9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai 2024

18.000 Soldaten und 11.000 Pferde

31.05.2024. "Schuldig in allen Anklagepunkten" - in New York wurde ein historisches Urteil gegen Donald Trump gefällt, aber die New York Times macht keine Hoffnung, dass er auf eine Kandidatur verzichtet. Endlich kursiert ein prominent unterzeichneter und internationaler Aufruf gegen BDS an Universitäten, wir zitieren. In der NZZ zeichnet Michi Strausfeld ein trauriges Bild von der Lage in Argentinien. Und die SZ beleuchtet Mexiko, wo zwei Frauen für die Präsidentschaftswahlen kandidieren. Die taz fordert einen Gedenkort für den Völkermord an den Herero und Nama in Hamburg.

Im Tierreich eine Ausnahme

30.05.2024. Die Politologin Azadeh Zamirirad hegt nach dem Tod des iranischen Präsidenten Raisi leise Hoffnungen für die iranische Protestbewegung. Die georgische Schriftstellerin Tamta Melaschwili schildert ebendort ihren Kampf gegen die Spaltung ihres Landes. Die Ruhrbarone empfehlen den rassistischen Grölern von Sylt, doch nächstes Mal lieber antisemitische Parolen zu rufen - die Reaktion der Medien fiele um einiges milder aus. Die Welt erklärt, warum Juden in den USA nicht als "unterdrückte Minderheit" gelten.

Erkenntnis und Blindheit

29.05.2024. In der taz fordert Meron Mendel Deutschland und die EU auf, Palästina als Staat anzuerkennen, um Netanjahu Grenzen zu setzen. Im Tagesspiegel will Richard David Precht immer noch nicht glauben, dass Putin Böses im Schilde führt. In der FR legt Deborah Schnabel, Direktorin der Bildungsstätte Anne Frank, dar, wie massiv antisemitische Narrative in den sozialen Medien verbreitet werden. Bei der Europawahl bitte den Klimaschutz nicht vergessen, mahnt in der SZ die Philosophin Friederike Otto. Die Zeit beklagt, dass in der Debatte um Gaza "Kontext" immer nur der eigenen Seite zugestanden wird.

Mal bloß nicht überreagieren

28.05.2024. Die taz wirft einen besorgten Blick auf die kommenden südafrikanischen Wahlen. In der SZ bekennt Etgar Keret seine Verzweiflung über die israelische Regierung. Das ZDF zeigt am Beispiel des Bombardements von Rafah, wie wichtig Faktenchecks sind. Auf gespenstische Weise abwesend ist das Thema Krieg in Europa in den aktuellen Wahlkämpfen, konstatiert Richard Herzinger in der Internationalen Politik.  Das Anwenden falscher Pronomen gilt als Gewalt, aber "From the river to the sea" und "Intifada" soll man einfach so brüllen dürfen, fragt Mirna Funk in der Welt.

Der archaischste Kern des Westens

27.05.2024. Die SZ bringt Natan Sznaiders "pragmatische zionistische Vision". Vor zwanzig Jahren: Die taz erinnert an den Verkauf von 65.700 kommunalen Berliner Wohnungen an private Investoren zum Quadratmeterpreis von so ungefähr 450 Euro. In der NZZ sucht der israelische Religionswissenschaftler Tomer Persico nach den tiefsten Wurzeln des heutigen akademischen Antisemitismus. Und: Nach der HU-Räumung ist die Stimmung unter den Professoren offenbar ganz anders als nach der FU-Räumung.

Unter der Prämisse von Redefreiheit

25.05.2024. Warum nur diese Fixierung auf Israel fragt Armin Nassehi mit Blick auf seine Kollegen, die sich mit den Pro-Hamas-Studenten solidarisieren - und findet sehr alte Muster des Antisemitismus. Der Politologe Daniel Marwecki wirft Deutschland in der taz vor, zum israelischen Sieg im Sechstagekrieg beigetragen zu haben. In der FR wehrt sich Hermann Parzinger gegen den Vergleich von Kolonialismus und Holocaust.

System der abgestuften Ungleichheit

24.05.2024. Die Milizen der RSF stapeln die Leichen so hoch, dass man sie vom Weltraum aus sehen kann, erzählt Nathaniel Raymond von der Yale-Universität im Spiegel - für den Konflikt im Sudan interessiert sich trotzdem keiner. In einem Twitter-Post begründet Fania Oz-Salzberger nochmal, warum die voraussetzungslose Anerkennung Palästinas durch einige EU-Länder nur der Hamas nutzt. Russland verschiebt mal eben die Seegrenzen in der Ostsee, und der Westen lässt sich diese Provokation gefallen, notiert die SZ. In der NZZ prangert der Historiker Pratinav Anil die Zähigkeit des Kastensystems in Indien an.

Diese Bilder müssen gezeigt werden

23.05.2024. Die Angehörigen der Hamas-Geiseln bringen ein bisher nicht veröffentlichtes Video heraus, das zeigt, wie einige junge Frauen von Hamas-Terroristen festgehalten und misshandelt werden. Ayelet Levy Shachar, Mutter der Geisel Naama Levy, erklärt auf CNN, warum sie zugestimmt hat. Wir binden beide Videos ein. Israel wird unterdessen der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, richtig so, meint der Rechtshistoriker Stefan Talmon in Spiegel online. Studenten der Humboldt Uni rufen "Resistance is Justified" und besetzen ein Institut. Die Uni sucht den "Dialog". 75 Jahre Grundgesetz: "Man kann nicht kolonisiert worden sein, wenn man selbst durch ein Beitrittsgesuch ausdrücklich zugestimmt hat", sagt der Rechtshistoriker Jan Thiessen in Zeit online an die Adresse angeblicher Kolonisierungsopfer in den Neuen Ländern.

Schlachtreif wie ein fettes Lamm

22.05.2024. Auf Zeit online versucht sich der Philosoph Ingo Elbe den "Erlösungsantizionismus" vieler Linker zu erklären. Nur wenn die Diktaturen nicht überleben, hat die Menschheit eine Zukunft, ruft Wolfgang Bauer ebenfalls auf Zeit online. Ebendort blickt Timothy Garton Ash zurück auf 75 Jahre Deutsche Bundesrepublik und fragt: "Großes Deutschland - was nun?" In der SZ nimmt der Historiker Volker Weiß die "neue Rechte" unter die Lupe und stellt wenig überraschend fest, dass sie sich kaum von der alten unterscheidet. Im Tagesspiegel verteidigt der Nahost-Experte Rashid Khalidi die antiisraelischen Studentenproteste an der Columbia-University. Und Aleida Assmann verteidigt in der FAZ Claudia Roths Konzept für eine erweiterte Erinnerungskultur.

Aus dem Quell dieser romantischen Revolte

21.05.2024. Während der UN-Sicherheitsrat sich zur Schweigeminute für den "Schlächter von Teheran" erhebt, beantragt der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Wir verlinken zu ersten Stellungnahmen. Im RBB warnt Salman Rushdie die an den Unis protestierenden Studenten vor einem Abgleiten in den Antisemitismus. FAZ und Welt feiern 75 Jahre Grundgesetz. In der Welt wettert der österreichische Autor Richard Schuberth gegen eine Linke, die ihre Wurzeln in der Aufklärung längst gekappt hat.

Von Utopien gar nicht zu reden

18.05.2024. In der FR warnt Timothy Garton Ash vor einer Trump-Partei in Europa. In der taz bedauert der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk die vertane Chance auf eine gemeinsame Verfassung im wiedervereinigten Deutschland. Der Politologe Philip Manow stellt gleich den ganzen Rechtsstaat in Frage. In der SZ legt die israelische Soziologin Eva Illouz dar, weshalb die Proteste gegen Israel nicht antizionistisch, sondern antisemitisch sind. Und in der Welt fragt Joe Chialo, weshalb aus der Antidiskriminierungsklausel sofort die Antisemitismusklausel wurde.

Was sind das für Menschen?

17.05.2024. In der NZZ wirft der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg dem Westen und insbesondere Deutschland vor, Auschwitz als seine Offenbarung zu betrachten. Ebenfalls in der NZZ fordert der Ökonom Amos Michael Friedländer eine asiatische Nato. Im taz-Gespräch erzählt Amir Kazemi, Cousin des im Iran hingerichteten Majid Kazemi, wie die Familie noch auf der Beerdigung verhöhnt wurde. Zeit Online fragt die progressive Linke, wieso sie nicht auch für die Opfer autokratischen Machthaber im Globalen Süden auf die Straße geht.

Willkommenes Alibi

16.05.2024. Jüdische Intellektuelle wie Judith Butler wollen sich durch ihre Israelkritik bei ihren Mitstreitern beliebt machen - die werden sich ihrer allerdings entledigen, sobald das Ziel erreicht ist, schreibt Michael Wolffsohn in der NZZ. Jungle World schaut sich an, wie ausgerechnet Jean Améry von Israelkritikern als Kronzeuge missbraucht wird. In der FAZ hält der Historiker Bernd Greiner nichts von den erneuten Diskussionen über "Abschreckung". In der Zeit streiten die HU-Professorin Manuela Bojadzijev und der bayrische Wissenschaftsminister Markus Blume über den Dozentenaufruf.

Tiefe exegetische Abgründe

15.05.2024. Das Vorgehen des Berliner Senats gegen den Protest an der FU ist "geschichtsblind", meint der Rechtswissenschaftler Nils Jansen in der FAZ: Bei der Deutung verschiedener Geschichtsbilder gibt es kein Wahr und kein Falsch. In der Jüdischen Allgemeinen fordert Ahmad Mansour, die Leitungen der von den antiisraelischen Protesten betroffenen Universitäten müssen ihr Amt niederlegen. Ebenda wirft Mirna Funk dem deutschen Staat vor, die Juden nicht ausreichend zu schützen. In der Berliner Zeitung fragt die schwarze Queerfeministin Michaela Dudley ihre Community: Wo bleibt die Solidarität mit Israelinnen?

Röntgen schon länger

14.05.2024. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie empört sich über die Verurteilung der Dozenten, die ein Camp antiisraelischer Studenten auf dem Campus der FU Berlin als Beitrag zur Meinungsfreiheit verstanden wissen wollten. Die FAZ fragt: Könnten wir auch mal über die Gedanken hinter dieser Meinung reden? In der FR fragt Wolfgang Kraushaar, welche Folgen unsere Staatsräson eigentlich hätte, würde der Iran Israel ernsthaft angreifen. Auf ZeitOnline glaubt der Philosoph Dag Nikolaus Hasse weder an ein jüdisch-christliches noch an ein von einer bestimmten Kultur geprägtes Europa: Er setzt auf Vielvölkerstädte.

Derartige Triggerthemen

13.05.2024. Die antiisraelischen Studenten an den Unis in Europa und Amerika begnügen sich nicht mit ihren "From the River to the Sea"-Rufen, sie wollen, dass ihre Universitäten die Zusammenarbeit mit israelischen Unis einstellen - mehrere Artikel und 3sat-"Kulturzeit" thematisieren diese BDS-Forderungen. Das Trinity College in Dublin ist schon eingeknickt, berichtet die taz. In Harvard zirkuliert immerhin ein offener Brief von Professoren gegen einen solchen Boykott. In der FAZ kommt der Rechtsprofessor Jan Thiessen nochmal sehr kritisch auf den Berliner Dozentenaufruf zurück.

Die anderen sind mächtiger

11.05.2024. Gibt es noch Wege aus dem Getümmel? Wohl nicht. Dana Vowinckel will den protestierenden Studenten in der SZ durchaus Friedenswillen unterstellen - aber sie sieht auch ihren Antisemitismus. In der FAZ analysiert der israelische Historiker Gad Arnsberg die tiefe existenzielle Verunsicherung, die der 7. Oktober für Israel bedeutet. Der Berliner Dozentenaufruf empört Philp Peyman Engel in der Jüdischen Allgemeinen. Aber die Dozenten sind auch empört. Auch sonst steht es übel: Richard Herzinger lotet die "antifaschistische" Camouflage des Kreml aus. Der Brexit war ein Flop. Die Georgier wehren sich umsonst.

Großartige Orte für politischen Aktivismus

10.05.2024. Wir kabbeln uns weiter: Die FU Berlin hat ihren Campus von Pro-Hamas-Studenten geräumt, dagegen protestieren zuerst hundert,  jetzt 300 Berliner Hochschuldozenten plus 600 Unterstützer von andern Unis in einem offenen Brief. Das ist selbst Ronen Steinke in der SZ zu viel, der nichts dagegen hat, einen Campus zu räumen, "wenn Demonstranten auch noch verschlossene Hörsäle aufbrechen und Feueralarme zerschlagen". Yascha Mounk beschreibt im Spectator die Hintergründe der Proteste an der Columbia University. Außerdem: In der FAZ benennt Martin Sabrow die "eigentliche Brisanz" von Claudia Roths geschichtspolitischen Konzepten.

Da ist viel Platz am Lagerfeuer

08.05.2024. Wäre die Geschichte der DDR aufgearbeitet worden, wären die Ostdeutschen nicht so pro-russisch, glaubt Anne Rabe in der SZ. Die Zeit lässt  Khola Maryam Hübsch von der Ahmadiyya-Sekte und den Autor Hamed Abdel-Samad über die Begriffe Kalifat und Scharia streiten. Der Ruf nach der Vernichtung Israels wird jedenfalls nicht Frieden bringen, ruft Spiegel-Kolumnist Richard C. Schneider den pro-Hamas Demonstranten entgegen.

Diese romantische Vergaffung

07.05.2024. In der NZZ staunt der Schriftsteller Sergei Gerasimow über die "Faschizophrenie" Putins, der sanitäre Zonen in Charkiw einrichten will. In der FR geißelt der amerikanisch-palästinensische Historiker Rashid Khalidi Israel als "siedlungskoloniales Projekt". In der Welt wundert sich Mirna Funk nicht über die antiisraelischen und antisemitischen Demonstrationen: Juden, die sich wehren, sind unbeliebt. Derweil wächst im Iran der Druck auf Frauen, das Kopftuch tragen zu müssen, berichtet die FAZ. Die taz stellt die Organisation "Men Having Babies" vor, die liebende Leihmütter an schwule Männer vermittelt.

Diese latente Bedrohung

06.05.2024. Nein, die Berliner Republik ist nicht Weimar, aber den Vergleich ziehen die Zeitungen nach den jüngsten Ausbrüchen politischer Gewalt schon. Wie ist es zu erklären, dass der leidenschaftlichste Ausbruch studentischen Aktivismus' seit den 1960er Jahren der Delegitimierung Israels gilt, fragt der Autor Yossi Klein Halevi in der Times of Israel. Die Ruhrbarone lesen den eigentlich weggesperrten Bericht des Bundesinnenministeriums zur Muslimfeindlichkeit. "Muslim Interaktiv" und extreme Rechte sind Teile eines Problems, schreibt Volker Weiß in der SZ.

Es beginnt eine große Verheerung

04.05.2024. Gäbe es die Hamas nicht, wäre keiner dieser Menschen tot, sagt der Antisemitismusforscher Jeffrey Herf in der taz - und ist bestürzt über das Bündnis heutiger "Linker" mit Nachfolgern der Nazis. Bei der Debatte um das richtige Fleischessen zur Verhinderung des Klimawandels boxen Hedwig Richter und FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube jetzt ohne Handschuhe. Die FAZ informiert auch über Gefahren, die von Gagausien ausgehen. Für Welt-Autor Thomas Schmid verkörpert Claudia Roth die Tendenz zu einer Verstaatlichung der Geschichtsdebatten.

Die Grenzen unseres Handelns

03.05.2024. In der taz erzählt die mexikanische Journalistin Teresa Montaño, wie es ist, vom eigenen Staat entführt zu werden. Was die Lautstärke des Schweigens betrifft, da dürften die Islamverbände einen Rekord halten, meint Spiegel online. Es ist nicht so sehr die Frage, ob Iwan Iljin ein Faschist war, sondern wie seine Philosophie Putin beeinflusst, meint die NZZ. Warum gibt es in Baden-Württemberg Religions- aber nicht Ethikunterricht, fragt hpd.de. Und Macron wiederholt: Bodentruppen nicht ausgeschlossen.

Das Versprechen der Gewaltlosigkeit

02.05.2024. In der FAZ macht sich Dror Wahrman große Sorgen um Israel: Der Zusammenhalt in der Gesellschaft schwinde immer mehr. Der Campus der Columbia-Universität wurde geräumt - für die Demokraten könnten die Proteste zum Verhängnis werden, meint die Zeit. Auf Spon verteidigt Jürgen Zimmerer Claudia Roths Konzept für eine neue Erinnerungskultur. Postkoloniale Linke können es einfach nicht ertragen, dass ein demokratischer Staat wie Israel auch mal Gewalt anwenden muss, um seine Bevölkerung zu schützen, ruft Gesa Lindemann auf Zeit Online. Ein Polexit ist unwahrscheinlich, beruhigt Andrzej Leder in der FR.