9punkt - Die Debattenrundschau

Pflanzen tragen seinen Namen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.07.2020. In der NZZ erklärt Jan Koneffke, warum es in in Ländern wie Rumänien, wo die Bevölkerung der Regierung misstraut, so schwierig ist, die Corona-Epidemie zu bekämpfen. Es hätte Wege gegeben, Schottland in der Union zu halten, meint Ian Dunt in The New European, aber dafür hätte es einen sanften Brexit gebraucht. Warum kennen alle Deutschen das "Zigeunerschnitzel", aber keiner weiß was über den Porajmos, fragt Stephan Anpalgan in der FR.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.07.2020 finden Sie hier

Europa

Die Mehrheit für einen Ausstieg Schottlands aus der Union (nicht der europäischen, sondern der britischen) wird immer größer. Dabei hätte es durchaus Wege gegeben, die Schotten, bei der Stange zu halten, schreibt Ian Dunt im Magazin The New European, nämlich einen sanften Brexit. Aber wer in Britannien für einen sanften Brexit eintrat, wurde von den harten Brexiteers als "Feind des Volkers" behandelt: "Diese Botschaft, die von Presse und Ministern der Regierung wie ein Trommelfeuer wiederholt wurde, hat stillschweigend einer Kernidee des schottischen Nationalismus entsprochen - wer der Regierung im Brexit widersprach, galt ihr Feind des Volkes, und da die Schotten in ihrer großen Mehrheit für Remain waren, mussten sie also wohl ein anderes Volk sein als die Engländer, wo eine Mehrheit für Brexit war. Johnsons Wahl zum Premierminister hat diesen Prozess noch verstärkt. Statt anzuerkennen, wie komplex und schwierig es ist, die EU zu verlassen, kam immer nur das Mantra des 'Get Brexit Done'."

Anfangs hatte der Balkan die Corona-Pandemie gut im Griff, inzwischen explodieren die Fallzahlen, schreibt in der NZZ der zeitweise in Bukarest lebende Autor Jan Koneffke, der vor allem auf die Situation in Rumänien blickt. Hier trug neben dem Aberglauben der religiösen Bevölkerung - kaum jemand wollte auf das Küssen der Ikonen in den Kirchen verzichten -  auch das Misstrauen gegenüber dem Staat zur Verbreitung der Infektionen bei, so Koneffke: Die sozialdemokratische PSD torpediert die Maßnahmen der liberalen Minderheitsregierung: Die nach der Verurteilung von Liviu Dragea ins Amt "gehievte Ombudsfrau", die ehemalige Europaabgeordnete Renate Weber, klagte vor dem "mehrheitlich der PSD zuneigenden Verfassungsgericht gegen die Einschränkungen der Rechte und Freiheiten der Bürger während des Alarmzustands, gegen die von den Behörden verhängten Bußgelder und gegen die Regelungen von Quarantäne und Isolierung positiv getesteter oder mutmaßlicher Corona-Patienten. Ausgerechnet die politischen Nachkommen von Kommunistischer Partei, Securitate und die aus ihnen hervorgegangenen oligarchischen Seilschaften missbrauchen die Erinnerung an die dunklen Jahre der Diktatur. Die 'Volksanwältin' Weber spricht mit Blick auf die Quarantänepflicht von Corona-Kranken von 'Folter' und 'Haft' in den Spitälern. Nach den Urteilen des Verfassungsgerichts sank die Bereitschaft zur Einhaltung von Regeln wie dem Maskentragen rapide..."
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Politik

China macht Ernst mit dem Sicherheitsgesetz für Hongkong und schließt oppositionelle Kandidaten für Wahlen aus, berichtet Friederike Böge in der FAZ: "In den Begründungsschreiben der Wahlbehörde heißt es, manche Bewerber hätten nicht glaubhaft dargelegt, dass sie das 'Sicherheitsgesetz' unterstützten. Der juristische Kniff dahinter: Als Voraussetzung für eine Kandidatur gilt ein Bekenntnis zum Hongkonger Grundgesetz. In dessen Anhang wurde das 'Sicherheitsgesetz' aufgenommen."

Kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das nicht auch seine willfährigen Leugner in der extrem Rechten oder Linken findet. Recht nützlich liest sich da Caitlin Thompsons Artikel in dem Blog Coda, in dem Max Blumenthal porträtiert wird, Sohn eines engen Clinton-Beraters, der nach ganz links abgedriftet ist und jetzt in Medien wie The Grayzone und Russia Today die chinesischen Verbrechen an den Uiguren kleinredet. Es ist ein marginaler Standpunkt, so Thompson, aber "auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass einige randständige Medien die breite politische Meinung über Chinas Vorgehen in Xinjiang ändern, so können sie in einigen Bereichen der Linken erhebliche Probleme verursachen. Einige Experten sind der Ansicht, dass die Verbreitung pekingfreundlicher Erzählungen angesichts der sich verschärfenden Rhetorik der Trump-Regierung gegen China ein besonderes Risiko darstellt."
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Ideen

Pierre Bourdieu wäre in diesen Tagen neunzig Jahre alt geworden, und seine Theorie ist aktueller denn je, findet Jens Kastner in der taz: "Herrschaft manifestiert sich nicht nur in ökonomischer Ungleichheit. Nicht nur reich und arm, oben und unten sind die Koordinaten, innerhalb derer sich Machtprozesse abspielen. In seinem Hauptwerk 'Die feinen Unterschiede' (1979, Dt. 1982) war Bourdieu den alltäglichen und subtilen Formen nachgegangen, mit denen Über- und Unterordnung reproduziert wird. Ob der Musikgeschmack oder das Kunsturteil, die Freizeitsportart oder das Mittagessen: Es gibt nichts, was nicht auf unsere soziale Herkunft verweist."

Ein bisschen ähnliche Fragen stellt sich in der taz Peter Weissenburger anhand aktueller Debatten und ist zuversichtlich, dass sich Identitätspolitik und Diskurse einer eher sozial denkenden Linke vereinbaren lassen.
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Stichwörter: Bourdieu, Pierre

Gesellschaft

Volker Beck gehört zu den wenigen Politikern, die die jüdische Gemeinde stets unterstützt haben, schreibt Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen. Nun wird Beck von dem rechtsextremen Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann öffentlich mit zotigsten Morddrohungen bedacht - und der Spiegel bietet Hildmann sogar noch ein Forum. Die jüdische Gemeinde sollte sich mit Beck solidarisch erklären, findet Wuliger: "Es ist das alte deutsche Lied. Hetze, Hass und Drohungen von gewaltbereiten Extremisten gehören seit Jahren zum Alltag hierzulande. Die breite Öffentlichkeit nimmt es achselzuckend zur Kenntnis. Justiz und Politik reagieren häufig viel zu zögerlich, müssen bisweilen zum Jagen getragen werden. Erst wenn aus Worten mörderische Taten werden, folgen - zu spät - Konsequenzen. Für die Hetzer muss das wie ein Freifahrtschein wirken."

Außerdem: Offenbar recht deutlich - aber von der Redaktion von Deutschlandfunk Kultur leider nur recht kursorisch resümiert - äußert sich nochmal die Berliner Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel zum Brief von sechzig Intellektuellen, die sich beklagen, man dürfe nichts mehr gegen Israel zu sagen, ohne gleich des Antisemitismus bezichtigt zu werden (alle Links hier). Am Tag zuvor hatte Aleida Assmann, die neben Ingo Schulze, Katajun Amirpur und Wolfgang Benz zu den Unterzeichnern gehört, im Deutschlandfunk Kultur eine "Verengung von Meinungsfreiheit" beklagt.

Der Porajmos bezeichnet den Versuch der vollständigen Vernichtung aller europäischen Sinti und Roma während des Nationalsozialismus, klärt der Journalist und Musiker Stephan Anpalgan in der FR auf und nennt es "eine Tragödie, eine bodenlose Frechheit", dass kaum ein Deutscher den Begriff kennt. Hauptsache, das "Zigeunerschnitzel" bleibt, ärgert er sich: "Wie hirnverbrannt muss eine gesamte Gesellschaft sein, wenn man Überlebenden und Angehörigen der in Auschwitz Ermordeten sagt, dass man den rassistisch-faschistischen Begriff des 'Zigeuners' nicht von der Speisekarte tilgen könne, weil das gottverdammte Paprikaschnitzel eine lange und nicht mehr zu ändernde Tradition darstelle." Währenddessen grassiere der Antisemitismus in Deutschland: "Jeder fünfte Mensch hierzulande erklärt unverhohlen, er wolle keine Jüdin, keinen Juden in der Familie haben, das Blutbad in einer jüdischen Synagoge wurde nicht von der Polizei, sondern von einer Holztür verhindert und die Geschichte des Dritten Reiches und des Holocausts wird auch von Geschichtslehrern wie Björn Höcke unterrichtet."

Die dänische Firma Hansens will ihr "Eskimo"-Eis umbenennen und auch im Deutschen dürfte das Wort demnächst auf der roten Liste neben "Zigeuner" und "Neger" landen, schreibt Matthias Heine in der Welt. Nur leider ist "Inuit" auch nicht so politisch korrekt wie erhofft, fährt er fort. Es sind nämlich "gar nicht alle Völker, die man Eskimos nennt, Inuit. Sondern nur die Inuit. Das 'Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache' erklärt: 'Die Bezeichnung Eskimo wird insbesondere von den Angehörigen der sich selbst als Inuiteskim (Singular: Inukeskim 'Mensch') bezeichnenden Völker Kanadas und Grönlands zum Teil als diskriminierend angesehen, während andere, verwandte Völkergruppen in Alaska und Sibirien (Yupik und Iñupiat) sie weiterhin als Selbstbezeichnung verwenden.' Wer also einen Yupik oder Iñupiat als Inuit bezeichnet, läuft Gefahr, diesen damit zu beleidigen, zu diskriminieren und seine Gefühle zu verletzen. Und wer Eskimo sagt, beleidigt die Inuiteskim. Mittelfristig werden beide Bezeichnungen also am besten durch eine hyperkorrekte Abkürzung in der Art NNPOP (Native North Polar People) ersetzt."

Nach dem amerikanischen Naturschützer John Muir sind "hunderte von Nationalparks und Wanderwegen, Colleges und Highways, Kneipen und Hospitäler benannt; Bäume, Gletscher und Pflanzen tragen seinen Namen", schreibt Claus Leggewie in der FR, nun aber wird bekannt, dass Muir "die weiße Rasse anderen für selbstverständlich überlegen hielt, dass er eugenischen Theorien anhing und die Wilderness durch Indigene, Schwarze und Juden 'verunreinigt' sah." Mit der anstehenden Umbenennungswelle ist es nicht getan, so Leggewie weiter, denn rassistische Einstellungen schwelen auch davon abgesehen im antiurbanen Weltbild der frühen Umweltschützer: "Mit Blick auf ihren Begründer fällt nun auf, dass die Ökologiebewegung eine weitestgehend weiße Bewegung war und ist; im Sierra Club und einigen Gegengründungen wird seit längerem problematisiert, wie wenig 'people of colour' als Mitglieder und Mitarbeiter tätig sind und wie relativ selten auch Nationalparks von ihnen aufgesucht werden. Muir hatte die Natur nicht in jedes amerikanische Wohnzimmer versetzt: Naturschutz gilt bis heute als Domäne der Weißen, die Aufarbeitung der Affäre Muir soll diese Einseitigkeit überwinden."
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Geschichte

Nach dem Besuch einer Ausstellung über den polnischen Offizier und Widerständler Witold Pilecki im Berliner Pilecki-Institut, die auch die deutschen Besatzung im Osten Europas thematisiert, bekräftigt Jens Bisky in der SZ die Forderung nach einem Mahnmal für die Millionen ermordeten Osteuropäer (unsere Resümees): "Im Juni haben die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und das Deutsche Polen-Institut Darmstadt einen Vorschlag veröffentlicht, verschiedene Initiativen zusammenzuführen. Vorgesehen ist ein Gedenkort, ein Denkmal, zur Erinnerung an den 1. September 1939, den Beginn des Weltkriegs, die polnischen und anderen Opfer der Besatzungsherrschaft. Ein Dokumentationszentrum soll, so heißt es, 'umfassend und vergleichend die deutsche Okkupation fast des gesamten Kontinents darstellen'. Bildungseinrichtungen sollen sich einzelnen Opfergruppen, Polen, Ukrainern, Weißrussen, Russen widmen, sollen informieren, erinnern." Aber: "In Deutschland fragen Kritiker, ob ein solcher Gedenkort nicht eine Nationalisierung der Geschichtsbilder befördern würde, wogegen andere vor der Einebnung von Unterschieden, der Relativierung von Leid und Verbrechen in einer postnationalen Perspektive warnten."
Archiv: Geschichte