9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

617 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 62

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2018 - Geschichte

In der NZZ erinnert sich der serbische Schriftsteller Bora Cosic an jene Zeit, als Jugoslawien sich unter Tito 1948 plötzlich von Stalin abwandte - und auch die Liebe der Serben zur russischen Kultur sich trübte: "Schließlich erfuhren wir, dass seine Hand grausame Lager im unmenschlich kalten Sibirien errichtet hatte, dass seine Henker in die Köpfe Tausender unschuldig angeklagter Menschen schossen, dass das riesige Land Russland nicht nur die Heimat der fröhlichen jungen Leute aus seinen Filmen war, sondern eine finstere Gegend, ein undurchsichtiger Kontinent, wie er es eigentlich bis heute geblieben ist. Am Ende fiel es auch dem Mann meiner Tante leichter, sich von seiner jüngsten Vergangenheit loszusagen, Stalin war vielleicht ja doch nur der blatternarbige Tyrann aus dem Gedicht von Ossip Mandelstam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2018 - Geschichte

Deutschland wird überall für seine "Vergangenheitsbewältigung" gelobt, schreibt der Philosoph und Nachfahre deutscher Juden, Jason Stanley, im Feuilleton-Aufmacher der Zeit. Dabei schoben die deutschen 68er die Verantwortung für den Nationalsozialismus von den historischen Besonderheiten des Deutschtums weg - hin zu den Strukturen und Mechanismen des Kapitalismus, um sich so selbst in der "Rolle des Opfers" darzustellen, meint er - und sieht Auswirkungen auf den heute wieder "aufflammenden deutschen Nationalismus": "Dass Überheblichkeit in Bezug auf die eigene ethnische und kulturelle Überlegenheit ein Spezifikum der deutschen Geschichte ist, wurde nie anerkannt. Wir sind derzeit mit einer weltweiten Krise konfrontiert, in der sich dominante Gruppen als Opfer von faulen und kulturell minderwertigen Eindringlingen sehen. Die Erkenntnis, die aus einer wahrhaftigen Aufarbeitung deutschen Überlegenheitswahns hätte entstehen können, wäre der Welt sicher von Nutzen gewesen."

"Was passiert, wenn ein schlechtgelaunter, unkonzentrierter Blödmann ein Reich regiert, fragt Miranda Carter, Autorin eines Buchs über die drei Cousins George, Nikolaus und Wilhelm, im New Yorker. In Kaiser Wilhelm hat sie einen Vorläufer für Donald Trump gefunden: "Der Kaiser war erregbar, aber selten wirklich zu kontrollieren. Er war unvorhersehbar, wenn es darum ging, seine Autorität zu beweisen, als müsste er klarmachen, dass er noch im Amt war, etwa wenn er die Politik seiner Berater rüpelhaft durchkreuzte oder ohne Vorwarnung Minister entließ. 'Sie haben nicht die geringste Idee, was ich alles verhindert habe', beklagte sich sein treuester Diener, Bernhard von Bülow, bei einem Freund, 'und wieviel Zeit ich damit verbracht, das Chaos zu reparieren, das seine Majestät angerichtet hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2018 - Geschichte

Wie reinster "Slapstick" erscheinen dem serbischen Schriftsteller Bora Ćosić in der NZZ in der Erinnerung die Studentenproteste von 1968 in Belgrad, wo Studenten lautstark gegen die kommunistische Herrschaft in ihrem Land protestierten - mit denselben kommunistischen Parolen: "Die meisten Menschen erinnern sich gar nicht an diese Sternennächte, die bisweilen dramatisch waren - es kamen auch Polizeiknüppel zum Einsatz -, nur weil irgendein kleiner Held die Heckfahne aufhob, die von einem Wagen gefallen war, und mit ihr zu winken begann, was die anderen als Wink des Schicksals auffassten."

Beeindruckt kommt SZ-Autor Gustav Seibt aus der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum: "Die Monstrosität rassistischen Denkens wird nicht nur begreifbar, sondern mehr noch fühlbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2018 - Geschichte

Entgegen mancher Historiker-Ansicht habe die Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit und somit die eigentliche Gründung der Bundesrepublik sehr wohl in der Studentenbewegung und namentlich im SDS angefangen, meint Micha Brumlik in der taz: "So stellte der heute noch in Berlin lebende, 1930 geborene Reinhard Strecker, Mitglied des SDS, bereits im Januar 1960 einen Strafantrag gegen ehemalige Nazi-Richter. Ein Jahr zuvor hatte der SDS die Ausstellungen umfassende Aktion 'Ungesühnte Nazijustiz' beschlossen, um NS-Juristen zur Verantwortung zu ziehen, deren Verbrechen bald verjähren würden. Der damalige Vorstand der SPD distanzierte sich von der Aktion seiner Studentenorganisation."

Manuel Müller hat für die NZZ die Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum besucht und fand sie zwiespältig. Man kann eine Menge lernen, meint er, aber an einer Stelle läuft die Ausstellung "auf Grund. Nirgends wird dies deutlicher als bei den eingestreuten und über die Räume verteilten Voten eines Beirats. Diesen musste das Kuratorenteam eilig beiziehen, als die Ausstellung bereits konzipiert war. Da zeigte sich auf einmal: Die Kuratoren hatten nicht bedacht, dass sie alle weiß sind. Eilig trieb man Aktivisten, Autoren und Künstler für Workshops auf. Sie sollten kommentieren, einschätzen und ihre Perspektive einbringen. Und diese Kommentare haben es in sich. Denn nirgends zementiert die Ausstellung das alte Rassendenken so sehr wie in diesen Marginalien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2018 - Geschichte

In der Berliner Zeitung macht sich Markus Decker Sorgen um die Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen. Dort musste ein Mitarbeiter, der 73-jährige, ehemalige politische Gefangenen Siegmar Faust wegen seiner AfD-nahen und den Holocaust relativierenden Äußerungen (mehr hier) gehen. Dass er ein Einzelfall ist, glaubt Decker nicht: "Dagegen sprechen nicht nur jene anderen Dissidenten, die ins manifest Rechtsextreme oder in eine hellbraune Grauzone abgedriftet sind. Dagegen spricht auch die Selbstgewissheit, mit der Faust in Hohenschönhausen auftrat. Und dagegen sprechen schließlich die publizistischen Aktivitäten des Fördervereins-Vorsitzenden Jörg Kürschner."

Außerdem: Der Historiker Lascha Bakradze forscht in Tbilissi zur Geschichte Georgiens zur Sowjetzeit. Eins der wichtigsten Lernergebnisse dabei: Georgier waren sowohl Opfer als auch Täter im sowjetischen Totalitarismus, erzählt er im Gespräch mit der NZZ. "Der Große Terror hat auch in Georgien viele Opfer gefordert. Andererseits waren Stalin und seine rechte Hand Lawrenti Beria Georgier."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2018 - Geschichte

Charles Maurras, der französische Antisemit und Wortführer der extremen Rechten, wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden. Wolf Lepenies porträtiert den Autor für die Welt und zeigt, wie sich bei ihm Nationalismus und Regionalismus (er kam aus Marseille) kombinierten: "Mit dem während der Dreyfus-Affäre publizierten Essay 'L'Idée de la décentralisation' (1898) begann der lebenslange Kampf von Maurras gegen den Zentralismus der 'Pariser Republik'. 'Künstliche' politische Einheiten wie die von der Revolution gebildeten Départements sollten abgeschafft, die 'Pays' genannten Regionen des Ancien Régime wiederbelebt werden. Energisch engagierte sich der Mann des Midi für die Stärkung der lokalen Freiheiten; die Action française war auch eine 'Action provençale'. Maurras setzte dem jakobinischen Zentralstaat ein föderales Frankreich entgegen, in dem die Kommunen demokratisch, die Provinzen aristokratisch und die Nation monarchisch organisiert waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2018 - Geschichte

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Stefan Reinecke trifft für die taz den Historiker Herfried Münkler, der Sätze von charakteristscher Kälte fallen lässt, die die Menschheit als Versuchskaninchen im welthistorischen Labor des Herrn Professors erscheinen lässt: "Die Reduzierung der Bevölkerung ist ein Kollateraleffekt des Kriegs, nicht das Ziel. Aber systemisch betrachtet kann man Kriege als Form der demografischen Anpassung an die Ressourcen beschreiben. Es gab auch eine Überbevölkerung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2018 - Geschichte

Im Blog der NYRB erinnert der New Yorker Soziologe Todd Gitlin daran, dass sich das Jahr 1968 aus amerikanischer Perspektive ziemlich düster ausnimmt, nämlich als eine Folge von Brutalität, Rebellion und Tragödie - die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy, die prügelnden Polizisten in Chicago, die schockierenden Bilder aus Vietnam: "Es ist heute schwer zu vermitteln, dass es Schock und Panik waren, die die Welt vor einem halben Jahrhundert erschütterten. Noch schwerer zu begreifen ist, das der große Sieger von 1968 die Konterrevolution war ... Auch wenn sich die radikale Linke an ihrer Vorstellung von Revolution begeisterte, ist die eigentliche Geschichte eher das Gegenteil, ein großer Schwenk zur Regression, die sich bis heute, wenn auch nicht ununterbrochen, fortsetzt. Der Reform-Ära des New Deal, die von der Überzeugung getrieben war, dass Regierungen dem Allgemeinwohl zugute kommen können, ging die Kraft aus. Die glorreichen Jahre der Brügerrechtsbewegung waren zu Ende. Der entsetzliche Vietnamkrieg, der die Lunte an Amerikas Ideale gelegt hatte, sollte noch weitere sieben Jahre unentschuldbaren Tötens bringen. Die große Linie dieser Geschichte ist der Backlash."

Dass der Antisemitismus in islamischen Ländern heute weit verbreitet ist, sieht der amerikanische Historiker Peter Wien in der SZ politisch und gesellschaftlich begründet, nicht aber religiös: "Im Islam gibt es keinen traditionellen, religiös oder rassistisch begründeten Antisemitismus.  Die Akzeptanz antisemitischer Vorurteile unter Muslimen sollte aber politisch und gesellschaftlich eingeordnet werden und nicht religiös. Ohne die koloniale Unterwerfung der arabischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert ist die Verbreitung antisemitischen Gedankenguts auch in anderen islamischen Ländern kaum denkbar. Zu einem wirklich antisemitischen Vorfall kam es im Nahen Osten zuerst 1840 in Damaskus im Milieu katholischer Missionare. Ein italienischstämmiger Mönch war verschwunden, mehrere unter Folter erzwungene Aussagen schrieben sein Verschwinden den Juden zu, die es angeblich auf das Blut des Opfers abgesehen hatten, um Matze zu backen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2018 - Geschichte

Die taz macht ein Dossier zum Pariser Mai. Die Schriftstellerin Catherine Millet bringt eine gewagte These vor: "Die Revolte im Mai 68 hat keine Revolution nach sich gezogen, die mit 1917 vergleichbar wäre. Aber sie ist und bleibt unauflöslich mit der 'sexuellen Revolution' verbunden. Reich und Marcuse gesellten sich zu Marx. Vielleicht hätte Robespierre die Guillotine nicht in Gang gesetzt, hätte er de Sade gelesen, und ein etwas entspannterer Lenin hätte vielleicht keinen Roten Terror ausgeübt."

Außerdem: Jean-Marcel Bouguereau erinnert sich an "dieses Gefühl des Alles-erreichen-Könnens". Erinnerungen auch von der Schriftstellerin Annie Ernaux. Der Bauer Joseph Potiron erinnert an den Mai in Nantes, wo es zu einer seltenen Synthese von Bauern, Studenten und Arbeitern kam. Und Johanna Luyssen beklagt, dass sich die Neue Rechte des Vokabulars der 68er bemächtigt hätten. Schließlich beschreibt die Historikerin Ludivine Bantigny im Gespräch mit Harriet Wolff, was der Slogan "faire mai" bedeutete: "Dieser Slogan, auch wenn er eigentlich nur auf jenen Monat abzielt, beschreibt gut die damalige Atmosphäre - zu deutsch 'Mai machen'. Diese ausgelassene Stimmung, gepaart mit Ernsthaftigkeit und immer wieder dem unmittelbaren Erleben von Gefahr: Das Gefühl ist da, an etwas genuin Politischem, ja Historischem teilzunehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2018 - Geschichte

Morgen, am 9. Mai, feiert Russland wieder seinen Sieg im 'Großen Vaterländischen Krieg', der inzwischen die "Oktoberrevolution als Legitimationsmythos des Einparteistaats ersetzt" hat, schreibt Sonja Margolina in der NZZ. Vor diesem geschickt genutzten Erinnerungshorizont konnte Putin seine Kriege auf der Krim, im Donbass und Syrien in Wählerstimmen ummünzen: "In diesem Jahr steht die Feier im Zeichen der Wiederwahl Wladimir Putins als 'Siegespräsident', dessen Inauguration am 7. Mai stattgefunden hat und in der diesjährigen Militärparade auf dem Roten Platz ihren Höhepunkt erreichen soll. Damit erhält Putin die höheren Weihen. 'Bisher war Putin unser Präsident und konnte ausgetauscht werden', ließ die Chefredaktorin des Propagandasenders RT, Margarita Simonjan, kurz nach den Wahlen verlautbaren. 'Nun ist er unserer Führer. Und wir lassen nicht zu, dass er ausgewechselt wird.'"

Ebenfalls in der NZZ erinnert der Osteuropahistoriker Fabian Thunemann mit Blick auf Russland daran, dass Diktaturen selten durch Unruhen gestürzt werden: Viel erfolgreicher sind Verschwörungen.