9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2021 - Medien

Mit Gerd Ruge ist einer der Reporter aus der Glanzzeit der öffentlich-rechtlichen Sender gestorben, schreibt Klaus Hillenbrand in der taz zum Tod des langjährigen Russland- und Amerika-Korrespondenten der ARD im Alter von 93 Jahren: "Ruge war das Gegenteil eines Reporters, wie sie heute in aller Regel im Fernsehen auftreten. Der gebürtige Hamburger neigte niemals zur Hektik, er lehnte geistige Schnellschüsse ab, spielte sich nicht auf, sondern blieb seinem Stil treu: mit ruhigen Fragen dem Zuschauer Einsicht in Entwicklungen in der Welt zu geben. Nicht er selbst gab die großen Analysen ab, er überließ es den Menschen vor Ort, ob in Sibirien, Texas oder Peking, zu erklären, wo ihnen der Schuh drückt."

Ben Smith, der Medienkolumnist der New York Times, bringt einen großen Artikel über den Springer-Verlag, der in Amerika - gestützt durch den Hedgefonds KKR - auf große Einkaufstour gegangen ist und unter anderem Politico gekauft hat. In Smith' Artikel geht es über weiter Strecken um sexuelle Verfehlungen des einstigen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt. Smith erzählt, dass es Reichelt oder der Springer-Verlag immer wieder hinbekommen, Berichterstattung in Deutschland über dieses Thema zu verhindern: "In diesem Jahr recherchierte Juliane Löffler, Reporterin beim deutschen Verlag Ippen, zusammen mit drei anderen Mitgliedern des Ippen-Rechercheteams über das Verhalten von Herrn Reichelt in der Hoffnung, einen Artikel mit mehr Details über die Vorgänge bei Bild zu veröffentlichen. Im Zuge der Berichterstattung erhielten Frau Löffler und ihre Kollegen Zugang zu einigen der Dokumente, die ich in den letzten Wochen einsehen konnte, als der Ippen-Artikel kurz vor der Veröffentlichung stand. Dann, am Freitag, teilte Ippen seiner investigativen Abteilung mit, dass die Geschichte gestorben ist." Die Direktive sei von dem Verleger Dirk Ippen selbst gekommen. Smith erzählt auch, dass er Dokumente habe, die beweisen, dass Mathias Döpfner problematische Ansichten zu Covid-Krise habe. Und er erwähnt immerhin, dass der Springer Verlag am liebsten durch eine Fusion von Politico und dessen Konkurrenten Axios den größten Medienfirmen in Amerika Konkurrenz machen wollte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2021 - Medien

Zu einem recht ungewöhnlichen Mittel greift die NGO "Reporters sans frontières" in Frankreich. Die Gruppe hat selbst eine 15-minütige Dokumentation ins Netz gestellt, in der Journalisten die Macht des Medienunternehmers Vincent Bolloré anprangern:



Der CEO des riesigen Mischkonzerns Vivendi ist heute der größte Akteur auf dem französischen Kultur- und Medienmarkt und betreibt eine Übernahme des Konkurrenzkonzerns Lagardère. Bolloré besitzt unter anderem den Infosender Cnews, der zur Plattform des Rechtspopulisten Eric Zemmour wurde. Auf dem Buchmarkt hat Bolloré mit seinen Verlagen in bestimmten Segmenten Marktanteile von über 50 Prozent. Und gegen kritische Berichte kämpft Bolloré mit juristischen Mitteln. Darum appelliert RSF nicht nur - typisch französisch - an die staatliche Medienaufsichtsbehörde CSA (Conseil supérieur de l'audiovisuel), sondern fordert auch Gesetze gegen sogenannte SLAPP-Klagen: "Knebelverfahren, bekannt unter dem Akronym SLAPP (Strategic Lawsuit against Public Participation), sind zu einer Waffe der Abschreckung geworden, um die Medien zum Schweigen zu bringen. RSF fordert, dass im nationalen und im EU-Recht Maßnahmen ergriffen werden, um den Missbrauch von Rechtsmitteln zum Schweigen von Journalisten zu bekämpfen." Hier der Bericht von Le Monde zur Aktion von RSF.

Es häufen sich die Fälle junger ModeratorInnen, meist mit Migrationshintergrund, die im Netz mit eindeutig israelfeindlichen Äußerungen hervorgetreten sind. Die Sender finden es offenbar hipp, sie zu engagieren, wundert sich Gideon Böss bei der Jüdischen Allgemeinen: "Dabei kommt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk doch eine besondere Verantwortung zu, Extremismen wie Antisemitismus zu bekämpfen. Weder das ZDF noch der WDR machen aber aktuell den Eindruck, als ob sie sich dieser Verantwortung stellen würden. Im Gegenteil: Es scheint mittlerweile grundsätzlich möglich, trotz einer - lückenlos dokumentierten - extremistischen Haltung Karriere zu machen." Michael Hanfeld kommentiert in der FAZ zum gleichen Thema.

Im SZ-Gespräch mit Cathrin Kahlweit erklärt der österreichische Medien- und Politikwissenschaftler Andy Kaltenbrunner, wie undurchsichtig Inserate in Österreich vergeben werden: "Es gibt zwei Töpfe. ... Wenn wir diese öffentlichen Mittel zusammenzählen, kommen wir zu der Rechnung, dass Gratiszeitungen inzwischen vor allem aus öffentlichen Inseraten zwischen 20 und 40 Prozent ihres Umsatzes bestreiten, was sicher kein gesunder Ansatz für Unabhängigkeit ist. Aber auch Qualitätszeitungen beziehen zehn bis fünfzehn Prozent ihrer Umsätze aus Inseraten und anteilig etwas mehr Presseförderung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2021 - Medien

Die FAS erscheint seit Frühjahr am Samstag, die WamS neuerdings auch. Jüngst hat auch die taz ihre Samstagsausgabe reformiert. Begründet werden die Veränderungen zwar mit dem geänderten Leseverhalten, aber tatsächlich geht es um die gegenwärtigen "Sparzwänge" der Branche, ist sich Aurelie von Blazekovic in der SZ sicher: "Billiger macht man eine Zeitung zum Beispiel auch, indem man sie nicht mehr am Wochenende produziert, wo Zuschläge in Redaktion, Druck und Vertrieb gezahlt werden müssen. Doch ist eine Sonntagszeitung, die schon am Freitag geschrieben wurde, noch eine Sonntagszeitung? In der Branche findet man verschiedene Wege, um mit dem Wochenende zu sparen. Die neue taz am Samstag ist etwa, daraus macht keiner ein Hehl, auch der Anfang vom Ende der übrigen Printausgaben - ein Aufgalopp für die Einstellung der wochentäglichen Printzeitung in ein paar Jahren. 'Der Samstag wird immer mehr unser Lesetag', sagte Barbara Junge, Chefredakteurin der taz, zur Umstellung: 'Die Wochenendausgabe wird perspektivisch die eine gedruckte taz sein.'"
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2021 - Medien

Auch so eine Meldung, hier in der Jerusalem Post: "Die BBC bezeichnete Alfred Dreyfus - einen französisch-jüdischen Offizier, der im Rahmen der Dreyfus-Affäre des Hochverrats beschuldigt wurde - in ihrer Zusammenfassung der ersten Folge eines historischen Polizeidramas, die am 9. Oktober veröffentlicht wurde, als 'berüchtigten jüdischen Spion': 'Paris, 1899. Die französische Republik ist in Aufruhr, als Gerüchte über die Freilassung von Dreyfus, dem berüchtigten jüdischen Spion, von der Teufelsinsel aufkommen', heißt es in der Zusammenfassung von Folge 1 der BBC-Serie 'Paris Police 1900'. Nach Angaben der BBC wurde die Zusammenfassung später geändert, um Missverständnisse zu vermeiden."
Stichwörter: Bbc

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2021 - Medien

Der Friedensnobelpreis für die philippinische Journalistin Maria Ressa und den russischen Gründer der Nowaja Gazeta, Dmitrij Muratow, wird von den Medien mit großer Freude aufgenommen, wenn nicht Genugtuung und viel Hoffnung. Auf ZeitOnline schreibt Michael Thumann etwa: "Der Friedensnobelpreis für zwei Journalisten ist vielleicht der politischste Akt des Nobelpreiskomitees seit Langem. Diese Auszeichnung greift ein in eine offene Feldschlacht zwischen autoritären Herrschern und Zivilgesellschaften, zwischen systematischer Unterdrückung und trotziger Offenlegung dessen, was wirklich läuft in der Welt."

Auch in der SZ betont Katharina Riehl: "Der diesjährige Friedensnobelpreis ist alles andere als ein Konsenspreis. Er ist eine ziemlich deutliche Botschaft an all jene Länder, in denen die freie Presse unterdrückt und gegängelt wird. Die Mitglieder des Nobelkomitees haben auch betont, dass sie da nicht nur an Russland und an die Philippinen denken."

In der taz erklären Klaus-Helge Donath und Sven Hansen die Bedeutung von Muratows Nowaja Gazeta: "Die Zeitung gilt als eines der letzten Flaggschiffe des unabhängigen Journalismus in Russland. Trotz Bedrohungen und Einschüchterungen gelingt es den JournalistInnen seit fast 30 Jahren, eine eigene Stimme zu bewahren. Sechs ihrer JournalistInnen, darunter Anna Politkowskaja, wurden bei der Ausübung ihrer Arbeit getötet. Am Donnerstag hatte sich der Anschlag auf sie zum fünfzehnten Mal gejährt." Hier eine Auswahl ihrer bewunderungswürdigen Reportagebände aus Putins Russland.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2021 - Medien

"Inserate für politische Willfährigkeit": Zeitungen schimpfen gern auf das böse Internet. Aber Zeitungen können auch Teil eines korrupten Netzwerks von Medien und Politik sein. Dazu ermittelt die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) in Österreich, berichtet Florian Klenk im Falter: "Der Kanzler und seine Neue Volkspartei sollen sich wohlwollende Berichterstattung über sich selbst und die ÖVP erkauft haben. Mit Steuergeld. Seit Jahren spricht die Öffentlichkeit von dieser Form der Medienkorruption, also dem Zugriff der Mächtigen auf die Inhalte von Zeitungen. Sie dient zwei Seiten: den Politikern, weil sie gut wegkommen und gewählt werden. Und den Medienmanagern, weil sie abkassieren. Das Opfer dieses Verbrechens: die Republik, und damit die Steuerzahler. Sie finanzieren ihre eigene Desinformation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2021 - Medien

Bei der Eröffnung des 53. Historikertages, der derzeit zum Teil physisch in München unter dem Motto "Deutungskämpfe" stattfindet, hört Kurt Kister in der SZ vor allem genau hin, wenn Gustav Seibt (SZ) und Patrick Bahners (FAZ) mit den Historikerinnen Eva Schlotheuber und Gabriele Metzler über den Zustand des "Geschichtsjournalismus" diskutieren: "Bahners war für die Abteilung Kulturpessimismus zuständig; er beschrieb, nicht unbedingt nur am Beispiel des Geschichtsjournalismus, die 'Deprofessionalisierung' des Gewerbes. Seibt steuerte Erinnerungen an jene Zeit bei, in der man in der Zeitung noch mehr Platz hatte, um komplexe Dinge auszubreiten. Es sei traurig, dass das Feuilleton heute wieder schrumpfe, und häufig komme es auch vor, dass dem Platzvergeber erst zwei, drei Tage vorher einfalle, dass man zu diesem Thema oder jenem Gedenktag einen Artikel brauche. (…) Bahners, der eventuellen Platzmangel in der FAZ mit obsessivem Twittern ausgleicht, sagte ein paar gescheite Dinge über die öffentliche Aufmerksamkeit als Mittel der Machterweiterung in akademischen Kreisen. Seibt analysierte den bedauerlichen Zustand, dass viele heute nicht einmal mehr das Feuilleton läsen."
Stichwörter: Historikertag, Feuilleton

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2021 - Medien

In der Welt erinnert Alan Posener an den schwedischen Zeichner Lars Vilks, der wegen seiner Mohammed-Karikaturen mit dem Tode bedroht wurde und nun im Alter von 74 Jahren bei einem Autounfall starb: "Der 'Islamische Staat im Irak' setzte ein Kopfgeld auf Vilks aus: 100.000 Dollar für jeden, der 'diesen Ungläubigen tötet', 150.000 Dollar für jeden, der ihn 'wie ein Lamm schlachtet', das heißt, ihm die Kehle durchschneidet. 'Das bedeutet wohl, dass meine Kunst nun ernster genommen werden muss,' kommentierte Vilks. 'Es ist gut zu wissen, wieviel man wert ist.'" In der SZ schreibt Kai Strittmatter. in der taz weist Reinhard Wolff darauf hin, dass bei dem Unfall auch Vilks' zwei Personenschützer ums Leben kamen.
Stichwörter: Vilks, Lars

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2021 - Medien

Vor einem Jahr verkündete Google groß, die Kooperation mit den Zeitungen durch das "Google News Showcase" erheblich auszuweiten. Medien wie Spiegel, Zeit und Frankfurter Allgemeine Zeitung halten seitdem die Hand auf - hinzugekommen ist auch die Holding SWMH, der die bis dahin unbefleckte Süddeutsche Zeitung gehört. Hunderte von Millionen Euro regnen weltweit auf die Zeitungen herab, und Facebook hat mit einem ähnlichen Programm nachgezogen (von den schönen ganzseitigen Anzeigen der Plattformkonzerne in den Zeitungen mal ganz abgesehen). Dafür werden die Inhalte der Zeitungen bei Google-Suchen besser präsentiert. Aber einen Effekt hat das alles kaum, konstatieren Alexander Fanta und Ingo Dachwitz bei Netzpolitik: "Wenn es ihn gäbe, dann bekämen die Verlage davon wenig mit. Was wiederum daran liegen könnte, dass es für sie enorm schwer ist, den neuen Traffic überhaupt zu messen. Google selbst stellt den Verlagen kein Dashboard zur Echtzeit-Auswertung bereit, wie mehrere Manager:innen bemängeln, sondern schickt einmal im Monat eine CSV-Datei mit Zahlen für die vergangenen Wochen. 'Google kriegt hier leider kein richtiges Reporting auf die Kette', fasst ein Manager zusammen. 'Die Klick-Zahlen sind aber eh so bescheiden, dass das nicht wirklich ins Gewicht fällt', gibt sich ein anderer lakonisch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2021 - Medien

Die Entscheidung des WDR, Nemi El-Hassan die Sendung "Quarks" nicht moderieren zu lassen, auch wenn sie hinter der Kamera für die Sendung arbeiten können soll (Unsere Resümees), teilt die Zeitungen in zwei Lager. "Die Kampagne gegen sie wirkte wie eine weitere Wegmarke in einer inzwischen normalisierten deutschen Sehnsucht, die Deutungshoheit über Antisemitismus gegen Minderheiten in Anschlag zu bringen. Ob diese Minderheiten muslimisch, jüdisch oder links sind, schien dabei kaum mehr eine Rolle zu spielen", schreibt Hanno Hauenstein (der auch die Soli-Erklärung für El-Hassan unterschrieb) in der Berliner Zeitung. Er erzählt, wie er vor einigen Wochen versuchte, ein Interview mit Judith Butler zum Historikerstreit 2.0 zu führen: "Die Philosophin antwortete knapp: 'Ich spreche oder schreibe über dieses Thema nicht mehr im deutschen Kontext.' Man könnte es ironisch finden, wenn es einen nicht so verzweifelt stimmte: In unserer germano-zentrischen Sichtweise haben 'wir' Deutsche es fertiggebracht, was sonst wohl in kaum einem anderen Land denkbar wäre: eine der wichtigsten jüdischen Intellektuellen der Jetztzeit aus 'unserem' Diskurs auszuschließen."

Im Fall Nemi El-Hassan hat die "viel beschworene Cancel Culture" nun ihr "erstes Opfer" gefunden, glaubt Judith Liere auf Zeit Online, während Christian Meier in der Welt die Entscheidung begrüßt, aber doch auch "schmerzhaft" findet: "Die Vorstellung, dass ein Lebenslauf von einem Like vielleicht unwiderruflich beschädigt wird, bleibt trist." Nemi El-Hassan hatte sich distanziert, aber bis vor ganz kurzem doch antisemitische Inhalte in den sozialen Medien empfohlen, ergänzt Michael Hanfeld in der FAZ, etwa den "Jubel über den Ausbruch sechs palästinensischer Häftlinge aus einem israelischen Gefängnis, darunter Mitglieder der terroristischen 'Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden' und des 'Islamistischen Dschihad in Palästina', die an tödlichen Attacken gegen Israelis beteiligt gewesen seien. Einer der Ausbrecher soll mit anderen 2006 einen achtzehnjährigen Israeli entführt und mit einem Kopfschuss ermordet haben." Zu "spät und halbherzig" nennt Jonas Hermann in der NZZ die Entscheidung.

Youtube hat die Kanäle von RT DE (wie Russia Today hier heute offiziell heißt) gesperrt. Grund sind coronaleugnerische Inhalte des Senders. In Moskau herrscht darüber Empörung, berichten Friedrich Schmidt und Markus Wehner in der FAZ und zitieren die RT-DE-Chefin Margarita Simonjan, die Einflussnahme der deutschen Politik unterstellt: "Simonjan ließ offen, welchen Einfluss die Bundesregierung oder sonstige deutsche Stellen auf Youtube oder Google haben könnten. Dennoch forderte sie die russischen Behörden auf, in Russland die Deutsche Welle und andere deutsche Medien zu 'verbieten' und die Korrespondentenbüros von ARD und ZDF zu schließen. 'Aus Selbstachtung' müssten auch Sanktionen gegen Youtube verhängt werden."