9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2814 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 282

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2026 - Gesellschaft

In der taz hatte der Pädagogikprofessor Andreas Petrik kürzlich vor "linker Gewaltromantik" gewarnt und eine Brandmauer auch nach links vorgeschlagen (unser Resümee). Diesem Artikel widerspricht heute der taz-Redakteur Jens Uthoff. Es sei "ja eher die Ohnmacht, die einen dazu bringt, Gewalt als letztes Mittel ins Feld zu führen. Denn der Hass erreicht Höchststände dieser Tage in Deutschland..." Uthoff findet es "unangebracht zu behaupten, potenzielle linke Gewalttäter würden 'nach alter RAF-Manier den Ausnahmezustand' vorwegnehmen. Angesichts solcher Argumente könnte man glauben, es drohe keine AfD-geführte Landesregierung, Schwarz-Rot sei dem Rechtsruck nicht einigermaßen hilflos ausgeliefert und es hätte die autoritäre Wende in anderen Ländern nicht längst gegeben. Die Gewalt ist lange schon überall. Die Exekutive eines Bundeslands könnte bald in AfD-Hand sein. Insofern ist es zwingend, sich mit Widerstandsformen - notfalls auch gewaltförmiger Natur - auseinanderzusetzen."

Berlin sieht zwar nicht so aus, aber es ist nicht mehr arm. Und auch nicht mehr sexy, hat die FAZ in einer Umfrage herausgefunden, deren Ergebnisse Thomas Petersen resümiert: "Die Wirtschaftsleistung pro Kopf hat mittlerweile ungefähr das Niveau von Baden-Württemberg erreicht und liegt damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Doch gleichzeitig ist ein erheblicher Teil der Faszination abhandengekommen, die Berlin zu Beginn des Jahrhunderts ausstrahlte. Dies zeigen die Ergebnisse der jüngsten Allensbacher Bevölkerungsumfrage im Auftrag der FAZ. So hat sich der Anteil derjenigen, die sagen, Berlin sei eine faszinierende Metropole, von der Glanz ausgehe, seit 2007 mehr als halbiert. Nur noch 31 Prozent vertreten in der aktuellen Umfrage diese Ansicht. Etwas mehr, 36 Prozent, meinen ausdrücklich, dass Berlin keine Hauptstadt mit besonderer Ausstrahlung sei."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
In der FR erklärt Ai Weiwei in einem seiner erratischen Interviews, die Zensur in China sei vielleicht strenger, aber auch nicht wesentlich anders als im Westen, wo man den Gazakrieg nicht kritisieren könne, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Obwohl: "Natürlich kann man darüber sprechen. Das bestreite ich nicht. ... Entscheidend ist aber, welchen Einfluss diese Meinungen tatsächlich auf die Politik haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2026 - Gesellschaft

Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) tritt bei der kommenden Berlin-Wahl nicht mehr an - seine Partei habe ihm nicht die nötige Unterstützung gegeben (unsere Resümees). Ein mutmaßlicher Grund dafür war, dass er den Begriff des "antimuslimischen Rassismus" nicht benutzt, was er im Tagesspiegel-Interview mit Madlen Haarbach folgendermaßen begründet: "Weil ich ihn inhaltlich falsch finde. Er funktioniert nur, wenn ich jemandem aufgrund seiner ethnischen Herkunft dem muslimischen Glauben zuordne. Wenn ich jemanden aufgrund seines Aussehens einer Religion zuordne, ist das purer Rassismus. Das schreibt rassistische Muster fort. Denn eine Religion kann ich mir aussuchen, die Hautfarbe nicht. Dadurch relativiert man faktisch echten Rassismus, das finde ich falsch. Außerdem wird der Begriff im politischen Kontext genutzt, um Kritik am Islamismus als rassistisch zu markieren."

In Ostdeutschland wird Kulturinstitutionen inzwischen häufig ebenso misstraut wie Politikern. Was tun? Eine Wagenburg bilden, bringt es jedenfalls nicht, meinen der Dramaturg Aljoscha Begrich und der Theaterregisseur Christian Tschirner in der taz. Ins Gespräch kommen, ist aber auch schwierig: "Es ist, als versuche man einen Ort des Austauschs und Dialogs zu schaffen und befinde sich dabei in einem conspiracy room, wie man ihn aus alten Kriminalfilmen kennt, wenn die Polizei endlich den Unterschlupf des paranoiden Täters gefunden hat: Alle Wände sind mit Bildern, Zeitungsschnipseln, Studien, Parolen, Fakten und einem wirren Netz von Zusammenhängen bedeckt. Wenn wir auf dem Festival OSTEN (Kulturfestival in Bitterfeld-Wolfen, das diesen September wieder stattfindet; d. Red.) trotzdem versuchen, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, dann mit dem Hinweis, den Blick doch bitte immer schön auf den Boden zu richten. Auf das Naheliegende. Wo stehen wir, was ist der gemeinsame Grund? Und dann: Immer schön einen Fuß vor den anderen setzen, so weit der gemeinsame Boden eben reicht. Vielleicht eine Wasserrutsche bauen, weil es im Sommer heiß ist und ein Freibad fehlt."

Nikolai Klimeniouk hat einen Faktencheck zu einem kürzlich in der taz erschienenen Artikel des Deutsch-Palästinensers Mohamed Ibrahim durchgeführt und eine Reihe Fehler gefunden, wie er in der FAZ berichtet: So erzähle Ibrahim, sein Vater hätte wegen der Nakba 1948 nicht geimpft werden können und sei deshalb an Polio erkrankt. Das kann nicht stimmen, weil es die Polio-Impfung erst seit 1955 gibt. Auch erzähle Ibrahim, er sei als Dreijähriger mit seiner Familie 1973 vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen, der begann aber erst 1975. "Wozu diese kleine Lüge? Vielleicht, um schon im nächsten Satz eine Anhörung zum Asylantrag zu erwähnen, 'die eher einem Verhör glich'". Ibrahims Vater habe seine Geschichte in einem Buch ganz anders erzählt: "Er sei wegen seiner Erkrankung nach Deutschland gekommen und als Erstes zum Knochenarzt gegangen. 'Solange ich im Libanon lebte, war es ruhig, die Lebensbedingungen waren sehr schlecht, die Sicherheit war in Ordnung.' Offenbar geht es dem Autor darum, die Geschichte seiner Familie noch dramatischer darzustellen, als sie schon war, und dabei Deutschland und Israel die Schuld für ihre Leiden zu geben. Deutschland erscheint von den ersten Zeilen an vor allem als ein Land, das die Familie schlecht behandelt hat - und nicht als eines, das ihr Zuflucht gewährte." Die taz hatte Klimeniouks Artikel übrigens abgelehnt, taz-Redakteur Daniel Bax habe dafür den Ibrahim-Kritikern auf Facebook Rassismus vorgeworfen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2026 - Gesellschaft

Caption
Der Titel ist mit einer Arbeiterfaust geziert, die durch ein Hausdach bricht. Die taz bringt ein großes Dossier zum Thema "Mieten", geschmückt mit einer schönen Anzeige der Partei Die Linke ("Mietabzocke stoppen"). Im einführenden Artikel verkündet Mitsuo Iwamoto die frohe Botschaft: "Eigentum hat ein hehres Ziel. Es soll die Früchte der eigenen Arbeit vor dem Zugriff anderer schützen. Wendet man dieses Prinzip konsequent an, müsste die Stadt all jenen gehören, die ihr als Lehrerinnen, Krankenpfleger, Fußballtrainerinnen, Müllwerker, Straßenbahnfahrerinnen und Künstler erst ihren Wert verleihen. Eigentum ernst zu nehmen, würde bedeuten, sie davor zu schützen, dass Vermietende und Immobilienkonzerne den von ihnen geschaffenen Mehrwert abschöpfen." In dem Dossier fragen sich unter anderem Erik Peter und Timm Kühn, ob das Thema Enteignung den Wahlkampf in den Berliner Wahlen bestimmen wird.

In Biedenkopf, im Hessischen, gibt es alle sieben Jahre einen "Grenzgang". Die Bevölkerung schreitet bei dem Volksfest die historischen Grenzen des Orts ab, angeführt von einem schwarzgeschminkten "Mohren", dessen Küsse den Damen Glück bringen soll. Stephan Thome hat darüber sein Debüt "Grenzgang" geschrieben und auch sein aktueller Roman "Besser als nie" handelt von dem Thema. Ist so ein Ritual heute noch möglich? Sandra Kegel schreibt in der FAZ über den Streit zwischen Befürwortern einer identitätsbildenden Tradition und Kritikern im Namen einer diskriminierten Identität: "Beide Seiten sprechen im Streit über Zugehörigkeit, aber sie meinen nicht dasselbe. Die einen sagen: Das ist unser Fest, unser Gedächtnis, unser Recht, unsere Geschichte selbst zu erzählen. Die anderen sagen: Eure Geschichte macht uns zu einer Figur, über die ihr euch selbst erkennt. Eine Tradition kann alt sein, ohne unschuldig zu sein."

Hannelore Schlaffer staunt in der virtuellen Tiefruckbeilage der FAZ über die Jugend, die heutzutage so diszipliniert Schlange steht: "
Schlangestehen ist heutzutage überhaupt, vor allem aber bei Jugendlichen, Mode. Inzwischen kann man Warteschlangen auch tagsüber sehen, vor einer Bäckerei etwa, die für ihre Mandelschnecken hochgerühmt ist; auch vor teuren Läden wie denen von Louis Vuitton, wo sich junge Frauen versammeln, die sich die Ware gar nicht leisten können, jedoch: Sie wollen dabei sein, wollen das Angebot sehen, begutachten und zu den Kennern gehören."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2026 - Gesellschaft

Ronen Steinke hat in der SZ ein ganzes "Buch Zwei" vollgeschrieben, um ein AfD-Verbotsverfahren wegen Gefährdung der Demokratie zu begründen. Also zumindest grundsätzlich ist er dafür. Bleibt nur die Frage, was dann mit den 40 Prozent Wählern ist, die in Sachsen-Anhalt für die AfD stimmen wollen. Also besser doch kein Verbot? Jein, meint er: "Vielleicht wäre es sogar hilfreich, wenn die Richterinnen und Richter in Karlsruhe nur zu einer 'Ja, aber'-Entscheidung kämen. Also lediglich zu einem Teilverbot gemäß dem Paragrafen 46, Absatz 2 des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes. Was zur Folge hätte, dass ein wesentlicher Teil der AfD vorerst am Leben bliebe. Wenn zum Beispiel der Landesverband Thüringen verboten werden würde, die Truppe von Björn Höcke also, dann könnte das für den Landesverband in - sagen wir - Rheinland-Pfalz veranschaulichen, wo genau sie liegt, die rote Linie. Es wäre eine Lektion. Darüber, wie weit man als Partei gehen darf. Und wann es zu weit geht. Das ist letztlich, worum es geht. Ein kleiner erzieherischer Effekt. Auf mehr kann man nicht hoffen."

Umweltautor Michael Miersch staunt über eine Ipsos-Erhebung, laut der die Mehrheit der Deutschen glaubt, die Umwelt sei heute viel verschmutzter als vor fünfzig Jahren. Das krasse Gegenteil ist der Fall: Die Luft ist sauber, viele Tierarten sind zurückgekehrt, die Bewaldung ist gewachsen. Miersch glaubt, die Medien seien schuld: Es existiere "eine Schere zwischen medial vermittelter Realität und selbst erfahrener Realität. Der einzige Bereich, bei dem eine Mehrheit die Meinung vertritt, etwas sei heute besser als 1975, ist die gesundheitliche Versorgung. Den medizinischen Fortschritt spüren Menschen am eigenen Leib. Themen wie Kriminalität oder Umweltverschmutzung werden vornehmlich durch Medien übermittelt. Und noch ein anderer Faktor scheint mir die Erinnerung an die desaströsen Zustände vor fünfzig Jahren überdeckt zu haben. In der Öffentlichkeit hat das Klimathema das Umweltthema an den Rand gedrängt. Nicht wenige Politiker und Journalisten reden und schreiben so, als seien Umweltverschmutzung und Klimawandel ein und dasselbe. Angesehene Medien bezeichnen CO2 als Umweltgift, offenbar in Unkenntnis, dass dieses 'Gift' ein lebensnotwendiger Grundbaustein der Natur ist."

"Männliche Einsamkeit" ist gerade ein Modethema in den USA. Nick Keppler zitiert bei Slate all die Artikel, die zuletzt dazu erschienen sind. Letztlich aber glaubt er nicht an die These, dass Männer oft einsamer seien - oder genauer: diese These übersieht einen entscheidenden Faktor: "In allen Studien gibt es eine Gruppe, die deutlich einsamer ist als alle anderen. Die Menschen, denen es in Amerika an sozialen Kontakten mangelt, sind diejenigen, denen vieles fehlt: arme Menschen. Wer Schwierigkeiten hat, sich das Nötigste zu leisten, kämpft auch häufiger mit Gefühlen der Isolation. Aus diesem Blickwinkel betrachtet erscheint Einsamkeit in den USA weniger als etwas, das sich Menschen durch mangelnde psychosoziale Selbstfürsorge selbst auferlegen - eine inhärente Prämisse einer geschlechtsspezifischen Schuldzuweisung -, sondern vielmehr als etwas, das die Gesellschaft den Menschen auferlegt. Es gibt eigentlich keine Krise der männlichen Einsamkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2026 - Gesellschaft

In der taz fragt sich Charlotte Wiedemann staunend, warum die "Bewegung für palästinensische Rechte und Selbstbestimmung" trotz immenser Präsenz in den Medien kaum etwas für ihre Sache erreicht hat: "Die Mehrheit der Deutschen lehnt Israels Unrechtspolitik ab, ein passiver Dissens, ohne Bewusstsein für die deutsche - und damit die eigene - Mitverantwortung. Die Zahl prominenter Stimmen, die das Massensterben und die Strangulierung palästinensischen Lebens als Genozid verurteilen, ist kaum gestiegen, obwohl sich alle relevanten internationalen Menschenrechtsorganisationen nach und nach dem Befund Völkermord anschlossen." Vielleicht ist die "Mehrheit der Deutschen" der Ansicht, das sei Sache der Gerichte und außerdem längst kein Grund für Attacken der "Bewegung" auf hier lebende jüdische Menschen, wie sie Clara Nack - ebenfalls in der taz - beschreibt.

Buddhistische Tempel sind in Korea "zum Hotspot der Partnersuche" geworden, berichtet Hoo Nam Seelmann in der NZZ. Der größte Zen-buddhistische Orden Koreas organisiert seit 2023 sogenannte "Matchmaking"-Programme, in denen Heiratswillige nach einem Partner Ausschau halten können: "Als Anfang Juli der Tempel Naksansa, der schön an der Ostküste liegt, ein Programm ankündigte, bewarben sich 4225 Personen für 20 Plätze. Die hohe Erfolgsquote hat sich herumgesprochen. 2024 zum Beispiel nahmen bei insgesamt sechs Templestay-Events 114 Personen teil, von denen 56 glücklich die Tempel verließen. Yu Cheol Ju, der beim Orden für das Programm zuständig ist, verriet in einem Interview, nach welchen Kriterien er die Teilnehmer aussucht. Wichtig sei die Ernsthaftigkeit, mit der jemand nach einem Partner suche, und zwar einem fürs Leben. Ob dies der Fall sei, spüre er, wenn er die schriftliche Bewerbung durchlese. Ist die Zahl der Kandidaten auf 50 reduziert, müssen sie ein einminütiges Video von sich schicken. Erforderlich ist ebenso eine Berufsbescheinigung. Danach erfolgt die endgültige Kür der Kandidaten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2026 - Gesellschaft

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Trotz des in Teilen Europas extremen Sommers und der Waldbrände will sich der britische Historiker Peter Frankopan, Autor einer Weltgeschichte des Klimas, nicht in apokalyptische Stimmung bringen lassen. Im Gespräch mit Michael Hesse von der FR rät er zur Stiff Upper Lipp: "Heute leben mehr Menschen auf der Erde als jemals zuvor. In vielen Teilen der Welt sind Gesundheit und Lebenserwartung besser als zu irgendeinem früheren Zeitpunkt. Dass wir dieses Gespräch über eine große Entfernung führen können, zeigt ebenfalls, wozu Menschen technisch in der Lage sind. Von religiösen Prophezeiungen bis zu modernen Warnungen vor einer Bevölkerungskatastrophe ist der Untergang immer wieder angekündigt worden. Doch die Menschen sind außerordentlich erfinderisch und sehr gut darin, Lösungen für Probleme zu finden. Das garantiert nicht, dass wir jedes Problem bewältigen werden. Aber ich glaube nicht, dass die Katastrophe unvermeidlich ist."
Stichwörter: Klimawandel, Frankopan, Peter

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2026 - Gesellschaft

Was ist das beste Rezept gegen den Rechtspopulismus? Der Ökonom Jonathan Barth schlägt bei Zeit Online vor, "Demokratie wieder in kommunalen Strukturen" zu verankern, "dort, wo sich Menschen konkret begegnen": "Etwas, wofür sich kämpfen ließe, wäre die Förderung von Räumen, in denen Menschen Gesellschaft wieder als Ergebnis ihres eigenen Wirkens erfahren. Vom Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr über den Chor, den genossenschaftlichen Dorfladen und den Bürgerrat bis zur Wiedereinführung von kollektiven 'Ritualen', seien es Zivil- und Militärdienst oder gemeinsame Feiertage und Veranstaltungen für Demokratie. Institutionen, in denen der Einzelne sich als Teil des Ganzen verortet und gerade dadurch Zugehörigkeit und Sinn erlebt. Andy Burnham hat in Großbritannien mit einem kleinen Schritt vorgemacht, wie das aussehen kann: Er hat Pubs die Unternehmensteuern erlassen, damit sie als Orte des Sozialen erhalten bleiben."
Stichwörter: AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2026 - Gesellschaft

Leeor Engländer nimmt in der Jüdischen Allgemeinen zwei Texte (hier und hier) muslimischer Autoren, die in der taz ein Gefühl der Entfremdung in Deutschland beklagten, zum Anlass darüber nachzudenken, warum es Muslimen so schwer fällt, sich von der Hamas zu distanzieren: "Während selbst in Gaza trotz massiver Repressionen immer wieder Proteste gegen die Hamas stattfinden, bleibt eine breite, international sichtbare palästinensische Bewegung, die den Antisemitismus in den eigenen Reihen bekämpft, den Terror der Hamas eindeutig verurteilt und die dauerhafte Existenz Israels ausdrücklich anerkennt, bislang weitgehend unsichtbar. Auf israelischer und jüdischer Seite existieren seit Jahrzehnten entsprechende Organisationen, Intellektuelle und Aktivisten, die sich - oft gegen erheblichen Widerstand aus den eigenen Reihen - für Verständigung, Koexistenz und einen palästinensischen Staat einsetzen. So stehen beide Texte exemplarisch für ein weithin sichtbares palästinensisches Problem. Es fehlt nicht nur an einer wirkmächtigen Opposition gegen die islamistischen und antisemitischen Kräfte innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Es fehlt damit auch an einer Generation palästinensischer 'Tauben', die nach dem Ende der Herrschaft der Extremisten bereitstünde, politische Verantwortung zu übernehmen und den eigenen Landsleuten einen glaubwürdigen Weg der Anerkennung, der Koexistenz und des Friedens aufzuzeigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2026 - Gesellschaft

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Im Interview mit der FAZ spricht der Autor Lennart Herberhold über die Einsamkeit, die queere Menschen überdurchschnittlich empfinden. Daran hat sich, scheint es, seit seinem Heranwachsen als schwuler Junge in der saarländischen Provinz nicht viel geändert, hat Herberhold gelernt, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat: "Ich war bei meiner Recherche erstaunt, dass zum Beispiel auch junge schwule Männer mir erzählt haben, dass sie Angst vor ihrem Coming-out hatten. ... Insgesamt ist es einfacher geworden. Aber gleichzeitig erleben viele queere Menschen immer noch Ausgrenzung und Isolation." Und die kommt nicht immer von außen, sondern kann auch innerhalb der queeren Community entstehen, erzählt er: "Für einen schwulen Transmann ist es in der von schwulen Cis-Männern dominierten queeren Gemeinschaft nicht leicht, da fühlt man sich schnell in der eigenen Community einsam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2026 - Gesellschaft

"Jeder Jude wird in eine seit rund 2.500 Jahren bestehende und seitdem ständig aktualisierte, hochgehaltene Bildungstradition und -infrastruktur hineingeboren", erklärt Michael Wolffsohn in der NZZ, während er sich Gedanken über die aktuelle Antisemitismus-Welle macht. In der Tora ergehe "an jeden Juden die strikte Anweisung, die eigenen Kinder (im Text: Söhne) in der Tora zu unterrichten. Hierfür muss jeder lesen und schreiben können. Das ist der Ursprung der Breitenbildung im Volk Israel. Viel früher und weitaus umfassender als bei anderen Völkern." Die "Folge als Karikatur: Alle jüdischen Eltern erwarten, dass ihre Kinder entweder einen Nobelpreis bekommen oder zumindest nobelpreisverdächtig werden. Dafür nehmen sie oft immense Opfer in Kauf. Das wiederum erklärt das im Vergleich zu (fast) allen Kollektiven historisch und gegenwärtig höhere Ausbildungsniveau der Juden sowie ihre Erfolge. Diese sind jeweils selbst hart erarbeitet und nicht Ergebnis göttlicher Erwählung. Aber sie erwecken den Neid der anderen, sprich: Antisemitismus."