9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2018 - Gesellschaft

Wenig Hoffnung macht sich Necla Kelek in der Welt, dass Angela Merkel eine klarere Integrationspolitik führt. Eher fürchtet sie, dass Merkel in einer vierten "Islamkonferenz" den "Islamfunktionären geben wird, was sie verlangen". "Konfliktvermeidung durch Zugeständnisse ist die Richtlinie wieder mal dieser Politik. Auch wird wohl zukünftig befürchtet, dass die überholten Privilegien der Kirchen verfassungsrechtlich infrage stehen, wenn die Islamverbände nicht gleich behandelt werden."

Regina Mönch ist in der FAZ immer noch überzeugt, dass beim Thema muslimischer Antisemitismus an Berliner Schulen zu viel beschwichtigt wird: "Während offiziell immer noch so getan wird, als habe man die Lage im Griff, empfinden viele, nicht nur die jüdischen Gemeinden, dass es spürbar schlimmer wird. Soll man denen zurufen: Falsch erlebt, denn laut Statistik gibt es so gut wie keinen muslimischen Antisemitismus, der sich rabiat und gewalttätig äußert? Jüdische Familien, auch wenn sie nicht religiös leben, melden ihre Kinder jedenfalls immer öfter in einer der wenigen jüdischen Schulen an, weil sie in staatlichen um ihre Sicherheit fürchten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2018 - Gesellschaft

Der Autor Thomas Chatterton Williams - ein Kritiker von Ta-Nehisi Coates Essays über Rassismus - bezweifelt im Gespräch mit Volkan Agar auf taz.de die Aussagekraft von Zuschreibungen wie "schwarz" und "weiß": "Wenn ich mich in den USA bewege, habe ich kein erhöhtes Risiko, von der Polizei erschossen zu werden. Statistisch gesehen ist eine solche Gefahr nicht der Fall, wenn eine Person ein bestimmtes Einkommen und einen bestimmten Bildungsstandard hat. Wenn Menschen die Bezeichnung 'schwarz' aber trotzdem auf einer solch abstrakten Weise verwenden, verdeckt das die Probleme statt sie sichtbar zu machen. Das ist auch der Fall, wenn man dem Weißsein automatisch eine privilegierte Position zuweist. In diesem Fall bleibt der Fakt ungeachtet, dass so viel weißes Leben arm ist."

Das Moralisieren beim Konsumieren - nur fair trade, nur bio, flüchtlingsfreundlich - findet Wolfgang Ullrich in der Süddeutschen beim näheren Hingucken ganz schön elitär: "Denn auch in einer Wohlstandsgesellschaft gibt es Ärmere: Menschen, die an einem solchen Bekenntniswettbewerb nicht oder nur beschränkt teilnehmen können. Ihre ökonomische Schieflage impliziert damit aber, dass sie sich zugleich moralisch unterlegen fühlen müssen. Und der Bekenntnisstolz manches Konsumbürgers steigert dieses Gefühl noch. In einer Gesellschaft, in der Produkte zu einem Hauptmedium geworden sind, findet also in großem Umfang Exklusion statt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2018 - Gesellschaft

Lorenz Maroldt versucht im Tagesspiegel den unterschiedlichen Wahrnehmungen Berlins auf den Grund zu gehen: Während im Ausland Lobeshymnen auf Berlin angestimmt werden, leiden die Berliner zunehmend unter hohen Mieten, monatelangen S-Bahn-Ausfällen und einer unfähigen Verwaltung. Jeremy Cliffe, seit zwei Jahren Büroleiter des Economist in Berlin, findet es "'nicht schlimm, wenn Berlin vorankommt, modernisiert wird, weiter wächst. Aber kann die Stadt das erreichen, ohne ihren alternativen Lifestyle zu verlieren? Normal werden, ohne zu normal zu werden. Das sollte das Ziel sein.' Berlin dürfe nie wie London werden, Opfer seines eigenen Erfolges, für viele nicht mehr bewohnbar. ... Dabei ist der neue Hype, der diesmal weniger künstlerisch, mehr wirtschaftlich getragen ist, nicht aus dem jetzigen Zustand der Stadt begründet, sondern aus der Erwartung, was aus ihr wird. Die einen sehen das Risiko ihrer Verdrängung und empfinden die Unzulänglichkeiten deshalb umso belastender, die anderen sehen die Chancen - und über die Unzulänglichkeiten eher hinweg."
Stichwörter: Berlin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2018 - Gesellschaft

Sobald Feministinnen das Kopftuch als Symbol der patriarchalischen Unterdrückung von Frauen kritisieren, wird ihnen von Linksidentitären Rassismus und "toxischer Feminismus" vorgeworfen, schreibt Ulrich Gutmair in der taz kopfschüttelnd. Auch laizistisch argumentierende Muslime gelten den Verfechtern der neuen Identitätspolitik plötzlich nicht mehr als authentische Muslime, so Gutmair weiter: "Nicht das Kopftuch als solches markiert demnach seine Trägerin als gläubig, demütig, im gebärfähigen Alter befindlich oder 'rein', sondern die Kritik, dass nicht alle Frauen, Mädchen, Kinder freiwillig das Tuch tragen. Nicht der diskriminierende Umgang mancher Familien mit ihren Mädchen ist demnach ein Problem. Vielmehr schafft, wer den familiären Druck auf Frauen und Mädchen benennt, angeblich einen Anlass für Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft."

Jede kopftuchtragende Frau kennt Pöbeleien im Alltag, Job- und Wohnungsabsagen, schreibt Khola Maryam Hübsch, selbst Muslimin, auf Zeit Online und wirft all jenen, die Kopftuch und Kippa mit unterschiedlichen Maßstäben begegnen "Heuchelei" vor: "Ausgerechnet dieses Randphänomen, zu dem es nicht mal Zahlen gibt, soll zu einer Sexualisierung von Kindern führen? In Zeiten von frauenverachtenden Castingshows, sexualisierender Mode, geschlechterspezifischem Spielzeug und einer in Teilen sexistischen Populärkultur spricht niemand über die nachgewiesenen Auswirkungen auf die Kinderzimmer, und niemand fordert ein Verbot dieser Massenphänomene." Das Kindeswohl bleibt in der Debatte in jedem Fall auf der Strecke, meint Inge Günther in der FR: "Manche stockkonservativen Familien schicken schon jetzt ihre Töchter lieber nur mit Mütze statt Kopftuch in die Schule, andere wappnen sich erst recht gegen westliche Einflüsse."

Ebenfalls auf Zeit Online erläutert die Psychologin und Antisemitismus-Expertin Marina Chernivsky im Gespräch mit Parvin Sadigh, wie an Schulen Antisemitismus vorgebeugt werden könne: Nur Nationalsozialismus und Nahost-Konflikt auf dem Lehrplan reiche nicht mehr, meint sie.

Im postfaktischen Zeitalter stehen sich nicht mehr links und rechts, sondern wahr und falsch gegenüber, meint Jonathan Freedland im Guardian mit Blick etwa auf Trumps Neigung, sämtliche Angriffe, wie jüngst auch nachweisbare Anschuldigungen von Ex-FBI-Direktor James Comey, als Lüge abzutun: "Das sind Symptome einer Post-Wahrheitskrankheit, die als 'Stammes-Epistemologie' bezeichnet werden kann, in der die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage davon abhängt, ob die Person, die sie macht, uns oder den Gegnern zugerechnet wird. Laut dem Autor David Roberts wird 'Information nicht auf der Übereinstimmung mit den üblichen Beweisstandards oder Übereinstimmung mit einem gemeinsamen Weltverständnis bewertet, sondern darauf, ob es die Werte und Ziele des Stammes unterstützt und von Stammesführern bewilligt wird. 'Gut für unsere Seite' und 'wahr' beginnen sich zu verwischen."

Weiteres: Wie die japanische Schamkultur Japanerinnen nach sexuellen Übergriffen von Anzeigen abhält, berichtet Martin Fritz in der taz: "Auf einen stinkenden Eimer gehört ein Deckel', lautet eine japanische Redewendung. Was peinlich ist, wird versteckt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2018 - Gesellschaft

Im Interview mit Katharina Schmidt-Hirschfelder (Jüdische Allgemeine) denkt der Historiker Yehuda Bauer darüber nach, wie gegen radikal-islamischen Antisemitismus in Europa vorgegangen werden könnte: "Die einzige Möglichkeit, islamistischen Antisemitismus zu bekämpfen, ist, sich mit dem nichtradikalen, antiradikalen Islam zu verbünden. Und er existiert. Hunderte Millionen Muslime sind nicht antisemitisch."

Zu Recht gibt es einen Aufschrei angesichts der antisemitischen Angriffe in Deutschland, meint Malte Lehming im Tagesspiegel, aber: "Wo ist der Aufschrei, wenn muslimische Frauen in Deutschland wegen ihres Kopftuches attackiert und beschimpft werden, noch dazu in Begleitung ihres Kindes? Es gibt Dutzende solcher Fälle. Wo ist der Aufschrei, wenn Moscheen in Brand gesteckt werden? Wo ist der Aufschrei, wenn Flüchtlinge, die zum Christentum konvertiert sind, verprügelt werden? Und zuletzt: Ist es eigentlich gefährlicher, als Mann mit einer Kippa durch Berlin zu laufen oder als Frau mit einem Kopftuch?" In der SZ sieht es Matthias Dobrinski genauso.

Dieser "Whataboutism" hilft nicht weiter, meint hingegen Simon Strauss in der FAZ: "Wenn Menschen in Deutschland reflexhaft wegen religiöser Kleidung angegriffen werden, fordert das den ganzen gesellschaftlichen Ernst. Das heißt: Abstandnehmen von den üblichen Beschönigungen ('Die Täter sind selbst Opfer'), auf Distanz bleiben zu Erhöhungen der Tat ('Israel-Kritik') und Zurückhaltung gegenüber der Kultur ('Gangsta-Rap') als Ausrede für Diffamierung."

Andreas Rosenfelder verfolgte in Berlin eine Debatte nach den Chatham-House-Regeln (das heißt, die Diskussionspartner dürfen nicht benannt werden) zum Thema des "migrantischen Antisemitismus". Abgesehen von der befremdlichen Inszenierung der Debatte, scheint's aber interessant gewesen zu sein. Rosenfelders Kommentar zu dem beliebten Argument, dass Antisemitismus thematisiert werde, "Islamfeindlichkeit" aber nicht: "Antisemitismus, seit dem Mittelalter untrennbar mit Auslöschungsfantasien und Verschwörungstheorien verwoben, kann nicht einfach mit anderen Formen von Rassismus und Hass verrechnet werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2018 - Gesellschaft

Es reicht, ruft Ulf Poschardt in der Welt nach einem neuerlichen antisemitischen Angriff durch einen Jugendlichen in Berlin: "Es braucht drastische Urteile gegen Gewalttäter wie den jungen Mann im Video. Die arabischen Jugendlichen, die so voller Wut auf Kippas und israelische Fahnen reagieren, haben diesem Land in der Regel wenig zu bieten außer ihren Hass, ihren Größenwahn und ihr tief komplexbeladenes Selbstbild, in dem Fremd- und Selbstwahrnehmung so weit auseinanderklaffen, dass mit der Erniedrigung anderer die eigenen bescheidenen Bildungs- und Karriereleistungen kompensiert werden sollen."

Der Fall ist allerdings auch ein Beleg für die hysterisierte Stimmung - denn der angegriffene Mann, stellt sich heraus, war nicht jüdisch, sondern trug die Kippa als Experiment. Er sei in Israel in einer arabischen Familie aufgewachsen, heißt es in einer Agenturmeldung unter anderem bei Spiegel online: "Ein Freund habe ihn gewarnt, man sei in Deutschland nicht sicher, wenn man eine Kippa trage. Das habe er nicht geglaubt, erklärte der junge Mann weiter. Drei Männer beleidigten ihn und seinen 24 -jährigen deutschen Begleiter, der ebenfalls eine Kippa trug, am Dienstagabend in Prenzlauer Berg. Einer der Männer schlug schließlich mit einem Gürtel auf den 21-Jährigen ein."

Weiteres: Der von Zuwanderern ausgehende Judenhass darf nicht mehr kleingeredet werden, meint auch Maritta Adam-Tkalec in der Berliner Zeitung und denkt über Möglichkeiten nach, Antisemitismus in Deutschland frühzeitig zu bekämpfen. In der taz interviewt Volkan Agar den Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias), Benjamin Steinitz, zu dem Vorfall.

Von "illegaler Masseneinwanderung" oder Rechtsbruch, wie es die Unterzeichner der "Erklärung 2018" behaupten, kann gar nicht die Rede sein, erklärt der Jurist Daniel Thym im Tagesspiegel mit Blick auf die komplizierten Dublin-Regeln, die die Rückführung von Asylbewerbern nur innerhalb einer Frist von sechs Monaten ermöglichen. Außerdem arbeite man in Brüssel an einer Dublin-Reform, die mehrfache Asylanträge in Europa verbieten soll, der Bundestag vereinfachte zudem die Abschiebung: "Zu all dem schweigt die 'Erklärung 2018', und das dürfte kein Zufall sein. Es geht ihr nicht um den politischen Streit mit Sachargumenten, sie will das System diskreditieren."

Nachdrücklich fordert die Journalistin Cigdem Toprak in Zeit online ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren: "Nicht weil das kleine Kind mit dem Kopftuch die Gesellschaft bedroht oder Deutschland islamisieren möchte, sondern weil die Freiheit und das Wohl des Kindes in einer liberalen säkularen Gesellschaft über der Religionsfreiheit der Eltern stehen. Gleichzeitig würde das Verbot symbolisch und faktisch die Rolle des Kopftuchs in dieser Gesellschaft definieren: Das Tragen des Kopftuchs darf nur als individuelle Entscheidung im Rahmen des Selbstbestimmungsrechts der Frau akzeptiert und respektiert werden - ohne das Kopftuch zu verharmlosen oder zu idealisieren."

Ann-Katrin Kaufhold ist Juristin. Sie hat ein Buch über das System der Bankenaufsicht geschrieben - selten wird so jemand interviewt. Arno Widmann hat sie ihre Thesen in der FR erläutern lassen. Krisen werden nie allein durch "systemrelevante" Akteure ausgelöst, erklärt sie: "Alle Teilnehmer sind eng miteinander vernetzt. Das kann auch sehr riskant sein. Wenn einer den Schnupfen bekommt, bekommen ihn alle. Selbst wenn es um die sogenannten systemrelevanten Banken geht, also um einzelne Unternehmen, die eine Krise auslösen können, reden wir letztlich doch über Beziehungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2018 - Gesellschaft

Für die NZZ hat Sarah Pines Werbestreifen von Dior und Co sowie neuere Disneykassenschlager wie "Frozen" gesichtet und kommt zu dem Schluss, dass sie #metoo vorweggenommen haben: "Frauen, die konsumieren, und junge Mädchen, die Trickfilme schauen, werden an eine neue Art von Frausein herangeführt - an eine, die den Mann nicht mehr braucht. ... Langsam sickert die Botschaft durch: Die Zeiten des Retters und Ernährers sind passé. Allein haben Frauen viel mehr Spaß. Sie können endlich wieder Kinder sein, mit dem iPhone spielen, Push-ups braucht's auch keine mehr."

Kopftuchverbote
würden nur den Zugriff des Staats auf die Menschen erhöhen, schreibt Jasamin Ulfat, die selbst ein Kopftuch trägt, es aber ihrer kleinen Tochter nicht vor der Religionsmündigkeit erlauben würde, in der taz: "Was anfangs nur das Leben 'der Fremden' einschränken soll, könnte irgendwann auch Auswirkungen auf einen selbst haben. So macht das Burkaverbot in Österreich bereits das Tragen eines Schals schwer, sobald dieser im Winter auch über den Mund gezogen wird. Kann ich irgendwann meinem Kind keine Schlumpfmütze mehr aufsetzen, weil das zu sehr nach Kopftuch aussieht? Eine Gesetzesänderung sollte wirklich die letzte Maßnahme sein, nicht die erste."

Zum laut lachen ist dieses Plakat der FDP, das ein fröhliches kleines Mädchen mit Kopftuch zeigt, um die eigene Toleranz zu illustrieren - und für eine angeblich säkulare Politik zu werben.

Stichwörter: Kopftuch, Kopftuchstreit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2018 - Gesellschaft

Sonja Fatma Bläser, die sich selbst vor einer Zwangsheirat rettete und den Verein HennaMond gründete, erklärt im Gespräch mit Heide Oestreich von der taz, warum sie für ein Verbot des Kopftuchs bei Mädchen unter 14 ist: "Der Druck, zu versagen, ist riesengroß. Dieses Kind geht nicht mehr einfach schwimmen, rennt nicht mehr herum und spielt wild. Das Kopftuch ist eine andauernde körperliche und psychische Disziplinierung - und zwar in einem prägenden Alter. Es wird dann zu einer zweiten Haut." Auf die Frage, ob Beschneidung von Jungen dann nicht auch verboten werden müsste, antwortet Bläser: "Ja. Die Beschneidung sollte auch verboten werden. Auf den Jungen liegt doch auch dieser furchtbare Druck: Wer nicht beschnitten ist, ist kein richtiger Mann. Der kann in der Dusche vor den anderen nicht bestehen."

Fatina Keilani berichtet in diesem Zusammenhang im Tagesspiegel, dass in Berlin erneut eine Lehrerin vor Gericht gezogen ist, weil sie an einer Grundschule nicht mit Kopftuch unterrichten sollte. Der Senat lässt sich anwaltlich erstmals von Seyran Ates vertreten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2018 - Gesellschaft

"Das Konzept Stadt ist quasi tot", fürchtet Gereon Asmuth in der taz nach der Demo gegen den "Mietenwahnsinn" in Berlin: "München, Köln, Hamburg kann man als Mieterstadt längst vergessen, in Berlin gibt es dank noch existierender Altmietverträge ein paar bezahlbare Oasen. Aber auch die deutsche Hauptstadt katapultiert sich gerade auf eine Ebene mit Paris und London, in deren Zentren sich selbst Angehörige der Mittelschicht allenfalls mit Zweit- oder Drittjob noch eine Minibutze leisten können. Gewöhnlich aber sind sie längst vertrieben an den Rand der Städte. Und das Schlimmste daran ist: Es gilt als normal."

Drastisch beschreibt auch Niklas Maak in der FAS die Folgen der Preisexplosion in den Städten: "Nach einer Studie der Berliner Humboldt-Universität mussten einkommensschwache Haushalte knapp 40 Prozent ihres Einkommens für die Bruttokaltmiete aufbringen; in München muss man mehr als das Doppelte des Durchschnittseinkommens verdienen, um neu gekauftes Wohneigentum aus dem laufenden Einkommen zu finanzieren - wozu nur zwei Prozent aller Haushalte in der Lage sind. Selbst das klassische Bürgertum kann sich die Stadt nicht mehr leisten und wird an die Peripherie gedrängt; die Zentren verkommen zu begehbaren Anlagedepots mit ein paar Folklorerummelbuden für herumstreunende Touristen."

Das Blog tichyseinblick.de bringt einen Auszug aus Hamed Abdel-Samads neuem Buch "Integration - Ein Protokoll des Scheiterns". "Die Diskussion ist vielfach geprägt von Maulkörben. Die Politik und die exportorientierte Wirtschaft wollen arabische Investoren nicht verärgern. Die verkrampfte Streitkultur, der moralische Zeigefinger, die Demagogie von links und rechts verhindern ebenfalls eine kritische Debatte über Islam und Integration. Viele Muslime halten kritische Töne schnell für Rassismus und Ausdruck von Islamophobie und reagieren beleidigt oder diskursunfähig. Und die Mehrheitsgesellschaft an sich hat nach wie vor Probleme, selbst Migranten mit einem deutschen Pass als Deutsche zu betrachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2018 - Gesellschaft

Serap Güler, CDU-Staatssekretärin für Integration in NRW, erklärt im Gespräch mit Alexandra Eul auf emma.de, warum sie eine Debatte über ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 an Schulen und Kitas angestoßen hat: "Wenn man sich einmal die Hintergründe anschaut, warum Frauen im Islam ihr Haupt bedecken sollen, dann ist die Antwort: Um ihre Reize vor Männern zu verhüllen. Insofern handelt es sich daher bei jungen Mädchen nicht um die freie Religionsausübung, sondern um ihre Sexualisierung. Damit habe ich als Frau und als Muslimin ein Problem. Das Kopftuch an KiTas und an Schulen ist kein Massenphänomen und gehört auch nicht zu den dringlichsten Problemen. Aber es hat in den letzten Jahren zugenommen. Das dürfen wir nicht ignorieren."
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