9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1002 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 101

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2021 - Geschichte

Drei ÖkonomInnen, Andrei Markevich, Natalya Naumenko und Nancy Qian widerlegen in einem Zeitschriftenartikel "The Political-Economic Causes of the Soviet Great Famine" die Behauptung, der Holodomor habe nicht vorwiegend den Ukrainern gegolten, erzählt Philip Plickert in der ehemaligen Sonntagsausgabe der FAZ. "Bis heute sagt Moskau, es habe keine gezielte Anti-Ukrainer-Politik gegeben. In ihrer statistischen Auswertung, die bis auf Distriktebene differenziert, zeigen die drei Ökonomen, dass dies falsch ist... Markevich, Naumenko und Qian zeigen mit ökonometrischen Methoden, dass die Übersterblichkeit der ethnischen Ukrainer weit überproportional war - und das auch in angrenzenden Teilen der Sowjetunion. Ukrainer machten 21 Prozent der Bevölkerung der UdSSR aus, aber 30 bis 45 Prozent der Toten. Die stalinistische Politik war der entscheidende Faktor. Nach Rechnung der Ökonomen erklärt sie 77 Prozent der ukrainischen Übersterblichkeit in der Ukraine, Russland und Belarus."
Stichwörter: Holodomor, Ukraine

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2021 - Geschichte

Der Historiker Jürgen Luh erinnert in der taz an den "Langemarck-Mythos" - den Mythos einer Jugend, die sich im Ersten Weltkrieg bereitwillig opferte -, der in der Weimarer Republik von der rechtsextremen Organisation "Stahlhelm" vertreten wurde. Diese suchte ab 1932 Anschluss an die rivalisierenden Nazis, und dabei leistete ein gewisser Hohenzollern-Prinz erheblichen Vorschub: "Zu der Überzeugung, dass Adolf Hitler forderte, aussprach und erzwingen wollte, was die Stahlhelmer bewegte, war das Mitglied des Stahlhelm Ex-Kronprinz Wilhelm schon Ende März 1932 gelangt. Schon vor dem für den 10. April angesetzten zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl hatte er an Franz Seldte, den 'Ersten Stahlhelm-Bundesführer', sowie den Vorsitzenden der DNVP, Alfred Hugenberg, Briefe geschickt, in denen er vor einer Enthaltung im zweiten Wahlgang warnte und dazu aufforderte, Hitler zu unterstützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2021 - Geschichte

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fragt in der FAZ, warum die Deutschen ihrer Demokratiegeschichte so wenig gedenken. Er teilt nicht die These, dass die Erinnerung an den Nationalsozialismus diese Geschichte verdeckt und sieht die Ursache schon im 19. Jahrhundert: "Nach der Reichsgründung 1871 dominierte eine national-borussische Geschichtsschreibung, welche die deutsche Geschichte auf das Streben nach staatlicher Einheit reduzierte, das Preußentum heroisierte und Otto von Bismarck zum genialen Erfüller nationaler Sehnsüchte verklärte. Statt an Freiheitsbewegungen erinnerte man an die Befreiungskriege gegen Napoleon. Damit wurde nicht nur der Grundstein zur nationalistischen Ideologie einer Erbfeindschaft mit dem französischen Nachbarn gelegt, sondern auch die positive Seite des Freiheitsbegriffs, die Freiheit zu bürgerlicher Selbstbestimmung, ausgeblendet." Von der Paulskirche sagt Steinmeier in seinem Essay übrigens, dass sie den Ansprüchen, "die wir heute an einen ebenso würdigen wie lebendigen Erinnerungs- und Lernort der Demokratie stellen, nicht gerecht" wird. Steinmeier hat ein Buch zum Thema herausgegeben. Sein Vorwort, das mit dem FAZ-Text mehr oder weniger identisch ist, lässt sich hier in einer pdf-Leseprobe nachlesen.
Anzeige

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2021 - Geschichte

Florian Coulmas besucht für die NZZ die Ausstellung "Macht - 800 Jahre Binnenhof" in Den Haag. Der Binnenhof, in dem die beiden Kammern des niederländischen Parlaments tagen, soll generalsaniert werden, da empfiehlt sich auch mal ein Blick zurück: "Die Ausstellung erzählt die niederländische Geschichte aus einem exquisiten Blickwinkel: als Geschichte eines etwas heruntergekommenen Gebäudes. Dargestellt werden die Kontroversen, die Konfrontationen und die Konflikte, die in den Wandelgängen, Hallen, Hinterzimmern oder vor dem Binnenhof ausgetragen wurden. Selten war es in den Niederlanden unumstritten, wer die Macht hatte, und nicht immer vollzog sich der Übergang von einem Herrscher zum anderen auf friedliche Weise."
Stichwörter: Niederlande

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2021 - Geschichte

In Indonesien wurden unter Führung von General Suharto zwischen 1965 und 1966 mindestens fünfhunderttausend Menschen getötet, die verdächtigt wurden, Kommunisten zu sein. Die Briten spielten bei diesem Massaker eine wichtige Rolle, erzählen Paul Lashmar, Nicholas Gilby und James Oliver im Guardian. "Kürzlich freigegebene Dokumente des Außenministeriums zeigen, dass britische Propagandisten heimlich Antikommunisten, darunter auch Armeegeneräle, zur Beseitigung der PKI anstifteten. Die Kampagne scheinbar spontaner Massenmorde, von der man heute weiß, dass die indonesische Armee sie inszeniert hat, wurde später von der CIA als einer der schlimmsten Massenmorde des Jahrhunderts bezeichnet. Als die Massaker im Oktober 1965 begannen, forderten britische Beamte, 'die PKI und alle kommunistischen Organisationen' zu 'eliminieren'. Die Nation, so warnten sie, sei in Gefahr, 'solange die kommunistischen Führer auf freiem Fuß sind und ihre Anhänger ungestraft davonkommen'." Die Briten hofften so Präsident Sukarno loszuwerden, der mit der PKI zusammenarbeitete und offen den britischen Kolonialismus kritisierte, was ihnen auch gelang.

In der Welt sprechen sich Gabriele von Lutzau, Flugbegleiterin der 1977 von der RAF entführten "Landshut"-Maschine, und der FDP-Politiker Till Mansmann vehement für einen Gedenkort für die Opfer des "Deutschen Herbstes" aus. "Bis zum heutigen Zeitpunkt gibt es kein Museum und keine Gedenkstätte, die den Opfern des RAF-Terrorismus ein würdiges Gedenken schafft und sich diesem Teil unserer Geschichte widmet", schreiben die beiden. Zwar wurde bereits Geld bewilligt, um die "Landshut" auszustellen, doch die Bundeszentrale für politische Bildung, zuständig für das Ausstellungskonzept, "ließ zuletzt verlauten, dass die Landshut-Maschine als technisches Großobjekt nicht restauriert oder in den Originalzustand zurückgeführt werden soll. Dies ist jedoch eine zentrale Forderung, denn eine restaurierte und zugängliche 'Landshut' könnte die Besucher die Ausstattung, die Enge an Bord und die gesamte Atmosphäre authentisch nachempfinden lassen. Die Erinnerung an die Geschichte der Landshut-Entführung ist man den Opfern schuldig. In einem solchen Museum sollen auch die Perspektiven der Opfer und der damals in Verantwortung stehenden Politiker sichtbar und hörbar werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2021 - Geschichte

Die Historiker Matthias Häussler und Andreas Eckl präsentieren in der Zeit neues Archivmaterial aus dem Nachlass der Familie von Trotha über Lothar von Trotha, den maßgeblichen Kommandeur des Völkermords an den Herero und Nama. Sie stellen ihn als einen marodierenden Höfling dar, der keineswegs immer auf Geheiß der Oberen handelte. "Was für ein Bild Trothas zeichnet der Nachlass? Das Bild eines so eitlen wie unsicheren Mannes, der sich immerfort der Gunst des Kaisers und des Beifalls der Öffentlichkeit zu versichern suchte; der sich zu Höherem berufen fühlte, ohne seinen Aufgaben recht gewachsen zu sein; der eher ein ganzes Volk der Vernichtung preisgab, als militärische Fehler einzugestehen; der vor keiner Grausamkeit zurückschreckte, aber sich auch nicht zu schade war, sich bei anderen Höflingen auszuweinen, wann immer er sich in einem der zahllosen Konflikte aufzureiben drohte, die er in seinem Hochmut vom Zaun gebrochen hatte. Historische Deutungen, die Trothas Handeln als durch und durch intentional beschreiben, laufen Gefahr, seiner Selbstinszenierung noch im Negativen zu folgen. Lothar von Trotha aber war alles andere als 'der große General des mächtigen deutschen Kaisers', zu dem er sich stilisierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2021 - Geschichte

Kurt Kister berichtet in der SZ über den Historikertag, wo unter anderem über die klagefreudige Hohenzollern-Familie gesprochen wurde (auch der Perlentaucher wurde von der Familie teuer zur Unterlassung aufgefordert). Unter anderem lauschte Kister den Ausführungen des Medienrechtlers Wolfgang Schulz: "Den Hohenzollern-Fall kann man als Beispiel dafür verstehen, wie sehr die Freiheit der Wissenschaft (und auch die der Publizistik) in einer klagefreudigen Gesellschaft bedroht sein kann. Der Medienrechtler Schulz erläuterte die sogenannte SLAPP-Strategie von Firmen oder anderen finanziell gut gestellten Klägern; SLAPP steht für Strategic Lawsuits against Public Participation, strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung. Diese Art von oft auch 'präventivem' juristischen Vorgehen soll Einzelpersonen einschüchtern, nicht zuletzt, weil solche Auseinandersetzungen sehr teuer werden können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2021 - Geschichte

Vor achtzig Jahren verübten die Deutschen das Massaker von Babyn Jar. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat aus diesem Anlass in Kiew eine Rede gehalten. Im Gespräch mit Clemens Wergin von der Welt erläutert der Historiker Timothy Snyder ("Bloodlands"), dass auch schon in diesem "Holocaust durch Kugeln" jene technisch-organisatorische Dimension steckt, die zur Singularität des Holocaust gehört. "Zunächst einmal war es nur möglich durch institutionelle Kooperation. Weil nicht nur die SS-Einsatzgruppen involviert waren. Bei jedem großen Massaker war auch die Ordnungspolizei dabei, ohne deren massive Beteiligung wäre das nicht möglich gewesen. Und in Babyn Jar war auch die Wehrmacht beteiligt, die die Versammlungsposter gedruckt hat und Nachschub zur Verfügung stellte. Dann gab es noch Unterstützung durch lokale Kräfte, die im Laufe der Zeit eine größere Rolle spielten. Und so sehen die Deutschen, dass sie das tatsächlich tun können, und berichten es zurück nach Berlin." Snyder kritisiert in dem Gespräch die mangelnde Empathie der notorisch russophilen Deutschen für die Ukraine und Belarus und hofft, dass die Rede Steinmeiers einen Einschnitt bewirkt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2021 - Geschichte

Bisher hat der Historiker Stephan Malinowski, der vergangene Woche sein Buch "Die Hohenzollern und die Nazis - Geschichte einer Kollaboration" veröffentlichte, noch nichts von den Anwälten der Hohenzollern gehört, erzählt er im FAS-Interview mit Julia Encke, in dem er auch auf das "rechte Netzwerk" des Kronprinzen blickt: "Die Figur fällt ja 1930 nicht vom Himmel, sondern er ist seit dem ersten Tag der Republik als antirepublikanischer Handelnder aktiv, im Grunde bis 1945. Und man muss auch weiter ins Kaiserreich und in die Zeit vor 1914 zurückblicken. Eine antisemitisch und imperialistisch orientierte radikale Rechte, die den Kaiser und seine Regierung angreift, gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Und der Kronprinz hatte bereits vor 1914 Affinitäten zu diesem rechtsradikalen Rand des politischen Spektrums. Dies reißt 1918 nicht ab. Wenn man verstehen will, warum von dieser Figur noch so eine Dynamik ausgeht, muss man ihn in sein Milieu platzieren und das Milieu aus einer langen Entwicklung heraus deuten."

Wurde die Konstruktion des "Fremden", des "Barbarischen" zunächst auf alle Kulturen jenseits von Europa angewendet, weitete sich die Abwertung im 19. Jahrhundert auch auf die Arbeiterschaft in westlichen Gesellschaften aus, schreiben die Historiker Svenja Goltermann und Philipp Sarasin bei geschichtedergegenwart.ch: "Mit dem auch auf dem Kontinent sich zügig durchsetzenden Fabriksystem, das große Migrationsbewegungen vom Land in die Stadt, die Verslumung von Innenstädten und die Verarmung und Proletarisierung weiter Bevölkerungskreise mit sich brachte, schwoll auch der Chor jener an, die über die neuen 'Nomaden' in den Städten, ihre 'barbarischen' Sitten oder vielmehr ihren Sittenzerfall lamentierten. Noch 1904 hat der - sozialistisch gesinnte - Sexualreformer und Psychiater August Forel in seinem Bestseller Die Sexuelle Frage bemerkt, dass sich 'in belgischen alkoholisierten Industriebezirken die Menschen vielfach wie Tiere nachts auf den Straßen begatten, nicht viel feiner als betrunkene Kaffern in Südafrika'. Mehr Verachtung und bürgerliches Entsetzen war nicht möglich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2021 - Geschichte

Es reicht nicht, auf den Kronprinzen zu schauen, sagt der Historiker Stephan Malinowski, Autor von "Die Hohenzollern und die Nazis - Geschichte einer Kollaboration", im Gespräch mit Stephan Karkowsky von Dlf Kultur. Fast der gesamte Clan der Hohenzollern, die aktiven Prinzessinnen inklusive, bewegten sich in radikalen rechtsextremen Kreisen und setzten sehr wohl Hoffnungen auf die Nazis. Und der Kronprinz selbst hatte ein gutes Exempel parat, um den Nazis Vorschub zu leisten: "Natürlich spielt für den Kronprinzen und auch für den gefallenen Kaiser in Holland immer noch die Vorstellung eine Rolle, man könne den Thron wieder errichten, man könne eine Monarchie wieder errichten, vielleicht nach dem italienischen Modell. Seit 1922 ist in Italien ja der Faschismus in Form einer Monarchie, die kombiniert ist mit einem faschistischen Führer, vorhanden als Gebrauchsanweisung, auf die auch im Adel mit großem Interesse geschaut wird. Also der Kronprinz ist fasziniert von Mussolini, begeistert vom italienischen Faschismus, hat auf seinem Schreibtisch auch ein Bild des Duce und ist begeistert von der, wie er es nennt, genialen Brutalität, mit der in Italien die Linke ausgerottet wird - so nennt er das."