9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2026 - Geschichte

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Jörg Burger und Nina Pauer führen ein episches Gespräch mit Götz Aly, das ZeitOnline mit 39 Minuten Lesezeit angibt. Aly erklärt unter anderem, wie es zu einem derartigen Gewaltrausch im Nationalsozialismus kommen konnte: "Das politische Gewaltniveau in der Weimarer Republik war zu Anfang sehr hoch gewesen. Nach einer ruhigeren Zwischenphase stieg es in der Endphase wieder stark an. Bei Straßen- und Saalschlachten zwischen Rechts- und Linksradikalen kamen 1932 etwa 300 Menschen zu Tode. Deswegen wurden die mit der Machtübernahme Hitlers verbundenen politisch motivierten Morde von 500 bis maximal 1.000 Menschen im Jahr 1933 weniger stark empfunden, als wir uns das heute vorstellen. Die Gewöhnung an die später ungebremst ausufernde Gewalt fand dann schrittweise statt: Die Leute gewöhnten sich an die Etablierung einer neuen Moral - mit dem Mord an einem Teil der SA-Führung und an einigen Konservativen von 1934, den Zwangssterilisierungen von 350.000 Deutschen bis 1939, den anschließenden 'Euthanasie'-Morden, die bis August 1941 rund 70.000 Angehörige deutscher Familien betrafen, und natürlich mit der massiven Gewalt gegen Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die von der Parteiführung der NSDAP organisiert wurde. Wer nicht dazugehörte, war seines Lebens nicht mehr sicher."

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Andreas Fanizadeh die Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt" im Deutschen Historischen Museum in Berlin, mehr hier. Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Enrico Brissa an die deutsche Ärztin Eva Hoeck, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg moderne Medizin in entlegene Teile des Jemen brachte. Auf den Wirtschaftsseiten (!) der FAS erklärt der Historiker Bernd Roeck, der gerade ein Buch über Wallenstein geschrieben hat, weshalb die Beschäftigung mit dem Feldherrn und dem Dreißigjährigen Krieg gerade heute bedeutsam ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2026 - Geschichte

Einer der Zwecke des Postkolonialismus ist die Nivellierung der Singularität des Holocaust. Die Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft - Koloniale und nationalsozialistische Gewalt" im Deutschen Historischen Museum (DHM) (mehr hier) beschäftigt sich mit beiden Gewaltformen und zeigt laut Andreas Kilb (FAZ) "die tiefe Unvergleichbarkeit von Holocaust und Kolonialismus". Der postkolonialen Indoktrination versuche die Ausstellung "etwas entgegenzuhalten, das im postkolonialen Diskurs meistens ausgeblendet wird: geschichtliche Tatsachen. Dabei verweigert sie sich keineswegs dem Vergleich zwischen Kolonialverbrechen und Holocaust, so absurd er insgesamt auch sein mag. Aber sie führt ihn auf seine historischen Ursprünge zurück. Sie blickt aus den geschichtsfremden Debatten der Gegenwart zurück auf den Moment, an dem die Gleichsetzung begonnen hat. Damit erteilt sie ihren Besuchern eine Lektion, die deutlicher und zugleich mehrdeutiger nicht sein könnte."

Auch Nicola Kuhn (Tagesspiegel) findet die Ausstellung im DHM trotz leichter Überforderung angenehm komplex: Sie "will nicht nur zum Nachdenken Anstöße geben, Argumente für eine eigene Meinung liefern, sondern fordert auch die künftige Forschung auf, indem sie Leerstellen des Vergleichs aufzeigt: Das Phänomen der Kollaboration ist für den Nationalsozialismus bekannt, ohne die Helfer in den eroberten Ländern hätten sich die Besatzer nicht halten können. Für den Kolonialismus aber müsste es noch weiter ausgeleuchtet werden. Ob die von den Kolonialmächten rekrutierten indigenen Soldaten ebenfalls dazu gehören, Kollaborateure sind, steht als Frage offen im Raum. Die geschnitzten Colonfiguren zweier stolzer 'Askari' in der Felduniform der deutschen 'Schutztruppe' zeigen ihren Bedeutungsgewinn. Sie verbreiteten Angst und Schrecken und waren Opfer zugleich. Die schnelle Zuordnung, der forsche Vergleich verbietet sich auch hier. Und doch erhellt gerade die Gegenüberstellung, worin die Unterschiede bestehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2026 - Geschichte

In der Zeit empfiehlt Christian Staas wärmstens die von dem Historiker Stephan Malinowski kuratierte Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft" im DHM, die koloniale und nationalsozialistische Gewalt untersucht - in einem für Staas mustergültigen Balanceakt. Denn was man im DHM erkennt, ist "keine lineare Geschichtserzählung, sondern ein Beziehungsgeflecht voller loser Enden. Mal decken sich die historischen Muster, mal kontrastieren sie, und manchmal entziehen sie sich auch dem direkten Vergleich." So markiert die Ausstellung "zwar mit sachlichem Blick Differenzen, erzeugt aber nie den Eindruck, dass das eine Verbrechen 'weniger schlimm' sei als das andere, weil es sich strukturell unterscheidet oder in einem anderen Kontext begangen wurde... Die unterschiedslose Anerkennung des Leids enthebt nicht der genauen Beschreibung seiner Ursachen. Hier, aufseiten der Täter und der Situation ihres Handelns, liegen Unterschiede, die benannt sein wollen, um zu verhindern, dass im Namen der Empathie mit den Opfern gleichgesetzt wird, was nicht gleichzusetzen ist. Die viel beschworene Singularität des Holocausts steht im DHM außer Frage. Doch statt den Singularitätsbegriff moralisch aufzuladen, verleiht die Ausstellung ihm einen präzisen analytischen Gehalt und zieht damit Grenzen für einen sinnvollen Vergleich. Sie setzt den Holocaust in Relation, ohne ihn zu relativieren. So ist der vorletzte Raum der Schau - zum Thema 'industrielle Vernichtung' - der einzige ohne koloniales Pendant."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2026 - Geschichte

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"Forschung findet nicht auf einer Insel von autonomen Seligen statt, um die herum ein Meer des Bösen tobt", hält der Medizinhistoriker Volker Roelcke, der zu Hirnforschung im Nationalsozialismus forscht, im Zeit-Online-Interview fest. Renommierte Mediziner forschten damals vor allem im Bereich der Eugenik an Gehirnen und profitierten von der Euthanasie-Politik der Nazis: "Gehirne von kranken Menschen wurden auch vor dem Nationalsozialismus für wissenschaftliche Zwecke untersucht, allerdings erst nach dem Tod durch Krankheit oder Alter. Für die Forschung war deshalb der entscheidende, beschleunigende Schritt, dass von politischer Seite, aber mit Zustimmung relevanter Mediziner im Jahr 1939 entschieden wurde, psychiatrisch kranke und behinderte Menschen in großer Zahl töten zu lassen. Die Menschen wurden ermordet, und ihre Gehirne konnten zum frischen Forschungsmaterial werden. Als man Julius Hallervorden in der Nachkriegszeit nach diesem Umstand fragte, antwortete er, ihn habe nur die Qualität des Forschungsmaterials interessiert, nicht aber die Herkunft der Gehirne: 'Es gab wunderbares Material unter diesen Gehirnen'. Wir haben unserem Buch deshalb dieses erschütternde Zitat als Titel gegeben. Das ist die empirische Ethik eines deutschen Spitzenwissenschaftlers: Der Kontext war ihm egal."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2026 - Geschichte

Viel zu viele Studenten sind damals auf Maos Kulturrevolution reingefallen, die Millionen das Leben kostete, schreibt Arno Widmann in der FR. Widmann selber sei auf diese Versprechen hereingefallen und leistet nun Abbitte. "Ich bin Jahrgang 1946 (...) Jeder, der sich gegen eine Autorität wehrte, verdiente meine Unterstützung. Ich ging dem Betrug gewaltig auf den Leim. Die Kulturrevolution war die autoritärste Aktion, die es damals auf der Welt gab. Alles wurde Mao Zedong unterworfen. Nicht versteckt, nicht im Geheimen. Überall hingen Mao-Plakate. In jedem Winkel der Volksrepublik. In Millionen Ecken auch im Rest der Welt. Auch ich hatte eines in meinem Schlafzimmer. Ich hatte nicht einmal zwei Jahre zuvor Hannah Arendts 'Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft' begeistert gelesen. Und als ich die Bilder aus China sah, war ich nicht etwa blind, sondern hingerissen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2026 - Geschichte

Klaus Hillenbrand bespricht in der taz die Ausstellung "wir haben uns widersetzt, wie wir nur konnten" in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand - die Ausstellung ist dem Widerstand im Frauen-KZ Ravensbrück gewidmet. "Der Widerstand von Frauen in Konzentrationslagern ist nach der Befreiung lange kleingeredet worden. Den in Ravensbrück inhaftierten Frauen wurde in der DDR die 'Hingabe für die nächste Generation' zugeschrieben, nicht aber der Kampf gegen ihre Unterdrücker, so Andrea Genest, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte im ehemaligen KZ. Die Reduzierung auf die Mutterrolle wird dem Einsatz der Verfolgten nicht gerecht... Oft verbergen sich hinter dem großen Wort Widerstand vermeintlich kleine Aktionen. Doch das waren sie nicht. Unter den brutalen Haftbedingungen war jede noch so kleine Tat mit extremen Risiken verbunden. Dass sie trotzdem durchgeführt wurden, zeigt eindrücklich, dass sich diese Frauen nicht von ihren Peinigern bezwingen ließen." In Ravensbrück sind 28.000 Frauen ums Leben gekommen, so Hillenbrand.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2026 - Geschichte

Neulich atmete die deutsche Öffentlichkeit auf. Endlich schien der Anschlag auf das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde in München im Jahr 1970 geklärt. Sieben Bewohner, Holocaust-Überlebende, sind bei diesem Anschlag ermordet worden. Nachdem sich eine Zeugin vom Hörensagen gemeldet hatte, identifizierte die Polizei einen Rechtsextremisten, der vor einigen Jahren gestorben ist. Aber Wolfgang Kraushaar, der lange zu dem Fall recherchiert hat, ist sich im Perlentaucher sicher: "Der Fall Reichenbachstraße darf auch heute noch nicht zu den Akten gelegt werden." Er hält den von der Staatsanwaltschauft heute geschilderten Tathergang für äußerst unplausibel. Der Täter soll unmittelbar vor der Brandstiftung im jüdischen Altenheim einen Juwelierladen in der Nähe überfallen haben. "Nach Darstellung der Justizbehörde soll das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde bereits 15 Minuten nach dem erfolglosen Überfall auf das Juweliergeschäft in Flammen gestanden haben. Von der Entfernung her, die sich in nur wenigen Minuten zurücklegen lässt, wäre das durchaus machbar. Aber auch vorstellbar? Zunächst einmal dürfte es ziemlich unwahrscheinlich sein, dass jemand, der gerade von einem Überfall kommt und sich danach wohl schleunigst in Sicherheit zu bringen versucht, sich nun gleich in sein nächstes Abenteuer stürzt." Und "Nach allem, was den Ermittlern der damaligen Sonderkommission bekannt war... ist die Brandstiftung von langer Hand geplant gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2026 - Geschichte

In ihrer aktuellen Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft" im Deutschen Historischen Museum in Berlin stellen deren Präsident Raphael Gross und der die Ausstellung kuratierende Historiker Stephan Malinowski die Frage, ob sich nationalsozialistische und koloniale Gewalt vergleichen lassen. Methodisch ziele man auf die Unterscheidungsfähigkeit, erklärt Gross im FAS-Gespräch mit Andreas Kilb und Tania Martini: "Zwangsarbeit und extreme Formen der Ausbeutung finden wir in beiden Gewaltzusammenhängen. Dann gibt es aber Punkte, an denen die Parallelen aufhören. Die Ausstellung erzählt, wie etwa fünfzehnhundert Juden aus Rhodos gemeinsam mit der jüdischen Bevölkerung anderer griechischer Inseln noch im Sommer 1944 über Tausende von Kilometern per Schiff und mit Zügen nach Auschwitz gebracht werden, um dort ermordet zu werden. Dafür gibt es keine ökonomische, militärische oder wie auch immer geartete Erklärung außer dem schieren Vernichtungswillen." Und Malinowski ergänzt: "Mir erscheint der von Claus Leggewie geprägte Begriff des Extraktivismus hilfreich, um die koloniale Logik zu beschreiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2026 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Ekkehard Kraft daran, dass es Sklaverei auf der ganzen Welt lange vor dem westlichen Kolonialismus gab: "So kannte man sie auch auf der Arabischen Halbinsel schon vor der Entstehung des Islams im 7. Jahrhundert. Während der raschen Expansion strömte eine große Zahl Kriegsgefangener als Sklaven in das neu entstandene Großreich." Die meisten kamen übrigens aus Osteuropa. "Griechisch 'sklavos' beziehungsweise lateinisch 'sclavus' bezeichnete ursprünglich als Volksname die Slawen, bevor das Wort einen Bedeutungswandel durchmachte, der von den meisten europäischen Sprachen übernommen wurde. Selbst im Arabischen bezeichnete 'saqaliba' nicht nur - bis heute - die Slawen als Volksgruppe, sondern diente auch als Synonym für Sklaven. Der Sklavenhandel mit Osteuropäern lag anfangs in der Hand von Wikingern, später dann von Genuesen und Venezianern. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts führte das Khanat der Krimtataren, ein Vasallenstaat des Osmanischen Reichs, im Durchschnitt fast alle zehn Jahre große Menschenjagden und Plünderungszüge in den angrenzenden Gebieten durch, die bis weit in die heutige Ukraine und nach Polen führten. Bis zu zweieinhalb Millionen Osteuropäer wurden auf diese Weise vom Ende des 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in den muslimischen Raum verschleppt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2026 - Geschichte

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Die Welt veröffentlicht Briefe von Holocaustüberlebenden, die direkt nach  1945 geschrieben wurden - die Veröffentlichung basiert auf einem Band der Gedenkstätte Yad Vashem, der demnächst auf deutsch erscheint. Die Überlebende Syme Zosim Rysav schreibt am 13. Oktober an ihren Bruder: "Nadénko wir haben keine Mutter - sie ist vergast - das herrlichste u. göttlichste ist uns auf so bestialische Art genommen worden. Dann ging ich mit Fritz ab - u. zw. [und zwar] nach Auschwitz. Bei d. Ankunft wurden wir separiert - u. Fritz, der Mann den ich so unendlich liebte - lebt nicht mehr - vergast - - - (...) Ich kam auf d. lebende Seite - von Auschwitz wo man uns ganz kahl den Kopf abrasierte - Holzpantoffeln ohne Strümpfe, ohne Wäsche, nur in Häftlingskleidung, ohne Taschentuch - ohne Seife u. Handtuch, kurz nackt wie das Vieh wurden wir verschickt."
Stichwörter: Holocaust
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