9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

1009 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 101

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2018 - Gesellschaft

Die Cembalistin Christine Schornsheim, seit 2002 Professorin und seit Juli 2015 Vizepräsidentin an der Hochschule für Musik und Theater München, hat Siegfried Mauser, bis 2014 deren Präsident, wegen sexueller Nötigung verklagt, der daraufhin zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde (ein zweiter Prozess wegen Vergewaltigung gegen Mauser ist anhängig). In einem ganzseitigen FAZ-Interview schildert Schornsheim den Vorfall und die Reaktionen darauf - von den Beschwichtigungs-Strategien Mausers bis zur Komplizenschaft männlicher Vorgesetzter mit Mauser und den Versuch eines SZ-Musikkritikers und Mauser-Freundes, ihre Stasi-Akte einzusehen. Und sie erklärt, warum ihr Anschluss, den Fall zu Anzeige zu bringen, sechs Jahre dauerte: Das war 2016, als die Münchner Staatsanwaltschaft Anklage gegen Hans-Jürgen von Bose, Professor für Komposition, erhob. "Als ich mitbekam, dass Mauser über Bose Bescheid wusste, war das für mich der entscheidende Trigger. Da habe ich gesagt: Nee, das reicht mir jetzt. Wenn Mauser Hauptzeuge im Bose-Verfahren wird, will ich der Polizei erklären, dass ich meine Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Mauser habe. Das war der Auslöser für meine Anzeige sechs Jahre nach dem Vorfall. Wahrscheinlich kamen mütterliche Instinkte in mir hoch. In dem Moment, da es Studentinnen traf und nicht nur mich, war ich plötzlich stark genug, zur Polizei zu gehen."

Jonathan Liew schildert im Independent die Vorliebe vieler rechtspopulistischer Politiker wie Viktor Orban, Jair Bolsonaro  oder Matteo Salvini für den Fußball, dessen Hooliganismus oft ihr Ursprung war und dessen Potenziale sie nun zur Erlangung von Macht nutzen: "Es ist eine ernüchternde Erinnerung an die Macht des Fußballs: ein Sport mit tief verankertem Stammescharakter und einem großen, gebannten Publikum voller abgehängter proletarischer Männer und damit in vielerlei Hinsicht die perfekte Arena für den skrupellosen Populisten und seine machistisch nativistischen Fantasien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2018 - Gesellschaft

In der Welt setzt sich der Philosoph, Theologe und ehemalige SPD-Fraktionschef in der Volkskammer, Richard Schröder, mit Thesen auseinander, die die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping in ihrem Buch "Integriert doch erstmal uns" aufstellt. Ihre Rechtfertigung rechter Hetze im Osten beispielsweise durch erlebte Traumatisierung in der Nachwendezeit, etwa durch die Treuhand, kommt für Schröder einer "Entmündigung" gleich, die die Betroffenen "pathologisiere". Er meint, wer jenen sage: "'Eigentlich hast du gar nichts gegen Muslime, sondern du bist durch die Entwürdigungen des Einigungsprozesses traumatisiert', der nimmt ihn nicht ernst. Im Klartext heißt das übrigens: Am Ausländerhass ist mittelbar die Treuhand schuld. Küchenpsychologie ist eine Art von Zauberei, die alles mit allem erklären kann. Wer rational bleibt, fragt sich, ob wirklich ohne die Untaten der Treuhand die Ostdeutschen fremdenfreundlich wären. Warum ist in Polen, Tschechien, Ungarn die Ablehnung von Migranten weitaus stärker als in Ostdeutschland, obwohl es doch in diesen Ländern gar keine Treuhand gab? Und warum werden migrationskritische Parteien in allen westlichen und südlichen Ländern Europas zunehmend stärker? Die Treuhand kann's nicht gewesen sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2018 - Gesellschaft

Nilbar Güres, Soyunma / Undressing, 2006, Video, Courtesy Galerie Martin Janda, Wien


Kopftuch wurde schon auf der ganzen Welt getragen. Die Gründe dafür sind höchst unterschiedlich. Das lernt man jetzt in einer Ausstellung des Weltmuseums in Wien. Im Interview mit dem Standard erklärt Direktor Axel Steinmann: "Es gibt heute so viele verschiedene Gründe, warum man sich so oder so kleidet. Nehmen Sie die Mode: Hier gibt es etwa sogenannte Hidschab-Lolitas, Frauen, die eine Verknüpfung von Kopftuch und japanischer Anime/Manga-Kultur herstellen." Natürlich werde das Kopftuch manchmal auch zur moralischen Selbsterhöhung getragen, "aber nicht unbedingt im traditionellen Keuschheitssinn. Die ganze Geschichte der Mode beruht ja auf Differenzierung, um sich von anderen abzuheben."

Die Mode nach den Neunzigern scheint eine einzige Rache an den einstigen Supermodels zu sein - verübt allerdings an den auf Magerkeit zugerichteten Mädchen, die heute über die Laufstege schweben. In der FAZ erzählt das bekannte Mannequin Anne-Sophie Monrad, wie entwürdigend und gefährlich diese Zurichtung ist: "Ich weiß von vielen 'Mädchen', dass ihre Menstruation ausbleibt. Man lacht darüber: 'Ach, bei dir auch? Willkommen im Team!' Dabei ist das Thema so ernst. 'Bekomme meine Tage nicht, möchte sowieso keine Kinder': Das wird oft gesagt. Dabei droht nicht nur ständige Unfruchtbarkeit. Der Körper fängt auch an, sich von den Knochen zu ernähren."

Zeev Avrahami, Betreiber eines jüdischen Restaurants in Berlin, fragt in der FAZ: "Was ist mit den Juden in Deutschland passiert, in welche Ecke wurden sie gedrängt, dass einige von ihnen mit einer Partei sympathisieren, die einen dubiosen Ruf in Sachen Juden und Holocaust und eine teilweise faschistoide Agenda hat? Die Antwort lautet: Viele Juden fühlen sich hierzulande nicht mehr sicher." Ebenfalls in der FAZ verteidigt Gerald Wagner, das Zentrum für Antisemitismusforschung, das eine Tagung über Islamophobie abhalten und dabei mit israelfeindlichen Organisationen zusammenarbeitete (unsere Resümees).
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Stichwörter: Mode, Models, AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2018 - Gesellschaft

#MeToo ist inzwischen auch in Indien angekommen, berichtet Thomas Winkler aus Bombay für die taz: "Twitter explodiert. Täglich, stündlich, nahezu minütlich enthüllen Frauen über die sozialen Medien sexuelle Übergriffe von Kollegen, Vorgesetzten oder vermeintlichen Freunden. #MeToo beherrscht die Schlagzeilen der Zeitungen und Nachrichtenkanäle in einem Land, in dem Schauspieler wie Götter verehrt werden und einer der beliebtesten Filmplots darin besteht, dass ein Mann eine Frau so lange gegen ihren Widerstand umwirbt, bis sie schlussendlich doch noch schwach wird."

Viele weitere Hintergründe zur indischen #MeToo-Diskussion bringt im übrigen Outlook India, wo Siddhartha Mishra und Arshia Dhar die Lage so einschätzen: "Ganz gleich, was das Ergebnis dieser Debatte ist: Die Dämme scheinen gebrochen. Urbane indische Frauen haben eine gemeinsame Stimme gefunden, eine gemeinsame Plattform, um sich zu öffnen und ihre mitunter Jahre zurück liegenden Traumatisierungen in der Öffentlichkeit zu benennen: Sexueller Missbrauch, Belästigung und Einschüchterung durch mächtige Männer, die sich die Unsicherheiten der Frauen ausnutzten."

Ebenfalls zu #MeToo: Sonia Mikich, Chefredakteurin des Westdeutschen Rundfunks, zieht in der FAZ persönlich Bilanz nach der begonnenen Aufarbeitung von #MeToo- und Sexismus-Vorwürfen im WDR. Und in der taz erzählt Juri Sternburg, wie bei der Buchmesse die Sicherheitsleute von Björn Höcke, die hessische Polizei und die Buchmesse kooperierten - und Journalisten drangsalierten.
Stichwörter: Indien, #metoo

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2018 - Gesellschaft

Das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin wollte am Mittwoch eine Tagung zu "Islamophobie" veranstalten. Maßgeblich mitbeteiligt war die  Islamic Human Rights Commission (IHRC). Jetzt hat das Zentrum die Veranstaltung aus Sicherheitsgründen abgesagt, berichtet Alex Feuerherdt bei mena-watch.de. Luis Hernández Aguilar, Mitglied der IHRC und Fellow des ZfA, sollte bei der Tagung ein "Islamophobia Kit" präsentieren (unser Resümee). Die IHRC gehört zu den Mitorganisatoren des antiisralischen Al-Quds-Tags in London, wo man auch in diesem Jahr "Israel von der Landkarte" fegen wollte. Der stellvertretende Leiter des ZfA, Uffa Jensen, bekennt sich zu Aguilar: "Wir sind sehr froh, mit Herr Aguilar einen international ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der Islamfeindschaft als Fellow gewonnen zu haben. Ich bin für die Angaben auf der Website des IHRC nicht verantwortlich." Die IHRC hatte im Jahr 2015 übrigens die sympathische Idee, die Satirezeitschrift Charlie Hebdo nach dem Attentat auf die Redaktion mit einem "Islamophobia Award" auszuzeichnen (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2018 - Gesellschaft

In der Zeit zieht die  Soziologin Eva Illouz eine insgesamt positive Bilanz der #metoo-Bewegung. Kritik übt sie aber auch, besonders an der Vermengung von harten und trivilen Problemen. Zu letzteren zählt sie die Kritik an Ian Buruma, der als Chefredakteur der NYRB einen Beitrag des iranisch-kanadischen Radiomoderator Jian Ghomeshi veröffentlicht hatte, den mehrere Frauen der sexuellen Gewalt beschuldigt hatten: "Beide Männer verloren ihre Arbeit. Dass beide trotz des gewaltigen Unterschieds der ihnen zur Last gelegten Taten dasselbe Schicksal erlitten, ist unangemessen. Diese Konsequenz wirft Fragen nach dem Urteilsvermögen der #MeToo-Anhängerinnen und ihrer Fähigkeit auf, Grundprinzipien unserer moralischen Welt zu bedenken, nämlich die Notwendigkeit, Strafen ins Verhältnis zu den jeweiligen Straftaten zu setzen. Diese Diskussion sollte zweifellos die nächste Phase der Bewegung bilden."

Auf für Paare hat #metoo etwas verändert, meint der Sexualtherapeut Ulrich Clement im Gespräch mit dem Zeit online: "Das Neue ist gar nicht unbedingt, dass Frauen Nein sagen, sondern dass sie es in dem Bewusstsein tun, damit auch recht zu haben. Sie sagen jetzt also Nein und denken dabei nicht mehr 'Ich bin die Spielverderberin' oder 'Ich bin frigide'. Das Nein muss nicht mehr mit einer Selbstabwertung einhergehen, sondern wird als authentisch erlebt und damit zu einer ebenso legitimen Seite der Sexualität wie das Ja."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2018 - Gesellschaft

In der FAZ erklärt Julia Bähr, warum #MeToo und die Diskussion über sexuelle Übergriffe ein echtes Thema ist und kein künstlich aufgebauschtes, überdramatisiertes oder gar erfundenes, auch wenn viele Männer sich überrascht zeigen vom plötzlichen Ausmaß der Belästigungen. Das hat einen Grund: "Wir sind in eine Kultur hineingewachsen, in der sexuelle Übergriffe als Frauenthema gelten, so als handelte es sich um Nagellack oder Tampons, gerade bei strafrechtlich nicht relevanten Vorfällen, von denen es ungezählte gibt. Wenn eine Frau von einem Kollegen bedrängt wird, geht sie danach höchstwahrscheinlich zu einer Kollegin, der sie vertraut, und nicht zu einem Kollegen. Und wenn sie sich entschließt, es nicht öffentlich zu machen, spricht es sich unter den Frauen zwar oft herum, aber es erreicht die männlichen Kollegen nicht."

In der Debatte um Sexismus in der Führung der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, in deren Verlauf der zuständige Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe entlassen wurde, haben sich erneut die Frauen zu Wort gemeldet, die die Belästigungsvorwürfe, erhoben hatten, meldet der Tagesspiegel. "In den zweiseitigen Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt, kritisieren sie, die öffentliche Diskussion sei 'in eine bedenkliche Schieflage' geraten. Zudem beklagen die Verfasserinnen 'Ungläubigkeit' gegenüber ihren Darstellungen, die in 'Abwehrreflexen und Leugnungsstrategien' münden würde. Sie seien schockiert, dass Politiker, Mitglieder des Stiftungsbeirates und Journalisten 'das unangemessene und belästigende Verhalten von Vorgesetzten in der Gedenkstätte weiterhin ausblenden', Knabe mit der Gedenkstätte gleichsetzen und 'uns eine Beschädigung der Diktaturaufarbeitung vorwerfen'."

Im Freitag nimmt sich Elsa Koester die "Auf-ihre-Schuhe-Glotzer" vor: Männer, die von anderen Männern verhöhnt werden, aber immer mitmachen, wenn es gegen Frauen geht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2018 - Gesellschaft

Dass das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin mehr daran arbeitet, "Islamophobie" als Entsprechung zu Antisemitismus zu definieren als über Antisemitismus zu forschen, war schon häufiger kritisiert worden. Jetzt meldet Frederik Schindler in taz online, dass das Zentrum  für die Erstellung eines "Counter-Islamophobia Kit" mit israelfeindlichen Organisationen zusammengearbeitet hat: Eine dieser Organisationen ist die Islamic Human Rights Commission (IHRC). "Die IHRC ist der Hauptorganisator des jährlichen Al-Quds-Tags in London, einer ursprünglich vom iranischen Regime initiierten Hassdemonstration gegen Israel. Dabei wird zur 'Befreiung von Jerusalem' aufgerufen."

Es gibt eine neue (oder eigentlich alte?) Normalität des Antisemitismus in Deutschland und Europa, und das auch in bürgerlichen Kreisen, beobachtet Richard C. Schneider, der ehemalige Israelkorrespondent der ARD, in den Blättern. Er kritisiert auch Benjamin Netanjahu, der taktische Bündnisse mit Rechtspopulisten wie Viktor Orban eingeht: "Netanjahus Weltbild ist ein zutiefst negatives. Er sieht Europa bereits als verloren an. Er ist überzeugt, dass die Muslime in Europa den Kontinent auf Dauer und für immer grundlegend verändern werden, dass der Westen verloren ist. Darum sind all diejenigen, die nichts mehr von Brüssel halten und gegen die Muslime agitieren, seine natürlichen Verbündeten. Mit diesen arbeitet er erfolgreich daran, die Nahostpolitik der EU zu unterlaufen. Brüssels eindeutige, häufig unausgewogene propalästinensische Haltung wird zunehmend von Ungarn, der Slowakei, Polen und anderen blockiert... Was aber bedeutet das für die Juden in Europa, in Osteuropa zumal?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2018 - Gesellschaft

Ein Jahr, nachdem die Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein auf den Tisch kamen, bilanziert Patricia Hecht in der taz eigentlich ganz zufrieden die Ergebnisse der #MeToo-Bewegung: "#MeToo war weit mehr als nur Abwehrkampf gegen Grabscher, Spanner und Vergewaltiger, wie die derzeitige Welle des Feminismus überhaupt mehr als nur Abwehrkampf gegen ein reaktionäres Klima ist. Die neue Welle entwickelt Visionen, im Fall von #MeToo ist es die einer Kultur von Konsens und Respekt - in einem Alltag, in dem die Abwesenheit von anzüglichen Blicken in der U-Bahn, scheinbar lässig dahingesagten Sprüchen im Job oder Händen auf Hintern in der Kneipe angenehm auffällt. Denn Debatten wie diese verändern Kulturen. Es brauchte jahrelange Kämpfe, bis 1997 das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe kam und 2016 die Reform des Sexualstrafrechts, seit der 'Nein heißt Nein' gilt. Auf diesem Weg ist #MeToo ein weiterer Schritt hin zu einem 'Ja heißt Ja', wie es seit Juli in Schweden Gesetz ist und derzeit in Spanien vorbereitet wird."

Die amerikanische Kommunikationstrainerin Rose-Ann Clermont glaubt nicht, dass sich der Sexismus in Deutschland weniger ungezügelt austobt als in den USA. Es gebe vielmehr eine andere Bewertung, wie sie in der Berliner Zeitung schreibt: "Eine interessante Studie von you.gov ermittelte 2017, dass die Auffassungen zum Thema sexuelle Belästigung kulturell differieren. Nur 35 Prozent der Deutschen finden, dass sexuell anrüchige Witze Belästigung sind. Und nur 44 Prozent der Deutschen halten es für eine sexuelle Belästigung, wenn man seinen Arm um die Taille einer Frau legt."

In der FAZ erzählt Bülent Mumay, welche Sittenstrenge in Erdogans Türkei herrscht: "In Antalya wurden der sechzehnjährige A.K. und seine dreizehnjährige Freundin, die auf dieselbe Schule gehen, beim Küssen erwischt. Der Rektor meldete den 'Fall' der Polizei, woraufhin ein Verfahren eingeleitet wurde. Jetzt wurde der Junge wegen eines Kusses zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt."

Weiteres: Der Guardian bringt einen Text der Jesidin Nadja Murad, die gestern zusammen mit dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege für ihren Kampf gegen sexualisierte Gewalt im Krieg den Friedensnobelpreis erhielt (mehr dazu hier oder hier).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2018 - Gesellschaft

Hubertus Knabe, der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, wird entlassen, obwohl nicht ihm, sondern seinem Stellvertreter von Mitarbeiterinnen Vorhaltungen gemacht wurden, und obwohl - so scheint es - sich Knabe als Vorgesetzter korrekt verhalten hat und seinen Stellvertreter verwarnte. Jan Fleischhauer stellt das alles in Spiegel online als eine Intrige dar, in der die Linkspartei die treibende Kraft war. Bei ihr ist Knabe verhasst, weil er sie an ihre SED-Vergangenheit erinnert: Mag sein, dass "aus dem Schutz der Anonymität" weitere Vorwürfe gegen Knabe kommen werden, gegen die er sich nur mit Dementi wehren kann, so Fleischhauer: "Es ist eine böse Pointe, dass der Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen nach 17 Jahren an der Spitze mit Methoden zu Fall gebracht wird, die man aus der Zeit kennt, die seine Stiftungsarbeit dokumentieren soll."

Und tatsächlich: "Der ehemalige Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte musste wegen Sexismusvorwürfen gehen, die seinen Vize betrafen. Jetzt gerät er selbst unter Verdacht", berichten Sabine Beikler und Alexander Fröhlich im Tagesspiegel. Bundeskulturministerin Monika Grütters, Mitglied im Stiftungsrat, rechtfertigt die Kündigung dort: "Aus Sicht des Stiftungsrates hat Knabe ein Klima der Angst an der Gedenkstätte zu verantworten, sodass sich betroffene Frauen an den Stiftungsrat gewandt hatten - und eben nicht an die Leitung oder an den Personalrat." Genau substantiiert werden die Vorwürfe gegen Knabe nicht: "Es habe bei Knabe 'etwas Diabolisches' mitgeschwungen", wird aber zitiert.

Ein Jahr nach #MeToo gibt es in Deutschland durchaus Veränderungen für Frauen, meldet Frida Thurm auf Zeit Online. Beratungsstellen werden öfter aufgesucht, inwiefern das aber auch mit der Reform des Sexualstrafrechts zu tun habe, sei unklar. Im Gespräch kritisiert die Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle indes, dass sexuelle Übergriffe immer noch als persönliches Problem dargestellt würden: "Da waren wir schon mal weiter. In den Siebzigerjahren wurde das Problem als eine Begleiterscheinung patriarchaler Strukturen erkannt, heute wird es psychologisiert und individualisiert."

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist die Stimmung in der Mitte der Gesellschaft rechter geworden. Im Dlf-Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker hat der Rechtsextremismusexperte Andreas Speit keine Zweifel an dem Ergebnis der Studie, noch immer denke man bei Terror an die RAF, nicht aber an Rechtsextremismus, über rechte Einstellungen zu reden gelte als Tabu, meint er. Im Tagesspiegel meldet Ariane Bemmer allerdings Kritik an der Fragestellung an: "Die in der Studie abgefragten populistischen Einstellungen beziehen sich nicht auf politische Inhalte und Sachfragen, sondern auf das Verhältnis von Regierung und Bevölkerung, vielmehr das behauptete Nicht-Verhältnis."

Als  Neostalinistin möchte Gerald Wagner in der FAZ Chantal Mouffe nicht bezeichnen - auch wenn er während ihrer Diskussion im Kreuzberger SO36 mit Katja Kipping über einen "linken Populismus" viel über "Volk", "Führer" und "Front" gehört hat: "Aber die eigentliche Frage ist doch, was Chantal Mouffe und ihren Populismus denn so mäßigt, dass sie ihr Plädoyer für diesen bei Suhrkamp veröffentlichen kann und nicht etwa bei dem rechten Verlag Antaios? Dass sie in ihrem Text immer Anführungszeichen benutzt, wenn sie den Rechten deren politisches Reizvokabular entwinden will?"
 
Victor Schiering berichtet auf hpd.de kaum Glaubliches aus Afrika: Viele westliche Hilfsorganisationen wie die Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung, aber auch offizielle Organisationen propagieren massiv die Beschneidung von Jungen in Afrika. "In Radiosendungen und auf Plakaten wird für diese Maßnahme geworben. Dort heißt es: 'Stand proud. Get circumcised!' Taxifahrer verteilen Flyer und erhalten Prämien bei erfolgreicher Vermittlung... Was steckt hinter diesen unfassbaren Vorgängen, einer völlig entfesselt scheinenden Dynamik? 2007 erklärte die WHO nach dem Erscheinen mehrerer Studien, Männer ohne Vorhaut infizierten sich seltener mit HIV. Seitdem geistert ein angeblicher 'sechzigprozentiger Schutz durch Beschneidung' durch die Öffentlichkeit." In der Zeitschrift Geo berichtete Michael Obert bereits im Jahr 2015 über das Thema, der Autor stellt seinen Artikel auf seiner Website online.

Weiteres: Die Soros-Stiftung ist in Berlin angekommen und hat dort erstmal provisorische Büros bezogen. Am Ende sollen 150 Mitarbeiter hier arbeiten, meldet dpa, hier bei stern.de.