9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2018 - Gesellschaft

Die #MeToo-Bewegung müsste sich mit der Kampagne gegen Gewalt in der Arbeitswelt vernetzen, zumal dieses Thema gerade auch auf der Tagesordnung der diesjährigen Internationalen Arbeitskonferenz steht, fordert Beate Willms in der taz: "Schwedische Gewerkschaften berichten über sexuelle Übergriffe in der Hotellerie, brasilianische über Belästigungen von Bankkauffrauen, indische Menschenrechtsorganisationen über Vergewaltigungen von Busfahrerinnen, Arbeitsrechtlerinnen haben sexualisierte Gewalt gegen Arbeiterinnen in den Fischfabriken Papua-Neuguineas oder gegen Verkäuferinnen in Sambia aufgedeckt."

In der SZ schlägt Susan Vahabzadeh hingegen eine Art "Kommission für Wahrheit und Versöhnung" vor, wie es sie in Südafrika am Ende der Apartheid gab: "Man kann das Verhältnis von Männern und Frauen nicht von einer Behörde verwalten lassen, aber einen gesellschaftlichen Prozess, in dem es einen Schlussstrich und einen Neuanfang gibt - den bräuchten wir trotzdem, so eine Art gesellschaftliche Entgiftung. Sonst gilt weiterhin dasselbe ungeschriebene Gesetz wie immer schon: Wer lügt, hat die besseren Karten."

Derweil ist in Saudi-Arabien die erste Roboterfrau eingebürgert worden. Ihr Name: Sophia, ihr Gesicht ist Audrey Hepburn nachempfunden und - sie muss nicht mal einen Hijab tragen, berichtet Adrian Lobe in der NZZ. Kein Grund für FeministInnen zu triumphieren, winkt Lobe ab, denn Sophia habe weder einen eigenen Willen noch Sexualität: "Die Frau als Maschine ist der ultimative Macho-Traum: Sie gehorcht auf Knopfdruck, ist willig, man kann sie besitzen, wegwerfen oder neu erschaffen. Als würde sich der Feminismus persiflieren, wird ein solcher Fembot durch die Einbürgerung nun auch noch legitimiert, ja nobilitiert. Ali al-Ahmed, Direktor des Institute for Gulf Affairs in Washington, sagte gegenüber dem Magazin Newsweek, die Frauen in Saudiarabien hätten mit dem Tag der Einbürgerung 'Selbstmord' begangen, 'weil sie das Haus nicht verlassen konnten und Sophia herumrannte'."
Stichwörter: #MeToo, Feminismus, Roboter

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2018 - Gesellschaft

Gleich drei taz-Autoren gehen auf die Frage ein, ob der in den USA bekannte US-Comedian Aziz Ansari bei einem Date übergriffig geworden sei - von Gewalt ist in dem Text einer 23-Jährigen namens Grace bei babe.net zwar nicht die Rede. Die "journalistisch unsaubere" Geschichte (so die taz-Autorinnen) hat aber ein eher trübes Licht auf die #MeToo-Debatte geworfen. Und so geht es los, das Stochern in Details: "Wenn man der Geschichte und ihren Details Glauben schenkt, hat Grace jedoch nonverbal zu verstehen gegeben, dass sie keinen Sex mit Ansari will. Und ist dann doch immer noch einen Schritt weitergegangen, bis sie sich letztendlich dazu durchringen konnte, die Wohnung zu verlassen und in ein Taxi zu steigen." Die taz-Autorinnen plädieren nach Sichtung aller Unwägbarkeiten der Geschichte für eine klare "Ja heißt Ja"-Regelung nach schwedischem Modell.
Stichwörter: #MeToo, Metoo

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2018 - Gesellschaft

Nach offizieller ägyptischer Lesart leitete der Aufstand am Tahrir Platz in Kairo eine Zeit des Chaos und der Anarchie ein, die zum Wahlsieg der Muslimbrüder führte. "Revolution" gab es erst mit der Machtübernahme des putschenden damaligen Verteidigungsministers Abdel Fattah al-Sisi. Um dieser Lesart entgegen zu treten hat das ägyptische Medienkollektiv "Mosireen" mit "858.ma", ein Video-Archiv des Aufstandes auf dem Tahrir-Platz ins Netz gestellt, berichtet Paul-Anton Krüger in der SZ: "Videos der Sprechchöre zu sehen, mag für viele schmerzhaft gewesen sein, wirkte aber vielleicht auch wie ein Antidot gegen die Angst. Und gegen die Tendenz von Google, Facebook, Youtube, Twitter und Co. - den einstigen Verbündeten der Aufständischen - , Zugänge von Aktivisten zu sperren oder gar zu löschen. So hatte Twitter das Konto des ägyptischen Bloggers Wael Abbas ohne Begründung und Zeitangabe gesperrt. Abbas hat Preise dafür bekommen, dass er Menschenrechtsverletzungen dokumentierte, etwa Folter-Videos aus einer Polizeistation ins Netz stellte: 250.000 Tweets, Zeugnisse von Polizeigewalt, Demonstrationen, sind nicht mehr zugänglich. Der Protest vieler seiner 350.000 Abonnenten nutzt nichts; das Regime ist höchst erfreut."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2018 - Gesellschaft

Bernard-Henri Lévy liest für seine Kolumne in La Règle du Jeu das Buch mit dem irgendwie bekannten Titel "J'accuse !" von Alexis Lacroix, das die Geschichte des französischen Antisemitismus, besonders auch des linken seit der Dreyfus-Affäre erzählt und berichtet von der Linke immer wieder überraschenden Erfahrung, "dass sich der alte Hass und der kriminelle Impuls, wenn sie sich mit Antikapitalismus, der Anklage der Hochfinanz oder heute dem Antizionismus verbinden, scheinbar in Vernunft auflösen und sogar in so etwas wie Gerechtigkeit... Der Antisemitismus ist niemals ein simpler Wahn. Er ist nie gewalttätiger als in den Momenten, wo er seine Aussagen in eine rationale Argumentationskette einbettet. Und darum - Lacroix' Beweisführung ist hier gnadenlos - ist er am wirksamsten, wenn er die längst dekontaminierten Gelände der christlichen oder rassistischen Judenfeindlichkeit verlässt und im Arsenal der gegenwärtigen wohlmeinenden Gefühle und Viktimologie fischt: das alte, zuerst von Edouard Drumont in 'La France juive' und von der heutigen Islamolinken reaktivierte Lied der Verteidigung der 'Demütigen', der 'Kleinen', der 'Opfer des Systems'. Eine Geschichtsstunde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2018 - Gesellschaft

Catherine Deneuve erklärt in Libération noch einmal, warum sie das #MeToo-kritische französische Papier unterzeichnet hat, obwohl sie sich von den Äußerungen einiger Mitunterzeichnerinnen distanziert und sich bei Gewaltopfern, "die das Papier als gewalttätig empfunden haben", entschuldigt: "Ich habe dieses Papier schließlich aus einem in meinen Augen wesentlichen Grund unterzeichnet: der Gefahr der Säuberungen in der Kunst. Wird man einst die Pléiade-Bände des Marquis de Sade verbrennen? Leonardo da Vinci als pädophilen Künstler bezeichnen und seine Gemälde verhängen? Die Gauguins in den Museen abhängen? Die Zeichnungen Egon Schieles vernichten? Die Platten von Phil Spector verbieten? Dieses Zensurklima macht mich sprachlos und lässt mich mit Sorge an die Zukunft unserer Gesellschaften denken."

Gleich drei Beiträge zu #MeToo brachte gestern die FAS. Friederike Haupt macht darauf aufmerksam, dass die Gewalt, die in Hollywood nun angeprangert wird, ein paar Blöcke weiter in der Pornoindustrie als Mentalität gefeiert wird: "Das ist kein Problem nur einiger weniger; die amerikanische Pornoindustrie setzt ähnlich viel Geld um wie Hollywood. Und ihre Filme haben deutlich mehr Zuschauer, nicht nur in Amerika, auch in Deutschland. Aber die Frauen, die dort geschunden werden, haben weniger Macht als Hollywoodschauspielerinnen. Sie haben keine Anwälte und keine Millionen Follower auf Twitter, die sie verehren."

Die Produzentin Regina Ziegler macht sehr pragmatische Vorschläge: "Es sollte in den Produktionshäusern Vertrauenspersonen geben, denen sich Frauen anvertrauen können. Nicht per Gesetz verordnet, sondern aus schierer Vernunft eingerichtet. Und denen, die missbraucht wurden, wäre zu raten, dass sie alles tun, um Beweise zu sichern. Auch wenn ihre Scham sie daran hindern möchte. Wenn ein Wort gegen das andere steht, muss es etwas geben, das den Ausschlag gibt. Schon eine genaue Notiz über die Umstände könnte helfen, auch noch nach Jahren."

Und Catherine Millet, eine der Autorinnen des französischen Aufrufs, hält im Gespräch mit Annabelle Hirsch an ihrer Kritik an #MeToo fest: "Ja, für mich huldigt ein Großteil dieser Feministinnen einer puritanischen Utopie, in der die Komplexität der Sexualität vollkommen glattgebügelt wird. Um eine sexuelle oder sogar nur eine romantische Beziehung mit einem anderen einzugehen, muss einer offensiv sein, sonst passiert nichts. Da kann es schon mal sein, dass man sich ungeschickt oder plump verhält. Ist das so entsetzlich?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2018 - Gesellschaft

Auf ZeitOnline kann die Schriftstellerin Nino Haratischwili nicht einstimmen in die Begeisterung über den glamourösen Auftritt der Hollywood-Diven, in schwarzen Roben für #MeToo. Bizarr findet sie das Bild, das diese Frauen vermitteln, mit all dem Botox und verhungerten Körpern, dank Essensverzicht und dem Klammern an eine Schönheit, die nicht vergehen darf: "Was wäre gewesen, denke ich mir, hätte man sich anstelle der schwarzen Roben, welche die Damen in einen dunklen Glanz tauchen, für Turnschuhe und Jeans entschieden, für Joggingklamotten und für keinerlei Versuche, sich schöner zu machen, als man es ohnehin ist. Mag sein, dass Hollywood kein Maßstab für die Normalsterblichen ist. Dass es dort stets darum gegangen ist, aus Seifenblasen Realitäten zu erschaffen. Aber Hollywoods Protagonisten wollen ja unbedingt an die Realität anknüpfen, davon sprechen sie ja unentwegt. Allerdings propagieren und feiern sie Freiheit, wo keine ist. Die Fassade wird am deutlichsten sichtbar, sobald sie an ihr zu rütteln beginnen. Mit dem glanzvollen Gerede von Time's up verhält es sich ungefähr so wie mit einer manisch Kalorien zählenden, sportsüchtigen Freundin, die immerwährend predigt, jeder Körper sei schön."

In der NZZ sieht Claudia Schwartz mit Unbehagen, wie sich Medien an die #MeToo-Kampagne heften, ohne zwischen Verdacht und Urteil, Pranger und Diskussion zu unterscheiden. "Skandalisierung des Skandalösen ist berechtigt, wo sie gesellschaftliche Veränderung zum Ziel hat. Wenn allerdings angesehene Medien nun ähnliche Methoden anwenden und Sexismus, charakterliche Defizite oder Altherrenwitze bewusst in die Nähe schwerer Straftaten von sexueller Gewalt rücken, mutet das angebliche Bestreben, sich über berechtigte Empörung auf gesellschaftliche Werte zu verständigen, heuchlerisch an." Und weiter schreibt sie: "Eine einzelne Namensnennung hinterfragt nie ein System. Neil Postman sprach einmal von Information, 'die vortäuscht, man wisse etwas, während sie einen in Wirklichkeit vom Wissen weglockt'."

Auf ZeitOnline verteidigt Sabine Rückert, dass die Zeit die Vorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel öffentlich gemacht hat, bei denen es, wie sie betont, nicht um eine Hand auf dem Knie geht, sondern um verjährte, aber  hochaggressive sexuelle Attacken gegen die beiden Frauen, die auch mit ihrem Namen zu den Vorwürfen standen: "Sie haben sich wochenlangen intensiven Befragungen und Recherchen zweier Zeit-Reporterinnen ausgesetzt, intime Aufzeichnungen preisgegeben und eine Psychotherapeutin von der Schweigepflicht entbunden."

In der FAZ berichtet Jürg Altwegg von der völlig verrückten Debatte in Frankreich um den Aufruf für sexuelle Freiheit. Libération hat seinen Artikel zum Thema online gestellt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2018 - Gesellschaft

Für "überfällig" und ganz im Sinne des französischen Feminismus der Sechziger hält Sarah Pines in der Welt die französische Kritik an #MeToo, die das Selbstbestimmungsrecht der Frau auf erotisches Spiel gegen unsere "spießige Prüderie" verteidige: "In den Händen der Erbinnen der 68er ist der Feminismus zu dem geworden, was er nie sein sollte: ein mit astrologischem Schwurbel bedrucktes Filzzelt, in dem aber auch wirklich alle Frauen willkommen sind, solange sie nur Promiskuität ablehnen. Draußen vor den Zelttüren hingegen verbleiben die Patriarchatssklavinnen im Minikleid und Doris Days Teewärmerhut - dem #MeToo-Feminismus (den Erbinnen der 68er) die Frage nach Sex, Mann und Frau zu überlassen, ist, als gäbe man das Rind dem Metzger und erwarte, dass er es heile."

Gestern brachte die taz ein Pro und Contra zum französischen Aufruf mit Kritik an #MeToo. Heute tritt die Gender-Feministin Hengameh Yaghoobifarah in der taz für die Contra-Seite gegen Catherine Deneuve nach, die für sie "eine Lanze für sexuelle Belästigung bricht": "Zu einem Patriarchat gehören bekanntlich nicht nur Männer, die ihre Macht verteidigen, sondern auch Komplizinnen, die genau dieses System stützen. Auch sie sind Schweine."

Etwas vornehmer drückt die Feministin Christine Bard den gleichen Gedanken in Le Monde aus - und spricht den Autorinnen des Aufrufs ab, dass sie ihre Position als feministisch verstehen könnten: "Es gab immer antifeministische Frauen, die vor Veränderung Angst hatten und feministische Forderungen gefährlich fanden. Die Widerstände sitzen nicht nur in den Köpfen der Männer, sondern auch in denen der Frauen. Es verlangt eine beträchtliche Arbeit, unseren sexistischen Habitus zu verstehen."

Ebenso deutlich pro Aufruf äußert sich der Filmkritiker Rüdiger Suchsland  auf seinem Blog Artechock. Auf den Deutschlandfunk-Kommentar Barbara Kostolnik, die Deneuve vorwarf, die eine "falsche Freiheit" einzutreten, antwortet er: "Bahn frei für die Gedankenpolizei! Wer von der 'falschen Freiheit' redet, die weiß offenbar sehr genau, was die richtige Freiheit ist. Nun ist es mit der Freiheit aber so eine Sache."

Zu "schwärmerisch" gerät Petra Kohse (Berliner Zeitung) der Aufruf: "Er ignoriert, dass die sexuelle Selbstbestimmung, um die es hier allen Parteien geht, nicht ohne gesellschaftliche und politische Gleichbehandlung von Frauen zu verwirklichen ist. Manche Frauen können in Situationen der Belästigung eben nicht 'nein' sagen, weil sie glauben, es sich in ihrer Position nicht leisten zu können."

Ist die "séduction à la française" in Gefahr, fragt Charlotte Belaich in Libération, auch mit Blick auf den Aufruf, der die Verführung verteidigt, und kommt zum Schluss, ja, und zwar zu recht. Französische Galanterie bestehe darin, die Frau auf ein Podest zu heben und sie zu beschützen, weil man sie als die schwächere ansehe: Dies sei also "eine Sicht, die eine Ungleichheit impliziert, nicht eine soziale, sondern eine natürliche, die man nicht bekämpfen kann. Bestenfalls könnte man der männlichen Gewalt einen Rahmen setzen. Auch wenn bestimmte galante Gesten keinen Sinn mehr haben - der Mann ging ausnahmsweise vor der Frau in bestimmte öffentliche Orte, weil Herbergen früher gewalttätige Spelunken  waren, heute ist das nicht mehr der Fall, wenn man ins Restaurant geht - wäre die Galanterie trotz allem, das beste, was man machen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2018 - Gesellschaft

Im Interview mit der SZ verteidigt die französische Schriftstellerin Catherine Millet ganz unbefangen den von mehr als hundert französischen Künstlerinnen unterzeichneten offenen Brief, der die ihrer Ansicht nach ausufernde #metoo-Debatte kritisiert (unser Resümee und Link zum Brief): "Missbrauch ist justitiabel. Aber mich stört der Opferdiskurs vieler Frauen. Sie bezeichnen sich als Opfer, weil Männer sie wegen eines Minirocks als Schlampe bezeichnen oder ihnen in der U-Bahn an den Hintern fassen. Meines Erachtens sind das harmlose Vorkommnisse. Eine normale, selbstbewusste Frau, der so etwas passiert, kann dem Typen in der U-Bahn eine schmieren oder sich anders wehren."

Die taz bringt ein Pro und Contra zu diesem Text, der die "sexuelle Freiheit" inklusive schlechter Anmache gegen einen Puritanismus des #MeToo-Diskurses verteidigt. Jan Feddersen begrüßt den Text: "Damit skizzieren diese Frauen eine Differenzierung der Debatte über sexuell ausgenutzte Machtverhältnisse. Diese Differenzierung ist in den vergangenen Wochen oft verloren gegangen; zuweilen wurde aber auch absichtsvoll der Unterschied zwischen ungebetenem Flirt und einer Straftat wie einer Vergewaltigung verwischt." Patricia Hecht ist ganz anderer Meinung: "Noch mal kurz zurück zum Urschleim: Bei #MeToo geht es weder um Sex noch ums Flirten, sondern um Sexismus, sexuelle Gewalt und den Missbrauch von Macht. Freiheit wäre an dieser Stelle, wenn sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch so geächtet wären, dass wir #MeToo nicht bräuchten." Den Hintergrund zum Text liefern in der taz Rudolf Balmer (hier) und Eva Oer (hier).

Claudia Mäder erläutert in der NZZ, dass der Streit in Frankreich vor allem auch zwischen Frauen und Frauen ausgetragen werde, denn der Feminismus habe sich in zwei unversöhnliche Lager gespalten: "Während das eine den Universalismus verficht und die Gemeinsamkeit zwischen weiblichen und männlichen Menschen betont, richtet das andere seinen Fokus auf die Besonderheiten der weiblichen Existenz. Die Debatten zwischen den beiden führen meist nicht über den Austausch von Vorwürfen hinaus; dass der vorliegende Streit produktiver ausgetragen wird, ist nach diesem Einstieg nicht anzunehmen."

Im Tagesspiegel berichtet Christiane Peitz. Bei Spiegel online kommentiert Eva Horn. Le Monde bringt eine stolze Presseschau mit Reaktionen aus der ganzen Welt, die sie, anders als den Text selbst, online stellt.

In Frankreich gibt es starke Gegenpositionen zum Papier. Mit Marlène Schiappa widerspricht auf franceculture.fr die Regierung selbst, denn sie ist Staatssekretärin für die Gleichstellung und sagt, der Text verbreite "zutiefst schockierende und falsche Dinge": "Wenn ein Mann in der Metro sein Geschlecht an einer Frau reibt, dann ist das eine sexuelle Aggression. Darauf stehen bis zu drei Jahre Gefängnis und 75.000 Euro Strafe. Es wird schwierig, jungen Mädchen zu sagen, dass sie keine Scham empfinden sollen und nicht selber schuld sind. Darum ist dieser Diskurs meiner Meinung nach so gefährlich." Auf das Gegenpapier "Les porcs et leurs allié.e.s ont raison de s'inquiéter" (Die Schweine und ihre Verbündeten haben sind zu Recht beunruhigt) haben wir gestern schon verlinkt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2018 - Gesellschaft

Aktualisierung um 15.30 Uhr

Le Monde hat das Papier der hundert französischen Schauspielerinnen (die keineswegs nur Schauspielerinnen sind, sondern auch Autorinnen und Intellektuelle) nicht online gestellt. Hier nun endlich der Link zum ganzen Papier auf einer eigens dafür geschaffenen Website.

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Französischer als dieses Papier, das bei Spiegel online schon verlegen kommentiert wird, geht es nicht. Hundert französische Schauspielerinnen, darunter Catherine Deneuve verteidigen in einer Petition bei Le Monde "die Freiheit, jemanden anzumachen, die für sexuelle Freiheit unerlässlich ist. Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber nervende oder ungeschickte Anmache ist so wenig ein Vergehen wie Galanterie eine machistische Aggression". Die Autorinnen begrüßen die legitimen Einsichten der Weinstein-Affäre. "Aber diese Befreiung des Worts verkehrt sich nun in ihr Gegenteil. Man bedrängt uns, korrekt zu sprechen, zu verschweigen, was nicht passt, und wer sich solchen Anordnungen widersetzt, steht als Verräterin und Komplizin da... Statt den Frauen zu helfen, autonom zu werden, dient die fiebrige Erregung, mit der 'die Schweine zum Schlachthof' geführt werden, in Wirklichkeit den Feinden der sexuellen Freiheit, religiösen Extremisten, schlimmen Reaktionären und all jenen mit ihrem  Schwarzweißbild von Gut und Böse und der dazugehörigen viktorianischen Moral, die glauben, dass Frauen etwas ganz Besonderes seien, Kinder mit erwachsenen Gesichtern, die verlangen, beschützt zu werden."

Die Erfinderinnen der #balancetonporc-Kampagne (so der französische #MeToo-Hastag) antworten bei francetvinfo.fr mit einem Gegenpapier unter dem genderisierten Titel: "Les porcs et leurs allié.e.s ont raison de s'inquiéter" (Die Schweine und ihrer Verbündeten haben sind zu Recht beunruhigt).

Im Guardian rümpft die australische Kolumnistin Van Badham die Nase ob dieses französischen Vorstoßes: Sie kenne ganz genau den Unterschied zwischen ungeschickter Anmache und sexuellem Übergriff, danke. "Selbst jene von uns, die nicht Oscar-nominiert sind, die nicht zu einer 'Clique von Autorinnern, Schauspielerinnen und Forscherinnen' gehören mit dem Privileg, sich in Le Monde zu äußern, erkennen diesen Unterschied. All jene, die als Kellnerin, Verkäuferin, Soldatin, Wissenschaftlerin, Studentin 'angemacht' wurden, die nein sagten, weglaufen wollten, nicht einwilligten, nicht da sein wollten und klar ignoriert wurden. 'Sexuelle Freiheit' ist das Recht, das eigene sexuelle Verhalten zu bestimmen, ohne Zwang. Darf ich annehmen, dass jene von uns, die ohne Macht und Status gelebt haben dies mit größerer Lebenserfahrung begreifen?"

Kritisch zu #MeToo äußert sich auch die Philosophin Christina Hoff Sommers in Spiked online, siehe unser Resümee in der Magazinrundschau. In der New York Times fasst Valeriya Safronova die unterschiedlichen Positionen zusammen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2018 - Gesellschaft

Harald Maass  schreibt in der taz über die nie dagewesene Drogenepidemie in Amerika, die besonders die ehemalige Mittelschicht in den "Flyover-Staaten", aber nicht nur sie betrifft. Millionen Amerikaner nehmen Heroin, Opiode wie das extrem gefähliche Fentanyl (ein paar Körnchen reichen für eine tödliche Dosis) und legale Medikamente, die illegal verabreicht werden. Die Pharmaindustrie verdient kräftig mit: "Für US-Amerikaner unter fünfzig Jahren ist Rauschgift heute die häufigste Todesursache. Die Drogenschwemme übertrifft damit in ihrer Tödlichkeit selbst die Aids-Epidemie auf ihrem Höhepunkt. Und sie zerfrisst die Gesellschaft. Wer heute durch die Inlandsstaaten Ohio, West Virginia und die einst stolzen Industriegebiete des Rust Belts fährt, erlebt Städte und Gemeinden, die am Rauschgift zerbrechen. Familien, die bereits in zweiter und dritter Generation Drogen spritzen." Die New York Times schätzte die Zahl der Drogentoten in Amerika für 2016 auf 64.000.

Sehr empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang Patrick Radden Keefes New Yorker-Reportage über die Pharmadynastie der Sacklers, die kräftig am Dorgenboom mit verdient und zum Dank Museumsflügel spendet (unser Resümee).
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