9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Oktober 2018

Die Auskunft, es sei kein Platz frei

31.10.2018. Twitter und Facebook sind für die Radikalisierung von Attentätern wie Cesar Sayoc genauso verantwortlich wie rechtsextreme Netzwerke, sagt die New York Times. CNN hat die Radikalisierung Sayocs auf Twitter genauer untersucht. In der NZZ schreibt der Historiker Faisal Devji über die Instrumentalisierung des Islams durch Länder wie Iran, die Türkei und Saudi Arabien. In der SZ fragt die französische Journalistin Cécile Calla, wie es in Deutschland mit der Emanzipation steht.

Das Leise in all dem Geschrei

30.10.2018. Heute gibt's fast nur ein Thema: Angela Merkel. "Wir werden uns noch nach ihr sehnen", ruft die taz. Überall Hommagen auf die Antidramaqueen, auch in der New York Times, und Zähneklappern angesichts des düsteren politischen Klimas in der Welt: "Der autoritäre Nationalismus wird stärker. Eine Politik der Rohheit macht sich breit", so Robert Misik in Zeit online. Der Tagesspiegel bringt eine Recherche zu Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, wo ein gewisser Friedrich Merz wichtige Funkionen bekleidet.

Nichts, was es nicht gibt

29.10.2018. Pittsburgh und die Briefbomben konnten nur geschehen, weil verrückte Rechtsextreme der Propaganda Trumps glauben, kommentiert der Atlantic. Im Observer lotet Nick Cohen die Tragödie der Labour-Partei aus, deren Klientel gegen ihre Interessen stimmte und deren Führung vom Brexit träumt. Libération sucht nach Gründen für die Pandemie des Nationalismus.  In der SZ erzählen Jaroslav Rudis und Michal Hvorecky, wie Putin die Öffentlichkeiten in der tschechischen Republik und der Slowakei manipuliert.

Jetzt stehen wir wieder allein

27.10.2018. In der Welt verachtet der Autor Marcelo Backes den brasilianischen Faschisten Jair Bolsonaro genauso herzlich wie das Proletariat, das mit ihm in den Untergang marschiert. Die SZ fürchtet, dass Lateinamerika für alle Zeiten aufs Verlieren spezialisiert bleibt. In der NZZ betont Marta Kijowska, dass es die Frauen sind, die in Polen politisch und juristisch den Kampf gegen die PiS anführen. Die New York Times blickt auf das von Saudi-Arabien in Armut und Hunger gebombte Jemen. Und die FAZ liest die heroische Geschichte des stolzen Britanniens.

Gott als Machtmittel

26.10.2018. Die SZ wirft Monika Grütters vor, die deutsche Kulturpolitik aus schierer Machtfülle zu lähmen. Alle kannten die Namen, aber keiner hat sie genannt: Stefan Niggemeier erzählt im Freitag, wie Jan Böhmermann seinen Kollegen Oliver Polak in einen antisemitischen Sketch verwickelte. Heute ist es so weit: Die Iren schaffen ihren Blasphemie-Paragrafen ab, freut sich die taz. Libération porträtiert den tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky, der Le Monde kaufen will.

Das Begehren nach sich selbst

25.10.2018. In der New York Times schreibt Alexander Soros, Sohn des Mäzens George Soros, über die Bomben in der Post seines Vaters und das Klima, das die Bombenleger ermuntert. In der SZ erklärt die Autorin Eliane Brum , wie abscheulich der Populist Jair Bolsonaro tatsächlich ist. In der SZ muss ein exkommunizierter Ex-Priester konstatieren, dass ihm noch nicht mal die Kirchensteuer erspart bleibt. Die Türkei ist nicht viel besser als Saudi Arabien, schreibt Can Dündar in der Zeit.

Der Dank der übrigen Königssippe

24.10.2018. Selbst enttäuschende Revolutionen haben einen Nutzen, schreibt der Dichter Serhij Zhadan in der SZ. Der Politologe Christoph Butterwegge findet in der taz, dass die anderen Parteien nicht inhaltlich genug mit der AfD streiten. In der FAZ schreibt Bülent Mümay über die bizarre Informationspolitik der Türken im Fall Khashoggi - während zugleich auch türkische Journalisten im Exil die Konsulate ihres Landes nicht mehr betreten können. Die FAZ beschreibt auch, wie die Nowaja Gaseta in Russland bedroht wird.

Treuer Vollstrecker der Befehle meines Herrn

23.10.2018. Die New York Times druckt eine Rede Jamal Khashoggis, in der der Journalist den arabischen Frühling beschwor und auf demokratische Prozesse setzte. In seinem Blog bekennt Bernard-Henri Lévy seinen Abscheu vor Michel Onfray, der Emmanuel Macron mit zotigen Anspielungen auf Homosexualität anschwärzt. In der SZ zweifelt der Historiker Jürgen Zimmerer am Willen der Bundesregierung, sich mit dem kolonialen Erbe Deutschlands auseinanderzusetzen. Das europäische Leistungsschutzrecht wird der Öffentlichkeit schaden, warnt Netzpolitik.

Ruhe im Karton

22.10.2018. Die New York Times erzählt, wie Mohammed bin Salman seine Feinde per Twitter bekämpft. In der SZ verteidigt der Historiker Jörn Leonhard die Offenheit des historischen Moments. Wenn die Rundfunkbeiträge automatisch der Inflation angepasst werden, verstummen vielleicht endlich die Debatten über die Öffentlich-Rechtlichen, hofft die taz. Europäische Museen wollen laut SZ ein Museum in Nigeria bauen, um dort Skulpturen aus Benin zu zeigen, informiert die SZ. Schafft die Kirchensteuer ab, ruft Rainer Hank in der FAS.

Sehr spezifische Hässlichkeit

20.10.2018. Saudi Arabien bestätigt in einer komplett fabriziert wirkenden Mitteilung den Tod des Journalisten Jamal Khashoggi im Istanbuler Konsulat. Manchmal ist es der Tod eines einzelnen, der ein Schlaglicht auf ein verbrecherisches Regime wirft, schreibt Guardian-Autor Jonathan Freedland zum Fall Khashoggi.  In der NZZ plädiert Martin Amis dafür, die Zwiespältigkeit in den Äußerungen eines Autors zuzulassen. In Deutschland zerbrechen sich Soziologen den Kopf über die Genese des Populismus. Die taz inspiziert die Mauern von Belfast.

Hundertprozentige Tochter

19.10.2018. Putin fängt an Fehler zu machen, aber vorher hat er sein Volk an den Abgrund geführt, schreibt ein zorniger Viktor Jerofejew in der FAZRussland versucht, mit einigen Medien Einfluss auf die linke Szene in Deutschland zu gewinnen, berichtet t-online.de. In der FAZ versuchen zwei Lobbyisten den Gegnern der EU-Urheberrechtsreform nachzuweisen, dass sie Lobbyisten sind.  Deutschland und EU zahlen Geld an die palästinensische Autonomiebehörde. Die palästinensische Autonomiebehörde zahlt Attentätern mit ihrem Geld stattliche Renten, berichtet die Welt.

Alles mit allem erklären

18.10.2018. Die Washington Post veröffentlicht die letzte Kolumne des offenbar ermordeten Journalisten und Post-Kolumnisten Jamel Khashoggi: Es geht um Meinungsfreiheit. Auch in Polen wird jetzt über pädophile Priester und Machtmissbrauch der katholischen Kirche diskutiert, berichtet hpd.de. In der SZ erklärt Henrik Hanstein vom Auktionshaus Lempertz, warum er gern auch mal einen Schrumpfkopf versteigert. Und Bellingcat und Sascha Lobo in Spiegel online bringen uns einen neuen Begriff bei: "Red-Pilling".

Sich von den Knochen zu ernähren

17.10.2018. Laut der New York Times verdichten sich die Hinweise, dass Jamel Khashoggi  von saudischen Sicherheitsleuten ermordet wurde. Forbes präsentiert eine Studie des Atlantic Council, die zeigt, wie Millionen von Euro unklaren Ursprungs die Populisten in Deutschland oder den USA päppeln - schuld sind die laxen Gesetze der traditionellen Parteien. Auch von jetzt schon geltenden Überwachungsgesetzen könnten populistische Parteien einst profitieren, warnt die Bloggerin Katharina Nocun in der SZ. Daphne Caruana Galizia ist vor einem Jahr umgebracht worden. Margaret Atwood fordert im Guardian eine unabhängige Untersuchung.

Eine Provokation, selbst für Hirnforscher

16.10.2018. Die Saudis bereiten laut CNN eine Erklärung zum Fall des mutmaßlich ermordeten Journalisten Jamel Khashoggi vor. Sie klingt wie ein Geständnis. Der Brexit würde um einiges leichter, wenn sich Irland endlich vereinigen würde, meint die Publizistin Patricia Mac Bride in politico.euNetzpolitik fürchtet, dass EU-Politiker die ePrivacy-Verordnung auf Druck von traditionellen Medien und Internetkonzernen fallen lassen. Und der Dlf findet die "Armen Dienstmägde" gar nicht so heilig.

Sie, und nicht der Prinz

15.10.2018. Die Zeitungen staunen über die Zweistimmigkeit der gemeinsamen Rede Aleida und Jan Assmanns zum Friedenspreis. Der Guardian bringt die längst fällige Hommage auf das Bürgerjournalismusprojekt Bellingcat, das über die Skripal-Attentäter mehr herausfand als die Geheimdienste.  Guardian und SZ stellen sich der düsteren Perspektive eines möglichen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien. Und ein Glück, das die CSU so stark verloren hat, meint Bernd Ulrich in der Zeit.

Ein Prosit auf die Wohlstandsgemütlichkeit

13.10.2018. In der NZZ beschreibt die Historikerin Marine-Janine Calic den Streit in Serbien und Kroation über die ideologische Deutung ihrer faschistischen Terrorgruppen im Zweiten Weltkrieg. Die FAZ warnt die Bayern: Wer nicht wählen geht, hat schon verloren. Die SZ fordert, die Information über Abtreibung aus der rechtlichen Grauzone zu nehmen. Sonst gibt's bald keine Ärzte mehr, die überhaupt noch Abtreibungen vornehmen, sekundiert die taz. In der NZZ kritisiert Francis Fukuyama die destruktive Macht der Mini-Identitätspolitik und plädiert für nationale Identitäten.

Von der Peripherie des westlichen Kapitalismus

12.10.2018. In der taz fordert die tschechische Politologin Veronika Sušová-Salminen die Europäer auf: demokratisiert euch erstmal, bevor ihr Russland kritisiert. Die FAZ lernt aus zwei Studien: syrische Flüchtlinge können eigentlich nirgends hin. In der SZ kritisiert der Anwalt Wolfgang Kaleck Monika Grütters juristische Tricks zum Umgang mit Raubkunst aus Afrika. Meedia meint zum FAZ-Kommentar Alexander Gaulands: War doch gut für die Meinungsvielfalt. Und die Welt meint zu Gauland: Mit mehr Globalisten hätte es weniger Fehler in der Flüchtlingsdebatte gegeben.

Gegensatzpaare

11.10.2018. Brandgefährlich findet auf Zeit online der Schriftsteller Zaza Burchuladze die mächtige Kirche in Georgien. In der taz wünscht sich der Sozialwissenschaftler Werner Schiffauer mehr Zusammenarbeit von Juden und Muslimen, schließlich lebten beide hier in einem "Drittland". Die taz findet durchaus Analogien in Alexander Gaulands Antiglobalisierungskommentar in der FAZ zu einer Hitler-Rede. Die NZZ winkt dagegen ab: So reden Linke doch schon lange. In der Zeit zieht Eva Illouz positive Bilanz von #MeToo. Politico schlägt vor, Facebook zu verstaatlichen.

Gedanken zur Elitenkritik

10.10.2018. Illiberale Demokratien gibt es nicht, nur undemokratische, warnt die NGO Democracy Reporting International in der SZ. Hat Alexander Gauland eine Rede Hitlers für seine Elitenkritik in einem FAZ-Kommentar zur Vorlage genommen? Das behauptet Wolfgang Benz im Tagesspiegel. Wer soll die Probleme denn richten, wenn nicht die Eliten, fragt der Literaturwissenschaftler Alfred Koschorke in der NZZ: Egomane Clowns? Neue Cybercrime-Gesetze machen die arabische Welt zu einem einzigen Freiluftgefängnis, warnt die jordanische Journalistin Rana Sabbagh auf Zeit online.

Suchbewegung ohne Ziel

09.10.2018. Buchmesse 2! Hier geht's mehr um den Markt. So schlecht steht es gar nicht um die Branche, versichert Buchmessenchef Juergen Boos in der FR. Die Umsätze seien stabil, außerhalb Deutschlands wachse der Markt. Die kleinen Verlage sollen trotzdem Subventionen bekommen, fordert die taz. Rüdiger Wischenbart schildert im Perlentaucher das Dilemma der Verlage. Außerdem: Es gibt eine neue Normalität des Antisemitismus in Europa, beobachtet Richard C. Schneider in den Blättern. Und Google plus macht dicht.

Gerechtigkeit nur für die Richtigen

08.10.2018. Verschwundene und Ermordete: Der Journalist Jemal Khashoggi soll im Istanbuler Konsulat Saudi Arabiens ermordet worden sein, die bulgarische Journalistin Viktoria Marinova wurde in einem Park in Sofia ermordet aufgefunden - nur zwei Meldungen des Tages. Depression herrscht über die Ernennung des Supreme-Court-Richters Brett Kavanaugh. Die SZ berichtet über einen akademischen Hoax, der sich über Gender Studies lustig macht. Die fast schon vergessen geglaubte "Erklärung 2018" muss jetzt laut FAZ im Bundestag diskutiert werden.

145 Tage des Kampfes, 20 Kilo weniger

06.10.2018. Libération berichtet, dass der ukrainische Filmemacher Oleg Senzow seinen Hungerstreik aufgeben musste: "Ich habe mein Ziel nicht erreicht." Der Schriftsteller Rafael Cardoso beschreibt in der FAZ, wie über Jahre hinweg die öffentliche Debatte in Brasilien brutalisiert und unkontrollierbar wurde. Ein Jahr nach Beginn von #MeToo sieht die taz eine Kultur von Konsens und Respekt näherrücken. Die Berliner Zeitung fragt, ob deutsche Männer weniger sexistisch sind als amerikanische oder ob sich deutsche Frauen einfach mehr gefallen lassen.

Durch eine Geheimtür ins Freie

05.10.2018. Streit um die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen. Nach seinem Stellvertreter ist auch Hubertus Knabe entlassen worden. Von Knabe sei "etwas Diabolisches" ausgegangen, so laut Tagesspiegel einer der Vorwürfe. Jan Fleischhauer vermutet in Spiegel online eine Intrige der Linkspartei. Die Welt bringt Walter Laqueurs "mildem Pessimismus" noch eine Hommage dar.  Warum propagieren westliche Organisationen wie die Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung so massiv die Beschneidung von Jungen in Afrika, fragt der Humanistische Pressedienst.

In wahnwitzigem Tempo

04.10.2018. Der Staat sollte die Katholische Kirche wie jede andere Organisation behandeln, meint der Soziologe Uwe Bork mit Blick auf den Missbrauchsskandal in Dlf-Kultur. In der NZZ erinnert Sonja Margolina an den Staatsantisemitismus und die routinierte Diskriminierung  der Juden in der Sowjetunion. Überall wird "Respekt vor Religion" verlangt. Wie wäre es dagegen einmal mit Respekt vor säkularen Errungenschaften, fragt ebenfalls die NZZ. In der Zeit erzählt Bartosz T. Wieliński von der Gazeta Wyborcza, wie in Polen die Demokratie zerstört wird.

Bürgernahe Regenkleidung

02.10.2018. Ungemütliche Stimmung vorm Tag der Einheit: In Chemnitz wurde nach Wochen der Leugnung eine rechtsextreme Terrorgruppe festgenommen. taz-Autor Daniel Schulz schildert eine Jugend in den Neunzigern, als rechtsextremes Gedankengut in den neuen Ländern Normalität war. Welt-Autor Thomas Schmid resümiert: die Revolution von 1989 war keine liberale Revolution. Die Jungle World erzählt, wie Genitalverstümmelung in Indien im Namen der Religionsfreiheit verteidigt wird.

Westmark oder Ostmark?

01.10.2018. In der FAS wirft Didier Eribon der "Aufstehen"-Gründerin Sarah Wagenknecht keinen Schokoladenkuchen ins Gesicht. In der NZZ kommt Jörg Baberowski zu der Einsicht, dass "es die beste aller Gesellschaften nicht geben wird". In der SZ zeichnet der brasilianische Autor Luiz Ruffato das Bild eines gespaltenen Landes. Im Observer zieht Kenan Malik dreißig Jahre nach Erscheinen der "Satanischen Verse" eine bittere Bilanz der Rushdie-Affäre. Und in Fastcompany.com erfindet Tim Berners-Lee das Web neu.