9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2019 - Medien

Die Berliner Zeitung hat Marianne Birthler, ehemalige Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen und den Historiker Sascha Kowalczuk mit der Aufarbeitung der IM-Vergangenheit ihres Verlegers Holger Friedrich beauftragt. Seit gestern steht das 25seitige Gutachten online, in dem Birthler und Kowalczuk nach Sichtung der Täterakte sowie der von Friedrich zur Verfügung gestellten Opferakte zu dem Schluss kommen, der Verleger habe bei früheren Stasi-Kontakten "überwiegend Offenkundiges" berichtet, seine Informationen trugen keinen "politisch-ideologischen Charakter": "Die Informationen von Friedrich haben in einem Fall zu einer strafrechtlichen Belehrung eines Anderen geführt. Damit war u.U. ein erhebliches Einschüchterungspotential für den Betroffenen verbunden. Weitere Folgen, die durch Friedrichs Informationen zu konstatieren wären, ließen sich nur mit Akten, die über Dritte eventuell existieren, ersehen. Sehr wahrscheinlich erscheint das nicht."

Die ostdeutsche Autorin Jana Hensel arbeitete seit drei Monaten an einem Zeit-Porträt über die Friedrichs, führte Interviews, kurz vor Redaktionsschluss zog Holger Friedrich allerdings das Interview zurück. Hensel bringt durchaus Verständnis für Friedrich auf - denn noch immer hänge die "moralische Integrität eines Ostdeutschen" ja vor allem davon ab, wie er sich zu DDR-Zeiten verhalten habe, berichtet aber auch von befremdenden Erlebnissen: "Warum ich dieses Porträt nicht für die Berliner Zeitung schriebe, fragt er mich. Ich bin verblüfft und weiß nicht, was ich antworten soll. Mal abgesehen davon, dass man ein Porträt über sich selbst nicht in der eigenen Zeitung abdruckt, bin ich doch im Auftrag der Zeit hier. Friedrich, der meine Überraschung bemerkt, winkt schließlich ab und tut so, als wäre das nur ein Scherz gewesen."

Auf den Medienseiten der SZ schildern Verena Mayer und Jens Scheider indes, wie sich die Redaktion der Berliner Zeitung um redaktionelle Unabhängigkeit bemüht. Unter anderem habe sich ein Redaktionausschuss gebildet, der ein Redaktionsstatut erarbeiten wird. Die Friedrichs haben noch viel zu lernen, halten sie fest: "Vor Kurzem erschien ein Artikel über die Firma Centogene, ein Biotech-Unternehmen aus Rostock, das gerade an die US-Technologiebörse Nasdaq ging. Die Anregung, über den laut Artikel 'Weltmarktführer in der gentechnischen Analyse seltener Krankheiten' zu schreiben, kam vom Eigentümer Friedrich. Der ist allerdings auch an dem Unternehmen beteiligt. Ein klassischer Interessenkonflikt. Das sei der Redaktion nicht bekannt gewesen, erklärte diese auf der Webseite. Man werde künftig genau prüfen, ob 'geschäftliche Interessen des Unternehmerehepaares Friedrich oder unseres Hauses davon berührt sind - und dies öffentlich machen.' Es sind Selbstverständlichkeiten, die diese Neuverleger nun vor aller Augen lernen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2019 - Medien

Die Schweizer Republik ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte im deutschsprachigen Journalismus. Das Magazin wird von seinen Lesern getragen. Allerdings klingt die aktuellste Werbeaktion für "neue Verlegerinnen" auch ein bisschen dramatisch: "Die Republik hat aktuell rund 18.600 Verlegerinnen. Das deckt 70 Prozent der Kosten. Die restlichen 30 Prozent reißen ein tiefes Loch in die Bilanz. Wir sind 2019 langsamer gewachsen als budgetiert. Das hat heftige Folgen: Bis Ende März müssen wir den Rückstand aufholen, sonst hat die Republik keine Zukunft. Dann werden wir die Republik am 31. März 2020 schließen."
Stichwörter: Republik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Medien

Im italienischen Mediengefüge geraten die gewohnten Konstellationen durcheinander. Die Agnelli-Familie hat große Anteile an der Zeitung La Repubblica gekauft, die einst als Anti-Establishment galt, aber in den Händen der Unternehmerfamilie De Benedetti ebenfalls Interessen diente. Sie ist ohne hin nur noch ein Schatten ihrer selbst, schreibt Tobias Piller in der FAZ: "Zuletzt gingen die Geschäfte aber nicht mehr so blendend. Die fetten Jahre mit einer verkauften Auflage der Repubblica von mehr als 600.000 Exemplaren, zwischen 1999 und 2007, liegen weit zurück. Zuletzt wurden in gedruckter und digitaler Form 221.000 Exemplare der Repubblica verkauft. In den ersten neun Monaten 2019 schrumpfte der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent auf 441 Millionen Euro."
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Stichwörter: La Repubblica

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2019 - Medien

Im SZ-Gespräch mit Harald Hordych erklärt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda den neuen Medienstaatsvertrag, an dem er seit 2013 maßgeblich beteiligt war: "Es ist wichtig, dass ich als Nutzer darauf vertrauen kann, dass es stimmt, wenn ein Angebot sagt, dass es nicht nach einschränkenden diskriminierenden Merkmalen auswählt. Jeder sollte wissen, wenn bestimmte Angebote nach politischer Färbung, nach Religion, nach Rasse, nach Weltanschauung oder was auch immer ausgewählt werden." Bei Verstößen gegen das Transparenzgebot sollen Bußgelder verhängt werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2019 - Medien

Für die Welt hat Christian Meier einen Blick in den neuen Medienstaatsvertrag geworfen: Geregelt werden soll, welche Formate im Internet als Rundfunk zu gelten haben und deshalb eine entsprechende Lizenz benötigen: "Die nun gefundene Grenze soll bei 20.000 gleichzeitigen Nutzern im Netz liegen." Und: "Inhalte, die einen besonderen 'Beitrag zur Meinungs- und Angebotsvielfalt' bieten, sollen von Nutzern beispielsweise in den Menüs von Smart- TVs und Kabelnetzanbietern, aber auch Fernsehplattformen wie etwa Zattoo leicht auffindbar sein, letztlich also bevorzugt werden gegenüber weniger gehaltvollen Sendungen. Welche Inhalte in diesem Sinne wichtig sind, soll alle drei Jahre überprüft werden. Klar, dass sich öffentlich-rechtliche Sender hier einen Vorteil versprechen. Einige Digitalverbände wie Bitkom und Eco sehen hier einen unzulässigen Eingriff in die Unabhängigkeit der Nutzer und damit eine 'Bevormundung der Verbraucher'".

In der NZZ ärgert sich der Publizist und Politologe Wolfgang Bok derweil über die politische Berichterstattung der Öffentlich-Rechten, die statt auf inhaltliche Analysen ganz auf "Skandalisierung und Personalisierung" setzen: "Die wenige Sendezeit, die für die politische Berichterstattung noch bleibt, wird gerne mit Interviews gefüllt. Weder im 'Bericht aus Berlin' (ARD) noch in 'Berlin direkt' (ZDF), für die jeweils nur 18 Minuten am Sonntagabend bleiben, ist Platz für inhaltliche Analysen. Wirtschaftsthemen werden bei den beiden öffentlichrechtlichen TV-Sendern auf Verbraucherfragen reduziert. Nach dem immer gleichen Motto: Böse Bosse ziehen arme Kunden über den Tisch. Und die Politmagazine ('Panorama', 'Monitor', 'Fakt', 'Frontal 21') haben sich offenbar ganz der 'Enthüllung' vermeintlicher Skandale verschrieben. Hier darf der Zuschauer weder Meinungspluralität noch thematische Überraschung erwarten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2019 - Medien

Helmut Hartung, Chefredakteur des Blogs medienpolitik.net, begrüßt in der FAZ den neuen Medienstaatsvertrag, mit der die zuständigen Behörden (irgendwo ist ja immer eine), das wilde Internet in den Griff bekommen wollen. Dort erfährt mach auch, was ein "Medienintermediär" ist: "Medienintermediär ist laut Medienstaatsvertrag 'jedes Telemedium, das auch journalistisch-redaktionelle Angebote Dritter aggregiert, selektiert und allgemein zugänglich präsentiert, ohne diese zu einem Gesamtangebot zusammenzufassen'. Von der Regelung betroffen ist aber nur, wer im Durchschnitt der letzten sechs Monate in Deutschland mehr als eine Million Nutzer pro Monat erreicht hat."
Stichwörter: Medienstaatsvertrag

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2019 - Medien

Nicht nur die Politik versagt vor dem Klimawandel, schreibt Bernhard Pötter auf Uebermedien, auch etliche Medien ziehen sich auf eine seltsam neutrale Beobachterposition zurück, anstatt selbst Fakten und Hintergründe zu recherchieren. Sein schlagendes Gedankenexperiment: "Man stelle sich folgende Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor: Thema ist die Bedrohung durch Krebs-Erkrankungen, und in der Talkrunde sitzt eine ahnungslose Staatssekretärin, ein abwiegelnder Heilpraktiker, ein Journalist, der behauptet, Krebskranke seien eigentlich eine Sekte, und ein Onkologe, der als Teil seiner Forschungsgruppe einen Nobelpreis bekommen hat. Dann fragt die Moderatorin: 'Glauben Sie an den Krebs?'".

In einer Debatte über die Klimawandel hat die BBC Boris Johnson durch einen Eisblock ersetzt, weil er nicht am Schlagabtausch teilnehmen wollte, meldet Buzzfeed. Jetzt schäumen die Tories vor Wut.

Stichwörter: Klimawandel, Klimakrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2019 - Medien

In der SZ berichtet Wolfgang Janisch, dass das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe grundsätzlich zum Recht auf Vergessen geurteilt hat. Demnach gilt dies im Prinzip auch für Menschen, die Kapitalverbrechen begangen haben, aber nicht vollständig und lückenlos: "Wenn ein Betroffener einen berechtigten Anspruch auf Schutz seiner Persönlichkeitsrechte geltend macht - und nur dann müssen die Medien überhaupt tätig werden -, muss man die Suche nach solchen Artikeln einfach ein wenig komplizierter machen. Und zwar, indem man den Namen im Artikel belässt, aber für die Suchmaschine nicht auffindbar macht." Janisch kommentiert den Urteilsspruch in einem weiteren Text als klugen Kompromiss, besonders gut gefällt ihm dabei ein poetischer Satz der Richter: "Die Möglichkeit des Vergessens gehört zur Zeitlichkeit der Freiheit." In der taz findet Carolina Schwarz das Urteil in Bezug auf die Resozialisierung von Straftätern, auf die Menschenwürde und die Fehlbarkeit des Menschen richtig. Eine Gefahr sieht sie in der Entscheidung aber auch: "Sie darf nicht als Vorbild für alle Fälle verwendet werden. Gerade in einem Land wie Deutschland, in dem gut und gerne vergessen und verdrängt wird, ist es wichtig, zu erinnern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2019 - Medien

Die Finanzkommission Kef will den Öffentlich-Rechtlichen sage und schreibe 1,6 Milliarden Euro mehr Gebühren im Jahr zusprechen, was die Sender allerdings düpert, sie hätten gern das Doppelte gehabt, wie Michael Hanfeld in der FAZ berichtet. Und er weiß auch, warum sich die Kef so unspendabel zeigt: "Die Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verdienen überproportional gut, lautet der Befund eines Gutachtens der Beratungsgesellschaft Kienbaum mit Blick auf das Gesamtpaket der Gehälter: Grundgehalt, Sonderzahlungen, Nebenleistungen und Altersversorgung. Nimmt man dies zusammen, fällt die Bezahlung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk laut von der Kef eingeholtem Gutachten besser aus als diejenige für vergleichbare Jobs in der öffentlichen Verwaltung und in privaten Medienunternehmen. Insbesondere die Gehälter beim Bayerischen, Hessischen, Norddeutschen, Westdeutschen Rundfunk und beim ZDF seien üppig."

Die BBC hat einem Bericht des Guardian zufolge zugegeben, dass sie das Gelächter herausgeschnitten hat, mit dem das Publikum im TV-Duell Boris Johnsons Bekenntnis zur Wahrheitsliebe quittierte. Aus Zeitgründen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2019 - Medien

Silke und Holger Friedrich, die Neubesitzer des Berliner Verlags, antworten im Interview mit Harald Staun von der FAS auf die Frage, warum sie nicht früher über Holger Friedrichs Stasi-Vergangenheit gesprochen haben mit taktischen Argumenten: "Das haben wir schon beantwortet. Was wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen? Hätten wir das im Editorial machen sollen? Das glauben wir nicht, weil wir darin eine Aussage dazu gemacht haben, welchen Beitrag wir in der Zukunft leisten wollen. Vor dem Kauf des Verlages? Dann würden wir nicht hier sitzen - und wir glauben, dass damit eine Chance vertan wäre. Insofern diskutieren wir dieses Thema zu einem Zeitpunkt, an dem wir uns der Redaktion gegenüber schon als neue Eigentümer bewiesen haben."