dass sie schon 2018 eröffnet, informiert der Kölner Stadtanzeiger