9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2022 - Medien

Helmut Hartung resümiert in der FAZ ein Positionspapier der Bundestags-FDP zu den Öffentlich-Rechtlichen. Unter anderem fordert es, "dass sich die Sender auf ihren 'Marken- und Wesenskern', den Bildungs- und Informationsauftrag, konzentrieren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse durch Fusionen und eine klare Digitalstrategie effizientere Verwaltungs-, Sender- und Angebotsstrukturen aufbauen. Dazu gehöre eine einheitliche Mediathek sowie eine klare Aufgabenverteilung von bundesweiten und regionalen Inhalten innerhalb des Systems." Allerdings appelliert das Papier auch die Bundesländer - wo nun mal in dieser Frage der Hammer hängt.

Außerdem wird der Bau des vom RBB und seiner früheren Intendantin Patricia Schlesinger geplanten Digitalen Medienhauses nun endgültig gestoppt, meldet Claudia Tieschky in der SZ. Noch 2021 wurde mit Kosten von 65 Millionen Euro kalkuliert, Schlesinger hatte zuletzt von 188 Millionen Euro gesprochen, ihre Nachfolgerin Katrin Vernau korrigierte die Zahl gestern auf 311 Millionen Euro, also sogar mehr als ein Intendantengehalt. "Schlesinger-Nachfolgerin Vernau hat bereits vorige Woche 'Kassensturz' beim RBB gemacht und ein Einsparziel von 41 Millionen Euro bis 2024 ausgerufen. Die entscheidende Frage ist jetzt: Wie viel Luft verschafft der Baustopp dem RBB? Da der Bau komplett kreditfinanziert gewesen wäre: Keine, im Gegenteil."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2022 - Medien

Beim RBB-Skandal kommt mit immer neuen Fällen ans Licht, wie öffentlich-rechtliche Sender intern so funktionieren. Vorzeitig geschasste Hierarchen wurden mit großzügigen Regelungen ruhiggestellt, meist bekommen sie siebzig Prozent ihrer vorherigen Bezüge oder mehr, manchmal auch hundert Prozent, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ unter Bezug auf Recherchen des RBB. Und "neben dem Vorruhestand und Beraterverträgen gibt es im öffentlich-rechtlichen System für Höhergestellte eine dritte Variante, an Geld zu kommen, ohne dafür arbeiten zu müssen: das Ruhegeld. Dabei handelt es sich um Beträge, die man nach dem Ende seines Vertrags und vor der Pensionierung erhält." (Unsere Resümees zum "Ruhegeld"). Hanfeld bezieht sich auf einen Beitrag der Sendung "Kontraste", der in der Mediathek leider nicht zu finden ist. Nützlicher Weise liefert er die Namen der Versorgten, die in der "Kontraste"-Berichterstattung weggelassen werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2022 - Medien

Die öffentlich-rechtlichen Sender gehören zu den größten Finanziers der Fußball-WM. Das viele Geld für die Rechte geben sie aus, um Quoten zu bekommen. Die sind bisher so lala, berichtet Klaus Raab in der beim MDR beheimateten Medienkolumne "Altpapier": "Eigentlich deuten die WM-Einschaltquoten weder auf einen Scherbenhaufen hin, noch sind sie ein Rekord. 9 Millionen Zuschauer sind nicht nichts, es sei denn, man hält die 2018er-Vergleichsquote von 26 Millionen für ein Standardmaß. 17 Millionen ist aber bestenfalls ein 'Rekord' bei der bisherigen WM in Katar." Was Raab über die Sender und die Rechte sagt, klingt dann doch etwas verzagt: "Man kann schwerlich im Fernsehen von einer Veranstaltung kritisch berichten, von der man keine Bilder hat. Also muss man sich um Übertragungsrechte kümmern und sie damit auch finanziell mittragen. Ein Dilemma."

Die Nowaja Gaseta, seit dem 5. September 2022 in Russland verboten, soll nach zwei Ausgaben in Riga jetzt auch in Deutschland erscheinen, berichtet in der Welt Anna Shemyakova, die sich mit Redakteur Michael Komin unterhalten hat. "'In Deutschland gibt es eine große russischsprachige Gemeinschaft', sagt Michael Komin aus der Rigaer Redaktion. Viele dieser Menschen würden sich bei kremlnahen Medien oder dem russischen Staatsfernsehen informieren. 'Innerhalb der russischsprachigen Gemeinschaft in Deutschland gibt es viele Putinversteher', sagt Komin. Die Zeitung wolle sich als alternative Informationsquelle zu Russlands Propaganda positionieren. 24 Seiten umfasst die neue Ausgabe und liegt als Beilage der 1996 in Berlin gegründeten russischsprachigen Zeitung Russkaja Germanija (deutsch: Russisches Deutschland) bei, die seit Beginn des Krieges Redakzija Germanija (deutsch: Redaktion Deutschland) heißt."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2022 - Medien

Die FAZ widmet der Welt-Kollegin Anna Schneider einen ganzen veritablen Feuilleton-Aufmacher. Elena Witzeck wirft Schneider vor, dem Ayn-Rand-Kult anzugehören und einem extremistischen Individualismus zu frönen. Zu Witzecks Kritikpunkten zählt aber auch, dass Schneider "fragt, warum die ARD Millionen für Rechte an der WM in Qatar gezahlt hat, um sie nun heuchlerisch anzuprangern". Witzeck weist Schneider außerdem auf die Ambiguität von Freiheit hin: "Da ist zum einen die Abwesenheit von Zwängen. Und zum anderen eine legitimierte übergeordnete Gewalt, die das Recht des Einzelnen auf Freiheit durchsetzt und schützt. Wegen ihrer Ambivalenz kann die Freiheit das Gegenteil dessen bewirken, was sie schaffen soll: Furcht, Isolation und Ohnmacht. Ein Liberalismus, der diese Ambivalenz anerkennt, ist im Kern sozial. Und das Kernlose, was Schneider für Springer als Liberalismus verkauft, ist beunruhigend." Witzeck hält es mit den Autoren Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, die in ihrem Buch "Gekränkte Freiheit" darlegen, wie Rechtspopulisten die Freiheitsidee missbrauchen.

Die New York Times, der Guardian, der Spiegel, Le Monde und El Pais waren vor zwölf Jahren an der Veröffentlichung geheimer Papiere beteiligt, die ihnen von Julian Assange zugespielt worden waren. Obwohl sie im Detail Kritik an Assange haben, wenden sich die Zeitungen in einem gemeinsamen öffentlichen Brief an die amerikanische Regierung - denn immer noch steht Assange unter Anklage, und es droht ihm eine drakonische Strafe. "Diese Anklage stellt einen gefährlichen Präzedenzfall dar und droht, Amerikas ersten Verfassungszusatz und die Pressefreiheit zu untergraben. Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen, ist Teil der Kernaufgabe einer freien Presse in einer Demokratie. Die Beschaffung und Weitergabe sensibler Informationen, wenn dies im öffentlichen Interesse notwendig ist, ist ein wesentlicher Bestandteil der täglichen Arbeit von Journalisten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2022 - Medien

Auch etliche Wissenschaftler wenden sich jetzt von Twitter ab. Ziemlich spät, findet Thomas Thiel in der FAZ: "Twitter behält sich das Recht vor, persönliche Daten seiner Kunden an Dritte zu verkaufen, und macht sich damit attraktiv für Werber und Investoren. Seine Nutzer ruft es dazu auf, sich selbst zur Ware zu machen. Es ist erstaunlich, wie erfolgreich es damit bei Wissenschaftlern ist, die sonst alle möglichen Formen der Verdinglichung kritisieren. Und wer sich heute darüber wundert, dass angesehene Historiker allgemein bekannte Fakten grob ignorieren können, ohne dass es einen Aufschrei in der Wissenschaft gibt, sollte einmal Debattenverläufe auf Twitter verfolgen. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hat es so resümiert: Die Netzwerke haben das Ad-hominem-Argument in der Wissenschaft salonfähig gemacht. Das galt einmal als Verdikt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2022 - Medien

"So" ist das neue "äh". Darüber ärgert sich der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp in der FAZ, als er Deutschlandfunk Kultur hört. Der Gebrauch solcher "verbalen Weichmacher", schreibt er in der FAZ, sei "pandemisch". Schlimm genug, dass die Wort-Genossen "sozusagen" und "sowieso" auch nur als Füllwörter dienten, um den "Sprachfluss am Laufen zu halten". Aber dass die Nutzer ständig redeten, um mit "so" nur unterwürfig gegenüber ihren Gesprächspartnern etwas anzudeuten anstatt die Dinge klar und deutlich zu benennen, ist Kemp ein Graus. Genauso wie "ganz", "total", "genau" "immer", "auf jeden Fall" und "alles", die er als "angewandte Lob- und Humilitätskultur" bezeichnet, weil sie Empathie nur vortäuschten. "Man könnte jetzt eine alte Rundfunk-Redewendung gebrauchen: Das versendet sich doch. Aber um einmal von den Inhalten zu sprechen: Das 'irgendwie' oder 'so' legt sich wie Mehltau über Aussagen, die Sachaussagen sein könnten und die Darstellungsfunktion der Sprache nutzen." Besonders aufgefallen ist Kemp dieser neuartige und doch weit verbreitete Sprachgebrauch in dem Podcast "Lakonisch elegant" über Ernst Jünger.

Der Tagesspiegel wird neu konzipiert - bei solchen Meldungen muss man heute skeptisch sein, denn meist bedeutet das eine fluffigere Präsentation von weniger Inhalt. Die Westberliner Zeitung will ab jetzt vierzig Seiten Welt und vierzig Seiten "Weltstadt" bringen, berichtet Steffen Grimberg in der taz. Was aber wegfällt, ist die Medienseite, eine der renommiertesten der Republik, so Grimberg: "Mit der Auflösung eines Fachressorts fehlt irgendwann auch die Expertise. Dann ist keineR mehr Expert*in und ständig am Ball. Mit dem Versprechen 'mehr Expert*innen', das auch so ein Jingle im Werbeblock für den neuen Tagesspiegel ist, passt das nicht zusammen."

Der Spiegel überprüft aktuell mehrere Artikel über die Flüchtlinge am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros, meldet unter anderem die Welt: "Konkret geht es um den Verdacht, dass Flüchtlinge den Tod eines Mädchens erfunden haben könnten. 'Einige ursprüngliche Berichte hatten die Schilderungen der Flüchtlinge, die bis heute am Tod des Mädchens festhalten, als Tatsache übernommen.' (…) Die Spiegel-Korrespondenten, aber auch die Dokumentation des Magazins, das Faktentreue überprüft, haben den Schilderungen der Flüchtlinge auf Basis ihrer Recherchen geglaubt. Doch nach Darstellung des Berichts vom Medieninsider ist es nicht klar, ob es dieses Mädchen, die fünfjährige Maria, wirklich gab und wenn ja, ob sie tatsächlich an der Grenze gestorben ist."
Stichwörter: Tagesspiegel, Spiegel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2022 - Medien

Nach einer Anfrage der Linken legte die Bundesregierung offen, dass das von den Grünen-Politikern Ralf Fücks und Marieluise Beck gegründete "Zentrum Liberale Moderne" seit 2018 für 24 Projekte mit 4.472.572,56 Euro subventioniert wurde, schreibt Frank Lübberding in der Welt. Hier werde "Verfassungsschutz gespielt", bezahlt mit Steuergeldern, ärgert er sich, vor allem mit Blick auf den Sektor "Gegneranalyse" des Zentrums: "Der dort praktizierte Aktivismus zur Bekämpfung politischer Gegner wird vom Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend für 2021 und 2022 unter dem Projektnamen 'Demokratie lebe' mit 316.211,47 Euro unterstützt. So lässt sich das Zentrum Liberale Moderne aus Bundesmitteln eine eigene Abteilung zur Brandmarkung politischer und medialer Gegner finanzieren. Angeblich geht es dabei um die 'Gegner der offenen Gesellschaft'."

Außerdem: Beim Facebook-Konzern verschieben sich die Prioritäten weg von der einst so gepriesenen Förderung des Journalismus hin zu Content-Videos im Stile von Tiktok, berichten Christian Meier und Stephan Weichert, der über mehrere Jahre mit dem News Partnerships Team von Meta zusammengearbeitet hat, in der Welt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2022 - Medien

Die Fußball-WM beginnt. Ist die Kritik an Katar rassistisch? Fände die WM in Australien oder Mexiko oder Austalien statt, würde man nicht über Menschenrechte diskutieren, behauptet Dunja Ramadan im Leitartikel der SZ. Aber "eins vorneweg: Jeder Arbeiter, der beim Bau eines WM-Stadions in Katar ums Leben gekommen ist, ist einer zu viel."

Die Medien berichten weiterhin über Katar, als hätten sie mit der Angelegenheit nichts zu tun und als wären nicht sie es, die das Ereignis überhaupt erst zum Ereignis machen. Die FAZ bringt einen launigen Text des Schriftstellers und Fußballfans Moritz Rinke, der überhaupt nicht einsieht, warum nur er das Ereignis boykottieren soll: Und was ist "mit all den Volkswagen, die durch unser Land fahren? Der katarische Staatsfonds besitzt 14 Prozent des VW-Konzerns, ein katarischer Minister sitzt sogar in Wolfsburg im Aufsichtsrat. Müsste man nicht auch alle Siemens-Geräte ausstöpseln und abschalten, das Deutsche-Bank-Konto kündigen, nichts mit Hochtief bauen, keine Reise bei Hapag-Lloyd buchen, keine Energie bei RWE beziehen, nie wieder ein Bayern-München-Spiel schauen?" Und natürlich keinen der öffentlich-rechtlichen Sender gucken, die einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung des Spektakels leisten. Laut statista.de zahlen die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland 214 Millionen Euro für die Übertragungsrechte der WM.

Jan Christian Müller sagt in der FR eine "freudlose WM" an: "Etliche deutsche Fans äußern sich derart angewidert über das Gebaren von Katar und Fifa, dass sie sowohl auf den Trip ins Emirat verzichten als auch die TV-Übertragungen boykottieren wollen. Man wird sehen, ob das zur kollektiven Ignoranz gegenüber dem Turnier führt, wie sich das auf die Einschaltquoten und die ohnehin getrübte Stimmung in Deutschland auswirken wird."

Die Interimsintendantin des RBB, Katrin Vernau, hat nach den Skandalen ihrer fristlos gekündigten Vorgängerin Patricia Schlesinger Bilanz gezogen. Michael Hanfeld resümiert in der FAZ. Trotz Rücklagen aus zu hohen Gebühreneinnahmen droht ein Minus: "Das Geld wurde mit vollen Händen ausgegeben. Zwischen 2017 und 2020 stieg der 'Netto-Mehraufwand' um 99 Millionen Euro. Das wurde aus der Rücklage bedient. Der 'Mehraufwand' in den Jahren 2021 bis 2024 beträgt 97 Millionen Euro. Das verbraucht die Reserven vollends. Ende 2021 betrug die Liquidität des Senders noch 45 Millionen Euro, Ende 2024 werden es nur noch vier Millionen sein. Und von da an rutscht der Sender ins Minus." Auf der Website des RBB selbst berichten René Althammer und Jo Goll. Hier lohnt es sich die Leserkommentare des Artikels (es lebe das Internet!) zu lesen, wo sich die Information findet, dass Vernau trotz ihres Jahresgehalts von 295.000 Euro einen Mietzuschuss erhält.

Ebenfalls auf der Website des RBB berichten Reporter, wie sozial der RBB mit seinen Spitzenkräften verfährt, auch und gerade, wenn sie in Rente sind: "Wie aus Recherchen von NDR und RBB und aus vertraulichen Dokumenten hervorgeht, schloss der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) mit seinem scheidenden Chefredakteur Christoph Singelnstein einen gut dotierten Beratervertrag - zusätzlich zu dessen lebenslangem Anspruch auf ein jährliches Ruhegeld von mehr als 100.000 Euro und seiner gesetzlichen Rente. In Summe soll Singelnstein vom RBB derzeit einen monatlichen Betrag erhalten, der ungefähr der Höhe seines letzten Gehalts als Chefredakteur entsprechen würde - das wären um die 15.000 Euro pro Monat." In der SZ berichtet Aurelie von Blazekovic.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2022 - Medien

ARD und ZDF zusammenzulegen, ist für Frank Überall, den Chef des Deutschen Journalisten Verbandes, ein Unding. In der FAZ schreibt er: "Nicht umsonst gibt es im Bereich der privaten Medienhäuser ein recht strenges Kartellrecht, das solche Megafusionen untersagt." Außerdem gebe es ja auch noch den Auftrag publizistischer Vielfalt. Damit schießt der DJV-Vorsitzende nicht zum ersten Mal gegen den ARD-Vorsitzenden Buhrow und seine schon legendäre Hamburger Rede (unsere Resümees). "Allein unter Kostendruck die Reform der öffentlich-rechtlichen Sender zu diskutieren, sägt beharrlich am System. Durch seine undifferenzierten Äußerungen hat der Privatmann Tom Buhrow einen Türspalt geöffnet für diese Sichtweise. Der Diskurs muss jetzt wieder ernsthafter werden", schreibt Überall. "Weglassen" von Programmbestandteilen ist sicher kein Tabu, doch müssen solche Entscheidungen konsequent auf der Grundlage des gesetzlichen Auftrags besprochen werden." Sonst drohten Reformen an der Realität der Landesparlamente und des Bundesverfassungsgerichts zu scheitern.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2022 - Medien

Immer wieder werden Reporter bei ihrer Arbeit behindert.