9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2026 - Medien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2026 - Medien

Einen völlig irrsinnigen Satz hat SZ-Autor Stefan Niggemeier in der Debatte über KI im Journalismus aufgeschnappt. Gelesen hat er ihn, wo sonst, in der Berliner Zeitung des Putinisten Holger Friedrich. Der dortige Nachrichtenchef Harald Neuber machte sich über die Empörung lustig, dass Mario Voigt sich seine Betroffenheit beim Denken an den Holocaust von der KI hat formulieren lassen. Und dann weist Neuber "darauf hin, dass hinter den führenden KI-Unternehmen dieser Welt in entscheidenden Funktionen 'jüdische Gründer, Investoren und Forscher' steckten. 'Ist es wirklich so absurd zu fragen", fragt er, 'ob es nicht moralisch eher angemessener ist, Gedenkworte mit Hilfe von Modellen zu formulieren, die in Unternehmen entstanden sind, die von Nachkommen der Opfer maßgeblich geprägt wurden, als sie ausschließlich von Nachkommen der Täter formulieren zu lassen?' Kurze Antwort: Ja, das ist absurd."

Für Journalisten und Zeitungsverleger von heute ist KI doch geradezu optimal, spottet Ambros Waibel in der taz. "In den knapp zwei Jahrzehnten, die ich im Journalismus bin, gab es jedes Jahr Fortbildungen, die dem Personal die Phrasen und Klischees austreiben sollen. Erfolgsquote: null." Verleger wiederum "denken, dass ihr Publikum im Grunde nichts Neues, gar Verstörendes erfahren möchte, sondern Bestätigung sucht, Faktenkollektionen, die zu vertrauten Thesen passen, in vertrauter Form. Und wer hätte die intensiver studiert als die KI, die eingeführte Muster bevorzugt und sprachliche wie gedankliche Abweichungen sanktioniert...?" Selbst im Buchbereich sehe es kaum anders aus: "Hängt nicht der Buchmarkt aktuell von Genretexten ab, die in den Bereichen Krimi, New Adult, Fantasy genau dadurch reüssieren, dass sie alte Motive neu arrangieren?"

Wenn Politiker ihre Reden von KI schreiben lassen, ändert das die Realität oder vielmehr die Art und Weise, wie wir Realität wahrnehmen, warnt Matthias Spielkamp von Algorithm Watch in der taz. KI-Tools beeinflussen auf die Dauer unsere Vorstellung von "guten" oder "relevanten" Informationen, meint er. "Dazu kommen der 'Automatisierungsbias' - das Phänomen, bei dem Menschen Antworten von Computersystemen allzu leicht akzeptieren - und die Gefahr, dass Menschen sich stark von KI darin beeinflussen lassen, wie sie grundlegende Überzeugungen entwickeln. Diese Effekte können sich gegenseitig verstärken, insbesondere wenn Chatbots von mehreren Entscheidungsträgern innerhalb einer Organisation oder einer Behörde genutzt werden."

In der Welt wirft der Islamwissenschaftler Alfred Schlicht den öffentlich-rechtlichen Medien vor, konsequent den Islam schönzureden, während das Christentum vorzugsweise mit Missbrauch, Kreuzzügen und Intoleranz in Verbindung gebracht werde: "Dass die Kreuzzüge die erste energische Gegenreaktion des christlichen Westens waren nach über 450 Jahren islamischer Aggression und nur Länder betrafen, die Muslime zuvor dem Christentum entrissen hatten, wird kaum angedeutet. Die 1.400 Jahre Angriffskrieg des Islam gegen das christliche Abendland wiegen weniger schwer als die Zeiten des Imperialismus, als im 19. und 20. Jahrhundert der Westen schließlich in die Gegenoffensive ging und die islamische Welt durch Gewalt und Betrug unterwarf und ausbeutete." Selbst im Kinderprogramm werde "der Islam wohlwollend präsentiert. Am 19. März 2026 zeigt die ZDF-Sendung 'logo!' eine positive Darstellung des Islam zum Ende des Ramadans, diese wird einer sehr kritischen des Christentums gegenübergestellt. Keine Diskriminierung der Frau im Islam, keine Kalifatsdemonstrationen auf unseren Straßen - aber Pädophilie und dumpfes Mittelalter in christlichen Kirchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2026 - Medien

Die Medien müssen sich dringend Gedanken darüber machen, wie sie mit KI umgehen wollen, wenn sie vertrauenswürdig bleiben wollen, warnt in der taz Martin Niewendick nach einem Skandal im Tagesspiegel (unsere Resümees): "Was wiegt schwerer: ein eigener Gedanke, dafür komplett vom Bot formuliert, oder eine KI-Analyse, dafür in eigene Worte gefasst? Der Editor-at-Large des Tagesspiegels, Stephan-Andreas Casdorff, hat sich offenbar gleich für beides entschieden und ganze Texte verfassen lassen, was Urteil und Konsequenz recht einfach macht. Doch gerade weil es nicht nur die eine, sondern mindestens Fifty Shades of KI gibt, muss sich der Journalismus nun dringend in Klausur begeben. Ein Update steht an: Wie schaffen wir es, original und glaubwürdig zu bleiben und uns nicht schleichend selbst abzuschaffen? Die Antworten darauf müssen ehrlich sein, kollegial und mit dem nötigen Spritzer Selbstkritik."
Stichwörter: KI im Journalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2026 - Medien

Gustav Seibt hat in der SZ kein großes Problem mit der Tatsache, dass Mathias Döpfner seinen Artikel zu KI von KI hat schreiben lassen. Ghostwriter oder Texte als Kollektivprodukte professioneller Schreiber gab's schon immer, meint er. Vom Tod des Autors ganz zu schweigen. Selbst Goethe soll am Ende seinen "genieästhetischen Subjektivismus" in Frage gestellt haben: "Wenn wir einem Gesprächsbericht von Frédéric Soret trauen können, nannte er sich kurz vor seinem Tod ein 'Kollektivwesen': '... Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesäet; mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.'" Also nix gegen KI, am Ende zählt für Seibt, was rauskommt, und "der Gemini-Kommentar unter dem Namen 'Döpfner' mag so 'fulminant' sein wie dieses Klischeewort, zugleich ist er so phrasenhaft, dass man ihn einem leibhaftigen Autor zurückgegeben hätte, mit dem Vermerk: 'Denken Sie noch einmal nach, identifizieren Sie das Problem, bevor Sie schreiben.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2026 - Medien

Seit der Tagesspiegel seinen "Editor at large" Stephan-Andreas Casdorff gefeuert hat, weil er Meinungsbeiträge mit KI geschrieben hat (unser Resümee), fragt man sich bei jedem Artikel, ob er echt ist. Ann-Kathrin Leclère schreibt in der taz zum Thema. Unter anderem meint sie, so wie es hier steht: "Wir Leben in einer Zeit, in der KI in unser aller Alltag Einzug genommen hat und wir müssen einen Weg finden, mit ihr umzugehen. Auf manche Verwendung von KI können wir uns schon einigen. So etwa nutzt die taz ein KI-Transkriptionsprogramm, dass Interviews in Text umwandelt." In der taz wird die KI also nicht mal benutzt, um Korrektur zu lesen.

Der Netzpionier Peter Glaser hat seinen Kommentar auf Facebook dagegen gleich mit ChatGPT verfasst, und er besagt im Grunde das gleiche wie das, was alle schreiben: "Ein Meinungsartikel lebt nicht von den Wörtern allein. Er lebt von der Person, die hinter ihnen steht. Wer einen Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff liest, erwartet nicht bloß grammatikalisch korrekte Sätze oder eine plausible Argumentationskette. Er erwartet die Gedanken eines erfahrenen Journalisten, seine Urteile, seine Erfahrungen, seine Widersprüche. Die Autorenzeile ist kein dekoratives Namensschild. Sie ist ein Versprechen. Künstliche Intelligenz kann dieses Versprechen nicht einlösen. Sie hat keine Meinung." (Und kann auch nicht Korrektur lesen.)

In der FAZ enthüllt Ursula Scheer, dass nicht nur, wie bereits bekannt, Mario Voigt, sondern auch Bundesdigitalminister Karsten Wildberger für diese Zeitung mit KI schrieb, umsonst, denn in der FAZ "sollen nur von Menschen - also jenen biologischen Entitäten, die Elon Musk verächtlich 'Fleischcomputer' nennt - verfasste Originalbeiträge stehen."
Stichwörter: KI im Journalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2026 - Medien

Braucht man für Journalismus noch Journalisten? Oder reicht die KI schon? Diese Frage stellt sich ihr und uns angesichts einiger Meldungen und Artikel am heutigen Tage. Da ist zunächst einmal die kleine, unter anderem in der FAZ verbreitete Sensation: "Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber des Tagesspiegel, Stephan-Andreas Casdorff, der zuletzt als 'Editor at-Large' wirkte, wird 'bis auf Weiteres nicht mehr für den Tagesspiegel publizistisch aktiv werden'. Das teilte die Zeitung am Freitag in eigener Sache mit. Es sei bekannt geworden, dass er 'Meinungstexte durch eine Künstliche Intelligenz verfassen' ließ." Casdorff gab's zu und bekannte seine Zerknirschung.

Gestern hat sich zugleich Springer-Chef Mathias Döpfner über die FAZ lustig gemacht, weil diese einen Artikel des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt aus dem August 2025 vor kurzem "depublizierte" - der Text soll zu hundert Prozent KI-generiert gewesen sein. Döpfner lässt unter seinem Namen, aber ausdrücklich per KI Folgendes dazu publizieren: In der FAZ feire man "die Depublizierung eines Textes von Mario Voigt wie ein Inquisitionsgericht den Sieg über die Hexerei. Der Vorwurf? Ein Politiker hat ein digitales Werkzeug benutzt. Skandal! Machen wir uns doch bitte nicht lächerlich. Glaubt die FAZ ernsthaft, dass Ministerpräsidenten, Vorstände oder Minister ihre Gastbeiträge jemals komplett selbst mit der Feder auf Pergament gekritzelt haben?"

Daraufhin die FAZ maliziös, als sei der Text per KI der "spitzen Feder" Jürgen Kaubes nachmodelliert: "Was uns nur verwundert, ist die Tatsache, dass über dem Text der Maschine wörtlich 'Von Mathias Döpfner' steht und unter dem Text sinngemäß 'Von der KI'. Nicht einmal diese Dummheit ist - ja wem? - aufgefallen." Der Dlf hat mit Kaube gesprochen (die etwas längliche Anmoderation kann man bis zur Zeitmarke 1:21 überspringen). 

Das Statement des Tagesspiegel zur Angelegenheit liest sich wie eine Mahnung an die eigene Adresse: "KI ist auch für unsere Redaktion ein Werkzeug, das uns hilft, einzelne redaktionelle Arbeitsschritte zu vereinfachen und auch zu verbessern. Sie ist aber definitiv kein Mittel, das den Kern unserer Arbeit übernehmen darf."

Und übrigens: Der Perlentaucher ist handgemacht!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2026 - Medien

Eine der interessantesten Kolumnen zum Medienwandel schreibt Sebastian Esser vom Netzwerk "Steady" (das auch die Abonnentenschaft des Perlentaucher organisiert). Heute stellt er die Karten des Experten Evan Shapiro zum Medienwandel vor, der zur erwartbaren Erkenntnis kommt, dass die klassischen Medien heute längst überflügelt sind von den Plattform- und bald auch KI-Konzernen. Die Reichweite der Medien spielt keine Rolle mehr, weil sich jeder Konsument seinen Stream selbst zusammenstellt. Daraus folgt Shapiros Devise: "Depth is the New Scale". Es kommt für Medien nicht mehr auf Reichweite an, sondern auf Bindung zu seinen einzelnen Konsumenten: "Ein Medienhaus hört auf, seine Reichweite an Werbetreibende zu vermieten, und baut stattdessen eine direkte, bezahlte Beziehung zu den Menschen auf, denen sein Thema wirklich wichtig ist. Das Gesicht dieser Beziehung sind dann nicht Logo und Marke, sondern einzelne Journalist:innen - mit eigenem Newsletter, eigenem Podcast, eigener Sprechstunde, so erreichbar und wiedererkennbar wie ein Creator. Es entstehen kleine, loyale Communitys: eine pro Ressort, pro Thema, pro Stimme. Darin läge der Vorteil eines etablierten Unternehmens: Ein Verlag kann dieses Modell nicht einmal, sondern fünfzigmal parallel betreiben."
Stichwörter: Medienwandel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2026 - Medien

Der Fall des Journalisten Hüseyin Dogru, Gründer der Internetseite Red, die vor allem durch propalästinensische Propaganda, etwa Interviews mit Hamas-Vertretern, von sich reden machte, ist ein Präzedenzfall, weiß Harald Staun im Feuilleton-Aufmacher der FAS: Denn Dogru, deutscher Staatsbürger, steht auf der Liste von Personen, gegen die EU Sanktionen verhängt wurden, obwohl die nicht für EU-Bürger und schon gar nicht für Journalisten vorgesehen sind - daher bezeichnet ihn das Auswärtige Amt als "Desinformationsakteur". Vorgeworfen werden ihm Verbindungen zur russischen Regierung, wofür die EU allerdings bisher keine Belege vorlegte. Die Bundesregierung wandte indes mit der Attribuierung ein Verfahren an, das zuvor nur bei Cyberangriffen zum Einsatz kam, berief sich aber darauf, entscheidende Belege geheimhalten zu müssen. Damit lade sie "genau zu jenen Zweifeln ein, die der Nährboden des Misstrauens gegen demokratische Institutionen sind", meint Staun. Der Mangel an Transparenz könne als Anlass genommen werden, "die Gegenmaßnahmen für einen Akt der politischen Willkür zu halten", entsprechend setze sich auch das "Who is Who der populistischen Linken" per Petition für Dogru ein: Darunter BDS-Anhänger wie Roger Waters, Brian Eno und Jeremy Corbyn, außerdem Yanis Varoufakis, Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht so wie Gabriele Krone-Schmalz, Günter Verheugen und Ulrike Guérot.
Stichwörter: Dogru, Hüseyin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2026 - Medien

Der Medienmogul Vincent Bolloré ist kein Faschist, sondern ein Milliardär, "der sich von Gott auserwählt fühlt, Frankreich zu retten", schreibt Pascal Bruckner in der NZZ. Doch der ständigen Konzentration von Medien unter seiner Kontrolle sollte dringend ein Ende bereitet werden. "Es ist Aufgabe der Politik und der Medienaufsichtsbehörde, ein System zu überdenken, das anachronistisch geworden ist. Die Kultur ist par excellence der Bereich der Vielfalt und des Pluralismus; sie unter dem Vorwand der Finanzierung kontrollieren zu wollen, bedeutet, sie zu zerstören. Es ist an der Zeit, dass im Parlament ein Gesetz verabschiedet wird, um die Konzentration aller Machtbefugnisse in den Medien in den Händen eines einzigen Akteurs einzudämmen. Umso mehr, wenn derselbe Mann das Monopol auf den französischen Film, einen Großteil der Presse und des Verlagswesens besitzt und sich für Citizen Kane hält. Um es in Bollorés Duktus auszudrücken: Gott bewahre uns vor den Potentaten!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2026 - Medien

Zum 40-Jährigen Bestehen blättert tazler Andreas Speit in einer Ausgabe der Jungen Freiheit. Besonders interessant ist es nicht, was er da liest: "'Die JF hat letztlich keinen eigenen originären Gedanken', sagt auch Johanna Sigl, Professorin an der Hochschule Rhein-Main. Das 'Flaggschiff' fahre nicht bloß historisch, sondern auch aktuell nur im extrem-rechten Fahrwasser, betont Sigl, sowohl bei ihrem Gejammer über 'Cancel-Culture' als auch bei 'Gender-Wahnsinn' (...) Titelthema der Wochenzeitung am 15. Mai dieses Jahres: Was trennt Mann und Frau? Im Titeltext beklagt Zita Tipold, dass das 'Geschlechterproblem' zur ausbleibenden Familiengründung und stetigen Geburtensenkung führe. Layouttechnisch hervorgehoben: 'Frauen brauchen heute oftmals keine Versorger mehr!' Die ausgemachte Ursache formuliert Maximillian Pütz im Interview noch deutlicher: Der Feminismus 'sollte als Geisteskrankheit anerkannt werden', so der Männerrechtler von Casanova Coaching."