9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

1282 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 129

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2019 - Gesellschaft

Der aktuelle amerikanische "Antirassismus" ist kaum in der Lage, Begriffe für den Antisemitismus zu finden, denn Juden sind für ihn "weiß" und stehen quer zum Oben-unten-Schema des Antirassismus, der allein in Gruppen von Herrschenden und Beherrschten denkt, analysiert der Politoge Yascha Mounk nach einem Attantat auf einen koscheren Supermarkt in Jersey City durch eine Grupe von "Black Hebrew Israelites", einer von zahllosen religiösen Bizarrheiten in Amerika. Über das Attentat, bei dem vier Menschen umgebracht wurden, wird in den USA kaum berichtet. Schwarze, die rassistisch gegenüber Juden agieren? "Im Extrem beinhaltet die ausschließlich strukturelle Sichtweise auf Rassismus nicht nur die Meinung, dass diejenigen, die angeblich an der Spitze der sozialen Hierarchie stehen, wie Juden, nicht Opfer des Rassismus werden können. Sie suggeriert auch, dass jene, die angeblich am unteren Ende der sozialen Hierarchie stehen, wie beispielsweise 'People of Color' unmöglich rassistische Täter sein können. Manisha Krishnan von Vice brachte es auf den Punkt: 'Es ist buchstäblich unmöglich, gegenüber einem Weißen rassistisch zu sein.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2019 - Gesellschaft

Der Bayerische Verfassungsgerichtshof hat verpflichtende Kurse über Grundwerte der Gesellschaft für nicht integrationswillige Einwanderer abgelehnt. Ahmad Mansour findet das falsch und schreibt in der Zeit über seine Arbeit als Psychologe mit jungen Migranten. Die meisten wollen sich integrieren. Aber "in fast jeder Gruppe treffen wir auch auf junge Leute mit ideologischem Ballast in den Köpfen. Oft dient er zur Abwehr von Traumata und tief sitzenden Ängsten. Konflikte wollen diese Menschen mit Gewalt lösen, Religion und Tradition sind für sie nicht hinterfragbar, und der erlernte Hass auf Juden funktioniert als Sündenbock-Konstrukt. (…) Wenn Lehrkräfte oder Beamte Gewalt in Familien oder radikale Religiosität als 'Tradition' deuten, ist das nicht 'kultursensibel'. Es ist vielmehr respektlos gegenüber denen, die solche Gewalt erfahren, und es ist gefährlich - spätestens wenn Menschen in den Extremismus abgleiten."

Ähnlich lautet die Diagnose des Erziehungswissenschaftlers Ahmet Toprak im taz-Interview mit Ronya Othmann: "Junge Männer, die in der Gesellschaft keine Anerkennung finden, mit ihrer Männlichkeitsrolle nicht zurecht kommen, sind anfällig für Schwarz-Weiß-Denken. Im Salafismus ist alles schwarz-weiß. Bei Erdogan auch. Da finden die Jungen traditionelle Männlichkeit, an der sie sich orientieren können."

Als "rassistisch", "misogyn" und "reaktionär" bezeichnet der Geschlechterforscher Vojin Sasa Vukadin in der NZZ den Kulturrelativismus der Gendertheorie und wirft ihr eine "Faszination für weibliche Unterwürfigkeit" und ein "Tätscheln des patriarchalen Gewahrsams" vor, wie er an Zitaten von Gendertheoretikerinnen belegt. Und: "Der Umstand, dass Gender-Studies-Vertreterinnen auf die gesellschaftliche Relevanz ihres Fachs verweisen, aber keinerlei gewichtige Studien zu den mitunter virulentesten Konflikten der letzten Jahre vorzuweisen haben, spricht für sich. An ihnen sind sämtliche geschlechter- und sexualpolitischen Entwicklungen vorbeigezogen, die dringend der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme bedürfen, weil sie qualitativ neue Phänomene sind: Jihadismus, Kinderehen, in aller Öffentlichkeit und oftmals, wie die laufenden Verfahren zeigen, bar jeden Rechtsempfindens verübte Gruppenvergewaltigungen und Morde an jungen Frauen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2019 - Gesellschaft

Catherine Davies erzählt in einem instruktiven Artikel für geschichtedergegenwart.ch die Geschichte der Frauenhausbewegung in Europa und Deutschland und spricht dafür unter anderem mit der in Berlin lebenden Aktivistin Cristina Perincioli, die in London das 1971 eröffnete "Women's Shelter" besucht hatte, eines der ersten Frauenhäuser überhaupt: "Es war die Begegnung mit den dort lebenden Frauen, erinnert sich Perincioli, die ihr die Augen öffnete mit ihren Erzählungen 'unfassbarer Grausamkeiten' Als sie in Berlin, wo sie lebte, im Plenum des Frauenzentrums fragte, ob jemand Frauen kenne, die von häuslicher Gewalt betroffen waren, meldeten sich zu ihrem großen Erstaunen Anwesende - 'Frauen, die ich zu kennen glaubte, mit denen ich zusammenarbeitete! Nicht 'die anderen' hatten dieses Problem - nein, es war mitten unter uns!'"
Anzeige

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Gesellschaft

Heidemarie Grobe von "Terre des Femmes" fordert im Gespräch mit Friederike Gräff von der taz ein "Sexkaufverbot", das Prostitution für die Freier strafbar machen würde: "Wir von Terre des Femmes können nur sagen: Schlimmer als jetzt kann es Prostituierten nicht gehen. Denken Sie mal an den Straßenstrich in der Berliner Kurfürstenstraße. Ich verlasse mich darauf, wie sehr sich die schwedische Gesellschaft verändert hat, seit das Sexkaufverbot vor zwanzig Jahren eingeführt wurde. Ich kenne junge schwedische Männer, die es unvorstellbar finden, dass man Frauenkörper kaufen kann. Da müssen wir ansetzen - und da sind wir sehr spät."

Joscha Wölbert erklärt bei hpd.de, warum Kritik am Islam im Sinne von Religionskritik keineswegs "rechts" ist und untersucht den Diskurs rechtsextremistischer Bewegungen und Parteien wie der AfD, deren Begriff vom Islam auf  einer Vorstellung von "Ethnopluralismus" beruhe: "Das Problem der Neuen Rechten ist nicht der Islam. Auch die Muslime sind es nur vordergründig. Was sie stört, ist das angebliche Vakuum, welches das säkularisierte und immer weiter schwindende Christentum und der gerade in Deutschland geringe Patriotismus hinterlassen haben. Ihr Problem ist die liberale Demokratie. Was sie kritisieren, ist nicht die Ideologie eines politischen Islam, sondern, dass die eigene Gesellschaft keine eigene, ebenso feste, autoritäre Ideologie als Gegengewicht vorzeigen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2019 - Gesellschaft

Im Tagesspiegel nimmt Rüdiger Schaper dem Zentrum für Politische Schönheit um Philipp Ruch die öffentliche Reue nicht ab: "Das ZPS plant seine Unternehmungen minutiös, da sind ausgezeichnete Logistik-Spezialisten und sicher auch Juristen am Werk. Und da wissen die Aktionisten sehr genau, dass sie die Totenruhe stören und Tabus verletzen. Das tun sie gezielt, darum geht es ihnen. Sonst würden sie andere Formen des politischen Protests wählen. Diese 'Fehler' und Überschreitungen und Verstöße gegen geschriebene und ungeschriebene Gesetze sind das Prinzip des ZPS. Es spielt mit dem Tod, mit der Erinnerungskultur, es will schockieren, aufrütteln, Gefühle verletzen für einen übergeordneten Zweck." Und "immer steckt Anmaßung dahinter ... Es ist die permanente Selbstermächtigung, die abstößt."

Die Aktion des ZPS ist nicht zuletzt an der Frage nach der "Darstellbarkeit des Undarstellbaren" gescheitert, schreibt Janis El-Bira in der nachtkritik: "Die Ambivalenz, an der 'Sucht nach uns!' gescheitert ist, scheitern musste, besteht aber genau darin, dass zur Singularität des Holocausts selbst eine tiefe Bilderskepsis gehört: Auschwitz ist das Unvor- und Darstellbare schlechthin. Symbolisieren, 'bebildern' lässt es sich nur 'trotz allem', hochspezifisch und keinesfalls 'mit allem'. Didi-Huberman nennt das in Anlehnung an Hannah Arendt und Primo Levi die 'zweite Ordnung des Unvorstellbaren' - die erste besteht in der beinahen Vollständigkeit der 'Endlösung' selbst."

Auch in Chemnitz, Halle und Arnstadt standen Säulen des ZPS, meldet der Tagesspiegel zudem mit epd. Außerdem habe die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland Unterstützung bei der Beisetzung angeboten, worauf das ZPS allerdings bisher nicht reagierte: "In einem am Mittwochabend veröffentlichten Schreiben riefen die Rabbiner die Gruppe auf, die Ruhe der Toten wiederherzustellen und die Asche gemäß dem jüdischen Religionsgesetz Halacha beizusetzen. Der Vorstand der Rabbinerkonferenz zeigte sich bestürzt über die 'sogenannte Kunstaktion' vor dem Reichstag in Berlin. Die Rabbiner erklärten in ihrem Brief an das Künstlerkollektiv: 'Nicht genug, dass Sie die Totenruhe von Opfern der Shoa stören und diese für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, sind wir nun sehr besorgt, dass sie zum Ende ihrer 'Kunstaktion' nicht einmal gemäß der Halacha (jüdischen Gesetzen) ihre Ruhe finden können.' Jüdische Menschen sollten nach ihrem Tod 'schnellstens der Ewigen Ruhe überführt werden', möglichst noch vor dem Wochenfeiertag Schabbat. Dieser beginne am Freitag um 15.36 Uhr.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2019 - Gesellschaft

"Wir haben Fehler gemacht", schreibt das Zentrum für Politische Schönheit seit gestern auf seiner Website: "Wir möchten insbesondere auch die jüdischen Institutionen, Verbände oder Einzelpersonen um Entschuldigung bitten, die durch unsere Arbeit die Totenruhe nach jüdischem Religionsrecht gestört oder angetastet sehen. Zwar bekommen wir auch Rückmeldung von Angehörigen, die sowohl Form als auch Aussage unserer Arbeit begrüßen, aber unser Ziel war nie, Konflikte zwischen Menschen, die auf derselben Seite kämpfen, zu befeuern." Der Bohrkern soll verhüllt werden, die Crowdfunding-Aktion wurde gestoppt und der für Samstag geplante Zapfenstreich abgesagt. Ein Abbau der Stele ist allerdings vorerst nicht geplant.

Der Historiker Götz Aly begrüßt beim MDR indes Philipp Ruchs "Widerstandssäule" (unsere Resümees) - weil sie (neben ihrer "antifaschistischen" Botschaft) auf die Frage der Asche der Ermordeten aufmerksam macht: "Die deutschen Kriegsgräber für unsere Soldaten sind überall gepflegt, von Sankt Petersburg bis Kreta. Wo sich die sterblichen Überreste der Ermordeten aus den Lagern befinden, weiß man nicht. Da wird auch der Boden nicht gekennzeichnet. Das ist schon eine Art von Verdrängung, von 'nicht wissen wollen'. Ich finde diese Aktion deswegen dankenswert."

"Juden dürfen weder verbrannt noch exhumiert werden." Darauf weist im Aufmacher des SZ-Feuilletons Mirna Funk, Tochter eines jüdischen Vaters, noch einmal hin. Vor allem ärgert sie sich über den Umgang des ZPS mit Kritik an der Aktion: "Einige meiner Bekannten hatten den Post zur Ankündigung der 'Kunstaktion' kommentiert. Der Künstler Leon Kahane etwa fragte auf der Facebook-Seite von ZPS-Leiter Philipp Ruch: 'Könnt ihr zur Abwechslung auch mal Juden fragen, was die so davon halten?' Sein Eintrag wurde innerhalb weniger Stunden gelöscht und die digitale Freundschaft durch Ruch mit einem Klick beendet. Ein lebender Jude, der sich bemerkbar macht. Klar, das nervt, wenn man doch gerade mit den Toten ungestört für Aufruhr sorgen möchte." Und: "Strebertum in der politischen Kunst ist nie angenehm. Selbstgerechtigkeit aber ist fatal", kommentiert derweil Petra Kohse in der FR.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2019 - Gesellschaft

Die Zweitverwertung der Asche ermordeter Juden in einer "Widerstandssäule" vor dem Bundestag, die in den Medien (mit Ausnahmen, unser Resümee) für viel Begeisterung sorgt, hat sich vor allem für einen gelohnt, Philipp Ruch, den Erfinder des "Zentrums für politische Schönheit", meint Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen: "Mit Kunst Geld zu verdienen, das gelingt nicht vielen. Ruch hat es geschafft, indem er politische Kritik auf den Effekt reduziert. Im Zentrum steht nie eine intensive, inhaltliche Auseinandersetzung, ja nicht einmal die Aufforderung zu einer solchen. Das im Shop zu erwerbende Weihnachtspaket zur Aktion mit der Asche toter Naziopfer besteht dann auch nicht aus weiterführender Literatur zum Thema Shoah oder Vernichtungskrieg im Osten, sondern vor allem aus Büchern von Ruch..." Entzückend sind aber auch die "Schwurwürfel" mit in Plexiglas versiegelter Erde aus Auschwitz (keine Asche, wird versichert), die zum Preis von 50 Euro zu haben sind, ein perfektes Weihnachtsgeschenk für linke Kunstfreunde, eine Investition für jeden engagierten Sammler!

Dinah Riese thematisiert in der taz die Anmaßung, die in der Aktion steckt: "Man 'entreiße' das Gedenken der 'Lieblosigkeit', heißt es im Video zur Aktion und in Antworten an bestürzte Nachfahren. Man darf aber getrost davon ausgehen, dass die Familien ihrer Toten gedenken. Liebevoll übrigens. Und dass sie dafür keine Anleitung eines deutschen Kunstkollektivs brauchen. Mehr noch: Wenn es wirklich um die Würde dieser Toten ginge, dann wären jüdische Organisationen zentral beteiligt, statt eine vor Effekthascherei strotzende Kampagne um die Ohren geschlagen zu bekommen." Die SZ informiert über neuste Entwicklungen und Äußerungen des "Zentrums für politische Schönheit": Es stecke zwar keine Asche von in Auschwitz Ermordeten in der Säule, sehr wohl aber Asche von Menschen, heißt es vage.

Konstantin Nowotny findet die Aktion im Freitag ausgesprochen unappetitlich. Und auch die Verteidigung mit der Behauptung, der in Auschwitz ermordete Salmen Gradowski habe die Aktion gewissermaßen aus dem Grab heraus legitimiert (mehr hier), überzeugt ihn nicht: "Die Journalistin Ramona Ambs kommentierte auf Facebook: 'Er wollte, dass die Welt erfährt, was passiert ist. Er wollte, dass man weiß, wer und wieviel verloren ging. Er hat nicht gesagt: Nehmt unsere Toten, grabt sie aus, stopft sie in eine Säule und beleuchtet sie, damit die Nachfahren der Täter mal wieder moralische Selbstbesoffenheit feiern können.' Aber deutsche Aktionskünstler werden sich weder von lebenden noch von toten Juden daran hindern lassen, ihre 'umstrittenen' Aktionen durchzuziehen. ... Die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals in Berlin, Lea Rosh, fühlt sich von der Installation 'bewegt und angefasst'. Ihr wurde im Zuge des Berliner Mahnmals ebenfalls vorgeworfen, sich der Verstorbenen zum Selbstzweck zu bemächtigen. Nun zeigt sie sich offenbar davon beeindruckt, wie sehr sich dieses Prinzip auf die Spitze treiben lässt."

In der NZZ fragt Claudia Schwartz, was die Provokationen Philipp Ruchs eigentlich noch von denen Alexander Gaulands oder Björn Höckes trennt: "Die Opfer der Shoah, sie werden mittlerweile von den Eskalationsbeauftragten auf beiden Außenseiten des politischen Spektrums hemmungslos als Mittel zum Zweck missbraucht. Es geht darum, die jeweils andere politische Haltung mit allen Mitteln zu diskreditieren - und seien sie noch so geschmacklos, geschichtsverzerrend, die Opfer beleidigend. Wie ähnlich sich doch der Vogelschiss von links und rechts außen mittlerweile ist. Man kann darüber nur Scham empfinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2019 - Gesellschaft

Philipp Ruch und sein "Zentrum für politische Schönheit" stellen eine Stele mit der Asche ermordeter Juden an jene Stelle in Berlin zwischen Kanzleramt und Bundestag, wo einst die Kroll-Oper stand und die "Machtübernahme" der Nazis stattfand. Ziel der Aktion soll es auch seine, die neuen Faschisten in Gestalt der AfD zu bekämpfen. In ihrem Werbevideo zu der Aktion heißt es: "Direkt gegenüber des Bundestags (sic!) nahm die Vernichtungsaktion von Millionen Menschen ihren Anfang. Hier legte der Konservatismus die deutsche Demokratie in die Hände von Mördern. Bis heute erinnert nichts daran. Und der Konservatismus streckt schon wieder die Hand nach den Faschisten aus. In der Mitte der Republik errichten wir jetzt eine Widerstandssäule mit der Asche der Getöteten."

Arno Widmann verteidigt die Aktion in der Berliner Zeitung: "Die Asche der Vernichteten in der Nähe des Reichstages konfrontiert die Politik und uns mit den Folgen unserer Handlungen oder den Folgen unseres Nichthandelns. Die Krolloper, auf deren ehemaligem Gelände die Installation steht, war der Ort, in den das Parlament nach dem Reichstagsbrand verlegt wurde. Hier wurde der Übergang in die rassistische Diktatur vollzogen. Das Zentrum für Politische Schönheit hilft uns wie schon bei seinen früheren Aktionen mit schmerzhaften Symbolen."

"Doch, die Aktion ist gelungen" meint auch Jan Kedves in der SZ: "Das ZPS kann sich, trotz eventueller Vorwürfe der Pietätlosigkeit, darauf berufen, dass es Opfern des Holocausts und Widerstandskämpfern wie dem 1944 ermordeten Salmen Gradowski, zu Lebzeiten noch gelang, Notizen zu hinterlassen, in denen sie die Nachwelt instruierten, nach ihrer Asche zu suchen und mit ihr das Gedenken an die Millionen Ermordeten wachzuhalten."

Für Tagesspiegel-Kritiker Patrick Wildermann hat Philipp Ruch mit der Ausgrabung der Asche gar "einen über 75 Jahre alten Auftrag verwirklicht". Und überhaupt: Es ist Gefahr in Verzug, ist er sich mit Ruch einig. "Der Sorge, dass es zu einer neuen Handreichung zwischen Konservativen und äußersten Rechten kommen könnte, hat Philipp Ruch unlängst schon in seinem Buch 'Schluss mit der Geduld' Ausdruck verliehen. Da wagt er das Gedankenexperiment einer Haselnuss-Koalition, schwarz-braun also, in der die völkische AfD-Fraktion unter CDU-Führung ein Superministerium aus Innerem und Verteidigung übernimmt. Hoffentlich nur Fiktion. In Thüringen gab es ja bekanntlich erste CDU-Stimmen, die sich ein Zusammenmarschieren gut hätten vorstellen können.

"Wodurch ist Ruch autorisiert, die Asche ermordeter Juden auszugraben, um sie für seine persönliche Kunstaktion zu benutzen", fragt dagegen Perlentaucher Thierry Chervel: "Bei mir lösen Ruchs Aktionen stets eher einen physischen Widerwillen aus. Mich stört die Nekrophilie, das Kapern realer Leichen für ästhetische Zwecke. Man könnte es die Gunther-von-Hagenisierung der allerjüngsten Avantgarde nennen."

Richard Volkmann schreibt zu der Aktion bei den Salonkolumnisten: "Nur wer vom alles überstrahlenden Wunsch nach Richtigkeit so verblendet ist, dass er freudig die gute Sache um ihrer selbst willen über Bord wirft, kann wirklich glauben, es würde der AfD irgendwie schaden, wenn man die Asche ermordeter Juden aus der Erde holt, um sie im Zuge eines billigen Politstunts vor dem Bundestag aufzubauen."

Der Bundestagsabgeodnete der Grünen Volker Beck schreibt bei Twitter: "Falls es sich tatsächlich um die Asche von in der Shoah Ermordeten handeln sollten, wäre dies eine strafbare Verletzung der Totenruhe. (§ 168 StGB). Dies behaupten die Aktivisten vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS). Es könnte freilich auch Fake & Teil der Kunstaktion sein." Um dies herauszufinden, hat Beck Strafanzeige gestellt. In der Jüdischen Allgemeinen gibt es eine gute Zusammenfassung der Diskussion.

Seit es Israel gibt, geht der Antisemitismus die Juden eigentlich nichts mehr an, schreibt der Historiker Michael Wolffsohn in der NZZ. "Es ist ein Problem der Nichtjuden, die sich durch Antisemitismus zunächst und vor allem selbst schaden, ja demontieren. Diese These sowie einige der vielen Dummheiten über Juden und Antisemitismus seien skizziert", so Wolffsohn und nimmt einige besonders beliebte antisemitische Klischees auseinander.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2019 - Gesellschaft

Mithu Sanyal entwirft in der taz zusammen mit der Autorin Rehzi Malzahn (Autorin des Buchs "Strafe und Gefängnis -  Theorie, Kritik und Alternativen") eine Utopie: Wie wär's wenn wir die Gefängnisse einfach abschaffen: "Eine Welt ohne Gefängnisse würde also auch bedeuten, dass wir uns wieder mit den Straftätern auseinandersetzen müssten. Wir müssten uns der Frage der Wiedergutmachung stellen. Danach, wann ein Mensch angemessen Verantwortung für sein Verbrechen übernommen hätte. Und - die größte Hürde - wir müssten überlegen: Wie würden wir mit Menschen umgehen, deren Straftaten nicht nur die Grenzen des Gesetzes überschreiten, sondern auch dessen, was wir als menschlich erachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2019 - Gesellschaft

Eigentlich hätte die Digitalisierung das Leben und Wirtschaften umwelfreundlicher machen können. Leider ist genau das Gegenteil eingetreten, weiß in der SZ Michael Bauchmüller, und das liegt nicht nur daran, dass die vielen Lieferfahrzeuge die Innenstädte verstopfen. Auch am Streaming: "Ökologisch ist das eigentlich eine feine Sache, früher musste man Filme auf DVDs bannen. Dreimal geguckt, standen sie nur noch herum, irgendwann flogen sie in den Müll. Zu Videotheken muss am Samstagabend auch niemand mehr fahren, der Film kommt auf Knopfdruck. Das Problem, sagt Gröger, sei nur: 'Die Leute schauen sich bei Netflix eine Serie an, und gleich danach wollen sie die Original-Schauplätze besuchen.' Flugtickets und ein Apartment, klar, gibt es auf Knopfdruck vom Sofa aus. Ohne Energie läuft aber auch digital nichts. Mittlerweile frisst Informationstechnik sieben Prozent des weltweiten Stromverbrauchs, der Energiehunger entspricht dem des gesamten Luftverkehrs. Das Wachstum verläuft exponentiell, in Deutschland verdoppelt sich der Verbrauch alle zwei Jahre."

Im Guardian lästert die spitzzüngige Marina Hyde nach der Klimadiskussion der BBC, bei der Boris Johnson und Nigel Farage durch Eisblöcke ersetzt wurden, weil sie keine Lust zur Teilnahme hatten: "Boris Johnsons größter Beitrag zur Vermeidung von Plastikmüll scheint der Verzicht auf Kondome zu sein."