9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Gewaltvolle Zustände

15.05.2023. "Es ist niederschmetternd": Welt-Autor Deniz Yücel klingt in einem ersten Kommentar zu den türkischen Wahlen verzweifelt: Erdogan scheint zu gewinnen und wird sich nach dem zweiten Wahlgang womöglich noch mehr mit rechtsextremen und islamistischen Parteien verbünden. Zwei Autoren machen sich völlig unterschiedliche Gedanken über die Erosion der Fakten: Alain Finkielkraut fürchtet in der Welt ein Zeitalter der "Austauschbarkeit der Individuen". Peter Pomerantsev fragt im Observer, warum Autokraten, die die Wahrheit einst fürchteten, heute ihre Lügen stolz und offen verkünden. Aber er hofft auf ein Gegenmittel: die juristische Sanktion.

Erhebliches Berichterstattungsinteresse

13.05.2023. Morgen sind Wahlen in der Türkei: Nicht nur die taz macht sich Hoffnungen auf einen Sieg der Opposition - aber sie warnt auch vor Erdogans massivem Machtapparat. In der FAZ ruft die belarussische Autorin Eva Viežnaviec: "In Europa ist 2023 nicht ein Krieg im Gange, es sind zwei", denn auch gegen Belarus führe Putin einen stillen Krieg. Im Merkur-Blog geht Philipp Oswalt der Gesinnung des Stadtschloss-Spenders Ehrhardt Bödecker auf den Grund. In der FR wünscht sich die Soziologin Shalini Randeria eine globale Demokratiebewegung.

Wohl konnte sich niemand fühlen

12.05.2023. In der FAZ geht der Historiker Andreas Kötzing  der Geschichte eines Fotos nach, das in Medien und Schulbüchern als Dokument des Reichstagsbrands galt - und in Wirklichkeit ein Standbild aus einem Defa-Film von 1955 ist. Karl-Markus Gauß erklärt in der SZ, warum Gedenken gerade in dem Moment wichtig wird, in dem es keine überlebenden Opfer mehr gibt. In der Berliner Zeitung rechtfertigt sich Verleger Holger Friedrich für seinen Besuch in der russischen Botschaft. Die FAZ gibt Erdogans Herausforderer Kemal Kilicdaroglu in den türkischen Wahlen recht gute Chancen.

Der Boden ist trocken

11.05.2023. Die Ukrainer sind für Putin schon deshalb Nazis, weil sie nicht zugeben wollen, dass sie Russen sind, sagt der polnische Publizist Piotr Skwieciński in der FAZ. Nicht nur Gerhard Schröder und die üblichen Rinkslechten waren zu Gast beim russischen Botschafter, um zum "Tag des Sieges" anzustoßen, außerdem war ein gewisser Verleger namens Holger Friedrich da, um angelegentlich mit dem russischen Botschafter zu plaudern, berichtet der Tagesspiegel. In der Berliner Zeitung singt unterdessen Kai Diekmann Lobeshymnen auf Schröder und Putin. In der Zeit verteidigt Susanne Schröter sich und andere Teilnehmer ihrer Konferenz gegen Rechtsextremismusvorwürfe von Antirassisten.

Eine gewagte und riskante Siegestheorie

10.05.2023. In Berlin lud gestern die russische Botschaft zum "Tag des Sieges", berichtet die Berliner Zeitung. Gerhard Schröder, Klaus Ernst, Alexander Gauland und Tino Chrupalla feierten in trauter Eintracht. Für einen wirklichen Sieg der Ukraine gibt es nur einen Schlüssel, meint Timothy Garton Ash im Guardian, die Krim. In Zeit online plädiert Christian Bangel dafür, dass wir mehr Flüchtlinge aufnehmen, weil wir für die meisten Fluchtgründe verantwortlich und deshalb zur Hilfe verpflichtet seien. Es gibt keinen Nullpunkt der Geschichte, lernt Harry Nutt in der Berliner Zeitung aus der Diskussion um die Restitution der Benin-Bronzen.

Kontinuierlich negativ

09.05.2023. 40 Prozent der Serben lieben Russland, das wiederum nicht ganz sicher ist, ob es serbische oder sibirische Liebe bekommt, berichtet die taz. In der Berliner Zeitung fragt die Historikerin Susanne Heim, wer eigentlich eine Hierarchisierung historischer Gewaltphänomene wie Holocaust oder Kolonialismus braucht. Im Tagesspiegel fragt Anwalt Peter Raue, warum die Öffentlichkeit unbedingt wissen will, wer die anonymen Spender des Berliner Stadtschlosses sind. In der NZZ kritisiert der Historiker Michael Wolffsohn die Israelfeindlichkeit der Deutschen seit den 68ern.

Der Unterschied zwischen einem Palast und einem Museum

08.05.2023. Nun stellt sich heraus: Nur weil wir die Benin-Bronzen in Nigeria abgeliefert haben, ist der Streit um sie noch längst nicht zu Ende. Macht doch nichts, wenn der Staat Nigeria die Bronzen einfach dem Oba übereignet, findet die SZ. Die FAZ sieht das anders: Der Nachfahr der Benin-Könige wolle auch eine bestimmte Geschichtsversion durchsetzen. Die Grünen finden die Kritik daran laut Welt rückwärtsgewandt. A propos Geschichtsversionen: Die taz bringt ein Dossier zum 8. und 9. Mai. Der Guardian erklärt, warum Putin vor morgen Angst hat. In der SZ beharrt Josef Schuster darauf, dass Israelkritik antisemitisch ist, wenn sie auf eine Auslöschung des jüdischen Staates hinausläuft.

Ein Sieg ist ein Sieg

06.05.2023. Das Krönungsspektakel ist eröffnet: Niemand kann Staatspomp besser als die Briten, tröstet sich Marina Hyde im Guardian, auch nicht die Polen, die im Jahr 2030 einen höheren Lebensstandard haben werden. In der FAZ meldet die Ethnolognin Brigitta Hauser-Schäublin entsetzt, dass Nigeria die Benin-Bronzen dem alten Königshaus überlassen hat. In der NZZ erschauert Irina Rastorgujewa vor der grotesken russischen Wirklichkeit. Die FAZ schildert, wie sich Frankreichs Milliardäre Zeitungen zuschieben und kritische Redakteure vom Hals schaffen. Die taz verabschiedet Vice, das Zentralorgan der Millennials und Hipster, dessen Gonzo-Journalismus auch am Kapitol endete.

Ein laut und deutlich gesprochenes "Stopp!"

05.05.2023. Morgen ist Krönung. Den Medien ist teils feierlich zumute, teils gar nicht. Golem.de empfiehlt: Charles III. sollte sich nicht von den Pixies wecken lassen. Die Welt erzählt, wie Barack Obama gegen ein üppiges Honorar peinliche Fragen umgeht. Anhänger der Cancel Culture bestreiten, dass es sie gibt, heute Hadija Haruna-Oelker in der FR. Ebendort rät Felix Klein von Boykotten ab. In der SZ nimmt der Autor Norbert F. Pötzl Katja Hoyers DDR-Geschichte "Beyond the Wall" auseinander.

Nur eine vermeintliche Stabilität

04.05.2023. Die Zeit berichtet, wie Alexej Nawalny in Putins Gefängnissen gequält wird. Dass sich Gerhard Schröder von Putin derart schmieren ließ, erscheint im nachhinein noch obszöner, meint Joachim Gauck im Tagesspiegel. Mathias Döpfner macht nicht nur als Romanfigur keine gute Figur, auch das Leistungsschutzrecht, das er für die deutschen Zeitungen erkämpfte, lässt laut golem.de zu wünschen übrig. Die NZZ berichtet über die scharfe Diskriminierung von Muslimen in China. Zeit online recherchiert über Viktor Orbans Netzwerke in Deutschland.