9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.05.2023. In der Welt annonciert Michel Houellebecq seine Läuterung, vor allem in Sachen Islam: Es ist vielleicht doch nicht die Religion, die Menschen zu Mördern macht. Die NZZ moniert die Boulevardisierung der Medien durch MeToo. Ebenfalls in der NZZ glaubt Francis Fukuyama, dass die Ukraine nie sicher sein wird, solange Wladimir Putin an der Macht ist. In der taz bemerkt die Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik leichte Differenzen zwischen Russland und China in Bezug auf den Führungsanspruch in der Welt.
26.05.2023. Über die ausgebuhte Claudia Roth gibt es nun doch noch Diskussionen. Wenn sie nach "Weltoffenheit"-Papieren und Documenta ohne ernsthafte Aussage vor die Jugendlichen der "Jewrovision" tritt, muss sie sich nicht wundern, meint Zentralratspräsident Josef Schuster in der Jüdischen Allgemeinen. Sie muss halt zwischen den Ansprüchen der jüdischen Gemeinde und den Gewissheiten der internationalen Kunstszene lavieren, findet Zeit online. Die Deutschen sollen ihr Dekolonisierungstheater aufgeben und nicht jammern, wenn die Nigerianer mit den Benin-Bronzen machen, was sie wollen, meint Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts in der FR. Die FAZ zählt die Reichen in Großbritannien.
25.05.2023. Wenn Erdogan bei den Wahlen in die Bredouille geriet, dann wegen seines Flüchtlingsdeals mit der EU, schreibt Bülent Mumay in seiner jüngsten FAZ-Kolumne. Außerdem geht es auch viel um China: Peter Sloterdijk fragt sich in der Rheinischen Post, wie man die Chinesen davon abbringen kann, vier Milliarden Tonnen Kohle pro Jahr zu verfeuern. Der Tagesspiegel zweifelt, ob die Chinesen zu künstlicher Intelligenz fähig sind.
24.05.2023. SZ und NZZ beugen sich über den Tweet der an einer Polizeihochschule "interkulturelle Kompetenz" lehrenden Dozentin Bahar Aslan, die ihrer Angst vor der Polizei und dem "braunen Dreck" in den Sicherheitsbehörden Ausdruck verlieh. Die FAZ wundert sich, dass Claudia Roth sich wundert, dass sie bei der "Jewrovision" ausgebuht wurde. Die SZ möchte deutschen Erdogan-Fans genauso entschlossen gegenübertreten wie AfD-Anhängern. Frauen hierzulande sollten ihre Opferrolle ablegen, um die Emanzipation zu vollenden, fordert die Philosophin Svenja Flaßpöhler in der NZZ.
23.05.2023. Der Guardian überlegt, warum die Konservativen in Griechenland so erfolgreich sind bei den Wählern, trotz der Proteste in den letzten Monaten. Nie gab es so viel Immigration in Britannien wie nach dem Brexit - jetzt sind nur kaum noch Europäer dabei, stellt der Spectator fest. Die FAZ erzählt, wie der Iran das Kopftuchtragen überwacht. In zehn, zwanzig Jahren könnte es vorbei sein mit Israel, fürchtet in der NZZ Richard C. Schneider.
22.05.2023. In der NZZ erklärt die Theaterwissenschafterin Maryam Palizban, wie das iranische Regime selbst bei exilierten Frauen "immer seine Hand auf unserem Kopf" behält. In der FAZ protestiert der Historiker Dierk Hoffmann gegen den Wessi-Kritiker Dirk Oschmann, der den Begriff "Aufbau Ost" als Nazisprache darstellt. Im Spiegel wehrt sich die Autorin Anna Rabe gegen Katja Hoyers und Oschmanns DDR-Beschönigungen. SZ und Welt fürchten die Apokalypse oder gar Urheberrechtsverletzungen durch KI.
20.05.2023. Die taz erklärt, was Erdoganismus ist: Nationalismus, kombiniert mit Islamismus, und in der Türkei sehr erfolgreich. Asena Günal von der Istanbuler Kulturorganisation Anadolu Kültür erklärt in SZ, was in der zweiten Runde der türkischen Wahlen auf dem Spiel steht. Dass die Benin-Bronzen dem Oba von Benin übergeben werden, ist schon lange bekannt und nicht das eigentliche Problem, behauptet die Welt. "Das Buch taugt nichts", sagt Ilko-Sascha Kowalczuk der FAS über Katja Hoyers "Diesseits der Mauer".
19.05.2023. Der Streit um die Benin-Bronzen geht weiter. Wird schon alles gutgehen, antworten in der FAZ Hermann Parzinger und Barbara Plankensteiner auf die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin, die fürchtet, dass die Bronzen im Palast und der Geschichtsversion des Oba von Benin untergehen. In der NZZ wirft die Kulturhistorikerin Agnieszka Pufelska dem Humboldt Forum vor, den innereuropäischen Kolonialismus Preußens nicht mal wahrzunehmen. Die Zeitungen streiten außerdem über die Chancen einer ukrainischen Sommeroffensive. Und das Erinnern an 1848 in der Paulskirche überzeugte laut FAZ nur zu zwei Dritteln.
17.05.2023. Welt und FAZ beschreiben die Angstkampagne, mit der Erdogan seine Niederlage bei den Wahlen in der Türkei für sich abwenden konnte, wenn auch nicht für seine Partei. Niemand hat so viel Angst vor dem Klimawandel wie die Deutschen und die Oberschicht, notieren die Ruhrbarone mit Blick auf die enorm zahlungskräftigen Unterstützer des "grünen Adels". In der SZ fordert die Ökonomin Charlotte Siegmann, Mitgründerin des Zentrums für KI-Risiken, mehr Regulierung von Künstlicher Intelligenz. Soll man heilige Bücher verbrennen dürfen, fragt hpd. Russland hat einen neuen Helden: den Denunzianten, schreibt Viktor Jerofejew in der FAZ.
16.05.2023. Der Ausgang der türkischen Wahlen ist vor allem auch ein Schlag für Tausende politische Häftlinge des Regimes, deren Hoffnung auf Freilassung nun zerstoben ist, konstatiert die FAZ. Die Türkei ist im Grunde nach rechts gerückt, stellt die SZ fest. Und die Türken in Deutschland sind laut Stern so rechts wie immer schon. Der kenianische Präsident William Ruto äußerte sich laut Voice of Africa erstmals zu den 200 verhungerten Sektenmitgliedern der "Good News International Church". Im Iran sind in diesem Jahr bisher 209 Menschen hingerichtet worden, die deutsche Politik sagt nichts, schreibt Gilda Sahebi in der taz.