9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2018 - Gesellschaft

Bei einer Veranstaltung zum Auftakt des Berliner Festivals Pop-Kultur, bei der unter andere mit Klaus Lederer und Lizzie Doron über die Umtriebe der BDS-Kampagne diskutiert werden sollte, kam es zum Eklat: Aktivisten störten die Veranstaltung so penetrant, dass sie abgebrochen werden musste. Eine "traurige Vorstellung", schreibt Julian Weber in der taz und fasst die Ereignisse bündig zusammen. Mitunter "tumultartig" ging es zu, schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel und fragt sich, nachdem er die Wortmeldungen des BDS ausführlich protokolliert hat, ob die Veranstaltung nicht vielleicht ein Fehler gewesen sei, da sie "dem BDS über Gebühr Geltung und Gehör verschafft hat." In der Berliner Zeitung hat Susanne Lenz durchaus Verständnis für den Kummer der Aktivisten, dass auf dem Podium keine Palästinenser saßen - wohlgemerkt: der Stein des Anstoßes seitens BDS ist lediglich, dass die Israelische Botschaft einen Reisekostenzuschuss von 1.200 Euro zahlt. Sie hält die Frage, "ob Boykott im kulturellen Bereich Sinn haben könnte", für "interessant" und konstatiert, dass, "auch wenn es die BDS-Kampagne in Deutschland schwerer hat als etwa in England, weil die Mehrheit hier historisch bedingt vor deren gegen den Staat Israel gerichteten Boykottforderungen zurückschreckt, hat sie doch auch hierzulande Fuß gefasst." Lenz schließt mit der Beobachtung, dass "nach Meinung mancher Juden" ja auch BDS-Künstler boykottiert gehören.

Im Gespräch mit Fatma Aydemir von der taz erklärt Karen Taylor, SPD-Referentin für Menschenrechte im Bundestag, warum sie den "Heimat"-Begriff kritisch sieht. Gleichzeitig erklärt sie aber auch, warum sie in privatem Engagement Veranstaltungen "nur für Schwarze" macht, womit sie aber nicht ausgrenzen wolle: "Zum Beispiel erklären wir, dass es sich bei 'Schwarz' um eine Selbstbezeichnung handelt. Wir würden also niemals an der Tür stehen und sagen: 'Du kommst nicht rein, du bist nicht schwarz genug!' Darum geht es nicht. Wir wollen nicht Menschen ausgrenzen, sondern einen geschützten Raum für Schwarze Menschen schaffen, den es bisher so nicht gegeben hat. Bei Frauengruppentreffen wird auch akzeptiert, dass Männer da nichts zu suchen haben. Und zwar nicht, weil diese Frauen Männerhasser sind, sondern weil sie einen geschützten Raum brauchen, wo sie ihre Erfahrungen mit Gewalt und Diskriminierung verarbeiten und gemeinsame Visionen für die Zukunft entwickeln können."

Rassismus, wie er etwa im Kolonialismus oder Nationalsozialismus praktiziert wurde, ist nicht das gleiche wie jene Form der Diskriminierung, wie sie etwa unter Hashtag #MeToo angeprangert wird, sagte der Historiker und Biologe Toni Stadler in einer Festrede im Schloss Grosslaupheim am 18. Juli, die die NZZ druckt - um dann doch von "neuem Rassismus" zu sprechen. Von Kulturrelativismus hält Stadler allerdings genauso wenig: "Verstärkt durch die linke 68er Bewegung und die romantischen Hippies prägte der Kulturrelativismus fortan das Verhalten der Mehrheit links der Mitte stärker, als uns bewusst ist. Manche der nach dem 'Marsch durch die Institutionen' am Ziel angekommenen Professoren, Richter, Rechtsanwälte, Chefredaktoren und Theaterintendanten bauten sich darauf eine modern klingende Identität, die wesentlich darauf beruht, Fremdes, Andersartiges, Exotisches, Randständiges oft unhinterfragt gut zu finden. Damit setzte man sich ab von den (und über die) Bildungsfernen, welche die eigene Heimat gut finden und die eigene Kultur gar lieben."

Ebenfalls in der NZZ erinnert Hans Widmer an die Werte des Humanismus: "Sie zu erringen, wäre auch in allen Weltgegenden möglich, denn die Menschen unterscheiden sich nicht in ihren Genen, nicht in ihren Potenzialen, sondern allein in ihren realen Kulturen, die die Angehörigen oft bis in die Haarspitzen prägen und einengen."

Martin Höpner vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung erklärt in der FAZ, warum er die linke Sammlungsbewegung "Aufstehen" unterstützt: "Einer linken Sammlungsbewegung geht es nicht darum, dem Internationalismus die Vorsilbe zu nehmen. Es geht um das glaubhafte Eintreten für eine realistische Reformpolitik, die einen fairen Ausgleich zwischen den Gewinnern und den Verlierern der Globalisierung herbeiführen will. Hierfür aber ist es notwendig, die bestehenden linken Parteien zunächst einmal aus ihrem linksliberalen Schlaf zu wecken und sie dazu anzuhalten, die Schattenseiten der Globalisierung und der europäischen Integration ebenso klar in den Blick zu nehmen wie ihre Vorzüge."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2018 - Gesellschaft

Wir halten Widersprüche in keiner Beziehung mehr aus, sagt im Tagesspiegel-Interview der Islamwissenschaftler Thomas Bauer, der gerade ein Buch zum Thema vorgelegt hat. Der Prozess habe sowohl im Osten als auch im Westen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingesetzt: "In den islamischen Gesellschaften zum Beispiel ging die Ambiguitätstoleranz rapide verloren, als man sich vom Westen, der militärisch-wirtschaftlich überlegen war, bedroht und bedrängt fühlte. In der Folge nahm dann die Flexibilität der islamischen Rechtsprechung ab. Dabei war diese ein Musterbeispiel an Ambiguität, denn sie war eigentlich nichts anderes als eine hochkomplexe Auslegungstradition, die praktisch gar keine eindeutigen Antworten kannte. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Tendenz der Abnahme recht allgemein. In Europa beginnt das Zeitalter der Ideologien, die uns bis heute nicht losgelassen haben."

Im NZZ-Interview mit Johannes Böhme spricht Michael Ignatieff, derzeit Rektor der Central European University (CEU) in Budapest, über seine gescheiterte Präsidentschaftswahl in Kanada im Jahr 2011, Viktor Orbans Versuch, die von George Soros finanzierte CEU zu schließen und die Tendenz, aus Angst vor der Globalisierung Halt in lokalen Identitäten zu suchen: "Es gibt zwischen 1,2 und 1,5 Milliarden Menschen, die zu einer globalen Mittelschicht zählen, die Handys benutzen, die lange Reisen machen und mehrere Sprachen sprechen. Sie sind die Treiber der ökonomischen Globalisierung, einer welthistorischen Umwälzung. Aber ich bin sehr erstaunt darüber, wie lokal ihre Loyalitäten geblieben sind. Auch ihre Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Ein Beispiel: Die Sprache der Menschenrechte wird von ihnen kaum benutzt. Sie rechtfertigen sich nicht vor 'der Menschheit', sondern vor ihrer Familie, vor den Nachbarn, dem Stamm, den Kollegen bei der Arbeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2018 - Gesellschaft

Der Gesetzgeber verhält sich gegenüber psychisch Kranken unverantwortlich, konstatiert Oliver Tolmein in der FAZ und zitiert ein Menge Beispiele, in denen Länder gezwungen waren, Zwangsmaßnahmen gegen Kranke (wie etwa das Fixieren auf dem Bett) einen gesetzlichen Rahmen zugeben. Es kann aber nicht ausreichen, nur auf Gerichtsurteile zu reagieren, "statt die Gesetze umfassend zu überprüfen", so Tolmein. Dies sei auch "deshalb ärgerlich, weil es die Gewaltenteilung unterläuft: In erster Linie ist es Aufgabe der Politik, Gesetze zu normieren, nicht der Justiz, deren Inhalt vorzugeben. Nur die Politik kann hier kreative Initiativen entwickeln, Mittel bereitstellen und eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen."
Stichwörter: Psychiatrie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2018 - Gesellschaft

Sehr instruktiv spricht Ilko-Sascha Kowalczuk von der Stasi-Unterlagenbehörde im interview mit Markus Decker von der Berliner Zeitung über rechtspopulistische Tendenzen in der "Aufarbeitungsszene" und von vielen Enttäuschungen gerade auch bei Leuten, die sich in der DDR aufgelehnt hatten: "Der Westen hofierte nach 1989 Markus Wolf, Gregor Gysi, jetzt die nationale Sozialistin Sahra Wagenknecht - kein ehemaliger politischer Verfolgter hat auch nur ansatzweise die Chance gehabt, sich so dauerhaft in den Medien darstellen zu können. Sie sind nicht quotenträchtig. Wir mögen die Unangepassten nur auf der Kinoleinwand, nicht im Sessel neben uns."

Anja Maier schreibt in der taz über die psychische Konstitution von nicht mehr ganz jungen Ossis und ihren Kampf mit der der Identität: "Ich hatte dort ein Leben. Eine erste Identität. Und ich möchte von dieser Person erzählen können, ohne mich für ihr Leben rechtfertigen zu müssen. Es ist wie ein Phantomschmerz: Mir ist vor Jahrzehnten etwas amputiert worden, etwas Schwärendes, das mir nicht guttat. Doch noch heute schmerzt die Narbe. Ich müsste eigentlich froh sein, schließlich hätte ich ohne die Operation nie meine zweite Identität entwickeln können. Trotzdem fehlt mir etwas."

Außerdem: Ebenfalls in der taz schreibt die Regisseurin Simone Dede Ayivi über Rassismus in der Arbeitswelt.
Stichwörter: DDR, Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2018 - Gesellschaft

"Die Rechten setzen die Themen, und andere Parteien setzen sie um", schreibt Architekturprofessor Stephan Trüby in der taz und bezieht das auf die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt. Schon in einem FAS-Artikel im April hatte er die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt als ursprünglich rechtes Projekt angeprangert. Er konzediert zwar, dass nicht jede Rekonstruktion rechts sei, aber alle rechte Städtebaupolitik sei restaurativ. Und schon die Trauer um die zerstörten Innenstädte steht für ihn unter Verdacht: "Die Trauer um die zerbombten Altstädte in Deutschland ist historisch stark von ehemaligen Luftschutzaktivisten und anderen NS-Funktionsträgern geprägt worden. Sie relativierten frühzeitig den Holocaust mit ihrer Rede vom 'Bombenholocaust'. Der britische Publizist David Irving spielte hier eine zentrale Rolle. Wer sich heute auf den Internetseiten von entsprechenden Stadtbild- und Rekonstruktionsvereinen herumtreibt, stößt zuweilen auf eine Täter-Opfer-Umkehr, die ohne Irving und Konsorten nicht zu denken ist." Auch den Wiederaufbau des Berlin Stadtschlosses kritisiert Trüby im Gespräch.

Es kann keinen Rassismus gegen "weiße alte Männer" geben, versichert Till Raether in der SZ. Er gehöre selbst dieser Gruppe an und legt Wert darauf, dass Diskriminierung nur in eine Richtung funktionieren kann: "Auf der Journalistenschule sagte der Filmkritiker einer Münchner Zeitung warnend vor der Textübung, es tät' ihm Leid, aber er hätte noch nie 'ein Mädel gesehen, das eine gute Filmkritik schreiben kann'. Den Musiklehrer, der den polnischen Mitschüler 'Polacke' nannte, entschuldigte der Direktor routiniert mit dessen Kriegserfahrungen. Die Beispiele sind in alle Richtungen endlos." Ein wenig von seiner verbleibenden Manneskraft sollte sich Raether aber aufheben, um seinem ehemaligen polnischen Mitschüler zu erklären, dass er nicht "weiß" ist, wenn es um rassistische Anwürfe geht.

Identitätspolitik ist rassistisch und macht Menschen zu Gefangenen der eigenen Kultur, lernt dagegen René Scheu aus  dem Band "Die sortierte Gesellschaft"."Die Fixierung auf weiße heterosexuelle Männer als Inbegriff alles Bösen ist karikaturesk und als 'bodenlos dumme Polemik' (Pfaller) zu durchschauen - immerhin haben die Prügelknaben auch die Demokratie, die Menschenrechte, die Dampfmaschine und den PC erfunden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2018 - Gesellschaft

Jörg Wimalasena erklärt in der taz, warum er trotz Rassismuserfahrungen, die auch er gemacht hat, nicht unter #MeTwo twittert: "Ständig verlangen progressive Linke (mit und ohne Migrationshintergrund) von diesen 'alten weißen Männern', die eigenen Vorrechte zu hinterfragen, ohne dass sie selbst das täten. Stattdessen wird der Diskurs bei Twitter vor allem von der Verabsolutierung der eigenen - tatsächlichen oder vermeintlichen - Diskriminierungserfahrungen geprägt. Dabei lohnt ein Blick auf das Netzwerk selbst, um die soziale Exklusivität der Nutzer zu verdeutlichen. Fast zwei Drittel der deutschen Twitter-Nutzer hatte laut einer Umfrage 2017 Abitur oder sogar studiert... Unter #meToo und #meTwo twittern nicht etwa Menschen, die im Diskurs nicht zu Wort kommen: es sind Menschen, denen man ohnehin schon zuhört."
Stichwörter: #metwo

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2018 - Gesellschaft

Im Interview mit der FR klagt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, die gerade vom Lehrstuhl für Islamwissenschaften in Hamburg zu dem in Köln gewechselt ist, über fortlaufende Diskriminierung im Alltag: "'Sie sprechen aber gut Deutsch!' Was meinen Sie, wie oft ich diesen Satz immer noch höre. Mir liegt dann immer ein 'Danke, Sie auch!' auf der Zunge. Als unsere Tochter in der katholischen Grundschule einen Lesewettbewerb gewann, wurde das anmoderiert mit den Worten: 'Wir sind besonders stolz darauf, dass ein Kind aus einer Migrantenfamilie Platz eins belegt hat'. Hallo? Ich weiß: Das war ja nett gemeint. Das sollte ein wahnsinnig freundliches Kompliment sein. Aber diese 'Migrantenfamilie' lebt in der dritten Generation in Deutschland." (Das tat Özils Familie auch, trotzdem konnte der Junge offenbar kein Deutsch, als er in die Schule kam. Es ist halt kompliziert, auch für Lehrer.)

Soll man wirklich schon das sexistische Hinterherpfeifen unter Strafe stellen, wie es etwa Frankreich geplant ist? Karin Janker winkt in der SZ ab, solche Gesetze sind selbst sexistisch, findet sie: "Sie reproduzieren implizit ein altes Stereotyp, wonach der angestammte Platz der Frau das Private und Häusliche ist. Der öffentliche Raum erscheint weiterhin als Sphäre des Mannes, in der Frauen ohne patriarchalen Schutz, nun von Seiten des Staates, scheinbar nicht bestehen können. Um den öffentlichen Raum angenehmer und sicherer zu machen, braucht es ganz im Gegenteil mehr Frauen, die ihn gestalten. Dann würden mehr weibliche Erfahrungen und Perspektiven in Entscheidungen einfließen. Plant zum Beispiel eine Ingenieurin eine Fußgängerunterführung, so bedenkt sie eher, ob sie hier nachts entlanggehen wollen würde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2018 - Gesellschaft

Joel Robuchon, der in Frankreich als Neuerfinder der Kartoffel gilt, ist im Alter von 73 Jahren gestorben. Der Titel von Libération dazu, "Oh purée", ist unübertrefflich, wenn auch leicht respektlos.

Politiker aus CDU und SPD denken über eine Wiedereinführung der Wehrpflicht und des Zivildienstes - diesmal für junge Männer und Frauen - nach. Mehr gesellschaftlicher Zusammenhalt soll so entstehen und Personalknappheit in der Krankenpflege und beim Militär könnten so auch gleich gelöst werden. "Der Zivildienst war eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens", bekennt Tobias Peter in der Berliner Zeitung. Dennoch lehnt er ein "Dienst-Pflichtjahr" ab. "Der Grund ist einfach: Die Dienstpflicht - oder, deutlicher ausgedrückt, der Zwangsdienst - ist ein großer Eingriff in die Grundrechte des Einzelnen. ... In einer freien Gesellschaft sollte jeder das tun und lassen dürfen, was er möchte - im Rahmen der geltenden Gesetze. Ein junger Mensch sollte die Möglichkeit haben, einen Freiwilligendienst abzuleisten. Er sollte aber genauso die Wahl haben, direkt nach der Schule mit Studium oder Ausbildung anzufangen. Oder mit dem Rucksack durch Lateinamerika zu ziehen."

In der FAZ denkt Michael Hanfeld beim allgemeinen Dienstjahr an John F. Kennedy, der 1961 sagte: "'Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für das Land tun könnt.' Ist es so grotesk, für eine Gesellschaft und einen Staat, dessen Versorgungssysteme für selbstverständlich erachtet werden, in einem überschaubaren Zeitraum einen Dienst zu leisten? Ist es nicht denkbar, dass ein solcher Dienst integrationsfördernd wirkte und verbindend in einer von Individualisierung und sozialer Segregation geprägten Gesellschaft?"

Die Abschaffung der Wehrpflicht war eh ein großer Fehler, meint Holger Kreitling in der Welt. Gesellschaftlicher Zusammenhalt rieselt nicht vom Himmel herab. "Manche Argumentation klingt schon, als dürfe man den hoch ausgebildeten Eliten von morgen nicht simple Arbeit im Altenheim zumuten. Umgekehrt wird ein Argument daraus: Indem die angestammte Umgebung verlassen wird, sind Kompromissfähigkeit, Duldsamkeit und das Entwickeln gesellschaftlicher Fertigkeiten möglich. Auch den Kindern wohlständiger Schichten ist es zuzumuten, einmal und für eine begrenzte Zeit Lebenswirklichkeiten außerhalb der Filterblasen kennenzulernen, bevor sie an die Universitäten gehen und dort ihresgleichen treffen."

Auf Zeit online weist Hannes Schrader das empört zurück: "Der Zusammenhalt in Deutschland wird nicht von jungen Menschen gefährdet. Dafür sind andere verantwortlich. Und zwar die Menschen im Alter von Annegret Kramp-Karrenbauer, von Horst Seehofer, Markus Söder und Beatrix von Storch. Der Zusammenhalt wird gefährdet von der Generation der mächtigen Alten, die mit ihren Sprüchen um die Stimmen der anderen Alten kämpfen. Um die Stimmen jener, die sich den gesellschaftlichen Zusammenhalt zurückwünschen, für dessen Verschwinden sie mitverantwortlich sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2018 - Gesellschaft

Gestern noch große Willkommensgesellschaft, heute ein Land von Rassisten. In der NZZ fragt sich Benedict Neff angesichts der Özil-Debatte, warum die Deutschen immer so zu Extremen neigen. "Dabei geht leicht vergessen, dass es in Deutschland eine breite und vernünftige Mitte gibt, die gegenüber Fremden aufgeschlossen ist, die sowohl bei Özil als auch beim Deutschen Fußball-Bund Fehler sieht, die aber nicht gleich den hysterischen Alarmismus mancher Journalisten und Politiker teilt und das Land von einem Moment auf den anderen verloren glaubt. Es ist bemerkenswert, wie oft man sich mit solchen Menschen im realen Leben unterhält und wie selten man sie in den Medien vernimmt. ... Oft tragen diejenigen am meisten zur Polarisierung bei, die sie am lautesten bedauern."

Ja, Rassismus existiert, auch in Österreich. Man sollte ihn aber nicht mit Unwissenheit oder Ungeschicklichkeit im Umgang mit Migranten verwechseln, meint der österreichische Filmregisseur Arman T. Riahi im Interview mit dem Standard: "Xenophobie ist in unseren Gesellschaften sehr verbreitet, auch bei Menschen mit Migrationshintergrund. Viele FPÖ-Wähler haben Migrationshintergrund. Der Gedanke, dass die einen weniger xenophob als die anderen wären, ist falsch. Mich stört die Political Correctness, die da jetzt wieder hochschwappt. Zuerst zeigt man mit dem Zeigefinger auf den anderen und ruft Rassist, und dann schickt man seine eigenen Kinder in eine Privatschule mit möglichst wenigen Kindern mit Migrationshintergrund."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2018 - Gesellschaft

Die Rapperin Lady Bitch Ray, mit bürgerlichem Namen Reyhan Şahin, kann sich in der taz überhaupt nicht mit Mesut Özil identifizieren, der sich über Rassismus beklagte, nachdem er für seine Bilder mit Erdogan kritisiert worden war: "Obwohl ich weiß, dass es Rassismus und Diskriminierung in Deutschland gibt. Doch entscheidend ist der Umgang damit - und die Differenzierung. Unsere Eltern der ersten Einwanderergeneration haben damals rassistische Erfahrungen höchstens mal mit der Gegenbemerkung 'Alman işte!' abgetan: 'Deutsche (eben)!' Danach haben sie weitergeschwiegen. Vielleicht aus Dankbarkeit für ihre Arbeit, vielleicht aus Demut. Vielleicht aber auch, weil sie die Ausgrenzung in Europa weniger bedrohlich fanden als die in ihren Herkunftsländern. Alevit*innen zum Beispiel werden in der Türkei und in der türkisch-muslimischen Community in Deutschland bis heute benachteiligt, sie gelten als Häretiker und werden teilweise verfolgt. Man beschwerte sich damals also nicht, man ging arbeiten und nahm die Dinge so hin."

In einem großen Gespräch in der taz sprechen vier Frauen über die siebziger Jahre, als sie in einer Gruppe illegale Abtreibungen organisierten und auch selbst vornahmen. Eine von ihnen erzählt auch, wie sie selbst für einen Abbruch ins Ausland gefahren, allerdings gab es die Option Holland noch nicht, sondern nur Jugoslawien: "Ljubljana war wirklich crazy. Der Typ hat uns im Dunkeln vor der Klinik getroffen und wollte als Erstes das Geld. Ich sollte am nächsten Tag ohne meine Mutter wiederkommen, hat er gesagt, und das Gesicht von dem Menschen, der den Abbruch macht, dürfe ich nicht sehen. Der trage so eine Art Maske. Meine Mutter hat gleich gesagt, das machen wir nicht. Wir hatten noch eine zweite Adresse in Zagreb, wo ein Paar in seiner Praxis Abtreibungen gemacht hat. Ich hatte eine Vollnarkose, aber hab noch was mitbekommen. Mir ist die ganze Zeit irgendwas unten rausgetropft, vielleicht war es Gewebe, das ausgeschabt wurde. Ich hab das Geräusch noch im Ohr, das war so ein dunkles Blubb-blubb."