9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2017 - Gesellschaft

Die Probleme, die den Hintergrund der Debatte um das "bedingungslose Grundeinkommen" bilden, müssen wirklich ernst sein, wenn man die Gegenvorschläge des Volkswirtschaftlers Henning Meyer in der SZ liest, die eher noch unheimlicher klingen. Das Grundeinkommen, so kritisiert er plausibel, schaffe neue Ungerechtigkeiten. Er bevorzugt dagegen eine Beschäftigungsgarantie, die dazu führt, dass sich die Bürger Jobs zuweisen lassen müssen: "Regierungen würden über eine solche Garantie indirekt als Arbeitgeber der letzten Instanz auftreten, was de facto bedeutet, dass die Bezahlung einer Beschäftigung von deren Inhalt entkoppelt wird. Diese Entkoppelung würde ein zusätzliches Politikinstrument schaffen, um gezielt sinnvolle Beschäftigung zu ermöglichen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels könnte dadurch zum Beispiel Beschäftigung in bisher unterversorgten Bereichen, wie etwa in der Kranken- und Altenpflege, generiert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2017 - Gesellschaft

Die Idee der vernetzten "Smart City" sei nur eine durchschaubare Strategie von Konzernen wie "Oracle, IBM und Co.", Zugriff auf Städte und Bürgerdaten zu gewinnen, meint Julia Manske vom Berliner Thinktank Stiftung Neue Verantwortung in der taz: "Es werden auch Unmengen persönlicher Daten und Bewegungsprofile der Bevölkerung gesammelt. Der Widerstand der Datenschützer ist hier durchaus nachzuvollziehen. Er richtet sich nicht gegen die Veröffentlichung von Busplänen, Wetterdaten, Straßendaten, Daten über öffentliche Gebäude oder Haushaltspläne. Diese sollten unbedingt von Städten genutzt und frei zur Verfügung gestellt werden. Kritisiert wird die Sammlung und Nutzung der Bürgerdaten."
Stichwörter: Smart Cities

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2017 - Gesellschaft

Der Paragraf 175 wurde erst 1969 entschärft und in den Neunzigern abgeschaft. Jetzt will Justizminister Heiko Maas Opfer rehabilitieren. Pepe Egger porträtiert für den Tagesspiegel einige Männer, die noch aufgrund des Paragrafen 175 verurteilt worden sind, zum Beispiel den Elektriker Klaus Born, der sagt, dass er sich erst ab 1973 frei fühlte, weil sein Chef ihm sagte, dass ihn seine Vorstrafe wegen Paragraf 175 nicht kümmere: "1973, da war Schwulsein schon seit vier Jahren nicht mehr verboten, vorbestraft war Born noch immer, verurteilt 1963, in einer Verhandlung, 'da waren zwei Schulklassen, da musstest du drüber reden, wie gefährlich wir sind und wie krank, damit wir die nicht anstecken'. Hinterher hatte Born jahrelang keine Arbeit gefunden, 'man war ja schwul', sagt er."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2017 - Gesellschaft

Die taz bringt pünktlich zum fünfzigsten Todestag Benno Ohnesorgs eine riesige Beilage zum Thema "Gegenöffentlichkeit" - ein Begriff, der heute nicht unproblematisch ist, so Jan Feddersen im Editorial. Nicht nur, weil Rechtspopulisten ihn für sich beanspruchen - auch bei der sich selbst als "links" betrachtenden Fraktion: "Schon am Beispiel Wikileaks lässt sich heute plausibel machen, dass ein Mann wie Julian Assange und seine Freund*innen kaum mehr als politische Hasardeure sind - und zwar im Gewand der Aufklärer. Wie sich mehr und mehr herausstellt, ist die Enthüllungsplattform kaum mehr als ein Instrument nützlicher Idioten im Sinne der antidemokratischen Politiken Putins: Donald Trump und die Seinen freuten sich im Kampf gegen die demokratischen Bewegungen in den USA tüchtig. Denn: Wo haben denn die Wikileaks etwas zu oligarchischen Systemen in Russland oder im arabischen Kontext blamiert?"

Perlentaucher Thierry Chervel will in einem Gastbeitrag die Hysterie um den Begriff der "Fake News" nicht mitmachen: "Es ist eigentlich eine Banalität, aber es kann angesichts aktueller Diskussionen über Facebook und Fake News nicht schaden, sich dies vor Augen zu halten: Mussolini, Lenin, Hitler und Stalin sind auch ohne Facebook hochgekommen. Sie nutzten die modernsten Medien ihrer Zeit. Zeitungen waren historisch gesehen nur in einigen Jahrzehnten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg jene Garanten der demokratisch vor sich hin deliberierenden Öffentlichkeit, die Habermas idealisierte. Zeitungen waren über Jahrzehnte hinweg vor allem Partei- und Propagandainstrumente."

Und taz-Gschäftsführer Kalle Ruch denkt über die kaum mehr zu übersehende Asymmetrie zwischen automatisch finanzierten Öffentlich-Rechtlichen und leidenden Informationsmedien im privaten Sektor nach: "Beide Systeme werden ihre Publikationskanäle in Zukunft im Internet betreiben und auch miteinander im Wettbewerb stehen. Wie soll das aber ausgehen, wenn die einen über Milliarden von Gebühren verfügen und die anderen damit beschäftigt sind, ihre Aufwendungen den drastisch fallenden Erlösen anzupassen?"

Nur ein paar weitere Rosinen: In dem Dossier erinnert sich unter anderem Bahman Nirumand an den Schahbesuch vor fünfzig Jahren. Micha Sontheimer schreibt über die unselige Rolle der Springer-Presse in der Zeit. Annabelle Seubert besucht den Ort, an dem Benno Ohnesorg starb. Andere Artikel memorieren die Gründung der taz (hier) und die Rolle von Tschernobyl für die Zeitung (hier).

Weitere Themen: Ausgelöst durch den kürzlich veröffentlichten Antisemitismus-Bericht des Deutschen Bundestags machen sich  Inna Hartwich in der NZZ und Danijel Majic in der FR Gedanken über den wachsenden Antisemitismus in Deutschland.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2017 - Gesellschaft

Jost Maurin unterhält sich in der taz mit dem Tiermediziner Michael Marahrens  über  ein Thema, das alle Fleischesser gerne verdrängen - Schlachthöfe, in denen die Tiere trotz der Vorschriften leiden müssen: "Schweine fahren meist in Gondeln in eine Grube, wo die Luft zu mindestens 80 Prozent aus Kohlendioxid besteht. Dieses Gas hat eine betäubende Wirkung..." Die beste Wahl sei eine Betäubung mit CO2 dennoch nicht: "Wenn die Schweine Luft mit hohen CO2-Anteil einatmen, haben sie das Gefühl, zu ersticken. Darauf reagieren sie mit erheblicher Panik, reißen die Schnauzen nach oben, schreien. Dieser Todeskampf wird bei vorhandenem Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen durchlebt. Er dauert 15 bis 20 Sekunden."
Stichwörter: Tierschutz, Schlachthöfe

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2017 - Gesellschaft

Ein großer Teil des Zulaufs für den Populismus kommt vom Land, schreibt der britische  Historiker und Kolumnist Simon Kuper in der NZZ, und die Diskrepanz zwischen Land und Stadt sei inzwischen so beträchtlich, dass Kuper einen Vorschlag macht: "Es ist ungerecht, Menschen reich zu machen, nur weil sie zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort eine Wohnung gekauft haben. Und es ist noch ungerechter, ihre Erben reich zu machen. Stattdessen sollten wir den Hausverkauf besteuern und dieses Geld auf dem Lande ausgeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2017 - Gesellschaft

Die Zukunft war mal weiblich. Nun ist sie "Slim Fit" und wird verkörpert Politikern mit flachem Bauch wie Emmanuel Macron und Christian Lindner, meint Martin Reichert in der taz: "Der Schnitt 'Slim Fit' läuft manchmal auch unter 'Body Fit' und bedeutet: am Körper anliegend, die Körperform betonend. 'Slim Fit'-Hemden und T-Shirts weisen eine Taillierung auf, welche durch Abnäher an den Rücken- oder Seitennähten oder durch eine entsprechende Form der Schnittmuster erreicht wird. 'Slim Fit'-Oberteile sind häufig kürzer als 'Regular Fit'-Modelle und reichen nur etwa bis auf Höhe des Hosenbundes. Dieser absolute Schlankheit erfordernde Schnitt wurde früher ausschließlich der Damenwelt auferlegt, seit einigen Jahren nun aber auch den Männern."
Stichwörter: Körperideale

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2017 - Gesellschaft

Wehret den Anfängen!, ruft ein alarmierter Harald Welzer in einem Artikel aus dem Zeit-Ableger Zeit Wissen, der jetzt online steht und erklärt den Begriff der "Shifting Baselines", die durch eine Gewöhnung der Gesellschaft an "rechte" Parolen entstehen: "Da meinte der Generalsekretär der CSU sagen zu können: 'Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier - als Wirtschaftsflüchtling -, den kriegen wir nie wieder los.' Hätte der Generalsekretär einer Regierungspartei sich vor zwei Jahren derart rassistisch geäußert, hätte er sein Amt sofort niederlegen müssen. Heute darf er es sagen - shifting baseline."

Eine Reihe von mit Verkehrsthemen befassten Autoren fragen in der taz, warum auf das selbstfahrende Auto wie auf einen Messias gewartet wird, statt dass jetzt schon umgesetzt wird, was möglich ist. Sie machen einige Vorschläge - hier der einfachste: "Zebrastreifen: Fußgängerfurten und Zebrastreifen können schon heute von Kraftfahrzeugen 'gesehen' und die Fahrzeuge gegebenenfalls angehalten werden. Dadurch werden, wie bei den Ampeln, die Sicherheit erhöht und das gute Miteinander gefördert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2017 - Gesellschaft

Vorurteile gegenüber dem politischen Gegner sind in den USA inzwischen ein größeres Problem als Vorurteile gegenüber einer anderen Hautfarbe, meint in der NZZ der in New York lehrende Sozialpsychologe Jonathan Haidt. Er beruft sich dabei unter anderem auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Pew Research wonach die Amerikaner konträre politische Auffassungen nicht als irrig, sondern zunehmend als böse und bedrohlich ansehen: "Für die übrige Welt ist das eine Warnung, denn einige der Trends, die Amerika an diesen Punkt getrieben haben, treten auch in vielen anderen Ländern auf. Dazu gehören etwa ein höheres Bildungsniveau und stärkerer Individualismus (wodurch Menschen ideologischer werden); zunehmende Immigration und ethnische Vielfalt (wodurch soziales Kapital und Vertrauen reduziert werden); und stagnierendes Wirtschaftswachstum (was zu einer Null-Summen-Mentalität führt)."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2017 - Gesellschaft

Der Fall eines jüdischen Jungen, der an einer Schule in Friedenau antisemitisch beleidigt wurde, ist kein Einzelfall, warnt Sergey Lagodinsky in der taz: "Friedenau ist überall! Seit Monaten, ja schon Jahren erreichen uns Berichte über die Zustände an deutschen Schulen: 'Jude' als Schimpfwort auf den Schulhöfen, Schüler, die sich weigern, über den Holocaust zu lernen, jüdische Lehrerinnen, die von Schülern antisemitisch terrorisiert werden. Mag sein, dass einiges davon unbestätigt bleibt, mag sein, dass einiges pubertäres Gehabe oder Provokationen sind, die sich nicht gegen konkrete Juden richten. Doch welche Antworten haben wir an eine Mutter, die ihrem jüdischen Sohn beigebracht hatte, sich in Deutschland nicht, wie seine Großeltern, seiner Herkunft wegen zu fürchten, und der sie fragt, warum andere einander 'Jude' schimpfen?"
Stichwörter: Antisemtismus
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