Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.12.2001. In der SZ erklärt Susan Sontag, warum Fotografien über den Krieg doch nicht abstumpfen. Die FR schwärmt ausgiebig von Kanzler Schröders Attributen. Die FAZ stöhnt über Schlingensiefs Affenzauber. Die taz befasst sich mit Kathrin Rögglas Buch "Real ground zero".

NZZ, 24.12.2001

Das"Homeschooling" findet in den USA immer mehr Anhänger, berichtet Susanne Ostwald: "Nur in 10 der 50 Teilstaaten müssen die Eltern mindestens einen Highschool-Abschluss vorweisen können, und in lediglich 29 Staaten ist es erforderlich, dass die Kinder sich regelmäßig standardisierten Prüfungen unterziehen. Anfänglich eine Initiative konservativer Christen, die ohnehin eine starke Tendenz zeigen, sich aus der amerikanischen Gesellschaft und ihren Einrichtungen zurückzuziehen, hat die Idee des 'Homeschooling' in den letzten Jahren eine immer breitere Anhängerschaft gefunden - insbesondere seit der Zunahme von Amokläufen wie an der Columbine High School und erst recht nach den Anschlägen vom 11. September, die das Sicherheitsgefühl der Amerikaner im Mark erschüttert haben."
Weiteres: Martin Krumbholz porträtiert den Schriftsteller Norbert Niemann. Kerstin Stremmel gratuliert Louise Bourgeois zum Neunzigsten, und Max Nyffeler schreibt zum 70. Geburtstag von Maurizio Kagel. Besprochen werden ein Ballettabend in Zürich, Offenbachs "Schöne Helena" in Zürich und einige Bücher, darunter eine Neuerscheinung des Philosophen Alfred North Whitehead. (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

NZZ, 24.12.2001

kommt gleich.

SZ, 24.12.2001

Ein schönes Feuilleton heute in der SZ. So ist ein Essay von Susan Sontag über Krieg und Fotografie zu lesen, in dem sie eine These ihres Bandes "On Photography" revidiert, dass nämlich Fotografie einen abstumpfenden Effekt habe: "Eine Hölle zu benennen ist selbstverständlich nicht gleichbedeutend mit einer Anleitung, wie man Menschen aus dieser Hölle befreien, wie man die Flammen dieser Hölle erträglicher machen kann. Dennoch behaupte ich, dass es etwas Gutes ist, unsere Sinne zu schärfen für das Leid, das durch die menschliche Bösartigkeit in die Welt kommt, die wir mit anderen teilen. Und dass jemand, der ständig aufs Neue überrascht ist, dass Verderbtheit existiert, der sich immer wieder desillusioniert fühlt, wenn er mit Beweisen dafür konfontiert wird, was Menschen anderen Menschen anzutun fähig sind, dass diese Person weder moralisch noch psychologisch erwachsen ist. Niemand hat ab einem gewissen Alter einen Anspruch auf diese Art von Unschuld, auf diesen Grad der Ignoranz."

Joachim Kaiser wettert gegen geistige Temperamentlosigkeit im deutschen Kulturraum und fordert mehr Passion: " Es war folgenreich falsch, hier zu Lande alle unbedingte geistige Hingabe-Bereitschaft ersticken zu lassen, wie ein ausbrennendes Kaminfeuer. Man muss sich auch mal auf Leben und Tod zu identifizieren wagen!"

Weiteres: Hermann Unterstöger bilanziert schon einmal das zu Ende gehende europäische Jahr der Sprachen, das seiner Meinung nach die Rituale der innerdeutschen Sprachdiskussion nicht ernsthaft erschüttern konnte. Burkhard Müller würdigt das angeblich Lieblingstier der Deutschen, den Elch. Thomas Steinfeld erinnert an den verstorbenen Schriftsteller und Politiker Leopold Sedar Senghor. Gratulationen gehen an den Klang-Experimentator Mauricio Kagel, die Bildhauerin Louise Bourgeois und den Übersetzer Christian Enzensberger.

Besprechungen widmen sich dem Stück "Supermarket" der serbischen Autorin Biljana Srbljanovic im Münchner Haus der Kunst sowie Christoph Schlingensiefs Inszenierung "Rosebud" an der Berliner Volksbühne. Und Büchern: Jochen Missfeldts Roman "Gespiegelter Himmel", Lucian Hölschers Atlas zur "religiösen Geografie" sowie das Alte Testament in verschiedenen Hörbüchern (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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FR, 24.12.2001

Ursula März hat sich den Kanzler noch einmal genau angesehen und ist begeistert. Nicht nur von seinen "einfach vollkommenen" Händen, sondern auch von seiner seiner bemerkenswerten Beziehung zu Attributen: "Ob Zigarre, Brille, Anzug, Papiere, Ehering oder - in symbolischer Weise - die Ehefrau: Schröders Attribute fallen in einer Weise auf, die man von kaum einem anderen Politiker kennt. Es ist, abstrakt gesagt, ein körpersprachliches Verhältnis aus stilistischer Perfektion und, was man erst beim längeren Hinschauen zu erkennen glaubt, einer merkwürdigen semantischen Indifferenz. Wenn Helmut Schmidt seine Zigaretten rauchte, war klar, dass es hier um die Geschichte der Sucht mit allem Drum und Dran, um psychische Unausweichlichkeit, Vertilgung und funktionales Gebaren, aber keinesfalls um habituelle Schönheit geht."

In weiteren Artikeln beschreibt Autor Feridun Zaimoglu das Dilemma der Muselmanen zur Jahresendzeit ("Was tun?"), Peter Iden verabschiedet Jean-Christophe Amann vom Frankfurter Museum für Moderne Kunst, und Hans-Klaus Jungheinrich gratuliert dem Komponisten Mauricio Kagel zum 70 Geburtstag.

Besprochen werden eine Ausstellung über die "Brücke in Dresden" im Dresdner Schloss, das Stück "Supermarket" der Belgrader Autorin Biljana Srbljanovic im Münchner Haus der Kunst, Christoph Schlingensiefs neue Inszenierung "Rosebud" in der Berliner Volksbühne, sowie die Uraufführung von Thomas Oberenders "Selbstportraits. 48 Details" in Bochum. Und das Buch "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen" von Siha Shakih (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 24.12.2001

In der taz heute nur das nötigste: Dirk Knipphals widmet sich der Vorgeschichte von Kathrin Rögglas viel gelobtem Buch "really ground zero" aus der Perspektive seines Schreibtisches. Ihr erster Bericht aus Manhattan erreichte die taz als Mail mit einem Begleitschreiben, aus dem Knipphals zitiert: "anbei mein text, es ist der erste text, den ich, ohne schmäh, mit sauerstoffmaske geschrieben habe . . . ich habe eine nacht schon nicht geschlafen und jetzt ist wohl die zweite dran (in der houston street, neben meiner wohnung ist jetzt das aufmarschgebiet der rescues: polizei, trucks, emergencies etc. man kriegt echt paranoia). na gut, ich hör schon auf, arme taz-menschen zu belabern . . ."

Weitere Artikel: Jutta Koether begibt sich auf "Andys Spuren in New York", Christiane Kühl bespricht Christoph Schlingensiefs Stück "Rosebud" in Berlin. Außerdem lässt uns die taz an General Norman Schwarzkopfs Erinnerungen an Weihnachten 1990 mit den US-Trupppen am Golf teilhaben.

Schließlich Tom.

FAZ, 24.12.2001

Na ja, es weihnachtet halt. Roland Kany macht sich die entsprechenden Gedanken: "Die Weihnachtsgeschichte handelt von einem singulären Fall. Denn nach christlicher Überzeugung spielt Gott nicht den Jesus, wie Jupiter in die Rolle des Amphitryon schlüpft. Gott bleibt ganz und gar er selbst, aber in einem Zugleich, zu dem es keine Parallele in der Menschheitsgeschichte geben kann..." Usw. Wen's interessiert, der kann zusätzlich noch die Geschichte des Lieds "Es ist ein Ros entsprungen" lesen, die Michael Gassmann auf der letzten Seite erzählt. 
Stichwörter: Weihnachtsgeschichte