9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2022 - Geschichte

Benjamin Kaufmann ist Dichter und Präsident der österreichischen Sektion der LICRA - Ligue Internationale Contre le Racisme et l'Antisémitisme. Bei geschichtedergegenwart.ch liefert er eine Wiener Polemik in bester Karl-Kraus-Tradition. Hintergrund ist ein Brief von neun Holocaust-Überlebenden, unter ihnen Georg Stefan Troller, die die Stadt Wien auffordern, ein monströses Denkmal für den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger zu entfernen und auch den nach ihm benannten Platz umzubenennen. Der sozialdemokratische Bürgermeister Michael Ludwig, bekennender "Antifaschist", antwortete nicht, und die Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, ebenfalls von der SPÖ aufgestellt, riet, die Auseinandersetzung einer "späteren Generation" zu überlassen. Kaufmann wendet sich auch gegen die Historikerin Heidemarie Uhl, die den "Stachel im Fleisch" erhalten wissen will: "Gemeint ist das Fleisch der österreichischen Mehrheitsgesellschaft; für die jüdischen Perspektiven ist man blind und taub. Uhl spricht im Zusammenhang mit der Forderung nach Entfernung des Ehrenmals von der 'Sehnsucht nach Unschuld und Reinheit' und plädiert dafür, 'die Wunde' offen zu halten. Die Sprache, die hier verwendet wird, ist unverkennbar von katholischem Denken geprägt und alle drei reihen sich damit in die tief katholische Tradition ein, den Schmerz von Jüdinnen und Juden als den eigenen zu fetischisieren. Unsere Wunde. Unser Fleisch. Unser Lueger. Unser Wiener Kulturerbe des Antisemitismus, das wir schützen müssen." Zu Luegers Rolle in der Geschichte schreibt Kaufmann: "Luegers Antisemitismus war nicht, wie gelegentlich behauptet, 'ein Produkt seiner Zeit', hingegen war die Zeit, die auf Lueger folgte, mit ein Produkt seiner Rhetorik."
Stichwörter: Lueger, Karl, Wien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2022 - Geschichte

Die Anerkennung des Holodomor als Völkermord (Unser Resümee) ist auch ein wichtiges Signal für die politische Gegenwart, schreibt Ronen Steinke in der SZ: "Denn damit bekräftigt Deutschland offiziell, dass es schon sehr lange ein eigenständiges ukrainisches Volk gibt. Das ist der Clou, wenn von Völkermord gesprochen wird. Ein Genozid richtet sich gegen eine 'nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche', so lautet die Definition. In einem anderen aktuellen Fall, der Gewalt gegen die Gruppe der Rohingya in Myanmar, ist genau das umstritten. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag verhandelt deshalb derzeit ernsthaft und ergebnisoffen, ob man von Völkermord an den Rohingya sprechen kann. Und auch im Fall der Ukraine wird die nationale Eigenständigkeit bekanntlich zumindest von Wladimir Putin und dessen Kriegspropagandisten lautstark bestritten."

In der FR begrüßt auch Arno Widmann die Resolution. Ihn stört allerdings, dass es in dem Text heißt, der Bundestag leite "aus Deutschlands eigener Vergangenheit eine besondere Verantwortung ab, innerhalb der internationalen Gemeinschaft Menschheitsverbrechen kenntlich zu machen": "Da gibt es keine 'besondere Verantwortung'. Für niemanden. Schon gar nicht für einen Staat. Und dann noch für einen, dessen Organe unfähig bis unwillig sind, zum Beispiel die NSU-Morde aufzuklären."
Stichwörter: Holodomor, Bundestag

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2022 - Geschichte

SPD, Union, Grüne und FDP wollen im Bundestag den Holodomor als einen Völkermord anerkennen. taz-Redakteur Stefan Reinecke ist strikt dagegen. Der Bundestag sei keine Historikerkommission: "Es hat etwas Anmaßendes, einer komplexen historischen Debatte nun den Weg leuchten zu wollen. Das unterscheidet den Holodomor-Antrag von der Armenienresolution vor ein paar Jahren. Dass die Morde an den Armeniern 1915 geplant und gezielt waren und somit nach der Defintion von 1948 als Genozid gelten, ist ein historischer Fakt. Das ist beim Holodomor anders - und ein zentraler Unterschied."

Die willentlich herbeigeführte Hungersnot richtete sich nicht nur in der Ukraine, aber besonders dort gegen die "Liquidierung der Kulaken als Klasse", erläutert der Historiker und Sprecher der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission Guido Hausmann in einem Hintergrundartikel für die taz. "Die eigenständige ukrainische bäuerliche Kultur inspirierte eine wachsende Schicht ukrainischer Intellektueller und Kulturschaffender. Stalin und die Bolschewiki blickten außerdem mit besonderem Argwohn auf die Ukraine, weil sie dem polnischen Einfluss in der Sowjetukraine misstrauten und überall polnische Spione witterten, vor allem in den ukrainischen Parteiorganisationen... Die ukrainischen Bauern leisteten 1930 massiven Widerstand gegen die Getreiderequirierung, flohen aus den Kolchosen, als es kurzfristig möglich war, schlachteten ihr Vieh, bevor sie es abgeben mussten, und wanderten zu Hunderttausenden in die Städte ab." Von Stalin zitiert Hausmann einen Satz aus einem Brief an Parteigrößen: "Wenn wir uns nicht daranmachen, die Lage in der Ukraine in Ordnung zu bringen, dann können wir die Ukraine verlieren." Im Literaturteil bespricht außerdem Jens Uthoff den vom Holodomor handelnden Roman "Das Zeitalter der roten Ameisen" von Tanya Pyankova.

Am 30. November erinnert sich Israel an die Vertreibung der Juden aus den arabischen Staaten und dem Iran. Hierzulande ist diese Geschichte fast unbekannt, schreibt in der NZZ der Antisemitismusforscher Stephan Grigat: "Während im 19. Jahrhundert noch zahlreiche Juden aus Russland und dem Balkan ins Osmanische Reich flohen, kommt es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Massenexodus der Juden aus den islamisch geprägten arabischen Gebieten. Flucht, Vertreibung und Emigration der Juden aus den arabischen Ländern waren nahezu total. ... Zwischen 1941 und 1948 kam es zu zahlreichen antijüdischen Ausschreitungen in Syrien, Libanon, im Irak, auf der Arabischen Halbinsel, in Ägypten und dem sonstigen Nordafrika. Von den fast 900.000 vor 1948 in arabischen Ländern lebenden Juden sind heute nur wenige tausend übrig geblieben, die Mehrheit von ihnen in Marokko und Tunesien. Im mehrheitlich nichtarabischen Iran, wo vor der islamischen Revolution zwischen 100.000 und 150.000 Juden lebten, haben nach der Machtübernahme des Ajatollah-Regimes 1979 über 90 Prozent der jüdischen Minderheit das Land verlassen. Fast 250.000 marokkanische und knapp 100.000 tunesische Juden mussten ihre Länder verlassen, und nahezu alle der 75.000 ägyptischen und der 135 000 irakischen Juden waren nach 1948 zur Flucht gezwungen. Das Gleiche gilt für die 60.000 Juden in Jemen und die 30 000 in Syrien. In Algerien und Libyen, deren jüdische Gemeinden vor 1948 140.000 beziehungsweise 38.000 Mitglieder zählten, finden sich heute überhaupt keine Juden mehr. "

Welt-Autor Thomas Schmid geht in einem gründlichen, in seinem Blog veröffentlichten Essay der Frage nach, ob der Völkermord an den Herero eine Vorstufe zum Holocaust sei, eine These, die etwa vom Historiker Jürgen Zimmerer und den Adepten des Postkolonialismus verfochten wird, und die umgekehrt den Holocaust um Epiphänomen im kolonialen Kontext macht. Mit solchen konstruierten Kontinuitäten wird man keinem dieser Ereignisse gerecht, so Schmid: "Der Völkermord an den Herero war singulär. Es wäre eine böswillige Verharmlosung, in ihm eine bloße Episode, einen Einzelfall oder gar einen reichspolitischen Lapsus zu sehen. Falsch wäre es aber auch, ihn nur als Fallbeispiel einer durchgängigen, zielgerichteten deutschen Gewaltgeschichte zu verstehen. Auch wenn man ihn nicht zum Probelauf für den Holocaust modelliert, bleibt er entsetzlich genug."
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Stichwörter: Holodomor

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2022 - Geschichte

Das Gedenken in Deutschland ist ritualisiert, vor allem aber "germanozentrisch", schreibt Michael Wolffsohn auf der "Gegenwart"-Seite in der FAZ. Er fordert, die enge Kollaboration zwischen Islamisten und den Nazis mit in das Gedenken einzubeziehen, um auch bei der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund, eine Auseinandersetzung zu provozieren: "Das alles ist eigentlich nicht nur dem kleinen Kreis von Fachleuten bekannt. Es wird jedoch aus Angst oder Opportunismus selten benannt. Deshalb ist es der breiten Öffentlichkeit unbekannt. Unbekannt, weil unbenannt - und auch von Fachleuten ebenfalls aus Opportunismus oder Angst um die eigene Karriere, unerwähnt. Die logische Folge: Viele Muslime in Deutschland und Europa halten die Auseinandersetzung mit Weltkriegen und Holocaust für ein Problem der Altdeutschen und ihrer Nachfahren, bar jeder Gegenwartsbezogenheit für Millionen muslimischer Neudeutscher."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2022 - Geschichte

Mit dem russischen Angriff hat in der Ukraine auch ein geschichtspolitisches Umdenken eingesetzt, bemerkt der Historiker Hubertus Knabe in der FAZ. Endlich, seufzt er, werden die sowjetischen Denkmäler abgerissen: "Dabei pflegte das Land lange Zeit einen weitgehend unkritischen Umgang mit der Vergangenheit. Während in anderen ehemaligen Ostblock-Staaten reihenweise kommunistische Straßennamen beseitigt wurden, ehrten in der Ukraine weiterhin Tausende Lenin-Straßen den Mann, der das Land der Sowjetunion einverleibt hatte. Im Unterschied zum Baltikum, wo schon bald nach der Unabhängigkeit nach ehemaligen KGB-Mitarbeitern gefahndet wurde und die ersten Okkupationsmuseen entstanden, spielte die Aufarbeitung der siebzigjährigen Sowjetdiktatur in der Ukraine kaum eine Rolle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2022 - Geschichte

Vor hundert Jahren wurde das Grab des Tutanchamun geöffnet. Philipp Theison fragt sich in der FAZ, warum die Mumie bis heute Gänsehaut erzeugt. Die Ägyptomanie gab es doch schon im 19. Jahrhundert und der Fluch nach dem Tod des ersten Grabkammer-Entdeckers war eine Erfindung von Journalisten. "Und doch: Die Vorstellung einer Heimsuchung der archäologischen Moderne durch die von ihr freigelegte Vorwelt haftet an dieser Graböffnung als eine unabweisbare Erzählung". Wenn also die Gothic Novel der Romantik schuld daran ist, dass aus einer Mumie ein Monster wurde und bis heute geblieben ist, dann müsse man sich wieder damit beschäftigen, "was die Kammer des Tutanchamun neben Thron, Totenmaske und abgestorbenem, doch niemals gänzlich verwestem Gewebe noch in sich schloss: die Ahnung, dass die Entdecker hier zugleich die Entdeckten waren - und dass die Zivilisation, die sie in diese Gräber führte, den Keim zu ihrem eigenen Untergang dabei schon in sich trug".
Stichwörter: Tutanchamun

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2022 - Geschichte

Kilian Kirchgeßner erinnert in der Jüdischen Allgemeinen an die Slánský-Prozesse vor genau siebzig Jahren in der Tschechoslowakei. Sie markieren die antisemitische Wende der unter Stalins Einfluss stehenden Regimes direkt nach dem Krieg. Kirchgeßner zitiert einen der wenigen Angeklagten, die den Prozess überlebten: "'Um zu beweisen, dass sie gute Freunde der Araber sind, mussten sie sich als Antisemiten legitimieren', schrieb viel später Eugen Löbl... 'Seit dieser Zeit ist Antisemitismus ein Teil der sowjetischen Außenpolitik geworden. Und der Hintergrund dessen ist, Fuß zu fassen im Nahen Osten, um dadurch einen viel größeren Druck auszuüben auf den Westen und gegen Amerika.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2022 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Jan Gerber an den Slánský-Prozess vor siebzig Jahren, den größten Schauprozess der Nachkriegszeit in der Sowjetunion, bei dem Rudolf Slánský, der frühere Generalsekretär der Kommunistischen Partei, und dreizehn weitere hohe Funktionäre des Staatsapparats der Tschechoslowakei beschuldigt wurden, westliche Spione und Agenten zu sein. Aufsehen erregte der Prozess auch wegen seines "offen antisemitischen Chrarakters", erinnert Gerber: Elf der vierzehn Hauptangeklagten kamen aus jüdischen Familien. "Der weltpolitische Hintergrund des Prozesses war die sowjetische Umorientierung im Nahen Osten. Moskau und Prag hatten die Gründung Israels zunächst unterstützt. Der Unabhängigkeitskrieg wurde 1948 mit Waffen gewonnen, die aus der Tschechoslowakei kamen. Israel sollte zu einem prosowjetischen Vorposten im Nahen Osten ausgebaut werden. Spätestens als sich der jüdische Staat während des Koreakriegs zaghaft auf den Westen zubewegte, veränderte sich diese Politik. Die Sowjetunion wandte sich von Israel ab und den arabischen Staaten zu. Dieser Kurswechsel wurde im gesamten Ostblock von der berüchtigten Kampagne gegen 'Kosmopolitismus und Zionismus' begleitet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2022 - Geschichte

Eugen Ruge warnte vor eine Woche, nicht die Russen als verantwortlich für den Stalinismus und später für den Ukraine-Krieg anzusehen (unser Resümee). Man solle keine nationalen Schemata über das Geschehen legen. Gerd Koenen widersprach schon (unser Resümee). Heute schreibt der Historiker Martin Schulze Wessel, dass die Russen selbst diesen Nationalismus produzierten. Ja, der Holodomor war kein Ereignis, das nur die Ukraine betraf, räumt er gegenüber Ruge ein. "Nur ist das Narrativ der allgemein sowjetischen Hungerkatastrophe aus ukrainischer Sicht nicht die ganze Geschichte. Denn der von Stalin ausgelöste Hunger wurde im Falle der Ukraine willentlich verschärft, um vermutetem Widerstand zuvorzukommen - eine konstruierte Geschichte, ähnlich der Rechtfertigung des Terrors gegen die sowjetischen Polen. Gleichzeitig mit der Beschlagnahmung von Getreide auf dem Land verhaftete die Sowjetmacht in den Städten ukrainische Schriftsteller und Künstler, die in ihrer Sprache schrieben und ihre Nationalkultur pflegten. Auch hier setzte der Stalinismus russische Traditionen fort."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2022 - Geschichte

Der Osteuropaforscher Benno Ennker erkennt in einem Essay für die Gegenwart-Seite der FAZ zwar Bezüge zum Faschismus im Putinismus, allerdings fehlen ihm auch zentrale Elemente wie etwa die Mobilisierung nach innen. Viel stärker scheinen ihm Bezüge zum Stalinismus, der sich in dem von Putin verteidigten Hitler-Stalin allerdings auch mit dem Faschismus verbündete. Auch personell gebe es zum Stalinismus naturgemäß die größten  Verknüpfungen: Die Eliten seien "mit einer Vielzahl von Fäden mit der einst von Stalin geschaffenen sowjetischen Nomenklatura verbunden, wie in entsprechenden Untersuchungen wiederholt festgestellt wurde. Unter Berücksichtigung der elterlichen Herkunft machen Nomenklatura-Abkömmlinge selbst 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion einen Anteil von 60 Prozent in der politischen Elite aus, wie eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung von Maria Snegovaya ergab."

In der SZ macht Sonja Zekri ihrem Unbehagen über Timothy Snyders sehr aktive Unterstützung der Ukraine Luft. Ist das noch Wissenschaft, fragt sie? Verdreht der Historiker Snyder nicht auch ganz schön Fakten? Sie wirft ihm insbesondere vor, die Geschichte der Ukraine zu verklären und den Stalinismus mehr oder weniger mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen: So spreche er vom Holodomor als "spezifisch ukrainisches Ereignis" ohne zu erwähnen, dass Kasachen und Wolga-Bauern ebenfalls ausgehungert wurden. Und er spreche fast immer von sowjetischen "Konzentrationslagern", nicht vom Gulag. "Regelrecht verstörend aber wird es, wo er die Kollaboration mit den deutschen Besatzern bei der Ermordung der jüdischen Bevölkerung behandelt. Es ist eines der schmerzhaftesten Kapitel der ukrainischen Geschichte, denn ohne ukrainische - baltische, polnische - Helfer hätten die Nazis die Shoah schwerer durchführen können. Snyder geht den umgekehrten Weg. Er spielt die Kollaboration herunter, beschreibt sie als Folge einer Täuschung durch die Nazis, die den Ukrainern einredeten, alle Juden seien Kommunisten und alle Kommunisten Juden, oder als erzwungen und alternativlos. Dass es in der Ukraine - wie in vielen Staaten Osteuropas und wie in Europa insgesamt - einen virulenten Antisemitismus gab, dass viele Ukrainer ideologische Gründe für die Teilnahme am Holocaust hatten, erwähnt er nicht."