9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2017 - Gesellschaft

Im Tagesspiegel ist Caroline Fetscher erstaunt über den laxen Umgang deutscher Behörden mit dem Antisemitismus an Schulen, den eine vom American Jewish Committee (AJC) in Auftrag gegebene Umfrage gerade wieder bestätigt hat. "Unterricht zu Themen wie dem Nahostkonflikt sei an Schulen nahezu unmöglich, hatten die vom AJC befragten Lehrer angegeben. Dem vom AJC initiierten Programm 'Demokratie stärken - aktiv gegen Antisemitismus und Salafismus' hat Berlins Schulsenatorin zugesichert, es würden noch ein paar Schulen darin aufgenommen. Warum nicht alle Schulen, bundesweit? Und warum nicht sofort? Öffentlich-rechtliche Sender könnten in Kooperation mit privaten wie Printmedien einen Themenmonat zum Antisemitismus schaffen, vielleicht sogar einmal ohne relativierende 'Israelkritik' im Beiboot."

Die Ehe für alle kann nur ein erster Schritt sein, meint Jost Müller-Neuhof im Tagesspiegel. Jetzt müssten Eizellspende und Leihmutterschaft legalisiert werden und überhaupt das ganze Konzept von Ehe und Elternschaft auf den Prüfstand. Doch, warnt er, "die öffentliche Emphase und die Mehrheiten, die es für die Homo-Ehe gab, wird es für die Regelung solcher Themen kaum geben. Die rechtliche Ordnung der Familie hat sich noch nicht, wie bei der Ehe, in einer Weise verselbstständigt, dass sie konsequent Gleichstellungsansprüchen unterworfen werden könnte. Hier gilt sie noch etwas, die 'natürliche' Ordnung mit den kleineren oder größeren Ungerechtigkeiten, die sie mit sich bringt. Die Aufweitung der klassischen Ehe muss deshalb auch nicht als zivilisatorischer Fortschritt gefeiert, sondern kann - wertungsfrei - als Wandel begriffen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2017 - Gesellschaft

In der Berliner Zeitung fragt Anetta Kahane, warum eigentlich nie über den Antisemitismus des NSU gesprochen wird und entwickelt dazu eine eigene Theorie: "Die Übergänge zwischen dem zwar verschwiegenen, aber realen Antisemitismus des NSU und der großen Verschwörungslegende unserer Zeit sind einfach zu peinlich. Niemand mag sich hier irgendeine Gemeinsamkeit mit den Mördern vorstellen. Von der hängenden Puppe an der Autobahn zu Streetart-Graffitis wie 'Smash Jews' oder 'Fake Jews' ist der gedankliche Weg nicht so furchtbar weit."

In der NZZ denkt Cora Stephan in einem langen Essay über Spiel und Krieg nach.
Stichwörter: Antisemitismus, NSU

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2017 - Gesellschaft

Die etwas schrille, aber vom Merkur sehr engagiert verfolgte Debatte um den Sexismus an Schreibschulen schwappt nun auch ins Feuilleton über. Die Welt befragt Frauen im Literaturbetrieb nach ihren Gedanken und Erfahrungen zum Thema: Zum Beispiel Elisabeth Ruge: "Ich  denke  daran,  dass  es  Männern  oft  schwer fällt, Platz zu machen. Das schadet den Frauen, aber auch ihnen  selbst,  den  Männern.  Das  schadet  dem  Einzelnen, macht  alles  eng.  Aber  auch  der  Gesellschaft  im  ganzen  - dieses zähe, und auch traurige, Ausharren der alten Männer."

Oder Ina Hartwig: "Eben erst habe ich in einem Interview mit Max Frisch aus dem Jahr 1981 gelesen, dass die Emanzipation der Frau zugleich eine Emanzipation des Mannes bedeute, beides sei wünschenswert,  und  dieser  schönen  Einsicht  ist  eigentlich nichts hinzuzufügen. Dass mir das Wort Sexismus im Kontext des doch recht wohlerzogenen Literaturbetriebs etwas laut vorkommt, mag ein Generationengefühl widerspiegeln. Persönlich hatte ich meistens Glück, und ich rate  dazu,  sich  an  die  Menschen  (Männer  und  Frauen)  zu halten, die einem guttun, und nicht an diejenigen, die auf dem Mond leben."

Am Strand liegen kaum noch Frauen oben ohne,  FKK ist sowieso out. Wer will sich schon hinterher auf Facebook sehen? In einem Text über die neue Prüderie befragt Susan Vahabzadeh in der SZ dazu auch den Sexualpädagogen Sebastian Kempf: "Nacktheit habe eine ganz andere Symbolkraft als noch in den Achtzigerjahren, erläutert Kempf weiter. 'Früher war Nacktheit ein Zeichen von Entspanntheit. Heute ist Nacktsein eher verknüpft mit Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität.'"

Georgia Palmer wirft für die taz einen Blick auf die miesen Arbeitsbedingungen bei Lieferdiensten wie Foodora und Deliveroo. Besonders abstoßend: "Wer im Monatsdurchschnitt mehr als 2,2 Lieferungen pro Stunde schafft und mindestens 20 Stunden pro Monat am Wochenende arbeitet, erhält rückwirkend einen Euro zusätzlich für jede gearbeitete Stunde."

Weiteres: In der NZZ erzählt Hoo Nam Seelmann vom beliebten koreanischen Volkssport Arbeiten bis zum Umfallen: Selbst von den wenigen fünfzehn Ferientagen, die ihnen zustehen, nehmen sie nur die Hälfte in Anspruch.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2017 - Gesellschaft

Warum muss eigentlich erst das American Jewish Committee kommen, um eine Umfrage unter Berliner Lehrern und Lehrerinnen durchzuführen, wie es mit Antisemitismus und zunehmendem religiösen Druck an den Schulen steht? Gemeinsam mit dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg hat es 27 LehrerInnen an 21 Berliner Schulen in acht Bezirken befragt. Nicht nur über Antisemitismus kam einiges zutage, berichtet Anna Klöpper in der taz: "So berichten die befragten Lehrer von einem 'steigenden Druck auf Schüler durch Mitschüler, auch innerhalb der Schule streng religiöse Verhaltensweisen zu befolgen'. Im Hintergrund stünden dabei häufig konservative Moscheevereine, die die Kinder und Jugendlichen beeinflussten. Insbesondere Mädchen würden von diesen 'Moralwächtern' unter Druck gesetzt: LehrerInnen berichten über Schülerinnen, die infolge eines zunehmenden Gruppendrucks in der Klasse plötzlich ein Kopftuch trugen. 'Westlich' gekleidete Mädchen würden als 'Schlampe' und 'Hure' beschimpft."

Timo Lehmann hat sich in der SZ mit der "selbsternannten 'Polittunte'" Patsy l'Amour laLove über Sprechverbote und Ehe für alle unterhalten. Der selbsternannte Journalist gibt dabei den Verteidiger queerer Theorien, die Patsy l'Amour laLove vehement ablehnt. Warum etwa sollen nicht auch Heterosexuelle über Homosexualität sprechen dürfen? "Niemand kann hundertprozentig nachvollziehen, was in dem Kopf des anderen vorgeht oder was ein anderer gefühlt hat während einer Erfahrung. Aber wenn wir glauben, Heterosexuelle können die Situation von Homosexuellen überhaupt nicht nachvollziehen, dann müssten wir das mit dem Sprechen auch ganz sein lassen. Dann muss man das zu Ende denken, und niemand könnte den anderen verstehen."

Was bringt es, in einem Land wie dem Iran aufzutreten? Unterstützt man damit das Regime, oder eher einzelne Mutige? Christine Lemke-Matwey begleitet für die Zeit Riccardo Muti, der dort im Rahmen der Initiative "Roads of Friendship" mit iranischen und italienischen Musikern Verdi dirigiert. Doch, meint sie, es kommt auch gutes dabei heraus. Beim Konzert platzt ihr dann aber doch der Kragen: "Dieses Programm, das nur Männer-Arien und Männer-Duette kennt, um das Gesangsverbot für Frauen zu umgehen, ist eine Frechheit. Weil es ins Bild bannt, was sein soll, und nicht, was sein könnte. Bei Verdi springt einem das Umstürzlerische, das Utopische förmlich aus jeder Note entgegen. Dieses Programm aber gehorcht der Staatsräson: Der Mann stehe vorne und führe, die Frau sitze massenweise dahinter und diene! An ­ Verdi, an so überlebensgroßen Frauengestalten wie Gilda, Violetta, Aida oder Desdemona ist das der größtmögliche Verrat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2017 - Gesellschaft

In Deutschland ist die Zahl der von Genitalverstümmelungen bedrohten Mädchen deutlich gestiegen, erklärt die Wissenschaftlerin und Terre-des-Femmes-Mitarbeiterin Charlotte Weil im Interview mit SZ online. Grund sei der erhöhte Anteil von Flüchtlingen aus Eritrea, Somalia und dem Irak. In Deutschland wird Beschneidung von Mädchen mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft, allerdings wurde laut Weil nie jemand dafür verurteilt. Auch sie setzt mehr auf Aufklärung: "Man muss wissen, dass Mütter ihre Töchter beschneiden lassen, weil sie das Beste für sie wollen. In den betreffenden Kulturen können Mädchen sonst nicht heiraten, vielfach werden sie sogar verstoßen. Daher sind wir auch dagegen, bedrohte Mädchen direkt von ihrer Familie zu trennen." Ihr Ansatz: "Einzelne Mitglieder der Communities so ausführlich schulen, dass sie ihre eigenen Leute aufklären können. Denn Außenstehenden ist dieser Zugang meist verschlossen."

In der Berliner Zeitung amüsiert sich André Mielke mächtig über die Aufregung, die die Bild Zeitung mit ihren Steckbriefen von Hamburger Steinewerfern ausgelöst hat: "Sensiblere Medien" protestierten empört gegen diese Verletzung von Persönlichkeitsrechten. "Tagesschau.de pochte auf das Kunsturhebergesetz: Bildnisse dürften 'nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet werden', zum Beispiel, wenn der 'dafür, dass er sich ablichten ließ, eine Entlohnung erhielt.' Ich habe mir vor Lachen in die Jogginghose geschifft. Spaß. Nein, ich dachte an 1992, Rostock-Lichtenhagen, vor dem brennenden Vietnamesenwohnheim: Harald Ewert hackedicht im DFB-Trikot, mit glasigem Blick den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben, einen korsikaförmigen Fleck im Schritt seiner grauen Jogginghose. Der Fotograf kam zu Geld und Ewert vor Gericht. Ich hielt sein Porträt bisher für ein rechtmäßiges Dokument der Zeitgeschichte ... Werch ein Illtum."

In der Welt protestiert SPD-Mitglied Angela Marquardt empört gegen die Behauptung, Rechte und Autonome würden sich in ihren Extremen nicht unterscheiden. Gewalt ist überhaupt nicht links, stellt sie klar. Und: "Links sein bedeutet für mich, diesen Rechtsstaat zu verteidigen und auszubauen. Faschismus hingegen will den Rechtsstaat auch mit Gewalt abschaffen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2017 - Gesellschaft

In bürgerlichen Medien äußern heute viele Stimmen ihr Verständnis für die Gewalt des "Schwarzen Blocks".

Die Publizistin Barbara Sichterermann bekennt ihr Verständnis im Gespräch mit Dinah Riese von der taz in authentisch erhaltener Siebziger-Jahre-Sprache: "Gewalt komplett abzulehnen, Pazifist zu sein, ist ein ehrenwerter - und einfacher - Standpunkt, den auch viele der Protestierenden in Hamburg vertreten haben. Aber wenn ich mich in einen jungen Autonomen hineinversetze, der sieht, wie die neoliberale Politik überall in der Welt die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher macht, und der dann aus Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung einen Stein oder einen Brandsatz wirft - dann bleibt da irgendwo ein kleines Restverständnis."

Auch Jakob Augstein fragt in seiner Spiegel-online-Kolumne, ob es "der funktionierenden Demokratie einen legitimen Ort für außerstaatliche Gewalt" gibt und finde am Ende sogar, dass die Gewalt ein Zeichen für ihr Funktionieren sei: "Gegen vehementen Widerstand lässt sich in der offenen Gesellschaft kein staatliches Handeln durchsetzen - ganz gleich, wie rechtmäßig es ist. Das ist eben der Unterschied zur Diktatur."

Und der Ex-Rafler Karl-Heinz Dellwo stellt sich in der taz mit der ganzen Autorität seines Veteranentums "gegen das Distanzierungsverlangen .., das nun überall auftritt, weil dieses Distanzieren die Möglichkeit des Erkennens blockieren will... Im Distanzierungs- und Bekenntniszwang geht es um die Hegemonie der Vermittlung, also um Herrschaft und die etablierte Ordnung, die allerdings zum G20-Gipfel massenhaft, nicht nur durch die Militanten, infrage gestellt wurde. Ihr G20-Gipfel ist gescheitert."

Im Interview mit der SZ fordert schließlich die italienische Soziologin Donatella della Porta eine neue Definition von Gewalt und die Anerkennung, dass Gipfelproteste schon viel Gutes bewirkt haben: "Es gibt auch konkrete politische Abkommen, die auf aktivistischen Druck verabschiedet wurden, zum Schutz von Kindersoldaten oder im Waffenhandel etwa. Allgemein haben die Proteste gegen diese Art politischer Gipfel bewirkt, dass sich soziale Grundrechte fest im politischen Denken der sogenannten Millennial-Generation verankert haben. Das wird sicherlich noch für politischen Wandel in den nächsten Jahren sorgen."

"Nichts als Verachtung" bekennt in der Welt Peter Schneider für bürgerliche Sympathisanten (wobei er Christian Ströbele und Jutta Ditfurth im Sinn hat). Er würde ihnen die Lektüre der Novellen "Verbrecher aus verlorener Ehre" oder "Michael Kohlhaas" von Schiller und Kleist empfehlen: "Der von einer Idee getriebene Verbrecher erscheint zunächst edler und verständlicher in seinem kriminellen Tun, weil er ja nicht aus 'niedrigen Beweggründen' handelt... Er begeht die Tat exemplarisch, in einem imaginierten höheren Auftrag, um ein ungeheures, nicht nur ihm persönlich, sondern der Menschheit angetanes Unrecht anzuzeigen. Deswegen muss er seinen symbolischen Akt im Prinzip in unendlicher Folge wiederholen, bis sein Ziel erreicht ist - die Herstellung der Gerechtigkeit."

Außerdem: In der FAZ erkennt die Soziologin Barbara Kuchler soziale Gründe für die allgemeine Anerkennung der "Ehe für alle".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2017 - Gesellschaft

Visa bietet Gaststätten Geld, wenn sie kein Bargeld mehr nehmen, berichtet Peter Mühlbauer in Telepolis. Das gelte vorerst aber nur für die Vereingten Staaten: "Beim Visa-Investorentag im letzten Monat soll Visa-CEO Al Kelly verlautbart haben: 'Wir konzentrieren uns darauf, Bargeld aus dem Geschäft zu drängen'. Der Grund für dieses Vorhaben liegt auf der Hand: bei Bargeldgeschäften können Unternehmen wie Visa nicht zwei bis drei Prozent des Umsatzes für sich selbst abzweigen. Aber auch der Weltwährungsfonds IWF hat als eines seiner Ziele ein 'de-cashing' der Wirtschaft ausgegeben."

Außerdem: Wolfgang Müller bezweifelt im Freitag, dass die schwule Subkultur verschwindet, nur weil jetzt die "Ehe für alle" erlaubt ist. Im Interview mit dem Tagesspiegel fordert der Berliner SPD-Fraktionschef Raed Saleh klare Regeln für das Zusammenleben in der Zuwanderungsgesellschaft, einen german dream sozusagen. In der NZZ ermuntert der ehemalige Unternehmer Hans Widmer, gelegentlich auf schlechte News zu verzichten und sich vor Augen zu führen, dass die Welt eigetlich immer besser wird.
Stichwörter: Bargeld

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2017 - Gesellschaft

Ein Auslaufmodell sind die Kämpfer des "Schwarzen Blocks", der irgendwann mal in den Achtzigern entstand, und zwar ein ziemlich komisches, meint Isolde Charim in der Wiener Zeitung: "Diese Autonomen wollen nur spielen - Krieg spielen. Von daher rührt auch die große Diskrepanz zwischen ihren proklamiertem Ziel - dem 'Untergang des Kapitalismus' - und dem, was sie als Erfolg verbuchen: das Recht auf Schlafen in den Camps durchgesetzt zu haben! Die Protokollstrecken blockiert zu haben! Den Gipfel verzögert zu haben!" Aber diese "antiimperialistisch-autonome Linke" aus dem "Revolutionsmuseum"  trägt an den Krawallen die Hauptschuld, meint Andreas Fanizadeh in der taz-Essay.

Und Arno Widmann fragt sich in der Berliner Zeitung, ob das ganze nicht eine virtuose List der Kanzlerin war: Sie inszeniert sich als Gastgeberin der Granden, und einer der beliebtesten SPD-Politiker, der sie in vier Jahren gefährden könnte, kann nicht mal die Probleme vor seiner Haustür lösen.
Stichwörter: Schwarzer Block, Autonome

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2017 - Gesellschaft

Nina Apin fragt sich in der taz, ob nicht der von dem britischen Autor Jack Urwin in Umlauf gebrachte Begriff der "toxischen Männlichkeit"  auf die Hamburger Krawalle zu applizieren wäre: "Männer begehen - und das ist jetzt keine Modediagnose, sondern Kriminalstatistik - den Löwenanteil an sämtlichen Gewalttaten, von häuslicher Gewalt über Körperverletzung und Sexualstraftaten bis zum Mord oder Amoklauf. Die Männergewalt schadet auch den Männern selbst, wie Urwin aufzeigt: Sie begehen viel häufiger Selbstmord als Frauen, sterben früher. Lassen sich auch die Gruppenausschreitungen in Hamburg als Aufführung eines toxischen Rituals lesen? Zusammen Steine schmeißen - und nach geschlagener Schlacht reißt man sich das durchgeschwitzte Shirt vom Leib und ext zusammen ein paar Bier, getragen vom Hochgefühl der eigenen Männlichkeit?" Bingo.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2017 - Gesellschaft

Mit einer gewissen Bitterkeit konstatiert der katholische Theologe David Berger, wie er vom gefeierten schwulen Kirchenkritiker zum angeblich homophoben Rechten mutierte. Der Umschwung in der öffentlichen Meinung setzte in dem Moment ein, so Berger, als er neben der Schwulenfeindlichkeit der Katholischen Kirche auch die des Islam anprangerte. Und nachdem er in seinem Blog Johannes Gabriels Text zur Homo-Ehe veröffentlicht (und nicht geschrieben hat, wie er betont), war er endgültig unten durch: "Abweichende Meinungen werden sofort als rechte Hassrede abqualifiziert. So kommt es, dass plötzlich liberale Muslime als islamophob gelten und schwule Kritiker der Homo-Ehe als homophob. Ich gebe zu: Ich bin zwar ein libertärer Homosexueller, aber in manchen Fragen bleibe ich ein Konservativer. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass mich ausgerechnet das linke Neue Deutschland verteidigen könnte: Nach dem Shit­storm gegen 'Johannes Gabriel' warnte die Tageszeitung vor einer ideologischen Einheitsfront, die dissidente Meinungen gnadenlos verdrängt, um ihre 'totalitäre Selbstgewissheit' nicht zu gefährden."

Einfach unmöglich findet es in der SZ Meredith Haaf, Gründerin des sich als feministisch verstehenden Blogs Mädchenmannnschaft, dass sich die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes dafür ausgesprochen hat, das Kopftuch bei Kindern zu verbieten. Das ist doch "nahe am Rechtspopulismus", ruft sie empört. "Sollen neunjährige Mädchen von der Polizei die Kopftücher entfernt bekommen? Sollen 16-Jährige mit Kopftuch jederzeit mit Ausweiskontrollen und Bußgeldbescheiden rechnen müssen? Wie sich diese Art von Gesellschaftsverbesserungsmaßnahmen auswirkt, konnte man im vergangenen Jahr in Frankreich beobachten, wo Ordnungshüter Strandbesucherinnen dazu zwangen, ihre Burkinis auszuziehen. Soll der westliche Säkularismus in all seiner bleichen Glorie als Leitideal wirklich an den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft - Kindern - exerziert werden?"

Ahmad Mansour legt in der Welt einen Zehnpunkteplan gegn den Islamismus vor. In Punkt 1 geht's um Bildung. Unter anderem will Mansour einen konfessionsübergreifenden Religionsunterricht: Und "an allen Schulen müssen die Fächer Ethik und Politische Bildung zur Pflicht werden. In ihnen werden aktuelles politisches und gesellschaftliches Geschehen sowie Nachrichtenthemen intensiv mit den Lernenden besprochen. Die Jugend von heute ist sehr politisch interessiert, gerät aber oft an unseriöse Quellen. Was in der Schule nicht erklärt wird, erklären ihnen gerne die Islamisten. So finden sie Raum, ihre einfachen Schwarz-Weiß-Bilder und ihren Hass gegen den Westen unter Jugendlichen zu propagieren."

Spießer ist immer der andere! In der NZZ denkt Paul Jandl über das Verhältnis von Stadt und Land nach: "Auf klassische Weise spießig zu sein, ist nicht einfacher geworden, und auch die gegnerische Seite hat ihre Nöte. In der innigen Distinktionsbeziehung zwischen angeblichen Spießern und angeblichen Nichtspießern kehren sich die Vorzeichen bisweilen um. Die Aufweichung der Rollen führt dazu, dass man die Attribute tauscht. In den intellektuellen Ballungszentren der Grossstädte kann es gar nicht ländlich genug zugehen, wie zum Beispiel die Transformation des Berliner Prenzlauer Bergs in eine Art Hybrid-Dorf voller Tante-Emma-Läden zeigt. Auf der anderen Seite gilt manchem Soziologen der stetige Rückgang beim Verkauf von Wohnzimmerschrankwänden als Indiz dafür, dass auch die Modernitätsverweigerung auf der Suche nach einer neuen Ästhetik ist."
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