9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2017 - Gesellschaft

In der NZZ denkt der Philosoph Yves Bossart über Dating Apps und die Liebe nach, "ein Thema, das unzählige Fragen aufwirft, die alle miteinander zusammenhängen: Macht Liebe blind oder sehend? Ist sie ein Gefühl oder eine Entscheidung - oder doch eher eine Einstellung, eine Haltung?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2017 - Gesellschaft

Anis Amri erscheint Arno Widmann wie eine Figur aus der Bibel, schreibt er in der FR. Er hätte aus Babylon kommen können: "Ich erinnere an diese alten Geschichten, weil die Vorstellung mich rührt, die Ausgestoßenen hätten etwas gegen unsere Werte, sie würden sich Gedanken darüber machen, ob man lieber dem einen oder dem anderen Gott folgt, ob es vernünftiger ist, an Allah oder an Gottvater-Gottsohn-und-Heiliger-Geist zu glauben. Das war vielleicht so, als die gut erzogenen Kinder der Reichen den Dschihad nicht nur predigten, sondern auch betrieben, damals in den fernen Tagen der Ingenieur-Terroristen in der Hamburger Marienstraße, die die Anschläge vom 11. September mitplanten. Die wird es immer noch geben. Aber inzwischen haben sie andere mobilisiert. Es gibt keinen typischen Terroristen. Auch nicht den typischen islamistischen Terroristen. Wer jetzt nachts durch Berlin streift, der sieht unter S-Bahn-Brücken, in Hauseingängen Obdachlose schlafen. Wer eine halbe Minute nachdenkt, weiß, dass nur Winzigkeiten uns trennen von diesem Schicksal. Jeder hat eine Stelle, auf der das Lindenblatt lag, als er sich in seiner Kindheit eine Schutzhaut überzog. Wird er an dieser Stelle getroffen, bricht er zusammen."
Stichwörter: Anis Amri, Terroristen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2017 - Gesellschaft

Laut dem Bundesinnenministerium gibt es derzeit in Deutschland etwa dreimal so viele islamistische "Gefährder" wie linke und rechte zusammen, meldet die Zeit. Im Interview mit der SZ warnt die Journalistin Andrea Röpke jedoch, die Gefahr von rechts nicht zu unterschätzen: "Da, wo der Hass in Gewalt umschlägt, haben Neonazis Vorarbeit geleistet und Strukturen aufgebaut. Ein gutes Beispiel dafür ist Sachsen, dort hat rechte Gewalt um 90 Prozent zugenommen. In Schneeberg zum Beispiel, gelegen im Erzgebirgskreis, einer Gegend mit nicht mal einem Prozent Ausländeranteil. Dort sollte eine Flüchtlingsunterkunft errichtet werden. Schon frühzeitig gründete ein NPD-Mitglied etwa 2013 eine Bürgerinitiative im Internet, scharte Sympathisanten um sich, dann wurde der Protest auf die Straße getragen. Ich war vor Ort, der Marktplatz war voller Menschen. Pärchen gingen eingehakt, ganze Familien waren unterwegs. Es schien ein spontaner Protest gegen Flüchtlinge, doch beim genauen Hinsehen erkannte man NPDler als Redner auf der Bühne, rechte Türsteher als Ordner, Neonazis schrieen die Parolen vor."

Und hier noch eine gute Nachricht: 83 Prozent der über 16-Jährigen in Deutschland sind für die Homo-Ehe. Das hat eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle ergeben, meldet die FR. "'Die Zustimmung zur Gleichstellung bei der Ehe war noch nie höher - das zeigt, dass die Gesellschaft hier viel weiter ist als die Politik', sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. Sie nannte es 'ein trauriges Zeichen', dass in Deutschland im Gegensatz zu 14 anderen Staaten Europas die Institution Ehe noch immer nicht Homosexuellen zugänglich sei."
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Stichwörter: Homoehe, Rechtsextremismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2017 - Gesellschaft

Warum nur fällt es den Deutschen so schwer, um die Opfer des Terroranschlags in Berlin zu trauern, überlegt Nina Pauer in der Zeit: "Wo das erinnerungspolitische Besteck der Vergangenheit - Ehrenmal, Gefallenenmythos, Vaterlandskult - abschreckt oder längst musea­lisiert ist, herrscht Sprachlosigkeit. Ein Land, zu dessen Selbstverständnis es seit Generatio­nen gehört, ein Tätervolk zu sein, kennt Er­innern nur als Mahnen. Als Informiertwerden durch Audioguides und Geschichtsbücher, als nie ganz unschuldiges Trauern an Orten nach­denklicher Erinnerung. Das Denken an die Opfer fiel stets zusammen mit dem Wissen, auch die Täter in den eigenen Reihen zu ­ finden. Die Toten von Berlin brechen mit ­ diesem Schema."

Im Tagesspiegel kritisierten einige Angehörige die bemerkenswerte Taubheit der Öffentlichkeit nach dem Anschlag. Nun hat man sich aber doch noch entschlossen, im Berliner Abgeordnetenhaus eine Schweigeminute abzuhalten und im Bundestag einen "Gedenkmoment" einzulegen. "Zu spät? Zu wenig? Zu karg?", fragt Caroline Fetscher im Tagesspiegel, die aber selbst ratlos bleibt: "Ob für Trost und Trauer richtige, also aufrichtige Worte gesprochen werden hängt von sehr vielem ab. Besonders bei Politikern, denen unter Stress und Druck Emotionen abverlangt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2017 - Gesellschaft

Die Bürger trauern um die Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz, das kann man dort täglich sehen. Doch eine "würdevolle Inszenierung" der Staatstrauer gelingt uns nicht, klagt in der Welt Tilman Krause. "Da wird prompt wieder in die protestantische Ausdrucksarmut ausgewichen, ja zurück in die Ausdrucksgehemmtheit, die wahrscheinlich bis zum Sanktnimmerleinstag den zivilisatorischen Abstand zu den katholisch geprägten Nationen markieren wird, den Deutschland einfach nicht aufzuholen imstande ist. ... Jedenfalls hat man in Deutschland nicht zum ersten Mal den Eindruck, dass emotionale Erschütterung sich bei uns vor allem dann entzündet, wenn ihre Ursachen weit von uns entfernt sind. Wenn es um uns selber geht, herrscht doch vielfach immer noch, was Alexander Mischerlich in den Sechzigerjahren die 'Unfähigkeit zu trauern' nannte."

Nicht nur die einfachen Jobs wie Fahrerin oder Kassierer könnten in Zukunft wegfallen, lernt SZ-Reporter Jürgen Schmieder auf der Technologiemesse CES in Las Vegas. Auch die Jobs von Zahnärzten, Juristen oder Anlageberatern sind in Gefahr, auch wenn das kaum jemand von ihnen glaubt. Und Journalisten? "Wer einen Tag lang durch die CES-Hallen in Las Vegas läuft, der kann durchaus Zukunftsangst und Paranoia bekommen. Wie gut, dass sich ein Reporter bereits um 15 Uhr einen alkoholischen Gratis-Cocktail reichen lassen kann. Den braucht er dringend, schließlich hat er gerade erfahren, dass die Northwestern University aus Illinois eine Software entwickelt hat, die automatisch erstaunlich angenehm lesbare Geschichten produziert und die bereits recht erfolgreich bei der Berichterstattung von Sportereignissen eingesetzt wird."

Viel Spott und Kritik erntete die pflegepolitische Sprecherin der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, für ihren Vorschlag, der Staat möge sexuelle Dienstleistungen für Pflegebedürftige und Behinderte bezahlen. Gabriele Paulsen, Gründerin einer Vermittlungsagentur für Sexualassistenz, findet das im Interview mit Zeit online aber gar nicht so abwegig, vorausgesetzt das Personal ist auf die Bedürfnisse dieser Gruppe spezialisiert: "Sexualassistenz ist vor allem auf Senioren sowie Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung ausgelegt. Wir wollen eine selbstbestimmte Sexualität ermöglichen. Dabei geht es weniger um den penetrativen Sex als mehr um das Beieinandersein, das miteinander Nacktsein, das miteinander Zärtlichsein und Kuscheln. Darunter fällt auch die erotische Berührung als solche. Eine Stunde kostet 150 Euro. 30 Euro gehen davon an uns, 120 an die Sexualassistenz. ... Wir schließen den Sexual- und Oralverkehr aus. Das machen wir gezielt, um gewissen gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen." Schade eigentlich.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2017 - Gesellschaft

Die taz befasst sich in einer Vielzahl von Artikeln noch einmal mit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht. So wundert sich Waltraud Schwab, dass die Debatte, in der es doch letztlich um die Sicherheit von Frauen gehe, fast ausschließlich von Männern geführt werde und fragt sich: "Warum melden sich Frauen kaum zu Wort und was wäre anders, wenn man sie hörte? Vielleicht würde dann deutlicher, dass Frauen im öffentlichen Raum noch nie Ortshoheit hatten. Vielleicht ginge es dann weniger um die Frage, wer Schuld am Desaster hat, sondern um Verantwortung." Christoph Herwartz schildert die Nacht sowohl aus der Perspektive von angereisten Nordafrikanern als auch von der Polizei und fragt sich: "Hatte die aggressive Stimmung mit den Nordafrikanern zu tun, von denen laut Polizei wieder viele nach Köln kamen - oder eher mit der Polizei und damit, wie sie agiert?"

Angesichts der heftigen Reaktionen gegen diejenigen, die das Vorgehen der Kölner Polizei hinterfragten, attestiert Bettina Gaus der Debatte "totalitäre Züge" und wagt die Vermutung: "Unabhängig vom Verlauf des Polizeieinsatzes in Köln hätte es ohne den Anschlag in Berlin keinen Feldzug gegen die kleine Minderheit derer gegeben, die kritische Fragen stellten." Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch das Interview, das Pascal Beucker mit dem Grünen-Politiker Boris Palmer führt. Von Fragen nach Verhältnismäßigkeit und Verweisen auf das Grundgesetz sei im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima dringend abzuraten, so Palmer: "Als Partei kann man nicht auf einer Position beharren, die - von einigen überzeugten taz-Lesern vielleicht abgesehen - die ganze Republik gegen einen aufbringt."

Mit merklicher Beklemmung referiert Arno Widmann in der FR einen Artikel des Historikers Timothy Snyder in der neuesten Ausgabe von Lettre International. In "zwanzig Lektionen aus einem furchtbaren 20. Jahrhundert" gibt Snyder Handlungsanweisungen für diese unruhigen Zeiten, etwa "Lassen Sie sich und Ihrer Familie Reisepässe ausstellen" oder "Glauben Sie an die Wahrheit". Besonders beunruhigend findet Widmann, dass Snyder kein Programm entwirft und keine Unterscheidung von Freund und Feind trifft: "Das hat einen einfachen Grund: Die Lage ist unübersichtlich. Es ist unklar, was zu tun ist. Schon weil man nicht sicher ist, in welcher Welt man lebt, geschweige denn, wie man von dieser zur Welt kommt, in der man leben möchte. In dieser Unsicherheit uns erst einmal zu belassen, uns zu ermutigen, uns darin zu bewegen, das ist gerade nicht die Schwäche, sondern die herausragende Stärke von Snyders Überlegungen. Wir wissen nicht, wo es welche Ausgänge gibt. Das muss erst noch erforscht - und das heißt immer auch ausprobiert - werden."

Roberto Simanowski denkt in der NZZ über das Phänomen der "Smartphone-Zombies" (kurz Smombies) nach, das für den Beobachtenden immer eine nervende Sache ist: "Was uns ärgert, ist zunächst die Vernichtung des Zufalls. Denn wie kann sich noch etwas ereignen, wenn selbst in der Öffentlichkeit alle in ihrer eigenen Welt sind? Ärgerlich ist, dass wir nicht infrage kommen, dass wir keine Rolle spielen, dass wir ignoriert werden. Es ist die Einsamkeit, in die uns die 'Smombies' öffentlich stoßen, die wir ihnen übelnehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2017 - Gesellschaft

Was in Deutschland "Lügenpresse" ist, sind in Frankreich die Hatespeech-Neologismen "Journalope" (eine Zusammenfügung von "Journaliste" und "Salope") und "Merdia" (Erklärung nicht nötig). Juliette Deborde verfolgt diese Begriffe für eine Sprachkolumne in Libération - sie wurden bei Twitter seit 2007 sehr sporadisch verwendet und haben sich inzwischen rasant verbreitet: "Heute werden Journalisten sehr häufig mit dieser Art von Beleidigungen beschimpft, die manchmal gar mit Todesdrohungen versetzt werden. 'Es passiert immerzu, es gehört mittlerweile zum Beruf', beobachtet etwa Samuel Laurent, ein Journalist bei Monde.fr, der regelmäßig auf Twitter attackiert wird, wo er hunderttausend Follower hat. 'Man muss nur ein bisschen in den Netzen präsent sein, und dabei bin ich noch nicht mal ein Mädchen', sagt er."
Stichwörter: Hate Speech

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2017 - Gesellschaft

Silvester in Köln wirft immer noch Fragen auf. Zum Beispiel die, warum so viele Nordafrikaner an diesem Tag trotz der Ankündigung massiver Polizeikontrollen nach Köln gereist sind - zum Teil laut Polizei sogar aus der Schweiz und Frankreich. Noch weiß man es nicht, meldet der Tagesspiegel. Da stellt sich Christoph Kappes im Freitag die Frage, warum die Journalisten den Polizeieinsatz in Köln zwar pausenlos kommentieren, aber kaum recherchiert haben, was genau denn nun eigentlich los war: "Warum aber berichten Massenmedien ganz überwiegend nur 'mit Material von dpa', und warum ist fast nichts außer Koloratur über den Abend vor Ort bekannt? Es wäre ein Leichtes gewesen, durch Nachfragen und Interviews für die Öffentlichkeit zu recherchieren, welche Geschichte die Nordafrikaner erzählen, und sich ein Bild von den Gruppen zu machen. Woher kommen sie? Waren sie schon im Vorjahr da? Wie haben sie sich verabredet? Was führt sie an den Ort? Wie wirken sie? Was ist ihre Intention? Und wie nahmen andere die Situation wahr, etwa Frauen?"

Ausgerechnet in der Arbeiterstadt Bitterfeld ist die AfD stärkste Partei. Warum das so ist, erzählt Caterina Lobenstein, die Bitterfeld für die Zeit besucht hat. Hier lernt sie Diana Riemann kennen, die für einen Lohn, der knapp über dem Existenzminimum liegt, für die Firma Soex Altkleider sortiert. Ausländer nennt sie "Viehzeug" und glaubt, sie würden von Soex wie vom Sozialamt bevorzugt behandelt:"Sie habe einen Beruf gelernt, sei stets flexibel gewesen, sagt sie, sie habe sich angestrengt. Doch sie bekommt dafür keinen Wohlstand und keine Sicherheit. ... Jetzt, da Merkel die Flüchtlinge 'eingeladen' hat, so formuliert es Riemann, fühlt sie sich doppelt betrogen. Sie sagt, sie habe Angst, dass sie ihre Arbeit verliert - und dann mit noch mehr schlecht ausgebildeten Menschen um die verbliebenen Jobs konkurriert." Man erfährt in diesem Artikel übrigens auch, dass Bayer trotz eines Rekord-Betriebsgewinns von 10,2 Milliarden Euro 2015 für seinen Ableger in Bitterfeld kaum Gewerbesteuer zahlt.

Der Wirtschaft in der westlichen Welt geht's prächtig - trotz Trump, Brexit und Rechtspopulismus. Das ist mindestens so absurd, lernt Zeit-Redakteur Uwe Jean Heuser vom Yale-Ökonomen Robert Shiller, wie die Hoffnung der "zornigen Massen", ein Superkapitalist wie Trump werde ihnen helfen: "Schon in der Euro-Krise war es merkwürdig zu sehen, dass die Bürger in Krisenländern wie Italien oder Griechenland kaum ihren reichen, oft steuerflüchtigen Eliten ans Portemonnaie wollten, sondern ihren Zorn lieber gegen das böse Ausland richteten. Shiller hält das für ein allgemeines Phänomen. Und diverse historische Studien geben ihm recht. In Krisenphasen wollen die enttäuschten Bürger keine Almosen von oben, sie wollen wieder Hoffnung haben, dass sie selbst ihr Leben gestalten und aus eigener Kraft zu neuem Wohlstand kommen können. Dazu lassen sie sich auch auf Verspechen ein, die sich auf lange Sicht gar nicht realisieren lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2017 - Gesellschaft

Im Tagesspiegel resümiert Johannes Schneider genervt die hysterische Debatte, die nach dem Kölner Silvestereinsatz ums sogenannte "Racial Profiling" entstanden ist. Immerhin wurden in diesem Jahr auf der Domplatte keine Frauen massenhaft sexuell belästigt. Ist das nichts? "Das Argument, dass Polizisten im Einsatz es eh schon schwer genug haben, mag dem einen oder der anderen etwas plump erscheinen. Es ist aber angesichts der diversen abzuwägenden Bedrohungen und Gefahren ebenso legitim wie der Verweis darauf, dass der Kölner Einsatz zum jetzigen Zeitpunkt durchaus ein Erfolg gewesen zu sein scheint. In einer explosiven Situation ist niemand körperlich zu Schaden gekommen. Das ist - natürlich - eine gute Nachricht."

Die Gegenposition vertritt unter anderem Stefan Niggemeier in seinen Uebermedien: "In einem Bahnhof in einer deutschen Millionenstadt werden Besucher  von der Polizei nach Hautfarbe sortiert und dann durch unterschiedliche  Ausgänge geführt: Wer südländisch aussieht, kommt nicht ungehindert auf den Platz, sondern landet in einer Kontrolle oder wird abgewiesen oder eingekesselt. Darüber soll man nicht diskutieren dürfen?"

23 mal sei sie in letzter Zeit von der deutsche Polizei kontrolliert worden, schreibt Sandhya Kambhampati bei Correctiv.org, jedes Mal frage sie nach dem Grund: "Natürlich weiß ich, dass diese Fragen überflüssig sind. Ich werde kontrolliert wegen meiner dunklen Hautfarbe. Wenn ich den Polizeibeamten dann meinen Pass zeige, scheinen sie stets überrascht, dass ich aus den USA stamme. Und nicht aus Indien, dem Land meiner Eltern. Ich finde das beleidigend. Wie kommt es, dass die Polizisten in einer europäischen Metropole solche provinziellen Stereotype mit sich herumtragen?"

In der Welt findet Birgit Kelle das fingerpicking bei der Erwähnung eines Migrationshintergrunds heuchlerisch: "Migrationshintergrund soll keine Rolle spielen, wir zählen aber den Migrantenanteil. Zumindest bei Grundschülern in meinem Wohnsitz NRW, nicht aber bei den Straftätern im Land. Bei letzteren wäre der Hinweis auf die Herkunft ja Rassismus, bei Grundschülern wiederum ist er gern gesehen. Dort geht es nämlich um die Verteilung von Geld und Lehrerstellen. Berlin wiederum erhebt die Statistik, ignoriert sie aber. Weil es rassistisch ist auszusprechen, dass über 80 Prozent aller Intensivtäter entweder türkischer oder arabischer Herkunft sind. Da wird in Feuilleton und Bundestag das 'postfaktische' Zeitalter beweint, gleichzeitig verschwinden Fakten in Schubladen oder werden praktischerweise nicht erfasst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2017 - Gesellschaft

Schwarzen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich als Opfer zu definieren, meint Hülya Gürler in der taz zum Thema "kulturelle Aneignung" (heute unter dem Stichwort "Blackfacing") und an die Adresse von Kritikern, die linke Identitätspolitik ablehnen: "Angesichts eines zermürbenden Rassismus in der Gesellschaft sind sie permanent gezwungen, sich als Betroffene beim Namen zu nennen. Zugleich müssen sie diese von Rassisten negativ besetzte Identität positiv füllen - ähnlich wie Schwule und Lesben, die immer noch gegen Homophobie und um ein positives Bild von sich kämpfen müssen. Das Problem hierbei liegt vielmehr bei den weißen Linken selbst, die so etwas vorwerfen: Sie wollen nicht wahrhaben, dass sie als Weiße privilegierte Nutznießer eines strukturellen Rassismus sind." Schließt sich die Autorin da ein, hätte man noch gern gewusst?

Titanic-Chefredakteur Tim Wolff klagt in der FAZ über all die Sicherheitsmaßnahmen, die er nach den Anschlägen gegen Charlie Hebdo erleiden musste, freut sich aber nach Erscheinen der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo, dass nun alle sehen können, "wie unberechtigt und manisch jegliche Aufregung um diese grundfreundliche, redlich bemühte, mit leicht aus der Zeit gefallenen Brachialzeichnungen verzierte Zeitschrift namens Charlie Hebdo war und ist."
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