9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2018 - Geschichte

Markus Wehner erinnert in der FAZ an die Gründung der DKP vor fünfzig Jahren, die im Zeichen der Entspannungspolitik als Ersatz für die einst verbotene KPD zugelassen wurde. Sie kam zwar bei Bundestagswahlen nie auf mehr als 0,3 Prozent, war aber nicht ohne Einfluss: "In der Honecker-Ära erhielt die DKP rund 70 Millionen D-Mark im Jahr aus Ost-Berlin; Ende der achtziger Jahre unterhielt sie einen Apparat mit 500 hauptamtlichen Funktionären."
Stichwörter: Kommunismus, DKP

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2018 - Geschichte

Paul Ingendaay folgte für die FAZ einem Streitgespräch zwischen dem ehemaligen RAF-Anwalt Christian Ströbele und dem ehemaligen Stammheimer Haftrichter Klaus Pflieger: "In der Sache hatte Ströbele dem Hauptargument des schwäbischen Juristen nichts entgegenzusetzen: Der Rechtsstaat musste zeigen, dass es sich bei den deutschen Terroristen nicht um verblendete Träumer, sondern um Straftäter handelte."
Stichwörter: RAF, Ströbele, Christian

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2018 - Geschichte

Der Historiker Götz Aly besucht für die Berliner Zeitung mit seinem 11-jährigen Enkel und dessen Freund die neue Dauerausstellung zur Berliner Geschichte im Märkischen Museum Berlin: "Am meisten beeindruckte sie das von der Königlich Preußischen Eisengießerei hergestellte Schachspiel ('total cool'). Dem siebenminütigen Bericht von Paul Koby darüber, wie er 1933 im Columbia-Haus am Tempelhofer Feld gefangen gehalten und gefoltert wurde, folgten die zwei gebannt. Vor den Trümmerfrauen verharrten sie, um das Gespräch sofort auf Syrien zu lenken. ('Berlin sah damals auch wie ein Schrotthaufen aus.') Statt der von der Museumsleitung vorgesehenen Zeit 'Berlingeschichte in einer Stunde' brauchten wir zwei Stunden. Mein Angebot im Café zu pausieren, lehnten die beiden Elfjährigen ab. Donnerwetter - tadellos!"

Weitere Artikel: Emmanuel Macron will erstmals den kostbaren, fast 1000 Jahre alten Teppich von Bayeux für eine Ausstellung nach England reisen lassen, ein Politikum, meint Martina Meister in der Welt. Arno Widmann vertieft sich für die FR in das Berliner Uni-Abgangszeugnis von Karl Marx von 1841, das wieder im Archiv der Humboldt-Universität liegt. Und in der SZ stellt Lothar Müller das von der Alexander-von-Humboldt- Stiftung geförderte internationale Projekt "Geschichte der Psychoanalyse in Polen im deutsch-polnisch-jüdischen Kulturkontext 1900-2015" vor: Die Forschergruppe tagte gerade in Berlin, unter dem Titel "Psychoanalyse im Schatten von Krieg und Holocaust. Deutsche - Juden- Polen", und "es zeigte sich, dass sich wie in Westdeutschland 1968 die Psychoanalyse im Polen der Gegenwart nicht darauf beschränkt, eine Behandlungstechnik zu sein. Sie verbündet sich mit der kritischen Gesellschaftstheorie und Geschichtswissenschaft."
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Stichwörter: Humboldt Universität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2018 - Geschichte

Im Freitext auf Zeitonline erzählt die ungarische Schriftstellerin Noemi Kiss von dem unheimlichen Totenkult um Stalin in Georgien, den sie bei einem Besuch eines Museums in Stalins Geburtsstadt Gori erlebt hat: "Tatsächlich ist abscheulich, was uns an Stalin-Verehrung im Museum begegnet. Kein Wort über seine blutigen Taten. Stattdessen Zeugnisse seiner Kindergedichte. Zwischen gut und böse wird hier kein Unterschied gemacht. Später sagt der Verkäufer im Lebensmittelladen, man würde immer noch fürchten, dass Stalin zurückkäme, deshalb das Museum. Außerdem sei es eben so mit dem Toten: Man sagt nichts Schlechtes über sie. Das Museum ist beängstigend idyllisch, unheimlich und furchtbar. Ein Kult der Domestikation, der Gänsehaut bereitet, umso mehr, wenn man in der Bukowina die Grabsteine der verhungerten Ukrainer und Ukrainerinnen gesehen hat. Millionen sind gestorben, auch russische Soldaten. Die Ukraine ist stumm in Georgien, darüber wird kein Wort verloren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2018 - Geschichte

Im Tagesspiegel erzählt die Historikerin Anna Hajkova die Geschichte des in Auschwitz ermordeten Zionisten Fredy Hirsch und des Arztes Jan Mautner, deren schwule Beziehung bis heute von NS-Überlebenden verschwiegen wird, da sie als "ehrenrührig" gelte: "Womöglich verschwand Hirschs große Liebe auch deswegen aus der allgemeinen Erinnerung, weil die Häftlingsgesellschaft vielfach homophobe Vorurteile produzierte, die sich bis heute in den Überlebendenberichten und somit auch in der Geschichtsschreibung zu den KZs widerspiegeln. Eines der seit jeher tiefsitzendsten homofeindlichen Ressentiments ist der Vorwurf der vermeintlichen Pädophilie aller Homosexuellen. Anschuldigen, er habe sich zu Jungen hingezogen gefühlt, trafen auch Fredy Hirsch. Manche Überlebenden erinnerten sich gar, Hirsch habe sie begrapscht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2018 - Geschichte

Immer wenn die Bundesrepublik symbolisch bedeutsam werden will, delegiert sie die Organisation der Zeremonie an die Kirchen, so auch jetzt eine Rückgabe von Gebeinen der im Kolonialismus ermordeten Herero und Nama. Der  Herero-Aktivist Israel Kaunatjike begrüßt im Interview mit Elisabeth Kimmerle von der taz die Rückgabe - aber nicht die Zeremonie: "Ich verstehe nicht, warum die Zeremonie in der Kirche stattfindet. Die Menschen, deren Gebeine hierher gebracht wurden, waren keine Christen. Sie sind ermordet worden, und die Kirche war involviert. Ich persönlich bin dafür, dass die Restitution im Bundestag stattfindet und sich die Bundesrepublik sofort entschuldigt. Wir NGOs bleiben draußen vor der Kirche, weil wir finden, dass es nicht respektvoll ist, diese Zeremonie in der Kirche stattfinden zu lassen." Kimmerle berichtet in einem zweiten Artikel von der Rückgabe.

Der Historiker Jost Dülffer hat lange über die deutschen Geheimdienste geforscht und in diesem Jahr ein Buch über die "Organisation Gehlen" veröffentlicht, wie der BND in den sechziger Jahren nach seinem Leiter Reinhard Gehlen, der schon für die Nazis spioniert hatte, genannt wurde. Im Interview mit der FR spricht er über die Rolle des Geheimdienstes in den 60er Jahren unter Adenauer, Nazis beim BND und die Rolle der Medien: "Gehlen hatte eine Reihe von 'Spezis', Journalisten seines Vertrauens, denen er von Zeit zu Zeit vermeintliche Sensationsgeschichten zur Veröffentlichung lieferte. Im Gegenzug standen dann Elogen über den BND und seinen Chef in den Blättern." Zu diesen Spezis gehörte die Springer Presse, Marion Gräfin Dönhoff von der Zeit und: "Bei meinen Recherchen bin ich auch auf ein Detail gestoßen, das Sie bei der FR besonders interessieren dürfte: Der schon erwähnte BND-Oberst Adolf Wicht pflegte eigene Kontakte zum FR-Gründungsherausgeber Karl Gerold, der bei vielen im Ruch eines Kommunistenfreunds stand. Wicht zeigte ihm allerhand Material, das Gerold interessant fand. Und auch wenn er - wie er Wicht bedeutete - nicht direkt mit dem BND zu tun haben wollte, wurde Gerold so doch zu einer Art Sympathisant, der sich gern auch mal nach Pullach in die BND-Zentrale einladen ließ. Sie sehen daran, wie die Gehlensche Landschaftspflege funktionierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2018 - Geschichte

Noch immer dient in Spanien Francos Grab in El Valle als monströser Schrein des Faschismus. Spaniens neuer sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez hat jetzt angekündigt, die Anlage in ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus umzugestalten. Für Omar G. Encarnación im Blog der NYRB ist der Schritt überfällig, bisher habe Spanien viel zu wenig getan, um die Franco-Diktatur aufzuarbeiten: "Im Gegensatz zu anderen Demokratien gab es in Spanien keine juristische Aufarbeitung des Franco-Regimes. Es gab keine strafrechtliche Verfolgung nach Art der Nürnberger Prozesse, bei denen die Spitzen des Nationalsozialismus zum Tode verurteilt wurden, oder nach Art der Militärtribunale in Argentinien, die erfolgreich die Architekten des schmutzigen Krieges zu lebenslanger Haft verurteilten. Spanien hat keine Durchleuchtung vorgenommen, um die mit dem autoritären Regime Verbundenen aus den öffentlichen Ämtern zu entfernen wie es das benachbarte Portugal im Falle der Salazar-Diktatur tat, und es hat keine Kommissionen zu Wahrheit und Versöhnung organisiert wie Südafrika, mit denen die Sünden der Apartheid festgehalten wurden. Kein Wunder, dass Spanien mehrmals von der UN kritisiert wurde, weil es internationale Normen verletzte, wie Staaten mit Menschenrechtsverletzungen in großen Stil umgehen sollen, und weil es nicht genug für die Opfer des Bürgerkriegs tat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2018 - Geschichte

Schützenhilfe in einer ganz anderen Sache bekommt die katholische Kirche indes von dem kanadischen Anthropologen Joseph Henrich, schreibt Markus Schär in der NZZ. Henrich stellt die These auf, dass das katholische "Ehe- und Familienprogramm" seit der Spätantike dazubeitrug, dass sich die Menschen nicht weiter inzestuös in Stämmen oder Clans mit ihren nächsten Verwandten organisierten, sondern durch das Inzestverbot auf Individualität setzten und "vertrauensvoll mit Fremden" zusammenarbeiteten: "Nach der Trennung von der östlich orthodoxen packte die westlich katholische Kirche eine Obsession mit diesem Problem: Von den siebzehn Synoden zwischen 511 und 627 verschärften dreizehn die Heiratsregeln immer weiter; im Jahr 1003 verbat schließlich König Heinrich II. im Heiligen Römischen Reich die Ehe bis hin zu Cousins sechsten Grades - also mit einem gemeinsamen Vorfahren unter ihren je 128 Urururururgroßeltern! 'Man durfte nicht mehr in der Familie, musste aber einen anderen Christen heiraten', stellt Joseph Henrich fest. 'Darum gibt es in Westeuropa keine Stämme.'"

Der tschechische Staatspräsident Milos Zeman möchte lieber nicht über den Prager Frühling reden, berichtet Frank Herold im Tagesspiegel. Er wolle Putin nicht verärgern, glauben seine Kritiker, so Herold weiter. Und auch "die tschechischen Schulen tun faktisch nichts, um den Prager Frühling in der Erinnerung zu halten. Erschreckend sind die Ergebnisse einer Umfrage, die die Organisation Post Bellum im Frühsommer unter 18- bis 65-Jährigen durchführte. Rund die Hälfte der Befragten konnte mit dem Prager Frühling nicht mehr viel anfangen. Ein Viertel konnte gar nicht mehr sagen, was vor der Invasion gewesen war."

Hannes Stein empfiehlt bei den Salonkolumnisten einen kleinen Band über Heinrich Böll 1968 in Prag - aus Zufall war Böll in den entscheidenen Tagen in der CSSR. Die Ereignisse prägten ihn und ließen ihn für den Rest seines Lebens mit den Dissidenten solidarisch sein: "Ein paar Wochen vor Böll war beispielsweise der Westberliner Studentenführer Rudi Dutschke nach Prag gereist, um seinen erstaunten tschechischen Kommilitonen in herrischer Diktion mitzuteilen, dass 'die repräsentative Demokratie westlichen Musters keine Alternative zur Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei' sei. Eine Überheblichkeit, vor der Böll, der skrupulöse Beobachter, gefeit war. Mehr noch: Sofort macht er sich Gedanken, welche konkrete Hilfe er leisten könnte."

"Big History" ist das neue große Ding in der Geschichtsforschung, schreibt Claudia Mäder in der NZZ mit Blick auf Bücher von Yuval Noah Harari Emmanuel Todd oder David Christian, die bis ins All oder mindestens in die Steinzeit ausgreifen, um die Menschheit zu verorten. Abgesehen davon, dass Mäder den Studien wissenschaftlich wenig abgewinnen kann, versucht sie deren Erfolg zu erklären: "Mit der fortschreitenden Globalisierung und der Abwendung vom Nationalstaat rückten in den letzten Jahrzehnten zunächst transnational gefasste Welt-, Verflechtungs- und Transfergeschichten vor - immer mehr Geschichtsbücher untersuchten immer größere geografische Räume. Heute nun, da künstliche Intelligenzen durch jede Diskussion geistern und Maschinen den Menschen zu entthronen drohen, sofern sich dieser zusammen mit seiner natürlichen Umwelt nicht vorher in den Abgrund reitet - in dieser allenthalben alarmistisch beschworenen Situation also dehnen findige Historiker nebst dem Raum auch die Zeit ihrer Untersuchungen aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2018 - Geschichte

Die taz bringt ein ganzes Dossier zum Prager Aufstand, der heute vor 50 Jahren von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde. Prag mit seiner politischen und kulturellen Aufbruchstimmung war für die Ostdeutschen, was Paris in dieser Zeit für die Westdeutschen war, erzählt der Bürgerrechtler Wolfgang Templin. Als sowjetische Soldaten in Tschechien einmarschierten und die Hoffnung auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" begruben, kam es in der DDR damals zu "keinen Massenprotesten, aber zu vielen individuellen Aktionen mit Losungen auf Häusern und Brücken, mit Flugblättern. Mein eigenes Beispiel zeigt, wie zeitverschoben die Wirkung der Prager Lektion sein konnte. Ich stand emotional auf der Seite der Reformer. Dennoch ließ ich mich zunächst von den offiziellen Propagandalügen einwickeln, die eine aus dem Westen gesteuerte Konterrevolution behaupteten, der man Einhalt gebieten müsse. Erst Jahre später begriff ich..."

Viel schlimmer noch reagierte die westeuropäische Linke: Ihre Solidarität galt den einmarschierenden Sowjets, schreibt Jan Feddersen. Oder sie schwieg einfach. Einen liberalen ostdeutschen Staat wollte man auf gar keinen Fall: "Generell dominierte in den Zentren der Achtundsechzigerbewegung der Protest gegen den Vietnamkrieg, gegen den Kapitalismus, für den die USA das Symbol waren und sind: Kein öffentliches Zeichen aus der Studentenbewegung heraus wider die militärische Zerstörung von Freiheit durch die Warschauer-Pakt-Staaten konnte es mit den Protesten gegen die USA und ihren Krieg in Südostasien aufnehmen. Das Leiden am realen Sozialismus fand kein Interesse in linken Kreisen, Bücher wie Manès Sperbers 'Wie eine Träne im Ozean' waren seitens der sozialistischen Kaderschaft der Achtundsechzigerszene als antikommunistische Literatur ignoriert, auf alle Fälle als rechts und reaktionär begriffen worden."

Umso größer - wenigstens im Rückblick - die Courage einzelner russischer Aktivisten wie Pawel Litwinow, die in Moskau ein Zeichen der Solidarität mit den aufbegehrenden Tschechen wagten. "Mir war es wichtig, dass die Tschechoslowakei einen Weg gehen kann, den sie selbst wählt" erklärt Litwinow, der für seine Aktion mit fünf Jahren Verbannung bestraft wurde, im Interview mit der taz. "Und wenn man dort einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz will, dann ist es nicht unser Recht, sich in diesen Weg einzumischen. Irgendwann mal war ich überzeugter Kommunist, doch 1968 fühlte ich mich schon eher als Liberaler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2018 - Geschichte

Bei den Salonkolumnisten erinnert Hannes Stein an die Geschichte der Eugenik in den USA, die ihren Gipfel mit einem Urteil des Supreme Courts erreichte, der die Zwangssterilisaton einer armen und angeblich behinderten Weißen für rechtens erklärte. Richter Oliver Wendell "war ein fanatischer Eugeniker und sprach in einem Privatbrief anno 1921 sogar davon, dass Kleinkinder, die 'den Test nicht bestehen', getötet werden sollten. Infolge des Grundsatzurteils von 1927 wurden danach 70.000 Amerikaner zwangssterilisiert - die meisten von ihnen arme, weiße Südstaatler. Schwarze wurden zwar auch Opfer dieser Form der Misshandlung - allerdings gab es kein Interesse, ihre Rasse (wie es später im Nazijargon hieß) 'aufzunorden'. Sie sollten einfach von den Weißen ferngehalten werden."