9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

November 2019

Straffrei lesen

11.11.2019. Pünktlich zu dreißig Jahren Mauerfall fragen Shermin Langhoff und Durs Grünbein in der Berliner Zeitung: Sollten wir Identitäten zertrümmern oder doch besser nur verflüssigen? Heinrich August Winkler glaubt in der FAZ, dass "altdeutsche Vorbehalte" gegen Demokratie in der DDR wesentlich besser überleben konnten. In der SZ erklärt der dänisch-deutsche Schriftsteller und Schauspieler Knud Romer, wie deutsch  die Dänen sind. In La Règle du Jeu erklärt Noémie Madar, die Vorsitzende der jüdischen Studentengemeinde Frankreichs, warum sie nicht an der Pariser Demo gegen Islamophobie teilnahm.

Wir wollten wissen, was sie wussten

09.11.2019. Die Mauer war nicht eine Mauer, sagt Timothy Garton Ash in der Welt, sie war die Alpen. France Inter bringt aus dem Anlass ihres Zusammenbruchs eine Techno-Playlist.  Die SZ berichtet über eine Denkwerkstatt afrikanischer Intellektueller, in der Achille Mbembe schwarze 'négrophobie' kritisierte und ein vereintes Afrika ohne Grenzen vorschlug. Hat Cornelia Koppetsch plagiiert? Bei der Verleihung des Bayerischen Buchpreises kam es zum Eklat - FAZ und SZ werfen einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Affäre.

Die Beharrungskräfte sind zu hoch

08.11.2019. So freiheitlich, wie sie heute noch gern gesehen wird, war die Wende 1989 nicht, schreibt Thomas Schmid in der Welt: Das eigentlich prägende Datum des Jahres sei darum nicht der 9. November, sondern der 4. Juni. Und laut Leander Haußmann in der Nachtkritik hat der Wessi heute ein Spiegelbild: den Ossi. Bei den Salonkolumnisten sucht Stefan Laurin Gründe für den Niedergang des Ruhrgebiets. In Libération zweifelt Lionel Jospin am Laizismus der "linken Linken".

Typische Umbruchserfahrung

07.11.2019. Also unseres Wissens.... ist die Mauer seit gut dreißig Jahren auf. Die Zeitungen fragen Schriftsteller: In der DDR waren die Verhältnisse repressiv, aber einfach. Heute aber leben wir in Zeiten, "in denen die Begriffe links und rechts endgültig bedeutungslos wurden", schreibt Monika Maron in der NZZ. In der FAZ kritisiert auch Lukas Rietzschel, nach der Wende im Osten geboren, die Narrative der Wessis über die Ossis. Auch die Debatte über Meinungsfreiheit geht weiter: Diese sei von zwei Seiten eingekreist, diagnostiziert der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel in der Zeitschrift IPG.

Die Dimension des Zuhörens

06.11.2019. Wir meinen so frei. Zu frei, meint Navid Kermani, der im Deutschlandfunk die "Enthemmung von Meinung" beklagte. Hamed Abdel-Samad widerspricht ihm auf Facebook. In der NZZ fürchtet der Philosoph Peter Boghossian, dass sich unter der Forderung nach Diversität ideologische Homogenität versteckt. Und in Spiegel online plädiert der Sprachforscher Eric Wallis dafür, Rechte nicht aus den Unis auszuschließen, sondern mit ihnen zu reden. SZ und taz freuen sich über Entlassung von Ahmed Altan und Nazli Ilicak aus dem Gefängnis.

Und Folgendes sehe ich voraus

05.11.2019. Wenn in Flensburg zwei Krankenhäuser fusionieren, werden Schwangerschaftsabbrüche gleich mal eingestellt. Das liegt aber nicht an der Religion, so die taz. Der Atlantic fasst schon mal das Gezicke zwischen Britannien und der EU nach dem Brexit ins Auge. Und Fintan O'Toole warnt im  Guardian vor englischen Tories, die sich als irische Revolutionäre verkleiden. Die NSU-Morde bleiben eine Schande, auch weil ihrer kaum gedacht wird, so die taz. Und in der NZZ sagt Niall Ferguson den Zusammenbruch Chinas an.

Reprussifizierungstendenzen

04.11.2019. Überall wird über Meinungsfreiheit gestritten. Während FAS-Redakteur Harald Staun die Kritik an "Political Correctness" abwehrt, geißelt Historiker Andreas Rödder in der NZZ die an Universitäten um sich greifende  "Hypermoral des Regenbogens". Auch über die Wahl in Thüringen wird weiter diskutiert. In der taz beleuchtet der Politologe Wolfgang Schroeder die Rolle der nicht akademischen Mittelschicht. Und Hubertus Knabe blickt in seinem Blog auf weit zurückreichende Kontinuitäten in der thüringischen Linkspartei.

Der AK.Unbehagen hat Christa Wolf gelesen

02.11.2019. In einem Dossier zu 30 Jahren Mauerfall erinnert die taz an das geistige Kleingärtnertum der westdeutschen Linken, die den 9. November vor allem als ästhetische Zumutung empfand. In der Welt stellt Richard Herzinger klar, dass der Westen die weltweiten Demokratiebewegungen nicht zu viel unterstützt, sondern zu wenig. FR und ZeitOnline blicken über den Eisernen Vorhang, den Präsident Putin vor seinem russischen Internet hochzieht. Die SZ lächelt freundlich in die Kameras von Alicem. Und die FAZ fragt: Machen Smartphone nur kurzsichtig oder auch dick und doof?

Angesichts möglicher Mimikry

01.11.2019. Das Attentat von Halle löste bei der deutschen Politik einige Betriebsamkeit aus - von Erschrecken über den Antisemitismus ist nichts zu spüren, und das hat einen Grund, schreibt Matthias Küntzel im Perlentaucher. Timothy Garton Ash sieht im Guardian noch eine Chance für den Geist von 1989.  In der FAZ erzählt Bülent Mümay, wie die türkischen Medien über den Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien nicht berichten. In der New York Times polemisiert Aaron Sorkin, der Drehbuchautor von "The Social Network", gegen Mark Zuckerberg.