9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Charterflug nach Astana

09.06.2023. Trotz der Verwüstungen nach den Angriffen auf den Staudamm von Kachowka fürchtet die SZ ein Nachlassen der Solidarität mit der Ukraine. In der NZZ zieht Sonja Margolina eine Bilanz des Exodus aus Russland: 1,3 Millionen Menschen sind gegangen - und hoffen, sie seien "Relokanten". Berlins neuer Kultursenator Joe Chialo möchte in der Postkolonialismus-Debatte den Blick nach vorne wenden, sagt er dem Tagesspiegel. Golem.de und heise.de melden: Google Street View macht erstmals seit 13 Jahren neue Bilder in Deutschland.

Dann aber kam der 24. Februar 2022

08.06.2023. Nach der Explosion des Staudamms von Kachowka mahnt Timothy Snyder westliche Medien, russische und ukrainische Behauptungen nicht auf eine Stufe zu stellen. Es ist Kirchentag in Nürnberg. Frank-Walter Steinmeier dachte bei der Gelegenheit über seine Rolle in der Geschichte nach, notiert die FAZ. Schön, dass Amazon sich für Diversity engagiert, findet die Welt, bei Gewerkschaften ist der Konzern allerdings schüchterner. Im Tagesspiegel bittet Katja Hoyer, Stalins Ängste zu verstehen.

Radikale Geschichtsklitterung

07.06.2023. In der SZ warnt François Hollande: China und Russland wollen die Länder des Globalen Südens verführen, dagegen brauche es eine gemeinsame Strategie. In der FR erzählt die somalische Aktivistin Hibo Wardere, wie sie mit sechs Jahren beschnitten wurde, um "heiratsfähig" zu sein. Mit den starken Männern in der Politik kommen die starken Religionsinterpretationen, warnt der Tagesspiegel. In der SZ bittet Dirk Oschmann, die Ossis nicht mehr zur AfD zu befragen, sonst werden sie bockig. Auch der Postkolonialismus ist ein kleines Erbstück der Aufklärung, erinnert Axel Honneth in der Zeit.

In den ethischen Abgrund

06.06.2023. In der Strafkolonie 6 in Melechowo wird Alexei Nawalny gerade erneut der Prozess gemacht. Diesmal drohen ihm 30 Jahre Haft, berichtet hpd. Für alle anderen Kritiker gibt es in Russland demnächst eine neue Gefängnisstadt, erzählt die Schriftstellerin Irina Rastorgujewa in der NZZ. Warum wählen die Lateinamerikaner linke Populisten und wandern dann in die kapitalistischen USA aus, fragt ebenfalls in der NZZ Mario Vargas Llosa. Die SZ lernt bei einer Veranstaltung der Berliner FU, wieviel Raubkunst aus Kamerun deutsche Museen in ihren Kellern bunkern.

Ein Ort fast unbegrenzter Möglichkeiten

05.06.2023. In Zeit online fragt die Verfassungsrechtlerin Sophie Schönberger, was aus Demokratie werden soll, wenn jeder nur um seine individuelle Differenz besorgt ist. Im Tagesspiegel denkt auch die italienische Philosophin Donatella Di Cesare über Demokratie nach: Verschwörungstheorien entstehen, wenn Macht gesichtslos wird, fürchtet sie. Die NZZ sieht sich in der heimlichen Kulturhauptstadt Europas um: Chisinau. Was soll man davon halten, wenn ausgerechnet Silicon-Valley-Größen vor Künstlicher Intelligenz warnen, fragen FAZ und Welt.

Am 35. Mai

03.06.2023. In einem FAZ-Essay zum 75. Jubiläum Israels erklärt David Grossman die "Lage", und warum sie ihn so deprimiert. Am 17. Juni 1953 wurde nicht nur gegen Normerhöhungen protestiert, sondern auch gegen stalinistischen Terror, schreibt Anne Rabe in der Welt. Angesichts einer AfD, die in Umfragen auf 18 Prozent kommt, rät der Politologe Marcel Lewandowsky der bürgerlichen Opposition im Tagesspiegel zum Stillhalten. Und in der FR hat Peter Frankopan den Schlüssel zur Weltgeschichte gefunden.

Dieses systematische Element

02.06.2023. Ein Regime, das Demokratie nach innen zerstört, wird auch nach außen gefährlich: Oleksandra Matwijtschuk benennt in der SZ das Versagen einer "realistischen" Außenpolitik, die Menschenrechte als nebensächlich ansieht. In der FR spricht die Strafrechtlerin Julia Geneuss über die Frage, wie sexuelle Gewalt als Kriegsverbrechen dingfest gemacht werden kann. Ferda Atamans Forderung nach Diversität in Unternehmen verstößt auf krasse Weise gegen Datenschutz- und Persönlichkeitsrechtsgesetze, schreibt der Anwalt Emrah Erken auf Twitter.

Wenn der Verdacht ontologisiert wird

01.06.2023. Einhundert Jahre nach ihrer Gründung ist die türkische Republik an ihr Ende gekommen, schreibt Yavuz Baydar in der SZ. Das Urteil gegen die Linksextremistin Lina E. löst in der taz Unbehagen aus - der Rechtsextremismus sei gefährlicher. Martin Doerry feiert in der Zeit das monumentale Editionsprojekt "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Im Tagesspiegel erklärt die italienische Philosophin Donatella di Cesare, wie Verschwörungstheorien in Demokratien entstehen.

Die Autokratie gewann, die Demokratie verlor

31.05.2023. Wer hat gewonnen in der Türkei? Die Hizbullah, die Mafia, die Paschas und die Autokratie, notiert Bülent Mumay in der FAZ. Die Welt fordert, jede Zusammenarbeit mit der Ditib aufzugeben und die doppelte Staatsbürgerschaft zu überdenken. Viele Türken sehnen sich nach einem Übervater, erklärt sich in der NZZ der Schriftsteller Nedim Gürsel den Wahlerfolg Erdogans. In der SZ fordert Gesine Schwan eine neue Flüchtlingspolitik: mit Registrierzentren und Kommunen Matching-Systemen. Im Interview mit dem Tagesspiegel rät der Hongkong-Aktivist Nathan Law der EU, aus dem Ukrainedebakel zu lernen und ihre Abhängigkeit von China zu verringern.

Schüsse hallten durch die Nacht

30.05.2023. Depression nach der zweiten Runde der türkischen Wahlen. Während Erdogan-Anhänger in der Türkei und Deutschland nicht ohne Aggression feiern, annonciert Jürgen Gottschlich in der taz "mehr vom Gleichen - mehr Moscheen, mehr Repression, mehr Beton und mehr Abhängigkeit von Putin und den Potentaten am Golf". Für die starke Segregation der türkischen Community in Deutschland ist auch die deutsche Gesellschaft verantwortlich, sagt Necla Kelek in der Welt. RBB und MDR reflektieren den immer integrierteren Rechtsextremismus in den neuen Ländern. Ines Geipel fragt sich in der FAZ angesichts modischer DDR-Verharmlosung, ob die Aufarbeitung der SED-Diktatur gescheitert ist.