Efeu - Die Kulturrundschau

Der Tod ist kein sinnloser Lärm

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10.05.2016. Als Pop-Avantgarde des Kinos feiert Ulf Erdmann Ziegler Lukasz Barczyks Film "Spanische Grippe", der zugleich Theater-, Musikgenie-, Kriegs- und Verschwörungsfilm sei. Die NZZ kommt in Zürich dem Verbrechen hinter dem beredten Schweigen in Debussys "Pelléas et Melisande" auf die Spur. Die Welt erliegt in Wolfsburg dem Tanzrausch. Die Popkritik erlebt in dieser Woche die Überwindung der Rockmusik durch Radiohead.

Film


Distribute this: Lukasz Barczyks "Spanische Grippe". Bild: Jacek Piotrowski

Beim polnischen Filmfestival in Berlin hat der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler in der FAZ eine famose, noch bei keinem Verleih untergekommene Entdeckung machen können: Lukasz Barczyks spiritistischer Thriller "Hiszpanka" (zu deutsch: "Die Spanische Grippe") sei ein Filetstück der "Pop-Avantgarde des zeitgenössischen Kinos", für das der Regisseur den Posener Aufstand von 1919 mit der Ästhetik von Steampunk kreuzt - was Ziegler an Regisseure wie Quentin Tarantino, Steve McQueen, Wes Anderson und Lars von Trier denken lässt. Barczyk "überdehnt Archetypisches, bis darin das Komische erscheint. Wie seine westlichen Zeitgenossen - alle sind Regisseur und Drehbuchautor in einem wie zu Zeiten der Nouvelle Vague - parodiert er Genres, reitet einen rasanten Parcours durch kinematographisch verdächtige Topoi. 'Spanische Grippe' ist ein Hotel-, Theater-, Musikgenie-, Kriegs- und Verschwörungsfilm, mit dem immer falschen Kammerspiel der schwarzen Magie in seiner düsteren Mitte. Besser kann man die Paradoxien des zeitgenössischen Polens, provokativ entideologisiert, gar nicht in die europäische politische Landschaft projizieren. Aber Europa hat gerade die Grippe."

Besprochen wird Alex Ross Perrys "Queen of the Earth" (SZ) und die neue Episode von "Game of Thrones" (ZeitOnline).
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Bühne


Pelleas und Melisande in Dmitri Tcherniakovs Inszenierung am Zürcher Opernhaus. Foto: Toni Suter + Tanja Dorendorf.

Magisch und beredt klingt Debussys "Pelléas et Mélisande", eigentlich viel zu schön für das Schreckliche, das Dmitri Tcherniakov in seiner Züricher Inszenierung verhandelt, meint Christian Wildhagen in der NZZ: "Was wäre, so fragt sich der Regisseur Dmitri Tcherniakov bei seiner Produktion am Opernhaus, wenn es Debussy, entgegen landläufiger Meinung, nicht so sehr der üppige Symbolismus, die fließenden Formen und das beredte Raunen in den Versen von Maurice Maeterlinck angetan hätten, als er just zur selben Zeit, im Mai 1893, erstmals dessen enigmatisches Liebesdrama um die zarte Mélisande und Pelléas, den Träumer, auf der Bühne sah? Wenn er vielmehr mit einem an Poe geschulten, geradezu kriminologischen Scharfblick die Indizien erkannt hätte für ein Verbrechen, das sich hinter all dem betörenden Metaphern-Geklingel verbirgt?"


Akram Khans Choreografie "Until the Lions". Foto: Matthias Leitzke.


Einen veritablen Rosenkrieg an der Führungsspitze, aber auch viel Tanzrausch hat Manuel Brug auf dem Wolfsburger Movimentos-Festival erlebt: "Akram Khan, der Londoner Starchoreograf mit indischen Wurzeln, der bereits im Vorfeld mit etwas machohaften Sprüchen über Frauen als Tanzschöpferinnen provoziert hatte, greift in seiner neuesten, von Movimentos koproduzierten Arbeit "Lions" eine Geschichte aus dem Versepos Mahabharata auf und erforscht darin in immer neuen Dreieckbeziehungen Themen wie Geschlechterrollen, Sexualität und die Auswirkungen der Zeit auf den menschlichen Körper. Das ist ziemlich heftig und ist doch immer so intensiv wie hochästhetisch anzusehen."

Auf dem Berliner Theatertreffen hat Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel Ersan Mondtags "Tyrannis" gesehen, eine offenbar prächtig hermetische Verdichtung von Horror-Motiven. Über mangelnde Auftragslage kann sich der Nachwuchsregisseur derzeit nicht beklagen. In Schaper löst das väterlich-sorgenvolle Bedenken aus: "Die Hölle, das kann auch der Erfolg sein. Hoffentlich bewahrt er sich die Ruhe, die Kraft, die in diesem finsteren Lichtspiel liegt."

Weiteres: Für die FAZ besucht Patrick Bahners die Münchner Proben zu Jessica Glauses Flüchtlingsoper "Noah".

Besprochen werden Robert Borgmanns Arthur-Miller-Inszenierung "Tod eines Handlungsreisenden" (FAZ, SZ, Stuttgarter Zeitung und bei den Stuttgarter Nachrichten),
Lily Sykes "Orlando"-Inszenierung in Darmstadt (FR), Christopher Rüpings "Clockwork Orange"-Inszenierung in Frankfurt (FR) und ein "Macbeth" in Mainz (FR).
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Literatur

Das Leben und Schreiben des israelischen Autors Etgar Keret ist reich an Absurditäten, weiß Angela Schader in der NZZ, doch "Die sieben gute Jahre" übertrifft alles": "Paradox mutet schließich die Tatsache an, dass von dem Buch keine hebräische Edition existiert, dafür nebst der englischen Erstausgabe eine deutsche Übersetzung und eine ins Farsi. Aber warum ausgerechnet die beiden Sprachen, die aus israelischer Sicht besonders negativ befrachtet sind?"

Weiteres: Hannes Stein hat in der Welt bereits Don DeLillos neuen Roman "Zero K" gelesen und sieht sich mit einer schrecklichen Vorstellung konfrontiert: "Der Tod ist kein sinnloser Lärm, sondern ein ewiges Gequatsche, Logorrhoe der flüchtigen Gedanken." Für den Freitag spricht Lukas Latz mit der mittlerweile in Berlin lebenden polnischen Schriftstellerin Joanna Bator. Im Tagesspiegel seufzt Gerrit Bartels über den langen Abstieg des einst glorreichen Berlin Verlags. Roman Bucheli berichtet in der NZZ angeregt von den Solothurner Literaturtagen, die er in diesem Har besonders vergnüglich fand.

Besprochen werden ein von Hanns Zischler gelesenes Hörbuch von Graham Greenes "Der dritte Mann" (taz), Science-Fiction-Comics von Philippe Druillet und Héctor Germán Oesterheld (taz), Hans-Ulrich Treichels "Tagesanbruch" (FR), eine Neuübersetzung von Jean Rhys' "Die weite Sargassosee" (Zeit), Rodolphe Töpffers Comicvorläufer "Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois" (Tagesspiegel) und Rachel Cusks "Outline" (FAZ).
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Kunst

Im Standard porträtiert Anne Katrin Fessler den kanadischen Künstler Stan Douglas, der für sein neues Video Joseph Conrads Roman "Der Geheimagent" ins Lissabon von 1975 kurz nach der Nelkenrevolution verlegt hat. Es wird im Salzburger Kunstverein gezeigt. Giacomo Maihofern (Tagesspiegel) und Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) freuen sich, dass die Berlinische Galerie mit dem Sprengel Museum Hannover und der Stiftung Bauhaus Dessau den Nachlass des Fotografen Otto Maximilian Umbehr angekauft hat.

Besprochen werden eine Hubert-Robert-Retrospektive im Louvre (Tagesspiegel), Bruce Munros Installation "Field of Light" am Uluru (FAZ) und die Geta-Brătescu-Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle (SZ).
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Musik

In dieser Woche ist es an Radiohead, das neueste, unangekündigt veröffentlichte Popalbum "A Moon Shaped Pool" auf den Markt zu bringen. Im Tagesspiegel ahnt Kai Müller bereits, dass dieser zuletzt arg beanspruchte PR-Gag bald abgenutzt sein wird. Doch ansonsten jubeln die Kritiker alle über das Comeback der einst wichtigen, dann aber orientierungslos vor sich hindümpelnden Band: "Ganz großes Luna-Theater" bezeugt Christian Bos in der Berliner Zeitung. Sehr feierlich bespricht Torsten Groß in der SZ das Album: Als langjähriges Projekt der Band hat er die Überwindung der Rockmusik ausgemacht. Zuletzt hatte das etwas Knieseliges, doch jetzt wirken Thom Yorke und Radiohead auf souveräne Weise am Ziel angekommen: "Die Frage, was übrig bleibt an musikalischen Möglichkeiten, nachdem man praktisch alles schon mal irgendwie probiert hat und der Weg des Elektronischen keine weiteren Erkenntnisse mehr bringt, haben Radiohead auf vorbildliche Weise beantwortet." Das Video zum Song "Daydreaming" hat im übrigen Paul Thomas Anderson gedreht.

Im Freitag kommentiert Juliane Löffler die Debatten rund um Beyoncés neues Album "Lemonade" - wobei ihr ein besonderes Detail auffällt: "Die Orchestrierung des Gesamtpakets Beyoncé ist beunruhigend. Vor allem für das pop-politisch links stehende Milieu. Denn dort herrscht ein oft gesundes, manchmal aber auch überzeichnetes Misstrauen gegenüber allem, was unter Mainstream-Verdacht steht. Ausnahmen werden da bevorzugt bei Männern gemacht, etwa bei Prince oder David Bowie."

Weiteres: Gillian Moore erinnert im Guardian an das Musikjahr 1976, als nicht nur die Sex Pistols "Anarchy in the UK" herausbrachten, sondern auch Steve Reich "Music for 18 Musicians".

Besprochen werden neue Alben von James Blake (Spex), Dave Harrington Group (Spex) und Konono No. 1 (The Quietus), Konzerte von Matthew Halsall und dem Gondwana Orchestra (Tagesspiegel), Ofrin (taz), Donovan (FAZ) und des Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons (SZ) sowie Susanne Popps Biografie über den Komponisten Max Reger (SZ).
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