9punkt - Die Debattenrundschau

Tatsächlich Menschen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2016. Die Debatte um die angeblich manipulierten "Trending Topics" bei Facebook wird peinlich für Mark Zuckerberg - nun schickt ein Senatsausschuss einen Brief mit Fragen an das Unternehmen, berichtet Gizmodo. In der FR erklärt Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, wie die säkularen Autokraten in muslimischen Ländern den Islamismus erst produzierten. Die NZZ fragt: Wem gehören die Urheberrechte an einem Roboter, der Scarlett Johansson imitiert?

Internet

Wir haben gestern auf einige Artikel über den immer größeren Einfluss Facebooks und über Vorwürfe der Manipulation von "Trending Topics" verwiesen. Facebook hat zwar nicht dementiert, aber sich distanziert, berichtet jetzt Eike Kühl in Zeit online und kommentiert: "Abgesehen von möglichen Einflüssen auf die Nutzer geht es in der aktuellen Debatte darum, dass tatsächlich Menschen die Auswahl der Trending Topics treffen. Das ist verständlich: Vor den Gizmodo-Berichten gab es kaum Einblicke in das System und Facebook hält sich traditionell zurück. Das Unternehmen beruft sich stattdessen gerne auf seine automatisierten Analysen. Und genau dort liegt das Problem."

Ben Thompson von stratechery.com sieht die "tiefe Ironie" der Geschichte woanders: "Facebook wird massiv dafür kritisiert, dass es den News mit dem Algorithmus durch den Einsatz menschlicher Kuratoren eine Tendenz gibt, die man früher dem Algorithmus zuschrieb. Und doch ist es der Algorithmus, der den News-Feed steuert, um Klicks zu erzielen, der entschieden mehr Schaden an unserer Politik anrichtet, als es jeder menschliche Kurator könnte."

In der FAZ meint Ursula Scheer: "Alle Medien wählen aus und gewichten, 'neutral' kann das nie sein. Richtig. Und das ist auch okay, solange klar ist: Hier wird ausgewählt, hier wird ein Angebot gemacht, das nicht so tut, als wäre es das Resultat einer interesselosen maschinellen Kalkulation."

Doch genau in dieser Klarheit liegt die Gefahr: Sie würde Facebook und Co. als Medien ausweisen. Und das wollen die Internet-Konzerne auf keinen Fall, erklärt Christian Meier in der Welt: "Als Medienunternehmen unterlägen sie einer völlig neuen Bewertung nach Kriterien wie beispielsweise journalistische Verantwortung, die sie sich lieber erst gar nicht zu eigen machen wollen."

Der Schaden liegt jedenfalls nicht darin, dass Facebook angeblich konservative Quellen benachteiligte, meint Nilay Patel bei The Verge: "Facebook unterstützt den Parteitag der Republikaner, und Peter Thiel, Board member von Facebook, ist ein Trump-Delegierter, auch wenn Mark Zuckerberg bei einer Entwicklerkonferenz kritische Anmerkungen über Trump machte. All diese Dinge geben mehr Auskunft über das Verhältnis zwischen Facebook und konservativen Medien als die 'Trending News Box', die ohnehin ein wenig beachteter Müll ist."

Und doch ist die Sache peinlich für Mark Zuckerberg. Das US Senate Commerce Committee, das in Medien- und Verbraucherfragen zu ständig ist, hat jetzt einen Brief mit Fragen an Zuckerberg gesandt, berichtet Michael Nunez, dessen Techblog Gizmodo das Thema aufgebracht hatte.
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Urheberrecht

Der Hongkonger Designer Ricky Ma hat mithilfe eines 3-D-Druckers einen Roboter kreiert, Mark 1, der in Aussehen, Gestik, Mimik und Stimme die Schauspielerin Scarlett Johansson imitiert. Das wirft für Adrian Lobe in der NZZ knifflige Fragen des Urheberrechts auf: "Es wäre mithin zu klären, ob Mark 1 eine Kunstfigur ist, die das Verhalten von Scarlett Johansson persifliert. Oder ob es sich um ein Artefakt handelt, welches das Original so stark imitiert, dass man eher von einem veritablen Abziehbild sprechen müsste. Wie echt darf ein Roboter sein? Was wäre, wenn ein Roboterhersteller ganz legal das Gesicht von Scarlett Johansen lizenzierte und einen Roboter wie Mark 1 tausendfach reproduzierte und als persönlichen Assistenten einsetzte? Oder gar als Sexroboter? Die Möglichkeit der totalen Reproduzierbarkeit führt zu ganz neuen Fragen nach der Identität und sozialen Konstruktion der Persönlichkeit. Ethiker fordern daher, dass der Roboternutzung Grenzen gezogen werden und man - handkehrum - Robotern auch gewisse Rechte konzedieren müsse."

Wenn man sich Mark 1 hier anguckt, kommen einem diese Überlegungen nicht mehr so theoretisch vor:


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Europa

Seit Jahren recherchierte der Times-Reporter Andrew Norfolk zum Missbrauch von Mädchen in nordenglischen Städten durch Banden meist pakistanischer Herkunft, erzählt Stefanie Bolzen in einem Porträt Norfolks für die Welt: "Dann kam der 5. Januar 2011, und die Times erschien mit einer Schlagzeile auf dem Titel, die einen nationalen Aufschrei auslösen sollte: 'Enthüllt: Kartell des Schweigens deckt Sexgangs in Großbritannien. Mehrheit der verurteilten Täter pakistanischer Herkunft. Junge Mädchen im Norden und in den Midlands missbraucht.' Seit 1997 waren in 13 Städten der Region 56 Männer verurteilt worden - 50 von ihnen waren Muslime, in ihrer Mehrheit pakistanischer Herkunft." Seitdem sind noch mehr Fälle dokumentiert worden. Die Öffentlichkeit war nicht so interessiert: "Die Behörden schauten nicht nur weg, sie versuchten jede Aufklärung zu verhindern, gingen sogar juristisch gegen die Times vor." Rund 1.400 Mädchen wurden im Untersuchungszeitraum 1997 bis 2013 sexuell missbraucht.

Morgen wird der Befreiung der Sklaven gedacht. In Libération schreibt Louis-Georges Tin, der afroamerikanische Menschen in Frankreich repräsentieren will: "Die Debatte ist alt. Sklaven haben immer zweierlei gefordert: Freiheit und Gerechtigkeit. Die Freiheit haben sie errungen. Der Kampf für Gerechtigkeit dauert an. Sie wird 'Reparation' genannt, denn es gibt keine Gerechtigkeit ohne Enschädigungen. Seit Jahrhunderten wird diese edle Sachen von Persönlichkeiten wie Condorcet, Lincoln, Martin Luther King, Malcolm X, Aimé Césaire, Franz Fanon, Desmond Tutu, Wole Soyinka, Christiane Taubira und vielen anderen unterstützt."
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Ideen

In einem sehr interessanten Interview mit der FR beleuchtet der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze die historische Entwicklung des radikalen Islam. Wie er zum Beispiel in Ländern entstehen konnte, die nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst eine Modernisierung und liberale Entwicklung angestrebt hatten. Doch gerade die Modernisierungsprogramme wurden zu einem großen Problem, meint Schulze, "da letztlich die Eliten sich eine soziale Rolle zugewiesen hatten, die man definieren kann als Ingenieure der Gesellschaft. Sie glaubten, wenn sie die staatliche Macht etwa durch einen Putsch kontrollierten, dass sie dann die Instrumente in der Hand hielten, die Gesellschaft zu modernisieren. Aber das bedeutete, dass die Gesellschaft nur noch das Objekt des Staates war und nicht mehr das Subjekt. Also bestimmte nicht mehr die Gesellschaft den Staat, sondern der Staat die Gesellschaft. Und weiter ergab sich das Grundproblem, dass Menschen, die in den 50er und 60er Jahren sozialisiert wurden, nicht mehr durch die Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen integriert worden waren."
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Überwachung

Im Gespräch mit Emily Bell von der Columbia Journalism Review zieht Edward Snowden eine optimistische Bilanz über seine Enthüllungen: "Ich bin verblüfft, welchen Effekt sie hatten, viel mehr als ich ursprünglich vermutete. Ich bin ja berühmt dafür, dass ich Alan Rusbridger zu Anfang ankündigte, dass das eine Dreitage-Story würde. Es gibt diese Idee, dass es den Leuten egal sei oder dass sich nichts geändert habe. Das haben wir hier und dort gehört, aber ich denke, die Dinge haben sich sehr wohl nachhaltig verändert."
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Politik

Die NZZ präsentiert ein sehr beeindruckendes Foto-Tabelau des Fotografen Sadegh Souri, der in iranischen Jugendgefängnissen fotografieren konnte. Der Iran ist das Land, das die meisten Jugendlichen hinrichtet - sie müssen manchmal Jahre auf ihre Hinrichtung warten, die erst vollzogen wird, wenn sie 18 werden, eine Konzession an das internationale Publikum. Unter anderem zeigt die NZZ das Porträt einer 16-Jährigen: "Nach der Begleitnotiz zu schließen, die Sadegh Souri neben sein beklemmend schönes Porträt stellte, ist sie eine Heldin. Sicherheitsleute verschafften sich Zugang zu ihrem Haus, als das Mädchen allein war; sie fanden große Mengen Rauschgift und führten Sogand ab. Ja, sagte die Halbwüchsige, das Zeug gehöre ihr: Sie wollte ihren Vater, den tatsächlichen Besitzer der Drogen, vor Verhaftung und Tod bewahren."

"Nicht Syrien hat sich demokratisiert, sondern die Welt hat sich syrianisiert", sagt der syrische Oppositionelle Yassin al-Haj Saleh im Gespräch mit Hala Kodmani in Libération. Auf den Trümmern des Krieges will er eine neue Republik errichten. Für die Gewalt des Islamischen Staats macht er den Westen mit verantwortlich: "Ich sehe drei Gründe, um diesen islamischen Nihilismus zu erklären. Zunächst das Ausmaß der Gewalt des Regimes von Baschar al-Assad bei der Niederschlagung des Volksaufstands. Zweitens die Abwesenheit einer äußeren Unterstützung der Revolution oder eines Schutzes gegen diese extreme Gewalt, etwa in Form von Flugverbotszonen. Drittens in der Unfähigkeit der syrischen Opposition, eine kollektive Vision und ein glaubhaftes Projekt zu entwickeln. Folge war ein totaler Vertrauensverlust. Und sobald die Menschen nicht mehr zählen, bleibt nur noch Gott."

Drei brasilianische Autoren, Rafael Cardoso, João Paulo Cuenca und Katherine Funke schreiben in der SZ über die geplante Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff. Funke macht ihre Zerrissenheit bei dem Thema sehr deutlich: "Ich bin für keine der beiden Seiten. Brasilien wird vom Geld der Mächtigen regiert. Dilma Rousseffs Arbeiterpartei hat sich so korrumpiert, dass sie meine Vergebung nicht mehr verdient. Aber ich lehne diesen Putsch ab, der von der höchsten richterlichen Instanz und den brasilianischen Gesetzen legitimiert wird. Ja, ich glaube, dass das Amtsenthebungsverfahren ein Putsch ist. Viele Regierende in Brasilien oder auch anderswo haben Steuertricks angewendet. Dilma Rousseff hat nur eine gängige Masche wiederholt."
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