9punkt - Die Debattenrundschau

Sinnkrise der Gegenwart

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.05.2016. Amerikanische Medien diskutieren erregt über Facebook. Durch die Mobilnutzung gewinnt das soziale Netzwerk eine immer größere Macht über Medien, weist recode.net nach. Gizmodo zeigt zugleich, dass Redakteure bei Facebook bestimmte missliebige "Trending Topics" künstlich niederhalten. Und der Blogger Mathew Ingram beklagt bei Fortune, dass sich die Macht bei Facebook mit Intransparenz paart. In der NZZ denkt Thomas Hürlimann über das Kreuz als literarischen Topos nach. Der Economist findet Antisemitismus in Britannien längst nicht so schlimm wie in Frankreich.

Internet

Tony Haile bringt bei recode.net den ersten Teil einer vierteiligen Serie über die neue Übermacht von Facebook im Medienbusiness - besonders dem amerikanischen. Dieser Aufstieg ist engstens mit einer anderen Revolution im Netz verknüpft: "Facebook ist die Überschrift, aber die treibende Kraft sind die Mobilgeräte. Der mobile Internettraffic der Medien hat 50 Prozent des Gesamttraffics überschritten und nähert sich den 60 und 70 Prozent an. Mobiler Traffic kommt drei- bis viermal häufiger über soziale Medien als Traffic von Computern, und dieser soziale Traffic kommt mit höherer Wahrscheinlichkeit von Facebook als von Twitter. Auf mobilen Geräten heißt Traffic für Medien immer mehr: Facebook."

Dass Facebook dabei nicht immer journalistischen Kriterien folgt, geht aus Michael Nunez' Artikel in Gizmodo hervor, demzufolge Facebook bestimmte "Trending Topics" manipuliert. "Konservative" Nachrichten würden schlecht gestellt - auch Artikel über Facebook selbst würden künstlich heruntergespielt. Mehr Links dazu bei turi2.

Facebook selbst reagierte bereits mit einem bedauernden Statement auf die Manipulationsmeldung. Ungewöhnlich, meint der bekannte Blogger Mathew Ingram in Fortune, denn normalerweise "ignoriert Facebook diese Art Geschichten. Aber das große Problem ist nicht, dass ein paar Redakture die 'Trending Topics' manipulierten. Das Problem liegt darin, dass Redakteure ganz allgemein in sozialen Netzwerken redaktionelle Entscheidungen treffen und dass die Auswirkung dieser Entscheidungen über den News-Algorithmus extrem weitreichende Konsequenzen haben kann, und das, obwohl der Prozess, durch den diese Entscheidungen fallen, ganz und gar undurchsichtig ist."

(Via turi2) Der Adblocker "Adblock Plus", der so vielen Medien zu schaffen macht, ist unterdessen über eine Milliarde mal heruntergeladen worden, berichtet Sarah Perez bei Techcrunch.
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Religion

"Peter Handke sagte in einem Interview, dass der Verkehrskreisel die Sinnkrise der Gegenwart sichtbar mache. Wie recht er hat. Der Kreisel ersetzt eine Kreuzung. Vielleicht muss man das Kreuz aus seiner Abwesenheit erklären", meint der Schriftsteller Thomas Hürlimann, der im Gespräch mit dem Theologen Jan-Heiner Tück über die Verdrängung des Kreuzes aus dem öffentlichen Raum nachdenkt. "Im Jahr 2000 wurde vor der Klosterkirche Einsiedeln meine Fassung von Calderóns Welttheater gespielt. In einem Zwischenspiel hing der Tod am Kreuz. Diese Szene löste eine Kontroverse aus. Der Regisseur Volker Hesse und ich wurden der Blasphemie bezichtigt, und erstaunlicherweise waren gerade aufgeklärte, moderne Katholiken unsere überzeugtesten Gegner. In den Diskussionen merkte ich: Sie lehnten das Kreuz überhaupt ab - teilweise als 'masochistische Phantasie'. Nicht der Karfreitag, Ostern stand für diese Leute im Zentrum ihres Glaubens. Pater Gebhard, der Bibliothekar des Klosters, ein alter, weiser Mönch, hat dann das Bild des gekreuzigten Todes verteidigt. 'Am Kreuz stirbt der Tod', sagte er."
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Ideen

Rene Scheu resümiert in der NZZ zustimmend die Lektüre von Jan-Werner Müller Suhrkamp-Essay "Was ist Populismus?": "Der Populist agiert fundamental apolitisch - er sieht sich nicht als harten Verhandler im demokratischen Prozess, sondern als moralischen Akteur mit Alleinvertretungsanspruch in einer Art neuer Ständegesellschaft. Seine Politik reduziert sich folgerichtig auf Identitätspolitik: Aus der Einheit der geltenden Kultur oder Lebenswelt folgt eine eindeutige Politik, die weder Streit noch Kompromissbereitschaft erfordert. Wer sie nicht teilt, gehört einfach nicht dazu."

Leonhard Dobusch liest bei Netzpolitik Felix Stalders Essay "Kultur der Digitalität". Als eines ihrer Kennzeichnen definiere Stalder Referenzialität, "also die Nutzung bestehenden kulturellen Materials im Rahmen von Praktiken wie Remix, Appropritation, Sampling, Hommage, Parodie, Zitat, Mashup oder transformativer Nutzung. Allen diesen Praktiken ist 'die Erkennbarkeit der Quellen und der freie Umgang mit diesen' gemein... Referenzialität trägt gleichzeitig dazu bei, dass auch das Analoge immer digitaler wird, indem es digital verfügbar gemacht - von Google Books bis hin zur Vorlage für 3D-Druck - und in der Folge auch verwendet/transformiert/rekombiniert wird."

Außerdem: Danilo Scholz porträtiert im Merkur-Blog den französischen Mittelalterhistoriker Patrick Boucheron, der Ende 2015 dem Collège de France beitrat (hier unser Resümee eines Gespräches mit Boucheron, der übrigens auch ein Buch über die Attentate auf Charlie Hebdo vorlegte). In der NZZ berichtet Michael Schefczyk über die Tagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, die unter dem Motto "Heimatlos" stand. Und Urs Hafner liest einen Essay Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften zur Relevanz der Geisteswissenschaften.
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Europa

Antisemitismus in Großbritannien? Zwar häufen sich die Vorfälle besonders in der Labour-Party (unsere Resümees), und die Einstellung vieler britischer Muslime ist in dieser Frage auch nicht sehr entspannt. Aber der Economist muss doch mal einschreiten. "Das britische Bild ist komplex". Und "Britannien bleibt ein viel besserer Ort, um Jude zu sein als Frankreich, wo es schon wesentlich riskanter ist, das Haus mit einer Kippa zu verlassen als jenseits des Kanals. In London ist (anders als in Paris) die Antipathie des alten Establishments gegenüber Juden verschwunden. Während eine Quelle behauptet, dass etwa 5.000 französische Juden in den letzten Jahren nach Britannien gegangen seien, beharrt Jonathan Arkush, Sprecher der jüdischen Members of Parliament, dass es außer Frage stehe, dass Juden Britannien etwa für Israel verlassen." Und was nun den Antisemitismus bei Labour angeht, "muss auch nuanciert werden. Es ist nicht klar, ob der sozialistische Antisemitismus zunimmt oder nur lauter wird". Was natürlich ein Riesenunterschied wäre.

Der Antisemitismus einiger Labour-Politiker ist nicht neu, auch die Linke hat eine Geschichte des Antisemitismus, erklärt Ian Buruma in der Welt.

Regina Mönch prangert in der FAZ Gewalt gegenüber christlichen Flüchtlingen in deutschen Flüchtlingsunterkünften an: "Wie viele Übergriffe, wie viele Verletzte und Verzweifelte braucht es also noch, bis auch hierzulande von allen akzeptiert wird, dass dieser Konflikt zwischen Muslimen und Christen über die unkontrollierten Grenzen zu uns hereingetragen wurde? Ein Konflikt, wohlgemerkt, der viele Flüchtlinge, die keine Muslime sind, in Deutschland genauso bedroht wie in ihrer kriegsverwüsteten Heimat."

Deutschland und die EU lassen sich von der Türkei vorführen. Dazu hätte es nicht kommen müssen, glaubt Deniz Yücel in der Welt: "Nicht Deutschland allein, aber Europa als Ganzes hätte der Türkei sagen können: Ihr habt zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen? Dankeschön. Wir nehmen wenn nötig zehn Millionen auf, aber wir sind Europa, wir lassen uns nicht erpressen. Wäre Frankreich in der Flüchtlingskrise nicht völlig abgetaucht, hätten die beiden Führungsmächte der EU Ungarn, Polen oder Tschechien deutlich machen können, dass sie nicht Gelder aus Brüssel beziehen können, wenn sie nicht dazu bereit sind, eine humanitäre Verantwortung zu übernehmen. Wenn sich Erpressung schon nicht vermeiden lässt, ist die Rolle des Erpressers immer vorteilhafter als die Rolle des Erpressungsopfers. Dass sich die Bundesregierung in Europa durchsetzen kann, hat sie in der Eurokrise bewiesen. Ihre Einsamkeit in der Flüchtlingskrise war auch Folge dieses Auftretens."
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Gesellschaft

In ihrer Kolumne in der New York Times schreibt die Autorin Mona Eltahawy über sexuelle Frustration von Frauen in muslimischen und anderen traditionellen Gesellschaften: "Ich bin eine Ägypterin, eine muslimische Frau, die bis ins Alter von 29 Jahren wartete, bevor sie Sex hatte. Meine Erziehung und mein Glaube hatten mich gelehrt, dass ich vor der Heirat enthaltsam sein müsse. Ich gehorchte, bis ich einsah, dass ich niemand fand, den ich heiraten wollte und ungeduldig wurde. Ich bedaure, dass ich nicht in jüngerem Alter rebellierte und Erfahrungen machte, die mir so viel Freude bringen. Wir bemerken kaum die sexuelle Zwangsjacke, die wir Frauen aufgezwungen haben. Wenn es um Frauen geht, vor allem muslimische Frauen aus dem Nahen Osten, dann beginnt und endet die Debatte immer mit dem Kopftuch. Immer das Kopftuch. Als würden wir nur existieren, um eine Meinung zum Kopftuch zu äußern."
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Stichwörter: Sexualität, Islam, Heirat

Geschichte

Janne Teller, dänische Autorin mit deutsch-österreichischen Eltern, bewundert in der FAZ die Deutschen für ihren Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Obwohl: "Als ich vor ein paar Jahren die x-te Dokumentation über die Frage sah, wie Deutsche der dritten Generation mit den fürchterlichen Taten der Großelterngeneration umgehen - wie unterschiedlich sieben Kinder auf die Hinrichtung ihres Vaters nach den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen reagierten: von Verleugnung bis hin zum Ausschluss aus der Familie -, da war mein erster Gedanke: Das ist zu viel. Keine andere Nation empfindet solche Scham über vergangene Untaten, ganz gleich wie viele Tote zu beklagen waren oder welche fürchterlichen Grausamkeiten ihre Soldaten oder Nationen begangen haben." Seit der Flüchtlingskrise findet sie aber, dass sich die Anerkennung von Schuld und Scham in mehr Menschlichkeit ausgezahlt hat.
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