9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2017 - Gesellschaft

Der Brite Maajid Nawaz war ein Islamist und saß als solcher fünf Jahre in einem ägyptischen Gefängnis. Heute warnt er vor dem Islamismus und lässt nicht gelten, dass dieser nichts mit dem Islam zu tun habe. Das hat ihn - zusammen mit Ayaan Hirsi Ali und anderen - auf eine amerikanische linke Liste mit angeblichen Anti-Muslim-Extremisten gebracht, schreibt Thomas Chatterton Williams in einem Porträt Nawaz' für die New York Times. "Ein Begriff, den Nawaz häufig gebraucht, ist der der 'regressiven Linken', da vermeintlich progressive Organisationen wie  das Southern Poverty Law Center in ihrer legitimen Sorge um eine Bestrafung aller Muslime für die Taten einiger weniger eine rückwärtsgewandte Idee des Islams entwickeln. 'Es ist ein orientalistischer Fetisch', sagt Nawaz, 'nur ein zutiefst konservativer Muslim von möglichst mittelalterlichem Aussehen ist ein 'realer' Muslim, und wer den Status quo in Frage stellt, ist ein Verräter.'"

Kein Zufall, dass in einem der Zentralinstitute der amerikanischen Superlinken, in The Intercept, genau die von Nawaz kritisierte These verfochten wird. Nein, Attentäter wie jüngst Adrian Ajao in London, hätten mit dem Islam nichts zu tun, schreibt Mehdi Hasan: "Im letzten Jahrzehnt haben immer mehr Studien die konventionelle und denkfaule Behauptung über die Rolle der Religion im Radikalisierungsprozess widerlegt. In den letzten Jahren habe ich mit einer ganzen Reihe führender Experten gesprochen - dem Anthropologen Scott Atran, dem Psychiater Marc Sageman, der Historikerin Lydia Wilson  - die alle 'Dschihadi'-Terroristen interviewt haben, auf den Schlachtfeldern im Irak und in den Gefängniszellen der USA und alle übereinstimmen, dass Glaube nicht der Hauptantrieb des globalen Terrors sei." Was ist es dann, ein Schnupfen?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2017 - Gesellschaft

Im Tagesspiegel prostet Marcia Pally mit ihren Kollegen auf Trumps Niederlage bei der geplanten Abschaffung von Obamacare. Aber so richtig froh kann sie nicht werden angesichts der deprimierenden Zahlen, die erklären, warum so viele arme Weiße entgegen ihren Interessen Trump gewählt haben: Es war vielleicht einfach eine Verzweiflungstat? "Bei weißen Amerikanern, die bestenfalls einen Highschool-Abschluss haben, sinkt die Lebenserwartung, weil Krankheitsanfälligkeit und die Gefahr sozialer Isolation steigen. Vor allem verzeichnen sie einen dramatischen Anstieg von 'Verzweiflungstoden' (Drogen, speziell Opiate, Alkohol, Selbstmord) ... Noch 1999 hatten alle diese Weißen eine um 30 Prozent niedrigere Sterblichkeitsrate als Afroamerikaner, 2015 lag sie um 30 Prozent höher. Verzweiflungstode verzeichnen einen drastischen Anstieg, auch schon in jüngeren Jahren. Die Sterblichkeitsrate für weiße 35-Jährige ist jetzt so hoch wie früher für 60-Jährige."

Cora Stephan, Jahrgang 1951, macht Krafttraining. Das ist gut für den Rücken, erklärt sie in der NZZ, und für alles andere auch: "Krafttraining ist Selbstversenkung. Man lernt dabei Muskeln kennen, von denen man nicht wusste, dass man sie hat. Die langsamen Bewegungen, mit denen man die Gewichte hebt und senkt, eröffnen die Begegnung mit der 'Seele der Muskeln'. Das hat seine ganz eigene Poesie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2017 - Gesellschaft

Wer ist ein Deutscher? Jeder, der hier lebt, könnte man Arno Widmanns Artikel in der FR zusammenfassen. Auch die Menschen, die vor Mord und Totschlag aus ihrer Heimat hierher geflohen sind. Und die viel zu oft auch hier angegriffen werden: "Die Flüchtlinge waren genau vor solchen Menschen geflohen. Hier stoßen sie wieder auf sie. Es gibt sie immer und überall. Sie verteidigen nicht ihre Gesellschaften gegen Fremde; sie arbeiten an der Vernichtung ihrer Gesellschaften. Wer eine Mauer baut, braucht einen Schießbefehl. Er muss aus Bürgern Schützen machen. Wir werden die Erfahrungen der Flüchtlinge brauchen, um nicht hier Zustände zu schaffen, die man am Ende nicht mehr ändern, sondern vor denen man nur noch fliehen kann."

Anfang des Jahres entschied das OLG Düsseldorf, ein Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal (mehr hier) sei nicht als antisemitische Tat zu werten, sondern als Kritik an Israel. Im Tagesspiegel sind die Rabbiner Abraham Cooper und Yitzchok Adlerstein entsetzt über das Urteil: "Das Wuppertaler Gericht hat ein neues Werkzeug für diejenigen geschaffen, die den ältesten Hass der Welt verleugnen oder jedenfalls untätig bleiben wollen: Ihn einfach als politischen Protest abtun. So gehen die Schuldigen straffrei aus, der Druck auf die Strafverfolgungsbehörden wird beseitigt und das Gewissen der Teilnahmslosen bleibt ungerührt. Das stellt für Deutschland ein besonderes Problem dar."

Außerdem: In der Berliner Zeitung empfiehlt Alina Bronsky den chinesischen Zensurbehörden, die die Veröffentlichung ausländischer Kinderbücher einschränken wollen, zur aufklärenden Lektüre "'Der Regenbogenfisch', ein sozialistisches Lehrstück par excellence".
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2017 - Gesellschaft

Heiko Maas hat einen Gesetzesentwurf zur Rehabilitierung verurteilter Opfer des einstigen Paragrafen 175 vorgelegt, dem das Kabinett zugestimmt hat. Heinrich Schmitz begrüßt das bei den Kolumnisten, findet den Entwurf im Detail allerdings extrem geizig: "Okay sind 3.000 Euro pauschal vorab  für jedes Urteil, also für die Verurteilung als solche, unabhängig vom verhängten Strafmaß. Aber 1.500 Euro für ein Jahr Haft sind eine Ohrfeige für diejenigen, die diese Haft erleiden mussten. Als Schwuler im Bau, das war keine Zuckerschlecken. Und da soll man jetzt als Entschädigung 4,11Euro pro Hafttag bekommen? 0,17 Euro pro Stunde Elend? Da werden die Betroffenen reichlich billig abgespeist. Wenn Sie als Unschuldiger in Haft geraten, erhalten Sie nach paragraf 7 des Gesetzes über die Entschädigung für Strafverfolgungsmaßnahmen einen Betrag von 25 Euro pro Tag, also immerhin 9.125 Euro pro Jahr. Das ist zwar auch nicht die Welt, aber warum sollen die rehabilitierten Homosexuellen auch nur einen Cent weniger erhalten?"

Außerdem: In der NZZ mokiert sich Slavoj Zizek über den jüngsten Ausdruck "der politisch korrekten Besessenheit": den Affirmative Consent Kit, ein Täschchen mit Kondom, Stift, Minzetabletten und einem Vertrag über einvernehmlichen Sex, das in den USA verkauft wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2017 - Gesellschaft

Von den Zuständen der 30er Jahren sind wir doch weit entfernt, meint der britische Historiker Ian Kershaw im Interview mit dem TagesAnzeiger. Also: chin up und auf das Postive setzen! "Es gibt Bereiche, in denen wir in den vergangenen Jahrzehnten gewaltige Fortschritte gemacht und viel größere Toleranz gelernt haben. Denken Sie nur an unser gewachsenes Bewusstsein für Frauendiskriminierung, Rassismus oder für Behinderte. Vor den 60er-Jahren hätte man auch nicht gedacht, dass die Homosexuellenehe möglich wäre. Es gibt also Gründe für einen verhaltenen Optimismus, dass sich die Werte eines liberalen Europa auf Dauer durchsetzen werden."
Stichwörter: Ian Kershaw, Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2017 - Gesellschaft

In der SZ erzählt Olaleye Akintola, wie schwierig es für einen Nigerianer ist, die Geschlechterverhältnisse hierzulande zu begreifen, während in Nigeria die Frauen oft noch knien, während sie die Männer beim Essen bedienen: "Und so unaufgeklärt das für viele Deutsche klingen macht, es zerreißt mich noch immer bei dem Gedanken, dass all das, was mir in 30 Jahren auf den Weg gegeben wurde, in meiner neuen Heimat so in Frage gestellt, nein, verurteilt wird. Gleichzeitig erinnere ich mich dann an meine Mutter, der die Chance auf Bildung von Anfang an genommen war, weil nur die Buben zur Schule gehen dürften. So sah es mein Großvater, ein angesehener Mann, dessen Tochter Zeit ihres Lebens in der Küche arbeitete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2017 - Gesellschaft

So kann es mit der Prostitution nicht weitergehen, meint Nora Bossong, die für ihr jüngstes Buch in der Szene recherchiert hat, im Gespräch mit Tania Martini von der taz: "Ich bin mit dem Gedanken an Legalisierung reingegangen in die Recherche. Aber in dem Moment, wo wir etwas legalisieren, wird in den Köpfen ganz schnell die Verbindung gemacht: Etwas ist legal, also ist es legitim. Aber inwiefern ist es legitim, für Geld über den Körper eines anderen bestimmen zu können?"
Stichwörter: Prostitution, Nora Bossong

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2017 - Gesellschaft

Schwerpunkt Meinungsfreiheit

Am stärksten bedroht ist die Meinungsfreiheit in den USA derzeit nicht durch Universitäten, sondern durch die Regierung, meint Patricia J. Williams in The Nation. So gebe es inzwischen Petitionen, Trump möge Antifa oder Black Lives Matter förmlich zu Terrororganisationen erklären. Dennoch ist Williams gespalten: "Ja, Meinung sollte grundsätzlich frei sein, aber in der derzeitigen McCarthy-Anti-Muslim-Stimmung ist die Behauptung, Worte und Bilder hätten keine Konsequenzen, bestenfalls trügerisch. Worte können aufhetzen, wütend machen, spalten oder jemandem einfach den Wind aus den Segeln nehmen. Sie können Wahlverhalten beeinflussen, indem sie das Wasser mit 'alternativen Fakten' trüben oder Propaganda verbreiten."

Auf spiked online kritisiert der britische Jurist Paul Coleman dagegen alle Versuche Kontinentaleuropas, Meinungsfreiheit zu begrenzen: auch wenn die Rede beleidigend ist, sexistisch oder homophob. Werden die Briten dann mit dem Brexit freier? Im Gegenteil, fürchtet Coleman mit Blick auf Theresa Mays Gesetzesvorschlag zur Bekämpfung von Extremismus: "Laut May braucht der Staat neue 'Kräfte, um Extremisten zu bekämpfen, die zwar gerade noch im gesetzlichen Rahmen bleiben, aber dennoch giftigen Hass verbreiten'. Nicht nur Terroristen. Die sind schon erfasst durch die ausgedehntesten Terrorismusgesetze der Welt. Jetzt will die Regierung 'Extremismus in all seinen Formen eliminieren'. Verfechter der Meinungsfreiheit halten dagegen, dass durch diese Maßnahmen jede Art demokratischer Debatte erstickt werden könne. Martin Luther King, Mahatma Ghandi, William Wilberforce und viele andere wurden zu ihrer Zeit als Extremisten betrachtet und als Bedrohung für die Mächtigen."

Auch die Grünen-Politikerin Renate Künast hat kürzlich im Interview mit dem Deutschlandfunk gefordert, auch Hasskommentare zu löschen, die nicht strafbar sind: "Mit 30 Millionen Nutzern in Deutschland von Facebook wirkt sich diese ganze Pöbelei, selbst wenn sie noch nicht strafbar ist, doch auf das reale, auf das analoge Leben aus. Das beeinflusst. Selbst Bürgermeister treten von ihren Ämtern zurück, weil sie angepöbelt werden."

Und noch eine Frage stellt sich: Ist Presse- und Meinungsfreiheit unteilbar? Oder sollte der Staat sie regulieren, auch im positiven Sinne, indem er beispielsweise Presseorgane finanziell unterstützt? Damit beschäftigen sich zwei Bücher ("The Taming of Free Speech" von Laura Weinrib und "Free Speech and Unfree News" von Sam Lebovic), die David Cole für die NYRB gelesen hat: "Die Pressefreiheit der New York Times mag wenig zur Meinungsfreiheit eines arbeitslosen Fließbandarbeiters im Rust Belt beitragen. Das Recht der milliardenschweren Koch-Brüder, unbegrenzt Geld für politische Kampagnen ihrer Wahl auszugeben, macht einen Witz aus dem demokratischen Grundsatz 'eine Person, eine Stimme'. Und betrachtet man Donald Trumps Wahl, die auf einer Kampagne mit eindeutigen Lügen und sturer Leugnung der Wahrheit beruhte: Kann man da noch glauben, dass der 'freie Marktplatz der Ideen' funktioniert?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2017 - Gesellschaft

Die Intoleranz der Linken gegenüber Meinungen, die ihr nicht passen, hilft nur dem rechten Populismus, meint der britische Autor und Tory-Abgeordnete Matt Ridley in der NZZ. So hätten etwa Studenten an der University of California in Berkeley im Januar 2017 gewaltsam einen Auftritt des Trump-Unterstützers Milo Yiannopoulos verhindert: "Die Folge war, dass Yiannopoulos' Buch 'Dangerous' die Bestsellerlisten erklomm. Ich habe mir einige seiner Auftritte online angesehen, um zu erfahren, warum sie die Gemüter so erhitzen. Yiannopoulos ist sprachgewandt, islamkritisch und schont Feministinnen und die Linke nicht; er bekundet kämpferische Lust, von dieser Seite ergangene Schmähreden gegen die Republikaner mit gleicher Münze heimzuzahlen. Aber man tut sich schwer damit, eine Rechtfertigung für den oft geäußerten Vorwurf zu finden, er sei ein Faschist oder ein weißer Suprematist; und schon gar nicht, dass er seine Stellungnahmen mit einem Aufruf zur Gewalt verbinden würde. Warum diese Intoleranz?"

(Via Wolfgang Ullrich) Der Blogger Jörg Scheller wundert sich. Als ein AfD-Mann in einem Zürcher Theater auftreten sollte, war die moralische Empörung groß, und es wurde weithin gefordert, rechtsextremen Ideologen kein Podium zu bieten. Überhaupt nicht kritisiert wurde dagegen ein Zürcher Auftritt Alain Badious, der linkstotalitäre Ideen verficht und ein paar Kollateralschäden auf dem Weg der Geschichte zu seinem Endziel durchaus gutheißt: "Wo waren die KritikerInnen der Gewalt, des Populismus, des Totalitären, des Universalismus und der Ideologie, als Alain Badiou in Zürich auftrat? Wo waren die mit Blick auf 'Die Neue Avantgarde' so vehement eingeforderten 'Gegenpositionen' auf dem Podium? Wo war der Skandal ob einer vorgeblich erlöserischen, in der Konsequenz aber menschenverachtenden Philosophie, in welcher das spekulative Schicksal des großen Ganzen dem konkreten Schicksal der Einzelnen übergeordnet ist?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2017 - Gesellschaft

In der FAZ weist der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch auf die Kulturkämpfe hin, die im Unicode-Konsortium um die Emojis geführt werden: Müssen Frauen und Schwarze repräsentiert sein und wenn ja wie? Heikel wird es besonders bei Muslimen: "Auf Initiative der in Saudi-Arabien geborenen Hamburger Schülerin Rayouf Alhumedhi und nach breiter medialer Unterstützung wird es in der nächsten Version des Emoji-Standards eine Frau mit Hijab geben. Alhumedhi und andere kopftuchtragende Muslimas argumentieren, dass sie ohne eine solche Figur in der Emoji-Welt unsichtbar seien, und folgerichtig wird die Einführung des Hijab-Emoji als antidiskriminatorischer Akt gefeiert. Allerdings wird der Hijab damit für Frauen zum Symbol des muslimischen Glaubens schlechthin. Die siebzig Prozent gläubiger Muslimas in Deutschland, die kein Kopftuch tragen, könnten sich gezwungen sehen, sich in Zukunft piktografisch mit Kopftuch zu präsentieren, um den Vorwurf zu vermeiden, nicht zu ihrem Glauben zu stehen."
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