9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2019 - Geschichte

In der Debatte um die Hohenzollern (Unsere Resümees) kommt es überhaupt nicht auf die historischen Gutachten an, denn rechtlich ist die Frage, ob  Kronprinz Wilhelm den Nazsi erheblichen Vorschub leistete, längst geklärt, schreibt der Staatsrechtler Christoph Schönberger in der FAZ: "Es kommt für die Verwaltungsgerichte darauf an, ob mit einer gewissen Stetigkeit Handlungen vorgenommen wurden, die geeignet waren, die Bedingungen für die Errichtung und Entwicklung des NS-Systems zu verbessern, und dies auch zum Ergebnis hatten. Erforderlich ist also nicht eine historische Kausalität zwischen dem Handeln des Betreffenden und der Errichtung und Festigung der nationalsozialistischen Herrschaft, sondern lediglich eine Verbesserung der Bedingungen dafür. Ein erhebliches Vorschubleisten liegt dabei dann vor, wenn der Nutzen dieser Unterstützung für das Regime nicht nur ganz unbedeutend war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2019 - Geschichte

Es wird immer wahrscheinlicher, dass es zum Prozess um die Rückgabeforderungen der einstigen deutschen Herrscherfamilie Hohenzollern kommt, schreibt Andreas Kilb in der FAZ, der die Chancen für eine gütliche Einigung schwinden sieht. In einem Prozess geht es dann darum, wie nazi die Prinzen waren, denn dies hat Einfluss auf Rückgaben. Kilb zitiert einen Prozess gegen die Erben des rechtsextremenen Medienzars Alfred Hugenberg, die sein Rittergut nicht zurückbekamen, weil sich Hugenberg allzu sehr für die Nazis eingesetzt hatte. Die Richter hatten erklärt, "es komme nicht darauf an, ob der Betreffende zugleich 'eigene andere Ziele verfolgt' habe. Entscheidend sei, dass 'mit einer gewissen Stetigkeit' Handlungen erfolgt seien, die geeignet waren, 'die Bedingungen für die Errichtung, die Entwicklung oder die Ausbreitung' des Nationalsozialismus zu verbessern. Gerade Letzteres scheint auf Wilhelm von Preußen zuzutreffen, dessen Aktivitäten in der Schlussphase der Weimarer Republik im Mittelpunkt der vier Historikergutachten stehen, die derzeit in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert werden."

Der ganze Schlamassel ist nur entstanden, weil die Weimarer Republik vor mehr als hundert Jahren nicht konsequent mit dem monarchistischen Erbe gebrochen hat, kritisiert die Juristin Sophie Schönberger in der SZ. "Zunächst wurden nämlich sämtliche Vermögensgegenstände des ehemaligen Herrscherhauses, die nicht eindeutig dem Privatvermögen zugeordnet werden konnten, durch den preußischen Staat beschlagnahmt. So radikal fortfahren wollte man dann jedoch nicht. Stattdessen suchte man nach einer einvernehmlichen Lösung. Die junge deutsche Republik verzichtete auf ihre politischen Gestaltungsspielräume mit den Mitteln des Rechts und begab sich in Vertragsverhandlungen - und damit auf eine Position der Augenhöhe gegenüber dem ehemaligen Herrscherhaus." Die Bundesrepublik wiederholt diesen Fehler nun mit den laufenden Vergleichsverhandlungen, so Schönberger.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2019 - Geschichte

Jan Böhmermann hat dankenswerter Weise auf Hohenzollern.lol die Gutachten öffentlich gemacht, mit denen die Hohenzollern nachweisen wollen, dass Kronprinz Wilhelm dem Aufstieg der Nazis nicht erheblichen Vorschub leistete, obwohl er als imaginierter Reichspräsident Hitler zu seinem Reichskanzler machen wollte und obwohl er zur Wahl der NSDAP aufrief. Der Historiker Ulrich Herbert zerpflückt in der FAZ nun das Gutachten des Hindenburg-Biografen Wolfgang Pyta, der für die Hohenzollern recht gewagte Thesen aufstellt, und endet: "Aber war der 'Kronprinz' eine wichtige Figur in dem Ränkespiel, das Hitler schließlich an die Macht brachte? Hat er dem Nationalsozialismus 'Vorschub geleistet'? Ja - gewiss nicht weniger, aber wohl auch nicht mehr als all die anderen hochrangigen Vertreter der vaterländischen Verbände, der deutschnationalen Parteien, der Clubs und 'Ringe' der rechtsradikalen Intellektuellen, der Großagrarier und der Großindustrie, die die Republik zerstören und das neue Reich der Rechten aufbauen wollten, ohne Parlament, ohne Gewerkschaften und ohne Juden - allerdings unter der Voraussetzung, dass sie selbst dabei irgendeine wichtige Rolle spielen durften. Aber wenn selbst die es nicht waren, die 'Vorschub leisteten', dann war es eben keiner. Wie gehabt."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2019 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren erschoss das FBI in Chicago den Black Panther Fred Hampton unter etwas ungeklärten Umständen, zur Beerdigung kamen 5.000 Menschen und prangerten die Gewaltexzesse der Polizei an. Es mag sein, dass Hampton nicht im Schusswechsel getötet wurde, sondern regelrecht hingerichtet wurde, meint der Historiker Manfred Berg in der Zeit, warnt aber dennoch vor einer Heroisierung der Black Panthers: "Panther wurden Opfer illegaler Polizeiaktionen, so wie Fred Hampton, aber sie suchten auch die Konfrontation mit den pigs und attackierten Polizisten aus dem Hinterhalt. Mutmaßliche Spitzel und Verräter wurden kaltblütig liquidiert, persönliche und ideologische Fehden mit der Waffe ausgetragen. Auch wohlwollende Historiker haben den abgehobenen ideologischen Dogmatismus und diktatorischen Führungsstil der Panther kritisiert. Säuberungen und Spaltungen trugen ebenso sehr zum Niedergang der Partei bei wie das FBI. Völlig gescheitert sind die Black Panthers dennoch nicht. Einige Veteranen fanden den Weg in die etablierte Politik. Bobby Rush, ein Mitstreiter Fred Hamptons, vertritt seit 1993 einen Chicagoer Wahlbezirk im US-Repräsentantenhaus und brachte dem jungen Barack Obama 2000 eine krachende Niederlage bei, als dieser ihm sein Mandat streitig machen wollte."

In der Zeit der Völkerwanderung wanderten überhaupt keine Völker, lernt FR-Kritiker Arno Widmann im neu gestalteten Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle: Meist zogen einzelne Kriegerverbände durch das Römische Reich, auf der Suche nach Leuten, die sie finanzierten. Überhaupt findet er einen Besuch dort sehr lohnenswert: "Die für die heutige Debatte interessanteste Information der Ausstellung ist, dass nicht die Völkerwanderungen die Ursache für den Zusammenbruch des Römischen Reiches waren, sondern dass der ihnen voranging. Der Staat als Beute war spätestens seit den Bürgerkriegstagen der späten Republik ein innerrömisches Konzept. Das Kaisertum, das davor schützen sollte, vergrößerte eher noch den Hunger auf den Besitz des Imperium Romanum. In diesen Kämpfen wurde das Römische Reich so weit zerrissen, dass die 'Barbaren', die zunächst sich hatten integrieren wollen in die römische Welt, dazu übergingen, auch nach Teilen von ihr zu schnappen. Der Untergang des Römischen Reiches war von den römischen Bürgern selbst betrieben worden, lange bevor es von außen 'erobert' werden konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2019 - Geschichte

Besprochen wird die Humboldt-Ausstellung im DHM in Berlin (SZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2019 - Geschichte

Bild aus der Ausstellung: Dominique-Vivant Denon, Frosch mit Menschenkopf. © Chalon-Sur-Saône, Musée Denon 

Besprochen wird eine Ausstellung zu Wilhelm und Alexander von Humboldt im Deutschen Historischen Museum (Tagesspiegel, FAZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2019 - Geschichte

In der SZ wischt Gustav Seibt ungeduldig die immer kleinteiligeren Gutachten zur Rolle der Hohenzollern im Nationalsozialismus beiseite, die grundlegend für etwaige Entschädigungsleistungen ist. Dass Kronprinz Wilhelm 1932 eine Wahlempfehlung für Hitler abgab, ist bekannt. Genügt das nicht? "Ist es die Aufgabe von Gerichten, über historische Kausalitäten zu urteilen? Das scheint abwegig. Und das verlangt der Gesetzestext auch nicht. Er spricht nicht von Folgen, sondern von Handlungen. Auch ein Schullehrer oder ein Lokalreporter konnten in ihrem persönlichen Umkreis dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub leisten, durch Fanatismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2019 - Geschichte

Die Hohenzollern arbeiten kräftig an einer Revision der bisherigen Geschichtsschreibung, derzufolge Prinz Wilhelm von Preußen dem Auftsieg der Nationalsozialisten kräftig Vorschub leistete. Sie brauchen einen Persilschein, um für die Enteignungen nach 1945 entschädigt zu werden. In der Zeit ärgern sich die beiden Historiker Peter Brandt und Stephan Malinowski, dass nun immer mehr Gutachten in Umlauf gebracht werden, aber ganz wie Samisdat-Literatur nur unter der Hand, nicht öffentlich. Eines stammt von Christopher Clark, das andere von Wolfram Pyta: "Bemerkenswert ist zunächst, wie fundamental die beiden Gutachten, welche die Position der Hohenzollern stützen, einander widersprechen. Pyta und Orth behaupten, der Kronprinz sei an der Seite des Reichswehrgenerals und letzten Kanzlers der Weimarer Republik Kurt von Schleicher ein politischer Akteur ersten Ranges gewesen. Dies annulliert das ältere Kernargument Christopher Clarks, der Kronprinz sei eine 'Randfigur' geblieben und überdies in der Öffentlichkeit politisch kaum ernst genommen worden - juristisch das bislang beste Pferd im Stall der Hohenzollern." Zumindest auf Englisch kann man im Spiegel ein Interview mit Clark über sein Gutachten lesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2019 - Geschichte

Die Erfolge der AfD in den Neuen Ländern haben für den Historiker Heinrich August Winkler, der in der FAZ ("Gegenwart"-Seite) hundert Jahre deutsche Demokratie (mit ein paar Unterbrechungen) Revue passieren lässt, klar mit der DDR zu tun: "Die radikal unterschiedliche Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wirkt bis heute nach. Altdeutsche Vorbehalte gegenüber der westlichen Demokratie und ihrer politischen Kultur hatten bessere Überlebenschancen dort, wo es nicht die Möglichkeit gab, allmählich in das neue System hineinzuwachsen und frühere, eher obrigkeitlich geprägte deutsche Vorstellungen von politischer Ordnung in kontroversen gesellschaftlichen Debatten zu überwinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2019 - Geschichte

Wolfgang Kraushaar hat 2005 mit "Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus" eines der wichtigsten Bücher über die Geschichte der radikalen Linken in der Bundesrepublik geschrieben. Das Buch offenbart, dass die Szene um den als "Politclown" so beliebten Dieter Kunzelmann ein Attentat auf die Jüdische Gemeinde Berlin verübt hatte - die Bombe war während der Gedenkfeier für die Pogromnacht 1938 am 9. November 1969 nur wegen eines korrodierten Zünddrahts nicht hochgegangen. Heute erinnert Kraushaar in der taz an diesen Tiefpunkt in der bundesrepublikanischen Geschichte. Der eigentliche Bombenleger war "Abbie" Fichter, Bruder des bekannten Achtundsechzigers Tilman Fichter. Die bitterste Pointe aber war, "dass die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus vom Berliner Verfassungsschutz stamme; dessen Undercovermann Peter Urbach habe sie an interessierte Kreise weitergereicht". Kraushaar hat dies ausgerechnet auf einer öffentlichen Veranstaltung des Verfassungsschutzes im Jahr 2004 öffentlich gemacht und schildert das peinliche Schweigen der anwesenden Honoratiorenschaft.