9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Riesige Entladungswellen

21.06.2023. Im Guardian hofft der ukrainische Autor Oleksandr Mykhed, dass die Welt nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms endlich erkennt, dass in der Ukraine ein Genozid stattfindet. In der FAZ wünscht sich die Historikerin Hedwig Richter eine positive Zukunftserzählung als Reaktion auf die AfD. Auf ZeitOnline macht der russische Soziologe Grigori Judin Deutschland dafür mitverantwortlich, dass es keine russische Zivilgesellschaft mehr gibt. In der FR kämpft Stephanie Schlitt von ProFamilia für das Menschenrecht auf Abtreibung. Spon schildert derweil, wie junge Mädchen in Paraguay gezwungen werden, ungewollte Kinder auszutragen.

Mitten in der Wüste, ohne alles

20.06.2023. Im Tagesspiegel hält der algerische Schriftsteller Kamel Daoud die liberale europäische Demokratie hoch - als einzigen Ort, zu dem Menschen aus Diktaturen schwimmen können. Vorausgesetzt, man lässt sie nicht tatenlos ertrinken, erinnert die SZ, die Strafverfahren nicht nur gegen die Schlepper des gesunkenen Flüchtlingsschiffs vor Pylos fordert, sondern auch gegen die griechischen Behörden. In der Welt fordert Slavoj Zizek Atombomben für die Ukraine. Die taz kritisiert den Ausstieg aus der Kernkraft.

Insgesamt neutral

19.06.2023. Der schöne Kamerun-Saal im Humboldt-Forum könnte demnächst leerstehen, fürchtet die FAZ: denn eigentlich müssten laut einem "Atlas der Abwesenheit" sämtliche 40.000 kamerunischen Objekte aus deutschen Museen restituiert werden. "Das Deutsche ist womöglich viel gerechter, als wir es annehmen", meint der Übersetzer Jayrôme C. Robinet in der SZ, denn es gibt auch jede Menge generisches Femininum. Die Welt schildert die sadistische Hinrichtungspraxis der iranischen Geistlichen. Im Tagesspiegel kritisiert der Migrationsexperte Gerald Knaus die geplante Reform des EU-Asylsystems.

Nur noch 65 Cent wert

17.06.2023. In der FAS macht der ukrainische Autor Artem Tschech klar: Der Weg von New York nach Bachmut ist kürzer als der Weg von Bachmut in die Etappe. Die Historiker Stefan Wolle (taz), Hubertus Knabe (Blog) und Ilko-Sascha Kowalczuk (taz) erinnern aus unterschiedlichen Perspektiven an den 17. Juni. Die FAZ berichtet über die neuesten mörderischen Geschichtsversionen Wladimir Putins. Und Boris Johnson hat einen neuen Job: Er ist jetzt Diätberater bei der Daily Mail.

5000 blaue Luftballons

16.06.2023. In Polen protestieren die Frauen wieder gegen das restriktive Abtreibungsgesetz - während andere Frauen sich in Kinderhospizen von nicht lebensfähigen Säuglingen verabschieden müssen, die sie nicht abtreiben durften, berichtet die taz. Deutschland muss verstehen, dass die Nato die Ukraine als Mitglied braucht, sagt der ehemalige Jelzin-Berater Anders Aslund in der Welt. Die SZ gibt Entwarnung: Man sollte bei der Betrachtung der AfD-Umfragewerte die "Medienschwelle" beachten. In der FAZ kritisiert Cem Özdemir deutsche Politiker, die partout mit der Erdogan-Lobby hierzulande zusammenarbeiten wollen.

Ein Sexist, aber nie misogyn

15.06.2023. In seiner FAZ-Kolumne kommt Bülent Mümay auf die heuchlerischen Erdogan-Huldigungen westlicher Staatschefs nach den türkischen Wahlen zurück. Die Medien machen sich Sorgen um Sahra Wagenknecht, die droht, in einer neuen Partei die Ähnlichkeit "linker" und "rechter" Diskurselemente zur Kenntlichkeit zu entstellen. Eine Frau ist eine Frau, insistiert Kathleen Stock in der Welt. In der Zeit erinnern Francesca Melandri und Ezio Mauro an die Kontexte, die Berlusconi möglich machten.

Ein bleiernes Gefühl des Krieges

14.06.2023. Es gibt in der amerikanischen Gesellschaft keinen Minimalkonsens mehr, nicht mal mehr über den Wert der Demokratie, beklagt im Interview mit ZeitOnline die amerikanische Philosophin Sally Haslanger. Im Tagesspiegel konstatiert der Historiker Jonas Kreienbaum eine koloniale Amnesie in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, weil Deutschland nie eine Phase der Dekolonisierung erlebt habe. In FAZ und FR folgen jetzt etwas grundsätzlichere Nachgedanken zum Phänomen Berlusconi.

Es ist wie bei Napoleon

13.06.2023. "Und jetzt?", fragt Linkiesta: Eins sei klar: der Berlusconismo kann Berlusconi nicht überleben. In der Welt ist der Filmhistoriker Armin Schäfer bestürzt über den laschen Umgang der ARD mit der Vergangenheit ihrer frühen Intendanten. Die FAZ fragt: Was ist eigentlich mit dem "Russischen Haus" in Berlin, und warum wird es nicht stärker sanktioniert? Im Tagesspiegel sucht  Wilhelm Heitmeyer nach den Ursachen für die Umfrageerfolge der AfD.

Die Kriegsverbrechen sind der Punkt

12.06.2023. Im Observer fragt Peter Pomerantsev nach den Gründen für russische Grausamkeit - und kommt zu dem Ergebnis, dass jenseits davon nichts ist. Ebenfalls im Observer fragt Kenan Malik: Wem nützen die apokalyptischen Ängste vor Künstlicher Intelligenz? Bei hpd.de erklärt die Religionswissenschaftlerin Petra Klug, warum in den USA der "Anti-Atheismus" sogar der Trennung von Staat und Religion eingeschrieben ist. In der NZZ macht die Osteuropahistorikerin Nada Boškovska wenig Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts zwischen Serben und Albanern im Kosovo.

Von den Spätis im Schillerkiez

10.06.2023. In der SZ möchte Anne Rabe darüber diskutieren, wie der Osten zum Aufmarschgebiet für Rechtsextreme aus dem Westen werden konnte. Vielleicht weil dort die Moderne keine Zukunft mehr bereithält, sondern vor allem Verlusterfahrungen, meint Andreas Reckwitz in der NZZ. Die Welt hätte auf dem Tempelhofer Feld lieber ein bisschen moderne Stadt als ambitionsloses Rumgehänge. Und die FAZ bringt einen Text von Lars Gustafsson, der schon 1982 staatlich subventionierte Medien für alternative Wirklichkeiten verantwortlich machte.