9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2017 - Gesellschaft

Eine der nicht genug geführten Debatte im Wahlkampf war die zwischen den Queerfeministinnen und der klassisch feministischen Position etwa der Emma (unsere Resümees). Sie flammte in den letzten Tagen des Wahlkampfs wieder auf, ausgelöst durch einen Artikel Ulrike Heidenreichs auf der Vermischten Seite der SZ (nicht etwa in den Kommentaren oder im Feuilleton) unter dem Titel: "Die Rechte der Frauen sind genauso schutzbedürftig wie die der Flüchtlinge." Heidenreich schreibt da: "Die Frauen haben die Kriminalitätsstatistik über Vergewaltigungen durch Flüchtlinge im Kopf - und damit auch die Angst. Vielen Frauen ist mulmig. Sie fürchten, durch ihr Auftreten falsche Signale auszusenden. Das kann nicht sein. Die Freiheit, sich so zu kleiden und so zu bewegen, wie man möchte, ist unverhandelbar. Selbst die Gutwilligsten tun sich keinen Gefallen, den Bruch in der Willkommenskultur auszublenden."

Höchst erregt antwortet im Freitag von queerfeministischer Seite Magdalena Müssig: "'Den Flüchtlingen' stellen Sie 'die Frauen' gegenüber. 'Wenn Frauen heute einer größeren Gruppe von männlichen Geflüchteten begegnen, ist da immer wieder dieses Gefühl der Bedrohung', schreiben Sie. Woher wissen Sie das? Haben Sie mit Frauen geredet? Haben Sie mit so vielen Frauen geredet? Und wen hatten Sie da eigentlich vor Augen, als Sie von 'den Frauen' gesprochen haben, die jetzt so verunsichert sind? Hatten Sie da geflüchtete Frauen im Kopf? Frauen of Color, schwarze Frauen? Trans*frauen, lesbische Frauen, queere Frauen? Dicke Frauen?"

Wer den deutschen Wahlkampf langweilig fand, sollte einen Blick auf die hysterischen Debatten in amerikanischen Unis werfen, findet Peter Richter in der SZ: "Das Schema ist seit Monaten gleich: Eine republikanische Hochschulgruppe lädt einen 'kontroversen Redner' ein, oft Krawallschachteln wie die Publizistin Ann Coulter oder den ehemaligen Breitbart-Redakteur Milo Yiannopoulos, dann folgen Proteste, Vermummte sprühen Pfefferspray, um 'Faschisten keinen Raum' zu geben, und am Ende sagen sie im Fernsehen erstens Danke für die schönen Bürgerkriegsbilder und zweitens: Welche waren jetzt die Faschisten - die, die ihre Versammlungsrechte wahrnehmen wollten, oder die, die sie ihnen mit Gewalt verweigert haben?"
Stichwörter: Gender-Debatte

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2017 - Gesellschaft

Mit Begriffen wie "Staatsdoktrin" oder "Umerziehung" verunglimpfen rechte Aktivisten heute den Feminismus wie einst den Kommunismus, stellt Kathleen Hildebrandt auf süddeutsche.de fest. So werde ein bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähiges Feindbild erzeugt: "Indem sie die klassischen Vorwürfe gegen linke Politik mit Feminismus und Geschlechterpolitik rhetorisch verknüpfen, können sie wirkmächtige Ressentiments für sich nutzen. Und sie können verhindern, dass die Menschen nach konkreten Themen wie gerechter Bezahlung und gleichen Zugängen zu allen Bereichen der Gesellschaft fragen. Denn das gilt vor dem Hintergrund dieser Rhetorik schnell als weibisches Gequengel."
Stichwörter: Feminismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2017 - Gesellschaft

Der Japanologe und Schriftsteller Florian Coulmas porträtiert in der NZZ die moderne japanische Gesellschaft, die von außen betrachtet zwar die modernste der Welt sei und mit Abstand die höchste Lebenserwartung habe, im Inneren aber mit schweren Problemen, wie sinkenden Geburtenraten und immer stärkerer Vereinsamung der Menschen, vor allem in großen Städten, zu kämpfen hat, so Coulmas: "Der Reichtum, zu dem das Land nach dem Zweiten Weltkrieg kam und der nirgends deutlicher sichtbar ist als in Tokio, beruhte auf der fleißigen und gewissenhaften Arbeit einer kollektivistisch und egalitär organisierten Gesellschaft. Die gibt es nicht mehr. Heute heißt es: Jeder für sich! Die meisten Mitglieder der jungen Generationen haben keine Geschwister und sehen sich mit einer grauen Welle konfrontiert, der sie nicht entkommen können. Denn auch hier ist Japan Avantgarde."
Stichwörter: Japan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2017 - Gesellschaft

Es ist schon erstaunlich, wie gern weiße Frauen wie Laurie Penny sich Gehör verschaffen, indem sie andere weiße Frauen zu reinen Diskursobjekten degradieren: "Köln wird immer wieder erwähnt. Die Idee, dass sexualisierte Gewalt nur dann existiert, wenn sie von Migranten oder Muslimen kommt, ist weit verbreitet und sehr alt. Sie geht zurück auf die Jim-Crow-Zeit in den US-Südstaaten, auf das Lynchen von Schwarzen Männern mit dem Vorwurf, weiße Frauen vergewaltigt zu haben", behauptet sie in der taz als hätte es in Europa jemals Sklavenhaltergesellschaften oder Jim-Crow-Gesetze gegeben. "Dabei geht es aber keineswegs um die Sicherheit der weißen Frauen, sondern um einen Angriff auf den weißen Mann. Denn weiße Frauen sind Eigentum." Sie sollten also besser schweigen und Ms. Penny das Reden überlassen, die diese Dinge durchblickt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2017 - Gesellschaft

Wo wenig Fremde leben, sind die Rechten am erfolgreichsten, heißt es immer. Frankfurt scheint das zu bestätigen, erklärt Paul Middelhoff auf Zeit online. Dort ist der Ausländeranteil so hoch wie nirgends sonst in Deutschland, der Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund beläuft sich auf 51,2 Prozent, trotzdem tut sich die AfD hier schwer: "Das Paradoxe am Erfolg der AfD wird erkennbar, wenn man die Großstadt Frankfurt mit dem Vogtland vergleicht: In Plauen, einem Städtchen im tiefsten Sachsen, strömten kürzlich über eintausend Menschen zu einer Veranstaltung mit Parteichefin Frauke Petry, die AfD wird hier in zwei Wochen wohl erneut ein Traumergebnis erzielen. Der Unterschied zu Frankfurt? Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt im Vogtland bei 6,3 Prozent."
Stichwörter: AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2017 - Gesellschaft

Uff, eine Debatte über deutsche Identität - diesmal nicht auf der rechten, sondern auf der liberalen Seite, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Am Sonntag diskutierten in Berlin die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, die Politikerin Sawsan Chebli und der Historiker Michael Wolffsohn unter anderem über die Frage, wie sich Einwanderer integrieren sollen, wenn viele Deutsche jedem eine Identität zugestehen, nur sich selbst nicht. "Foroutans 'Angebot', wie sie sagt, lautet schlicht Solidarität, hergeleitet aus dem Marxismus und der Soziallehre. Für Sawsan Chebli ... kann hingegen aus der gelungenen Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein positives Narrativ für die deutsche Zuwanderungsgesellschaft erwachsen." Michael Wolffsohn hängte seine Forderungen sehr viel tiefer und verabschiedete die Vorstellung von einem "kollektiven Wir-Gefühl" gleich ganz: "Mehr als ein zivilisiertes Miteinander von Altdeutschen und Neudeutschen, wie er es nennt, könne es nicht geben."

Für die SZ liest Johan Schloeman das Debattenbuch "Der tiefe Riss" der Journalistinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach über den Konflikt zwischen Eltern und Kinderlosen und gewinnt den Eindruck, "dass dieser Konflikt in vielen Themen des gegenwärtigen Bundestagswahlkampfs spukt und schwelt, dass aber alle Parteien sich tunlichst hüten, ihn zur Sprache zu bringen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2017 - Gesellschaft

AbteibungsgegnerInnen verklagen Frauenarztpraxen, die etwa auf ihren Webseiten mitteilen, dass sie Abtreibungen durchführen - denn laut deutschem Gesetz ist "Werbung" für den Schwangerschaftsabbruch verboten. In einem Fall führt das jetzt dazu, dass eine Staatsanwaltschaft Anklage gegen eine Ärztin erhob, berichten Dinah Riese und Eiken Bruhn in der taz. Die Folgen liegen auf der Hand: "Viele ÄrztInnen seien heute abgeschreckt von der Aussicht, mit Anzeigen der LebensschützerInnen überzogen zu werden - und führten die Abbrüche lieber gar nicht erst durch, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte in Deutschland. Frauen sind durch das Werbeverbot bei der Arztwahl zudem von ihren ÄrztInnen oder Beratungsstellen abhängig. Recherchieren sie selbst im Netz, landen sie fast zwangsläufig auf den Seiten der AbtreibungsgegnerInnen."

Gerade jüngere Ärzte lehnen es heute ab, Abtreibungen durchzuführen, erläutert Eiken Bruhn in einem Kommentar: "Ihnen fehlt die politische Überzeugung älterer Kolleg*innen, die noch für das Recht auf Abtreibung demonstriert haben. Selbstredend wird das Thema nicht in der Ausbildung gelehrt - Straftaten gehören nicht ins Curriculum."

In der Zeit sucht Tobias Haberkorn nach Gründen für die Unsichtbarkeit von Armut im deutschen Wahlkampf. Möglicherweise sind wir - auch dank des Unterschichten-Fernsehens - längst zu sehr an die "Ästhetik der Abgehängten" gewöhnt, glaubt er: So gut wie nie höre man dagegen "von den gesellschaftlichen oder politischen Zusammenhängen, die eine solche Armut erzeugen oder von ihr profitieren. Man betrachtet eine Reihe bedauerlicher Einzelfälle, aber nie ein politisches Problem. Die Reaktion der meisten Menschen auf diese Bilder geht von Empathie über Fremdscham zur Eigenmotivation: So tief will man selbst niemals fallen. Dass sich die Abgehängten und die Abstiegsbedrohten in einem politischen Projekt, ja vielleicht sogar in einer politisch formierten 'Klasse' zusammenfinden könnten, ist in diesem Setting nicht vorgesehen."

Nach dem nicht repräsentativen Besuch von zwei Schulen mit hohem Anteil muslimischer Schüler in Berlin und Nordrhein-Westfalen, in denen er nach Geschlechtern getrennte Klassen, Gebetsräume und "Judenhass" erlebt hat, denkt Constantin Schreiber in der Welt über neue schulische Inhalte wie Toleranzklassen und gemischten Religionsunterricht nach: "Schulpolitisch wird ja eher der Ansatz vertreten, Schüler nach Religion sozusagen zu trennen. Stichwort muslimischer Religionsunterricht. Dann sollen Muslime, Christen, Atheisten und Angehöriger anderer Religionsgruppen separat etwas über Glauben, Werte und Ethik lernen. Aber wäre es nicht richtig, dass sie gemeinsam in EINEM Unterricht diese Themen behandeln? So wie die muslimischen Schüler dann auf Inhalte treffen, die ihnen einen Perspektivwechsel abverlangen, so kommt auch die andere Seite in Kontakt mit neuen Sichtweisen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2017 - Gesellschaft

"Man sollte dich köpfen". Diesen Satz, der Politikerin Renate Künast auf Facebook an den Kopf geschleudert, hält die Berliner Staatsanwaltschaft für eine zulässige Meinungsäußerung. In der SZ fasst sich Heribert Prantl an den Kopf: Haben die Berliner überhaupt keinen Maßstab mehr? Die Wahrheit könnte profaner sein: "Ein Ermittlungsverfahren wird eingestellt, so steht es in Paragraf 170 der Strafprozessordnung, wenn kein 'hinreichender Tatverdacht' besteht. In den Facebook-Fällen gibt es den hinreichenden Verdacht durchaus - auch gegen die Staatsanwaltschaft. Man hat nämlich den Verdacht, dass die einfach zu bequem ist, sich gegen eine Flut von Bösartigkeit, Gemeinheit und Hass zu stellen. Aber: Faulheit ist kein Grund dafür, Strafverfahren einzustellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2017 - Gesellschaft

In der NZZ schreibt Paul Jandl anlässlich der neuen Gesichtserkennungssoftware eines neuen Handys , die den Nutzer allein am Gesicht identifizieren soll, über die Kulturgeschichte des Gesichts als Spiegel der Seele: "Verschleierung ist immer eine Provokation: Der Blick der anderen wird auf die Tatsache gelenkt, dass man nicht erkannt, nicht gesehen werden will. Das macht den Verschleierten oder Vermummten verdächtig. Ob es nun der schwarze Block der Antifa-Demonstranten ist oder die Burka - man sieht das Gesicht nicht, und die Gefahr erhöht sich, das Gegenüber falsch einzuschätzen. Aber auch ohne Vermummung ist der Versuch, über das Gesicht das Innere des Menschen zu erkennen, schwer genug. Das macht ihn ganz prinzipiell verdächtig."

Eine wahre Gesinnungspolizei wacht heute in den USA darüber, dass sich niemand (das heißt vor allem keine weißen Männer) der "kulturellen Aneignung"schuldig  macht, schreibt Boris Pofalla in der FAS und erzählt, wie Marc Jacobs Probleme bekam, weil er in einem Defilee Mannequins mit Dreadlocks zeigte: "Marc Jacobs wurde für die bunten Dreads attackiert, weil auf dem Laufsteg hauptsächlich weiße Frauen eine schwarz konnotierte Haartracht trugen. Die Antwort des schwulen Modeschöpfers kam prompt: 'An alle, die 'kulturelle Aneignung' schreien oder sonstigen Unsinn über eine Rasse oder Hautfarbe, die ihre Haare auf eine bestimmte Art trägt - lustig, dass ihr farbigen Frauen nicht vorwerft, ihre Haare zu glätten', schrieb Marc Jacobs auf Instagram und fügte hinzu, dass die pastellfarbenen Filzhaare von den pinken Dreadlocks seiner Freundin Lana Wachowski inspiriert seien... Jacobs' Kommentar wurde schnell wieder gelöscht." Später hat sich Jacobs dann noch ausführlich entschuldigt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2017 - Gesellschaft

Die Stadt Frankfurt hat beschlossen, der antiisraelischen BDS-Kampagne keine Räume mehr zur Verfügung zu stellen. Daniel Bax sieht das in der taz als eine "Ächtung" und interviewt die Aktivistin Sophia Deeg  zu der Entscheidung: "Der Beschluss bedeutet, dass Prominente wie Judith Butler, Roger Waters, Brian Eno oder Naomi Klein dort nicht auftreten können - zumindest nicht in von der Stadt geförderten Veranstaltungsorten. Ich weiß nicht, ob sich die Verantwortlichen der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst sind. Und ich weiß nicht, ob diese Einschränkung der Meinungsfreiheit vor Gericht Bestand hätte, wenn jemand klagt. In England haben britische Gerichte schon vergleichbare Beschlüsse gekippt."
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