9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2017 - Gesellschaft

In der taz solidarisieren sich FraunärztInnen mit ihrer Kollegin Kristina Hänel, die ins Visier radikaler AbtreibungsgegnerInnen geraten ist. Wie Dinah Riese berichtet, werfen sie der Ärztin vor, auf ihrer Seite darüber informiert zu haben, dass in ihrer Praxis Abbrüche vorgenommen werden und stützen sich dabei auf einen Uralt-Paragrafen: "Dieser stammt aus dem Jahr 1933 und diente ursprünglich dazu, jüdische und kommunistische Ärzte zu kriminalisieren. Noch heute verbietet er die 'Werbung für den Abbruch einer Schwangerschaft' - auch sachliche Informationen und das Auflisten des Abbruchs im Leistungsspektrum einer Praxis werden als Werben 'des Vermögensvorteils wegen' verstanden. Bei einer Anzeige nach Paragraf 219 a können den Ärzten eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe drohen."

Matthias Heine registriert in der Welt besorgt das Aussterben der deutschen Dialekte in vielen Regionen, wo nur noch die Alten Mundart sprechen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2017 - Gesellschaft

In einem Essay für den Tagesspiegel konstatiert Malte Lehming, dass sich Islamismus und Rechtsextremismus zum Verwechseln ähneln: "Auch Methoden werden kopiert. Der islamistische Terror fand sein Pendant etwa in dem islamfeindlichen norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik. In Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia raste ein weißer Rassist absichtlich mit einem Auto in eine Menschenmenge, um so viele Gegendemonstranten wie möglich zu töten. Brandanschläge auf Moscheen in Europa sind keine Seltenheit mehr." Lehming verweist auf einen Essay Scott Atrans bei Aeon, der das Thema vertieft.

Der Soziologe Heinz Bude erklärt in der Zeit, wie in den letzten Jahren die Grundüberzeugungen von CDU, SPD, FDP, Grünen und ihren Wählern zerfallen sind: "Hat dann Angela Merkel doch recht mit ihrer Überzeugung, dass nur eine pragmatisch verbissene und ideologisch offene Politik Mehrheiten zustande bringen kann? Nein. Die politische Person von heute will mit ihrer Sorge fürs Ganze ernst genommen werden, sie will das Gefühl haben, dass es bei Wah­len um etwas geht, was über die eigenen Belange hinausgeht." Was genau das sein soll, scheint die politische Person von heute aber auch nicht zu wissen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2017 - Gesellschaft

Wozu soll das gut sein - mit Rechten reden? Das fragt sich in der Berliner Zeitung die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan, die das Projekt "An einem Tisch" mitorganisiert, das Menschen mit Migrationserfahrung zu einem Abendessen einlädt. "Dank dieses Projekts kenne ich Menschen, die aus Syrien geflüchtet sind und in Europa ein neues Leben aufbauen, die in Eritrea Militärdienst geleistet haben oder wegen ihrer politischen Meinung im iranischen Gefängnis saßen. Wie wertvoll solche Begegnungen sind, was für ein Gewinn! Doch welcher Gewinn liegt in der Begegnung mit rechten Sprachrohren wie Spencer und Kubitschek, die ein Geschäft aus ihrer Ideologie gemacht haben, die alle Antworten bereits gefunden zu haben scheinen, die nicht hören, sondern Recht haben wollen?"

Für Jana Hensel ist Sexismus im Büro vor allem Machtsicherung. Denn die Männer, meint sie auf Zeit online, haben Angst vor dem Abstieg, der mit dem Aufstieg der Frauen einhergeht: "Man darf diese Angst nicht unterschätzen, man darf sie nicht bagatellisieren. Sie hat gute Gründe: Denn die Arbeitswelt ist für Männer, anders für Frauen, der fast einzige Bereich im Leben, aus denen sie Sinn schöpfen, der ihnen eine Identität und Halt gibt. Familien können, anders als für Frauen, Männern diese Stabilität nicht ersetzen."

In der Berliner Zeitung fühlt sich die Schauspielerin Annette Frier angesichts der Sexismusdebatte zunehmend unwohl, weil sie sexuelle Übergriffe so weit in die komplexe Beziehung zwischen Mann und Frau hineinverlegt. Um die Balance zu halten, sollte frau gelegentlich einen Blick auf das eigene Verhalten werfen: "Wo bin ich selbst eigentlich anfällig dafür, Macht auszuüben? Wie nutze ich als Mutter meine argumentative Überlegenheit gegenüber den eigenen Kindern aus? Wie verhalte ich mich im Beruf? Spiele ich damit, wie ich auf Männer wirke - besonders dann, wenn es 'wichtige' Männer sind? Nehme ich in Besprechungen Blickkontakt vor allem zu denen auf, die etwas zu sagen haben, weil es mir auf sie ankommt, egal, ob Mann oder Frau?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2017 - Gesellschaft

Eine amüsante Szene schildert Juri Sternburg in der taz. Seine Freundin schminkt sich wie jeden Morgen, während er ihr einen Zeit-online-Debattenbeitrag der Soziologin Barbara Kuchler vorliest, die eine Gender-Neutralisierung von Kleidung fordert (unser Hinweis): "Ich lese laut vor, während vor dem Spiegel nebenan die Wimperntusche eingesetzt wird: 'Wer morgens vorm Spiegel den Eyeliner zückt, malt mit an der schönen Seite einer gesellschaftlichen Ordnung, deren hässliche Seite das Grapschen und Einsammeln von Frauen als Jagdtrophäe ist' (Hallo, Victimshaming!). Oder: 'Modemacher: Symmetrisiert die Frauen- und Männermode!' (Hallo, Mao-Uniform!). 'Politiker, Frauenminister: Droht mit der Regulierung der Modeindustrie' (Hallo, Diktatur!). Aus dem Wohnzimmer schnaubt es erstmals empört."

Die Berichterstattung über Missbrauchsfälle gleitet immer mehr in voyeuristisches Infotainment ab, ärgert sich in der NZZ Claudia Schwartz. Dass der verstorbene Elie Wiesel, der angeblich einer Frau in den Po gekniffen haben soll, neben Harvey Weinstein auf einer Liste von Männern steht, die des sexuellen Missbrauchs bezichtigt werden, findet sie ebenso fragwürdig wie Ridley Scotts Entscheidung, Kevin Spacey aus seinem neuen Film herausschneidet: "Man fühlt sich angesichts solch filmischer Beschneidung an die McCarthy-Ära erinnert, als die Denunziation von vermeintlichen Kommunisten nicht nur ein politisch gefordertes moralisches Gebot war, sondern überhaupt zur Voraussetzung für das eigene berufliche Fortkommen wurde. Es ist nicht bekannt, dass der 79-jährige Regisseur von Filmen wie 'Alien' oder 'Thelma & Louise', der innerhalb dieses Systems groß wurde und die Hollywoodschen Verhältnisse bestens kennt, sich je vorher in solcher Art gegen diese stellte."

All denen, die jetzt beklagen, sie wüssten schon gar nicht mehr, wie sie sich Frauen gegenüber verhalten sollen, gibt Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen einen Tipp: Fragen Sie sich einfach, was Ihr Vorgesetzter dazu sagen würde. "Keiner pfeift seinem Chef hinterher; und daran erkennt man schon, dass beispielsweise Hinterherpfeifen nicht zum guten Ton gehört."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2017 - Gesellschaft

Am Samstag hat Thea Dorn die #MeToo-Kampgne kritisiert und eine Hypermoralisierung der Öffentlichkeit beklagt (unser Resümee) - und dafür böse Reaktionen auf Twitter geerntet. Heute bezieht die Bloggerin Annemarie Kohout eine ähnliche Position wie Dorn: "Mit #MeToo wird nicht nur jeder (Mann) unter Generalverdacht gestellt und damit verurteilt, ihm wird auch, kommt es zu einem Vorwurf, dem man merkwürdigerweise immer und sofort Glauben schenkt, jedes Recht genommen, Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen, oder eine Gegendarstellung zu erbringen. Es wird nicht gefragt oder reflektiert, wie ein Verhalten zustande gekommen ist, es wird erbarmungslos gewertet, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Milde walten zu lassen."

Die Vorstellung, man könne Kunst vom Künstler trennen, findet Claudius Seidl in der FAS jedenfalls illusorisch: "Mag schon sein, dass Caravaggio, nur zum Beispiel, ohne seine eigenen Lebenserfahrungen die Judith, wie sie Holofernes tötet, nicht ganz so drastisch gemalt hätte. Und trotzdem verhält sich ein Gemälde Caravaggios zur Person Caravaggio so kategorisch anders als eine Rolle, die Spacey spielt, zur Person Kevin Spacey... Ein Schauspieler hat eben, zumal im Kino, wo Präsenz und Körperlichkeit viel mehr zählen als Mimikry und Verstellungskunst, nur seinen Körper und sein Gesicht, seine Stimme."

Auch im Tagesspiegel beschleicht Kai Müller ein ungutes Gefühl, wenn Hollywood jetzt damit beginnt, eine Persona Non Grata wie Kevin Spacey aus Marktkalkül aus bereits abgedrehten Filmen zu schneiden und durch einen neuen Schauspieler zu ersetzen: "Sollten wir Kinski-Filme verabscheuen, weil er seine eigenen Kinder missbrauchte?"

Außerdem: Die Soziologin Barbara Kuchler stellt in Zeit online gleich ganz grundsätzliche Fragen und fordert neue Kleiderordnungen: "Werft die High Heels auf den Müll!" Auch in der Welt erinnert Sarah Pines daran, dass Sexismus kein Privileg mächtiger Männer ist: "Was ist mit den Weinsteinerinnen, mit sexistisch-chauvinistischen Frauen, Frauen, die Frauen fertigmachen? Zum Beispiel Heidi Klum in 'Germany's Next Topmodel', die nun schon fast zwölf Jahre lang junge, hübsche Frauen für Aussehen, Gewicht und Verhalten drangsaliert und beleidigt." Ebenfalls in der Welt empört sich Thomas Schmid über das FAZ Magazin, in dem Karl Lagerfeld Harvey Weinstein mit Schweinekopf abbilden durfte: "Man macht Menschen nicht zu Tieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2017 - Gesellschaft

Man sollte Kunst nicht vom Künstler trennen und so tun, als ob das eine nicht mit dem anderen zu tun hat, schreibt Amanda Hess in der New York Times mit Blick auf die Affären um Harvey Weinstein, Kevin Spacey und den Comedian Louis C.K. Vor allem aber sollte man beim Blick auf die Filme nicht vergessen, dass sie Teil eines Business sind: "Die Angewohnheit, Künstler als transzendente Schöpfer statt als Akteure in einem ökonomischen System zu behandeln, schützt sie vor Ansprüchen, die normaler Weise an Arbeitsumgebungen gestellt werden. Genau wie ein Turnschuh- oder Technikproduzent versucht, den Konsumenten mit glitzernden Prdoukten von niederträchtigen Produktionsbedingungen abzulenken, entwickelt Hollywood Spektakel, die die Entstehungsbedingungen verstecken wollen."

Etwas anders sieht es Thea Dorn im Interivew mit Stephan Karkowsky bei Deutschlandfunk Kultur: "Also wenn wir jetzt anfangen wollen, in der Kunst alle die, die - salopp gesagt - Arschlöcher sind, herauszuschneiden, dann fürchte ich, dass es in unseren Bibliotheken, in unseren Museen, in den Kinos wahnsinnig leer wird... Vor dreißig, vierzig Jahren hat man dem Künstler zugestanden, gewissermaßen ein halber Outlaw zu sein. Mittlerweile in unserer eben, wie ich sagen würde, hysterisch-bigott hypermoralisierten Gesellschaft, wo wir angeblich so viel toleranter sind und libertärer, erwarten wir von einem Künstler, dessen Antriebskraft natürlich auch das Abgründige sein muss... das sollen auf einmal alles brave Schwiegersöhne und Benimmlehrer sein?"

Auch amerikanische Eliteuniversitäten bunkern riesige Summen Geld in Steueroasen, kann man aus den "Paradise Papers" lernen. Gleichzeitig gibt es Forderungen im Kongress, die Steuerbefreiung für ihre Stiftungen aufzuheben. In der New York Times macht Charlie Eaton einen besseren Vorschlag: Sie sollen ihr Geld nutzen, mehr Studenten aus unterprivilegierten Schichten zu fördern. "Trotz erhöhter Einnahmen immatrikuliert Stanford immer noch jährlich rund 1600 Studenten, soviel wie in den 1970er Jahren. Im Ergebnis gibt Stanford heute nur aus seiner Stiftung 55.000 Dollar für jeden Studenten aus, das ist - inflationsbereinigt - eine 9-fache Steigerung seit den Siebzigern. Harvard, Princeton und Yale geben sogar noch mehr Geld aus ihrer Stiftungen für den einzelnen Studenten aus. ... Laut dem Stanford-Ökonom Raj Chetty rekrutieren die 38 Top-Privatschulen heute mehr Studenten aus dem oberen einen Prozent des Einkommensspektrums als aus den unteren 60 Prozent."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2017 - Gesellschaft

Der Soziologe und Gender-Forscher Stefan Hirschauer begrüßt im Aufmacher der FAZ-Feuilletons das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das vom Staat entweder die Anerkennung eines dritten Geschlechts oder den Verzicht auf Geschlechtsausweisung fordert. Es entspreche einer wachsenden Geschlechterindifferenz in der Gesellschaft: "Die Bürger sollen sich geschlechtlich ausweisen - und zwar unter der Vorgabe von nur zwei Kategorien - als handele es sich hier um eine Art Naturgesetz, dem ein(e) jede(r) Folge zu leisten habe. Dieser Entscheidungszwang macht Geschlecht auch im Vergleich mit anderen Kategorien inzwischen zu einer besonderen Klassifikation. Die Vermischtheit von Hautfarben ist seit der Verpönung des Rassedenkens auf dem Weg zu einer gesellschaftlich akzeptierten Tatsache. Die Konfessionslosigkeit ist eine in der europäischen Säkularisierung längst durchgesetzte Option, die Nichtmitgliedschaft in Berufsverbänden oder politischen Parteien gehört zu den selbstverständlichen Freiheitsrechten."

In der NZZ rechnet die Psychologin Caroline Alisa Sosat mit den Gender Studies ab, die sich mit ihren beleidigten Reaktionen auf den von Patsy l'Amour laLove herausgegebenen Band "Beißreflexe" diskreditiert hätten: "Das von der Kritik gezeichnete Bild des schwulen weißen Mannes aus Berlin-Mitte, der einen skandalösen Bestseller intendiert, um seinen ausufernden Lebensstil finanzieren zu können, bedient nicht nur billigste homophobe Ressentiments. Vorwürfe, die Autoren könnten im Hintergrund Einfluss auf die Verteilung von Geldmitteln nehmen, um der anständigen, subalternen Queerszene zu schaden, erinnern nicht zufällig an antisemitische Motive. Es spricht zudem für sich, dass die queer-feministischen Kritiker in ihren Verrissen bisher genau jene Beiträge im Band auffällig ignorierten, die von Frauen verfasst wurden. Das Feindbild passt einfach zu gut."

Wie umgehen mit Kevin Spacey? Diese Fragen stellen sich in der Industrie gerade mehrere Player. In der FR hofft Sonja Thomaser jedenfalls, dass Netflix die maßgeblich von Spacey zehrende Serie "House of Cards" nach dessen Rauswurf nicht einfach absetzt. Unterdessen hat sich Ridley Scott entschieden, alle fertig gedrehten Szenen mit Kevin Spacey aus seinem neuen Film "Alles Geld der Welt" herauszuschneiden und mit Christopher Plummer nachzudrehen - am Kinostart im Dezember will der Verleih festhalten. "Eine Verschiebung kommt für die Macher aus zwei Gründen nicht infrage", erklärt David Steinitz dazu in der SZ. "Erstens muss ein Film spätestens im Dezember in den USA gestartet sein, um bei der Oscar-Verleihung im kommenden Jahr berücksichtigt werden zu können. Und zweitens dreht der Regisseur Danny Boyle derzeit eine zehnteilige Fernsehserie mit dem Titel 'Trust', in der es ebenfalls um die Getty-Entführung geht."

Für Peter Richter (SZ) ist diese Art des Umgangs mit einem eben noch gefeierten Künstler, der noch keine Sekunde vor Gericht gestanden hat, schwer zu fassen: "Wenn man in Betracht zieht, dass bei konsequenter Anwendung der Spacey-Maßstäbe erst recht auch alle Filme auf den Müll müssten, die Harvey Weinstein produziert und aus denen er seine fatale Macht über Schauspielerinnen gezogen hat, dann böten sich auch jene Zeiten an, als aufgebrachte Eben-noch-Katholiken mit der Spitzhacke durch die Kirchen zogen. Mit der Leere, die dann bleibt, kann man auch leben. Aber ob man das will, ist wirklich eine Glaubensfrage."

Auch Thomas Klein kritisiert in der Berliner Zeitung den Umgang mit Spacey: "Wie schnell man auf Abstand geht, wie bereitwillig man alle Beziehungen zu den Beschuldigten kappt, ist verdächtig." In Kleins Augen ist der Nachdreh mit Plummer der "Rettungsversuch eines Filmprojekts mit dem Beigeschmack stalinistischer Säuberungen. Er ist schuld, nicht wir, ist die Ansage. Und das macht alles nur noch ekliger."

Tariq Ramadan, gegen den die französische Staatsanwaltschaft wegen Vergewaltigungsvorwürfen ermittelt, ist Genfer. Aber die Genfer Zeitung Le Temps publiziert ein kleines Dossier über den umstrittenen Theologen, das klingt, als betreffe das Thema nur die französische Linke: "Einerseits der ehemalige Premierminister Manuel Valls, der in der Assemblée nationale die Verblendung der Linkspartei 'La France insoumise', Jean-Luc Mélenchon inklusive, anprangert. Andererseits ein ganzer Schwarm von Intellektuellen und Politikern, darunter der Médiapart-Gründer und investigative Journalist Edwy Plenel, der 2014  den Bestseller 'Für die Muslime' veröffentlichte und islamophobes Klima kritisierte, das 'der Dreyfus-Affäre würdig' sei."

Den prominenten Journalisten und Ramadan-Unterstützer Plenel karikiert Charlie hebdo übrigens auf seinem jüngsten Cover.

In der Schweiz verteidigt sich Ramadan unterdessen gegen Missbrauchs-Vorwürfe von vier ehemaligen Schülerinnen, über die Le Temps in einem zweiten Artikel berichtet. Auch Jürg Altwegg berichtet heute für die FAZ über das Thema.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2017 - Gesellschaft

Am Mittwoch hat das Bundesverfassungsgericht beschlossen, dass es neben männlich und weiblich die dritte Geschlechtsbezeichnung "inter" oder "divers" geben solle, die auf etwa 80.000 Menschen in Deutschland zutreffen könnte. taz-Autorin Dinah Riese ist hochzufrieden: "Seit je werden Menschen geboren, die in dieses starre Schema nicht passen. Dass diese irgendwie 'falsch' oder 'defekt' sein sollen, ist die Interpretation einer auf eindeutigen Kategorien beharrenden Gesellschaft. Und so wurden intersexuelle Kinder jahrzehntelang operiert, um sie an eines der beiden Normgeschlechter anzupassen. So wie sie geboren wurden, durften sie nicht bleiben." Auch Parvin Singh begrüßt das Urteil bei Zeit onine.

Kritischer sieht es Peter Rasonyi in der NZZ, den unter anderem stört, "welche Bedeutung das Gericht dem Staat bei der Definition der persönlichen Identität beimisst. Durch das fehlende Feld für inter/divers sei, so heißt es in der Begründung, die selbstbestimmte Entwicklung und Wahrung der Persönlichkeit spezifisch gefährdet. Doch braucht man wirklich ein staatlich sanktioniertes Symbol im Pass für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung?"

In der Zeit sucht Philosoph Josef Vogl im Gespräch mit Thomas Assheuer nach gemeinsamen Mustern bei den Taten von Amokläufern in den USA und verhaftet den üblichen Verdächtigen - den Kapitalismus: "Vielleicht ist es eine Art von Weltverlust, ein Versinken der Außenwelt. Die Suburbs sind inzwischen zu Amazon-Ghettos geworden, mit Familienparzellen, leeren Straßen, Einkaufszentren an der nächsten Autobahn - soziale Wüsten. Und (Las-Vegas-Attentäter Stephen) Paddock hat zuletzt fast ausschließlich in den Kasinohotels gelebt, mit Maschinen kommuniziert und Video-Poker gespielt. Ein kapitalistischer Mikrokosmus, allein vom Umsatz und vom Takt der Spiele und Gewinnchancen regiert."

In der FAZ ist Edo Reents, der sich noch sehr gut an den zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigten Jörg Kachelmann erinnert,  einigermaßen entsetzt, wie Kevin Spacey behandelt wird: "Im Na­men des Vol­kes er­ging aber schon das Ur­teil. Dass die Öf­fent­lich­keit den Ei­fer, mit dem sie unbewie­se­ne und wahrscheinlich auch schwer be­weis­ba­re Tat­be­stän­de zum An­lass nimmt, ei­ne Se­xis­mus-De­bat­te zu füh­ren, lieber dar­auf ver­wen­den soll­te, rechts­staat­li­che Stan­dards zu wah­ren, ist nur noch ein from­mer Wunsch."

Auch Adam Soboczynski ist in der Zeit nicht glücklich, wie die Sexismusdebatte gerade läuft. Muss man wirklich jede Geschmacklosigkeit zum Beweis für ein Verbrechen hochjazzen? Profitieren davon nicht genau die falschen Leute? "Allzu häufig wird der strukturelle Sexismus .. als eine jede Faser unseres Daseins durch­ wirkende Allmacht missverstanden, mit der noch die lächerlichste Anmache zum Beweis ­einer 'rape culture' wird."

Kevin Spacey ist nicht der einzige Altstar, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Auch Dustin Hoffman soll bei den Dreharbeiten zu "Tod eines Handlungsreisenden" eine Praktikantin sexuell belästigt zu haben. In der Zeit findet Regisseur Volker Schlöndorff das völlig absurd und versucht zu erklären, dass am Set zwischen Dustin Hoffman und Willy Lohman nicht immer zu unterscheiden war: Beide beklagten sich über ihre schmerzenden Füße. "Fast jeder auf dem Set gab ihm mal eine Fußmassage, mehr oder weniger professionell, nicht in seiner Garderobe, sondern vor allen, inmitten des üb­lichen ­Chaos auf dem Filmset. Schwer nachzuvollziehen, dass eine noch so junge New Yorker Praktikantin die Ein­ladung dazu als unanständig oder als Nötigung empfand. Auch die Anspielung, nur eine weiche Klitoris sei angenehmer als eine Fuß­massage, gehörte zu den peinlichen Scherzen des Hoffman-Handlungsreisenden, mit denen Dustin mich, uns, die Galerie, sein Pu­bli­kum auf dem Set zu unterhalten versuchte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2017 - Gesellschaft

Warum gibt es in den USA so viele Amokläufe?, fragen Max Fisher und Josh Keller in der New York Times. Liegt es am Rassismus, am generellen Niveau der Gewalt in den USA, an mangelnder Versorgung psychisch Labiler? Nein: "Die einzige Variable, die die hohe Rate von Amokläufen in Amerika erklärt, ist seine astronomisch hohe Zahl von Waffen. Die Amerikaner stellen ungefähr 4,4 Prozent der Weltbevölkerung, aber sie besitzen 42 Prozent der Waffen. Von 1966 bis 2012 waren 31 Prozent aller Täter bei Amokläufen Amerikaner, zeigt eine Studie von Adam Lankford von der University of Alabama."

Der in Harvard lehrende Politikwissenschaftler Yascha Mounk findet die Reaktion der Rechten auf die Amokläufe empörend, wenn sie immer wieder das Waffenproblem herunterspielen. Aber die Linke verhält sich - etwa nach dem jüngsten Terrorattentat in New York - oft nicht viel besser, bedauert er auf Zeit online: "Wenn wir die schrecklichen Schlagzeilen sehen, schwören wir, dass sich New York, Paris oder Berlin nicht verändern sollen, und feiern Menschen dafür, dass sie einfach mit ihrem Leben weitermachen, als sei nichts geschehen. Die Linken sind offenbar immer entschlossener, die Bedrohung durch Terrorangriffe als Teil des modernen Lebens zu behandeln, als etwas, gegen das man nichts tun kann. Das ist mir zu nah an der Art und Weise, wie die Rechten auf Schießereien und in der Waffendebatte reagieren, als dass ich mich damit wohlfühlen könnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2017 - Gesellschaft

Wenn Männer oder Jungen missbraucht werden, ist es ihnen oft kaum möglich, das einzugestehen, erklärt Thomas Schlingmann vom Verein "Tauwetter" im Interview mit sueddeutsche.de. Zu stark kollidiert die Missbrauchserfahrung mit dem herrschenden Männlichkeitsbild: "Bei Männern beobachten wir zum Beispiel oft, dass sie gegengeschlechtlicher Missbrauch als Kind oder Jugendlicher umdeuten zum 'ersten heterosexuellen Abenteuer', also zu einvernehmlichen Sex. Das passt besser zur Männerrolle in der Gesellschaft. Gleichgeschlechtlicher Missbrauch führt häufig zu der Frage: Bin ich etwa schwul? Diese Frage mag auf den ersten Blick seltsam wirken, ist es aber gar nicht. Zum Beispiel wissen viele Menschen nicht, dass Jungen wie Männer auch in Situationen von sexueller Gewalt Erektionen oder Ejakulationen haben können. Sie interpretieren das dann oft selbst als Zeichen, dass es ihnen doch irgendwie gefällt - verstärkt vom Täter oder der Täterin, die sagen: Siehst Du! Dabei stimmt das nicht."

Während laut Express neue Vorwürfe gegen Tariq Ramadan laut wurden, sieht sich die Redaktion des satirischen Wochenblatts Charlie Hebdo nach seiner Ramadan-Karikatur von letzter Woche (unser Resümee) massiven Morddrohungen ausgesetzt, berichtet Le Monde: "Der Anwalt des Blattes, Richard Malka, hat auf Nachfrage von Le Monde gesat, es handle sich vor allem um 'verbale Gewalt', aber einige Äußerungen seien präzise genug, um ernst genommen zu werden. Er sei besorgt über die anhaltenden Drohungen gegen die Redaktion drei Jahre nach dem Attentat, bei dem acht ihrer Mitglieder umgebracht wurden. 'Wer schreibt, schreitet selten zur Aktion. Aber Worte gehen Taten stets voraus, sie schaffen ein Klima."

Auch Ronan Farrow legt nach und präsentiert im New Yorker neue Vorwürfe gegen Harvey Weinstein.
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