9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2018 - Geschichte

In Versailles wurde 1918 nicht nur über Deutschland diskutiert, sondern auch über den Status der Kolonien und das Selbstbestimmungsrecht der Völker, erklärt der Historiker Jörn Leonhard ("Der überforderte Frieden") im Interview mit der FR. Es wurde schnell klar, dass vor allem Frankreich und Britannien daran kein Interesse hatten: Sie forderten erst den Nachweis einer "gewissen Entwicklungsreife" der Kolonisierten. "Vor diesem Hintergrund entwickelte sich Anfang Mai 1919 eine große Protestbewegung, die eng mit der Frage verbunden war, ob man sich weiterhin politisch am Westen orientieren sollte oder doch auf die eigene Geschichte oder auf das radikale neue Modell der Bolschewiki. Für den jungen Mao Tse-Tung ist die Enttäuschung über die Unglaubwürdigkeit des Westens eine ganz entscheidende Erfahrung, für den jungen Ho Chi Minh ebenso. ... Das macht aus dem Moment von 1919 ein Scharnier für das ganze 20. Jahrhundert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2018 - Geschichte

In der NZZ schreibt Ulrich M. Schmid zum hundertsten Geburtstag Alexander Solschenizyns. Obwohl sich der russische Autor im 21. Jahrhundert in jeder Hinsicht als Freund der autoritären Politik Putins erwies, wird sein Geburtstag kaum gefeiert, im Gegenteil: "Der große Mahner ist wieder unbequem geworden, weil sein berühmter Aufruf 'Lebt nicht mit der Lüge!' im heutigen Russland eine fatale Resonanz auslösen könnte. Solschenizyn hatte sich mit diesem flammenden Plädoyer zu Beginn der siebziger Jahre an die russische Intelligenzia gewandt und sie im verlogenen Sowjetsystem auf die bedingungslose Hochachtung der Wahrheit verpflichtet. Dieses Programm erhält eine neue Aktualität, wenn grüne Männchen auf der Krim auftauchen, Soldaten ihre Ferien kämpfend im Donbass verbringen und russische Touristen die Kathedrale von Salisbury bewundern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2018 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren wurde mit der KPD/ML in einer Hamburger Kneipe die erste K-Gruppe gegründet, erinnert Bernd Ziesemer auf einer Doppelseite der taz und präzisiert: "Bis heute gelten die deutschen K-Gruppen und ihre maoistischen Schwesterparteien in aller Welt als dogmatischer Endpunkt der Studentenbewegung - und zugleich als Produkt des Bruchs mit den Idealen der Achtundsechziger. In Wahrheit geht ihre Entstehung bis in die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre zurück - und ihre Entwicklung verlief zunächst vollständig getrennt von der Studentenbewegung. Erst ab Anfang 1970 übernahmen ehemalige SDS-Führer wie der spätere taz-Redakteur Christian Semler oder Joscha Schmierer (später Chefstratege des Auswärtigen Amts) die Leitung maoistischer Organisationen. Bei der Gründung der KPD/ML im 'Ellerneck' war noch kein Einziger von ihnen dabei."

Stefan Mayr besucht für die SZ Stuttgarts ehemalige Gestapo-Zentrale, die unter dem Namen "Hotel Silber" als "Lern- und Gedenkort" wiedereröffnet wurde. Eigentlich sollte es vor zehn Jahren abgerissen werden, aber eine Bürgerinitiative verhinderte das - "trotz erheblichen Widerstands des CDU-Ministerpräsidenten und des CDU-Rathauses" - und setzte außerdem durch, dass sie bei der Ausstellungskonzeption mitreden durften. "Das Abenteuer hat sich gelohnt", lobt Mayr. "Die Ausstellung zeigt nicht nur eindrückliche Exponate des Mordens und Sterbens. Sondern auch der zweiten Karrieren der Nazischergen nach dem Ende des Dritten Reichs. Wie sie sich zunächst wegduckten, dann wiederauftauchten und die Postenleiter emporkletterten in der jungen Bundesrepublik."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2018 - Geschichte

Am 1. Dezember 1918 wurde die Gründung des jugoslawischen Königreichs erklärt, erinnert der serbische Schriftsteller Bora Cosic in der NZZ.  Das Projekt war von Beginn an zum Scheitern verurteilt, beanspruchten doch sowohl Serben als Kroaten die Führung für sich, schreibt er:  "So fiel dann auch alles unter die Krone der Karadjordjević, im Parlament kam es unter den Völkern zu ständigen Streitereien, ein serbischer Abgeordneter brachte mitten in der Parlamentssitzung kroatische Vertreter um, darunter den Führer der kroatischen Bauernpartei, eine Königsdiktatur wurde errichtet, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen wurde in Königreich Jugoslawien umbenannt, prokroatische Elemente ließen den jugoslawischen König ermorden, als dieser auf Staatsbesuch in Marseille war, und alles führte ins Verderben."

Im Zuge der "Systematisierungswut" der europäischen Aufklärung wurde die Menschheit in Farben eingeteilt, dabei beanspruchten die Europäer das "Weißsein" für sich, schreibt Hoo Nam Seelman in der NZZ: "Im Laufe des 18. Jahrhunderts verschob sich die Beurteilung der Ostasiaten zunehmend von weiß zu gelb. Je negativer jemand über China dachte, desto eher kategorisierte er die Chinesen als gelb. Denn in der Farbigkeit sah man eine Degenerationserscheinung. Folgerichtig wurde die weiße Farbe mit höherer Zivilisation gleichgesetzt, die darum eine überlegene war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2018 - Geschichte

Die osteuropäischen Länder sind die großen Vergessenen in der deutschen Geschichtsschreibung. Auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ erinnert der Historiker Jochen Böhler an das Ende des Ersten Weltkriegs und die direkt anschließenden Kriege bei der Entstehung der osteuropäischen Nationen: "Bis auf eine verschwindende Minderheit trugen litauische, polnische, ukrainische und tschechische Soldaten bis 1918 imperiale Uniformen und waren bisweilen gezwungen, auf 'Gegner' zu schießen, die dieselbe Sprache sprachen wie sie. In den ethnisch definierten Nationalstaaten dagegen setzte sich nicht das demokratische Gleichheitsversprechen durch. Sie unterschieden vielmehr von Beginn an - je nach Herkunft - zwischen Bürgern erster und zweiter Klasse, was sie selbst zu 'kleinen Imperien' machte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2018 - Geschichte

Mit reichlich Spott belegt Marc Tribelhorn in der NZZ den Generalstreik, mit dem die Arbeiterbewegung vor hundert Jahren auch in der Schweiz die 48-Stunden-Woche, Altersvorsorge und Frauenstimmrecht forderten und der noch heute den Sozialdemokraten und Gewerkschafter am Herzen liegt: "Dabei eignet sich der landesweite Generalstreik vom November 1918 nur bedingt als Erfolgsstory, handelte es sich doch zunächst um die bitterste Niederlage in der Geschichte der schweizerischen Arbeiterschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2018 - Geschichte

Der Historiker Götz Aly wurde am Wochenende in München mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. In seiner Dankesrede, die die Süddeutsche heute druckt, erinnert Aly auch an die 3.000 StudentInnen, die in der Münchner Universität das Todesurteil gegen die Scholls beklatschten: "Insgesamt betrachtet, läuft unsere heutige Erinnerungspolitik darauf hinaus, sich mit den Opfern zu identifizieren. Parallel dazu werden die Täter zu schier außerirdischen Exekutoren stilisiert, und über die 3.000 Jubelstudentinnen und -studenten ist noch nie systematisch geforscht oder ausführlich berichtet worden. Diese Art des Erinnerns legt nahe zu vergessen, wie sehr die eigenen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern die Regierung Hitler lange aktiv unterstützt hatten, zu den mäßig überzeugten Mitläufern oder den zuverlässig passiven Stützen der Gewaltherrschaft gehört hatten. Näher als Christoph Propst, Sophie Scholl und Hans Scholl stehen auch uns Heutigen diejenigen, die am 22. Februar 1943 im Audimax der LMU den justizförmigen Mord an drei Kommilitonen zustimmend oder angepasst mittelstark beklatschten und betrampelten."

Dass die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit aber nicht abgeschlossen ist, sondern sowohl von Politikern wie Bürgervereinen tatkräftig gepflegt wird, lernte Aly auf seiner jüngsten Reise durch die Bundesrepublik, wo er zu einer ganzen Reihe von Veranstaltungen zum 9. November eingeladen worden war, erzählt er in der Berliner Zeitung: "In Bensheim sang man in aller Eintracht mit der sehr munteren Stadtverordnetenvorsteherin von der CDU das Moorsoldatenlied, weil es vor 30 Jahren von Linksbewegten so eingeführt worden ist. In Stralsund empfing mich der Verein 'Historische Warenhäuser Wertheim und Tietz', in Worms die 'Gesellschaft zur Förderung und Pflege der jüdischen Kultur', in Bamberg die 'Katholische Hochschulgemeinde'. Mich beeindrucken die Kraft, die Ernsthaftigkeit und das Engagement all dieser Initiativen und Vereine. Überall in Deutschland haben sie in den vergangenen 30 Jahren eine immer stärker gewordene, fundierte Gedenkkultur geschaffen - in vielfältiger Weise und mit parteiübergreifender bürgerlicher Selbstverständlichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2018 - Geschichte

Arno Widmann schreibt in der FR über den "Glücksfall der Revolution von 1918/1919". Die Novemberrevolution stehe im Kontext einer Republikanisierung vieler Länder nach dem Ersten Weltkrieg - die mit der Republikanisierung Chinas schon im Jahr 1911 angefangen habe, so Widmann, der sich in seinem Essay auf Robert Gerwarths vielgelobtes Buch "Die größte alle Revolutionen" (mehr in den Büchern der Saison) bezieht: "So gesehen ging es nicht um den Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus, wie viele Zeitgenossen und viele Historiker des 20. Jahrhunderts annahmen. Und die deutsche Revolution von 1918/1919 blieb, so betrachtet, nicht auf halbem Wege stehen. Die Sozialdemokratie unter Friedrich Ebert 'verriet' damals auch nicht die Arbeiterbewegung, sondern rettete sie. In einem Sowjetdeutschland hätte es keine freien Gewerkschaften mehr gegeben. Abgesehen davon, dass es ein Sowjetdeutschland niemals gegeben hätte, sondern nur einen Bürgerkrieg mehr im Nachkriegseuropa. Mit womöglich einem deutschen Mussolini als Sieger."

In der NZZ erinnert Roswitha Schieb daran, dass der Erste Weltkrieg für die Völker Osteuropas eine Befreiung war: "Es ist erstaunlich, wie durch und durch deutsch (oder österreichisch) die jungen Studenten im Jahr 2018 empfinden, wie sehr sie von ihrer nationalen Geschichtsdarstellung durchdrungen und geprägt sind, wie wenig sie es vermögen, über den eigenen Tellerrand auf die nächsten Nachbarstaaten zu schauen und einen Perspektivwechsel vorzunehmen - und das bei einem Thema, das von Europa handelt. Denn '1918' klingt in anderen Ländern nicht nur nach Soldatenfriedhöfen, nicht nach Niederlage, Demütigung, Zerbrechen von Grossreichen, Ende der Monarchie, allgemeinem Untergang und Anfang vom Ende, sondern nach Befreiung, Unabhängigkeit und triumphalem Neuanfang."

Es gibt immer mehr Gedenkorte für die Opfer des Stalinismus in Russland. Meist sind es Tafeln mit den Namen der Opfer - damit kehrt das Individuum mit seiner Lebensgeschichte zurück ins Zentrum der Erinnerungskultur, schreibt die Osteuropahistorikerin Ekaterina Makhotina in der NZZ. Gleichzeitig wächst aber auch die Zahl der Denkmäler und Gedenktafeln zu Ehren Stalins. Putin steht dazwischen, gedenkt der Opfer, ohne die Täter zu nennen: "Die Erinnerung an den Stalinismus braucht ein anderes Format", meint Makhotina, "über das Gedenken an die Opfer hinaus. Es braucht zuerst und vor allem ein Bewusstsein für den Funktionsmechanismus des Stalinismus als politisches und soziales System, das Wissen über den Terror und seine Mitträgerschaft und Mittäterschaft in der Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus ist mehr als eine eindeutige negative juristische Bewertung von Stalins Figur. Sie braucht die Bereitschaft, sich dem Unbehagen der Erinnerung zu stellen, einer schmerzhaften Erinnerung. Schmerzhaft nicht nur wegen des Mitgefühls für die Opfer, sondern auch wegen des Wissens um eine Gesellschaft, in der der eine von der Not des anderen profitierte und sozial aufstieg, in der nach 'nationalen Verrätern' oder der 'fünften Kolonne' gesucht - und denunziert - wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2018 - Geschichte

Die deutsche, muslimische, türkische und jüdische Geschichte sind viel verquickter, als die meisten es sich klar machen. Aber keiner der Redner zum 9. November hat die Muslime angesprochen, schreibt Michael Wolffsohn in der FAZ. Er erinnert sich an seine Kindheit in Tel Aviv, als die Palästinenser sich militant gegen die Einwanderung von Juden wehrten. Viele Schüssen gingen von der Tel Aviver Siedlung Sarona aus, "gegründet und bewohnt von deutschen Templern. Sarona ist heute ein Tourismus-Magnet, damals roch es dort nach Schießpulver; damals waren siebzehn Prozent der in Palästina lebenden deutschen Templer Mitglieder der NSDAP. Kaum dem NS-Reich entflohen, trafen deutsche Juden auf deutsche Nazis und deren arabisch-islamische Waffenbrüder im 'Gelobten Land'. Beide gelobten, auch Palästina 'judenrein' zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2018 - Geschichte

Welt-Autor Thomas Schmid lobt Frank Walter Steinmeiers Rede zum 9. November, in der er sich vor allem dem hundertsten Jahrestag der November-Revolution widmete: "Überraschend war, dass er nicht - wie es sonst üblich ist - den 9. November 1918 als Chiffre für eine gescheiterte Republik nahm. Er brach mit jener im Grunde bequemen Tradition linken Denkens, der zufolge 1933 eine direkte Konsequenz aus der deutschen Geschichte ist. Er sprach nicht vom Ende der Weimarer Republik her. Er sprach darüber, dass ihre Gründung allen Wirren zum Trotz ein deutsches Wunder darstellt!"

Sehr interessant erläutert der Historiker Alexander Gallus auf der Gegenwartsseite der FAZ, wie die Novemberrevolution von Anfang an ins Gezerre der Geschichtspolitik geriet, Hitler sprach von den "Novemberverbrechern" und legte seinen Putschversuch 1923 absichtlich auf den 9. November. Aber in der Rechten machte man sich die Idee der Revolution auch zueigen: "Eine Reihe von Vertretern des neuen nationalistischen Denkens wollte nicht länger die Monarchie restaurieren oder bloße Reaktion sein... Bald kam die Rede von der 'konservativen Revolution' auf, wünschte sich ein Oswald Spengler einen 'deutschen' oder 'preußischen Sozialismus'. Das verhängnisvolle Zusammendenken von 'Nationalismus' und 'Sozialismus' als Akt revolutionärer Erneuerung bei gleichzeitiger Zerstörung all dessen, was man der Novemberrevolution zuschrieb, kündigte sich lange an."