9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2023. Emmanuel Macron hat seinen lange geplanten großen Staatsbesuch in Deutschland abgesagt und muss die Krise zuhause bewältigen. Die jüngsten Unruhen in den französischen Vorstädten offenbaren, in welchem Ausmaß die französische Gesellschaft inzwischen blockiert ist, schreibt der Politologe Rachid Benzine in Le Monde. Viele Artikel handeln von der Polizeigewalt. Die SZ thematisiert das extrem polarisierte politische Klima in Frankreich. In der NZZ kommt Politikwissenschaftler Andreas Umland auf Prigoschins Meuterei zurück.
01.07.2023. In der SZ glaubt Viktor Jerofejew, dass Prigoschin zu geradlinig war, um Putin wirklich gefährlich werden zu können. In der Welt fragt Gerd Koenen, warum gerade jene Ländern Osteuropas zu Russland neigen, die besonders gründlich von den Sowjets besiegt wurden. Im Tagesspiegel fürchtet Wolf Biermann, dass die Ostdeutschen an den Schlägen leiden, die sie nicht ausgeteilt haben. In der FR muss Stephan Lessenich einsehen, dass rechte Politik unmoralischer, aber eventuell attraktiver ist als linke. SZ und FAZ blicken zudem auf Frankreichs brennende Vorstädte und den Eisbären auf seiner schmelzenden Scholle.
30.06.2023. Vor dreißig Jahren brachte ein Mob in der zentralanatolischen Stadt Sivas einige der bekanntesten alewitischen Künstler und Autoren um - die taz erklärt, warum die zentrale Demonstration zum Gedenken an das Ereignis am Sonntag in Berlin stattfindet. Ebenfalls die taz legt neue Informationen über den Verfassungsschutz und Alois Brunner, einen der schlimmsten Nazitäter, vor - jahrzehntelang wusste die Behörde, dass er sich in Syrien aufhielt und tat... nichts. Im Tagesspiegel erzählt die Sinologin Mareike Ohlberg, wie es im gleichgeschalteten Hongkong zugeht. In der NZZ schreibt Abdel-Hakim Ourghi über muslimischen Antisemitismus.
29.06.2023. Prigoschins Miniputsch könnte Putins Regime noch weiter brutalisieren, fürchet Michael Thumann in der Zeit. Der Staat kann nicht schützen, was er nicht definieren kann, schreibt die Juristin Judith Froese in der FAZ mit Blick auf das Selbstbestimmungsgesetz, das sich jeder Definition des Geschlechts enthält. Entfesselung der Gewalt im Sudan, aber niemand kümmert's, und Militärinterventionen sind komplett außer Mode geraten, konstatiert Dominic Johnson in der taz. Der Tagesspiegel sucht mit Hilfe einer Studie nach Ursachen für den Rechtsextremismus in den Neuen Ländern. In der NZZ verteidigt Robert Menasse die europäische Idee.
28.06.2023. Im New Yorker fragt Masha Gessen, wie Putin Prigoschins Rebellion ungesehen machen will. Osteuropa bemerkt, dass sich in Rostow und Woronesch niemand fand, um dem Kreml zu helfen. In der NZZ schöpft Timothy Snyder aus den internen russischen Rivalitäten Hoffnung. Mit Blick auf Frankreich und Italien möchte ZeitOnline der CDU eher abraten, auf einen Kulturkampf zu setzen: Davon profitieren nur die Populisten. In La Règle du Jeu ist Bernard-Henri Lévy grundsätzlich gegen die Rückkehr.
27.06.2023. Putins Sturz ist keine Sache, die man vom Sofa aus beobachten sollte, mahnt Peter Pomerantsev im Guardian, da müssen wir alle ran. In der FR fragt der Politologe Marc von Boemcken, wer jetzt für Putin in Afrika die Drecksarbeit erledigen wird. Nicht Gendern und Heizungstausch sind schuld am Erfolg der Afd, sondern ihre Wähler, erinnert die FAZ. Die taz berichtet aus dem Norden Afghanistan, der lieber Trinkwasser statt Biomarmeladen hätte. In der Welt schwärmt Joachim Lottmann vom sozialdemokratischen Wohnungsbau in Österreich.
26.06.2023. Das Erstaunlichste an Jewgeni Prigoschins bizarrem Wochenend-Abenteuer, war die Reaktion der Menschen in Russland, findet Atlantic-Autorin Anne Applebaum: Die Apathie, die Putin seinem Volk eingetrichtert hatte, galt am Ende auch ihm selbst. Samantha de Bendern schlägt im Observer vor, die Ereignisse als "Fehde zwischen kriminellen Banden" zu deuten. Prigoschin selbst sollte zunächst darauf achten, dass er nicht "etwas äußerst Unverträgliches isst", rät die FAZ. In der taz zeigt der Jurist Maximilian Steinbeis, wie leicht sich Verfassungsorgane manipulieren ließen, wenn Rechtspopulisten die Mehrheit hätten. Eine Gruppe von Wissenschaftlern hofft in Zeit online, dass Künstliche Intelligenz schafft, was natürliche nicht zustande brachte: eine Alternative zum Kapitalismus.
24.06.2023. In Russland meutern Jewgeni Prigoschins Wagner-Truppen. Ob es sich bei dem Coup um mehr als nur eine Farce handelt, wagt noch niemand zu entscheiden. Die NZZ erinnert an den dunkel-schillernden Eduard Limonow, der als Punk, Bohemien und Nationalbolschewist Putins Russland leibhaftig verkörperte. Die SZ empfiehlt der CDU, mehr Arnold Schwarzenegger und weniger Claudia Pechstein. Die FAS fragt, ob uns nicht der Klimafuturismus aus der Klimanot helfen könnte. Die taz reist ins verarmte New Mexiko, in das sich Tausende von Frauen aus Texas vor drakonischen Abtreibungsgesetzen flüchten.
23.06.2023. Tausende von Büchern und Filmen über Nazis und Holocaust haben Europa nicht geholfen, das Anschwellen eines neuen faschistischen Reiches vor seiner Haustür zu erkennen, schreibt Oksana Sabuschko im Tagesspiegel in einem verzweifelten "Brief über Demokratie". Zwei Ansätze, über den Klimaschutz zu diskutieren: Wir sollten aufhören zu wachsen, meint der Politologe und Grüne Reinhard Loske in der FR. Wir sollten von sinnlosen Vorschriften Abschied nehmen, und nicht nur klimafreundlich, sondern auch schöner bauen, meint Niklas Maak in der FAZ. Sieben Jahren nach dem Brexit-Votum driftet Britannien away, fürchtet Timothy Garton Ash im Tagesspiegel.
22.06.2023. In der NZZ skizziert Pascal Bruckner das neue Verständnis von Bürgerlichkeit: "Jede Einschränkung oder Behinderung macht mich zum Opfer und legitimiert meine Wut." Ebenfalls in der NZZ bekundet Bora Cosic seine Liebe zum Kosovo. Die FAZ fragt: Was bedeutet Putins Verlegung von Atomwaffen nach Belarus? Zwei Artikel in der SZ befassen sich mit dem Thema Restitution von Kunstwerken. Bei hpd.de erklärt der Ethikprofessor Hartmut Kreß, warum Ethikunterricht besser ist als Religion.