9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

1447 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 145

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2020 - Medien

Sebastian Esser, Mitbegründer der Krautreporter und der Membership-Plattform Steady (mit derauch der Perlentaucher zusammenarbeitet), kritisiert in der Berliner Zeitung die Subventionen für die Printpresse, die unter anderem der Zustellung der gedruckten Zeitungen dienen sollen, aber auch dem Aufbau von Online-Shops und Rubrikenportalen: "Die unabhängigen digitalen Medien haben sich aus eigener Kraft neue journalistische Geschäftsmodelle geschaffen. Sie hatten keine Rücklagen aus Zeiten, zu denen die Verlage noch Monopolisten waren und enorme Renditen erwirtschafteten. Sie konkurrieren aber mit den Verlagen um Reichweite, um Talente, um die Budgets der Bürger. Wenn jetzt die Regierung diese ohnehin übermächtige Konkurrenz mit enormen Summen ausstattet, verzerrt sie den Wettbewerb. Das schadet den Unternehmern, die früh den Sprung ins kalte Wasser gewagt haben. Sie belohnt die Zauderer und bestraft die Pioniere."

Während sich früher kein Journalist dabei hätte erwischen lassen wollen, wie er PR-Material von Lobbygruppen für seine Artikel verwendet, funktioniert die journalistische Zusammenarbeit mit - meist den Grünen nahestehenden - NGO ganz unkritisch, moniert Lucien Scherrer in der NZZ. Etwa bei den Armutsberichten der Caritas: "Problematisch ist, dass diese sehr ideologisch motivierten Verlautbarungen meist widerspruchslos zitiert werden, als ginge es um wissenschaftliche Befunde oder unbestrittene Tatsachen. So behauptet die Caritas via Blick, SRF und andere Medien regelmäßig, in der reichen Schweiz würden mehr als eine Million Menschen in Armut leben, um ihre Forderungen zu rechtfertigen. Diese Zahl basiert jedoch auf äußerst großzügigen Definitionen des Begriffs 'Armut'. Das Bundesamt für Statistik zum Beispiel geht von 660 000 Armen aus. Und auch diese Schätzung basiert auf letztlich willkürlichen Grenzwerten. Die Sonntags-Zeitung bezeichnete die Armutsberechnungen der Caritas denn auch einmal als 'Unfug', 'Angstmacherei' und 'Politpropaganda'. Doch solche Stimmen sind rar."

Hm, da scheint etwas schief gegangen zu sein in der Talkshow von Jörg Thadeusz. Dieser Ausschnitt des Gesprächs mit der Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel ("Unsere Welt neu denken") kursiert auf Twitter. Leider kann man nur eine emphatische Antwort von Göpel hören, aber nicht Thadeusz' Frage. Der Link zur ARD-Mediathek funktioniert nicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2020 - Medien

Dem Wissenschaftsjournalisten Peter Spork ist in in Übermedien aufgefallen, dass die Medien sehr gern über Betroffene von Corona-Maßnahmen berichten, aber wesentlich weniger gern von Betroffenen der Krankheit selbst: "Sind wir alle zu bequem und tragen lieber das hirnbefreite Geschwätz von Querdenkern an die Öffentlichkeit als die O-Töne einer Corona-Patientin, die sich in der Rehaklinik vom zweimonatigen Koma erholt? Ist es uns wirklich wichtiger, zu erfahren, was verhinderte Restaurant-Gäste, Sportler, Nikoläuse denken, als der Mann, der auch noch sechs Monate nach einer eher milde verlaufenen Infektion mit SARS-CoV-2 unter Herzschwäche, Kurzatmigkeit und chronischer Müdigkeit leidet?" Sporknt und verlinkk in seinem Artikel allerdings auch einige positive Gegenbeispiele.
Stichwörter: Coronakrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2020 - Medien

Nicht viele thematisierten die konflktuelle Komplizenschaft zwischen Donald Trump und den amerikanischen Medien, die dank Trump prächtig profitierten. Jay Rosen kommt in seinem Blog PressThink auf den "berüchtigten Ausspruch"  von CBS-Chairman Les Moonves zurück: "Es ist vielleicht nicht gut für Amerika. Aber es ist verdammt gut für CBS." Und nun die bange Frage: "Die Industrie nennt es den 'Trump Bump'. Meine Sorge ist es nicht, was damit passiert, wenn er abtritt. Als Teil eines größeren Unternehmens (heute At&T) hat CNN in den letzten Jahren eine Milliarde Dollar Gewinn geschrieben. Falls die Profite schrumpfen, weil Joe Biden weniger aufregend ist als Donald Trump, werden die Analysten an der Wall Street schon ein Interpretationsmuster finden."
Anzeige

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2020 - Medien

Der Medienkolumnist der New York Times Ben Smith hat einen der vielen Artikel in der englischsprachigen Presse geschrieben, die von oben herab die französische Position zu Meinungsfreiheit und Islamismus zurückweisen. Sein Artikel ist allerdings insofern besonders, als er suggeriert, Emmanuel Macron habe ihn spontan angerufen, um sich über die Berichterstattung der Times zu beschweren. Ganz so war es nicht, wie der Elysées-Palast über französische Medien steckte - denn Smith hatte wochenlang antichambriert. In der FAZ berichtet Michaela Wiegel über die Scharmützel zwischen amerikanischen Medien und Macron: "Macrons Ernüchterung über die Wahrnehmung Frankreichs in Teilen der englischsprachigen Presse ist nicht gespielt. Ihn verstört es zutiefst, dass die Terrorismusdebatte - in seiner Wahrnehmung - nicht im Namen der Opfer, sondern der Täter geführt wird. Wenn etliche Journalisten aus Ländern, 'die unsere Werte teilen, die Gewalt legitimieren und sagen, dass das Herz des Problems ist, dass Frankreich rassistisch und islamophob ist, dann sind grundsätzliche Prinzipien verlorengegangen', zitiert ihn Smith."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2020 - Medien

Vor fünf Jahren gründeten sich die Krautreporter als erstes deutsches von Lesern finanziertes Medium ganz ohne Werbung. Seitdem feiert das Online-Magazin mit weit über 10.000 Unterstützerinnen beträchtliche Erfolge - aber nicht ganz genug, wie der Geschäftsführer Leon Fryzer in einem bemerkenswert offenen Artikel schreibt: "2016, 2017, 2018, 2019 machte Krautreporter insgesamt mehr als 93.000 Euro Verlust. In jedem dieser Jahre verdienten wir mit Journalismus nicht genug, weil wir zu wenige Mitglieder hatten. Unsere Strategie: Durch Rücklagen aus dem Crowdfunding, dem Geld von unabhängigen Stiftungen, Sparmaßnahmen und Dank des Kredites unserer Genoss:innen überleben und Jahr für Jahr einem wirklich ausgeglichenen Budget entgegenwachsen." Das Ziel sind nun 15.000 Mitglieder.

Die bekannte Guardian-Kolumnistin Suzanne Moore hat die Zeitung verlassen (hier ihr Kündigungs-Tweet). Alex Massie bringt ihre Kündigung im Spectator in Zusammenhang mt einer Debatte im März, als Moore einige klassisch feministische Positionen gegenüber der Trans-Bewegung verfochten hatte. Daraufhin hatten über 300 Mitarbeiter des Guardian einen empörten offenen Brief an die Chefredaktion gesandt. Massie über das verschärfte Debattenklima unserer Tage: "'Ich lese etwas in einer Zeitung, mit dem ich nicht einverstanden bin' scheint heute als eine Art Anschlag auf die eigene Person wahrgenommen zu werden, statt als etwas, das man eigentlich erwarten sollte - und das erfreulich ist. Aber wenn das Persönliche politisch ist, und wenn Identität die Basis für Politik ist, dann ist es wenig überraschend, wenn eine bloße Meinungsverschiedenheit - oder vielleicht nur ein falscher Akzent - zu einem feindlichen Akt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2020 - Medien

Ingo Dachwitz und Alexander Fanta, die Autoren der Studie über den "Medienmäzen Google" (unsere Resümees), unterhalten sich bei Netzpolitik mit dem Medienforscher Christopher Buschow, der sicher ist, dass journalistische Innovation dazu führen könnte, Journalismus als Geschäftsmodell neu funktionsfähig zu machen - möglichst ohne Google. Auch das Staatsgeld für Verlage, das demnächst kommen soll - 220 Millionen Euro für notleidende Printprodukte - kritisiert er wegen der Bindung der Förderung an Auflagenhöhe: "Aus meiner Sicht muss man das Geld an Qualitätskriterien knüpfen - schließlich will man nicht die Unternehmen fördern, die Papier bedrucken, sondern den demokratiepolitisch relevanten Journalismus und seine gesellschaftliche Funktion. Da hätte man sich an internationalen Beispielen orientieren können. Zum Beispiel an Dänemark, den Niederlanden oder Österreich, die seit Jahrzehnten Erfahrung haben, wissen, was funktioniert und auch, was nicht funktioniert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2020 - Medien

Sehr scharf attackiert Caroline Fourest ("Generation beleidigt"), ehemalige Redakteurin von Charlie Hebdo, im Tabletmag die New York Times für deren seit Jahren verzerrte Berichterstattung über Charlie Hebdo und den Laizismus in Frankreich: Da die Times "Frankreich nur durch eine amerikanische Brille sehen konnte, machte sie sich während der Karikaturenkrise einer unglaublichen Gewalt gegen Charlie Hebdo schuldig und ging so weit, unsere Zitate zu manipulieren, um die Vorstellung von Charlie als 'islamfeindlichem' Magazin zu nähren - obwohl Charlie seit langem militant antirassistisch war. Ich mache die New York Times mitverantwortlich für die vergifteten Missverständnisse, die unser Leben an unseren Arbeitsplätzen und auf unseren Straßen in Gefahr bringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2020 - Medien

Eine ausgewogene politische Stimmungslage bescheinigt eine Studie, die zuerst im Fachblatt Journalist erschien, dem journalistischen Nachwuchs in den ARD-Anstalten: "Wenn bei der nächsten Bundestagswahl nur die öffentlich-rechtlichen Volontär*innen wählen könnten, würden sich die Machtverhältnisse deutlich verschieben: Die Grünen könnten alleine regieren, auf die Linke würde knapp ein Viertel der Stimmen entfallen. Die SPD würde als drittstärkste Partei im Bundestag sitzen, während die CDU nicht einmal über die Fünf-Prozent-Hürde käme." In der FAZ hat Michael Hanfeld aber einen kleinen Trost parat: Von der Herkunft her sind die VolontärInnen "divers".
Stichwörter: Journalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2020 - Medien

Das Berliner Millionärs- und Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich greift bei der Berliner Zeitung wohl doch weit mehr in das redaktionelle Geschehen ein, als in der Branche üblich ist, berichtet Hannah Knuth in der Zeit. Zuweilen wirkt es dabei so, als seien Geschäftsinteressen der beiden berührt. Und Redakteurinnen werden schon mal in Sammelmails gemaßregelt. Die Struktur des Blattes ist für die Redaktion auch nicht gemütlich: "Zwei Chefredakteure sind seit der Übernahme durch die Friedrichs gegangen. Der Posten ist seit Monaten unbesetzt und soll es vorerst auch bleiben. Das Modell von Chefredakteuren und Ressortleitern passe 'nur bedingt zu unserer Zielsetzung einer ergebnisorientierten Redaktion', heißt es auf der Website. Bei der Berliner Zeitung führt es dazu, dass keine Instanz mehr zwischen dem Verlegerpaar und den Redakteuren steht. 'Es gibt keinen Puffer', sagt ein Redakteur. Was die Friedrichs denken und fühlen, lande oft direkt bei einzelnen Redakteuren."

Die Süddeutsche Zeitung gehört neben den Medien des Springer Verlags zu den ganz wenigen großen Zeitungen, die kein Geld von Google genommen haben, schreibt Philipp Bovermann auf der Medienseite der SZ über den Bericht "Medienmäzen Google", bei dem sich bekanntlich herausstellte, dass Google am liebsten die ganz großen fördert (unsere Resümees). Der Status dieses Geldes ist für Bovermann problematisch: "Google spricht nie von Spenden, wenn es um seine Förderprogramme geht. Der Konzern gründet auch keine gemeinnützige Stiftung für seine Förderungen. Hinweise darauf, dass er Einfluss auf die redaktionellen Inhalte nimmt, finden die Studienautoren bei Befragungen von Presseverlegern und Journalisten aber keine."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2020 - Medien

Christian Bartels greift in der "Altpapier"-Kolumne des MDR die Studie über den "Medienmäzen Google" (unsere Resümees) auf, die bekanntlich ergab, dass Google vor allem die größten und einflussreichsten Printmedien in Deutschland mit Förderungen in Millionenhöhe bedachte. Das Medienecho war bisher mager: "Wer bislang nicht berichtete: Spiegel, Zeit, FAZ, SZ und auch die dpa, die als mutmaßlich zehntgrößter deutscher Google-Spendenempfänger genannt wird. Vielleicht ist es zu früh, daraus weitreichende Schlüsse zu ziehen, aber: zu beobachten, ob und wie von Google bespendete Medien über die sehr zahlreichen Themenfelder berichten, auf denen Google als Quasi-Monopolist eine mindestens dominante Rolle spielt und deswegen kritisiert wird, dürfte künftig noch wichtiger werden als es ohnehin schon ist. Vorsichtig formuliert."

Reinhard Wolff berichtet in der taz, dass die rechtspopulistische Partei Nye Borgerlige (Neue Bürgerliche)in dännische Zeitungen eine Anzeige schalten wollte, in der jene Zeichnungen von Mohammed gezeigt werden, die Samuel Paty seinen Schülern zeigte. Manche Zeitungen sagten zu, manche ab (darunter Jyllands Posten, die 2005 die Mohammedkarikaturen veröffentlicht hatte). Einen Strich durch die Rechnung machte schließlich Charlie Hebdo selbst: "Das Blatt ließ wissen, dass man keine Nachdruckgenehmigung erteile 'für eine politische Partei, mit der wir nichts gemeinsam haben'."