9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
August 2025
30.08.2025. Der arabische Frühling ist gescheitert - aber nur vorerst, hofft der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad in der NZZ. Hinter den Kulissen des iranischen Regimes rumort es jedenfalls ziemlich, berichtet die FAS. Sie blickt außerdem nach Japan, wo der ultrarechte Politiker Sohei Kamiya Erfolge feiert. Die SZ fragt, warum die Arbeiter AfD wählen - weil es zu wenig "linken Populismus" gibt, antwortet die taz.
29.08.2025. Die SZ blickt auf die Annäherung zwischen China, Indien und Russland, die angesichts Donald Trumps Zollpolitik alte Konflikte überwinden wollen. Es gibt allerdings schwer vereinbare Vorstellungen über die Machtverhältnisse in Asien, erklärt der Politologe Manoj Kewalramani ebendort. In der FAZ erzählt die israelische Schriftstellerin Sarah Levy, wie sich ein Teil der israelischen Gesellschaft nach dem 7. Oktober radikalisierte. Der schwedische Schriftsteller Richard Swartz blickt derweil in der NZZ mit Sorge auf den neuen Rechtsradikalismus in Kroatien.
28.08.2025. In der Zeit antworten heute unter anderen Nancy Fraser, Eva Illouz und Thomas Ostermeier auf die Frage: "Sind die Linken selber schuld?". In der FAZ beleuchtet Hermann Parzinger, wie sich die russischen Museen mitschuldig machen am kulturellen Vernichtungsfeldzug in der Ukraine. Im SZ-Interview gibt die Soziologin Sabine Pfeiffer Entwarnung: Nein, KI wird nicht alle unsere Jobs ersetzen. In der FAZ fordert Julian Nida-Rümelin Maßnahmen gegen den "Akademisierungswahn" in Deutschland.
27.08.2025. Donald Trump versucht, seinen Einfluss nun auch auf die amerikanische Zentralbank auszuweiten - ein weiterer, massiver Angriff auf die Gewaltenteilung, warnt der US-Ökonom Rudi Bachmann bei Zeit Online. In der FAZ staunt Bülent Mumay nicht schlecht, dass die EU ein paar Zehntausend Euro an die türkische Behörde Diyanet zahlt. Die NZZ fragt, warum der rumänische Präsident Nicusor Dan ein Gesetz gegen rechtsextreme Bestrebungen in seinem Land aufhält.
26.08.2025. Russland hat sich mit dem Krieg gegen die Ukraine längst in eine strategische Sackgasse bugsiert, konstatiert die Politologin Hanna Notte auf ZeitOnline. In der SZ skizziert der Politikwissenschaftler Peter R. Neumann, wie Rechtspopulisten langfristig Diskursräume besetzen. Die taz blickt auf die immer katastrophalere Lage im Sudan. Würde die Neue Rechte in Deutschland versuchen, ihre Ideen in Russland umzusetzen, würde sie sehr schnell spüren, was eine Diktatur ist, konstatiert Helmut Lethen in der NZZ.
25.08.2025. Wir stehen zwar nicht kurz vor 1933, konstatiert Götz Aly im SpoN-Gespräch, dennoch brauche es dringend Reformen. Was die Ukraine für Russland so gefährlich macht, ist ihre funktionierende Demokratie, hält der Politikwissenschaftler Janos I. Szirtes in der NZZ fest. In der Welt blickt Michael Wolffsohn kritisch auf die politische Geschichte der deutsch-israelischen Freundschaft. Und hpd schaut auf die Doppelmoral der Kirchen in Deutschland.
23.08.2025. Die Pax Americana ist endgültig vorbei, konstatieren die Zeitungen heute einstimmig: Es kommt jetzt auf einen neuen Schulterschluss Europas gegen Russland an, ruft Herfried Münkler in der Welt. Auch der Westbalkan muss endlich politisch als Teil Europas betrachtet werden, ermutigt der serbische Schriftsteller Gojko Božović in der FAZ. Zehn Jahre nach Angela Merkels "Wir schaffen das" will die SZ von Migrationsforschern wissen: Haben wir es geschafft? In der FAZ schildert der Schriftsteller Hans-Christoph Buch den Niedergang Haitis. Und in der FR erklärt der Politologe Wolfgang Merkel den "Sultanismus" von Donald Trump.
22.08.2025. Donald Trumps Herrschaft ist vor allem durch ein Phänomen geprägt, konstatiert der Soziologe Harald Welzer bei Zeit Online: die Ersetzung der Diplomatie durch den Deal. Doch bei Putin wird er damit nicht weit kommen, meint wiederum der Philosoph Volodymyr Yermolenko in der Welt, denn dem geht es nicht ums Geld, sondern nur um Macht. Am "wilden" Donbass werden sich auch die Russen die Zähne ausbeißen, prophezeit die SZ. Der RBB ist mit seiner Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe gescheitert - gut so, meint die FAZ.
21.08.2025. Kurz vor dem Krieg war ein Staatsbankrott des NS-Staates fast unvermeidbar, hält der Historiker Götz Aly im FAZ-Gespräch fest. Andreas Molitor räumt in der Zeit mit dem Mythos von Hermann Göring als "dem freundlichen Gesicht des Nationalsozialismus" auf. Der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerasimow zeigt sich in der NZZ hoffnungslos, was die Zukunft der Ukraine angeht. Die Zeit erklärt, worum genau es bei den Verhandlungen über Gebietsabtretungen geht.
20.08.2025. Die USA verfügen über die Macht, die Richtung des Krieges in der Ukraine zu ändern, und könnten sie auch einsetzen - wenn Trump endlich aus seiner Fantasiewelt aufwacht, ruft Timothy Snyder in der SZ. Der ukrainische Autor Sergey Maidukov ist ebenfalls in der SZ fassunglos, wie Trump die Ukraine an Putin verscherbelt. Trump hat durchaus eine Strategie, ist sich indes Ivan Krastev in der Zeit sicher. Und der Politologe Stephan Bierling rät den Europäern in der Welt dringend, sich nicht vom Kreml einschüchtern zu lassen.
19.08.2025. Das gestrige Treffen mit Trump brachte keinen Durchbruch, auch weil Trump wie Putins "Unterhändler" agierte, resümiert SpOn. Schon am Freitag verhielt sich Trump wie ein glücklicher Welpe, der keine Trümpfe mehr in der Hand hat, kommentiert Anne Applebaum bei The Atlantic. Auf ZeitOnline erzählt Irina Rastorgueva, wie eine Bande "professioneller Witwen" in Russland Obdachlose und Drogenabhängige anwirbt, um sie in den Krieg zu schicken. Die FAZ sorgt sich in zwei Artikeln um die Demografie in Deutschland und Frankreich.
18.08.2025. Nach dem Gipfeltreffen zwischen Trump und Putin ist nun vor allem klar, was es nicht geben wird: einen Waffenstillstand. Ein "Frieden" nach russischem Geschmack enthält zwangsläufig Gebietsabtretungen, resümiert die taz. Russland und die USA spielen Kalter Krieg, konstatiert Zeit Online, dabei ist Putin nur ein Scheinriese. Beim Gipfel war er jedenfalls Ehrengast von Trump, hält Viktor Jerofejew in der FAZ fest. In der taz ist der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki nicht überrascht über die Empörung, die auf Merz Ankündigung eines Waffenstopps für Israel folgte.
16.08.2025. Die NZZ und die FAZ erzählen, wie Trump die Wissenschaft und die Unis abwickelt: Rache ist das Motiv. Von dem Treffen in Anchorage scheinen wohl nicht viel mehr als die pompöse Inszenierung und ein paar verrutsche Mienen Wladimir Putins in Erinnerung zu bleiben. Ja, antwortet Richard Sennett in der FR auf die Frage, ob der Trumpismus ein Faschismus sei. Vor fast zehn Jahren rief Angela Merkel: "Wir schaffen das" - die taz zieht eine positive Zwischenbilanz.
15.08.2025. Heute treffen sich Donald Trump und Putin in Alaska, um über die Zukunft der Ukraine zu entscheiden. Die Europäer, die 2014 Putin kein Paroli geboten haben, machen jetzt erstmals die Erfahrung vieler Ostmitteleuropäer, dass "über sie, aber ohne sie" entschieden wird, notiert in der FAZ der Historiker Martin Schulze Wessel. Die NZZ empfiehlt die Lektüre von Karl Marx, der bereits im 19. Jahrhundert das Appeasement der Europäer gegenüber dem russischen Expansionismus kritisierte. In der FR versteht der israelische Historiker Adam Raz nicht, wie der 7. Oktober die Israelis verhärten konnte. Die taz kritisiert, dass dem Westen Frauenrechte in Afghanistan wichtiger sind als der Hunger dort.
14.08.2025. In der SZ erinnert Irina Rastorgueva, dass auf den ukrainischen Gebieten, die Russland besetzt, Menschen leben, denen Haft und Folter drohen. Im Interview mit der Zeit bittet der Rabbi Meir Azari um Vorschläge, wie die Hamas ohne Krieg vom Töten abgehalten werden kann. In der NZZ setzt Richard C. Schneider auf nach wie vor existierende kulturelle Überschneidungen zwischen Israeli und Palästinensern. In der FAZ diskutieren die Herren Horst Dreier und Christian Hillgruber über den Abtreibungsparagrafen. Welt und Zeit fragen sich, wie das Predigen von Vielfalt und Toleranz mit dem Rüchzug in Safe Spaces und Vorwürfen des Kulturkampfes zusammenpasst.
13.08.2025. Die Ukraine droht gerade, den Krieg zu verlieren und zu Gebietsabtretungen gezwungen zu werden. Anders als im Gazakrieg bleiben Medien und Zivilgesellschaft dazu weitgehend stumm - nur Donald Trump redet. Es gibt ja auch so viel anderes zu bedenken: In der SZ beklagt der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer zu viele Abiturienten und zu wenig Respekt für Ausbildungsberufe. In der FAZ plädiert der Soziologe Robert Dorschel für die Einführung einer Vermögensteuer. In der Welt ärgert sich Matthias Heine über den Vorwurf, Kulturstaatsminister Weimer habe ein Genderverbot ausgesprochen. Und hpd fragt: Warum sind die Konfessionslosen in den Öffentlich-Rechtlichen so unterrepräsentiert?
12.08.2025. Wenn Russland Europa angreift, dann in den nächsten drei bis fünf Jahren, vermutet der ehemalige litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis in der SZ. Die taz porträtiert die marokkanische Feministin Ibtissame Lachgar, die behauptete, Allah sei Lesbierin - und dafür festgenommen wurde. In Saudi-Arabien werden immer mehr Menschen hingerichtet, berichtet hpd.de. Der Historiker Lukas Willmy wirft laut hsozkult.de einen neuen Blick auf den Bombenkrieg der Allierten gegen Nazideutschland.
11.08.2025. Der Perlentaucher startet eine Reihe von Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschenen?" In Zeit online schildert Karl Schlögel seine Bestürzung über die kulturell und politisch immer aggressiveren proputinistischen Strömungen in Deutschland. Le Monde notiert einen sehr viel schärferen Ton Emmanuel Macrons gegenüber Algerien - auch mit Blick auf die Staatsgeisel Boualem Sansal. Golem.de spottet über das mit viel Getöse angekündigte ChatGPT-5. In der FAZ wird die Abtreibungsfrage weiterhin den Theologen überlassen.
09.08.2025. Die zukünftige Welt wird von den Imperien China, Russland und USA dominiert werden, prophezeit der Historiker Herfried Münkler in der FAS - die Europäer müssen sehen, wo sie bleiben. Der "Freerider China" wird den alten Hegemon USA voraussichtlich überholen, hält der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel in der SZ fest. Russland hat sich immer schon als eigene Zivilisation, in Abgrenzung zum Westen verstanden, erklärt der russische Autor Andrey Gurkov in der FR. In der FAS fragt die Schriftstellerin Anne Rabe, wie es die Politik eigentlich geschafft hat, moralische Werte als "links" zu framen.
08.08.2025. Frauke Brosius-Gersdorf verzichtet auf ihre Kandidatur als Bundesverfassungsrichterin - und macht in einem offenen Brief der CDU-Fraktion im Bundestag schwere Vorwürfe. Die einzige, die sich in dieser Affäre vorbildlich verhalten hat, war sie, meint die Zeit. Der Aufruf "Lassen Sie Gaza nicht sterben, Herr Merz" gewinnt immer mehr Unterzeichner - in der taz erklären die Eltern der deutschen Hamas-Geisel Itay Chen, was Friedrich Merz tatsächlich tun könnte. Im Standard erklärt der Experte Gerhard Ruiss, warum KI das Kulturleben gefährdet.
07.08.2025. In der Zeit schildert der Israeli Tal Schoam, der 505 Tage als Geisel der Hamas gehalten wurde, deren Foltermethoden. Es ist möglich, die israelische Regierung zu kritisieren, ohne in Antisemitismus zu verfallen, ruft Eva Illouz, ebenfalls in der Zeit. Im Interview mit der FR erklärt der Politikwissenschaftler Anas Ansar warum die Aufbruchsstimmung in Bangladesch der Gewalt weichen musste. Die SZ ermuntert Donald Tusk, mehr Mut in der Konfrontation mit dem neuen Präsidenten Karol Nawrocki und dessen Wählern zu zeigen. Eigentlich war auch Henry David Thoreau ein Libertärer, denkt sich in der FAZ der Schriftsteller Karl-Heinz Ott.
06.08.2025. Man kann mit Putin nicht verhandeln, erklärt der ukrainische Journalist Sergey Maidukov in der SZ, er ist zu sehr von seiner Herrschaft berauscht. In der FAZ fragt sich die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies, warum der Historiker Alexei Miller, der Putin hilft, die Geschichte umzuschreiben, bei westlichen Wissenschaftlern so akzeptiert ist. In der Zeit hofft Ray Kurzweil auf ein Implantat, um mit KI zu verschmelzen. In der Berliner Zeitung plädiert Slavoj Zizek für ein durch "prinzipentreuen Pragmatismus" dosiertes "gewisses Maß an Terror", wenn sich der Faschismus anders nicht aufhalten lässt.
05.08.2025. Viele historische Themen heute: Die FAZ erzählt die Geschichte von Polen in der Wehrmacht - eine Ausstellung zum Thema sorgt in Polen für Debatten. Die taz blickt auf den begeisterten Beitrag der Österreicher zum düstersten Kapitel. "Religionskritik in Deutschland endet dort, wo es um den Islam geht", konstatiert Güner Yasemin Balci in der Welt. Alle machen "Druck auf Israel". Warum macht eigentlich keiner Druck auf die Hamas, fragt Thomas Stern im Perlentaucher in einer Replik auf den Öffentlichen Brief von 200 Fernsehprominenten.
04.08.2025. Die Hamas zeigt in ihrem jüngsten Video den total abgemagerten Evyatar David, eine der verbleibenden zwanzig lebenden Geiseln, der gezwungen wird sein eigenes Grab auszuheben. Die Zeitungen diskutieren weiter, ob Israel einen Genozid verübt. Die FAZ zitiert David Grossman, der sagt, es bleibe ihm keine andere Wahl mehr, als das Wort nun doch zu benutzen. In der NZZ entwirft der palästinensische Anwalt und Oppositionelle Moumen al-Natour ein Szenario für einen befriedeten Gazastreifen. Die SZ beleuchtet den Zusammenhang von Verfall der Infrastruktur und populistischen Wahlerfolgen.
02.08.2025. Die Zeit äußert sich erstmals zu Vorwürfen über das von ihr präsentierte Bild eines kranken Kinds aus Gaza. Es hungere tatsächlich, beharrt sie. Kinder mit seiner Krankheit magerten aber besonders stark ab. Die Hamas präsentiert unterdessen wie zum Hohn Bilder hungernder Geiseln in ihren Tunneln. In der FAZ fürchtet Jürgen Kaube, dass die Anerkennung eines Staates Palästina durch Frankreich und andere eine Luftnummer ist. Die SZ porträtiert Güner Yasemin Balci. Die FR lernt von dem Ökologen Bernhard Malkmus Tier- und Pflanzennamen.
01.08.2025. Die Diskussion über die Manipulation von und mit Bildern im Krieg geht weiter. Auch Kinder mit Krankheiten müssen nicht so abgemagert aussehen wie auf den bekannten Bildern, schreibt der bekannte Arzt Cihan Çelik in der FAZ. Bilder abgemagerter Menschen werden schon seit langem eingesetzt, um die Assoziation mit Auschwitz zu schaffen, schreibt Michael Miersch bei den Ruhrbaronen. Schwer erträglich sind die Bilder so oder so, schreibt der Historiker José Brunner in der SZ, der sich eine Sprache der Kritik wünscht, die weder proisraelisch noch propalästinenisch ist, sondern die Situation sehr nüchtern beschreibt.