Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2002. "Wohin treibt das Feuilleton?", fragt in der FAZ ein gewisser... Jürgen Trittin. Die FAZ begleitete Günter Grass in den Jemen und bringt uns auf den Stand des dortigen Literaturschaffens. Die taz beklagt Ressentiments gegen den Islam. In der SZ bekämpft Joachim Kaiser die "AntiBildungsbürger-Attitüde".

FAZ, 23.12.2002

Die Frage ist ja interessant, aber ist der Autor wirklich qualifiziert? "Wohin treibt das Feuilleton?", fragt ausgerechnet... Jürgen Trittin. Der Hintergrund ist bekannt: Prof. Dr. Arnulf Baring rief das deutsche Bürgertum vor einigen Wochen auf die Barrikaden. Einige Grüne hatten sich über diesen Aufruf mokiert. Frank Schirrmacher machte daraufhin sehr deutlich: Wer sich über einen FAZ-Artikel mokiert, hat seine welthistorische Mission verspielt. Und nun Trittin: "Seit es den FAZ-Feuilletonisten so geht wie dem taz-Redakteur seit Jahren - Schreiben unter der akuten Bedrohung der eigenen beruflichen Existenz -, verhält er sich so, wie es ihm der tumbe Georg Gafron zum Ende der Berliner Seiten prophezeite. Die Zeit des 'rechts leben und links schreiben' ist vorbei. Die nächste von der Vorstandsetage der Hellerhofstraße verordnete Personaleinsparung vor Augen, wird in nackter Angst nun rechts geschrieben." In einem Jahr fragen wir dann: Wohin treibt das Dosenpfand?

Im gereizten Ton geht es weiter auf der Medienseite, wo Frank Schirrmacher der Wirtschaftswoche vorwirft, in einem Artikel falsche Zahlen über die Gehälter seiner Untergebenen verbreitet und die darauf fällige Gegendarstellung als "unbedeutsam" bezeichnet zu haben: "Die neue Skrupellosigkeit eines seinen eigenen Analysefähigkeiten nicht mehr trauenden Wirtschaftsmagazins besteht in der Erfindung, die gar nicht mehr leugnet, dass sie pure Erfindung ist, sondern im schillernden Röckchen auf dem Laufsteg Pirouetten dreht: Seht, so schön können wir lügen."

Frank Schirrmacher ist heute überhaupt sehr aktiv. In Hubertus Volmers' Kolumne Die Buchmacher verweisen wir auch auf ein ausführliches Interview mit Schirrmacher zur Lage des Feuilletons aus dem Buchreport-Magazin. Da kündigt er auch eine Art halbamtlichen Perlentaucher an.

Jordan Mejias resümiert erste Reaktionen auf die neuen Entwürfe zu Ground Zero: "Die Kritiker der großen amerikanischen Zeitungen sind über das visionäre Flair der Modelle, die dem saftlosen Banausentum des vergangenen Sommers keine Chance geben, zunächst einmal entzückt." Mejias zietiert die New York Times (hier), die Washington Post (hier und hier), die Chicago Tribune (hier), den Professor Rybczinski (hier), aber auch Urbanisten: "'Nichts davon wird gebaut', prophezeite bereits Charles A. Gargano, Chef der Empire State Development Corporation." Der Markt verlange zur Zeit nicht nach neuer Bürofläche.

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier feiert Andrea Breths Inszenierung der Emilio Galotti am Wiener Akademietheater: "Jedes Wort fällt scharf wie eine Rasierklinge in Öl auf eine Szene von heute." Dietmar Polaczek berichtet über Zensur an einem politischen Theaterstück in Italien. Von "zerp" erfahren wir, dass das Pubikum für Modelleisenbahnen älter wird - der Durchschnittskäufer ist über fünfzig. Paul Ingendaay schreibt zum Tod des spanischen Dichters Jose Hierro.

Auf der letzten Seite stellt Gadi Taub das Middle East Research Institute vor, das Zeitungsartikel aus der islamischen Welt übersetzt und im Netz (hier und hier) veröffentlicht. Alxandra Kemmerer porträtiert "Blairs Guru" Robert Cooper. Und Andreas Rossmann berichtet über einen Streit in der baden-württembergischen CDU zu den Bauplänen des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe. Auf der Medienseite meditiert Peter Kloeppel, der für seine kompetente Miene berühmte Nachrichtenmoderator von RTL, über 50 Jahre Tagesschau: "Die Sendung will kein S-Klasse Mercedes sein, sie hat eher etwas Opel-Bodenständiges." (Selbst seine Metaphorik holt er sich aus den Werbeunterbrechungen!) Ferner wird ein Quiz zu 50 Jahren deutschem Fernsehen präsentiert.

Besprochen werden Thomas Bernhards "Fest für Boris" am Berliner Ensemble, der Episodenfilm "Ten Minutes Older", eine Ausstellung über den späten Matisse in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, das zweite Monaco Dance Forum.

NZZ, 23.12.2002

Angela Schader erzählt heute ausführlich von ihrer Reise zum deutsch-arbischen Dichtertreffen im Jemen. Die Anwesenheit von Günter Grass habe einiges bewirkt, resümiert Schader. "Fernsehen und Pressevertreter waren fast durchweg präsent und trugen die Gespräche und Debatten - allerdings mit Auslassungen und Wertungen, welche besonders brisante Punkte kaschierten - an die Öffentlichkeit." Sie sprach mit Abd al-Aziz al-Muqalih, der als Vorsteher des jemenitischen Studien- und Forschungszentrums das Treffen mitorganisiert hat, über die "literarische Topografie Jemens" und die Gründe für die noch unterentwickelte Schreibkultur im Jemen: "In der erzählenden Prosa, und insbesondere bei den schreibenden Frauen, sei die Kurzgeschichte besser vertreten als der Roman - nicht zuletzt, weil vielen jungen Literaturschaffenden die materielle Grundlage und wohl auch Hoffnung und Selbstvertrauen fehlten, um sich auf ein mehrere Jahre in Anspruch nehmendes Schreibprojekt einzulassen." Schader hätte sich gerne mehr mit den jemenitischen Autorinnen unterhalten, dazu kam es aber nur selten und wenn, dann meistens im großen Kreis. "Eine jemenitische Schriftstellerin befürwortete beispielsweise das Zur-Sprache-Bringen der Sexualität als Signal gesellschaftlicher und moralischer Entwicklung, verwahrte sich aber gegen das Abrutschen in Pornographie: Mit seinem exzessiven Ausleben des Sexus habe der Westen 'zwar den Körper befreit, aber die Seele eingesperrt.'"

Weitere Artikel: Gustav Siebenmann schreibt einen Nachruf auf den spanischen Dichter Jose Hierro (mehr hier). Klaus Bartels erklärt die "weihnachtlichen" Inschriften auf den Obelisken Roms und verweist auf sein Buch "Roms sprechende Steine". Lilo Weber beschreibt den Aufruhr, den ein Bild der Schweizer Fotokünstlerin Annelies Strba in Großbritannien verursacht hat. Das Bild "Sonja im Bad", ausgestellt in der Londoner Galerie Rhodes + Mann, zeigt die nackte Tochter der Künstlerin. Romana Hollenstein lässt noch einmal die "Himmelsstürmer" Revue passieren, die vergangenen Mittwoch als mögliche Nachfolger für die Zwillingsturme in New York vorgestellt wurden. Hanno Helbling stellt das neue Auditorium in Rom vor, das nach 16 Jahren Bauzeit ab, am Donnerstag der Presse vorgestellt wurde.

Außerdem meldet die NZZ den Fund eines alten Tempels auf der griechischen Insel Kithnos und die Preisträger der Nijinski Awards 2002, vergeben vom Monaco Dance Forum für Tanz, Choreographie und Produktion. Notiert wird, dass die Berliner Architekten Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton das Museum der Sammlung Brandhorst in München bauen werden (die Entwürfe sehen sie hier).

Besprochen wird die Aufführung von Lessings "Emilia Galotti" im Wiener Akademietheater.

TAZ, 23.12.2002

Das vergangene Jahr war das Jahr des Ressentiments gegenüber dem Islam, stellen Edith Kresta und Eberhard Seidel auf der interkulturellen Seite fest. In ihren "Betrachtungen zu einem Gefühl" schreiben Kresta und Seidel: "Eine angstfreie Debatte über das Unbehagen an der Entwicklung der multikulturellen Gesellschaft darf das persönliche Ressentiment nicht von Beginn an denunzieren. Das Ressentiment muss gesagt und gesehen werden, denn es ist ein Seismograph dafür, wo Konfliktlinien verlaufen, Ängste sitzen. Es gefährdet jedoch die Grundlagen einer zivilen Gesellschaft, wenn sich die Debatte auf der Ebene der persönlichen Emotion verfängt. Angst ist ein schlechter Ratgeber." Und sie könne zur Waffe werden, wie es der Islamwissenschaftler Navid Kermani beschreibe: "Ist das Ressentiment erst einmal als politische Waffe eingeführt, ist es eine bloße Frage des Kalküls, auf wen man sie richtet."

Dazu gibt es auch ein Gespräch mit dem Psychoanalytiker Jürgen Körner, der sich mit Edith Kresta über Ressentiments, Fremdenangst und political correctness unterhält: "Wer von sich sagt, ich habe keine Ressentiments, der lügt."

Weitere Artikel: Daniel Bohse stellt die Webseite "antworten.de" vor, das skurrile Internet-Projekt des Berliner Medienkünstlers Holger Friese, bei dem in digitalen Räumen durch Interaktivität Kunst entsehen soll. Katrin Bettina Müller findet, dass der junge Bühnenautor Martin Heckmanns immer mehr seinen Figuren gleicht. Detlef Kuhlbrodt ergeht sich in Flipper-Nostalgie.

Auf der Medienseite porträtiert Jutta Heess die Hörfilmproduzentin Martina Wiemers, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Blinden und Sehbehinderten die Welt des Films zu eröffnen. Außerdem wird gemeldet, dass Jan-Eric Peters die Nachfolge von Wolfgang Weimer als Chefredakteur der "Welt" antritt.Besprochen wird das "fette" Berliner Konzert der Hamburger Hip-Hop-Crew Deichkind.

Und schließlich TOM.
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FR, 23.12.2002

Im Zusammenhang mit den aktuellen Wahlbetrugsvorwürfen, überlegt Dieter Rulff, ob und wie die Politik mit der Lüge umzugehen hat. Ginge es nach Kant, dann gäbe es kein "Recht zur Lüge", denn der Mensch dürfe seine Mitmenschen nicht täuschen. Doch für Rulff stellt die Frage sich letztlich anders: "Wollte der Wähler die volle Wahrheit über den Zustand der Nation tatsächlich wissen und, nebenbei gefragt, welche ihrer Versprechen hätte die Opposition in diesem Lichte noch aufrecht erhalten können, ohne nicht selbst am Pranger zu stehen?"

Weitere Artikel: Times mager spricht in Buchtiteln und das klingt so: "1000 gute Gründe, warum es schön ist, nicht mehr 20 zu sein (Knaur). Fünf vor dreißig. Es gibt ein Leben nach dem 30. Geburtstag (Piper). Fettfalle 40 (Knaur). Frauen über fünfzig (Gerstenberg)". Kurz gemeldet wird der Tod des spanischen Lyrikers Jose Hierro.

Auf der Medienseite berichtet Thomas Roser, dass der polnische Radiosender "Radio Maryja" sogar dem Papst zu reaktionär ist, und dass die Amtskirche nun die Gläubigen aufgefordert hat, eher "Radio Jozef" zu hören. Harald Keller gratuliert dem deutschen Fernsehen zu seinem - etwas geflunkerten - fünfzigsten Geburtstag. Gemeldet wird, dass Jan-Eric Peters (früher Max und Hamburger Morgenpost) neuer Chefredakteur der "Welt" wird. Schließlich erfahren wir kurz, dass der Prozess gegen den Nazi-Kollaborateur Maurice Papon nicht im französischen Fernsehen aufgerollt werden darf.

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" am Wiener Akademietheater und Guntrams Brattias Frankfurter Sommergeplauder-Version von Abi Morgans Stück "Tiny Dynamite".

SZ, 23.12.2002

Nicht einmal mehr geschmäht, sondern höchstens belächelt werde der Bildungbürger heutzutage, notiert Joachim Kaiser, der die antibildungsbürgerliche Attitüde nahezu selbstmörderisch findet. Er versucht also zu retten, was noch zu retten ist: "Beim Beiwort 'bürgerlich' klingt längst unaustilgbar etwas durchaus Mäßiges, Enges, Abgestandenes, Reinlich-Armseliges mit. Nach Revolutionen möchte man die Bildungs-Ideale der zuvor führenden Schichten abwerten." Das wäre laut Kaiser schweres Unrecht. Denn: "Gerade die existentielle Differenz zu derartiger historisierender Stoffhuberei beglaubigt nicht bloß die Berechtigung, sondern die elementare Ursache, die Notwendigkeit bildungsbürgerlicher Beharrlichkeit." Soso.

Aus Rom jubiliert Henning Klüver über die Eröffnung des "Santa Cecilia"-Auditoriums: "Die Erwartung war groß, der Eindruck ist überwältigend. Fritz Göttler macht sich Sorgen um das seelische Wohlergehen der New Yorker, die an einem einzigen Wochenende drei blutige Filmstarts erleben mussten. In der Kolumne stellt "holi" fest, dass die Amerikaner in der Lage sind, sogar aus Flugangst eine regelrechte Industrie zu machen. Knuth Hornbogen berichtet über den Design-Erfolg des Akkuschraubers. "Ijo" schreibt zum Tod des spanischen Dichters Jose Hierro und Henning Klüver verfasst einen Nachruf auf den italienischen Goldschmied Gio Pomodoro. Schließlich beklagt Wolfgang Schieder, dass die neue italienische Kulturpolitik schon auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde, ehe sie richtig abheben konnte hat.

Auf der Medienseite ist der dritte Teil der SZ-Serie über die "Vorbilder des Journalismus" Siegfried Jacobsohn gewidmet. Außerdem wird gemeldet, dass Jan-Eric Peters Chefredakteur der "Welt" wird.

Besprochen werden Andrea Breths Wiener Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti", Arpad Schillings Inszenierung von Wenedikt Jerojefews "Walpurgisnacht" an der Berliner Schaubühne, Noel Cowards "Blithe Spirits" am Schauspielhaus Zürich, Bellinis "Norma" in der Basler Inszenierung von Robert Schuster, die Bruce-Nauman-Ausstellung "Mapping The Studio" im Basler Museum für Gegenwartskunst, die Münchner Uraufführung von Hosokawas Weihnachtskantate, das "Male"-Konzert in Düsseldorf, und Bücher, darunter zwei Bücher über Schinkel, Churchills Reden, ein Band über den Komponisten Heiner Goebbels, Friedhelm Kemps Studie zum Sonnett und zwei Hörbücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).