Die Historikerin
Kristina Milz kritisiert bei
Zeit Online , dass die deutsche Mitverantwortung am
Genozid an den Armeniern zu wenig reflektiert werde, denn die deutschen Autoritäten hätten den Genozid während des Ersten Weltkrieges "vielfach begrüßt, ideologisch befeuert und in Einzelfällen auch vor Ort tatkräftig unterstützt", wie Milz darlegt. Eine
neue Form der Erinnerungskultur sei "umso wichtiger in einer Zeit, in der lange kultivierte historische Gewissheiten der gesellschaftlichen Mitte offen zur Disposition stehen: Selbst die Erinnerung an den Holocaust wird immer schamloser infrage gestellt. Bisweilen wird dabei als Argument auch ins Feld geführt, dass man mit der nationalsozialistischen Judenermordung in einer postmigrantischen Gesellschaft viele Bevölkerungsgruppen nicht ansprechen könne, da sie mit
allzu deutschen Fragen von Schuld und Verantwortung nichts anfangen könnten. Dabei ist - und das lässt sich sagen, ohne die historischen Besonderheiten der Schoa in Zweifel zu ziehen - die Beteiligung an genozidaler Gewalt
kein deutsches Alleinstellungsmerkmal. Auf diese Weise betrachtet kann das Gedenken des Völkermords an den osmanischen Christen sogar geradezu gesellschaftsverbindend sein, weil es nicht nur 'Bio-Deutsche' und die türkischstämmige Gemeinschaft hierzulande beschäftigen, ja herausfordern sollte, sondern aufgrund der Involvierung verschiedenster nationaler und ethnischer Gruppen auch in Deutschland lebende
Kurden, Syrerinnen, Russen."
Heute bekommt das
Dokumentationszentrum Flucht,
Vertreibung,
Versöhnung mit
Roland Borchers einen neuen Direktor, in den der Historiker
Felix Ackermann in der
taz große Hoffnungen
setzt: Er "könnte die Nachfahren ganz unterschiedlicher deutscher Staatsbürger zusammenbringen, die eine
Geschichte der Zwangsmigration erzählen können. Zuhören wäre eine zentrale Kulturtechnik, die am Anhalter Bahnhof eingeübt werden könnte - und die in der Bundesrepublik nicht nur in Bezug auf das Thema Flucht gebraucht wird. Das funktioniert dann, wenn die Kinder von Millionen deutscher Vertriebener aus dem
östlichen Europa Gehör finden. Sie könnten im Dokumentationszentrum aber auch selbst zuhören, wenn
Ukrainer,
Iraner,
Syrer und andere Menschen Zeugnis ablegen, die im 21. Jahrhundert als Folge von Zwangsmigration in die Bundesrepublik kamen. Und wo ist in Berlin der Raum für die Erzählungen von Nachfahren vor 1939 ausgewanderter deutscher Juden, die als Reaktion auf Rechtsruck und Krieg in ihrer Heimat Israel und die USA verlassen haben? Wo können
Palästinenser, die in Flüchtlingslagern aufgewachsen sind, von ihrem Schicksal berichten?"