9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2023. Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik war wegen ihrer israelkritischen Äußerungen kritisiert worden. Sie verteidigt sich im Spiegel-Gespräch. Die taz unterstützt ihre Position. Fassungslos blickt die FAZ auf das "Geschwurbel" des Berliner-Zeitung-Verlegers Holger Friedrich zum Quellenschutz. Im Tagesspiegel erklärt Sabine Krome vom Rat für deutsche Rechtschreibung: Zu viel Gendern könnte die Sprache beschädigen. Die SZ macht mit Historiker Jürgen Luh klar: Kronprinz Wilhelm war kein Zwerg.
13.07.2023. Wenn Archäologen in der Türkei forschen, sollten sie besser türkische Tabus über den Völkermord an den Armeniern respektieren, berichtet die FAZ - ein amerikanischer Archäologe prangert das Schweigekartell an, ein deutscher verteidigt es. Ahmad Mansour erklärt in der Zeit, warum er Antisemitismus in der Deutschen Welle als Antisemitismus bezeichnet: "Was hätten wir machen sollen? Antisemitismus leugnen?" Holger Friedrich hat sich selbst bei Julian Reichelt eingeschmeichelt, bervor er dessen Informationen an Springer weiterreichte, berichtet die Zeit. Der neue Shooting Star der French Theory ist Däne, heißt Nikolaj Schultz und schreibt über seine Großmutter. Die Zeit porträtiert ihn.
12.07.2023. Die FAZ entdeckt im kanadischen Crawfordsee den Golden Spike, den Ort, an dem der Beginn des Anthropozäns belegt werden kann. Die SZ protokolliert die Twitter-Hatz gegen Ahmad Mansour. Außerdem erinnert die SZ angesichts der Ränkespiele im russischen Militär an die Enthauptung der Roten Armee unter Stalin. Die taz erlebt in Saudi-Arabien, dass die Formel Brot und Spiele auch im modernen Nation-Branding gilt. Die FR präsentiert mit der nordkoreanischen Herrscherschwester Kim Yo-jong die erste nukleare Despotin der Welt.
11.07.2023. Die taz fragt, warum sich der Westen in Srebrenica schon wieder von serbischen Nationalisten auf der Nase herumtanzen lässt. Im Guardian fordert Timothy Garton Ash von der Nato einen Energieschub für die Ukraine. Auf ZeitOnline schildert die Journalistin Sabina Brilo den seit drei Jahren andauernden Raubzug der belarussischen Sicherheitskräfte. In Le Monde rechnet Thomas Piketty vor, wie Banlieue und ländliche Regionen in Frankreich gleichermaßen abgehängt wurden.
10.07.2023. Vor sechzig Jahren erfand Egon Bahr die Formel "Wandel durch Annäherung" - Heinrich August Winkler analysiert in der FAZ ihre Höhen und Tiefen. Auf Twitter tobt ein Streit um die Politologin Muriel Asseburg, die Israels Eingreifen in den besetzten Gebieten mit dem russischen Angriff auf die Ukraine gleichsetzte - wie legitim ist ihre Kritik am angeblichen Einfluss der israelischen Regierung auf Deutschland, fragen FAZ und Zeit online. Richard Herzinger warnt in seinem Blog vor neuen Kriegsgefahren aus Belarus. Im Observer konstatiert Kenan Malik das Versagen sowohl der amerikanischen als auch der französischen Integrationspolitiik.
08.07.2023. Immer verzweifelter klingt Bülent Mumays FAZ-Kolumne - Erdogan verschärft die Repression weiter, nur Deutschland wird profitieren. In der taz nimmt Marcel Lepper noch einmal die rechtsextremen Netzwerke in der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung unter die Lupe. In Unherd fürchtet der der Terrorismusexperte Liam Duffy eine Zunahme islamistischer Terrorakte gegen "Blasphemie". Mena-Watch notiert, dass der französische Bildungsminister vor einem Parlamentsausschuss zu Samuel Paty nicht einmal das Wort "Islamismus" aussprach. Die RBB-Krise soll durch eine ehemalige Regierungssprecherin gelöst werden - die SZ prangert die porösere Membran zwischen Journalismus und PR an.
07.07.2023. In der taz erinnert der tschetschenische Aktivist Abubakar Jangulbajew an die Kriege, mit denen alles anfing: die Kriege gegen Tschetschenien. Die Taliban machen es einem leicht, Afghanistan zu vergessen, schreibt Theresa Breuer ebenfalls in der taz - aber für die afghanischen Frauen haben sie die Hölle geschaffen. In der NZZ sehnt sich Jochen Hörisch nach Philosophen mit Stil. Die SZ resümiert den Streit in der feministischen Organisation "Terre des femmes".
06.07.2023. Die Welt beleuchtet die Machenschaften des "französischen Trump der Medien" Vincent Bolloré. Die taz erzählt die Geschichte des Ryyan Alshebl, der vor acht Jahren als Flüchtling aus Syrien kam und nun Bürgermeister der 2.500-Seelen-Gemeinde Ostelsheim in Schwaben ist. Für die FAZ besucht Ines Geipel den AfD-Landkreis Sonneberg und stellt fest: "Wo das Extrem einst stattfand, ist es unter entsprechendem Druck wieder aufrufbar." Im Tagesspiegel stellt der Neurowissenschaftler Anil Seth die Frage der Fragen: Wird KI ein Bewusstsein entwickeln?
05.07.2023. In der Novaya Gazeta Europe berichtet die Reporterin Elena Milaschina, wie sie und der Anwalt Alexander Nemow in Grosny von einem organisierten Schlägertrupp überfallen wurde. In der SZ ruft Bernard-Henri Lévy das wütende Frankreich auf, dem Wind des Wahnsinns zu widerstehen. In der taz erklärt die Kulturtheoretikerin Catherine Liu die Obsession linker Akademiker mit Kultur und richtigem Sprechen als Folge ihres Angestelltendaseins. Perlentaucher Thierry Chervel erkennt in dem Angriff auf Ahmad Mansour das Muster linker Rufmordkampagnen.
04.07.2023. Russische Manuskripte brennen vielleicht nicht, ukrainische schon, schrieb die getötete Schriftstellerin Victoria Amelina vor einem Jahr. Eurozine bringt noch einmal ihren bitteren Text über die Zerstörung der ukrainischen Kultur. Im Guardian mahnt Amelinas Kollegin Natalja Gumenjuk, die russischen Angriffe auf zivile Ziele in Kramatorsk nicht hinzunehmen: Es sind Kriegsverbrechen. Für den Historiker Martin Schulze Wessel markiert in der FAZ Prigoschins Meuterei den gänzlichen Verfall des Politischen in Russland. In der Welt sieht Slavoj Zizek den französischen Staat allerdings auch ganz schön heruntergekommen.